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Prolog Cisco, Texas April 1883 Heute ist es so weit. Sie konnte es spüren. Adelaide Proctor starrte den Mann auf der anderen Seite des Tisches gebannt an. In ihrem Magen tanzten die Schmetterlinge derart wild, dass sie kaum einen Bissen des Apfelkuchens hinunterschlucken konnte, den er gerade für sie bestellt hatte. Das geheimnisvolle Lächeln, das er ihr heute Morgen beim Frühstück in der Pension zugeworfen hatte, seine Einladung zum Essen heute Abend, damit sie über ihre Zukunft sprechen konnten … Die Zukunft! Was konnte es anderes bedeuten? Henry Belcher würde ihr heute einen Heiratsantrag machen. „Schmeckt Ihnen der Kuchen nicht, meine Liebe?“ Er legte seine Gabel beiseite und sah ihr in die Augen. Immer um sie bemüht, das war ihr Henry. „Ich bin sicher, er ist köstlich“, sagte Adelaide, während sie die Augen senkte und über den Stoff der Tischdecke strich. „Es ist nur, dass Sie erwähnt hatten, dass Sie heute Abend etwas Wichtiges mit mir zu besprechen hätten. Und ich befürchte, dass mir diese Ankündigung den Appetit geraubt hat.“ „Natürlich. Wie gedankenlos von mir.“ Er schob den Teller mit seinem halb gegessenen Kuchen beiseite und streckte ihr eine Hand entgegen. „Ich hätte Sie nicht den ganzen Abend über in Ungewissheit lassen sollen.“ Mit zitterndem Atem legte Adelaide ihre Hand in die seine. Sein Daumen streichelte über ihren Handrücken – eine vertrauliche Geste, die die Hoffnung in ihr erblühen ließ. Und auch, wenn sich ihre Gefühle nicht überschlugen … nun ja, was machte das schon? Nicht alle Ehen waren auf Leidenschaft gegründet. Sie und Henry teilten etwas viel Beständigeres: gemeinsame Interessen und gegenseitigen Respekt. Sorgfältig gepflegt, würde daraus Liebe erwachsen, da war sie sich sicher. 5


„Sie sind mir in diesem letzten Jahr sehr wichtig geworden“, sagte Henry leise. „Jeden Monat, wenn ich meine Tour erneut starte, ersehne ich den Augenblick, wenn der Zug mich nach Cisco bringt und ich Sie wiedersehen kann. Sie haben so treu immer wieder Bücher für Ihre Klasse und sich selbst bestellt. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr Ihre Großzügigkeit mein Herz gerührt hat.“ Adelaide erwiderte seinen Blick mit pochendem Herzen. „Ich liebe die Literatur und ich … ich versuche, in meinen Schülern das gleiche Verlangen zu wecken.“ Sanft drückte sie seine Finger und betrachtete seinen Mund, den jetzt ein warmes Lächeln umspielte. „Sie haben keine Mühen gescheut, uns immer genau die richtigen Bücher zu besorgen. Andere fahrende Händler wollen immer nur ihre teuersten Ausgaben verkaufen. Aber nicht Sie. Ihnen sind Ihre Kunden wichtiger. Das habe ich vom ersten Augenblick an gemerkt.“ „Sie sind mir wichtig.“ Adelaides Herz summte wie ein Kreisel, der immer schneller wirbelte. Bevor der Zug Henry in die Stadt gebracht hatte, hatte sie daran gezweifelt, jemals einen Ehemann zu finden. Sie hatte einen Arbeitsvertrag für zwei Jahre als Lehrerin unterschrieben, der es ihr verbot, in dieser Zeit zu heiraten. Die wenigen Verehrer, die sich in der ersten Zeit nach ihrer Ankunft für sie interessiert hatten, waren mittlerweile anderweitig verheiratet. Doch ihre Geduld würde sich nun endlich auszahlen. Henry griff mit der anderen Hand über den Tisch und umschloss ihre Hand. „Ich schätze Sie sehr, Adelaide. Deshalb widerstrebt es mir, dass ich uns gleich den schönen Abend mit den Neuigkeiten verderben werde, die ich Ihnen leider mitteilen muss.“ „Den Abend verderben?“ Unsicherheit machte sich in ihr breit. „Wovon reden Sie?“ „Ich habe Nachricht von der Zentrale erhalten. Ich wurde befördert.“ Erleichterung erfüllte Adelaide und machte ihr Herz leicht. „Henry“, schalt sie ihn, „schämen Sie sich. Sie haben mich glauben lassen, es handle sich um furchtbare Nachrichten. Eine Beförderung ist doch ein Grund zum Feiern. Ich bin so stolz auf Sie.“ Henry tätschelte ihre Hand auf eine Weise, die sich weniger wie eine liebevolle Geste als vielmehr wie Mitgefühl anfühlte. „Sie verstehen nicht, meine Liebe. Ich werde dauerhaft in Fort Worth arbeiten. Ich 6


