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Prolog Hattie wusste nicht genau, für was sie betete. Oder für wen. Sie wusste nur, dass dieser spezielle Drang sie geweckt hatte, diese innere Unruhe, die sich anfühlte, als würde ein hölzerner Löffel in ihren Eingeweiden rühren. Vor Jahren hätte sie ihn vielleicht ignoriert und wäre wieder eingeschlafen. Sie hätte gedacht, dass ihr etwas nicht bekommen war oder sie schlecht geträumt hatte. Aber inzwischen wusste sie es besser. Nach mehr als achtzig Jahren, die sie mittlerweile auf Gottes Geist hörte, hatte sie sich endlich an seine Wege gewöhnt. Sie lag unter ihren schweren Steppdecken und fühlte die Kälte im Zimmer deshalb nur in ihrem Gesicht. Früher wäre sie vermutlich aus dem Bett geschlüpft, hätte sich hingekniet und still im Dunkeln gebetet, um Alvin nicht aufzuwecken. Aber Alvin war jetzt seit zwanzig Jahren tot und sie wurde so sehr vom Rheumatismus geplagt, dass sie noch nicht einmal ohne Hilfe aufstehen konnte, geschweige denn auf dem harten Holzfußboden knien. Gott wusste das. „Lieber Herr Jesus“, flüsterte sie. „Irgendjemand ist in Schwierigkeiten. Du weißt, wer es ist. Du weißt, was dieser Mensch braucht.“ Sie betete immer weiter, ohne auf die Uhr zu sehen. Als sie spürte, wie ihr Geist leichter wurde, fielen bereits die ersten gelblichen Strahlen der schwachen Wintersonne durch die Jalousien auf ihr Bett. Sie hatte kaum ein Auge zugetan, aber das spielte keine Rolle. In ihrem Alter waren Tag und Nacht dasselbe. Hier ein bisschen schlafen, dort ein bisschen, und vermutlich würde auch der Tod ähnlich kommen. Eines Tages würde sie in ihrem Sessel einschlummern und in der Herrlichkeit aufwachen. Sie hörte ein Klappern aus der Richtung, in der die Küche lag. Die Tür zum Garten öffnete und schloss sich quietschend. „Ich bin es, Miss Hattie.“ „Guten Morgen, Martha“, rief sie als Erwiderung. Ihre Stimme klang zittrig und alt, selbst in ihren eigenen Ohren. Sie hörte die Fußbodendielen knarren und folgte Marthas Bewegungen im Geiste. Noch eine Tür öffnete und schloss sich. Martha häng3


te ihren Mantel auf. Metall auf Metall – die Ofentür wurde geöffnet. Dann das Geräusch von knisterndem Zeitungspapier und das Poltern von Brennholz auf dem Rost, als Martha Feuer machte. Hattie lächelte. Es wäre für Martha einfacher gewesen, die Heizung anzumachen, aber sie wusste, wie gern Hattie ein Feuer im Ofen hatte. Wieder das Geräusch von Metall auf Metall, als die Ofentür geschlossen wurde. Weitere Schritte, und gleich darauf strahlte Marthas Gesicht sie an. Sie hatte hohe Wangenknochen, die aussahen wie aus dunklem Stein gehauen, und ihre Augen waren beinahe schwarz. Wie immer umspielte ein Lächeln ihren hübschen Mund. Martha war schön und klug genug, um etwas Wichtigeres in der Welt zu tun, als sich um eine alte Dame zu kümmern. Hattie fragte sich, ob sie mit ihrem Dasein als häusliche Pflegekraft zufrieden war. Aber Martha stellte sie diese Frage nie, weil sie Angst hatte, ihr einen Floh ins Ohr zu setzen, und dann würde irgendwann anstelle ihrer Freundin eine andere Hilfe durch die Tür kommen. Sie absolvierten ihre morgendliche Routine. Martha half ihr beim Anziehen und kämmte ihr die Haare aus, um sie dann wieder zum Zopf zu flechten und zu einem Knoten hochzustecken, den sie mit vier Haarnadeln befestigte. „Ich habe Sie doch nicht gepiekst, oder, Miss Hattie?“ „Nein, Liebes, aber das würde mir auch nichts ausmachen. Mein Kopf ist nicht so zart besaitet“, antwortete sie und versuchte, so gut es ging, mitzuhelfen, als Martha sie ins Bad brachte und anzog. Sie lehnte sich vor, während Martha ihr Kleid zuknöpfte, und hob ihre verkrümmten Füße hoch, damit Martha sie leichter in ihre Hush Puppies schieben und die Schuhe dann zuschnüren konnte. Martha summte. Hattie beobachtete ihre Hände, die so flink und doch sanft waren. So gesegnet sie auch war, jemanden zu haben, der für sie sorgte, wünschte sie doch wieder einmal, sie könnte mehr allein tun. Sie war es gewohnt, etwas für andere zu tun, nicht umgekehrt. Die Gesichter ihrer Lieben tauchten vor ihr auf. Für sie konnte sie auch nichts tun. Sie konnte nur beten. Hattie spürte, wie eine Schwere sich in ihrer Brust ausbreitete, aber beinahe im selben Augenblick wurde ihr die Wahrheit bewusst. Beten war Tun. Es erreichte mehr, als sie selbst jemals hätte erreichen können, auch als ihre Hände noch biegsam und ihre Beine stark gewesen waren. 4


