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Hans-Dietrich   Nehring

Mit Bildern von Stefanie Klaßen


Singende Verbrecher

Emma schaut aus dem Fenster auf den Kirchplatz. Auf einer kleinen Mauer entdeckt sie Linus mit seinem blonden Wuschelkopf. Sein Skateboard lehnt neben ihm. An seiner anderen Seite sitzt seine kleine Schwester Sina in ihrem rosa Kleid. Auf dem Rücken hat sie einen kleinen rosa Rucksack. Sie geht in die erste Klasse. Linus geht in die vierte Klasse. Sie warten auf den Kindergottesdienst. Die Sonne scheint, über der bunten Blumenwiese vor der Kirche surren Bienen und Schmetterlinge flattern umher. Die Kirchturmuhr läutet: Viertel vor zehn. Vereinzelt gehen Gottesdienstbesucher an Linus und Sina vorbei, unterhalten sich und verschwinden in der Kirche. Alles ist friedlich. »Gleich kommt der Bus!« In Emmas Bauch kribbelt es. Ihr Blick wandert die Straße entlang, die zwischen den Häusern zur Kirche heraufführt. Emma quetscht ihre Nase an die Scheibe. Sie kann ihn nicht entdecken. Ob der Bus Gitterstäbe vor 5


den Fenstern hat? Sie springt auf und rennt die Treppe hinunter. Sie will nichts verpassen. Linus und seine kleine Schwester sitzen immer noch auf der Mauer und warten. »Du weißt, was Mama und Papa gesagt haben! Du darfst mich nicht allein lassen!«, quengelt Sina. Sie ist unruhig. Schon so oft ist Linus zu Abenteuern losgezogen und hat sie allein zurückgelassen. Sina hasst es, von ihrem Bruder im Stich gelassen zu werden, und sie hasst Abenteuer. »Ich bin doch da! Außerdem: Siehst du hier irgendeinen Verbrecher, Mörder oder Dieb, der dir etwas antun könnte?« Sina antwortet nicht, sondern streckt ihm die Zunge raus. Sie steht auf und fängt an, auf der Mauer hin und her zu balancieren. »Oder hast du Angst vor Hannes?« Linus deutet auf Hannes. Er läuft gerade die Treppe zum Vorplatz runter. Hannes ist sein bester Freund. Mit seinen schwarzen Haaren und seiner Brille sieht er wie ein Professor aus. Sina mag Hannes nicht so richtig, weil er immer so klug daherredet. Linus und er begrüßen sich.

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»Meine Schwester hat mal wieder Angst!« Linus verdreht die Augen. »Wir gehen in den Kindergottesdienst. Was soll da schon passieren?«, sagt Hannes. Er grinst und deutet auf die Blumenwiese, über der die Schmetterlinge fliegen. Sina zieht ein Gesicht, setzt sich wieder neben Linus und schaut zur Straße. Da kommt ein schwarzer Bus mit schmalen, kleinen Fenstern. Er biegt auf den Parkplatz ein, der zur Kirche gehört. Die Bremsen quietschen. »Guckt mal da, ein Bus!«, flüstert sie aufgeregt. »Da steht etwas drauf!« Linus dreht sich zum Parkplatz. »Justiz…voll... zugs…anstalt«, liest er langsam. Was soll das bedeuten? Justizvollzugsanstalt? »Der Bus kommt aus dem Gefängnis!«, ruft Emma von Weitem. Als sie angekommen ist, stößt sie zwischen zwei Atemzügen hervor: »Die Fenster sind so klein, damit kein Gefangener ausbricht.« »Da sind Gefangene drin?« Sina reißt erschrocken die Augen auf.