werde nicht länger mit dem Zug unterwegs sein. Es wird keine Besuche in Cisco mehr geben.“ Adelaide machte sich nichts daraus, Cisco verlassen zu müssen. Verstand er das denn nicht? Sie würde gerne von ihrer Anstellung zurücktreten und nach Fort Worth ziehen, um mit ihm eine Familie zu gründen. Seit dem Tod ihres Vaters hatte sie sich nach einem solchen Segen gesehnt. „Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, dass ich Sie nicht wiedersehen werde.“ Henrys Gesichtsausdruck war so ernst, dass es Adelaide regelrecht Angst machte. Würde er ihr denn keinen Heiratsantrag machen? War er etwa so unsicher, dass er sich nicht traute, sie zu fragen, ob sie ihn ihren Schülern vorziehen würde? Ja. Das muss es sein. Wie konnte sie ihn ermutigen, ohne zu forsch zu wirken? Adelaide biss sich auf ihre Unterlippe und lehnte sich vor. „Sie haben mir schon so viel Interessantes von Fort Worth berichtet – den Konzerten, den modernen Hotels, den Empfängen der reichen Firmenbesitzer –, dass ich glaube, dass Sie sich in dieser Stadt sehr wohlfühlen werden.“ Sie senkte ihren Blick. „Ich würde mich glücklich schätzen, einen solchen Ort meine Heimat nennen zu dürfen.“ Adelaide schielte in Henrys Richtung, um seine Reaktion zu sehen. Das traurige Lächeln blieb auf seinem Gesicht. Nach einem Jahr Bekanntschaft hätte sie eigentlich in der Lage sein müssen, seine Stimmung besser einzuschätzen, doch um die Wahrheit zu sagen, hatte sie kaum mehr als ein paar Wochen in seiner Gesellschaft verbracht. Das kam dabei heraus, wenn man sich mit einem fahrenden Händler verabredete. Mit dem Zug unterwegs zu sein, war sein Beruf. Sie hatte ihn höchstens ein- oder zweimal im Monat gesehen. Doch schon diese kurze Zeit hatte sie davon überzeugt, dass die Vorsehung ihn zu ihr gebracht hatte. Henry seufzte schwer und entzog ihr seine Hände, als er sich zurücklehnte. „Ich wünschte, ich könnte Sie mitnehmen.“ Warum machst du es nicht einfach? Adelaide ballte die Hand, die er eben noch gehalten hatte, zur Faust. Will er mich verlassen? Bevor die Panik sie überwältigen konnte, lächelte Henry – ein sanftmütiger Gesichtsausdruck frei von Sorge und Enttäuschung. „Wer weiß?“, sagte er. „Vielleicht bringt uns das Schicksal wieder zusammen?“ 7


Adelaide entspannte ihre Hand und atmete langsam wieder ein. Alles würde gut werden. Bestimmt. Etwas hielt Henry zurück, doch ihm lag immer noch etwas an ihr. Sonst hätte er wohl kaum auf eine gemeinsame Zukunft hingewiesen. Vielleicht war das nur Gottes Art, ihre Hingabe zu prüfen. Als sie nun wieder Henry anblickte, richtete sie sich auf und nickte. Eines Tages würden sie sich wiedertreffen. Sie würde darauf warten. Es war egal, was ihn daran hinderte, ihr heute Abend einen Antrag zu machen. Sie würden es überwinden. Das Glück, nach dem sie sich immer gesehnt hatte, war zum Greifen nah. Sie würde es sich nicht von den hundert Meilen oder einem zögernden Verehrer kaputt machen lassen.

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Kapitel 1 Einen Monat später … Auf der anderen Seite dieser Gleise wartete das größte Abenteuer ihres Lebens. Oder die größte Demütigung, die sie jemals zustande gebracht hatte. Wie auch immer, es gab keinen Weg zurück. Adelaide Procter atmete tief und entschlossen ein … und hätte bei dem Gestank nach Rinderdung, der sie umgab, beinahe gewürgt. Sie hüstelte und zog ihre Nase kraus, doch unbeirrt schritt sie voran. Es war egal, dass Fort Worth nach Mist roch und dunkle Wolken den Nachmittagshimmel verdunkelten. Sie war hierhergekommen, um ihren Traum zu verwirklichen, und nichts würde sie davon abhalten können. Adelaide schob sich vorsichtig durch die Menschen, die sich auf dem Bahnsteig drängelten. Heimkehrende Reisende schlossen geliebte Menschen in die Arme. Bahnangestellte entluden Koffer mit Briefen und andere Fracht. Hotelpersonal pries den jeweiligen Arbeitgeber bei den Neuankömmlingen an und versprach gehobene Unterkünfte. Adelaide ignorierte sie alle. Die innere Unsicherheit trübte ihre Begeisterung. Plötzlich umwirbelte sie eine Windböe und zerrte an ihrem Strohhut. Sie drückte ihn zurück auf den Kopf und blieb einen Augenblick stehen, um ihn wieder richtig festzustecken. Während sie noch mit ihrer Hutnadel beschäftigt war, stieß die Lokomotive hinter ihr einen gewaltigen Schwall weißen Dampfes aus und setzte sich langsam in Bewegung. Verloren in der Menschenmenge und unsicher, wohin sie sich wenden sollte, vermisste Adelaide schon jetzt das ruhige Leben einer Kleinstadt. Schließlich ließ sie sich von den schnatternden und gestikulierenden Menschen um sich herum weitertreiben. Schon spürte die junge Frau, wie die ersten Finger des Heimwehs nach ihr griffen. Vor wenigen Stunden erst hatte sie Cisco verlassen. Tante Louise hätte bestürzt den Kopf geschüttelt, wenn sie ihre Nichte so hätte sehen können. Von einer jungen Dame, die immerhin vier Jahre in Boston verbracht hatte, um sich zu bilden und ihre gesellschaftlichen Umgangsformen zu verbessern, hätte man erwartet, dass sie sich 9