Martha half Hattie in ihren Rollstuhl, schob sie in die Küche und parkte sie am Tisch. Hattie sah zu, wie Martha sich daranmachte, ihr Frühstück zuzubereiten. Sie sang, wie sie es immer tat. Diesmal war es das Lied „Ein kleiner Spatz zur Erde fällt“. „Möchten Sie heute Morgen eine Wurst und Sauce zu Ihren Eiern, Miss Hattie?“ Als Hattie nickte, legte Martha die Wurst in die Pfanne. Dann öffnete sie die Mehldose, schüttelte einige Löffel Mehl in die angeschlagene Rührschüssel, fügte Backpulver, Salz und etwas Biskin hinzu und goss Milch in die Schüssel. Anschließend vermischte sie alles mit ihren bloßen, sauberen Händen, so wie Hattie es auch immer getan hatte. Man brauchte die Berührung, um zu wissen, wann der Teig genau die richtige Konsistenz hatte. Nur vom Sehen war das nicht festzustellen. Martha formte den Teig zu einer Kugel, bestäubte diese mit Mehl und rollte sie dann mit einem sauberen Glas aus. „Heute gibt es Brötchen, Miss Hattie. Ich hoffe, das ist recht.“ „Ist gut, Martha“, antwortete Hattie, aber sie war nur halb bei der Sache, weil sie wieder abgelenkt wurde. Sie verspürte den gleichen Druck auf ihrer Seele, der sie letzte Nacht wach gehalten hatte, nur stärker, und diesmal war die Aufforderung zu beten mit einem Bild verbunden. Sie schloss die Augen. Sie sah ein Schaf, das allein in der Wüste war. Es lag auf blutigem Sand. Sein Hals war aufgerissen und es war zu betäubt und verwundet, um zu schreien. Ein Wolf umkreiste das Schaf mit gefletschten Zähnen, begierig darauf, sein Opfer endgültig zur Strecke zu bringen. Hattie spürte, wie Zorn in ihr aufflammte, und sie begann unwillkürlich zu beten. „Vater, der Feind will eines deiner Kinder vernichten. Dieses Kind ist verletzt, Herr, und niemand außer dir kann ihm helfen.“ Sie hatte am vergangenen Abend, bevor sie schlafen gegangen war, im Buch Daniel gelesen, und plötzlich schien ihr das kein Zufall mehr zu sein. „Herr, du warst der vierte Mann im Feuerofen, in den der König deine drei Diener geworfen hatte, und nicht ein einziges Haar auf ihrem Kopf wurde versengt. Als Daniel in die Löwengrube geworfen wurde, hast du deine Engel geschickt, um die Mäuler der Löwen zu verschließen, und er wurde befreit. Keinen Kratzer hat er abbekommen.“ „Ja, Herr“, stimmte Martha in das Gebet ein. „Nichts ist für dich zu schwer.“ 5


„Du bist heute derselbe, der du damals warst“, betete Hattie weiter. „Zeig uns deine Macht, Herr. Rette dein Kind.“ Sie hörte, wie ein Ei am Rand der Pfanne aufgeschlagen wurde. Ein lautes Zischen ertönte, als es ins heiße Fett rann. Dann erklang erneut Marthas Stimme. „Dein Herz ist sanft, Jesus, und dein Arm hat die Macht zu retten“, betete sie. Hattie schlug die Augen auf. Martha wendete die Eier, ließ sie auf einen Teller gleiten, öffnete die kreischende Ofentür und holte das Brötchen heraus. Hattie spürte, wie die Anspannung von ihr wich. Sie war so erschöpft, als hätte sie eine Schlacht geschlagen. Martha ließ die Wurst abtropfen. Als sie einander am Tisch gegenübersaßen, nickte sie, als hätte sie gerade etwas beschlossen. „Ich habe das Gefühl, dass der Herr unser Gebet erhört hat“, sagte sie. „Er handelt.“ Hattie nickte auch. Ihre Unruhe hatte sich gelegt. Sie war hungrig. „Reichen Sie mir doch bitte das Pflaumenmus.“ „Ja, Ma’am“, sagte Martha und wartete, bis Hattie das Glas fest im Griff hatte, bevor sie es losließ. Hattie aß, bis sie satt war. Wieder einmal war sie froh darüber, dass sie noch eine Gabel halten konnte. Als sie mit dem Frühstück fertig war, schob Martha ihren Rollstuhl zum Ofen. Das Feuer brannte heiß und knisterte, als Martha einen Holzscheit nachlegte. Im Zimmer war es warm. Hattie spürte, wie sie schläfrig wurde. Bevor Martha mit dem Abwasch begann, sagte sie noch einmal: „Ich habe das Gefühl, dass alles gut wird.“ Hattie lächelte zufrieden, schloss die Augen und schlummerte ein.

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1 „Ist das dann alles für Sie?“ Der Kassierer, ein alter Mann mit Zweistärkenbrille und einem hängenden grauen Schnurrbart, sah sie neugierig an, aber das war alles. Mary Bridget Washburn lächelte zaghaft. Ihre Schüchternheit war nicht gespielt und sie senkte den Blick, als sie die Sammlung an Husten- und Erkältungsmitteln auf dem Tresen vor ihr sah. „Es ist die Grippe“, log sie. „Die ganze Familie hat es erwischt – meinen Mann und die Kinder. Und meine Eltern pflege ich auch noch.“ Sie befühlte mit den Fingern den Führerschein in ihrer Tasche, einen der vielen, die Jonah bei dem Typen in Charlotteville für sie hatte herstellen lassen. Manchmal wollten sie einen Ausweis sehen, wenn man so viel kaufte, selbst wenn man bar bezahlte. „Mhm.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie sehen gar nicht alt genug aus, um verheiratet zu sein, geschweige denn Kinder zu haben.“ Mary überlegte, was sie darauf erwidern sollte, aber dann wurde ihr klar, dass der Mann keine Antwort erwartete. Er gab die Waren in die Kasse ein und packte die Flaschen in eine Tüte. Also nickte sie nur. Wieder einmal hatten ihre seidigen blonden Haare und die großen blauen Augen ihren Zweck erfüllt. „Ich werde fünfundzwanzig“, sagte sie. Es war das einzige Wahre, was sie dem Mann während ihres Gesprächs erzählt hatte. „Mhm“, wiederholte er. „Sie sehen keinen Tag älter aus als siebzehn.“ Sie hielt die Luft an, bis er ihr das Wechselgeld auf ihren Hunderter herausgegeben hatte. „Danke“, sagte sie und zwang sich aufzublicken. Er sah ihr jetzt unmittelbar in die Augen, als wäre ihm mit einem Mal aufgegangen, was sie im Schilde führte. Sie ließ sich nichts anmerken, sondern lächelte noch einmal. Als die Türklingel hinter ihr ertönte, verspürte sie das vertraute Gefühl der Erleichterung. Sie trat auf den Gehweg hinaus und sah sich nach dem Kleintransporter um, der ausnahmsweise sogar da war. Normalerweise musste sie ewig darauf warten, dass Dwayne seine Einkäufe in der Eisenwarenhandlung und dem Markt für Land7