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»Ja, das ist der Gefangenenchor. Er singt bei uns in der Kirche!«, sagt Emma stolz. »Das ist ja cool!« Linus ist begeistert. Endlich passiert mal etwas. Hannes denkt nach: Ob die Verbrecher wohl gestreifte Kleidung anhaben? Er hat so etwas schon einmal in einem Comic gesehen, da hatten die Ganoven eine Art Schlafanzug mit grauen und weißen Streifen an. Er kann sich das nicht so richtig vorstellen. Ob sie so in der Kirche singen? Das wäre komisch. Der Bus zischt und hält an. Sina tippelt mit ihren Füßen hin und her. »Heißt das, da kommen gleich Bankräuber, Mörder und Betrüger raus?« »Genau, und dann singen sie uns ein Ständchen!«, freut sich ihr Bruder. »Ja, das war Papas Idee!« Emmas Augen leuchten. Ihr Papa ist der Pfarrer und hat alles organisiert. Linus springt von der Mauer auf und beobachtet den Bus genau. Jetzt öffnet sich die Tür. Ein Mann mit einem schwarzen Anzug und einem weißen

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Hemd steigt aus. Weitere Männer mit schwarzen Anzügen und weißen Hemden folgen. »Ist die Polizei auch dabei?«, will Linus wissen. »Weiß nicht. Vielleicht ein Aufseher aus dem Gefängnis, der eine Pistole hat!«, überlegt Emma. »Irgendjemand muss ja aufpassen, dass niemand flieht.« Die Männer setzen sich in Bewegung und kommen näher. Sina hält sich an Linus fest. Jetzt wird auch ihm etwas mulmig. Die Männer haben alle ein Notenheft in der Hand. Es ist tatsächlich ein Chor. Einer der Männer, er ist größer als die anderen, dreht den Kopf und mustert die Kinder. Er entdeckt Sina und schaut sie lange an. Einen kurzen Augenblick lang treffen sich ihre Blicke. Sina stockt der Atem. »Was will der von mir?«, denkt sie. Vielleicht will er sie als Geisel nehmen? Sie versteckt sich hinter Linus’ Rücken. In Sinas Fantasie hat der Mann sie schon gepackt und entführt. Die Polizisten rennen hinterher und schießen mit der Pistole. »Ich will nach Hause!«, flüstert sie.

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»Dann geh doch heim! Ich bleib hier.« Linus schüttelt Sina ab. Die Gefangenen sind zur Kirche weitergegangen. »Du musst mit! Mama und Papa haben gesagt, dass du auf mich aufpassen musst!« »Mach ich aber nicht! Verpetz mich doch!« »Wollt ihr nicht in die Kirche gehen? Der Gottesdienst fängt gleich an!« Frau Holzer ist neben den Kindern stehen geblieben. Sie ist lang und dürr und hat weiße Haare. Niemand weiß, wie alt sie ist. Sie war schon immer da. Sie weiß immer, was falsch und was richtig ist. »Mein Papa hat den Gefangenenchor eingeladen. Er singt heute im Gottesdienst. Jetzt hat Sina Angst, in die Kirche zu gehen!«, erklärt Emma. »Wen hat dein Vater eingeladen? Den Gefangenenchor?« Frau Holzer ist entsetzt. »Das ist viel zu gefährlich!« »Es ist bestimmt ein Wachmann mit einer Pistole dabei!«, entgegnet Emma. »Vielleicht sogar mit einem Maschinengewehr! Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen«, tröstet Linus die alte Dame.

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»Ich will keine Pistole in der Kirche haben und ein Maschinengewehr schon gleich gar nicht!« Die Stimme von Frau Holzer wird merkwürdig dünn. »Das sind alles rechtmäßig verurteilte Verbrecher! Die gehören ins Gefängnis und nicht in die Kirche!«, schimpft sie los. »Mein Papa sagt, das sind nicht nur Verbrecher«, sagt Emma. »Sie haben alle etwas Schlimmes getan, das stimmt. Sie sind aber auch Menschen, sie haben Frauen und Kinder. Sie haben vielleicht auch schon Gutes getan. Niemand ist immer nur böse!« »Das kann schon sein. Trotzdem haben sie nichts bei uns zu suchen!« Sina hat den Eindruck, als würden die Augen der Frau langsam hervortreten. »Wissen Sie eigentlich, dass die Gefangenen nie rauskommen? Sie haben ganz selten Besuch. Viele Familien reden nicht mehr mit ihnen. Jeden Tag bekommen sie nur Gefängniskost zu essen. Wenn sie bei uns singen, sehen sie mal etwas anderes. Und mein Papa hat für später extra etwas Leckeres für sie besorgt«, sprudelt es aus Emma heraus.