in einer großen Stadt wie Fort Worth sofort wie zu Hause fühlte. Doch in ihrem Inneren war Adelaide immer noch das Mädchen vom Lande. Weder die Bildung noch geschliffene Umgangsformen hatten das ändern können. Sehr zu Tante Louises Bestürzung. „Verzeihung, Ma’am.“ Ein Junge, der nicht älter als fünfzehn sein konnte, lenkte einen Wagen mit Koffern und Ledertaschen auf sie zu. Sie trat einen Schritt zur Seite, um ihn passieren zu lassen. Er nickte knapp und verschwand in der Menge. Sein junges Gesicht allerdings blieb ihr vor Augen und erinnerte sie an ihre frühere Verantwortung. Jungen mit Schulbüchern auf den Pulten und Eidechsen in den Hosentaschen. Sie unterdrückte einen wehmütigen Seufzer und war überrascht, dass sie so etwas wie Bedauern empfand. Adelaide streckte sich und schüttelte den Kopf. Bedauern? Dies war nicht der Augenblick für Grübeleien und Verzagtheit. Es war Zeit, ihren Traum zu verwirklichen. Irgendwo hier in der Stadt war Henry und sie würde ihn ausfindig machen. Eines Tages würde sie wieder unterrichten. Wenn nicht in einem Klassenzimmer, dann ihre eigenen Kinder. Ihre und Henrys Kinder. Bei diesem Gedanken machte ihr Herz einen kleinen Sprung. Der heutige Tag würde für sie den Anfang eines Märchens bedeuten. Die erste Seite einer Geschichte, die mit den Worten Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage enden würde. „Wissen Sie schon, wo Sie wohnen, Miss?“ Ein Mann in einer grünen Uniform trat geschäftsmännisch lächelnd an sie heran. „Clark House ist das nächste Hotel am Bahnhof“, sagte er mit lauter Stimme. „Es ist nur ein paar Schritte von hier direkt an der Hauptstraße gelegen. Garantiert saubere Räume. Gutes Essen. Eine respektable Unterkunft für eine junge Dame wie Sie. Ich könnte auch gleich Ihr Gepäck dorthin bringen.“ Clark House. Irgendetwas an diesem Namen kam ihr bekannt vor. Adelaide hob den Kopf, um den Mann vor sich genauer zu betrachten. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, dass sie den Charakter eines Menschen besser einschätzen konnte, wenn sie ihm direkt in die Augen sah. Leider waren die meisten Männer nicht klein genug, um diesen Rat so einfach zu befolgen, wie es sich anhörte, deshalb musste sie sich damit begnügen, ihn von unten zu mustern. Er trug eine Kappe, auf die man die Worte Clark House gestickt hatte. Er wirkte seriös. 10


