Lynn Austin
Ufer der Erinnerung
Prolog Chicago, Illinois August 1897 Meine liebste Oma Geesje, es ist mir sehr schwergefallen, dir Lebewohl zu sagen, nachdem ich dir gerade erst begegnet war und erfahren hatte, dass du meine Großmutter bist. Ich wäre nur zu gerne in Michigan geblieben, um dich und all meine anderen Verwandten in Holland etwas besser kennenzulernen. Aber wie du in deiner Weisheit zu bedenken gabst, musste ich zu meinem Leben in Chicago und meinen Adoptiveltern, die ich innig liebe, zurückkehren. Mein kurzer Aufenthalt im Hotel Ottawa in diesem Sommer hat mein Leben verändert. Ich wusste immer, dass Mutter und Vater mich adoptiert hatten, als ich noch sehr klein war, aber nachdem ich die ersten dreiundzwanzig Jahre meines Lebens ohne jegliche Kenntnis meiner Vergangenheit verbracht hatte, war es aufregend, endlich zu entdecken, wer ich wirklich bin. Deine Lebensgeschichte zu lesen und zu erfahren, wie du vor fünfzig Jahren aus den Niederlanden nach Amerika ausgewandert bist, hat mir geholfen zu erkennen, dass ich Teil einer viel umfassenderen Geschichte und einer viel größeren Familie bin. Und ich weiß nun, dass durch mich die Geschichte meiner Mama Christina fortgesetzt wird, liebe Oma – eine Geschichte, die viel zu früh endete. Aber was mache ich jetzt? Ich bin nach Hause gefahren in der Hoffnung, dass mein Glaube an Gott weiter wachsen wird. Aber von dem Augenblick an, in dem ich wieder in Chicago war, haben mich die vielen gesellschaftlichen Anlässe und Erwartungen, vor denen ich in diesem Sommer über den Lake Michigan ins Hotel Ottawa geflohen war, gleich 5
wieder mit sich gerissen. Ich habe nur sehr wenig Zeit, um in meiner Bibel zu lesen, geschweige denn zu beten. Aber wann immer ich das Gefühl habe, dass mir alles zu viel wird, denke ich an deine weisen Worte – dass Gott mich aus gutem Grund an diesen Ort gestellt hat, in das Leben, das ich hier führe. Hier in Chicago gibt es Dinge, die er mich lehren will, und ich weiß, dass er einen Plan und ein Ziel für mich hat. Ich versuche immer noch, den Verlust meiner wahren Mutter zu akzeptieren, aber wenigstens verstehe ich jetzt, dass der leere Platz, den ich immer in meinem Herzen gespürt habe, früher einmal von ihr gefüllt war. Meine Trauer darüber, sie im Alter von drei Jahren verloren zu haben, war immer da, auch wenn meine Adoptiveltern meinem Leben Liebe und Stabilität gegeben haben. Ich kämpfe auch nach wie vor mit den Erinnerungen an das Schiffsunglück und daran, dass ich beinahe ertrunken wäre – ein Ereignis, das unbewusst mein Leben geprägt und mich ängstlich und nervös gemacht hat. Jetzt, wo ich die Ursache meiner Ängste kenne, kann ich vielleicht damit beginnen, mich zu ändern. Vater hat mir erlaubt, die Detektei Pinkerton zu engagieren, um mehr über Mama und die fehlenden Jahre zwischen Oktober 1871, als sie mit Jack Newell von zu Hause wegging, und ihrem Tod im September 1877, als sie bei dem Schiffsunglück umkam, herauszufinden. Ich bin gespannt, ob Jack mein leiblicher Vater ist und was mit ihm und Mama geschehen ist, nachdem sie Michigan verließen. Auf jeden Fall werde ich es dich wissen lassen, wenn ich etwas herausfinde, da meine Geschichte auch deine Geschichte ist. Wir unternehmen diese spannende Reise zusammen, Oma. In der Zwischenzeit nehmen die Pläne für meine Hochzeit mit William weiter Gestalt an. Ich hoffe, dass die Veränderungen, die ich in ihm gesehen habe, als das Jenison Park Hotel in Flammen stand, sich als dauerhaft erweisen. In jener Nacht hat er zu mir gesagt, er sei bereit, besser zuzuhören, wenn ich über geistliche Dinge rede, und er wolle nicht, dass mein neuer Glaube zwischen uns stehe. Nachdem ich 6
erfahren habe, dass Vater sein Leben riskiert hat, um mich zu retten, als die Ironsides sank, ist es mir ein noch größeres Anliegen, William zu heiraten, damit ich Vater aus seinen finanziellen Schwierigkeiten helfen kann. Obwohl ich gestehen muss, dass ich manchmal Anflüge von Panik verspüre und nicht von Vorfreude, wenn William mir seine Pläne für unser gemeinsames Leben darlegt. Mutter nennt es kalte Füße. Bitte grüße Derk von mir, wenn du ihn siehst. Er hat bei allem, was in diesem Sommer geschehen ist, eine entscheidende Rolle gespielt und ich werde ihn immer als lieben Freund betrachten. Ich vermisse dich, Oma! In Liebe, Anneke
WW Holland, Michigan September 1897 Meine liebste Anneke, es war mir eine große Freude, von dir zu hören. Ich bin froh, dass es dir gut geht und dass du dich in Chicago wieder einlebst. Die ganze Aufregung in unserer Kleinstadt Holland hat sich endlich gelegt, nachdem die Veranstaltungen anlässlich der Fünfzigjahrfeier unserer Stadt zu Ende gegangen sind. Ich habe mich überreden lassen, mit einigen anderen holländischen Siedlern der ersten Stunde auf einem Umzugswagen die Eighth Street hinunterzufahren, aber es kam mir sehr albern vor, mich so zur Schau zu stellen. Die Geschichte, wie ich mit Dominee Van Raalte und der ersten Gruppe aus den Niederlanden nach Michigan eingewandert bin, ist mit den Geschichten der anderen Siedler in einem Buch veröffentlicht worden. Aber du bist der einzige Mensch, der die Original7
fassung hat, in der ich all meine Zweifel und Ängste und Lieben und Verluste gebeichtet habe. In der gedruckten Fassung stehen nur die Fakten. Meine Liebe, ich rate dir, dich nicht von William oder deinen Eltern oder sonst irgendjemandem unter Druck setzen zu lassen, eine Entscheidung zu treffen, für die du nicht bereit bist. Wie du durch die Lektüre meiner Lebensgeschichte weißt, führt es nie zu guten Ergebnissen, wenn wir übereilte Entscheidungen treffen, vor allem bei einer so wichtigen Entscheidung wie der Ehe. Und so sehr es dich auch ehrt, dass du deinem Vater helfen willst, glaube ich nicht, dass es ihm recht wäre, wenn du William nur aus finanziellen Gründen heiraten würdest. Derk war vor ein paar Tagen hier, um Hallo zu sagen und mir zu erzählen, dass er sein Theologiestudium wieder aufgenommen hat. Es ist sein letztes Jahr am Seminar und dann wird er Pastor. Er lässt dir ausrichten, dass er oft an dich denkt und dir alles erdenklich Gute wünscht. In Liebe, Oma Geesje
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1. Kapitel
Anna Chicago, Illinois 1897
