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VORSPANN In der Ferne stieg eine Rauchsäule auf. Dick und schwarz quollen die Wolken aus den zwei Turbodieseln im Motorenraum. Orangerot schlugen die Flammen vor dem immer dunkler werdenden blauen Horizont nach oben und verrieten mir, dass das Feuer um sich griff. Wenn die Hitze die Tanks erreichte, würden sie die millionenschwere Jacht in tausend Stücke reißen und die Einzelteile auf den Grund des Meeres schleudern. Ich drehte das Steuerrad meines Konsolenboots hart nach Steuerbord und rammte den Gashebel nach vorn. Der Wind hatte aufgefrischt. Die knapp einen Meter hohen Wellen trugen weiße Wellenkämme. Ich fuhr die Trimmklappen nach unten, um das Heck höher aus dem Wasser zu bringen, und der Boston Whaler schoss auf das sinkende Schiff zu. Nach weniger als drei Minuten erreichte ich mein Ziel. Die 75-Meter-Jacht »Gone to Market« hatte Schlagseite nach Lee und trieb im Wasser. Gut hundert Einschusslöcher im Hinterschiff erklärten, wieso sie Ruder und Motor verloren hatte. Und wieso es an Deck brannte. Sie sagten mir aber auch, dass Fingers es an Bord geschafft hatte. Wellen schlugen über dem Bug zusammen. Wasser drang in die Kombüse und Gästequartiere ein. Das Heck stand bereits in der Luft, der Bug füllte sich mit Wasser und die Bugspitze deu7


tete gefährlich tief in Richtung Atlantikboden. Ob nun durch die Explosion oder das eindringende Wasser verursacht , die »Gone to Market« war kurz vorm Untergang. Ich fuhr mit dem Whaler ans Heck und legte an der Badeplattform an. Dann warf ich eine Leine vom Bug locker über einen Handlauf und sprang aufs Hauptdeck, wo ich in der Lounge auf drei Leichen mit mehreren Einschusswunden stieß. Ich stieg die Wendeltreppe zum Brückendeck hinauf. Zwei weitere Leichen lagen dort. Keine Spur von Fingers. Ich trat die Tür zum Schiffsbüro auf, stolperte über eine weitere Leiche und rannte zur Brücke, wo mich eine Welle salzigen Wassers überraschte, die durch die zerborstene Frontscheibe krachte. Wer hier gewesen war, den hatten die Wellen schon hinausgespült. Ich stieg zum Oberdeck und stürzte in die Lounge. Victors Frau lag unnatürlich verrenkt auf dem Boden. Sie wies drei Schusswunden auf. Fingers hatte sie also zuerst erwischt. Aber das Magazin der Waffe in ihrer Hand war leer. Das war nicht gut. Ich riss eine Axt von der Wand und schlug mir den Weg durch die Tür aus Mahagoni zu Victors Privatkajüte frei. Victor, ebenfalls drei Mal von Kugeln getroffen, lag mit gebrochenem Genick auf der Erde. Ein Hinweis darauf, dass er unter Schmerzen den Weg ins Jenseits angetreten hatte. Das Schiff neigte sich mit einem Ruck nach vorn. Es war kurz vorm Kentern. Ich hatte nur noch wenige Augenblicke Zeit, um Fingers und die Mädchen zu finden und von diesem Ding herunterzukommen, bevor es uns mit sich in die Tiefe zog oder in tausend Stücke zerriss. Ich sprang die Treppen herunter und wandte mich nach achtern zum Motorraum, aber er stand unter Wasser. Also watete ich durch hüfttiefes Wasser in die Kabinen der Crew, vorbei an Victors Gebetsschrein zum Ankerraum, wo sich das Wasser bereits rot gefärbt hatte. Und dort fand ich schließlich Fingers. Eigentlich hörte ich ihn, bevor ich ihn sah. Seinen gurgelnden Atem. Als ich um die Ecke kam, grinste er schief, aber das La8


chen war ihm vergangen. Er hielt seine Sig Sauer in der Hand, hatte aber nicht mehr die Kraft, um sie anzuheben, auch wenn das Magazin leer war. Ich legte den Arm um seinen Kopf und zog ihn in Richtung Treppe, aber er zeigte auf die Tür des Ankerraums. »Da ...«, mehr konnte er nicht sagen. Wasser drang durch den Türschlitz. Ich zog am Riegel, doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Ich watete zurück in den Motorraum, schwamm auf die andere Seite, immer darauf bedacht, möglichst nicht den giftigen und in den Augen brennenden Qualm einzuatmen, nahm ein Brecheisen von der Wand und kehrte zum Ankerraum zurück. Dort klemmte ich die Spitze in die Türmechanik und zog. Meine Beine nutzte ich als Hebel. Hinter mir hörte ich Gelächter. »Mehr hast du nicht drauf?« Fingers röchelte und spuckte Blut. »Du musst ziehen … fester!« Also zog ich mit aller Kraft, die einst auch in Fingers gesteckt hatte. Als der Wasserdruck von innen und meine Hebelkraft das Schloss endlich knackten, sprang die Tür auf und presste mich und Fingers so lange gegen die Wand, bis sich das Wasser verteilt hatte. Ich hörte gedämpfte Schreie. Fingers zeigte auf die Sauerstoffflasche direkt hinter der Tür. Daneben hingen verschiedene Gewichte und Ausrüstungsgegenstände, darunter auch ein Unterwasserscheinwerfer. Ich warf kurz einen Blick auf den Atemregler, schob die Arme durch die Tragegurte der Tauchflasche, schaltete den Scheinwerfer ein und schwamm die Treppe in den dunklen Schiffsbauch hinunter. Ich fand sieben völlig verängstigte Mädchen, eng aneinandergedrängt, in einer fast verbrauchten Luftblase im Bug. Mit ein wenig Zureden und einem kurzen Verweis auf die Titanic bildeten wir eine Kette, und ich leitete sie durch das dunkle Wasser und die Treppe hinauf. Als sie das Tageslicht wiedersahen, schwammen die Mädchen eilig voran und kletterten am mittlerweile schräg stehenden Kiel empor in Richtung Hauptdeck und Whaler. Ihnen allen stand die Angst ins Gesicht geschrieben, sie zitterten und waren fast nackt. Marie war nicht darunter. Ich 9


schwamm noch einmal ins schwarze Loch, konnte aber Marie nicht finden. Ich eilte zu Fingers, der schon halb ohnmächtig war. Schnell rüttelte ich ihn. »Fingers! Fingers!« Er öffnete die Augen. »Marie? Wo ist Marie?« Er versuchte etwas zu sagen. Ich beugte mich näher zu ihm. Er schüttelte den Kopf. »Fort.« »Was soll das heißen, ›fort‹?« Er öffnete seine Hand und eine leere Pillendose fiel ins Wasser. Seine Augen waren feucht mit Tränen. »Über Bord.« Er zögerte, als wolle er nicht sagen, was geschehen war. »Mit einem Gewicht am Fuß.« Ein entsetzliches Bild baute sich vor meinem inneren Auge auf. Seine Endgültigkeit drohte mich zu ersticken. Ich legte mir Fingers’ Arm um die Schulter. Da spürte ich ein Einschussloch, das ich bisher nicht entdeckt hatte. Ich tastete vorsichtig auf der anderen Seite des Brustkorbs. Fingers’ rechte Hand drückte auf die Austrittswunde. Er schüttelte den Kopf. Die Kugel war neben seinem Rückgrat eingedrungen und aus dem Brustkorb wieder ausgetreten. Ich stopfte ein Stück seines T-Shirts in das Loch, steckte seine Sig hinter meine Weste und zog ihn durch den immer dichter werdenden Qualm nach oben auf das Hauptdeck. Während ich ihn noch mitschleifte, sah er auf seine abgewetzte Sig in meinem Hosenbund und lächelte. »Die will ich zurück.« Er musste husten. »Wenn die Knarre reden könnte ...« Die Wellen warfen den Whaler herum wie einen Schwimmer an der Angelschnur. Alle sieben Mädchen waren schon an Bord. Ich legte mir Fingers über die Schulter und wartete den richtigen Zeitpunkt ab, um auf die Bugplattform zu springen. Wir landeten, fielen hin und eins der Mädchen löste schnell die Leine. Ich rammte den Gashebel wieder nach vorn. Wir waren vielleicht eine Viertelmeile weit gekommen, als hinter uns eine 10