„Gibt es dort eine Pferdevermietung in der Nähe?“ Bevor er ihr antworten konnte, trat ein Mann in blauer Dienstkleidung neben sie. „Tag, Miss. Wenn Sie ein Pferd brauchen, ist das Day Hotel genau das Richtige für Sie. Freighter’s Wagon Yard befindet sich direkt daneben und Turner’s Livery genau gegenüber. Viele Möglichkeiten, damit eine Lady wie Sie sich die Stadt anschauen kann.“ „Danke, aber ich –“ „Turner’s Livery ist eigentlich viel näher an Clark House Miss“, mischte sich der Mann in Grün wieder ein und warf dem anderen einen vernichtenden Blick zu. „Ich wäre glücklich, Sie dort –“ „Ach, glauben Sie den beiden kein Wort, Lady.“ Wunderbar. Jetzt mischte sich auch noch ein Mann in roter Uniform ein. Adelaide blickte vom einen zum anderen. Sie waren wie Raubvögel, die nacheinander hackten, um ihre Krumen zu bekommen. Und je länger sie ihre Entscheidung hinauszögerte, desto hungriger wurden sie und kreisten sie mehr und mehr ein. Adelaide trat einen Schritt zurück. „Was Sie brauchen, ist ein Zimmer im Clayton“, erklärte der Rote. „Unsere Preise sind viel günstiger als die dieser Halsabschneider. Wir haben auch gutes Essen.“ Die Männer schubsten sich gegenseitig, während sie versuchten, ihre Hotels an den Mann oder besser gesagt an die Frau zu bringen. Adelaides Blick schnellte zwischen ihnen hin und her. Panik stieg in ihr auf. Dann ließ ein Ausruf sie aufmerksam werden. „Ich versichere Ihnen, dass das Restaurant des Clark Houses zu den besten der Stadt gehört. Selbst Fort Worths Elite diniert dort.“ Jetzt wusste sie, wo sie den Namen des Hotels schon einmal gehört hatte – von Henry. Wenn das Essen in der Pension in Cisco Henry nicht gefallen hatte, hatte er immer von seinem Lieblingsrestaurant in Fort Worth geschwärmt. Dem Clark House. Und vor allem von dem Beefsteak, das er dort immer aß. So zart, dass es auf der Zunge zerfiel und man nicht einmal kauen musste. Adelaide hatte ihre Entscheidung getroffen. Wenn Henry das Restaurant im Clark House besuchte, würde sie dort wohnen. Wer weiß, vielleicht konnten die Angestellten dort ihr sogar Henrys Adresse geben. „Ich werde ins Clark House gehen, meine Herren.“ 11


Der Grüne grinste seine Konkurrenten triumphierend an, dann strich er seine Weste glatt und wandte sich wieder Adelaide zu. Er bedachte sie mit einem majestätischen Nicken. „Wunderbar. Ich kümmere mich um alles.“ Die anderen Männer brummten ärgerlich, ließen jedoch von ihr ab und wandten sich wieder der Menge zu, um sich das nächste unwissende Opfer zu suchen. Adelaide öffnete erleichtert ihre Handtasche und zog zwei Koffertickets hervor. Sie reichte sie dem Mann zusammen mit ein wenig Kleingeld. „Wenn Sie bitte so freundlich wären, meine Koffer zu holen. Ich hole meine Stute ab.“ „Sehr gut, Miss.“ Er steckte die Münzen ein und holte einen Block hervor. „Ihr Name, bitte?“ „Adelaide Proctor.“ Sein Stift bewegte sich schnell über das Papier. „Ich kümmere mich darum, dass Ihr Zimmer vorbereitet wird und ein Schlüssel für Sie am Empfang bereitliegt.“ Er blätterte um und schrieb noch mehr auf. „Wenn Sie diese Notiz in Turner’s Livery vorzeigen, bekommen Sie einen Nachlass auf Ihre Buchungen.“ Er riss die Seite aus dem Block und reichte sie ihr. „Gehen Sie einfach einen Block am Clark House vorbei. Dann auf der rechten Seite.“ „Danke.“ Der Mann machte sich auf den Weg zum Gepäckwagen und überließ es Adelaide, sich auf dem Bahnhofsgelände zurechtzufinden. Jetzt, wo die Menschenmassen sich verlaufen hatten, hatte sie einen besseren Blick auf die verbliebenen Waggons auf den Gleisen und erspähte einen Arbeiter, der gerade einige Pferde entlud. Sofort erkannte sie Sabas glänzenden Schweif, als ihre Stute vorsichtig und nervös die Holzrampe hinuntertänzelte. Der Stallbesitzer in Cisco hatte versucht, sie davon zu überzeugen, ihm ihre Stute zu verkaufen, bevor sie nach Fort Worth gegangen war, aber sie hatte es nicht übers Herz gebracht. Ihr Vater hatte ihr Saba als Fohlen zu ihrem sechzehnten Geburtstag geschenkt. Im gleichen Jahr war er gestorben. Saba verband Adelaide mit dem einzigen Elternteil, den sie jemals gekannt hatte. Sie hatte dieses Band unmöglich trennen können. Als sie am Rande des Bahnsteigs angekommen war, hob sie den Saum ihres Reisekleides gerade so hoch, dass er nicht in den festgetretenen Schmutz hing, und ging auf den Pferdewaggon zu. Der Arbeiter hatte 12