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ch liege noch im Bett und genieße den herrlichen Zustand zwischen Träumen und Wachen, als die Nachricht eintrifft. Unser Hausmädchen hat sie auf einem Tablett in mein Schlafzimmer gebracht, zusammen mit Tee und Toast und einem weich gekochten Ei. Als ich sehe, von wem der Brief stammt, bin ich auf einen Schlag hellwach. Die nächsten Augenblicke werden mein Leben verändern. Ich reiße den Umschlag auf und ziehe die Karte heraus. Von: Detektei Pinkerton Agenten R. J. Albertson und M. Mitchell An: Miss Anna Nicholson Hiermit teilen wir Ihnen mit, dass wir Details über Ihre Mutter, Christina de Jonge, in Erfahrung gebracht haben, die Sie möglicherweise interessieren. Bitte lassen Sie uns wissen, zu welchem Zeitpunkt wir Ihnen unsere Ergebnisse erläutern können. Ich schlage die Bettdecke zurück und springe so hastig aus dem Bett, dass das Mädchen überrascht einen Schritt zurückweicht. »Wartet der Kurier, der diese Nachricht gebracht hat, noch auf eine Antwort von mir?«, frage ich. Ich kann mich nicht daran er9
innern, wie das Mädchen heißt. Es ist neu und sehr scheu. Mutter verlangt viel von unseren Dienstboten und nur wenige halten es lange bei uns aus. Dieses arme Ding habe ich auch schon in Tränen aufgelöst gesehen. »I…ich weiß nicht genau, Miss Anna. Soll ich nachsehen gehen?« Sie sieht sich um, als suche sie einen Platz, an dem sie das Tablett abstellen könnte. Die Tasse klirrt auf der Untertasse. »Nein, bitte warte einen Moment.« Ich krame in meinem Schreibtisch nach Briefpapier und einem Stift, um eine Antwort zu schreiben. Ich bin mir sicher, dass der heutige Tag bereits gut mit Terminen gefüllt ist, aber ich bin so aufgeregt, dass ich mich an keinen einzigen davon erinnern kann. Die Detektive von Pinkerton haben einen guten Ruf und sind Experten darin, Geheimnisse aus der Vergangenheit auszugraben, deshalb habe ich schon ungeduldig auf einen Bericht von ihnen gewartet. Rasch kritzele ich eine Nachricht an die Agenten Albertson und Mitchell aufs Papier und bitte sie, heute um drei Uhr herzukommen. Dann falte ich den Briefbogen, schiebe ihn in einen Umschlag und versiegele ihn. »Bring das sofort dem Kurier«, sage ich zu dem Mädchen. Dann entreiße ich ihm das Tablett und drücke ihm stattdessen den Umschlag in die Hand. »Beeil dich!« »Jawohl, Miss Anna.« Als sie gegangen ist, fällt mir ein, dass ich zum Mittagessen bei der Mutter und der Schwester meines Verlobten eingeladen bin. Diese Verabredung wird sich gewiss bis drei Uhr hinziehen, da bin ich mir sicher. Nun, dann werde ich mich eben einfach entschuldigen müssen. Mutter wird darüber verärgert sein, aber das ist nicht zu ändern. Ich warte seit Wochen auf Neuigkeiten über meine leibliche Mutter, seit ich im Juli aus Michigan zurückgekehrt bin. Während ich mittags bei der Gartenparty Tee trinke und winzige Sandwiches esse, kann ich an nichts anderes denken als an den Bericht der Detektive. Williams Mutter hat dieses Mittagessen geplant, um mich ihren langjährigen Freundinnen und deren Töchtern als die Verlobte ihres Sohnes vorzustellen. Der Herbsttag ist so schön, dass wir draußen in den makellos ge10
pflegten Gärten hinter dem Anwesen der Wilkinsons essen. Auf dem Rasen zwischen den Blumenbeeten sind Tische und Stühle arrangiert worden und die Tische sind mit weißen Leintüchern, feinem Porzellan und Silberbesteck gedeckt. Dienstmädchen schenken den Tee aus silbernen Teekannen ein und reichen die Häppchen auf silbernen Tellern an. Die Atmosphäre ist heiter, die Vögel zwitschern und die Luft ist vom Duft der letzten Sommerrosen erfüllt, die an den Rankhilfen hinaufklettern. Mutter sieht aus wie eine Königin, während sie mit Williams Mutter plaudert. Sie strahlt, als wäre sie die Braut in spe und nicht ich. Diese Heirat wird ihren Status in der Chicagoer Gesellschaft um mehrere Stufen anheben. Ich sitze ein Stück entfernt mit Williams Schwester Jane, seiner Tante Augusta und zwei Cousinen an einem Tisch. Eigentlich sollte ich mit vornehmer Begeisterung zuhören, wie sie über William reden und mir von ihren Erwartungen an unseren Hochzeitstag erzählen, aber ich kann kaum still sitzen. Meine einzige Aufgabe ist es, hübsch auszusehen, höflich Konversation zu machen und das Essen zu genießen, aber mir wird zunehmend unbehaglich zumute, so als müsste ich dringend irgendetwas anderes tun. Ich habe keine Ahnung, was. Aber irgendetwas Nützliches. Als endlich das Dessert gereicht wird, bin ich das Lächeln leid. Ich bin von Natur aus schüchtern und nicht gewohnt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Immer wieder muss ich auf die kleine Uhr sehen, die an meinem Mieder befestigt ist – ein Geschenk von Mutter und Vater. Die Zeit scheint im Schneckentempo zu verstreichen. Mutter bemerkt, wie ich auf die Uhr blicke, und schüttelt diskret den Kopf, um mich an meine Manieren zu erinnern. Ich hatte nie ein Problem damit, die Regeln zu befolgen, die meine gesellschaftliche Stellung mit sich bringt, bis ich im Sommer eine Woche mit meiner Großmutter Geesje in Michigan verbracht und gesehen habe, wie befreiend ein einfacheres Leben sein kann. Jane, die fünf Jahre jünger ist als ich, beugt sich vor, um mir etwas zuzuflüstern. Sie ist schlank und dunkelhaarig wie William und ihre braunen Augen funkeln übermütig, als sie verstohlen 11
auf eine modisch gekleidete junge Frau zeigt, die in der Nähe des Springbrunnens sitzt. »Hast du Clarice Beacham schon kennengelernt?«, fragt sie. »Nur kurz. Warum?« »William hat ihr eine Weile den Hof gemacht, bevor er dich kennengelernt hat. Clarice war außer sich vor Wut, als er sie deinetwegen hat sitzen lassen.« »Es wundert mich, dass sie heute gekommen ist.« »Meine Mutter und ihre Mutter sind sehr alte Freundinnen. Es war von Anfang an ihre Idee, sie und William zusammenzubringen, nicht seine.« »Ich verstehe.« Clarice ist mit Abstand die schönste Frau bei dieser Gesellschaft und ihr kastanienbraunes Haar ist nach der neuesten Mode frisiert. Sie strahlt ein Selbstbewusstsein aus, das ich nie hatte. Es zeigt sich in der Art, wie sie sitzt und geht und sich mühelos mit den anderen Frauen unterhält. Und doch finde ich, dass ein Wort sie am besten beschreibt, das nicht freundlich ist: hochmütig – als wären Reichtum und Luxus und Privilegien ihr Geburtsrecht. Aber ich wage es nicht, sie zu verurteilen, denn ich hatte den Großteil meines bisherigen Lebens die gleiche Einstellung, auch wenn ich meine Stellung in der Gesellschaft durch Adoption erlangt habe und nicht durch meine Geburt. »Clarice beobachtet dich seit Monaten ganz genau«, erzählt Jane mir, »und wartet nur darauf zuzuschlagen, falls es mit dir und William nicht klappt.« Ich frage mich, warum Jane sich mir so anvertraut. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, fügt sie hinzu: »Ich erzähle dir das nur, damit du achtgibst, was du in ihrer Gegenwart sagst. Clarice würde alles tun, um William zurückzubekommen.« Es macht mich nervös zu wissen, dass ich eine Rivalin habe, und dazu noch eine so schöne und skrupellose. »Ich verstehe. Danke für die Warnung, Jane.« »Gern geschehen. Dich mag ich viel lieber als Clarice. Ich hoffe, wir werden Freundinnen.« »Das hoffe ich auch.« Ich ergreife ihre Hand und drücke sie. Wie habe ich mich nach einer guten Freundin gesehnt! 12
