Prolog San Antonio, Texas März 1881
„Rnicht in einem roten Kleid beerdigen lassen.“
ot? Hast du keinen Anstand, Tante Vic? Du kannst dich doch
„Es ist Kirsche, Nan.“ Hannah Richards musste sich ein Lachen verkneifen, als Victoria Ashmont die Ehefrau ihres Neffen mit diesen einfachen Worten in ihre Schranken wies. Während sie sich angestrengt bemühte, so auszusehen, als bekäme sie kein Wort von der Unterhaltung ihrer Kundinnen mit, nahm Hannah die letzte Nadel und steckte sie in den Saum des umstrittenen Stoffes. „Musst du denn bis zum bitteren Ende gegen die Konventionen verstoßen?“ Nans Nörgeln steigerte sich fast zu einem Schrei, als sie auf die Tür zulief. Ein leises Schniefen, gefolgt von einem kleinen Schluckauf, kündigte die Tränen an, die nicht mehr lange auf sich warten lassen würden. „Sherman und ich werden es ausbaden müssen. Du machst uns vor unseren Freunden zum Gespött. Aber du hast dich ja noch nie um jemand anderen als um dich gekümmert, nicht wahr?“ Miss Victoria wandte sich so abrupt um, dass sie Hannah beinahe mit ihrem Spazierstock am Kopf getroffen hätte. „Du magst meinen Neffen um den Finger gewickelt haben, aber glaubte ja nicht, dass du mich mit deinem Jammern beeindrucken kannst.“ Victoria Ashmont stand da wie eine zornige Göttin der griechischen Mythologie. Mit erhobenem Kopf richtete sie ihre vom Alter gekrümmte Hand auf die Frau, die es wagte, ihre Entscheidungen infrage zu stellen. Hannah erwartete beinahe, dass ein Blitz ihrem Zeigefinger entfuhr, der Nan hier und jetzt zu Asche verbrannte. „Seit Doktor Bowman festgestellt hat, dass ich ein schwaches Herz habe, umkreist du mich wie ein Geier. Du hast meinen Haushalt an dich gerissen und bestimmst, wie Shermans Erbe ausgegeben wird. 5
Aber mich wirst du nicht kontrollieren, meine Liebe. Ich werde tragen, was ich aussuche, ob dir meine Wahl gefällt oder nicht. Und wenn deine Freunde auf einer Beerdigung nichts Besseres zu tun haben, als über den Kleidergeschmack der Toten herzuziehen, solltest du dir jemanden suchen, der etwas mehr Charakter besitzt.“ Nans beleidigter Aufschrei hallte im Raum nach wie der Peitschenknall eines Maultiertreibers. „Mach dir keine Sorgen, Liebes“, rief Miss Victoria, als ihre Nichte die Schlafzimmertür aufriss. „Mit dem vielen Geld, das du von mir erbst, kannst du dich leicht trösten. Ich bin sicher, du erholst dich im Handumdrehen von allen eventuellen Peinlichkeiten, die ich dir zumute.“ Die Tür schlug zu. Dieses Geräusch schien Miss Victoria aller Kraft zu berauben. Der Stock fiel ihr aus der Hand und sofort sprang Hannah auf, um die schwankende Frau zu stützen. „Vorsicht, Madam. Warum setzen Sie sich nicht für einen Augenblick?“ Hannah führte die alte Dame zu einem Sofa, das am Fuß des großen Himmelbettes stand. „Soll ich Ihnen einen Tee kommen lassen?“ „Seien Sie nicht albern, Mädchen. Ich bin noch nicht so geschwächt, dass mich eine solche Unterhaltung aus der Bahn wirft. Ich muss nur wieder zu Atem kommen.“ Hannah nickte, um zu vermeiden, ihrerseits einen Streit mit der alten Dame anzufangen. Stattdessen sammelte sie ihre Scheren und Stecknadeln auf, die auf dem dicken Teppich verstreut lagen. In den letzten achtzehn Monaten hatte Hannah regelmäßig für Miss Victoria geschneidert. Es beunruhigte sie, zu sehen, wie sehr ein solch kurzes Streitgespräch die alte Dame mittlerweile aus der Fassung brachte. Die unverheiratete alte Dame, die schon immer ein wenig exzentrisch gewesen war, war mit ihrer rasiermesserscharfen Zunge nie einem Wortgefecht ausgewichen. Auch Hannah hatte die bissigen Bemerkungen ab und an schon zu spüren bekommen, aber mit der Zeit hatte sie sich ein dickes Fell zugelegt. Eine Frau, die ihren eigenen Weg gehen wollte, musste abgehärtet sein, wenn sie nicht früher oder später scheitern wollte. Vielleicht war das der Grund, warum sie Victoria Ashmont so sehr respektierte, dass sie ihre gelegentlichen Rüffel ertragen konnte. Miss Victoria hatte 6