wirtschaftsbedarf erledigt hatte und zurückkam, aber diesmal wartete er auf sie. Das war gut so, denn es war kalt, selbst für Virginia im Oktober. Sobald die Sonne fort war, würde es wieder gefrieren. Dwayne schnipste seine Zigarette aus dem Fenster und ließ den Motor an, während sie den Beutel mit der Erkältungsmedizin auf der Ladefläche verstaute, neben den Flaschen mit Frostschutzmittel und Abflussreiniger und den beiden großen Kanistern mit getrocknetem Ammoniak. Sie versuchte nicht daran zu denken, was aus alldem werden würde. In der Schule hatte sie einmal Bilder von einem Mann gesehen, der Methamphetamin genommen hatte. Auf dem ersten Bild sah er normal aus. Das zweite Bild schien zehn Jahre später aufgenommen worden zu sein und das dritte, als er ein alter Mann war. „Zwischen diesen Fotos“, hatte der Beamte von der Polizei, der die Schüler über Drogen aufklären sollte, gesagt, „liegen jeweils sechs Monate. Das ist die Wirkung von Crystal Meth.“ Mary verdrängte den Gedanken. Jedenfalls versuchte sie es. Sie kletterte auf den Beifahrersitz, und zum Glück sagte Dwayne nichts, sondern grunzte nur und legte den Gang ein. Dann fädelte er sich in den Verkehr ein, fuhr in Richtung Umgehungsstraße und nach Hause. Nach Hause, dachte sie mit einem Schaudern. Ein schmaler Wohnwagen, in dem sie aßen und schliefen, und eine alte, baufällige Räucherhütte im Hinterland, wo Jonah den Kandis herstellte, wie Dwayne das Zeug nannte. Sie schloss die Augen und versuchte die Stimme zu ignorieren, die sie mit jedem Tag lauter fragte, was sie eigentlich hier tat. Es ist nicht meine Schuld, widersprach sie der Stimme. Ich muss doch auch irgendwie überleben. Schließlich hatte sie nach dem HighschoolAbschluss bewusst beschlossen, eine Karriere in der Drogenproduktion einzuschlagen. Nein. Wie ihre Großmutter immer sagte, war es so gewesen, als würde man einen Frosch kochen. Die Hitze hatte langsam zugenommen, bis das Wasser um sie herum in Bewegung geraten war, und jetzt saß sie immer noch hier. Sie dachte an die Schritte zurück, die sie hierhergebracht hatten. Die guten Gründe, warum sie mit Jonah von zu Hause weggegangen war und sein Angebot, schnell und einfach Geld zu verdienen, angenommen hatte. Aber während sie ihr Verhalten vor sich selbst rechtfertigte, konnte sie die Stimme ihrer Mutter hören, die sie liebevoll, aber bestimmt, selbst aus dem Grab heraus noch warnte, dass es keine guten Gründe gab, falsche Dinge zu tun. 8


Wenn Mama hier wäre, würde noch immer alles richtig laufen. Oder zumindest nicht so falsch wie jetzt. Aber Mama war tot, Papa war nicht mehr da und ihre Brüder und Schwestern waren überall verstreut. Und sie war hier. Jedenfalls im Moment. In den letzten fünf Jahren hatte sie an mehr Orten gelebt, als sie zählen konnte. Sie waren wie Nomaden gewesen. Jedes Mal, wenn die Gesetzeshüter anfingen, sich für sie zu interessieren, hatten sie ihre Sachen gepackt, um weiterzuziehen. Manchmal war ihr Timing nicht so gut gewesen und Jonah oder Dwayne waren verhaftet worden. Sie hatten eine Zeit im Gefängnis abgesessen, waren wieder herausgekommen und hatten weitergemacht. Sie selbst war nie gefasst worden. Aber das war wohl nur Glück, vermutete sie. Eigentlich hätte sie während einer der Haftstrafen der beiden gehen können. Sie könnte auch jetzt gehen. Sie war keine Gefangene. Zumindest nicht im praktischen Sinne. Sie hatte mehrmals am Tag die Gelegenheit abzuhauen, indem sie eine Apotheke durch die Hintertür verließ, während Dwayne vorne mit dem Pick-up wartete. Oder zur Bushaltestelle zu gehen, während er etwas verkaufte. Aber wohin sollte sie gehen? Und was sollte sie tun, wenn sie dort angekommen war? Nach Hause konnte sie nicht mehr. Allein der Gedanke an zu Hause – bei dem vor ihrem geistigen Auge das Bild eines alten, weißen, mit Schindeln bedeckten Hauses aufstieg – versetzte ihr einen schmerzlichen Stich. Sie konnte nicht nach Hause. Es war nicht nur eine Stunde entfernt, sondern ein ganzes Leben. Nein, nach dem, was sie getan hatte und geworden war, konnte sie nicht dorthin zurückkehren. Und sie hatte kein Geld, um woanders neu anzufangen. Der versprochene Gewinn war ihr nie ausgezahlt worden. Hin und wieder bat sie um Geld, doch Dwayne sagte dann, sie solle Jonah fragen, und Jonah gab ihr immer nur zwanzig Dollar auf einmal. Den Hundertdollarschein, den Dwayne ihr jedes Mal gab, wenn sie in eine Apotheke ging, um Erkältungsmittel oder Diätpillen zu kaufen, nicht eingerechnet. Wahrscheinlich ahnten sie, dass sie sich aus dem Staub machen würde, wenn sie jemals mehr Geld in die Finger bekommen sollte. Und was dann?, fragte sie sich müde. Sie hatte keine Ausbildung. Keine Fähigkeiten, außer Zutaten für Crystal Meth zu kaufen, und sie 9