Saba zu einem Trog geführt. Adelaide ließ ihre Stute in Ruhe trinken, bevor sie sie schließlich zum Mietstall führte. Um sich dafür zu entschuldigen, dass sie ihr Pferd stundenlang in einem stickigen Waggon untergebracht hatte, erbat sich Adelaide einen Striegel von einem Stalljungen und pflegte das Fell ihrer Stute selbst. „Was denkst du, Mädchen? Ist das hier ein guter Ort, um ein neues Leben anzufangen?“ Staub rieselte aus Sabas ebenholzfarbenem Fell, als Adelaide den Striegel in langen Zügen darübergleiten ließ. „Ich weiß, dass Henry nicht der Romantiker ist, von dem ich immer geträumt habe, aber er wird ein guter Versorger sein.“ Saba schnaubte unbeeindruckt. „Ach, pst.“ Adelaide zog sich einen Holzschemel heran und stellte sich darauf, um auch Sabas Mähne zu striegeln. Auch wenn Henry nicht so leidenschaftlich wie Charlotte Brontës Mr Rochester oder so ritterlich wie Jane Austens Mr Darcy war, hatte er doch seine Vorzüge. Es war höchste Zeit, dass sie ihre kindischen Träumereien aufgab. Seit Jahren wartete sie darauf, dass ein Held aus den Seiten eines Romans entstieg und ihr Herz im Sturm eroberte. Doch das war nie geschehen. Und sie war es leid, zu warten. War es müde, übergangen zu werden, weil die Männer sich eher für die gute Familie als für den Charakter interessierten. Sie würde sich ab sofort ihr eigenes Schicksal schmieden. Sie mochte nicht ihren Helden gefunden haben, doch einen zufriedenstellenden Ersatz.

HH Nachdem sie ihr Zimmer im Clark House bezogen und ihr Reisekleid abgelegt hatte, kleidete Adelaide sich in ein zitronengelbes Batistkleid, das sofort ihre Stimmung hob. Anschließend machte sie sich auf den Weg in den Speisesaal des Hotels, um ihr Abendessen einzunehmen. Als sie dort ankam, gab es keinen freien Tisch, also ließ sie sich im angrenzenden Wartebereich nieder. Ein junges Mädchen saß auf einem Sofa in der Mitte des Raumes und errötete sichtbar, als ihr der junge Mann neben ihr ein Kompliment zuraunte. Ein etwas älteres Paar stand am anderen Ende des Raumes und unterhielt sich angeregt über die Landschaftsmalereien, die die Wände schmückten. Adelaide 13


fiel auf, wie selbstverständlich die Frau ihre Hand in die Armbeuge des Mannes gelegt hatte. Der wiederum betrachtete die Frau liebevoll lächelnd. Neid machte sich in ihr breit und sie wandte schnell den Blick ab. Unsicher legte sie ihre Hände in den Schoß. Es gab nichts Schrecklicheres, als die einzige alleinstehende Frau in einem Raum voller Paare zu sein. Eine alte Zeitschrift lag neben ihr auf einem kleinen Tischchen. Sie griff danach und hoffte auf ein wenig Ablenkung. Ihre Augen bewegten sich mechanisch über die Seiten, doch die Worte nahm sie überhaupt nicht wahr. Sie würde sich einfach hinter der Zeitung verstecken, bis ihr Tisch frei war oder die Paare den Raum verlassen hatten. Was auch immer zuerst geschah. Ihr Sessel stand so, dass sie einen guten Blick auf den Eingangsbereich des Restaurants hatte, wenn sie den Kopf ein bisschen drehte. Und sich ein paar Zentimeter zurücklehnte. Und ihren Fuß an einem Tischbein einhakte, damit sie nicht die Balance verlor, während sie auf der Stuhlkante hing. Der Kellner warf nur ganz selten einen Blick in ihre Richtung, aber sie wollte bereit sein, damit er ihren besten, bedauernswertesten, bittendsten Gesichtsausdruck sah, wenn er sie doch einmal ansah. Er sollte sich schnell um ihren Tisch kümmern. Am liebsten wäre sie sofort wieder auf ihr Zimmer gegangen, aber das Schinkensandwich, das sie sich für die Zugfahrt gemacht hatte, war längst verdaut. Wenn sie den nächsten freien Tisch bekam, würde sie schnell wieder von hier fliehen können. Je schneller dieser Tag endete, desto eher konnte sie sich auf die Suche nach Henry machen. Dann wäre sie diejenige, deren Hand wie selbstverständlich auf dem Arm eines Mannes lag, der ihr bewundernde Blicke zuwarf. Jawohl. Sobald sie Henry gefunden hatte, würde alles besser werden. „Einen guten Abend noch, Mr Belcher“, hörte sie den Kellner laut sagen. „Ich hoffe, das Essen war wie immer zu Ihrer Zufriedenheit?“ Mr Belcher? Adelaides Herz klopfte laut. Henry? Sie ließ die Zeitung in ihren Schoß sinken. Das Rascheln des Papiers verhinderte, dass sie die Antwort des Mannes hörte. Sie beugte sich weiter zur Seite und reckte den Hals, um einen Blick auf den Mann werfen zu können, doch eine Dame und ein kleiner Junge standen im Weg. Adelaide 14