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Sina schaut sie bewundernd an. Sie würde gern so mutig sein wie Emma. »Das sind Verbrecher! Man stelle sich das mal vor: Letzte Woche ist einer bei mir eingebrochen und heute singt er für mich in der Kirche!« Die Kinder bekommen einen Schreck. »Bei Ihnen ist eingebrochen worden?«, fragt Hannes. »Nein! Aber könnte doch sein. Ich will damit sagen, die haben bei uns nichts verloren.« Die Frau schaut Emma an: »Das ist hier eine Kirche und kein Gefängnis!« Emma weiß keine Antwort, aber zum Glück kommt Hannes ihr zu Hilfe: »Jesus ist auch zu den Verbrechern gegangen und hat keine Angst gehabt!« »Dann soll doch der Pfarrer Friedrich ins Gefängnis gehen und sie nicht hierher einladen. Dafür bekommt er sein Geld! Hoffentlich passiert nichts Schlimmes. Ich finde das unmöglich. Ich geh wieder heim!« Mit diesen Worten dreht sich Frau Holzer um und geht weg. »Ich habe auch Angst!«, meldet sich Sina klein-

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laut zu Wort. Sie spürt, wie die Angst in ihr hochkrabbelt. »Ich pass auf dich auf. Keine Sorge!«, sagt Emma. »Wir Mädchen müssen doch zusammenhalten! Los, wir finden raus, was das für Leute sind!« Sina zögert. Sie will gern zu Emma halten, aber Angst hat sie trotzdem. »Lasst uns reingehen und schauen, was passiert!«, schlägt Linus vor. Linus und Hannes klatschen sich mit den Händen ab. Hannes hält auch Sina seine Handfläche hin. Sina klatscht zaghaft ein.

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Zum Glück bin ich nicht so wie die anderen!

In der Kirche müssen sich die Augen der Kinder an das Dämmerlicht gewöhnen. Die Männer in den schwarzen Anzügen und den weißen Hemden haben sich vorne aufgestellt. Der Chorleiter gibt Anweisungen. Emma führt ihre Freunde direkt zur ersten Reihe. Da sitzen die Kindergottesdienstkinder immer. Auch Sina setzt sich. Sie sieht zum Chor und erschrickt. Schon wieder schaut der Gefangene von vorhin sie an. Sinas Herz klopft. Plötzlich fangen alle an zu singen. Tief und mächtig erklingen die Männerstimmen. Die ganze Kirche füllt sich mit ihrem Gesang. Der Chorleiter winkt mitten im Lied ab und nickt zufrieden. »Verbrecher, die singen! Das ist cool!« Linus ist begeistert. »Vielleicht ist auch ein Mörder dabei?«, überlegt Hannes.

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Sie betrachten die Sänger. Niemand von ihnen sieht wie ein Bankräuber oder Mörder aus. Nur die Augen fallen auf. Fast alle haben traurige Augen. So viele traurige Augen haben sie noch nie gesehen. Da entdecken sie den Wachmann. Er sitzt in der ersten Reihe und passt auf. Seine Jackentasche beult sich merkwürdig nach außen. »Schau mal!« Hannes deutet auf den Wachmann. »Siehst du seine Jackentasche? Da ist bestimmt die Pistole drin!« Die Kirche füllt sich langsam. Immer mehr Kinder kommen nach vorne und setzen sich zu ihnen. Alle staunen über den Gefangenenchor. Die Glocken läuten. Der Gottesdienst beginnt. Kurz darauf werden die Kinder in den Kindergottesdienst eingeladen, den Frau Friedrich, Emmas Mutter, leitet. »Heute hören wir die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner, die Jesus einmal erzählt hat!«, sagt sie. In einem langen Zug verlassen die Kinder die Kirche und gehen ins Gemeindehaus.