hatte Angst vor dem, was geschehen könnte, wenn sie auf der Straße lebte. Schon jetzt warfen ihr die Männer, die mit Dwayne Geschäfte machten, vielsagende Blicke zu, ganz zu schweigen von Dwayne selbst. Jonah hingegen, mit dem sie hatte zusammen sein wollen, bemerkte sie kaum noch. Die Erde könnte sich auftun und sie verschlingen, es würde ihn nicht kümmern. Er war immer im Schuppen und stellte seinen Kandis her, und selbst wenn er körperlich anwesend war, lebte er in seiner eigenen Welt. Aber das war ja nichts Neues. Jonah war schon immer anders gewesen. Er war nicht wie die anderen Jungs zu Hause, die sich nur für Fußball und die Jagd interessierten. Ihm waren ihre Dummheit, ihre großen Autos und ihre dämlichen Gesellschaftsspielchen immer zu blöd gewesen, und das hatte er auch offen gesagt. Wenn sie an Jonah dachte, sah sie ihn immer vor sich, wie er im Wald verschwand. Irgendwie hatte er geheimnisvoll und ein bisschen abgehoben gewirkt, wie jemand, der im falschen Jahrhundert geboren worden war. Wie oft war Jonah schweigsam und ernsthaft durch die Hügel und Täler gestreift und mit den Taschen voller Pfeilspitzen zurückgekommen oder mit Ginsengpflanzen, deren Wurzeln er ordentlich in sein Taschentuch gewickelt hatte, oder einer Handvoll glitzernder Steine, die er aus der roten Erde aufgesammelt hatte. Sein bester Freund war sein Großonkel gewesen, der in der Hütte auf dem Bergrücken wohnte. Die Hände des alten Mannes waren dick wie Leder gewesen von all den Stichen, die er in den vielen Jahren als Imker abbekommen hatte, aber er hatte den besten Sauerbaumhonig gemacht, den man sich vorstellen konnte. Er war süß und duftete und hatte die Farbe von hellem, klarem Bernstein. Jonah hatte seinen Hang zur Einsiedelei von diesem Onkel. Er sah auch aus wie er – der Schatten des alten Mannes erschien in dem jungen. Beide hatten die gleichen kantigen Gesichtszüge, die an die Berge erinnerten, die beide so liebten. Beide hatten eine hohe, breite Stirn, hervorstehende Wangenknochen und einen breiten, kantigen Unterkiefer. Wie das seines Onkels war auch Jonahs Gesicht schlicht und gerade, so als wäre es aus Stein gehauen. Seine Augen waren wie der graue Granit der Berge, und wie diese Felsen hatten sie auch kleine weiße Flecken. Jonahs Bewegungen waren schon immer geschmeidig gewesen und für einen so schlaksigen, großen Mann erstaunlich elegant. Er war 10


schnell und lautlos durch den Wald gehuscht und seine Augen hatten alles bemerkt, was sich seit dem letzten Mal verändert hatte. Er kannte den Standort aller Bienenkörbe und Eichhörnchennester. Es gab nichts auf diesem Berg, das er nicht sah. „Er ist eigenartig“, hatte ihr Vater rundheraus gesagt und immer misstrauisch geschaut, wenn Jonah vorbeigegangen war. Mary verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. Wenn Papa Jonah damals schon für merkwürdig gehalten hatte, was würde er dann wohl jetzt über ihn sagen? Wahrscheinlich würde er ihn nicht einmal mehr erkennen. Jonahs Haut war fahlweiß geworden, sein Gesicht ausgemergelt und eingefallen. Und sein Körper war nicht das Einzige, was sich an ihm verändert hatte. Es war, als wäre seine Persönlichkeit, dieses undefinierbare Etwas, das Jonah ausmachte, langsam aufgefressen worden, Zentimeter für Zentimeter verdrängt von seiner Bitterkeit und der ständig zunehmenden Menge an Methamphetamin. Plötzlich hatte sie eine Vision, in der Jonahs Seele wie ein Stück Schweizer Käse aussah. Wer auch immer jetzt in seinem Körper lebte, war paranoid und verrückt im Kopf. Er rastete wegen der winzigsten Kleinigkeiten aus, was für MethAbhängige typisch war. Dwayne brüstete sich damit, dass er das Zeug nur gelegentlich nahm, aber Mary wusste, dass es bei Jonah auch so angefangen hatte. Sie selbst nahm hin und wieder schwächere Sachen, aber nichts füllte wirklich die Leere in ihrem Innern. Doch wann immer sie sich fragte, warum sie sich überhaupt zurückhielt, erinnerte ein Blick auf Jonah sie daran. Er machte immer wieder denselben Kreislauf durch. Jedes Mal nahm er ein bisschen mehr und wurde immer verrückter. Dann schrie und brüllte er und sah Dinge. Diese Phase konnte Tage oder sogar Wochen anhalten. Irgendwann brach er schließlich zusammen, wobei er manchmal ein paar klare Stunden hatte, und anschließend schlief er tagelang, beinahe wie im Koma. Wenn er dann aufwachte, verlangte sein Körper nach dem Stoff und das Ganze begann von vorne. Sie hatte von einem Mann in New Mexico gehört, der auf dem Höhepunkt eines solchen Suchtkreislaufs durchgedreht war. Er war plötzlich davon überzeugt gewesen, dass sein Sohn besessen sei, hatte dem Jungen den Kopf abgehackt und ihn aus dem Fenster seines Lastwagens geworfen. In letzter Zeit hatte auch Jonah solche paranoiden Phasen, 11


