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Prolog Wyatt Orchards November 1930 Es heißt, jeder habe einen Schutzengel, der auf einen aufpasst, aber ich hatte noch nie so dringend einen gebraucht wie damals, als Frank Wyatt gestorben war. Frank war mein Schwiegervater und der letzte noch lebende männliche Wyatt in der ganzen Sippe gewesen. Die Tante meines Mannes, Tante Gracie, hatte mir die Idee von dem Schutzengel in den Kopf gesetzt. Sie sagte, sie werde dafür beten, dass einer kommt und mir hilft. Das letzte Mal, dass ich über Engel nachgedacht hatte, war viele Jahre zuvor in der Sonntagsschule gewesen, in einer der vielen Städte, denen mein Vater und ich auf unseren Reisen Stippvisiten abgestattet hatten. Papa hatte immer darauf geachtet, dass ich in die Kirche ging, wenn sonntags eine in der Nähe war. An jenem Sonntag war ich in einer Methodistenkirche irgendwo in Missouri gewesen, als eine kleine, alte, weißhaarige Sonntagsschultante sagte, wir sollten immer Fremde aufnehmen, weil man nie sicher sein könne, ob nicht einer davon ein Engel sei. Nachdem wir also Frank Wyatt in der Familiengruft neben seiner Frau und seinen beiden Söhnen zur letzten Ruhe gebettet hatten, begann ich zu hoffen, Gott möge Tante Gracies Gebet bald erhören und mir tatsächlich einen Engel schicken, der mir helfen könnte. „Was willst du jetzt tun, Eliza?“ Das fragten mich alle nach der Beerdigung, und ich wusste kaum, was ich sagen sollte. Was sie wirklich meinten, war: „Wie soll ein dürres junges Ding wie du, das drei kleine Kinder großziehen muss, einen riesigen Landwirtschaftsbetrieb wie Wyatt Orchards führen?“ Vor allem, da ich bis vor zehn Jahren nicht einmal einen Fuß auf einen Bauernhof gesetzt hatte. Natürlich wussten sie nichts von meiner Vergangenheit – niemand in Deer Springs wusste davon, nicht einmal mein armer verstorbener Mann Sam. Ich schämte mich zu sehr, als

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dass ich irgendjemandem davon erzählt hätte. Aber die Leute machten sich trotzdem so ihre Gedanken, wie ich das wohl bewerkstelligen würde. Mein Nachbar, Alvin Greer, war einer von denen, die sich meinen Kopf zerbrachen. „Was wollen Sie tun, Mrs Wyatt, jetzt, wo Frank tot ist?“ Ich füllte seine Kaffeetasse und reichte sie ihm, ohne zu antworten. War ihm denn nicht bewusst, dass ich gerade erst vor einer Stunde meinen Schwiegervater beerdigt hatte und dass mein Haus noch immer voller Nachbarn war, die kamen, um Frank die letzte Ehre zu erweisen, so dass ich momentan überhaupt keine Zeit hatte nachzudenken? Wahrscheinlich nicht, denn Mr Greer ließ nicht locker. „Haben Sie sich schon überlegt, wer für Sie im Frühling die Geschäfte von Wyatt Orchards führen soll?“, fragte er. Ich füllte noch eine Tasse mit Kaffee und reichte sie Pfarrer Dill, der in der Schlange hinter Mr Greer stand. Ich versuchte, das Zittern meiner Hände zu kontrollieren. Ich hatte vor langer Zeit gelernt, dass Menschen die Stille selbst zu füllen beginnen, wenn man nicht gleich antwortet, normalerweise indem sie einem gute Ratschläge geben. Diesmal war Pfarrer Dill der Erste, der sprach. „Haben Sie Verwandte in der Nähe, die wir herbringen könnten, Mrs Wyatt? Ich kann mich nicht erinnern, dass Sie erwähnt hätten, wo genau Ihre Familie herkommt.“ „Nehmen Sie Sahne in den Kaffee, Herr Pfarrer?“, fragte ich, während ich ihm den Krug reichte und die Frage ignorierte. Er schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Ich trinke ihn schwarz. Sie kommen ursprünglich nicht aus Deer Springs, oder?“ „Nein, das stimmt.“ Ich beschäftigte mich damit, einen Haufen Teelöffel ordentlich zusammenzuschieben und nachzusehen, ob die Zuckerdose wieder gefüllt werden musste. Es ging ihn überhaupt nichts an, woher meine Familie stammte oder wo ich aufgewachsen war. Dieses ausladende Bauernhaus mit seinen abgenutzten Möbeln und den ausgeblichenen Tapeten war in den letzten zehn Jahren mein Zuhause gewesen und würde es auch bleiben. Meine drei Kinder und ich hatten das Recht, hier zu wohnen – mit oder ohne Frank Wyatt und seinem Sohn Sam. „Natürlich besteht keine Aussicht, dieses Anwesen zu verkaufen, jetzt, wo das Land in einer solchen Wirtschaftskrise steckt“, fuhr der