Die Dienstmädchen huschen mit gerüschten Schürzen durch den Garten, füllen Teetassen auf und reichen Tabletts mit feinen Teekuchen herum. Ich werfe erneut einen Blick auf die Uhr. Als ich wieder aufsehe, kommt Clarice auf mich zu. »Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung«, sagt sie lächelnd. Sie setzt sich auf den freien Stuhl neben mir, während die anderen Gäste sich erheben, um zu anderen Tischen zu gehen. »Danke, Clarice.« »Williams Mutter hat mir erzählt, dass Sie vor Kurzem in die Stadt zurückgekehrt sind, nachdem Sie im Sommer einige Wochen fort waren.« »Äh ... das stimmt.« Ich frage mich, ob Mrs Wilkinson Clarice auch erzählt hat, dass der Grund dafür eine kurze Trennung von William und mir war, bevor wir uns wieder versöhnt haben. »Mutter und ich haben einige Zeit in einem Badeort in Michigan verbracht«, sage ich zu ihr. »Es war sehr schön und erholsam dort.« »Wieso haben Sie Chicago denn verlassen?« Es ist sehr aufdringlich, solche neugierigen Fragen zu stellen, und ich bin froh über Janes Warnung. »Chicago kann in den Sommermonaten schrecklich heiß sein«, sage ich mit einer wedelnden Handbewegung. »Konnten Sie der Stadt auch ein wenig entkommen?« »Das würde ich gar nicht wollen. Hier gibt es so viele aufregende Dinge zu erleben, dass ich Angst hätte, etwas zu verpassen. Außerdem würde ich, wenn ich einen so attraktiven Verlobten wie William hätte, keinen einzigen Tag von seiner Seite weichen.« Darauf habe ich keine Antwort. »Hören Sie, Anna«, sagt sie und legt ihre Hand auf meine. »Wir kennen einander noch nicht sehr gut, aber ich hoffe, wir können Freundinnen werden. Meine Familie und die von William sind seit einer Ewigkeit befreundet, also werden Sie und ich beinahe wie Schwestern sein, wenn Sie ihn heiraten. Ob Sie wohl einen Nachmittag freihaben, an dem Sie mit mir zu Mittag essen könnten? Dann könnten wir uns ein wenig besser kennenlernen, nur wir zwei. Bitte sagen Sie Ja.« »Das ist sehr freundlich von Ihnen. Wir müssen sehr bald 13
etwas ausmachen.« Ich frage mich, was sie vorhat, und bin erleichtert, als Mutter sich zu uns gesellt, bevor Clarice mich dazu drängen kann, ihr einen konkreten Termin zu nennen. Mutter hat mehr Erfahrung mit intriganten Frauen als ich. Während sie und Clarice sich unterhalten, wandern meine Gedanken zu meinem Treffen mit den Pinkerton-Detektiven in einer Stunde und ich frage mich, was sie wohl herausgefunden haben. Natürlich möchte ich mehr über meine leibliche Mutter wissen, aber ich hoffe auch zu erfahren, wer mein leiblicher Vater ist. Dank meiner Großmutter weiß ich, dass Mama unsterblich in einen Mann namens Jack Newell verliebt war und dass sie gemeinsam davongelaufen sind, einen Tag, nachdem ein Großteil von Holland, Michigan, durch ein Feuer zerstört worden war, darunter auch die Fabrik, in der Jack arbeitete. Die beiden haben sich nach Chicago aufgemacht, ohne zu wissen, dass in derselben Nacht auch weite Teile der sogenannten windigen Stadt in Flammen aufgegangen waren. Ich habe Augenzeugenberichte vom Großen Brand von Chicago gelesen und frage mich, ob Mama und Jack nach all der Zerstörung dort wohl Arbeit und Obdach gefunden haben. Es ist halb drei, als Clarice endlich davonschlendert. Ich stehe auf und teile Mutter mit, dass ich gerne gehen möchte. Ihre gelassene Fassade bröckelt. »Wir können jetzt nicht gehen«, flüstert sie. »Das wäre unhöflich.« »Einige der anderen Damen gehen auch«, sage ich und deute mit einem Nicken auf zwei aufbrechende Gäste. »Aber du bist der Ehrengast!« »Du kannst gerne noch länger bleiben, wenn du magst, Mutter. Ich werde die Kutsche zu dir zurückschicken.« Mutters Wangen röten sich. Es ist schwer zu sagen, ob sie wütend auf mich ist, weil ich so früh gehen will oder weil ich es wage, mich ihr zu widersetzen. Vielleicht beides. Ich mache Anstalten zu gehen, aber sie steht auf und packt meinen Arm, um mich aufzuhalten. »Was soll das, Anna? Ist dir nicht gut?« Ich könnte lügen und so tun, als wäre ich krank, aber das wäre falsch. »Die Detektive, die Vater beauftragt hat, kommen heu14
te um drei Uhr. Sie haben Neuigkeiten in Bezug auf Mama. Ich muss gehen.« Ich sehe, dass sie hin- und hergerissen ist, weil sie nicht weiß, ob sie bleiben soll, um nichts zu verpassen, oder besser mit mir gehen, um mich im Auge zu behalten. Sie beschließt, mich zu begleiten, und während wir unserer Gastgeberin danken und uns höflich verabschieden, wappne ich mich für den Vortrag, der gewiss kommen wird. Mutter enttäuscht mich nicht. Sobald wir in unserer Kutsche sitzen, sagt sie: »Als dein Vater und ich eingewilligt haben, die Detektei Pinkerton zu beauftragen, dachten wir nicht im Traum daran, dass dies dein Leben auf diese Weise durcheinanderbringen würde.« »Es tut mir leid, aber ich hatte das Mittagessen ganz vergessen, als ich die Detektive für drei Uhr bestellt habe. Außerdem war die Gesellschaft doch sowieso fast vorbei.« »Das ist keine Entschuldigung. Als Ehrengast hättest du als eine der Letzten gehen sollen, nicht als eine der Ersten.« »Ich hoffe, dass die Detektive Informationen darüber haben, wer mein richtiger Vater ist.« Mutter schürzt die Lippen, als würde ihr das dabei helfen, ihre Verärgerung zu beherrschen. Als sie schließlich spricht, klingt sie ruhig, aber ich weiß, dass sie es innerlich nicht ist. »Genügt es denn nicht, dass du die Geschichte deiner Mutter kennst und weißt, wie sie gestorben ist? Den Rest musst du vergessen, Anna, und dein Leben weiterleben.« »Aber ich will auch etwas über meinen Vater wissen. Wenn es wirklich Jack Newell ist, würde ich gerne erfahren, was mit ihm geschehen ist und warum ich mich überhaupt nicht an ihn erinnern kann.« »Du könntest Dinge erfahren, die sehr zwielichtig sind. Diesen Stein dreht man besser nicht um.« »Ich kann nicht anders. Ich will es wissen.« »Hör mir zu.« Wieder packt sie mich am Arm und senkt ihre Stimme, als wollte sie nicht, dass uns jemand hört, obwohl die einzige Person, die nah genug ist, um etwas zu hören, unser Kutscher ist – und er würde doch niemals Familiengeheimnisse aus15