in denen er sie und Dwayne anstarrte und dann plötzlich verstummte, so als würden irgendwelche Stimmen in seinem Kopf ihm Dinge einflüstern, die sogar ihm Angst machten. Sie fürchtete sich vor ihm und hatte angefangen, sämtliche Messer und Rasierklingen zu verstecken, genauso wie alles andere, was er benutzen konnte, um sich selbst oder andere zu verletzen. Letzte Woche war er in das Wohnzimmer des Trailers geplatzt, ein Gewehr im Anschlag, und hatte davon gesprochen, dass jemand sein Gehirn stehlen wolle. „Gib mir das Ding, bevor du jemanden damit umbringst“, hatte Dwayne gesagt und Jonah die Waffe entwunden, und der hatte ihn mit wildem Blick und keuchendem Atem angesehen. Seine scharfen Züge waren noch kantiger, seitdem er so viel abgenommen hatte. „Hier.“ Dwayne hatte ihr das Gewehr gegeben. „Pass lieber darauf auf. Jonah hat zu oft von dem Stoff probiert. Ein bisschen zu viel Kandis gelutscht.“ Sie hatte die Waffe entgegengenommen, und in dem Moment, in dem sie den glatten Kolben in der Hand gespürt hatte, war ihr wie ein lange erwarteter Morgen eine Erkenntnis gedämmert. Dwayne vertraute ihr. Aber dann, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, hatte er sich neben sie auf das kaputte Sofa gesetzt, eine seiner tätowierten Pranken gehoben und auf ihre Schulter fallen lassen. Sie hatte versucht, nicht zusammenzuzucken. „In Boone’s Mill gab es vor einiger Zeit mal einen alten Kerl, der versucht hat, uns über den Tisch zu ziehen“, hatte er im Plauderton gesagt. „Weißt du, was mit ihm passiert ist?“ Sie hatte den Kopf geschüttelt und so getan, als interessiere es sie nicht. „Jemand hat ihn mit Benzin überschüttet und angezündet, während er schlief.“ Sie hatte nicht reagiert. Es war wahrscheinlich nur ein dummer Spruch gewesen. So war Dwayne nun mal. Er gab immer an. Aber bei Jonah konnte man sich inzwischen nicht mehr sicher sein, was er als Nächstes tun würde. Mary hatte nichts mehr gesagt, sondern nur den Blick auf den Fernseher gerichtet, aber der kleine Funke Hoffnung war trotzdem gestorben. Nach einer Weile war sie in ihr Zimmer gegangen. Immer mehr Leute waren gekommen und gegangen und die Musik hatte angefangen, die Wände zu erschüttern. Sie hatte ein bisschen in einer Zeitschrift ge12


lesen und war irgendwann eingeschlafen. Gegen fünf Uhr morgens war sie aufgewacht und aufgestanden, um ins Bad zu gehen. Endlich waren alle gegangen und jemand hatte die Stereoanlage ausgeschaltet. Sie hatte Dwayne auf dem Sofa schnarchen hören können. Als sie zu ihrem Zimmer zurückgegangen war, war Dwayne aufgewacht, aufgestanden und ihr den Flur hinunter gefolgt. Hastig war sie in ihr Zimmer gelaufen, hatte die Tür leise zugedrückt und den lächerlichen Riegel vorgeschoben. Nicht, dass der viel nützen würde, wenn Dwayne beschloss hereinzukommen. Er war näher gewankt, und sie hatte gehört, wie er vor der Tür stehen blieb. Sie hatte die Luft angehalten. Nach ein paar Minuten hatte der Fußboden geknarrt und sie hatte gehört, wie seine Schlafzimmertür sich öffnete und schloss. Aber sie hatte gewusst, dass es nicht mehr lange dauern würde. In dieser Nacht hatte sie die Stirn gegen ihre Zimmertür gelehnt und versucht zu beten, aber sie hatte keine Worte gefunden. Jetzt wandte Mary ihr Gesicht dem Fenster des Pick-ups zu, doch sie bemerkte die Schönheit der Berge kaum, die flammend roten Blätter an den Bäumen. Wie war ihr Leben zu solch einer trockenen, heißen Wüste geworden? Es war, als hätte sie sich in einem Canyon aus Stein und Staub verirrt, in den jede Biegung sie weiter hineinführte anstatt hinaus in grüne Täler mit schattigen Bäumen und stillen Seen. Sie fühlte sich bis auf die Knochen erschöpft. Müde lehnte sie den Kopf an die Fensterscheibe. Wer war sie eigentlich in Wirklichkeit? Gewiss nicht die Person, die sie geworden war. Mary versuchte sich an das letzte Mal zu erinnern, als sie ihr wahres Selbst gesehen hatte. Sie konzentrierte sich, weil sie nicht nur mit dem Gedanken spielen, sondern sich wirklich erinnern wollte, und ihre Erinnerung brachte sie an einen Ort zurück, den sie immer krampfhaft vermieden hatte. Ihr Mädchengesicht strahlte sie aus der Vergangenheit an. Ihre Zähne waren ein bisschen zu groß für ihr Gesicht, ihr Haar fiel hellblond auf ihre Schultern. Ihre Beine waren dünn und vom Spiel verschrammt, und in ihren hellen Augen leuchtete ein Licht, das noch nicht verloschen war. Mary Bridget lächelte, als sie sich an den Höhepunkt jenes Jahres erinnerte. Sie hatte in der Sonntagsschule einhundert Bibelverse auswendig gelernt und eine nagelneue, in weißes Leder gebundene Bibel gewonnen, auf deren Einband in geschwungenen goldenen Buchstaben ihr Name stand. 13