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Emma rempelt Linus mit dem Ellbogen an. »Später gibt es noch Kaffee und leckere Brötchen für die Gefangenen. Da versuchen wir mit einem der Verbrecher zu reden«, flüstert sie ihm zu. Sina hält sich an der Hand von Emmas Mutter fest. Sie will ganz bestimmt nicht mit einem Verbrecher reden. Der Kindergottesdienst macht richtig Spaß. Es wird gesungen, gebetet, gespielt und ganz viel gelacht. Dabei vergessen sie ganz den Gefangenenchor. Selbst Sina macht aufmerksam mit. Jetzt kommt die Geschichte. Das ist immer der Höhepunkt. Emmas Mama erzählt sie und Emma soll dazu spielen. Das haben sie zusammen zu Hause vorbereitet. »Die Pharisäer sind angesehene Leute«, fängt Emmas Mutter an zu erzählen. »Sie versuchen alles richtig zu machen. Sie geben viel Geld für arme Menschen. Sie sind stolz darauf. Sie halten sich ganz fest an die Gebote Gottes. So ein Pharisäer steigt nun die Tempelstufen hinauf, um im Tempel zu beten.« Emma steigt als Pharisäer unsichtbare Stufen hinauf, mit stolzem Blick und aufrechtem Gang.

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Ihre Mama erzählt weiter: »Jetzt ist er oben angekommen und schaut sich um. Da sieht er einen Zöllner die Treppe raufsteigen. Das ist ein Mann, der am Stadttor von jedem, der etwas in der Stadt verkaufen will, Geld verlangt. Seine Stirn legt sich in Falten. Was will der denn hier? Ist das nicht ein Betrüger? Wie kann er es wagen, vor Gott zu treten? Einer wie der hält sich nicht an die Gebote Gottes. Er denkt nur immer an sich und wie er den Menschen ihr Geld wegnehmen kann! Der Pharisäer betet: Lieber Gott, ich danke dir dafür, dass ich nicht so bin wie der Zöllner. Emma, kannst du das auch spielen?« Emma reckt stolz ihr Kinn nach oben, lässt hochnäsig ihren Blick herumwandern und sagt: »Schaut euch einmal diesen Zöllner an. Also ich bin froh, dass ich nicht so bin wie der! Danke Gott, dass du mich so toll gemacht hast und nicht so wie den da!« Alle lachen. Emma kann richtig gut schauspielern. »Wer möchte das auch mal spielen?«, fragt Emmas Mutter.

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Fast alle wollen. Schauspielern macht Spaß. Schließlich ist Hannes an der Reihe. »Darf ich auch etwas anderes sagen?«, fragt er. »So mit anderen Personen?« »Gern«, sagt Emmas Mutter und beobachtet ihn gespannt. »Lieber Gott, ich danke dir dafür, dass ich so viele Haare habe und keine Glatze wie Pfarrer Friedrich.« Alle lachen. Das ist richtig frech. »Jetzt bin ich dran«, ruft Linus. »Ich bin froh, dass ich immer mutig bin und nicht dauernd Angst habe wie die Mädchen!« Eigentlich wollte er »wie Sina« sagen, aber das hat er sich dann doch nicht getraut. Emma ist sauer. Sie stellt sich noch einmal hin, schaut Linus an und sagt laut: »Und ich bin froh, dass ich klug bin und nicht so dumm wie gewisse Jungs.« Linus streckt ihr die Zunge raus. Aber als sie sich wieder neben ihn setzt, flüstert er ihr zu: »Entschuldigung, war nicht so gemeint.« Schließlich fragt Emmas Mama: »Sina, willst du nicht auch etwas sagen?«