plaudern, oder? »Es ist durchaus möglich, dass deine Eltern nie verheiratet waren, Anna. Wenn das so ist, dann müssten wir William und seine Familie darüber unterrichten.« »Natürlich werde ich es William erzählen. Er wird schließlich mein Ehemann. Und er wird ebenso sehr wie ich wissen wollen, wer ich wirklich bin.« »Das ist nicht wahr. Du bist die Einzige, die von dieser Frage besessen ist. William und seine Familie würden es lieber nicht wissen.« Ich starre sie überrascht an. »Haben sie dir das gesagt? William hat es mir gegenüber nie erwähnt.« »Seine Mutter hat mir gegenüber auf sehr feinfühlige Weise durchblicken lassen, dass sie die Vergangenheit lieber auf sich beruhen lassen würden. Ein Großteil der Chicagoer Gesellschaft weiß nicht einmal, dass du adoptiert bist, geschweige denn, wie es dazu kam, denn offen gesagt geht das niemanden etwas an. Williams Mutter und ich sind beide der Meinung, dass wir die Vergangenheit ruhen lassen sollten. Als Williams Frau musst du über jeden Zweifel erhaben sein. Wir können nicht zulassen, dass geschmacklose Einzelheiten über deine Eltern deinen Ruf beschädigen.« »Ich verspreche, dass niemand außerhalb unserer Familie jemals erfahren wird, was ich herausfinde. Aber ich muss weitersuchen, bis ich die Wahrheit kenne.« »Wenn sie erst einmal entfesselt ist, kann die Wahrheit nur selten verborgen bleiben. Je mehr man versucht, sie zu vertuschen, desto anstößiger werden die Gerüchte. Und du musst auch an deine Kinder denken. Alles, was du über deine Vergangenheit erfährst, wird auch Teil ihrer Vergangenheit sein.« »Ich schäme mich nicht für meine Mutter. Sie ist bei dem Versuch, mich zu retten, umgekommen.« »Und dein Adoptivvater hat sich in Lebensgefahr gebracht, um dich zu retten. Vergiss das nicht. Ihm schuldest du auch ein gewisses Maß an Diskretion.« Ich weiß, dass sie recht hat, aber ich kann meine Neugier trotzdem nicht beherrschen. Den restlichen Heimweg über schweige 16
ich, während ich mir fest vornehme, mir den Bericht der Detektive anzuhören und dann einen Strich unter die Sache zu machen. Als wir zu Hause ankommen, parkt vor dem Haus bereits eine kleine Kutsche und unser Butler sagt mir, dass die Herren von Pinkerton im Salon warten. Ich nehme meinen Hut ab, während ich hineineile, um die beiden zu begrüßen. Nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln reicht Agent Albertson mir einen maschinengeschriebenen Bericht und wir setzen uns auf die Sofas, um über das Geschäftliche zu reden. »Wir haben eine Heiratsurkunde mit dem Namen Ihrer Mutter gefunden. Christina de Jonge hat Jack Newell im Oktober 1871 geheiratet.« Das Herz hüpft mir in der Brust. »Sie haben also geheiratet!« Ich blicke zu Mutter auf und sehe, dass sie erleichtert ist zu hören, dass ich kein uneheliches Kind bin. Ich bin auch erleichtert. Insgeheim übe ich meinen echten Namen – Anneke Newell. »Konnten Sie noch etwas über Jack in Erfahrung bringen?«, frage ich. »Wir verfolgen noch einige mögliche Hinweise. Sie haben uns ja gesagt, dass er Arbeiter war, also durchsuchen wir die Mitgliederlisten verschiedener Gewerkschaften nach seinem Namen. Sobald wir etwas finden, werde ich Ihnen Bescheid geben.« Ich blicke wieder auf den Bericht in meiner Hand. »Hier steht, dass sie zwei Wochen nach dem Großen Brand von Chicago geheiratet haben«, sage ich. »Das ist zwei Wochen, nachdem sie Michigan verlassen haben.« »Ja. Die Trauung wurde von einem Friedensrichter in einem Dorf namens Cicero vorgenommen. Da das Feuer die Innenstadt von Chicago und alle Aufzeichnungen der Behörden vernichtet hat, wurden die meisten rechtlichen Vorgänge in der Stadt durch den Brand behindert. Deshalb haben wir beschlossen, die Akten über Eheschließungen in den Nachbarorten zu durchkämmen, und dort haben wir diese Urkunde gefunden. Sie hatten uns ja erzählt, dass Christina und Jack nach Chicago gekommen waren, um Arbeit zu suchen, und nach dem Brand gab es viel Arbeit in der Baubranche, aber es gab nicht viel Wohnraum. Christina hat eine Adresse in Cicero als ihren Wohnort angegeben.« 17
»Waren Sie bei dieser Anschrift? Gibt es das Haus noch?« »Ja, das waren wir. Es ist eine Pension, die seit etwa dreißig Jahren in Betrieb ist. Wir haben mit der Wirtin Mrs Marusak gesprochen und der Beschreibung nach meint sie, sich an Ihre Mutter zu erinnern.« Ich springe von meinem Diwan auf, zu aufgeregt, um sitzen zu bleiben. »Ich will mit ihr reden. Können Sie mich zu ihr bringen?« »Natürlich, wenn Sie das möchten.« Agent Albertson erhebt sich ebenfalls. »Anna, Liebes. Hast du vergessen, dass du für heute Abend Pläne hast?«, fragt Mutter und tut dabei so, als wäre sie ganz ruhig. »Ich fürchte, meine Tochter hat nicht die Zeit, heute Nachmittag mit Ihnen bis nach Cicero und wieder zurück zu reisen«, erklärt sie den Detektiven. »Wie ist es mit morgen?«, frage ich. »Das wird auch nicht möglich sein«, sagt Mutter. »Dein Kalender ist für die ganze restliche Woche voll, Liebes.« »Aber es muss doch einen Nachmittag geben, an dem ich genug Zeit dafür aufbringen kann. Können wir nicht irgendetwas absagen?« Nachdem sie den Kalender befragt hat, den sie immer höchst gewissenhaft führt, erklärt Mutter mir, dass es angesichts unserer vielfältigen gesellschaftlichen Verpflichtungen und zweier wichtiger Kleideranproben frühestens morgen in einer Woche möglich sein wird, nach Cicero zu reisen. Ich weiß nicht, wie ich es aushalten soll, so lange zu warten. Einen kurzen Moment kommt mir mein Vorsatz in den Sinn, diese Suche zu beenden, aber meine Neugier überwiegt jede Angst vor dem, was ich in Cicero möglicherweise über meine Eltern herausfinden werde. Als William und ich uns am Abend zum Essen treffen, zeige ich ihm den maschinengeschriebenen Bericht. »Es war eine riesige Erleichterung zu erfahren, dass meine Geburt nicht mit einem Makel behaftet ist«, erkläre ich ihm. Er nickt, zeigt aber wenig Begeisterung, während er das Blatt kurz überfliegt und es anschließend einmal faltet und zur Seite legt. Wir befinden uns in dem eleganten Speisesaal des privaten Herrenklubs, zu dem er 18