Eine andere Szene tauchte vor ihrem geistigen Auge auf, und plötzlich war sie mit ihrer Mutter bei Grandma, wo sie Bohnen putzte und diese Verse lernte. Beinahe konnte sie den vertrauten Duft von Grandmas Küche riechen – eine Mischung aus Kaffee und Keksen und Äpfeln und Holzrauch und dem, was es jeweils zum Abendessen gab. Sie konnte fast das energische Zischen des Schnellkochtopfes hören, das Knarren ihrer Stühle, die Klänge von Grandmas Gospelmusik im Hintergrund. Mama und Grandma waren beide an dem Abend in der Kirche gewesen, als sie ihre Bibel verliehen bekommen hatte. Mary starrte geradeaus und anstelle des staubigen Armaturenbretts des Pick-ups sah sie die beiden in ihren gestärkten und gebügelten Sachen, wie sie in der ersten Reihe saßen und vor Stolz so strahlten, dass sie noch immer die Wärme spüren konnte. Sie hielt das bittersüße Bild so lange fest, wie sie konnte, aber nach einigen Augenblicken verblasste es. Bekümmert starrte sie aus dem schmierigen Fenster des Pick-ups. Wo war dieses Mädchen geblieben? Was war geschehen, dass sie sich so verändert hatte? Das war eine Frage, die zu stellen sie sich selbst nie gestattet hatte. Und der einzige Grund, warum sie sich die Frage jetzt stellte, war die nagende, fauchende Qual, die sie in letzter Zeit immer wieder überfiel. Etwas in ihr, das sie all die Jahre unterdrückt hatte, erwachte allmählich, und wand und mühte sich, in die Freiheit zu gelangen. Und es tat weh. Seit den ersten Tagen hatte sie sich nicht mehr so elend gefühlt, seit dem ersten Morgen, an dem sie neben Jonah aufgewacht war und ihr bewusst geworden war, was sie getan hatte. Ein Schamgefühl hatte sich in ihrer Brust und ihrem Magen ausgebreitet wie etwas Kaltes, Giftiges. Es hatte sich so schlimm angefühlt, dass sie geglaubt hatte, sie würde es nicht überleben. Deshalb hatte sie gelernt, das Gefühl zu verdrängen. Man dachte einfach nicht daran, das war alles. Man blickte stur geradeaus und dachte nicht nach und fühlte nichts und tat nur, was als Nächstes zu tun war, und wann immer es etwas gab, weswegen man sich schlecht fühlte, sah man weg oder klappte das Buch zu oder schaltete den Fernseher aus oder fand etwas, das einen ablenkte. Aber offenbar wurde sie allmählich müde oder das Gefühl wurde stärker, denn diese Methode funktionierte nicht mehr. Immer häufiger, wenn sie in ihrem Bett lag und kurz vor dem Einschlafen war, 14


wenn sie aus dem Fenster starrte und sich nicht in Acht nahm, wurde diese Stimme in ihr laut. Wer bist du?, fragte sie. Zu wem gehörst du? Und wann auch immer die Stimme das fragte, erschien das Gesicht des kleinen Mädchens vor ihrem inneren Auge. Mary konnte nicht sagen, ob sie verhöhnt oder zu etwas zurückgerufen wurde, das immer noch möglich war. War es möglich? Existierte diese Person noch immer irgendwo in ihr drin oder war sie für immer verloren? Während diese Frage in Mary widerhallte, fielen ihr die lange verschollenen Worte wieder ein. Plötzlich erschienen sie ihr richtig und wie eine genaue Beschreibung dessen, was aus ihrem Leben geworden war. Sie schloss die Augen und flüsterte sie lautlos in sich hinein. „Angst und Schrecken überkommen mich und ich zittere am ganzen Leib …“ Der Vers ging noch weiter, aber sie konnte sich nicht erinnern. Den ganzen Heimweg über wiederholte sie den ersten Teil und versuchte, sich an den Rest zu erinnern. Schließlich, als Dwayne von der Autobahn abfuhr und durch die sich windenden Seitenstraßen kurvte, fiel ihr wieder ein, wie es weiterging. „Hätte ich doch Flügel wie eine Taube“, flüsterte sie lautlos, „dann würde ich fortfliegen und zur Ruhe kommen!“ „Fortfliegen und zur Ruhe kommen“, wiederholte sie im Geiste, als sie in den langen Schotterweg einbogen, der zu ihrem Wohnwagen führte. „Fortfliegen und zur Ruhe kommen“, flüsterte sie, als ihr Blick auf den Müll von der Drogenherstellung im Graben fiel – Berge von leeren Frostschutzmittelkanistern und Abflussreinigerflaschen und aufgebrauchten Petroleumdosen. Sie murmelte die Worte immer wieder, und als der Pick-up zitternd vor dem rostigen Wohnwagen zum Stehen kam, hatte sich irgendwie etwas verändert. Jetzt waren die Worte kein Gebet mehr, sondern ein Plan.

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2 Sie war klug genug, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Ein Tag verstrich, dann noch einer, dann eine ganze Woche und schließlich eine zweite. Als dann endlich alle nötigen Faktoren gegeben waren, brauchte sie ein paar Minuten, bis ihr bewusst wurde, dass dies der Augenblick war. Die Gelegenheit, auf die sie gewartet hatte. Sie und Dwayne verbrachten wieder einmal einen langen Tag damit, Geschäfte abzuklappern, um die Zutaten zu besorgen. Gegen sechs Uhr kamen sie zurück zum Wohnwagen. Jonah kam nur aus der Räucherhütte, um sich zu holen, was er brauchte, und machte sich dann wieder an die Arbeit. Mary Bridget ging in die Küche. Sie wusch das schmutzige Geschirr ab und warf die leeren Bierdosen fort. Als Dwayne zum Pick-up hinausging und mit zwei Literflaschen selbst gebrautem Bier zurückkam, schlug ihr Herz schneller. Dies war ihre Chance. „Ich habe heute in Franklin County ein paar Geschäfte gemacht.“ Dwayne grinste und schnupperte an dem Flaschenverschluss. „Ein schwacher Duft mit einem Hauch Batteriesäure und einem winzigen Nachgeschmack von Bleirohr.“ Mary Bridget lachte, als hätte er etwas Witziges gesagt. Sie holte die Hühnchen, die sie gestern gekauft hatte, aus dem Kühlschrank und schickte ein Dankgebet zum Himmel, dass sie das Fleisch noch nicht aufgebraucht hatten. Sie kochte ein mächtiges, schweres Essen – gebratenes Hühnchen mit Brötchen und Sauce – die Art Mahlzeit, bei der Dwayne immer dreimal so viel aß wie nötig und dann auf dem Sofa vor dem Fernseher einschlief. Sie machte den restlichen Abwasch und setzte sich anschließend sogar neben ihn, um fernzusehen. Eine Sendung nach der anderen. Alle ein, zwei Minuten trank Dwayne einen Schluck aus der Flasche. Irgendwann, als sie die Hoffnung, ihr Plan könnte aufgehen, schon beinahe aufgegeben hatte, rollte sein Kopf nach hinten und er fing an zu schnarchen. Sie blieb eine Minute sitzen und vergewisserte sich, dass er wirklich schlief, dann wand sie sich unter seinem Arm hervor und zwang sich, 16