ohrenbetäubende Explosion erfolgte. Fingers drehte den Kopf. Ein Feuerball verschlang die »Gone to Market« und Abertausende von Einzelteilchen dieser Superluxusjacht regneten vor der nordöstlichen Küste Floridas auf den Atlantik nieder. Fingers sackte wieder in den Bug des Whalers, der sich mit seinem Blut füllte. Er lachte zufrieden. Ich drehte in Richtung Ufer ab, stellte den Motor aus und setzte den Kiel auf ein sandiges Paradies, das Fingers nie erreichen würde. Er bekam kaum noch Luft und konnte seine Beine nicht mehr bewegen. Dass er überhaupt so lange durchgehalten hatte, war mir ein Rätsel. Patrick »Fingers« O’Donovan war knallhart und butterweich gewesen, seit ich ihn kannte. Stoisch. Weise. Völlig unerschrocken. Selbst jetzt noch war er ruhig. Meine Lippen bebten und mein Kopf raste. Ich brachte keinen vernünftigen Satz heraus. Er sackte allmählich weg und ich versuchte, ihn mit Reden wachzuhalten. »Fingers, nicht einschlafen. Bleib bei mir ...« Als das nicht funktionierte, benutzte ich das einzige Wort, dass jetzt noch zu ihm durchdrang: »Pater!« Bevor er begonnen hatte, für die Regierung zu arbeiten, war Fingers Priester gewesen. Und wenn man ihn geradeheraus fragte, bestand er darauf, dass er es heute noch war. Fingers’ Blick wurde wieder scharf. Er versuchte zu grinsen und zischte durch die zusammengebissenen Zähne: »Hab mich schon gefragt, wann du endlich auftauchst. War aber auch höchste Zeit. Wo warst du so lange?« Alles um ihn herum war rot. So sollte es nicht enden. Fingers zeigte auf eine abgenutzte orangefarbene und wasserdichte Kiste, die an die Konsole gebunden war. Er ging nirgendwo ohne sie hin, was bedeutete, dass die Kiste schon mehrere Hunderttausend Kilometer auf dem Buckel hatte. Immer wenn ich an Fingers dachte, war diese blöde orangefarbene Kiste nicht weit. Und auch wenn wir selten mit anderen Leuten über unsere Arbeit redeten, war er – in der richtigen Stimmung – ungewöhnlich ge11


sprächig in Bezug auf zwei Dinge: Essen und Wein. Beides schätzte er mit geradezu religiösem Eifer. Daher die unfallgeprüfte, wasserdichte, sturzerprobte Kiste. Er nannte sie immer liebevoll seine »Brotbüchse«. Niemand, auch nicht ich, konnte Fingers von einer Mahlzeit oder einem Glas Wein bei Sonnenuntergang abhalten. Manche Menschen begehen wichtige Augenblicke in ihrem Leben mit einer Zigarre oder Zigarette. Fingers brauchte dazu ein Glas Rotwein. Vor Jahren hatte er aus seinem Keller einen Weinkeller gemacht. Besucher wurden grundsätzlich durch den Keller geführt und durften Wein verkosten. Als richtiger Sommelier hielt er oft sein Glas gegens Licht, schwenkte es leicht und sagte: »Die Welt in einer Flasche.« Eins der Mädchen löste den Gummizug und brachte mir die Kiste. Als ich sie aufklappte, legte Fingers eine Hand auf den Wein und sah mich an. Er stellte mir eine Frage, die ich nicht hören und noch weniger beantworten wollte. »Du bist der Priester, nicht ...« »Hör auf. Keine Zeit dafür.« »Aber ...« Sein Blick bohrte sich in meine Seele. »Ich ...« Er mühte sich mit jedem Wort. »Zuerst das Brot. Dann den Wein.« Ich riss ein Stück Brot ab und sprach die Worte nach, die ich schon Hunderte Male aus seinem Mund gehört hatte. »Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird ...« Dann legte ich es ihm auf die Zunge. Er schob es im Mund herum und versuchte zu schlucken, bekam aber nur einen Hustenanfall. Als er sich wieder beruhigt hatte, zog ich den Korken, setzte die Flasche an und ließ den Wein bis zu seinen Lippen laufen. »Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird ...« Er blinzelte. Meine Stimme versagte wieder. »Sooft ihr das tut, verkündigt ihr ...« Ich schwieg. Er vervollständigte den Satz, bevor der Wein ihm in den 12


Mund floss. Das Lächeln auf seinen Lippen passte zu dem in seinen Augen. Ich würde sein Lächeln vermissen. Vielleicht am meisten von allem. Es ging mir immer durch und durch. Das war schon immer so gewesen. Der Wein füllte seinen Mund und floss an den Seiten wieder heraus. Wieder bekam er einen Hustenanfall. Ich umklammerte Fingers’ Körper, den die Wellen zum Schaukeln brachten. Ein Atemzug. Dann zwei. Er nahm seine Kraft zusammen und zeigte aufs Wasser. Ich zögerte. Fingers verdrehte die Augen, fokussierte seinen Blick dann aber unter großer Anstrengung wieder auf mich. Dann nannte er mich bei meinem Namen. Etwas, was er nur tat, wenn er wirklich meine Aufmerksamkeit wollte. »Bishop.« Ich zog Fingers über das Seitendeck und ins warme Wasser. Sein Atem wurde flacher. Seltener. Er gurgelte mehr. Seine Lider flatterten auf und zu. Er dämmerte mir davon. Plötzlich packte er mein Hemd und zog mich zu sich heran. »Du bist ... was du bist, was du schon immer warst ...« Ich watete in das hüfthohe Wasser, klar wie Gin. Fingers trieb neben mir her. Die Mädchen hockten beieinander und sagten nichts, weinten nur. Die Wellenströmung zog eine rote Spur mit sich fort. Fingers tippte an meine Brust und zeigte mit seiner anderen Hand Zahlen. Zuerst alle fünf Finger, dann zwei. Also eine Sieben. Wieder fünf Finger, diesmal verschwanden nur zwei. Eine Acht. Eine kurze Pause, dann wieder eine Sieben, gefolgt von einer Null. Seine rätselhaften Bewegungen hießen 78-70. Vor Jahren hatte ich diesen simplen Code von ihm gelernt und wusste, dass Fingers die Psalmen zitierte. Er kannte sie auswendig. Die Zahlen 78 und 70 wiesen auf König David hin. Gott »nahm ihn von den Schafhürden weg«. Aber eigentlich sprach Fingers von uns. Am Anfang meiner Lehrzeit bei ihm, vor über fünfundzwanzig Jahren, als ich noch im zweiten Jahr der Academy war, hatte mich Fingers aus dem Unterricht geholt und et13


was sehr Seltsames gesagt: »Was weißt du über Schafe?« Seitdem waren wir eine Million Kilometer zusammen gelaufen. Fingers war für mich Chef, Mentor, Freund, Lehrer, Weiser, Clown und manchmal sogar Vaterfigur geworden. Ohne ihn wäre mein Leben anders verlaufen. Während seiner Berufslaufbahn war Fingers an vielen Orten gewesen, wo auch nur das geringste Geräusch seinen Tod bedeutet hätte. Deswegen hatte er angefangen, mithilfe seiner Finger Zahlen zu kommunizieren, die auf einzelne Psalmtexte hinwiesen – was ihm den Spitznamen »Fingers« eingebracht hatte. Der Trick dabei war, dass sein Gegenüber entweder die Psalmen genauso gut kennen musste wie er oder zumindest Zugang zu einer Bibel brauchte. Fingers’ Leben floss langsam ins Meer und er zog mich noch einmal zu sich heran. »Was ... weißt du ... über Schafe?« So hatte es mit uns angefangen. Und so würde es enden. Ich versuchte mich an einem Lächeln. »Sie wandern ziellos herum.« Er wartete. All das waren Lektionen, die er mir erteilt hatte. Jede hatte über ein Jahr in Anspruch genommen, bevor ich sie begriffen hatte. »Sie verlaufen sich oft.« »Wieso?« »Weil sie es können.« »Und wieso?« »Weil das Gras woanders immer grüner ist.« »Und das ist ...« »Murphys Gesetz.« »Genau.« »Sie sind ein einfaches Opfer. Der Löwe ist nie weit entfernt.« Nicken. »Und sie finden allein oft nicht nach Hause.« »Also brauchen sie ...« »Einen Hirten.« »Was für einen?« 14


»Einen, der das warme Feuer und die Sicherheit der Herde verlässt und sich Kälte, Regen und schlaflosen Nächten stellt, um ...« Ich schwieg. »Um?« »Um das eine zu finden.« »Und wieso?« Mir liefen mittlerweile die Tränen. »Weil ... das eine Schaf besondere Hilfe braucht ...« Ich konnte nicht mehr weiterreden. Er schloss die Augen und legte eine Hand flach auf meine Brust. Selbst jetzt noch brachte er mir Dinge bei. Er zeigte mir den Grund, wieso er gerade in meinen Armen starb. Er war dem einen Schaf gefolgt und hatte sieben Schafe daraus gemacht. Fingers zog sich zu mir heran. Ein letzter Kraftakt. »Muss dir noch was geben ...« Er holte einen blutverschmierten Brief aus seinem Hemd. Die Handschrift gehörte ihr. Er drückte ihn mir flach auf die Brust. »Vergib ihr.« Ich sah ihn ungläubig an. »Vergeben?« »Sie hat dich geliebt.« Blut rann ihm aus dem Mundwinkel. Es war tiefrot. Er schüttelte mich. »Bis zum Ende ...« Ich hielt den Brief fest und vergaß zu atmen. »Wir sind alle nur Kinder, die Hilfe brauchen«, gurgelte er. Ich starrte auf das Papier. Das Gewicht der Hoffnungslosigkeit. Die Tränen rollten mir die Wangen hinunter. Fingers hob seinen noch funktionierenden Arm und wischte sie mir ab. Auch er weinte. Wir hatten so lange nach ihr gesucht. Waren so kurz davor gewesen … Aber am Ende doch versagt zu haben, das war ... Er lächelte und versuchte etwas zu sagen, aber die Kräfte schwanden ihm. Stattdessen legte er die Hand um die Kette an meinem Hals. Sie war dem Gewicht seines Arms nicht gewachsen, riss und umschmiegte seine Finger. Das Kreuz, das er mir aus Rom mitgebracht hatte, pendelte daran. »Sie ist jetzt zu Hause. Kein Kummer mehr. Keine Schmerzen. Keine Sorgen.« 15