streckte sich noch weiter, da sie unbedingt einen Blick auf den Mann erhaschen wollte. Er schien die richtige Größe zu haben, seine Frisur sah der Henrys auch ähnlich und … Das Tischbein, um das sie ihren Fuß gehakt hatte, drückte schmerzhaft in ihre Haut, doch wenn sie sich noch ein bisschen weiter nach hinten lehnen würde … nur ein ganz winziges Stück. Und sich jetzt noch ein bisschen zur Seite neigte … Plumps. Adelaide fand sich plötzlich in einem würdelosen Haufen von Kissen und Zeitungspapier auf dem Boden wieder. Mit knallrotem Gesicht sprang sie auf und versuchte, das Kichern des Mädchens zu ignorieren. „Du liebe Güte! Geht es Ihnen gut, meine Liebe?“ Die Dame, die ihr eben noch die Sicht versperrt hatte, kam herbeigeeilt, um ihr zu helfen. Adelaide winkte rasch ab und zerknüllte die Zeitung in ihrer zitternden Hand. „Es geht mir gut. Danke.“ „Nun, wenn Sie sicher sind …“ Sie nickte rasch. Genau in diesem Augenblick wandte sich der Mann um, den sie für Henry gehalten hatte. Und tatsächlich – er war es. Als sie seine bekannten Züge sah, war ihre Erleichterung grenzenlos. „Henry! Sie sind es tatsächlich!“ Sie hatte ihn gefunden. Gleich an ihrem ersten Abend in dieser neuen Stadt. Gott hatte sie zu ihm geführt. Wie wunderbar! Sie ging auf ihn zu, doch ihre Schritte wurden langsamer, als die Farbe aus seinen Wangen wich. Irgendwie hatte sie erwartet, dass sich sein Gesicht bei ihrem Anblick aufhellen würde und nicht, dass er erschrocken zurücktaumelte. Es musste der Schock sein, sie nicht in ihrem gewohnten Umfeld zu treffen. „Miss Proctor, wie wunderbar, Sie zu sehen. Machen Sie hier Urlaub?“ Seine Stimme klang seltsam gezwungen, Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. Adelaide wusste nicht, was sie mit dieser Reaktion anfangen sollte. Er war sonst immer so selbstsicher und beherrscht gewesen. Hatte sie ihn wirklich so sehr überrascht? Bevor sie höflich fragen konnte, was ihn so aus der Bahn geworfen hatte, trat die liebenswürdige Frau neben ihn, die ihr gerade noch zu Hilfe hatte kommen wollen. „Du kennst diese Frau, mein Lieber?“ 15


Nannte sie hier jeden Liebe oder Lieber? Henry zog langsam ein Tuch aus seiner Westentasche und tupfte seine Brauen ab. „Ja. Miss Proctor ist Lehrerin in Cisco, einem Zwischenhalt auf meiner alten Route. Sie war eine meiner besten Kundinnen. Liebt Romane, wenn ich mich recht entsinne.“ Er lachte gekünstelt, was Adelaide sich nicht im Mindesten besser fühlen ließ. Ein schmerzhaftes Ziehen hatte sich in ihrem Magen breitgemacht. „Ich verstehe.“ Die Frau lächelte warm, aber vorsichtig. Sie streckte ihre rechte Hand aus und legte sie auf die Schulter des kleinen Jungen, der die Erwachsenen mit offenem Mund anstarrte. Dann platzierte sie ihre Linke in Henrys Armbeuge. Wie die Dame im Warteraum es eben bei ihrem Begleiter getan hatte. Ein unsichtbares Gewicht legte sich auf Adelaides Brust, bis sie kaum noch atmen konnte. Nein. Bitte, Gott. Das kann doch nicht wahr sein. „Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Miss Proctor.“ Die Frau verstärkte den Griff um Henrys Arm. „Ich bin Caroline Belcher. Henrys Ehefrau.“