so normal wie möglich den Flur hinunterzugehen. Sie durfte nicht riskieren, dass er wach wurde und sie dabei ertappte, wie sie auf Zehenspitzen herumlief. Hastig sah sie auf ihre Uhr. Sie hatte ungefähr eine Stunde, bevor die ersten Autos eintreffen würden. Abendliche Käufer, die sich das, was sie brauchten, hier besorgten. Sie ging ins Bad und sah aus dem Fenster. Es war dunkel, aber um den Rand des schwarzen Plastiks vor dem Fenster der Räucherhütte konnte sie einen silbernen Schein erkennen. Leise ging sie wieder in den Flur zurück. Dwayne sägte immer noch ganze Wälder ab. Jonahs Tür war nicht abgeschlossen. Er schlief nie in seinem Zimmer. Genau genommen schlief er überhaupt nie, und sie betete, dass er das Geld hier aufbewahrte und nicht bei sich in seinem improvisierten Labor. Sie warf einen letzten Blick zum Wohnzimmer hinüber, dann drehte sie den Knopf der Schlafzimmertür und trat ein. Es sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Das Bett war nicht gemacht und es roch streng nach ungewaschener Kleidung. Jonah badete schon lange nicht mehr und sie hatte kleine Stellen mit blutigem Schorf an seinen Armen entdeckt, wo er sich gekratzt hatte. Sie rümpfte die Nase und dankte Gott, dass sie sich gleich an den Gestank gewöhnt hatte. Überall lag Geld herum. Zehner und Zwanziger zusammengeknüllt auf der Kommode, mit zerknitterten Quittungen und Münzen zwischendrin. Sie beachtete die Geldscheine nicht weiter, weil sie wusste, dass es irgendwo einen größeren Stapel geben musste. Jeden Tag nahmen sie mehrere tausend Dollar ein und sie war sich hundertprozentig sicher, dass Jonah nicht zu einer Bank gegangen war und ein Konto eröffnet hatte. Sie durchsuchte erst eine, dann zwei Schubladen, entdeckte jedoch nur graue Unterwäsche und Socken und ein Schlangennest aus alten Latzhosen und T-Shirts. Als sie hörte, wie die Hunde draußen anschlugen, machte ihr Herz einen Satz. Sie ging zum Fenster und spähte hinaus. Das Licht in der Hütte war immer noch an und sie sah nichts und hörte auch kein Geräusch außer dem heiseren Bellen. Manchmal fingen sie einfach an zu kläffen, und man wusste nicht, warum. Vielleicht war ein Waschbär oder eine Beutelratte im Dunkeln vorbeigelaufen. Mary öffnete das Schlafzimmerfenster, reckte den Hals und blickte den Flur hinunter. Dwayne schnarchte immer noch. Die Angst trieb sie zur Eile an. Systematisch machte sie sich auf die 17


Suche, öffnete schnell und leise jede Schublade, ging zum Kleiderschrank und sah unter dem Haufen dreckiger Kleidung und den stinkenden Stiefeln und Schuhen nach. Schließlich hatte sie den ganzen Raum durchsucht. Das Geld war nicht zu finden. Sie lehnte sich an die Wand und ließ sich daran auf den schmutzigen Teppich hinuntergleiten. Am liebsten wäre sie in Tränen ausgebrochen. Sie schlug sich die Hände vors Gesicht. „Hilf mir, Gott!“, betete sie, und die Ironie war ihr durchaus bewusst. Aber sie musste hier raus. Darauf kam alles an. Das Geld musste draußen bei Jonah sein. Sie öffnete die Augen und fragte sich, wie sie ihn von der Räucherhütte weglocken könnte. Sie starrte geradeaus, ohne das unordentliche Zimmer zu sehen, während sie versuchte eine Antwort zu finden, aber während sie so starrte, wurde ihre Aufmerksamkeit auf etwas gelenkt. Zwischen der vergilbten Matratze und dem Bettgestell lugte ein winziges Stück grünes Papier hervor. Aufgeregt kroch sie zu dem Bett und zog vorsichtig daran. Es war ein Hundertdollarschein. Sie hob die Matratze hoch, und da war er: der Geldvorrat. Gebündelte Banknoten lagen beinahe über das ganze Bett verteilt. Sie starrte noch eine Sekunde darauf, dann nahm sie ihren grünen Seesack und stopfte die Bündel aus Hundertern und Fünfzigern hinein, bis der Reißverschluss kaum noch zuging. Wenn schon, denn schon. Sie hob den Seesack hoch, und weil sie das Risiko, an Dwayne vorbeizugehen, nicht eingehen wollte, ging sie ins Bad. Sie öffnete das Fenster und warf den Seesack und ihren Rucksack hinaus. Dann kletterte sie selbst hinterher, ließ sich auf den weichen Boden unter dem Fenster fallen und schloss es vorsichtig wieder. Sie schlich zu dem Pickup, öffnete die Tür so leise, wie sie konnte, und schob den Beutel über den Schaltknüppel hinweg auf den Beifahrersitz. Sie hatte sich gerade hinters Steuer gesetzt und hoffte, dass der Wagen anspringen würde, wenn sie ihn den Hügel hinunterrollen ließ, während sie sich gleichzeitig fragte, was sie tun würde, wenn er es nicht tat, als die Hunde erneut anfingen zu bellen. Sie erstarrte und ihr Herz setzte eine Sekunde lang aus, um dann umso heftiger zu schlagen. Ein Lichtschein durchdrang die Dunkelheit, als Jonah die Tür der Räucherhütte aufstieß. Er blinzelte und seine Haare und Augen sahen wild aus. Wieder hielt er sein Gewehr in den Händen, und der Strahl der Taschenlampe hüpfte unkontrolliert über den Hof, bis er auf dem 18