und sein Vater gehören, dem einzigen Bereich, zu dem Frauen Zutritt haben. Die vornehme Umgebung und die gedämpfte Atmosphäre geben mir das Gefühl, flüstern zu müssen. »Soll ich für uns beide bestellen?«, fragt William, als der Ober erscheint. »Ja, aber nichts zu Schweres. Wie du weißt, hat deine Mutter heute ein Mittagessen für mich gegeben.« William bestellt und der Ober geht. »An manchen Tagen kommt es mir vor, als würde ich nur in meine Kutsche ein- und wieder aussteigen, ein Kleid nach dem anderen anziehen, Tee trinken und mich höflich durch eine Folge extravaganter Mahlzeiten knabbern. Als ich bei Oma Geesje in Michigan war, haben wir einmal frische Tomaten aus ihrem Garten mit Käse und Brot zu Abend gegessen. Es war eine herrliche Mahlzeit.« William lächelt geduldig und ergreift meine Hand. »Ich wollte heute allein mit dir speisen, weil wir so viel zu besprechen haben. Wenn wir bei gesellschaftlichen Anlässen zusammen sind, haben wir kaum Zeit, über wichtige Dinge zu reden.« Ich werfe einen Blick in Richtung Detekteibericht, den er beiseitegelegt hat. Das ist mir im Augenblick am wichtigsten, aber ich merke, dass er William nicht interessiert. »Du hast recht«, nicke ich. »Wir essen kaum jemals ungestört. Sag mir, was du auf dem Herzen hast.« »Wir haben immer noch keinen Termin für unsere Hochzeit. Mutter hat mir gesagt, dass ihr Damen viel Zeit braucht, um alle Vorbereitungen zu treffen, aber wie viel Zeit genau?« »Ich weiß nicht. Schließlich habe ich noch nie geheiratet«, erwidere ich mit einem neckischen Lächeln. William beugt sich vor, legt eine Hand auf meine Wange und streicht zärtlich mit dem Daumen darüber. »Ich möchte so bald wie möglich mein Leben mit dir beginnen, Anna – und nicht weiter zwei getrennte Leben führen, die sich kaum jemals überschneiden, wie wir es jetzt tun. Ich brauche dich als meine Partnerin und meinen charmantesten Aktivposten in dieser verrückten Welt der Finanzen, zu der ich gehöre.« Ich denke daran, wie streng Mutter im Augenblick meinen 19
gesellschaftlichen Kalender kontrolliert und bis zum Rand mit Aktivitäten füllt, und frage mich, ob meine Verpflichtungen als Williams Ehefrau mich vielleicht sogar noch mehr in Beschlag nehmen werden. In mir macht sich das Gefühl breit, in einer Falle zu sitzen – was albern ist, da mein Leben mir noch nie selbst gehört hat. Ich konnte noch nie machen, was ich wollte. »Am liebsten würde ich dich gleich morgen heiraten«, sagt William. »Sind vier Monate genügend Zeit? Wir könnten unsere Hochzeit gleich zu Beginn des neuen Jahres feiern.« Ich nehme seine Hand und drücke sie. »Wir können heiraten, wann immer wir wollen. Schließlich ist es unsere Hochzeit. Unser Leben. Das neue Jahr gemeinsam zu beginnen, klingt wundervoll.« Meine Worte gefallen ihm und er hebt meine Hand an seine Lippen und küsst sie. »Du bist so schön, Anna.« Ich weiß, dass er es ehrlich meint, aber trotzdem muss ich unwillkürlich an Clarice Beacham und ihr herrliches kastanienbraunes Haar denken. Im Vergleich zu ihr bin ich höchstens hübsch. Der Ober kehrt mit Williams Getränk und dem ersten Gang unserer Mahlzeit zurück – Spargelcremesuppe. Aus irgendeinem Grund muss ich an die holländische Erbsensuppe denken, die Oma Geesje gekocht hat, und ich erinnere mich daran, dass Derk und ich unaufhörlich gelacht haben, während wir die Suppe aßen – obwohl ich nicht mehr weiß, warum wir lachen mussten. Ich vermisse Derk. Er und William sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. William ist attraktiv und elegant, ein wahrer Gentleman in seinem maßgeschneiderten Anzug und dem gestärkten weißen Hemd. Er ist ebenso verschlossen wie der Tresor in der Bank seines Vaters und es entspräche überhaupt nicht seinem Charakter, über einem Teller Suppe laut zu lachen. Derk hingegen ist ganz schlicht und ungekünstelt, so ehrlich und offen wie der blaue Himmel über dem Lake Michigan. Für ihn ist es ebenso natürlich, über seine Gedanken und Gefühle zu sprechen, wie zu atmen. »Wir müssen entscheiden, wo wir nach unserer Hochzeit leben wollen«, sagt William und unterbricht damit meine Gedanken. 20
Ich schelte mich dafür, dass ich die beiden Männer miteinander vergleiche. Immerhin ist es William, den ich heiraten werde. »Wir müssen entscheiden, ob wir ein neues Haus bauen oder ein altes renovieren wollen. So oder so sind dafür Zeit und Planung nötig, und je früher wir damit beginnen, desto eher wird unser Haus fertig sein. Obwohl ich bezweifle, dass irgendein Haus bis zum Januar fertig würde. Was meinst du?« Manche Frauen machen sich vielleicht etwas aus Einzelheiten wie seidenen Vorhängen und türkischen Teppichen und Kristallkronleuchtern, aber zu denen gehöre ich nicht. Schon die Vorstellung, entscheiden zu müssen, wie ich in einem riesigen Herrenhaus einen Raum nach dem anderen mit Möbeln füllen soll, schnürt mir beinahe die Luft ab. Ich lege meinen Suppenlöffel ab und schiebe den Teller von mir. »Ich finde ... es wäre mir lieber, wenn du alle Entscheidungen in Bezug auf das Haus treffen könntest. Ich vertraue deinem Urteil vollkommen.« Ich hoffe, meine Antwort gefällt ihm, aber an seiner gerunzelten Stirn erkenne ich, dass dem nicht so ist. »Ich dachte, ein Haus auszusuchen wäre etwas, das wir beide zusammen tun könnten.« Ich suche nach den richtigen Worten und bekomme etwas Aufschub, als der Ober erscheint, um unsere Suppenteller abzuräumen und den Fischgang aufzutragen. Das Filet hat einen starken fischigen Geruch, der in meiner Kehle brennt. »Es gibt so vieles, was ich im Moment bedenken muss«, sage ich, als der Ober gegangen ist. »Ich muss unglaublich viel vorbereiten und gleichzeitig bin ich gerade dabei, etwas über die Vergangenheit meiner leiblichen Eltern zu erfahren und herauszufinden, wer ich bin.« Ich zeige auf den Bericht der Detektive. »Ist deine Vergangenheit genauso wichtig wie die Person, die du jetzt bist? Und die du sehr bald sein wirst – meine Frau? Warum sollte die Vergangenheit überhaupt eine Rolle spielen, wenn wir doch unsere ganze gemeinsame Zukunft vor uns haben? Außerdem ist es nicht einmal deine Vergangenheit. Du bist hier in Chicago aufgewachsen, bei den Nicholsons – den Eltern, die dich großgezogen haben.« 21
Jetzt merke ich, dass er ärgerlich wird, so wie Mutter an diesem Nachmittag. Ich muss darauf achten, dass diese Besessenheit, wie Mutter es nennt, nicht zwischen mich und die Menschen, die ich liebe, gerät. »Du hast recht«, erwidere ich. »Wenn du schon irgendwelche Häuser oder Grundstücke im Sinn hast, könnten wir doch am Sonntagnachmittag dort vorbeifahren und sie uns zumindest von außen ansehen.« »Das würde ich gerne tun«, sagt William lächelnd. Wieder einmal wird mir bewusst, wie attraktiv er ist, und ich erinnere mich an Clarice Beachams Bemerkungen an diesem Nachmittag. Möglich, dass sie immer noch versucht, ihn zurückzugewinnen, aber William gehört mir und ich gehöre ihm. Der Gedanke entlockt mir ein Lächeln. Auf der Kutschfahrt nach Hause legt William den Arm um mich und drückt mich an sich. War meine Mama glücklich und zufrieden, wenn sie mit Jack Newell zusammen war? Sie hat ihn so sehr geliebt, dass sie mit ihm durchgebrannt ist und ihn geheiratet hat. Wieder einmal wandern meine Gedanken zu der Wirtin, die glaubt, sich an meine Eltern zu erinnern. Wie soll ich es aushalten, bis nächste Woche darauf zu warten, sie kennenzulernen und mehr zu erfahren?