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Pfarrer fort. „Die Banken haben im Augenblick kein Geld zu verleihen.“ „Aber sie kann die Plantage doch unmöglich selbst führen!“ Mr Greer klang gereizt. Ich trat einen Schritt zurück und versuchte mich zu entziehen, indem ich so tat, als müsse die Kaffeekanne aufgefüllt werden. Sollten die beiden sich doch über meine Zukunft streiten, wenn sie sich so sehr dafür interessierten. Aber Tante Gracie, die Tante meines Mannes, versperrte mir den Rückzugsweg. Ihre Finger schlossen sich um meinen Arm, als wären sie eine Wäscheklammerfeder. „Du ignorierst die beiden Wichtigtuer absichtlich, oder, Kleines?“, flüsterte sie. „Ich mache das genauso. Wenn du dich dumm stellst, glauben die Leute, du wärst tatsächlich dumm, und dann lassen sie dich in Ruhe.“ Tante Gracie erinnerte mich ein bisschen an einen Wellensittich. Sie hüpfte stets wie ein fröhlicher kleiner Vogel überall herum und ihre Nase ragte genauso vor wie der Schnabel eines Sittichs. Sie war klein und rund. Ihr flauschiger grauer Kopf reichte mir gerade mal bis zum Kinn, und ich war selbst nicht viel größer als ein Schulkind. Anders als all die langweiligen alten Schachteln in der Stadt kleidete Tante Gracie sich in leuchtende Farben wie ein seltener tropischer Vogel, völlig unabhängig davon, was der Anlass gebot. Heute trug sie ein geblümtes Sommerkleid, weiße Spitzenhandschuhe und einen breitkrempigen Strohhut, als wäre sie auf dem Weg zu einem Picknick anlässlich des Unabhängigkeitstages, anstatt bei der Beerdigung ihres Schwagers an einem rauen Novembertag. Ich habe sie schon dabei ertappt, wie sie in einem pinkfarbenen Bademantel und Hausschuhen ihren einäugigen Hund spazieren geführt hat, und ich habe sie auch in einem Männeranzug aus Tweed durch die Plantage streifen sehen. Sam hatte sie hinter ihrem Rücken immer „Tante Crazy“ genannt. „Sie ist wirklich ziemlich crazy“, pflegte er zu sagen, während er den Finger an der Schläfe kreisen ließ. Mein Schwiegervater hatte mir die klare Anweisung gegeben, mich von ihr fernzuhalten. „Es geht niemanden außer dich selbst etwas an, wer du bist und woher deine Verwandtschaft kommt“, sagte Tante Gracie, als sie schließlich den Griff um meinen Arm lockerte. Sie hatte eine riesige