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Sina hat die ganze Zeit nur zugehört. Jetzt schauen alle zu ihr hin. Langsam steht sie auf. Sie stellt sich in die Mitte, dorthin, wo auch Emma den Pharisäer gespielt hat. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Sie muss an die Gefangenen denken. »Du musst nichts sagen, wenn du nicht willst«, lenkt Emmas Mama ein. Aber Sina weiß jetzt, was sie sagen will: »Lieber Gott, ich danke dir, dass ich noch nie etwas Böses gemacht habe und deshalb im Gefängnis sitzen muss wie die Verbrecher, die heute bei uns in der Kirche singen.« »Prima«, sagt Emmas Mutter. »Jetzt spielt Emma, wie der Zöllner die Treppe zum Tempel hochgeht.« Emma macht es den Kindern vor. Sie lässt ihre Schultern hängen, setzt einen schuldbewussten Blick auf und senkt den Kopf. Dazu erzählt ihre Mama: »Der Zöllner hat ein schlechtes Gewissen. Er denkt an die vielen Leute, denen er zu viel Geld abgenommen hat, um es selbst einzustecken. Eigentlich ist er ein Verbrecher. Er traut sich gar nicht, nach oben zu schauen. Als er an den Stufen

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des Tempels angekommen ist, betet er: »Gott, ich habe viel falsch gemacht. Ich weiß, dass ich nicht besser bin als andere Menschen. Vergib mir, ich will nicht mehr so sein. Ich will alles wiedergutmachen.« Emma hat die Hände gefaltet und so innig gebetet, dass die Kinder ganz betroffen sind. Jetzt setzt sie sich wieder hin. Es ist ganz still. »Was meint ihr«, fragt Emmas Mutter, »welches Gebet gefällt Gott besser?« Alle haben ein schlechtes Gewissen. Jeder spürt: Der Zöllner hat es richtig gemacht und der Pharisäer falsch. Niemand soll denken, dass er besser ist als jemand anderes. Sina schämt sich, weil sie vorhin so froh war, kein Verbrecher zu sein, und das auch noch laut gesagt hat. Alle haben es gehört.

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Eine unheimliche Begegnung

Als der Kindergottesdienst zu Ende ist, laufen Emma, Hannes und Linus so schnell sie können zurück zur Kirche. Sina bleibt lieber im Gemeindehaus und räumt mit auf. Auf dem Platz vor der Kirche sind Stehtische aufgebaut. Es gibt Kaffee, Limo und belegte Brötchen und Kuchen. Die Gefangenen stehen schon da, mit Tassen in der Hand. Die drei Kinder schnappen sich jeweils eine Limo und setzen sich auf ihren Platz auf der Mauer. Linus schaut sich einen Gefangenen nach dem andern an. »Ob das wirklich alles Verbrecher sind? Vielleicht ist ja einer von denen ein Bankräuber!«, denkt er. »Ich glaub, der da ist ein Mörder!« Heimlich zeigt Hannes auf einen Mann mit Glatze und

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Zahnlücke. Direkt neben ihm steht der Beamte aus der Kirche und überwacht alles. »Der da hat vielleicht einen Überfall gemacht.« Linus richtet den Finger auf einen dicken Mann, der sich gerade ein Brötchen holt. »Ob das ein Erpresser ist?«, fragt Hannes und deutet mit dem Kinn auf einen mit dunklen Bartstoppeln. »Hört auf damit!« Emma funkelt die beiden an. »So redet man nicht über Menschen, denkt an den Pharisäer und den Zöllner « Einen Augenblick sind die zwei still. Linus und Hannes haben zum zweiten Mal für heute ein schlechtes Gewissen. »Schaut mal, da ist der Mann, der vorhin zu Sina geguckt hat«, sagt Emma. »Den spreche ich jetzt an.« Linus hält sie fest: »Du darfst mit denen nicht reden, du bist ein Kind!« »Darf ich doch«, sagt sie. Sie beschließt aber, lieber erst den Aufpasser mit der Pistole zu fragen, und läuft zu ihm hin. »Dürfen wir einen der Gefangenen fragen, warum er im Gefängnis ist?«