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2. Kapitel
Geesje Holland, Michigan
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ch weiß nicht, was ich meinem Sohn Jakob antworten soll. Den ganzen Vormittag dieses warmen Herbsttages habe ich in meinem Blumengarten damit verbracht, die toten Blätter zusammenzufegen und die Weinreben für das kommende Frühjahr zu beschneiden, als er plötzlich aufgetaucht ist und mich mit seiner Frage überrascht hat. Ich wische mir die sandige Erde von den Händen, während ich überlege, was ich erwidern soll. Wenn ich Ja sage, wird mein ruhiges, beschauliches Leben auf den Kopf gestellt. Und ich habe in meinen siebenundsechzig Lebensjahren schon zu viele Veränderungen mitgemacht, um eine weitere willkommen zu heißen. Aber abgesehen von reiner Selbstsucht habe ich keinen Grund, seine Bitte abzulehnen. Ich will nicht in meinem Alltag gestört werden; so einfach ist das. Das ist keine sehr christliche Einstellung, ich weiß. Jakob hat seinen Einspänner vor dem Haus festgemacht und die Stute stampft ungeduldig auf dem Boden. Sie und ihr Besitzer wollen sich beide auf den Weg machen, weil sie noch viele andere Dinge zu erledigen haben, bevor der Tag vorüber ist. »Ich dachte mir, dass das Mädchen vielleicht in deinem Gästezimmer wohnen könnte, jetzt, wo Anneke nach Chicago zurückgekehrt ist«, sagt Jakob in das Schweigen hinein. »Anneke kommt doch nicht so bald wieder zu Besuch, oder?« »Nein …«, sage ich seufzend. »Es tut mir leid, dass ich dir Umstände mache, Moeder, aber ich habe in meiner Gemeinde jeden gefragt, der mir in den Sinn 23
gekommen ist, und niemand sonst kann helfen. Viele haben schon Freunde und Verwandte aus den Niederlanden aufgenommen und jedes freie Zimmer im Dorf ist belegt. Mein Pfarrhaus ist ebenfalls voll. Außerdem sprechen weder Cornelia noch ihr Großvater, Marinus Den Herder, Englisch. Du bist eine der wenigen Personen, die sich mit ihnen unterhalten und ihnen vielleicht etwas Englisch beibringen kann.« »Wie alt ist Cornelia noch mal?« »Ich glaube, siebzehn. Sie hat bei einem Hausbrand sowohl ihre Eltern als auch ihre zwei Brüder verloren und die einzige Familie, die sie noch hat, ist ihr Großvater. Sie könnte etwas mütterliche Fürsorge gebrauchen.« Jakob macht es mir immer schwerer, Nein zu sagen. Ich war auch siebzehn, als ich die Niederlande verließ, um mich hier in Michigan mit meinen Eltern niederzulassen. Nicht einmal ein Jahr nach unserer Ankunft starben sie jedoch an Malaria, sodass ich ebenso allein war wie dieses arme Mädchen. »Was ist mit ihren Verwandten zu Hause in den Niederlanden? Gab es denn niemanden, an den sie sich hätte wenden können?« »Ihr Großvater, der Witwer ist, wollte Cornelia einen Neuanfang in einem neuen Land bieten, fernab der schmerzlichen Erinnerungen.« »Wo wird er denn wohnen? Für ihn habe ich hier keinen Platz.« »Das weiß ich. Pieter Vander Veen hat angeboten, dass er nebenan bei Derk und ihm wohnen kann, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat. Pieter weiß, wie es ist, seine Frau zu verlieren, und Derk hat seine Mutter in jungen Jahren verloren. Als Pieter sagte, er würde Mr Den Herder aufnehmen, dachte ich gleich an dich. Es wäre perfekt, wenn Cornelia gleich nebenan bei dir wohnen könnte.« »Wie lange?«, frage ich und entferne etwas Erde, die sich unter meinen Fingernägeln gesammelt hat. »Das lässt sich schwer sagen. Wir führen in der Kirche momentan eine Sammlung durch, um für ihren Unterhalt aufzukommen. Und ich bin mir sicher, dass Cornelia dir gerne beim Kochen und Putzen und so weiter helfen wird. Wir versuchen 24
auch, eine Arbeit für Mr Den Herder zu finden, aber das ist schwierig. Er ist achtundsechzig und spricht kein Englisch. Wenn er erst einmal Arbeit hat, werden wir ihm helfen, eine Wohnung zu finden, die er mieten kann.« »Das heißt, diese Regelung ist nur vorübergehend?« »So ist es geplant. Nur, bis die beiden Fuß gefasst haben. Mr Den Herder ist sehr besorgt um seine Enkelin und wollte eigentlich überhaupt nicht von ihr getrennt werden. Diese Lösung ist das Beste, was ich ihm anbieten kann. Kaum jemand hat Platz für einen Untermieter, geschweige denn für zwei.« Ich weiß, dass Jakob mich nicht um so etwas bitten würde, wenn er eine andere Möglichkeit hätte. Da mit jedem Tag mehr Einwanderer nach Amerika kommen, sind die Häuser seiner Gemeindemitglieder schon voller Verwandter, die einen Neuanfang suchen. Es ist spannend zu sehen, wie das kleine Holland auf diese Weise wächst. Als die ersten Siedler sich hier niederließen, war es ganz normal, dass zwei oder noch mehr Familien in einer winzigen Hütte mit nur einem Raum wohnten, bis mehr Häuser gebaut waren. Nach dem Ausbruch der Malaria, die meine Eltern dahinraffte, gab es dann so viele Waisen, dass wir ein Waisenhaus für sie bauen mussten. Allerdings wurde es nie in Betrieb genommen. Wir alle öffneten unsere Herzen und adoptierten die Kleinen als unsere eigenen Kinder. Mein Mann und ich adoptierten zwei junge Brüder, Arie und Gerrit. Das tat man als guter Christ einfach. Ist es also nur mein Alter, das mich jetzt zögern lässt? »Ich weiß, dass ich viel von dir verlange, Moeder«, sagt Jakob. »Aber …« »Aber du weißt auch, dass ich dir deine Bitte nicht abschlagen werde …«, sage ich seufzend. »Also ja. Ja, Cornelia kann bei mir wohnen.« »Danke, Moeder. Im Augenblick sind sie im Hotel. Ich werde sie heute am späten Nachmittag herbringen, dann kannst du sie kennenlernen.« »Sag ihnen, dass sie gerne mit mir zu Abend essen können.« Und so schnell hat sich mein Leben verändert. Ich sehe zu, wie Jakob davonfährt, und mir wird wieder einmal bewusst, wie sehr 25