jahrelang ihr eigenes unabhängiges Leben geführt und war damit sehr gut zurechtgekommen. Natürlich hatte sie immer genug Geld gehabt, ebenso wie ihr der Familienname Ashmon alle Türen hatte öffnen können. Nach dem zu urteilen, was sich in den besseren Kreisen herumgesprochen hatte – und auch nach dem, was man sich unter vier Augen erzählte – war Victoria Ashmonts Ansehen in ihrer Zeit als Familienoberhaupt ständig gewachsen. Und das war mehr, als viele Männer von sich behaupten konnten. Hannah hoffte, dass sie, wenn sie auch nur die geringste Möglichkeit dazu bekommen würde, den Erfolg dieser Frau kopieren könnte. Zumindest ein wenig. „Wie lange arbeiten Sie nun schon für Mrs Granbury, Miss Richards?“ Hannah sprang bei dieser fast unfreundlichen Frage auf und ging mit dem Nähkästchen unter dem Arm schnell zurück zu Miss Victoria. „Fast zwei Jahre, Madam.“ „Hm.“ Der Stock der Dame klopfte dreimal gegen das Sofabein. „Ich erzähle der Frau schon seit Jahren, dass sie endlich Mädchen anstellen soll, die ein bisschen Grips haben. Ich war froh, als sie meinen Rat endlich befolgt hat. Ihre Vorgängerinnen, Liebes, haben es nie länger als ein oder zwei Monate mit mir ausgehalten. Entweder war ich mit ihren Fähigkeiten nicht zufrieden oder sie kamen nicht mit meiner direkten Art zurecht. Es war ein ständiges Ärgernis, dass ich meine Wünsche immer und immer wieder erklären musste. Das vermisse ich nicht im Mindesten.“ „Ja, Madam.“ Hannah zog ihre Stirn in Falten. Sie war sich nicht sicher, aber sie vermutete, dass Victoria Ashmont ihr gerade ein Kompliment gemacht hatte. „Haben Sie je daran gedacht, Ihr eigenes Geschäft zu eröffnen?“ Hannahs Blick richtete sich auf das Gesicht ihrer Kundin. Die durchdringenden grauen Augen durchbohrten sie, als versuchte Miss Victoria, die Wahrheit aus ihr herauszusaugen. Schnell wandte Hannah den Blick ab und betrachtete das Nähkästchen in ihren Händen. „Mrs Granbury war bisher sehr gut zu mir, sodass ich schon ein wenig Geld zur Seite legen konnte. Es wird bestimmt noch ein paar Jahre dauern, aber eines Tages will ich mein eigenes Geschäft eröffnen.“ „Gut. Und jetzt helfen Sie mir bitte aus diesem Kleid.“ Verwirrt von dem abrupten Ende des Gespräches schwieg Hannah. 7
Sie streifte die farbenfrohe Seide vorsichtig herunter, um weder den Stoff noch Miss Victorias Strümpfe durch die Stecknadeln in Mitleidenschaft zu ziehen. Als sie das Kleid behutsam entfernt hatte, legte sie es beiseite und half Miss Victoria, einen Morgenrock anzuziehen. „Ich fürchte, ich muss mich jetzt um einiges kümmern“, sagte Miss Victoria, als sie sich an ihr Schreibpult setzte. „Ich zahle Ihnen einen Bonus, wenn Sie das Kleid gleich hier fertig machen, bevor Sie gehen. Sie können den Stuhl in der Ecke benutzen.“ Sie deutete in Richtung eines kleinen gepolsterten Hockers, der neben dem Schreibtisch stand. Hannahs Hals zog sich zusammen. Hastig suchte sie nach einer angemessenen Entschuldigung, doch sie fand nichts, was Miss Victorias Überprüfung standgehalten hätte. Da sie offensichtlich keine Wahl hatte, schluckte sie ihre Bedenken hinunter und brachte eine passende Antwort über die Lippen. „Wie Sie wünschen.