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Der Beamte schmunzelt. »Wen wollt ihr denn fragen?« »Den da!« Emma deutet auf den Mann. Plötzlich steht Linus neben ihr. »Der hat vorhin so komisch geguckt. Vielleicht sagt er uns, warum?« Linus sieht den Beamten an. »Okay, den könnt ihr fragen! Wartet, ich komme mit!« Jetzt kommt auch Hannes dazu. Gemeinsam gehen sie zu dem Gefangenen. »Hallo, ich bin Emma! Und wie heißen Sie?« »Ich bin Freddy«, antwortete er. Er hat einen leichten Singsang in der Stimme. »Warum haben Sie vorhin so lange zu uns geschaut?«, fragt Linus frech. »Hab ich das?« Freddys Blick huscht zu dem Beamten. »Ja, das haben Sie!«, sagt Linus. »Wo ist denn eure kleine Freundin in dem rosa Kleid?« »Die räumt noch auf. Sie kommt gleich«, antwortet Emma. »Warum will er wissen, wo Sina ist?«, denkt

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Emma unruhig. Will er sie etwa entführen? Emma fühlt sich verantwortlich. Schließlich hat ihr Vater alles eingefädelt. Jetzt nimmt Hannes seinen ganzen Mut zusammen und fragt: »Warum bist du im Gefängnis?« Freddy schaut die drei lange an und sagt: »Ich habe eine Bank geknackt!« Hannes zieht die Luft ein. Er steht vor einem Bankräuber! »Hast du das Geld noch?« Jetzt ist Linus in seinem Element. Der Vollzugsbeamte steht daneben und grinst. »Das wüsste die Polizei auch gerne!« Freddy schüttelt den Kopf. »Ich habe das Geld nicht mehr! Das könnt ihr mir glauben. Mein Kumpel hat es!« Auf einmal hört man Pfarrer Friedrichs Stimme. Er steht am Eingang der Kirche neben dem Chorleiter des Gefangenenchores. »Wir gehen noch einmal alle rein. Der Chor singt uns noch ein Lied und dann müssen unsere Gäste zurück nach Hause!«, ruft er so laut, dass alle es hören. Emma verdreht die Augen über ihren Vater. »Die

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gehen nicht nach Hause, sondern ins Gefängnis.« Alle strömen in die Kirche. Auch die drei Kinder gehen mit. »Wo ist eigentlich Sina?«, flüstert Linus. »Immer noch bei meiner Mama im Gemeindehaus«, beruhigt Emma ihn. Aber Sina ist schon lange nicht mehr im Gemeindehaus. Vorsichtig ist sie an allen vorbeigeschlichen. Sie sitzt ganz hinten, kurz vor der Straße, auf der Mauer, die die Blumenwiese begrenzt. Dort ist sie weit genug weg und kann alles beobachten. Gerade hat Pfarrer Friedrich etwas gesagt und daraufhin sind alle in die Kirche zurückgegangen. Sina bleibt sitzen. Sie denkt über die Gefangenen nach. »Wenn ich groß bin, möchte ich solchen Menschen helfen«, denkt sie. Sie will nicht noch mal so etwas sagen wie im Kindergottesdienst. Der Platz vor der Kirche leert sich. Sina schaut auf die Blumenwiese vor ihr. Überall surrt es. Es gibt Hunderte von Bienen. Ein gelber Schmetterling fliegt hin und her. Plötzlich spürt sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sina zuckt

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zusammen. Erschrocken dreht sie sich um. Es ist der Gefangene, der sie vorhin so lange angeschaut hat. »Wie heißt du?«, fragt der Mann. Sina starrt ihn an. Einen kurzen Moment hat sie das Gefühl, dass alles stehen bleibt. Der gelbe Schmetterling bleibt vor ihr in der Luft hängen. Die Bienen fliegen nicht weiter. Alles ist erstarrt. »Wie heißt du?«, fragt der Mann noch einmal. »Ich heiße Sina«, stottert sie. »Und du?« »Ich bin der Freddy. Darf ich mich zu dir setzen?« Warum spricht er mit so einer merkwürdig weichen Stimme? Sina schaut sich um. Hilft ihr denn niemand? Der Platz ist wie leer gefegt. Alle sind in der Kirche. Etwas weiter weg steht noch der Bus. Ob der Busfahrer sie sehen kann? Freddy wartet ihre Antwort gar nicht ab und setzt sich hin. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und flüstert: »Warum bist du im Gefängnis?« Ihre Stimme ist heiser vor Aufregung.