Ein Augenblick verging. Er schloss die Augen, schwebte im Wasser und flüsterte. »Eins noch ...« Meine Hände waren warm und rot vom blutigen Wasser. Ich konnte seinen Puls nicht mehr fühlen. Ich wusste, was er wollte, und ich wusste, dass es wehtun würde. Aber ich konnte ihn nicht gehen lassen und drückte ihn an mich, während sein Leben zerrann. »Verteil meine Asche dort, wo es angefangen hat mit uns ... am Ende der Welt.« Ich versuchte, nicht zu schluchzen und ließ die Tränen laufen. Mein innerer Blick ging tausend Kilometer nach Süden. »Ich kann nicht ...« Er verschränkte die Arme. Die Kette hing noch an seiner Hand. Sein Lächeln wurde schwach. Alles war verschwommen. Ich nickte zum letzten Mal. Er ließ los und lag schlaff in meinem Arm. Seine Worte waren verklungen. Er hatte alles gesagt. Nur sein Atem war noch zu hören. Ich beugte mich zu ihm, brachte ein gekrächztes »Ich werde dich vermissen« heraus. Er blinzelte. Zu mehr war er nicht mehr in der Lage. Ich versuchte mich zusammenzureißen. »Bereit?« Seine Augen verdrehten sich wieder. Dann sammelte er ein letztes Mal aus seinem tiefsten Inneren Kraft und sah mich an. Er war vielleicht bereit; ich war es nicht. Die Worte auf den Seiten seines Lebens verblassten; Schwarz wurde zu Weiß. Von irgendwoher brachte er einen letzten Rat heraus. Er tippte mir auf die Brust und murmelte, »Schlepp sie nicht mit dir herum. Das bringt dich um ...« Mit einer Hand unter seinem Nacken und einer auf dem Loch in seiner Brust sprach ich mit Blick hinaus aufs Wasser. Ich wiederholte, was er mich gelehrt hatte. »Im Namen des Vaters ... des Sohnes ... und des ...« Dann drückte ich ihn unter Wasser. Ich hielt ihn nur eine Sekunde lang dort, aber es genügte. Sein Körper wurde schlaff. Die letzten Luftbläschen stiegen aus seinem Mund auf und das Wasser wurde rot. 16


Er war größer als ich, aber trotzdem leicht. Als wäre seine Seele bereits fort. Zurück an der Oberfläche merkte ich, dass seine Augen offen waren, aber er sah mich nicht an. Zumindest nicht in dieser Welt. Und die Stimme, die ich zehntausend Mal gehört hatte, war verstummt. Ich zog ihn an den Strand und legte ihn in den Sand. Die Wellen überspülten seine Knöchel. Da fiel mein Blick auf seine Hände. Seine Arme waren verschränkt, aber seine Finger sprachen so laut, dass es selbst der Himmel hören musste: »2-2«. »Es ist vollbracht.« Ich zog ihn an mich und weinte wie ein Kind. Die Küstenwache verteilte Decken an die Mädchen und legte bei drei von ihnen Infusionen. Der Kapitän kannte Fingers und kam zu mir, um mir beim Tragen seiner Leiche zu helfen. Einer der Männer bot mir an, mein Boot für mich zum Hafen zu fahren, damit ich neben Fingers sitzen konnte, aber ich lehnte ab. Irgendwo da draußen war Maries Leiche. Ich hatte versagt. Ich folgte der Strömung und setzte den Whaler wieder auf Sand. Das Meer konnte nun zwei Dinge tun: Entweder es verschlang Marie in der Tiefe oder spülte ihre Leiche an Land. Stunden später, als die Sonne schon hinter dem Meer versank, stand ich mit salz- und blutverkrusteter Haut am Strand und faltete den Brief auf. Sein Gewicht zwang mich in die Knie. Die Wellen umspülten meine Oberschenkel. Die Worte verschwammen vor meinen Augen. Geliebter, ich weiß, dass dieser Brief dich schwer treffen wird ... Ich wischte mir die Tränen ab und lief bis zur Morgendämmerung am Strand entlang. Dabei las ich den Brief im Licht des Mondes und der Sterne wieder und wieder. Jedes Mal tat es mehr weh. Jedes Mal wurde ihre Stimme leiser. 17


Die Strömung spülte sie an Land, als die Sonne über den Horizont brach. Ich zog ihren schlaffen bleichen Leichnam an die Brust und weinte. Wütend. Laut. Mit gebrochenem Herzen. Ihre Haut war durchsichtig und kalt. Ich sah keinen Sinn mehr im Leben. Weder in dem, was gewesen war, noch in dem, was da noch kam. Ich war verloren. Ich küsste ihr Gesicht. Ihre kalten Lippen. Aber nichts brachte sie zurück. Das Seil um ihren Knöchel war mit einem Messer durchgeschnitten worden. Also hatte sie irgendwo in der Dunkelheit dort unten ihre Meinung geändert. Sie war tot, aber selbst jetzt sprach sie noch mit mir. Krallte sich am Leben fest. Wir lagen da und die Wellen überspülten uns. Ich drückte meine Wange an ihre. »Erinnerst du dich an den Abend, als ich dich fand? Alle suchten nach dir, aber niemand suchte so weit draußen. Und doch warst du dort. Schwammst zehn Kilometer weit draußen im Wasser. Du warst so kalt. Du zittertest. Dann ging uns anderthalb Kilometer vom Festland entfernt der Sprit aus, und ich musste uns nach Hause rudern. Du hattest Angst, dass wir es nicht schaffen. Aber ich hatte dich gefunden. Ich wäre die ganze Küste Floridas entlanggepaddelt, wenn ich nur in diesem Boot bleiben konnte. Dann machten wir ein Feuer und du kuscheltest dich an mich. Ich weiß noch, wie mir der Wind ins Gesicht blies. Das Feuer wärmte mir die Beine und dein Duft umwehte mich. Ich wollte nur noch dasitzen und atmen. Die Sonne anhalten. Sie bitten, noch ein paar Stunden zu warten. Da legtest du deine Hand in meine und gabst mir einen Kuss auf die Wange. ›Danke‹, hast du geflüstert, und ich spürte deinen Atem am Ohr. Ich war ein Niemand. Ein sechzehnjähriger Schatten, der durch die Flure schlich. Ein Typ mit einer kleinen Nussschale von Boot, aber du machtest aus mir jemanden. Diese Nacht war unser Geheimnis, und von da an sahen wir uns fast jeden Tag. Irgendwie fandest du immer einen Weg, zu mir zu kommen. Im letzten Schuljahr warst du die Einzige, die daran glaubte, dass 18


ich einen neuen Rekord aufstellen würde. Unter achtundvierzig Sekunden. Ich überquerte die Linie, die Uhr zeigte ›siebenundvierzig Komma irgendwas‹ und ich brach zusammen. Wir hatten es geschafft. Ich weiß noch, wie die Startpistole knallte, aber an das Laufen erinnere ich mich nicht. Nur ans Fliegen. Schweben. Eintausend Menschen kreischten, aber ich hörte nur deine Stimme. Ich weiß nicht, wie ich diesen Strand verlassen soll. Wie ich von hier weggehen soll. Fingers hat gesagt, ich solle dir vergeben, aber ich kann nicht. Es gibt nichts zu vergeben. Nicht das Geringste. Nicht einmal dieser eine Satz. Du sollst wissen, wie leid es mir tut, dass ich nicht früher da war. Es tut mir so leid. Ich habe alles gegeben. Aber das Böse ist real und manchmal sind wir schwerhörig. Ich wünschte, du hättest mich gehört. Bevor du gehst, bevor ... ich will nur, dass du weißt, das ich dich geliebt habe von dem Moment an, als ich dich zum ersten Mal sah, und du hast nie etwas getan – nie –, was diese Liebe hätte schmälern können. Mein Kopf tut weh. Sehr sogar. Er zerbricht genau in der Mitte, und wenn ich aufstehe und dich von hier wegtrage, wird es noch schlimmer werden. Aber egal wohin ich gehe, dich werde ich bei mir tragen. Tief in meinem Inneren. Und jedes Mal, wenn ich baden gehe oder schwimmen, wenn ich etwas trinke oder durchs Wasser wate, wenn ich ein Boot steuere oder nur im Regen stehe, wird das Wasser mich an dich erinnern. Marie, solange es Wasser gibt, wirst du bei mir sein.« Die Sonne ging auf und ich rief die Küstenwache. Der Helikopter landete direkt am Strand. Als die Besatzung anbot, Marie zu nehmen, lehnte ich ab. Ich trug sie selbst in den Vogel, verschränkte ihre Arme und drückte ihren Kopf an meine Brust. Und dann öffnete ich ihre Hand und legte meine hinein. Mein Wehklagen war noch lauter als das Rattern der Rotoren.