er seinem lieben Vater ähnelt. Maarten hätte keinen Augenblick gezögert, Cornelia und ihrem Großvater zu helfen. Als ich den Postboten die Straße heraufkommen sehe, bleibe ich stehen und warte ab, ob er mir etwas bringt. Er reicht mir einen Brief von meiner Enkelin Anneke in Chicago. Ich reiße ihn auf und fange an zu lesen, während ich ins Haus gehe. Liebste Oma Geesje, ich habe wundervolle Neuigkeiten! Die Pinkerton-Detektive, die nach weiteren Informationen über Mama forschen, haben mir heute ihren ersten Bericht gebracht. Sie haben ein Dokument gefunden, das die Hochzeit von Mama mit Jack Newell bezeugt! Zwei Wochen, nachdem sie zusammen durchgebrannt sind, haben sie in der Nähe von Chicago geheiratet. Ich weiß, dass du dich immer gefragt hast – wie ich ja auch –, ob Jack Mama ausgenutzt hat, aber wie es scheint, hat er sich doch ehrenhaft verhalten. Und das bedeutet, dass ich einen ehelichen Vater habe. Die Detektive haben auch eine ehemalige Wirtin der beiden in einer Pension gefunden, die sich unter Umständen an Mama erinnert. Nächste Woche werde ich mit ihr reden, um in Erfahrung zu bringen, was ihr noch in Erinnerung ist. Sobald ich mehr weiß, schreibe ich dir wieder. Das ist für heute alles, aber ich wusste, dass du dich über das, was ich bislang herausgefunden habe, freuen würdest. Mit all meiner Liebe, Anneke Ich bin so aufgeregt darüber, dass Christina verheiratet war, als Anneke geboren wurde, dass ich den ganzen Weg in die Stadt hinunterlaufe, um meinem Sohn Arie in der Druckerei den Brief zu zeigen. Er und Christina hatten sich immer nahegestanden und er war ebenso erschüttert gewesen wie wir alle, als sie vor sechsundzwanzig Jahren einfach weggelaufen war. »Ich kann nicht einmal beschreiben, wie glücklich ich bin, jetzt wo ich weiß, dass 26
sie unseren christlichen Überzeugungen in Bezug auf die Ehe treu geblieben ist«, sage ich zu Arie. »Steht in der Bibel nicht: ›Gewöhne einen Knaben an seinen Weg, dann lässt er auch nicht davon, wenn er alt wird‹?« »Ja. Aber ich glaube, dieser Spruch soll eher eine kluge Beobachtung sein als eine göttliche Verheißung. Gott gibt uns schließlich auch einen freien Willen, nicht wahr?« »Und Christina hatte einen starken Willen.« »Den hatte sie wirklich!« Arie hat nie geheiratet oder Kinder bekommen, also kann er nicht wissen, mit welchen Schuldgefühlen und welchem Kummer ich im Laufe der Jahre gerungen habe. Ich habe mir selbst vorgeworfen, bei der Erziehung meiner Tochter Fehler gemacht zu haben. War ich zu streng? Zu nachsichtig? Hätte ich etwas anders machen können, sodass Christina nicht mit einem Mann fortgelaufen wäre, der kein Christ war? Arie weiß nicht, wie kostbar jede kleine Neuigkeit, die ich über Christina erfahre, für mich ist. Sie war verheiratet! Vielleicht habe ich als Mutter ja doch nicht völlig versagt. Es ist ein warmer Septembertag, und als ich von der Druckerei zurückgelaufen und wieder zu Hause bin, fühle ich mich so müde, dass ich beschließe, nur ein leichtes Abendbrot zu mir zu nehmen und früh schlafen zu gehen. Doch dann fällt mir ein, dass ich Gäste erwarte. Dabei würde ich nichts lieber tun, als mich mit meiner Katze auf dem Schoß in meinen Sessel zu setzen und ein Nickerchen zu machen. Stattdessen gehe ich in die Küche und sehe nach, was ich meinem Besuch zu essen machen kann. Als Jakob mit Cornelia und Marinus Den Herder erscheint, köchelt eine Hühnersuppe mit Klößen auf dem Herd. Es ist kein ausgefallenes Abendessen, aber ich hoffe, dass es ihnen das Gefühl gibt, zu Hause zu sein. Marinus muss den Kopf einziehen, als er durch die Tür meines winzigen Hauses tritt. Er sieht sich um, als stünde das Haus zum Verkauf und er müsste sich entscheiden, ob er es kaufen will. »Willkommen«, begrüße ich die beiden auf Niederländisch, als Jakob uns miteinander bekannt macht. »Es freut mich, Sie kennenzulernen.« »Danke.« Marinus mustert mich von Kopf bis Fuß, als wollte 27
er feststellen, ob ich seinen Ansprüchen genüge. Er sieht sehr gut aus mit seinen hellbraunen Haaren, die über den Ohren silbern geworden sind. Seine Haltung ist so steif wie die eines Königs. Er erwidert mein Lächeln nicht und seine Miene wirkt, als hätte er sein Leben lang in die Sonne geblinzelt. Ich versuche, nicht aufgrund seines Aussehens zu urteilen, aber seine heruntergezogenen Mundwinkel und die gerunzelte Stirn hinterlassen keinen guten ersten Eindruck. Ich wende mich an seine Enkelin. »Willkommen, Cornelia. Es ist schön, dass du eine Weile bei mir wohnen wirst.« Mich überrascht, wie wütend sie aussieht. Ihre Verärgerung scheint dicht unter der Oberfläche zu brodeln, bereit, beim kleinsten Anlass überzusprudeln, so wie mein Topf Suppe, der auf dem Herd köchelt. Nach allem, was Jakob mir über sie erzählt hat, habe ich erwartet, Trauer zu sehen. Aber in erster Linie sehe ich Zorn. Vielleicht haben ihr Großvater und sie sich gestritten, bevor sie hergekommen sind, und ihre Gemüter hatten noch keine Gelegenheit, sich abzukühlen. »Bleibst du auch zum Essen?«, frage ich Jakob. »Tut mir leid, das geht nicht. Aber ich helfe mit den Koffern und den anderen Taschen, bevor ich aufbreche.« Die Männer gehen hinaus, um das Gepäck zu holen, und ich zeige Cornelia derweil ihr Zimmer. »Ich hoffe, es gefällt dir.« Sie wirkt so, als hätte sie Angst, durch die Tür zu treten, weil sie etwas beschädigen könnte, obwohl der Raum schlicht und einfach ist. »Du kannst dieses Zimmer so lange haben, wie du es brauchst.« Sie ist ein sehr hübsches Mädchen, schlank und zierlich, aber ihre Schönheit scheint bewusst unter einem unscheinbar graubraunen unförmigen Kleid versteckt zu sein. Ihre Haare, die die gleiche Farbe haben wie die ihres Großvaters, sind an ihrem Hinterkopf zu einem strengen, wenig schmeichelhaften Knoten zurückgebunden. Sie ist ungefähr so groß wie meine Enkelin Anneke und ich nehme mir vor, sie zu bitten, Cornelia ein paar Röcke und Blusen zu schicken, die sie nicht mehr braucht. Kurz darauf kommt Derk und trägt Cornelias Habseligkei28