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»Sprich nicht so leise, kleines Mädchen. Ich verstehe dich nicht!« Sina räuspert sich. »Warum bist du im Gefängnis?«, wiederholt sie etwas lauter. »Ich habe eine Bank überfallen.« Sina reißt die Augen auf. Sie sitzt allein neben einem Bankräuber. Ist das ein Albtraum? Was passiert als Nächstes? Wo ist der Beamte aus dem Gefängnis? »Ich wäre gerne auch so frei wie so ein Schmetterling. Aber ich bin eingesperrt.« Freddys Stimme klingt jetzt ganz traurig und gar nicht mehr unheimlich. In Sina regt sich Mitleid. »Zu Hause habe ich auch eine kleine Tochter. Sie sieht so aus wie du!« Überrascht schaut Sina ihn an. »Echt?« Sie kann sich gar nicht vorstellen, dass Verbrecher auch Kinder haben. »Ja«, Freddy nickt. »Ich habe sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.« »Warum?« »Ich bin doch im Gefängnis!« »Stimmt!« Darauf hätte Sina kommen können.

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Da hat sie eine Idee: »Kann sie dich denn nicht besuchen?« »Ihre Mama verbietet es ihr! Die hat mit mir geschimpft und gesagt: Deine Tochter siehst du nie mehr!« »Das ist gemein!« »Meine kleine Tochter weiß gar nicht, dass ich im Gefängnis bin. Sie soll das nicht wissen. Ihre Mama hat ihr erzählt, dass ich Matrose auf einer Kreuzfahrt bin.« Sina wundert sich. Eine Kreuzfahrt dauert doch nicht zwei Jahre! Plötzlich schaut ihr Freddy in die Augen: »Kannst du sie für mich suchen?« Sina nickt. Für einen kurzen Moment lächelt Freddy. Dann wird er wieder traurig und schaut auf einen Schmetterling, der gerade vor ihm fliegt. »Mein Papa hat mich nicht lieb gehabt. Als ich fünf Jahre alt war, ist er auf eine Seefahrt gegangen und nicht mehr zurückgekommen.« Sina schweigt betroffen und denkt an ihren Papa. Der ist immer da, wenn sie ihn braucht. Dann gibt sie sich einen Ruck. »Wie soll ich

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das machen? Ich weiß doch gar nicht, wo sie wohnt!« »Ich habe ihr einen Brief geschrieben.« Freddy greift in die Jackentasche seines schwarzen Jacketts und holt einen Briefumschlag heraus. »Steck ihn schnell ein! Lies ihn durch, dann weißt du Bescheid!« Sina sieht den Umschlag unschlüssig an. Sie nimmt ihren rosa Rucksack vom Rücken und steckt ihn hinein. »Sie hört vielleicht auf dich. Du bist auch ein Mädchen«, brummt Freddy leise. Da werden die beiden gestört: »Schluss hier, komm sofort her!«, ertönt eine Stimme. Sie gehört dem Vollzugsbeamten mit der Pistole. Er ist aus der Kirche gekommen und läuft mit raschen Schritten auf Freddy und Sina zu. »Du sollst doch in der Kirche singen und nicht hier draußen Gespräche führen, noch dazu mit einem Kind, was fällt dir bloß ein!«, schimpft er laut. »Jetzt gehst du gleich in den Bus und wartest dort auf die anderen!« Schnell steht Freddy auf und geht zum Bus. Auf

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halbem Wege dreht er sich um und ruft Sina zu: »Vergiss mich nicht!« Das wird Sina bestimmt nicht. Sie wird es ihr ganzes Leben nicht vergessen. Sie hat allein auf der Kirchenmauer gesessen und mit einem echten Verbrecher geredet.

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