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Strohtasche über ihrer Schulter hängen und begann ein Weihnachtslied zu summen, während sie sich nun einen Weg um den Esszimmertisch herum bahnte, ein Hühnerbeinchen, zwei Dillgurken und ein Stück Gewürzkuchen in Papierservietten wickelte und alles in ihre Tasche stopfte. „Für später“, erklärte sie grinsend. Fett und Essig zierten die Fingerspitzen ihrer weißen Handschuhe. Mr Greer und Pfarrer Dill entfernten sich schließlich vom Tisch, während sie weiter darüber diskutierten, was mit der Wyatt’schen Obstplantage geschehen sollte. Ich atmete erleichtert auf und machte mich wieder daran, die Gäste zu bewirten. „Möchtest du noch Kaffee, Tante Gracie?“, fragte ich, als sie ihre Runde um den Tisch beendet hatte. „Nein danke, Kleines. Er würde nur durch die Tasche sickern und auf deinen schönen sauberen Fußboden tropfen.“ Sie lachte wie ein ungezogenes Kind, und ich musste einfach mitlächeln. „Übrigens“, fügte sie hinzu, „nennt mich schon lange niemand mehr Gracie, wusstest du das nicht? Seit Jahren nicht mehr. Er lautet Crazy. Mein Name wurde von Gracie in Crazy geändert. Wenn Menschen Gott begegnet sind, bekommen sie immer einen neuen Namen – aus Abram wurde Abraham, aus Sarai Sarah, Jakob wurde zu Israel …“ Sie machte eine Pause, um an einem gefüllten Ei zu schnuppern, bevor sie es zu der Sammlung in ihrer Handtasche hinzufügte. „Ich bin Gott auch begegnet, weißt du. An seinen Augen habe ich erkannt, dass er es war.“ Sie umklammerte erneut meinen Arm und kam näher, um mir ins Ohr zu flüstern: „Gott hat sehr freundliche Augen.“ Ich hatte mir Gottes Augen immer irgendwie müde vorgestellt, seitdem ich in der Predigt eines Baptistenpastors in Kentucky gehört hatte, dass der Blick des Herrn ständig über die ganze Erde wandert. Aber ich vermutete, dass sie gleichzeitig müde und freundlich sein konnten. Tante Crazy stellte sich auf die Zehenspitzen, um den mit Menschen gefüllten Raum zu überblicken, dann neigte sie den Kopf in Richtung Wohnzimmer, wo eine Gruppe Frauen aus der Kirche beisammenstand. „Weißt du, was die alten Hühner da drüben flüstern?“, fragte sie. „Sie reden darüber, wie entsetzt sie alle sind, mich bei Franks Beerdigung zu sehen. Er war zuerst mein Verehrer, musst du wissen, bevor meine Schwester Lydia ihn schließlich geheiratet