“ Nachdem sie ihre Vorbereitungen getroffen hatte, stellte Hannah ihr Nähkästchen auf den Boden dicht neben Miss Victorias Stuhl und machte sich daran, an dem Kleid zu arbeiten. Sie mochte es nicht, vor ihren Kundinnen zu nähen. Obwohl ihr kleines Zimmer, das sie in einer Pension bewohnte, sehr dunkel war, genoss sie die Ruhe und Abgeschiedenheit. Dort konnte sie arbeiten, ohne auf ablenkende Fragen eingehen zu müssen. Hannah atmete tief ein. Ich werde das Beste daraus machen. Es war zwecklos, sich über das Unvermeidbare zu beklagen. Außerdem mussten ja nur der Saum gekürzt und ein paar zusätzliche Abnäher angebracht werden, da Miss Victoria in letzter Zeit viel Gewicht verloren hatte. In weniger als einer Stunde würde Hannah ihre Arbeit beendet haben. Zunächst war Miss Victoria eine hervorragende Gesellschaft. Sie war mit ihren eigenen Schreibarbeiten beschäftigt und hielt Hannah nicht von ihrer Arbeit ab. Nachdem sie ihre Brille aus einem Silberetui hervorgeholt hatte, sah sie einen Stapel Briefe durch. Doch als Hannah sich schon darauf freute, schnell mit ihrer Arbeit fertig zu werden, wandte Miss Victoria sich an sie. „Sie finden es bestimmt seltsam, dass ich meine Beerdigung schon im Vorhinein bis ins Kleinste plane.“ Hannah hob den Blick von ihrer Arbeit. „Nicht seltsam, Madam. Eher … vorausschauend.“ 8
„Hm. Die Wahrheit ist, dass ich weiß, dass ich sterbe. Ich will auf eine Art und Weise gehen, mit der ich allen im Gedächtnis bleibe, und nicht einfach für immer verschwinden.“ „Ich bin sicher, Ihr Neffe wird sich an Sie erinnern.“ Hannah drehte das Kleid, sodass sie besser an die Naht kam, die sie als nächste in Angriff nehmen wollte. „Sherman? Pah! Der Junge würde seinen eigenen Namen vergessen, wenn man ihm die Möglichkeit dazu gäbe.“ Miss Victoria zog ein Dokument aus einer Schachtel. Sie legte es vor sich, griff nach dem Tintenfässchen und öffnete es. „Ich habe schon daran gedacht, mein Vermögen für wohltätige Zwecke zu spenden, anstatt es meinem Neffen zu überlassen. Er und seine flatterhafte Frau werden es mit beiden Händen ausgeben.“ Ein tiefer Seufzer entfuhr ihr. „Aber sie sind nun einmal meine Familie. Mittlerweile ist es mir fast egal, was mit meinem Geld geschieht, wenn ich nicht mehr hier bin.“ Hannah zog schnell und geschickt die Nadel mit dem roten Faden durch den Stoff, konzentriert darauf, dass jeder Stich sorgfältig und genau gesetzt wurde. Es war nicht an ihr, Ratschläge zu erteilen, aber trotzdem brannte es ihr auf der Zunge. Allein mit einem Bruchteil des Ashmontvermögens könnte eine Kirche oder Wohltätigkeitsorganisation viel Gutes tun. Miss Victoria könnte ein paar kleinere Spenden tätigen, ohne dass ihr Neffe auch nur das Geringste mitbekam. Hannah presste ihre Lippen fest aufeinander und behielt ihre unerbetene Meinung für sich. Sie war erleichtert, als ein leises Klopfen an der Tür sie davor bewahrte, doch noch eine unüberlegte Antwort zu geben. Ein junges Dienstmädchen trat ein und knickste. „Die Post ist da, Madam.“ „Danke, Millie.“ Miss Victoria nahm den Umschlag entgegen. „Du kannst gehen.“ Das Geräusch knisternden Papiers erfüllte den Raum, als Miss Victoria den Brief studierte. „Nun, ich muss diesem Gentleman Respekt zollen“, murmelte die alte Dame. „Das ist der dritte Brief innerhalb von zwei Monaten.“ Wieder wendete Hannah das Kleid und beugte sich noch etwas dichter über ihre Arbeit. Sie hoffte, dass Miss Victoria aufhören würde, ihre privaten Dinge mit ihr zu besprechen. Doch es war nichts 9