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Kapitel 1 Eine Woche verging. Ich aß fast nichts. Schlief kaum. Meistens saß ich den ganzen Nachmittag da und starrte aufs Meer. Die Tage vergingen. Sowohl Maries als auch Fingers’ letzter Wille sahen vor, dass sie eingeäschert werden sollten. Ich ließ es geschehen. Fingers hatte mich gebeten, seine Asche ans Ende der Welt zu bringen; Marie hatte einen Ort gewählt, der etwas näher an zu Hause lag. In ihrem letzten Brief hatte sie mir aufgetragen, ihre Asche im flachen Wasser vor der Insel zu verstreuen, wo wir als Kinder gespielt hatten. Eine Woche lang stand ich mit der Urne am Strand und sah den Gezeiten zu. Flut, Ebbe. Flut. Ebbe. Aber ich konnte meine Beine nicht dazu bringen, ins Wasser hinauszuwaten. Trotz Maries letztem Wunsch kehrte ich letzten Endes nach Hause zurück und stellte die Urne auf den Küchentisch neben Fingers’ sterbliche Überreste, die ich in seine berühmte orangefarbene Kiste getan hatte. Ein ungleiches Paar und ein seltsamer Anblick. Eine violette Urne und eine hellorangefarbene Box. Ich starrte sie an. Sie starrten zurück. Eine weitere Woche umkreiste ich sie wie der Mond. Tageslicht. Dunkelheit. Tag. Nacht. Fingers hatte mir alles beigebracht, was ich wusste. Er hatte mich gefunden. Hatte mich zusammengeflickt, als Hopfen und Malz verloren schienen. In meiner dunkelsten Stunde war ich 21


irgendwo am Strand aufgewacht, ein Schiffbrüchiger mit Algenschaum und Winkerkrabben, die mich in die Nase zwickten. Fingers hatte mich aufgehoben, sauber gemacht, mir zu essen gegeben und mir wieder das Laufen beigebracht. Er hatte mich gerettet, als ich eigentlich nicht mehr zu retten gewesen war. Sein Einfluss auf mein Leben war kaum zu ermessen. Die Stille und Abwesenheit seiner Stimme waren ohrenbetäubend. Und das Leben ohne Marie war, wie in einer Welt aufzuwachen, der man die Sonne vom Himmel gestohlen hatte. Ich hatte ihren Brief immer bei mir. Las ihn unzählige Male. Ich legte ihn mir im Bett neben das Gesicht, damit ich vielleicht noch ihre Hand riechen konnte, die ihn geschrieben hatte, aber es half kaum. Ich konnte die Uhr nicht zurückdrehen. Aber genauso wenig konnte ich, sosehr ich mich auch mühte, die Endgültigkeit akzeptieren. Es schien unmöglich. Es ging nicht. Wie konnte sie tot sein? Der Gedanke daran, wie sie allein, in Todesangst, mit einem Strick um den Knöchel diese Welt verlassen musste und dabei von Scham und Reue verzehrt wurde, war kaum zu ertragen. Ich hatte bis zur Erschöpfung nach ihr gesucht. Hatte alles gegeben. Ich war so kurz davor gewesen und hatte doch auf ganzer Linie versagt. Als sie mich brauchte, war ich nicht da gewesen. Vielleicht tat das am meisten weh. Ich hatte mein Leben damit verbracht, Verletzte zu retten, aber bei dem Menschen, den ich am meisten liebte, war es mir nicht gelungen. Fort George Island liegt nördlich von Jacksonville in Florida und wird von Little Talbot Island vorm Atlantik geschützt. Wer die Wasserwege kennt, kann auf dem Fort George River vom Atlantik durch die Sandbänke und das Flachwasser rund um Little Talbot bis ins ruhige Gewässer um Fort George fahren. Fort George Island ist zwar geschützt, aber keineswegs versteckt. Die Küstenwasserstraße – die die Einheimischen als Clapboard Creek kennen – führt nördlich vom St. Johns River und dem Becken der Naval Station Mayport zum Nassau Sound und nach Ame-

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lia Island. Zwischen den beiden verbindet der Fort George River Clapboard Creek mit dem Atlantik. Das bedeutet, dass man den Fort George River bequem sowohl von der Küstenwasserstraße als auch vom Atlantik her erreichen kann. Daher hat sich die ganze Bootskultur Nordfloridas hier versammelt – inklusive der Reichen, die entweder übers Wochenende auf Amelia, St. Simons oder Sea Island sind oder gleich hier überwintern. Bei Flut sieht der Fort George River aus wie jeder andere Fluss. Wasser überall. Aber nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche wartet eine andere Welt. Wenn sich das Wasser zurückzieht, steigen die Sandbänke um Fort George wie Atlantis empor und werden zu einem Spielplatz von der Größe von zwanzig oder dreißig Football-Feldern. An stark frequentierten Wochenenden sieht man hundert Boote vor Anker oder in einer langen Kette miteinander verbunden, alles, von einem Dreimeterkahn bis zu Sportbooten, Mittelkonsolenbooten, Geschossen mit drei Motoren, Schnellbooten und allem dazwischen. Hin und wieder liegt sogar eine 18 oder 23-Meter-Jacht im tieferen Wasser verankert und schickt ihre Beiboote auf den Spielplatz. Die Wochenenden sind ein Kaleidoskop aus Farben und eine Geräuschexplosion. Die Bootskapitäne erregen auf drei Arten Aufmerksamkeit: durch die Farbe und das Design ihrer Boote, die Bikinifrauen an Bord und die Musik aus den Lautsprechern. Glasflaschen in Kühlbehältern, Campingstühle im Wasser, Kinder auf Flößen, Hunde, die Köderfischen nachjagen, Jungen, die Wurfnetze auswerfen, Jugendliche auf Jetskis, halb zerfallene Sandburgen, Strohhüte in allen Größen und Formen, alte Männer mit Drachen, Einmalgrills und Generatoren, sie alle bestimmen das Geschehen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sind die Sandbänke von Fort George eine Stadt für sich, die mit den Gezeiten kommt und geht. Meine Insel ist eine der vielen kleinen Inseln, die Fort George umgeben. Der Zugang zum Tiefwasser über die Küstenwasserstraße

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im Westen und die flacheren Gewässer des Flusses im Süden und Osten sorgen dafür, dass auch ich von Wasser eingeschlossen bin. Aber anders als Fort George Island ist meine Insel klein und nur mit dem Boot erreichbar. Auf Fort George gibt es Häuser, Kirchen, Klubs, Touristen und eine alte Plantage; auf meiner Insel lebe nur ich. Und so mag ich es auch. Ich saß am Küchentisch, schlürfte meinen Kaffee und versuchte, die Urnen nicht mehr anzustarren. Um meinen Händen irgendetwas zu tun zu geben, säuberte ich Fingers’ Pistole. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Es gefiel mir, wie abgenutzt sie sich anfühlte. Sie erinnerte mich an ihn und an die unzähligen Male, wie er sie in meiner Gegenwart aus dem Holster zog oder wieder hineinsteckte. Ich versuchte den Klang seiner Stimme oder den von Marie wieder zu hören und stellte mir ihre Gesichter vor, aber beide waren dumpf und verwaschen. Ich konnte sie nicht richtig erkennen. Mit jedem Tag wuchs mein Bedauern, und ich hörte mich immer wieder viele Worte sagen, die ich viel früher hätte sagen sollen. Fingers’ Abschied war plötzlich gekommen, und obwohl ich immer wusste, dass es so kommen konnte, allein schon aufgrund unserer Berufswahl, war ich doch nicht darauf vorbereitet. Erst war er da, so groß wie das Leben selbst, und mein Herz und Kopf waren voll von ihm – und dann war er fort. Ich ging diesen letzten Tag mit ihm tausend Mal durch. »Wir können mehr Gebiet abdecken, wenn du dir die Küste vornimmst und ich den Horizont«, hatte er gesagt. Wir hätten uns nie aufteilen sollen. Ich hatte es doch eigentlich gewusst: Wenn er Victors Jacht zuerst fand, würde er nicht auf mich warten. Er war älter und vielleicht schon ein Stück langsamer, also wählte er die Holzhammermethode. Der Elefant im Porzellanladen. Mit der Sig Sauer voraus. Er war ziemlich dickköpfig, was das betraf. In dem Augenblick, als er nach der Schwimmleiter der Gone to Market gegriffen hatte, musste er gewusst haben, dass es eine Reise ohne Rückfahrschein war.