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hat. Sie glauben, ich hätte ihm das in all den Jahren übel genommen, aber weißt du was? Ich hatte einen Schutzengel, der auf mich aufgepasst hat. So bin ich Frank Wyatt entkommen – durch einen Schutzengel.“ Sie lachte wieder und ließ ein Teebrötchen in ihre scheinbar bodenlose Tasche fallen. „Du hast meinen Neffen Sam geheiratet, nicht wahr?“ Ein Kloß so groß wie ein Pfirsichkern steckte plötzlich in meiner Kehle. Ich musste ihn hinunterschlucken, bevor ich antworten konnte. „Ja … aber er ist tot, Tante Crazy. Sam ist vor einem Jahr gestorben, erinnerst du dich nicht?“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als ihr Blick in die Ferne schweifte. „Meine Schwester Lydia hatte drei Jungs – Matthew war der älteste, dann kam Samuel und dann der junge Willie. Der arme kleine Willie ist 1910 gestorben, richtig? Vielleicht war es auch 1911, mein Gedächtnis war noch nie besonders gut.“ Sie teilte die Spitzenvorhänge am Esszimmerfenster mit ihrer behandschuhten Hand und zeigte auf meine drei Kinder, die im Garten spielten. „Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, dass Lydias Jungs wie die Kleinen dort herumgelaufen sind.“ Jimmy, Luke und Becky Jean hatten sich in ihrer Sonntagskleidung so unwohl gefühlt, dass ich ihnen schließlich erlaubt hatte, spielen zu gehen. Mir war es ziemlich egal, ob die Frauen aus der Kirche hinter vorgehaltener Hand flüsterten, wie ungehörig es sei, dass Kinder eine Stunde, nachdem ihr Großpapa zur ewigen Ruhe gebettet worden war, herumtollten. „Das sind meine Kinder“, sagte ich. „Meine und Sams.“ „Dabei siehst du selbst noch wie ein halbes Kind aus“, sagte Tante Crazy. „Kaum alt genug, um eine verheiratete Frau zu sein, geschweige denn eine Witwe. Armer Sammy. Und jetzt ist sein Vater auch nicht mehr da? Ach je, ach je … dann bin ich wohl jetzt deine nächste Verwandte hier in Deer Springs.“ Sie schüttelte den Kopf, woraufhin sich der Trauerflor aus schwarzem Netz, den sie mit einem Stück Tesafilm an ihrem Strohhut befestigt hatte, löste und zu Boden schwebte. „Manche Leute behaupteten, dieses Haus wäre verhext oder ein Fluch läge darauf, weißt du. Eine Tragödie nach der anderen, all die Jahre. Erst ist der kleine Willie gestorben, dann hat uns der junge Matthew verlassen, und als Nächstes ist meine Schwester

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gestorben … Aber das waren alles keine Unfälle. Es ist mir egal, was die Leute dir weismachen wollen, junge Dame.“ „Keine … Unfälle?“ Ich wollte gar nicht wissen, was es sonst gewesen sein könnte. „Auf keinen Fall! Auf dem Dachboden dieses Hauses liegt so unendlich viel Kummer. Warst du in letzter Zeit mal dort oben? Wahrscheinlich liegt im Keller auch ein riesiger Berg davon.“ Ich beobachtete meine Kinder, wie sie unter den Wäscheleinen spielten. Am liebsten hätte ich Tante Crazy erzählt, dass sich der Kummer schon vor langer Zeit über den Dachboden und den Keller hinaus ausgebreitet hatte. Er war tief und breit genug, um die gesamte Scheune zu füllen. Tante Crazy drückte meine Schulter. „Wenn du irgendwann mal Hilfe brauchst, um all das auszugraben, dann ruf mich an, ja? Ich wohne in dem Cottage unten am Teich. Wie war noch mal dein Name?“ „Eliza Rose. Eliza Rose Wyatt.“ Tante Crazy schüttelte den Kopf. „Ach je! Das ist einfach zu viel Kummer, als dass ein einzelnes Haus ihn ertragen könnte.“ Ihre riesige Handtasche schlug gegen meine Hüfte, als sie ihren Arm um meine Taille schlang. „Was du brauchst, Kleines, ist einen eigenen Schutzengel, der auf dich aufpasst. Der dir hilft, wenn du in Not bist. Weißt du was? Nächstes Mal, wenn ich ihn sehe, bitte ich Gott, dir einen zu schicken, okay?“ Ich dachte an die Worte, die mein Papa immer gesagt hatte, wenn er mich abends zudeckte – „Möge der Herr seine Engel um dich stellen“ –, und wieder musste ich mühevoll einen dicken Kloß hinunterschlucken. „Ich nehme an, es kann nicht schaden, ihn darum zu bitten, Tante Crazy“, sagte ich.