ten herein. »Du und dein Vater könnt gerne mit uns zu Abend essen«, sage ich zu Derk. »Wir werden uns in den kommenden Wochen bestimmt oft sehen, da können wir doch heute mit einer gemeinsamen Mahlzeit anfangen.« »Das machen wir gerne.« Er stellt den Koffer ab und wendet sich an Cornelia. »Hallo, Miss Den Herder. Ich bin Derk Vander Veen von nebenan.« Sie hat ihn nicht verstanden und sieht mich an, damit ich übersetze. Wie einsam sie sein muss ohne jemanden in ihrem Alter, mit dem sie sich unterhalten kann. Zum ersten Mal bin ich froh, dass ich eingewilligt habe, sie bei mir aufzunehmen. Als die Koffer im Haus sind und alle sich etwas eingerichtet haben, kommen Derk und sein Vater mit Mr Den Herder zurück und setzen sich an meinen Tisch. Cornelia ist bis gerade eben in ihrem Zimmer geblieben und schiebt sich jetzt so leise wie meine getigerte Katze auf einen Stuhl am Tisch. Sie trägt noch immer das trostlose braune Kleid. »Wie sind Sie mit den Vander Veens verwandt, Mrs de Jonge?«, fragt Mr Den Herder mich, nachdem Derk das Tischgebet gesprochen hat. »Wir sind nicht verwandt. Aber Derk ist wie ein Sohn für mich, seit seine Mutter gestorben ist. Sowohl er als auch Pieter sind wie Familie ... Und bitte nennen Sie mich Geesje.« »Nein, danke«, erwidert er. »Ich möchte lieber nicht so persönlich werden.« Seine Weigerung legt sich wie die eisige Kälte eines Schneesturms über die Mahlzeit. Ich frage mich, ob Derk und Pieter ausreichend Holländisch verstehen, um zu wissen, was gerade geschehen ist. Mr Den Herder ist noch keine Stunde hier und schon bereue ich meine Essenseinladung. Der Mann scheint den ganzen Raum zu dominieren. Während wir unsere Suppe essen, versucht Derk, sich mit Cornelia zu unterhalten, aber sein Niederländisch ist im Laufe der Jahre eingerostet. Deshalb wendet er sich an mich. »Bitte sag ihr, dass es mich interessiert, was sie bis jetzt von Amerika hält.« Ich übersetze seine Frage und Mr Den Herders Stirnrunzeln vertieft sich noch. Er antwortet, bevor Cornelia die Gelegenheit dazu hat. 29
»Man hat uns in den Niederlanden erzählt, dass Amerika auf der Religionsfreiheit gegründet wurde.« Er spricht sehr laut, so als könnte er sich allein durch die Lautstärke verständlich machen. »Aber mir scheint, dass es hier weitaus mehr Freiheit als Religion gibt. Ich sehe zu viel Albernheit bei den jungen Leuten, die ich getroffen habe. Und einen Mangel an Respekt für die ältere Generation und für Gottes heiligen Tempel.« Ich wende mich an Derk, will die missbilligenden Bemerkungen aber nicht übersetzen. »Er ist nicht sehr beeindruckt von Amerika«, sage ich. »Das habe ich mir gedacht.« Derk unterdrückt ein Lächeln. »Was haben Sie in den Niederlanden beruflich gemacht, Mr Den Herder?«, frage ich. »Dominee Den Herder, wenn ich bitten darf. Ich war Pastor.« Warum hat mein Sohn diese wichtige Tatsache wohl nicht erwähnt? Ich gebe auf und überlasse es Pieter, in seinem gebrochenen Holländisch eine Unterhaltung zu versuchen. Während der Mahlzeit bekomme ich allmählich den Eindruck, dass Dominee Den Herder ein Mann ist, der streng und unnachgiebig und sehr altmodisch ist, die Art Ehemann, die der eigenen Frau niemals erlaubt, etwas zu sagen oder ihre Meinung zu äußern. Er wirkt schockiert und verärgert, wann immer ich versuche, etwas zur Unterhaltung beizutragen – oder es gar wage, eine Frage zu stellen. Wenn er noch lange hierbleibt, wird er bald merken, dass ich eine Menge Meinungen habe und keine Angst, sie zu äußern. »Der Dominee muss sich hier in Amerika noch an ziemlich viele Dinge gewöhnen«, flüstere ich Derk auf Englisch zu. Er antwortet mit einem Grinsen. In der Zwischenzeit hat Cornelia kein einziges Wort gesagt – die gesamte Mahlzeit nicht. Sie legt ihren Löffel ab und faltet die Hände im Schoß, nachdem sie kaum die Hälfte ihrer Suppe gegessen hat. Bevor Cornelia sie versteckt, bemerke ich, wie abgemagert ihre Hände sind, und frage mich, wie dünn sie wohl unter ihrem sackartigen Kleid ist. Ob das Heimweh ihre Trauer noch verstärkt? Es tut mir in der Seele weh, das Mädchen so zu sehen. Als alle mit essen fertig sind, dankt der Dominee mir für die 30
Mahlzeit und sagt dann: »Es ist mein Brauch, nach dem Abendessen einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift vorzulesen, wenn Sie eine Bibel haben, Mrs de Jonge.« »Ich habe hier eine niederländische Bibel«, sage ich und greife nach meiner Bibel. »Ich habe dieselbe Gewohnheit.« Der Abschnitt, den ich im Johannesevangelium aufschlage, handelt von der Liebe, aber er liest ihn mit dem Feuer und dem Ausdruck eines alttestamentlichen Unheilspropheten. Ich bin erleichtert, als er Gute Nacht sagt und mit den Vander Veens zu deren Haus hinübergeht. »Viel Glück«, flüstere ich Derk zu, als er mir einen Kuss auf die Wange gibt. »Das werden wir brauchen«, erwidert er und in seinen blauen Augen funkelt das Lachen. Cornelia hat die Spülschüssel mit Wasser gefüllt und wäscht bereits das Geschirr ab, als ich wieder zu ihr in die Küche gehe. Ich beobachte sie einen Moment lang auf der Suche nach irgendeinem Anzeichen, dass sie angefangen hat, sich zu entspannen, nachdem ihr Großvater gegangen ist. Ich sehe keine Veränderung. Den ganzen Abend über habe ich die Zähne zusammengebissen und ich will mir gar nicht ausmalen, wie es gewesen sein muss, mit diesem Mann in einer winzigen Dampfschiffkabine den Atlantik zu überqueren. Ich bin froh, dass Cornelia und ihr herrischer Großvater nun eine Zeit lang voneinander getrennt sein werden. Am liebsten würde ich ihr sagen, dass sie bei mir ganz sie selbst sein kann und dass ich nicht so streng bin wie ihr Großvater, aber irgendwie finde ich nicht die richtigen Worte. Stattdessen unterhalten wir uns über das warme Herbstwetter und ich frage sie noch einmal, was sie von Amerika hält. »Es ist sehr groß«, antwortet sie. »Ja, das war auch mein erster Eindruck, als ich hier ankam.« »Ich würde jetzt gerne schlafen gehen«, sagt sie, als wir mit dem Abwasch fertig sind. »Natürlich. Sicher bist du sehr müde.« Ich lösche das Licht in der Küche und begleite sie zu Annekes Zimmer. »Meine Enkelin hat diesen Sommer hier gewohnt«, erkläre ich ihr. »Es ist eine lange Geschichte, die ich dir ein anderes Mal erzählen werde, aber 31
Anneke und ich haben uns erst im Juli kennengelernt, obwohl sie schon dreiundzwanzig ist.« Cornelia antwortet nicht. »Wenn du dieses Fenster offen lässt, kommt eine schöne Brise herein«, füge ich hinzu. Sie nickt nur. »Dann gute Nacht. Sag Bescheid, wenn du irgendetwas brauchst.« Ich lasse sie allein und gehe in mein eigenes Schlafzimmer. Cornelia hat Geheimnisse, das merke ich. Gewiss trauert sie um ihre Familie und vielleicht um ihr Leben in den Niederlanden. Aber im Moment scheint die Wut überwältigender zu sein als ihr Kummer. Vielleicht wird sie etwas von der schweren Last, die sie mit sich herumträgt, abladen, wenn sie gelernt hat, dass sie mir vertrauen kann. Bevor ich einschlafe, frage ich mich, worauf ich mich da eingelassen habe.
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