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Aber deswegen vertrauten die Leute ihm und ließen sich von ihm retten. Und deswegen schwärmten so viele in höchsten Tönen von ihm. Geschichten waren Fingers’ Ventil, um mit den Erinnerungen umzugehen. Sie sprudelten nur so aus ihm heraus – eine Geschichte hörte auf und die nächste begann. Natürlich musste man erst einmal dafür sorgen, dass er lange genug still saß, aber schon ein Glas mit dem »Saft der Erde« genügte, und die Tore öffneten sich. Und wenn sie es taten, dann setzte ich mich hin, hörte zu, lachte und weinte. Uns allen ging es so. Ich stand vor der orangefarbenen Box und betrauerte die Stille. Ich musste allmählich in die Gänge kommen, aber ich zögerte es hinaus. Der Verlust eines geliebten Menschen war niederschmetternd. Der Verlust von zweien war ... Egal, wie sehr ich es versuchte oder wie lange ich dasaß und auf den Tisch starrte – es passte nicht in meinen Kopf, dass alles, was ich über sie wusste und mit ihnen erlebt hatte, nun in zwei Behältern in einem Meter Entfernung vor mir stand. Wenn ich aus der Küche ging und wieder hereinkam, wunderte ich mich, dass sie sich nicht bewegt hatten. Violett und Orange glotzten mich noch immer an. Es war wie ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab. Am Sonntagnachmittag hatte sich der größte Teil der Partymeute von den Sandbänken zurückgezogen, aber ein Boot kam aus der Küstenwasserstraße und schob eine Bugwelle gegen das ablaufende Wasser vor sich her. Ein 8-Meter-Sportboot mit Doppelmotor, das als Beiboot zu einer der großen Jachten im Kanal gehörte. Zwei Kerle und zehn Mädels. Ohrenbetäubend laute Musik. Sie landeten auf einer Sandbank an, und die jungen Frauen und einer der Jungs stiegen von Bord. Der andere machte das Boot mit zwei Ankern fest, damit es nicht durch den Wind gedreht wurde und im Flachwasser auf Grund lief und er gute acht Stunden warten musste, bis er es wieder flottbekam. Offensichtlich wusste er, was er tat.

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Seine Gäste verteilten sich auf der Sandbank und bauten ein Volleyballnetz auf. Die beiden Kerle waren nichts Besonderes. Tätowiert. Muskelbepackt. Ketten und Ohrringe. Wie alle anderen Möchtegerns auch. Aber die jungen Frauen waren bemerkenswert. Genau wie die Knappheit ihrer Bikinis. Das Bier und die Schirmchendrinks flossen, der Sonnenuntergang näherte sich und die Sandbank wurde bald zur Bühne eines Oben-ohne-Tanzwettbewerbs. Das alles hatte ich schon so oft gesehen. Ich ließ den Partylärm hinter mir und watete mehrere Hundert Meter durch das hüfthohe Wasser. Dann holte ich die Krabbenfalle ein, hob eine wütende Blaukrabbe heraus, steckte sie auf einen mittelgroßen Kreishaken und warf ein Carolina Rig in die tiefe Wasserstraße aus. Zwanzig Minuten später fing die Bremse meiner Rute an zu singen. Ein großer Roter Trommler blinkte, durch die Gerbstoffe im St. Johns und St. Marys River bronzen gefärbt, im Wasser. Sauber am Haken. Ein Roter Trommler ist eine ordentliche Mahlzeit. Das Essen war also geklärt. Fingers’ wasserdichte Box hatte den Erdball vermutlich ein halbes Dutzend Mal umrundet. Ein letzter Trip machte den Kohl also auch nicht fett. Ich schätze, es würde Fingers sogar gefallen. Außerdem würde die Box, falls das Boot voll Wasser lief, als eine Art Rettungsboje fungieren und womöglich mein Leben retten – Fingers’ Spezialität. Auf der Fahrt gen Süden erwarteten mich mehrere Hundert Meilen launisches und streckenweise unerbittliches Gewässer. Also plante ich genauso wie Fluggesellschaften – »Im unwahrscheinlichen Fall von Druckverlust in der Kabine«. Unwahrscheinlich, aber möglich. Ich machte Fingers’ Box auf dem Bug fest, weil ich wusste, dass ihm der Fahrtwind gefallen würde. Eigentlich wollte ich den Whaler am Nachmittag für meine Fahrt an der Küste entlang vorbereiten, aber immer wieder blieb mein Blick an der Box hängen. Ich dachte an die vielen Male, als

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Fingers getan hatte, was er besonders gut konnte – alles besser machen. Vor Jahren hatte ich dem Whaler den Namen Gone Fiction gegeben aus Gründen, die nur mich etwas angingen. Fingers meinte, das sei ein bescheuerter Name. Ich erwiderte, er solle sich doch ein eigenes Boot kaufen, denn der Name würde nicht mehr geändert. Er wusste, wieso, und beließ es dabei. Ich machte einen Ölwechsel. Dann tauschte ich den Propeller gegen einen mit mehr Steigung aus, der auf lange Strecken die Drehzahl des Motors bei höheren Geschwindigkeiten etwas reduzierte. Ich wollte Sprit sparen und zugleich die Höchstgeschwindigkeit auf über fünfundvierzig Knoten bringen, damit das Boot optimal im Wasser lag. Ich räumte die Rechnungen von meinem Schreibtisch und setzte mich an die eine Sache, vor der es mir gegraut hatte. Ich verfasste die E-Mail, die ich niemals schreiben wollte. Und dann noch eine. Wie sagt man jemandem, dass ein geliebter Mensch gestorben ist? Ich weiß nicht, ob ich darauf eine Antwort geben kann. Als ich fertig war, starrte ich auf den Bildschirm. Eine geschlagene Stunde. Ein Anruf wäre besser gewesen – sie hätten es in jedem Fall verdient –, aber ich hatte nicht die Kraft dazu. Ich hätte meine Gefühle nicht unter Kontrolle halten können. Also drückte ich auf Absenden, fuhr den Rechner herunter, schaltete das Mobiltelefon aus und wollte gerade überall das Licht löschen, als es klopfte. Das Klopfen hallte von der schweren Tür durch den Regen über die Wiese und bis hinein in das Fenster im ersten Stock der Scheune, wo mein Arbeitszimmer lag. Weil ich von Wasser umgeben lebe, sind Besucher sehr selten. Ich wartete, aber da war es wieder, dieses Mal begleitet von einer gedämpften Frauenstimme. Einer jungen Frauenstimme. Ich zog mir ein Hemd über, kletterte die Leiter hinunter, überquerte den Hof im Regen und schlich barfuß durch die Dunkelheit, bis ich ihren Rücken sehen konnte. Selbst von hinten war sie hübsch.

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»Hallo«, sagte ich. Sie machte einen Satz, fiel in die Hocke und schrie. Dann lachte sie erleichtert und zugleich verunsichert auf, als ich an ihr vorbei ins Licht trat. Sie stand auf und richtete den Zeigefinger auf mich, aber sie zeigte knapp daneben und ihre Worte waren etwas undeutlich, fast lallend. »Man soll sich nich’ so an Leute anschleichen. Jetzt muss ich wirklich pinkeln. Haben Sie offen?« Ich klappte den Riegel hoch und schwang die massive Eichentür auf. Unsere Bewegung löste die Bewegungslichter aus, und ich konnte sie besser sehen. Sie war wirklich eine schöne junge Frau. Modelgesicht. Laufstegbeine. Pilatesfigur. Barfuß, mit schlammigen Rändern. Sie hielt sich eine Regenjacke über den Kopf, um sich vor dem Nieselregen zu schützen, und lachte peinlich berührt. »Sie haben mir vielleicht einen Riesen...« Auf einmal nahm sie ihre Umgebung wahr und schlug eine Hand vor den Mund. »Ich, äh ... mit Ihnen habe ich nicht gerechnet. Entschuldigung.« Ich hatte sie schon auf der Sandbank gesehen.

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Kapitel 2 Sie schüttelte den Regen ab und hinterließ schlammige Fußabdrücke. Ihre Kleidung war ziemlich aufreizend. Jeansshorts. Bikinioberteil. Diverse Piercings – Nase, Ohren und Bauchnabel. Schwarzer Eyeliner. Wahrscheinlich unechte Wimpern. Sie roch nach Rauch, aber nicht nach Zigaretten. Vielleicht eine Zigarre, aber ich hatte da meine Zweifel. Ihre Finger spielten mit dem Bikiniträger am Nacken. Sie trat ein und machte eine Pirouette wie eine Tänzerin. Einmal, um die Umgebung in Augenschein zu nehmen, und weil es offensichtlich ihre Art war. Als hätte sie schon als Kind getanzt. Das Rabenschwarz war nicht ihre richtige Haarfarbe. Eine erst kürzliche Veränderung. Wie das Tattoo am Rücken. Die Ränder waren noch rot und entzündet. Ihre Regenjacke gehörte einem Mann und war eindeutig zu groß. Ich hielt meine Hand hin. »Darf ich?« Sie legte sie sich über die Arme. »Geht schon.« Ich fragte mich, ob ihr Misstrauen mit dem Mann zu tun hatte, der ihr die Regenjacke gegeben hatte. Sie war fünfzehn, vielleicht sechzehn. Hatte die Welt noch vor sich. Und schon irgendetwas Unschönes hinter sich. Ihre glasigen Augen verrieten eine stürmische und berauschte Mischung aus Aufregung und Angst. Ob gerade noch auf dem Trip oder kurz danach, in ihren Adern floss jedenfalls nicht nur Blut. 29