Fahrersitz des Wagens liegen blieb. Mary holte tief Luft und beschloss, nicht ohne Kampf aufzugeben. „Dreh das verdammte Ding weg, bevor ich blind werde.“ Das Licht leuchtete noch einen Moment weiter, dann wanderte es zu ihren Füßen. Sie konnte ihn sehen, schrecklich und Furcht einflößend, eingerahmt vom Licht aus dem Schuppen, und obwohl sie furchtbare Angst dabei hatte, ging sie auf ihn zu. Das Letzte, was sie wollte, war, dass er zu ihr kam und die Tasche auf dem Beifahrersitz entdeckte. Als sie näher kam, konnte sie sehen, dass sein kantiges Gesicht eingefallen wirkte. Er kaute auf seiner Lippe und bewegte den Unterkiefer auf diese merkwürdige Weise, die er sich angewöhnt hatte, seit er Drogen nahm. Sie ging weiter und nahm den Geruch bereits wahr, bevor sie die Sammlung von Einmachgläsern, feuerfesten Glasbehältern und Schläuchen auf den Tischen hinter ihm sah. Sie versuchte nicht zu atmen. Es roch wie Nagellackentferner, nur hundertmal so stark. Bevor er ihr eine Frage stellen konnte, baute sie sich vor ihm auf und ergriff das Wort. „Gib mir den Wagenschlüssel“, forderte sie, wobei sie ihre Stimme ruhig und fest klingen ließ. „Wozu?“ Seine Augen waren dünne graue Kreise um schwarze Scheiben. „Ich muss in die Stadt fahren.“ Sie gab sich Mühe, ungeduldig zu klingen. Er starrte sie skeptisch an, während sein Unterkiefer mahlte. Seine Hand war damit beschäftigt, den Schorf an seinem Arm abzukratzen, und die Wunde fing an zu bluten. „Du meine Güte!“ Sie machte ein verärgertes Geräusch. „Ich brauche etwas. Frauensache.“ „Oh.“ Jonah sah verwirrt drein. „Gib mir den Schlüssel“, verlangte sie noch einmal Er starrte sie eine Minute lang an und legte den Kopf schief. „Den Schlüssel!“, wiederholte sie, und endlich kramte er in seiner Tasche und gab ihn ihr. Sie streckte die Hand aus, weil ihr plötzlich eine Idee kam. „Und etwas Geld.“ Jonah stellte das Gewehr ab und holte sein Portemonnaie heraus. „Hier.“ Er reichte ihr zwanzig Dollar, und bevor sie etwas erwidern konnte, schloss die Tür sich vor ihrer Nase. 19


Danach rannte sie, während ihr das Herz bis zum Hals schlug. Sie kletterte in den Pick-up, legte den Leerlauf ein und betete, dass Dwayne immer noch bewusstlos auf dem Sofa lag. Ohne Licht fuhr sie den Hügel hinunter und hoffte, dass sie nicht in ein Schlagloch geriet. Erst als die Straße ebener wurde und ihr nichts anderes mehr übrig blieb, schloss sie die Tür und ließ den Motor an.

HH Es war gerade zwei Uhr morgens, als sie in Charlottesville auf den Parkplatz einer Wal-Mart-Filiale fuhr, die rund um die Uhr geöffnet hatte. Einen Augenblick blieb sie regungslos im Auto sitzen und überlegte; dann, als ihr Plan feststand, ging sie hinein und kaufte ein Paar Ohrringe, einen Lippenstift und eine Packung dunkelbraune Haarfarbe. Sie ging in die Damentoilette und färbte ihre Haare, wobei sie sich die herunterlaufende Farbe mit Papierhandtüchern von Hals und Schultern wischte und die neugierigen Blicke einer Verkäuferin ignorierte, die hereinkam und wieder ging, ohne etwas zu sagen. Mary sagte ebenfalls nichts, sondern trug störrisch weiter die Farbe auf. Sie verdrängte den Schmerz, der sie durchfuhr, als sie sah, wie ihr maiskolbenfarbenes Haar die Farbe von Schlamm annahm. Anschließend bemühte sie sich, ihre Haare, so gut es ging, zu trocknen, indem sie den Kopf unter den kleinen Händetrockner an der Wand hielt. Bevor sie ganz trocken waren, kämmte sie sie glatt auf ihre Schultern hinunter. Ihre Haare fühlten sich dick und klebrig an, so als hätte sie die Farbe nicht gut ausgespült. Mary lehnte sich vor und betrachtete im Spiegel ihr Gesicht, das schon jetzt ein wenig ungewohnt aussah. Die langen Ohrringe ließen sie noch fremder erscheinen, und als sie ihre Lippen mit dem dunklen Lippenstift ausgemalt und sich die Augen geschminkt hatte, starrte eine andere Person sie aus dem Spiegel an. Jetzt war sie bereit. So würde niemand sie erkennen, und bei den vielen Ausweisen, die der Typ für Studenten am College herstellte, würde er sich nie im Leben an sie als frühere Kundin erinnern. Es war so gut wie ausgeschlossen, dass er sie mit Jonah in Verbindung bringen würde. Sie lenkte Dwaynes Wagen zur Schule und fuhr langsam die Straßen auf und ab. Da war es, das Wohnhaus. Leise flüsterte sie ein Dankgebet, auch wenn es ein komisches Gefühl war, wegen einer solchen 20


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