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Kapitel 2 Die Bibel sagt, dass die Wahrheit eine Person frei mache, doch Adelaide hatte sich noch nie in ihrem Leben gefangener gefühlt. Am liebsten hätte sie Henry ins Gesicht geschlagen und ihm vor die Füße gespuckt. Die Frau am Arm des Mannes, an dessen Seite sie selbst hätte stehen sollen, hätte sie am liebsten erwürgt. Und dann wollte sie noch um ihren zerbrochenen Traum weinen. Doch sie tat nichts dergleichen. Nach allem, was passiert war, war die Frau sehr freundlich zu ihr gewesen. Der Junge, der sie mit großen Augen anstarrte, verdiente es, dass der Glaube an seinen Vater nicht erschüttert wurde. Dass aus dieser Begegnung für sie selbst ein Desaster entstanden war, reichte völlig. Adelaide kämpfte gegen die Galle an, die ihr in den Hals stieg, und verzog ihren Mund zu etwas, das hoffentlich wie ein Lächeln wirken würde. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Mrs Belcher.“ Die Frau nickte freundlich. „Sind Sie länger in der Stadt?“ „Nein. Meine Angelegenheiten hier haben sich schneller erledigt, als ich angenommen hatte. Ich werde in Kürze wieder abreisen.“ Am liebsten wäre sie sofort auf Sabas Rücken davongaloppiert. Aber der Anstand gebot, dass sie höflich plauderte und verbarg, dass in ihrem Inneren gleich ein Sturm der Gefühle losbrechen wollte. „Wir müssen jetzt wirklich gehen, Caroline. Du weißt, wie viel Büroarbeit zu Hause noch auf mich wartet.“ Die Quelle ihrer Misere wurde zu ihrer Rettung, als Henry seine Familie in Richtung Tür schob. Natürlich sorgte er sich mehr darum, sich selbst zu schützen als sie, doch sie war einfach nur froh, dass sie ihn endlich los war. „Guten Abend, Miss Proctor“, rief er noch über die Schulter, ohne ihr in die Augen zu sehen. „Auf Wiedersehen, Mr Belcher.“ In dem Moment, als die Familie die Straße betrat, raffte Adelaide ihren Rock und stürmte die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Ihr leerer Magen zählte nicht mehr. Die neugierigen Hotelgäste zählten nicht. Die Tatsache, dass sie immer noch die halb zerknüllte Zeitschrift in ihrer Hand hielt, zählte nicht. Alles, was jetzt für sie zählte, war, diesem Ort zu entkommen. 17


Als die Zimmertür hinter ihr ins Schloss gefallen war, warf Adelaide sich auf ihr Bett und fing an zu schluchzen. Sie erstickte ihre Tränen in dem weißen Kissen, das das Zimmermädchen so wunderbar arrangiert hatte, und weinte, bis es völlig durchweicht war. Als sie keine Tränen mehr hatte, stieg Ärger in ihr auf. Erst wurde sie wütend auf das Kissen, weil es jetzt so nass und unansehnlich war, und warf es zornig durch den Raum. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit der arglosen Matratze zu und schlug mit den Fäusten auf sie ein. Wie hatte er ihr Vertrauen so missbrauchen können? Er hatte sie stets in dem Glauben gelassen, er sei unverheiratet. Dieser Schuft! Sie hatte alles für ihn aufgegeben. Ihre Arbeitsstelle. Ihre Freunde. Ihre Selbstachtung. Wahrscheinlich hatte dieser Halunke an jedem Bahnhof von Longview bis Abilene eine Verehrerin. Frauen, die ihn auf seinen einsamen Reisen ablenken konnten. Witwen. Unverheiratete. Einsame Frauen, die anfällig für seinen Charme waren. Frauen, die sich schnell in die Irre führen ließen. Frauen … wie sie. Ein kummervolles Seufzen entrang sich ihrer Brust. Wie hatte sie nur so eine Närrin sein können? Sie hätte stutzig werden sollen, weil er nie detailliert über eine gemeinsame Zukunft gesprochen, sondern immer nur vage Andeutungen gemacht hatte. Und da stand sie nun, mit laufender Nase, verquollenen Augen, schweren Armen, weil sie eine Hotelmatratze attackiert hatte – alles für einen Mann, den sie eigentlich nie geliebt hatte. Um ehrlich zu sein, war sie nicht wütend, weil sie Henry verloren hatte. Sie beklagte den Verlust ihrer Träume, die er repräsentiert hatte. Romantik. Eine Familie. Eine Schulter, an die sie sich lehnen konnte, und ein liebevolles Lächeln, das nur ihr galt. Sie hatte ihm seine Quacksalberei abgekauft, in der Hoffnung, dass es das Heilmittel für den Kummer ihres Herzens sei. Doch sein Stärkungsmittel hatte sich als einfaches Zuckerwasser herausgestellt – anfangs süß und am Ende doch völlig wertlos. Ermüdet ließ sie sich wieder auf das Bett sinken und rollte sich zu einer Kugel aus Selbstmitleid zusammen. Sie legte den Kopf auf die zerknitterte Tagesdecke und blickte in Richtung Zimmerdecke. „Warum hast du das geschehen lassen, Herr?“ Ihre Stimme, rau und schwach, zitterte bei dieser Frage. „Du hast einen hinterlistigen Mann Jagd auf eins deiner Kinder machen lassen. Warum hast du 18