Es entstand ein Schweigen. Ich legte die Hände hinterm Rücken ineinander. »Kann ich Ihnen helfen?« »Ham’Sie ’ne Toilette?« Ich zeigte auf eine Tür, und sie ging ins Bad. Mit wiegender Hüfte. Nach ein paar Minuten hörte ich ihr Telefon klingeln und sie redete mehr auf jemanden ein als mit jemandem. Ihre Stimmlage deutete darauf hin, dass das Gespräch nicht zufriedenstellend verlief. Sie kam aus dem Bad und hatte sich die Regenjacke locker um die Schultern gelegt. »Daaanke.« Sie betrachtete neugierig die kleine Kapelle, in der wir standen. Meine Stimme durchbrach die Stille. »Wie alt sind Sie denn?« »Einundzwanzig.« Ich sagte so lange nichts, bis sie mir in die Augen sah. »Alles in Ordnung?« Ihr Unbehagen wuchs. »Wieso?« Ich deutete im weiten Bogen auf das Wasser, wo sie den Nachmittag verbracht hatte. »Manchmal ist es leichter, in ein Boot zu steigen, als wieder davon herunterzukommen.« »Kennen Sie sich mit Booten aus?« »Einigermaßen.« Sie betrachtete die feinen Holzarbeiten. Die Schnitzereien. Die oberen Kanten der Kirchenbänke waren vom Schweiß im Laufe der Jahre dunkel geworden. Ihr Blick landete auf dem verzierten Altar und seinen Stufen. »Voll schön.« »Von Sklaven erbaut. Vor über zweihundert Jahren.« Der Mond schien durch die Fenster und warf den Schatten der jungen Frau auf die abgenutzten Steine unter ihr. Sie fuhr mit der Hand über eine der Bänke. Ihre Fingerspitzen lasen ihre Geschichten. Sie sah aus dem Fenster. Das Geräusch von sich am Strand brechenden Wellen drang hinein. »Verrückt, dass sie noch nicht von Orkanen zerstört wurde.«

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»Es fehlte schon öfter nicht mehr viel. Wir haben sie immer wieder zusammengeflickt.« »Echt von Sklaven erbaut, ja?« Ich zeigte auf die Wand. Auf all die Namen, die dort von Hand eingraviert waren. »Jeder von ihnen eine Mutter ... ein Vater ... ein Kind.« Sie ging zur Wand und befühlte die Rillen der Namen, dann der Daten. Einige waren tiefer als andere. Sie runzelte die Stirn. »Sklaven?« »Freie Sklaven.« Hunderte Namen zierten die Wand. Sie arbeitete sich auf Zehenspitzen nach rechts vor. Ein kleines Lächeln kroch ihr ins Gesicht. »Die meisten stammen aus der Zeit vor dem Sezessionskrieg. Dieser Ort war eine von vielen Stationen der sogenannten ›Underground Railroad‹, einem Fluchthelfernetzwerk für Sklaven.« »Aber bei manchen ist das Datum aus dem letzten Jahrzehnt? Oder sogar aus dem letzten Jahr?« Ich nickte. »Aber Sklaverei gibt es doch nicht mehr.« Ich zuckte die Achseln. »Noch immer meinen Menschen, dass ihnen andere Leute gehören.« Sie las still die Namen. »Und alle diese Leute haben hier die Freiheit gefunden?« »So würde ich es nicht ausdrücken. Das hier war eine Station auf ihrem Weg.« Ihre Fingerspitzen lasen wieder die Wand. »Ein Dokument der Freiheit.« Ihre Stimme war laut und passte nicht zu unserem ruhigen Gespräch. »So was in der Art.« »Wieso steht bei manchen nur ein Datum?« »Einmal frei, immer frei.« »Und wieso haben diese Namen zwei Daten?« »Sie sind gestorben, bevor sie von der Freiheit kosten konnten.«

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Draußen ertönte ein Nebelhorn. Ein langer Ton, gefolgt von zwei kurzen. Sie riss den Blick von der Wand und ging zur Tür. »Bin ich die Einzige hier?« »Hier ist niemand außer uns.« »Sie meinen außer Ihnen und mir, oder ...« Ihr Blick ging kurz nach oben. »Außer Ihnen, ihm und mir?« »Nur wir zwei.« Sie lächelte, machte eine Pirouette und tanzte weiter, aber offensichtlich konnte nur sie ihren Tanzpartner sehen. »Ich mag Sie, Pater. Leben Sie hier?« »Ich bin nicht der Priester. Und ja, ich lebe hier.« »Was machen Sie denn?« »Ich bin so was wie der Hausmeister. Ich passe auf, dass die Leute, die hier nachts aufkreuzen, kein Graffito hinterlassen wollen.« Sie nahm plötzlich meine Hand. Dann fuhr sie mit den Fingerspitzen über die Schwielen und den Dreck in den Linien. »Wo ist denn der Priester?«, fragte sie und lächelte. Einfache Frage, komplizierte Antwort. Und ich fragte mich, ob das wirklich der echte Grund war, wieso sie plötzlich vor meiner Tür gestanden hatte. »Es ist gerade noch kein neuer Priester da.« Das schien sie zu stören. »Was soll das für ein ... ich meine, was ist das eigentlich für eine Art Kirche?« »Eine inaktive.« »So ein Quatsch. Wo gibt es denn so was, eine inaktive Kirche? Wozu dann überhaupt Kirche, wenn sie nichts macht?« »Ich arbeite hier nur.« »Allein?« Ich nickte. »Fühlen Sie sich da nicht einsam?« »Nicht wirklich.« »Ich würde so was von durchdrehen. Echt in jede Ecke k... ’tschuldigung. Also verrückt werden.«

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Ich schmunzelte. »Aber ich sehe noch ganz vernünftig aus.« Sie kam näher, bis nur noch wenige Zentimeter unsere Gesichter trennten. Ihre Lider waren schwer. Ihr Atem roch nach Alkohol. »Hab schon einige Verrückte erlebt, und Sie sehen nicht so aus.« Ihr Blick wanderte an mir herab. »Weiß nicht. Für mich sehen Sie zieeeemlich gut aus.« Sie berührte die Narbe über meinem Auge. »Tut das weh?« »Nicht mehr.« »Woher haben Sie die?« »Kneipenschlägerei.« »Und wie sieht der andere aus?« »Die anderen.« Sie tätschelte mir die Schulter. Welcher Cocktail auch immer in ihrem Blut perlte, er hatte jedes Gefühl für Anstand gelöscht. »Ich wusste, dass Sie mir gefallen, Pater.« Sie nahm noch einmal mit den Augen Maß. Fuhr mit dem Finger über meinen Arm, zeichnete die Vene auf meinem Bizeps nach. Dann drückte sie zu wie jemand, der die Luft in einem Fahrradreifen prüft. »Machen Sie Kraftsport?« »Ich habe gut zu tun.« Sie drückte beide Arme, und dann – als habe sie endgültig jede Hemmung und den Respekt vor ihrem Gegenüber verloren – betastete sie meine Brustmuskeln und befühlte meinen Bauch. »Nicht übel.« Sie deutete mit dem Daumen hinter sich in Richtung Wasser. Vermutlich meinte sie ihr Boot. »Er trainiert ständig. Der reinste Muskelberg.« Dazu hob sie ihre Regenjacke. Ich sagte nichts. »Und was machen Sie hier so?« »Ich mähe den Rasen und halte das Unkraut klein, und dafür darf ich hier wohnen.« Sie dachte nach. »Ich war noch nie in so einer Kirche.« Ihr Blick fiel auf die Wand, an der Bögen aus aller Welt hingen. Handgemachte Bögen aus mehr Ländern, als ich zählen konnte.