zu machen. Die Stimme der alten Dame wurde wieder lauter, als sie fortfuhr. „Er will eines meiner Grundstücke kaufen.“ Hannah beging den Fehler und sah von ihrer Arbeit auf. Miss Victorias Augen, vergrößert durch die Brille, die sie trug, forderten eine Antwort von ihr. Doch wie sollte eine einfache Schneiderin sich in einem Gespräch mit einer Dame der Gesellschaft verhalten, die so weit über ihr stand? Sie wollte Miss Victoria nicht beleidigen, indem sie kein Interesse zeigte. Doch zu neugierig zu sein konnte auch missverstanden werden. Hannah mühte sich fieberhaft, eine angemessene Antwort zu finden. „Oh?“ Das schien genug zu sein, denn Miss Victoria wandte sich wieder ihrer Korrespondenz zu. „Als die Eisenbahnstrecken letztes Jahr ausgebaut werden sollten, habe ich einige Grundstücke erworben, die schon erschlossen waren. Ich habe guten Gewinn gemacht, als ich sie wieder verkaufte, doch an genau diesem Grundstück hänge ich.“ Eine erwartungsvolle Pause entstand. Hannah starrte wieder auf ihre Arbeit und stellte die erste Frage, die ihr in den Sinn kam. „Macht der Herr denn kein angemessenes Angebot?“ „Doch. Mr Tucker bietet einen mehr als ausreichenden Preis.“ Miss Victoria klopfte mit dem Brieföffner auf den Tisch, dann schien sie zu bemerken, was sie tat, und legte ihn beiseite. „Vielleicht zögere ich, weil ich den Mann nicht persönlich kenne. Er scheint bei der Bank in Coventry einen guten Stand zu haben. Sein Ruf dort ist ausgezeichnet, aber in den letzten Jahren habe ich es mir angewöhnt, meine Geschäftspartner persönlich zu treffen. Leider lässt meine Gesundheit das nicht mehr zu.“ „Coventry?“ Hannah ging rasch auf dieses weniger persönliche Thema ein. „Ich kenne diese Stadt nicht sehr gut.“ „Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie etwa zweihundert Meilen nördlich von hier liegt, am North Bosque River – und sehr klein ist. Ich hatte gehofft, eines Tages dorthin reisen zu können, aber wie es im Moment aussieht, werde ich diese Möglichkeit nicht mehr bekommen.“ Hannah vernähte einen Faden und schnitt das Ende ab. Sie griff nach ihrer Spule und wickelte neues Garn ab, froh darüber, dass das Thema sich endlich in eine weniger verfängliche Richtung gewendet hatte. Sie hielt die Nadel hoch, um den Faden einfädeln zu können. 10
„Was meinen Sie, Miss Richards? Sollte ich dem Mann das Grundstück verkaufen?“ Die Nadel fiel ihr aus der Hand. „Sie fragen mich?“ „Gibt es hier sonst noch irgendeine Miss Richards? Natürlich frage ich Sie.“ Miss Victoria schnalzte empört mit der Zunge. „Himmel, Mädchen. Ich habe gedacht, Sie seien von der intelligenten Sorte. Habe ich mich die ganze Zeit über geirrt?“ Das traf Hannah. Sie straffte die Schultern und hob ihr Kinn. „Nein, Madam.“ „Gut.“ Miss Victoria schlug mit der Handfläche auf ihren Schreibtisch. „Jetzt sagen Sie mir endlich, was Sie denken.“ Wenn diese Dame unbedingt ihre ehrliche Meinung hören wollte, würde Hannah gehorchen. Dieses Kleid war sowieso die letzte Arbeit, die sie für Miss Victoria erledigen würde. Es konnte also nicht schaden. Das einzige Problem war nur, dass Hannah sich im Laufe des Gespräches so sehr angestrengt hatte, keine eigene Meinung zu entwickeln, dass sie nun auch wirklich keine hatte. Sie versuchte, sich nicht zu einer überhasteten und dummen Antwort hinreißen zu lassen, und suchte deshalb erst einmal auf dem Fußboden nach ihrer Nähnadel. „Es scheint mir“, sagte sie, nachdem sie die Nadel gefunden hatte, „als müssten Sie sich entscheiden, ob Sie Ihr Land einem Mann überlassen, den Sie nur von seinem guten Ruf her kennen, oder Ihrem Neffen, mit dem Sie schon Ihre Erfahrungen gemacht haben.