mich nicht vor ihm beschützt, anstatt dass ich mich völlig zum Narren mache?“ Wieder wurde sie von der großen Ungerechtigkeit überwältigt, die ihr zuteilgeworden war, und schlug die Matratze ein letztes Mal. Dann zeigte sie anklagend mit dem Finger in Richtung Decke. „Ich habe gebetet, Gott. Das weißt du. Wochenlang habe ich dich gefragt, was ich wegen Henry unternehmen soll. Ich habe um Weisheit gebeten. Ich habe um Führung gebeten. Und alles, was ich von dir bekommen habe, war Schweigen. Wie sollte mir das bitteschön helfen?“ Sie vernahm keine Antwort. Gott schien ihr im Moment nichts zu sagen zu haben und sie wusste nicht, warum. Ihn anzuschreien machte die Sache sicher auch nicht besser, doch selbst David hatte in schweren Zeiten in seinen Psalmen geklagt, also schien das doch ein legitimes Mittel zu sein. Trotzdem fühlte sich ihre Tirade ein bisschen respektlos an. Leise murmelte Adelaide eine Entschuldigung und lehnte sich mit dem Rücken an den Bettrahmen. Seufzend zog sie die Knie an und schlang die Arme darum. Ihr Kopf sank auf die Knie, während sie trauerte. Warum hat Gott mich verlassen? Sie wusste, dass er seinen Kindern nie ein sorgenfreies Leben versprochen hatte, aber er hatte zugesagt, immer für sie da zu sein. Warum war er es nicht? Warum schwieg er? Zu ausgelaugt, um Gottes Wege weiterhin verstehen zu wollen, griff Adelaide nach einem Bettpfosten und zog sich auf die Beine. Sie taumelte zu ihrem Koffer, zog ein frisches Baumwollnachthemd hervor und presste es gegen die Brust, während sie langsam ans Fenster trat und auf die Straße starrte. Der Himmel hatte sich seit ihrer Ankunft aufgeklart, doch eine große Wolke schien sich dort hartnäckig zu halten. Sie hing direkt über dem Saloon auf der anderen Straßenseite und erinnerte sie an eine Bibelgeschichte, die sie ihre Schüler gelehrt hatte. In der Bibel hatte die Wolke Gottes natürlich über dem Heiligtum und nicht über einem Saloon geschwebt, doch es war ein Zeichen der Führung. Ein winziges Flattern rührte sich in ihrem Herzen. Wollte Gott ihr sagen, dass er auch jetzt bei ihr war? Adelaide starrte die Wolke an und wartete … auf irgendetwas. Irgendeine Nachricht, die ihr aufzeigte, wie ihr nächster Schritt aussehen sollte. Aber die Wolke hing einfach nur da, als hätte sie jemand am 19


Himmel festgeklebt. Diesig, unbestimmt und völlig nutzlos. Adelaide seufzte und wandte sich vom Fenster ab. Sie warf ihr Nachthemd aufs Bett und ließ sich in den gepolsterten Sessel fallen, der in der Zimmerecke stand. Die Füße zog sie wieder an sich, wie sie es auch als kleines Kind immer schon im Büro ihres Vaters getan hatte. Wenn sie doch nur zurück nach Cisco gehen und so tun könnte, als sei das alles nicht geschehen. Aber das war unmöglich. Die örtliche Schulbehörde hatte ihre Stelle bereits wieder vergeben. Sie würde sich also nicht ernähren können. Außerdem wäre die Schmach zu groß. Getuschel über ihre blamable Männerwahl würde die Runde machen und ihren guten Ruf zerstören. Nein. Sie konnte nicht zurück. Adelaide öffnete die Augen und starrte geradeaus. Sie würde nicht in Panik geraten, also atmete sie tief durch und erinnerte sich an ihren klaren Verstand, der ihr immer gut geholfen hatte, wenn es zum Beispiel in ihrem Klassenzimmer Probleme gegeben hatte. Nun gut. Herauszufinden, wohin Beth Hansens Brotdose jeden Tag nach der Pause verschwunden war, war wohl mit ihrer momentanen Situation kaum zu vergleichen, doch vielleicht konnten ihr geordnete Gedanken jetzt weiterhelfen. Also gut. Sie wusste, wohin sie nicht gehen konnte – zurück nach Cisco. Das verringerte ihre Möglichkeiten auf ein paar Tausend andere. Also wie sollte sie sich für eine entscheiden? Sie blickte über die Schulter hinweg in Richtung Fenster. Die Wolke stand immer noch am Himmel. Warum konnte sie den Gedanken nicht abschütteln, dass sie extra für sie dort war? Wieder entstand dieses Flattern in ihrem Herzen, dieses Mal stärker als zuvor. Gott hatte schon in der Bibel immer wieder Wolken benutzt, um sein Volk zu führen. Vielleicht tat er das nun mit ihr. Aber eine Wolke? Adelaide schnaufte und verschränkte die Arme vor der Brust. Konnte es ein unklareres Zeichen geben? Ein brennendes Signalfeuer am Himmel wäre sicher eindeutiger gewesen. Diese Nachricht hätte man nicht missverstehen können. Klar. Deutlich. Zuversichtlich. Wolken verschleierten Dinge. Sie verdrängten die Sonne und machten alles undurchsichtig. Mit einer Wolke vor sich würde sie nie mehr als einen Schritt voraussehen können. Denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. 20


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