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Mit passenden Pfeilen dazu. Sie ging in einer S-Kurve auf die Andenken zu. »Sind das Ihre?« »Ich bin schon viel herumgekommen«, erwiderte ich. »Das sieht man. Ich ... ich war eigentlich noch nirgendwo ...« Sie lächelte gequält. »Aber bald.« Sie berührte einige der Bögen und Pfeile. »Sind Sie Robin Hood?« »Nein.« Bögen haben mir schon immer gefallen – zu sehen, wie man in unterschiedlichen Ländern aus einem einfachen Stock und einer Schnur Energie gewinnt, fasziniert mich. Also brachte ich mir von meinen Reisen Erinnerungsstücke mit. Sie machte eine Jagdbewegung. »Schießen Sie auch damit?« »Nein.« »Wieso haben Sie sie dann?« »Es sind Erinnerungen.« »Woran?« »An das, was ich bin.« »Was sind Sie denn?« Ich antwortete nicht sofort. »Ein Sünder«, sagte ich schließlich leise. Sie sah mich verwirrt an. »Ja, klar, ich auch, aber was hat das mit all dem da zu tun?« »Das Wort Sünde kommt ursprünglich aus dem Bereich des Bogenschießens.« »Und was bedeutet es?« »Sünde ist der Abstand, mit dem man am Ziel vorbeischießt. Ein Sünder ist also jemand, der das Ziel verfehlt.« Sie lachte. »Dann sind wir wohl alle verflucht schlechte Schützen ... äh … ich meine, die Definition stimmt.« Wieder machte sie eine Drehung und wanderte zwischen den Reihen herum. »Sie sind also ein Sünder, ja?« Ich starrte sie an und sagte nichts. »Ich frage mich, was ich dann sein soll.« Sie umkreiste mich und musterte mich von Kopf bis Fuß. »So schlecht können Sie gar nicht sein. Gott lässt Sie schließlich bei sich wohnen.«

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Sie beäugte den alten, abgenutzten Beichtstuhl. »Wann kommt denn ein neuer Priester?« »Weiß ich nicht.« »Also ... wollen Sie damit sagen, dass heute Abend gar kein Priester mehr kommt? Sagen wir mal, in den nächsten zwanzig Minuten?« Ich nickte. »Genau.« »Es kommt also niemand?« »Genau das meine ich. Heute Abend kommt kein Priester.« Sie atmete geräuschvoll aus. »Das bedeutet also, nur ich und ... du.« Dabei vollführte sie eine enttäuschte Handbewegung in meine Richtung. Was auch immer in ihrem Blut herumschwamm, hatte es bis in den Kopf geschafft. Sie wurde leichenblass, bekam Schweißperlen auf der Stirn. Sie schloss die Augen, schwankte, fing an zu summen und hob die Arme. Ob sie noch bei vollem Bewusstsein war, wusste ich nicht. Fast eine ganze Minute lang stand sie in der Kapelle, die Arme nach oben gestreckt, wiegte sich und summte irgendein Lied. Es gibt da eine Sache, die in meinem Brustkorb passiert, wenn ich Kinder um mich habe, die weit weg von zu Hause sind – und sich immer weiter entfernen. Das geht mir schon seit Jahren so. Während sie dastand, spürte ich, wie mir das Messer zwischen die Rippen drang. Als sie die Augen wieder öffnete, war ihr der Schweiß an den Schläfen heruntergelaufen. Sie ließ die Arme sinken. »Wow ... echt krass, der Ort.« Mit einer Hand hielt sie sich an einer Kirchenbank fest. Nach einer Weile bekam sie einen sauren Gesichtsausdruck, ihre Hand wanderte zu ihrem Bauch und sie fing an, unablässig zu blinzeln. »Oh Mann.« Ihre Wangen wurden dick und sie fing an zu würgen. Dann setzte Brechreiz ein. Sie suchte verzweifelt nach einem Boden, der nicht heilig war, rannte den Mittelgang hinunter und blieb schwankend stehen. »Ich glaube, ich muss ko...« Sie machte noch ein paar Schritte auf die Tür zu, aber der Boden war

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zu uneben für sie. Sie ging auf alle vieren und übergab sich. Und dann noch einmal. Die plätschernden und würgenden Geräusche hallten von den Steinwänden wider. Irgendwann wischte sie sich den Mund mit der Jacke ab, lehnte sich an eine Bank und schloss die Augen. Der Schweiß rann nur so an ihr herunter. »Ich fasse es nicht, dass ich gerade ...«, sagte sie, krabbelte den Mittelgang entlang, machte zwei Bänke vor mir halt und lehnte sich wieder an. »Wenn Sie ein Handtuch oder einen Wischeimer haben, mache ich das wieder sauber ...« »Schon gut.« Sie öffnete ein Auge. »Sie machen wirklich meine Kotze weg?« »Hab schon Schlimmeres gesehen.« Sie legte den Kopf ans Holz und die Hände flach auf den Boden. Als würde sie versuchen, die Welt vom Drehen abzuhalten. »Wenn Sie nicht Pater wären, würde ich Sie glatt küssen.« »Ich bin nicht der Pater.« »Was, und Sie küssen mich nicht?« Ich sagte nichts, zeigte nur auf den Speichelfaden, der an ihrem Kinn hing und ihr ins Dekolleté tropfte. Sie wischte ihn mit dem anderen Arm ab. »Na gut, vielleicht würde ich mich selbst jetzt nicht mal küssen, aber ...« Ihre Augenlider senkten sich wieder. »Ich kann echt suuuper küssen. Haben Sie schon mal ein Mädchen geküsst, Pater?« »Ja.« Sie sah sich um, als hätte sie Angst, jemand könnte unser Gespräch belauschen. »Und so was ist hier erlaubt?« Ich lachte. »Ja.« »Und wer sind Sie?« »Nur irgendein Typ.« »Verheiratet?« »War ich mal.« »War?« Eher eine Feststellung als eine Frage. »Viel zu kurz.«

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»Also ...« Sie lächelte. »Dann ist es schon länger her, dass Sie geküsst wurden?« »Jep.« »Dann wird es mal wieder Zeit.« Ich widersprach ihr nicht. Sie spitzte die Lippen und schloss die Augen. Diese Pose hielt sie einige Sekunden. »Sicher, dass Sie mich nicht küssen wollen? Ich bin wirklich gut.« »Das glaube ich.« Sie ließ die Lippen locker und spitzte sie erneut. Dabei sah sie aus wie ein Fisch. Wenn sie nicht so zugedröhnt gewesen wäre, wäre es witzig gewesen. »Sie verpassen was.« »Das sehe ich.« Sie sah mich aus Augen wie Schlitze an. »Wie alt sind Sie überhaupt?« »Neunundvierzig. Und du?« Sie antwortete, ohne nachzudenken. »Sechzehn.« Ihr Kopf lehnte wieder an der Kirchenbank. »Wenn Sie, na ja, nicht hier mit Gottes Atem im Nacken feststecken würden, könnte ich Sie meiner Mom vorstellen – auch wenn wir uns gerade nicht so richtig super verstehen, also würde ich« – sie hob einen Finger, um ihrer Feststellung Gewicht zu verleihen – »nicht allzu viel Hoffnung drauf setzen. Tanzen Sie, Pater?« Es war der Mühe nicht wert, sie zu berichtigen. Ich schüttelte den Kopf. »Selten.« Sie zeigte mit dem Finger auf mich, verfehlte aber wieder ihr Ziel. Dieses Mal um fast einen Meter. »Meine Mom würde Ihnen gefallen. Sie ist eine verflucht gute ...« Sie unterbrach sich selbst und krabbelte ein Stück in Richtung Tür. »Ich muss hier raus.« Dann zählte sie mit der Hand nah am Gesicht die Finger ab. »Zweiunddreißig, dreiunddreißig ...« Sie sah mich an. »Sie könnten mein Vater sein. Sie sollten meine Mom kennenlernen.« »Ich könnte technisch gesehen sogar dein Großvater sein.« Sie spitzte die Lippen. »Für einen Großvater sehen Sie aber

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ziemlich gut aus.« Sie drückte sich hoch. Mit geschlossenen Augen und einem wackligen Stand zog sie an ihrem Bikinioberteil, das ohne viel Widerstand herunterrutschte. Barbusig und mit Sonnenbrand stand sie da, die Lippen gespitzt, und wartete darauf, dass ich ihre Einladung annahm. Ein Mädchen, das unbedingt zur Frau werden wollte, obwohl ein Mädchen zu sein das war, was sie unbedingt brauchte. Ein silbernes Jerusalemkreuz baumelte an ihrem Hals. Wenn sie sich bewegte, prallte es von ihrer Haut ab und drehte sich leicht. Dabei sah man die feinen Gravierungen. Ihr fiel auf, dass ich es genauer in Augenschein nahm. »Gefällt Ihnen mein Kreuz?« »Ja.« »Wenn Sie es mir abnehmen, können Sie es haben.« Ich nahm eine weiße Robe vom Haken an der Wand und hing sie ihr um. Sie sah enttäuscht aus. »Bin ich nicht hübsch genug für Sie?« »Du bist mehr als hübsch.« Sie spielte mit ihrem Bikinioberteil und mit mir. »Zu versaut?« »Das nicht.« »Oh. So eine Kirche ist das. Sie sind schwul? Tut mir leid ...« Sie fummelte an ihrem Oberteil herum, kam aber nicht voran. »Und ich grabe dich hier total an.« »Nicht schwul.« »Sicher?« »Absolut sicher.« Ihre Augen wurden schmal. »Zu jung?« »Eher in die Richtung.« Ihre Nase bekam Wind von der Pfütze mit ihrem Erbrochenen, die zwischen uns auf dem Boden war. Sie verzog angewidert den Mund. »Sicher, dass ich Ihnen nicht lieber helfen soll?« »Sicher, dass du wieder in das Boot steigen willst?« Sie spitzte noch einmal mit geschlossenen Augen die Lippen. »Ich kann wirklich gut küssen, Pater. Sie sollten die Chance nut-