“ Hannah hob ihren Blick und blickte Miss Victoria in die Augen. Sie gestattete nicht, dass der durchdringende Blick sie einschüchterte. „Mit welcher Vorstellung könnten Sie eher leben?“ Victoria Ashmont dachte einen Augenblick nach. Schließlich nickte sie und wandte sich ab. „Danke, Miss Richards. Ich denke, ich habe meine Antwort gefunden.“ Kurz flackerte Triumph in Hannah auf, doch das Gefühl erlosch, als sie daran dachte, dass es hier um das Vermächtnis einer sterbenden Frau ging. „Verzeihen Sie mir meine Kühnheit, Madam.“ Miss Victoria wandte sich ihr wieder zu und erhob einen knöchernen Zeigefinger. „Kühnheit ist genau das, was Sie brauchen, wenn Sie Ihr eigenes Geschäft führen wollen, Mädchen. Kühnheit, Können und 11
harte Arbeit. Wenn Sie Ihren Laden haben, werden Sie die eine oder andere Notlage kennenlernen. Vertrauen ist die einzige Möglichkeit, alles zu überstehen – Vertrauen in sich selbst und in Gott, mit dem uns alles möglich ist. Vergessen Sie das nie.“ „Ja, Madam.“ Hannah fühlte sich ermahnt und ermutigt zur selben Zeit. Mit neuem Eifer ging sie an ihre Näharbeit. Das Kratzen eines Stiftes auf Papier ersetzte Miss Victorias Stimme, als die Frau sich wieder ihrer Korrespondenz widmete. In kurzer Zeit war Hannah mit den Änderungen fertig. Nachdem Miss Victoria das Kleid noch ein zweites Mal anprobiert und Hannahs Arbeit kritisch in Augenschein genommen hatte, wie es ihre Art war, begleitete sie Hannah in die große Empfangshalle. „Mein Butler wird Sie nach Hause bringen, Miss Richards.“ „Danke, Madam.“ Hannah nahm ihre Haube in Empfang und verknotete die Enden unter ihrem Kinn. „Ich werde am Ende der Woche meine Rechnung bei Mrs Granbury begleichen, aber hier ist schon einmal der Bonus, den ich Ihnen versprochen habe.“ Sie streckte Hannah einen weißen Briefumschlag entgegen. Hannah nahm ihn an und steckte ihn behutsam in ihren Korb. Dann machte sie einen schnellen Knicks. „Vielen Dank. Es war mir eine Ehre, für Sie zu arbeiten, Madam. Ich bete dafür, dass Ihre Gesundheit sich bessert.“ Ein seltsames Licht trat in Miss Victorias Augen, ein geheimnisvolles Schimmern, als könne sie die Zukunft sehen. „Sie haben Besseres vor sich, als seltsamen alten Damen rote Kleider zu nähen, Miss Richards. Verschwenden Sie nicht Ihre Energie darauf, sich um mich zu sorgen. Ich werde gehen, wenn es Zeit für mich ist, keinen Moment früher.“ Hannah lächelte, als sie aus der Tür trat, und sie war sich sicher, dass nicht einmal die Engel persönlich Miss Victoria dazu bringen könnten, früher zu gehen als nötig. Doch unter der harten Schale der alten Dame schlug ein gütiges Herz. Wie gütig es war, erkannte Hannah aber erst, als sie zu Hause angekommen war und den Briefumschlag öffnete. Anstatt der zwei oder drei Dollar, die sie erwartet hatte, fand sie ein Geschenk, das ihr den Atem und die Fassung raubte. 12
Sie ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand ihres Zimmers sinken und rutschte langsam daran hinunter. Zitternd saß sie minutenlang auf dem Boden und starrte auf das Papier vor sich. Sie blinzelte mehrmals, auch um die Tränen zu verdrängen, die in ihre Augen stiegen, aber nichts konnte die Tatsachen ändern. In ihren Händen hielt sie die Besitzurkunde für ihr eigenes Grundstück mit Schneiderei in Coventry, Texas.
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