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zen, solange das Angebot besteht. Haben Sie Angst, dass ich es hinterher herumposaune?« »Nicht wirklich.« »Ich verrate es niemandem, ehrlich. Das ist unser kleines Geheimnis.« »Kannst du Geheimnisse für dich behalten?« Sie lächelte wissend. »Ich bin wie F-f-fort Knox.« Sie sah zum Beichtstuhl. »Können Sie vielleicht kurz der Ersatzpriester sein? Ich wollte nur, äh ...« »Nein.« »Wirklich nicht?« »Wirklich nicht.« »Das ist eine v-verflucht komische Kirche.« Ich musste lachen. Die Worte umkreisten ihren vernebelten und wirren Verstand, bis sie sich irgendwo nahe ihres Verständniszentrums niederließen. Sie sah mich erschrocken an. »Oh, tut mir leid. Ich sollte lieber meinen Mund ...« »Darf ich dir meine Telefonnummer geben?« »Wieso, ruft mich dann der Priester an?« »Nein, ich gebe dir meine Nummer. Nicht andersherum.« Sie winkte ab. »Pater, so ein Mädchen bin ich nicht. Ich gebe meine Telefonnummer nicht gleich beim ersten Date raus.« »Also ist das hier ein Date?« Sie sah enttäuscht aus. »Nicht wirklich. Sie küssen mich ja nicht mal.« Ich streckte meine Hand aus. Sie zog ihr Mobiltelefon aus der Gesäßtasche und hielt es mir hin. Mit der anderen Hand knöpfte sie den obersten Knopf ihrer Jeans-Shorts auf. Ein passendes Bikinihöschen lugte hervor. »Holen Sie es sich doch.« »Schließ die Augen.« Sie tat es, spitzte die Lippen und wartete schwankend. Wäre ich dreißig Jahre jünger gewesen, hätte ich vielleicht nicht gezö-

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gert. Aber so nahm ich nur vorsichtig ihr Telefon, das gesperrt war, drückte ihren Daumen auf den Home-Button und entsperrte es. Sie lächelte noch immer mit geschlossenen Augen. »Pater, ich kriege bald einen Lippenkrampf.« Ich tippte meine Nummer ein und speicherte sie unter »ICE-Pater«. Dann gab ich ihr das Telefon zurück. Sie las den neuen Kontakt. »ICE?« »In Case of ...« Sie hob abwehrend die Hand. »Emergency.« Mühevoll zwang sie ihre Augen, sich zu fokussieren, und las meine Nummer vor. »So eine Telefonnummer habe ich noch nie gesehen«, sagte sie nach der Hälfte der Zahlen. »Das ist ein Satellitentelefon.« »Bin ich jetzt was Besonderes?« »Du bist eine der wenigen Menschen auf diesem Planeten, die diese Nummer haben.« Sie zwinkerte mir zu. »Oh ... nicht übel. Sehr clever, Pater. Ich wette, Sie kriegen alle Mädels damit rum.« Ich wusste nicht, ob sie sich jemals an dieses Gespräch erinnern würde oder daran, wer »Pater« war, aber vielleicht gab es noch genügend nüchterne Gehirnzellen, die ihr dabei halfen, sollte sie einmal in Not sein. Ohne Vorwarnung riss sie die Arme hoch und drehte sich einige Male im Kreis. Dann schlenderte sie den Hauptgang hinunter und ließ dabei die Priesterrobe fallen. Ein kleines Wäschehäufchen blieb zurück. An der Tür angekommen, klammerte sie sich an den großen Riegel. Meine Stimme hielt sie auf. »Eine Bitte habe ich noch.« Sie tänzelte mit geschlossenen Augen um die eigene Achse. »Küssen Sie mich jetzt?« »Wie heißt du?« Sie schwenkte einen Zeigefinger hin und her. »Da müssen Sie sich schon mehr anstrengen.« Ich ging einen Schritt auf sie zu. »Sagen wir, es kommt tatsächlich ein neuer Priester, und er fragt nach dir.«

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»Wieso sollte er das tun?« »Damit er Gott bitten kann, auf dich aufzupassen.« Sie legte den Finger an die Lippen. »Oh. Der ist auch gut.« Zum ersten Mal bedeckte sie ihre Brüste mit dem Arm, aber eher spielerisch. Nicht aus Scham. »Sie haben es drauf, Padre. Sagen Sie das auch allen Mädchen?« »Nur zu dir.« Sie band sich das Bikinioberteil wieder um und beäugte die Wände, die uns umgaben. Sie war wieder das Mädchen. Dann ging sie ohne ein Wort zur Namenswand, zog einen Lippenstift aus ihrer Gesäßtasche und schrieb »Angel« unter den letzten Namen. »Ist das dein richtiger Name?«, fragte ich. »So nennt mich meine Mama.« Sie schwieg einen kurzen Augenblick. »Früher jedenfalls.« Das weiche Licht beschien ihr Gesicht und machte den Schmerz unsichtbar. Ich griff nach meinem Telefon und machte ein Foto von ihr. Die Tatsache, dass ich endlich Gefallen an ihr gefunden zu haben schien, behagte ihr offenbar. Sie lächelte. »Ein Andenken?« »So was in der Art.« Sie spielte wieder mit dem Bändchen ihres Bikinioberteils. »Sie hätten es vor ein paar Minuten machen sollen. Da gab es mehr zu sehen.« »Ich habe, was ich brauche.« »Brauche oder will?« Das Mädchen war nicht dumm. »Ich wette, irgendwo sucht jemand nach dir.« Ihr lag etwas auf der Zunge, aber sie lächelte nur und schluckte es hinunter. »Schreiben Sie Briefe, Pater?« »Manchmal.« Ihre Blicke wanderten über die Bänke und alles um sie herum verfinsterte sich. Selbst der verspielte Tonfall ihrer Stimme war verschwunden. »Ich habe einen Brief geschrieben.«

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»Darf ich ihn lesen?« »Er ist nicht an Sie. Sondern an meine Mom, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er ihr nicht gefallen hat.« »Wieso?« Sie sagte nichts. Das Nebelhorn ertönte wieder. Beim letzten Mal hatte sie es nur gehört; dieses Mal zog sie in Betracht, darauf zu reagieren. Sie sah mich an, als würde sie ihrerseits ein Erinnerungsfoto machen. Dann warf sie einen Blick auf den Beichtstuhl. »Glauben Sie, Gott rechnet es uns an, wenn wir zu ihm kommen, selbst wenn kein Priester da ist?« Zum ersten Mal konnte ich durch den Nebel direkt zu ihr sprechen. »Wenn es in diesem Leben darum geht, wer was angerechnet oder abgezogen bekommt ...« Ich schüttelte den Kopf. »Dann sind wir sowieso alle verloren.« »Und worum geht es dann?« Die Wand mit den vielen Namen war die Kulisse, vor der ich sprach. »Um die Reise ... vom gebrochenen Zustand zu einem der Heilung.« Sie nickte, schlang die Regenjacke um sich und stolperte still in den Regen hinaus. Ich stand an der Wasserkante, das Gesicht finster, und sah zu, wie sie auf mein Dock hinauslief und auf ein wartendes Schiff stieg. Eine Jacht. Mindestens fünfundzwanzig Meter lang. Der muskulöse Bootsführer nickte mir zu, ließ die Motoren aufheulen und nutzte seine Strahlruder, um das Boot um neunzig Grad vom Dock abzudrehen. Er tat das gegen den Strom und die Windrichtung – ein weiterer Beweis für einen erfahrenen Kapitän. Auf dem Weg nach achtern und hin zu den anderen Partygängern schwankte das Mädchen zwischen Reling und Kabinenwand. Blaues Licht, dass zu einem Whirlpool gehörte, erleuchtete das Achterdeck. Ein Barkeeper war zu sehen. Ein DJ. Kosten spielten offensichtlich keine Rolle. Ein Mann empfing das Mädchen, der augenscheinlich älter

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war als sie. Sogar in der Dämmerung schienen mir seine Augen noch sehr dunkel zu sein. Er war fit. Muskulös. Enges T-Shirt. Goldketten. Sie gab ihm die Regenjacke und er legte einen Arm um ihre Taille. Dann gab er ihr ein Schnapsglas, dessen Inhalt sie sofort hinunterstürzte. Anschließend hielt er ihr irgendetwas mit glühendem Punkt an die Lippen. Sie zog daran und das Glühen wurde stärker. Nachdem sie achtern angekommen war, zog sie ihre Jeansshorts aus und glitt mit ihrem knappen Bikini ins heiße Wasser mit einem guten Dutzend vermutlich ebenso stockbesoffener Menschen. Die Lichter der Jacht wurden nach und nach auf der südlichen Küstenwasserstraße immer kleiner. Eine weitere Party bis zum Morgengrauen. Eine Jacht von dieser Größe war ein Statement. Aus meiner Erfahrung investierten die Reichen ihr Geld in Immobilien, aber eine Jacht kauften sie, um Aufmerksamkeit zu erregen. Um ihre Macht zu zeigen. Eine fahrende Kunstgalerie auf dem Wasser. Und während die meisten Bootsbesitzer wollten, dass alle wussten, wer sie waren und wie sie nur auf den schlauen Namen ihres Wasserfahrzeugs kommen konnten, war der Name dieses Bootes abgedeckt und verhüllt. Das bedeutete, hier gingen Leute an Bord, aber nicht alle gingen wieder von Bord. Und das war nicht gut.

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