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Teil 1

Wyatt Orchards Winter 1931

„Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Hebräer 13,2


Kapitel 1 Februar 1931 Ich war gerade aus der Küche in die eiskalte Februarnacht hinausgetreten, als mich der Fremde beinahe zu Tode erschreckte. Ich hatte nicht gehört, dass ein Automobil den langen, einsamen Weg zu meinem Bauernhaus heraufgekommen war, und so jagte mir der Schatten in der Dunkelheit vor mir, der plötzlich die Gestalt eines Mannes annahm, einen solchen Schrecken ein, dass ich die mit Asche gefüllte Kohlenschütte, die ich vor mir hertrug, auf die Stufen der Veranda fallen ließ. Ich griff mir mit beiden Händen ans Herz, damit es nicht aus meinem Brustkorb sprang. „Verzeihen Sie, Ma’am. Ich wollte Sie bestimmt nicht erschrecken“, sagte der Fremde. Selbst im Dunkeln konnte ich erkennen, dass es ihm wirklich leidtat. Er hielt die Arme ausgestreckt, als wäre er gerne bereit mich aufzufangen, sollte ich vor Angst tot umfallen. „Ist schon in Ordnung“, sagte ich. „Ich habe Sie nur nicht den Weg herauffahren hören.“ „Ich bin auch nicht gefahren. Ich bin zu Fuß gekommen.“ Er setzte den Leinensack, den er trug, ab und bückte sich, um die verstreute Asche mit den Händen wieder in die Schütte zu füllen. „Vorsicht, die könnte noch heiß sein.“ „Ja, Ma’am. Fühlt sich aber gut an.“ Er arbeitete mit bloßen Händen, und einen Hut trug er auch nicht – ein paar Lagen zerrissener Kleidung waren alles, was ihn gegen die betäubende Kälte schützte. Sein zu langes Haar und der buschige Bart verbargen den Großteil seines Gesichts vor meinen Blicken. Aber es war der Gestank, der starke Geruch nach ungewaschenem Leib und Holzrauch, der mir sonnenklar bewies, dass der Fremde ein Landstreicher war – einer der vielen tausend, die durch Amerika zogen, auf der Suche nach Arbeit für den Winter. Er musste von den Schienen aus durch die Plantage gelaufen sein, angezogen von dem Licht in den Fenstern meines Bauernhofs.

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„Ihr Haus steht auf der Liste“, hatte der alte Abe Walker mir gesagt, als ich das letzte Mal in seinem Laden in Deer Springs gewesen war. „Das machen die Landstreicher so, wissen Sie? Wenn sie herausgefunden haben, dass Sie ein gutherziger Christenmensch sind, dann markieren sie Ihr Haus für die anderen. Sie sollten sie gleich wegjagen, Eliza Rose. Es ist gefährlich, wenn die Typen bei Ihnen herumhängen, wo Sie doch Witwe sind und so.“ Abe Walker wusste nicht, dass ich mit Gelegenheitsarbeitern, Tunichtguten und Tagelöhnern aufgewachsen war und deshalb über eine recht gute Menschenkenntnis verfügte. Ich wusste, wen ich hereinbitten konnte und wen ich fortjagen musste. „Dürfte ich vielleicht Ihren Mann sprechen, Ma’am?“, fragte der Fremde und erschreckte mich damit ein zweites Mal. „Meinen … meinen Mann?“ „Ja, Ma’am. Ich frage mich, ob er vielleicht den einen oder anderen Job hätte, den ich im Gegenzug für eine Mahlzeit erledigen könnte.“ Der Landstreicher hatte eine freundliche Stimme, sanft und höflich. Ich dachte an die unendlich vielen Dinge, die es hier zu tun gab – Milcheimer waschen, Feuerholz spalten, Kohlen herbeischaffen, Tiere füttern, Zäune reparieren – und schon bei dem Gedanken fühlte ich die Müdigkeit bis in die Knochen. „Kommen Sie doch herein, und essen Sie etwas“, sagte ich. „Es ist zu kalt, um hier draußen herumzustehen. Lassen Sie die Asche einfach dort auf der Veranda liegen.“ Ich wandte mich um und öffnete ihm die Küchentür, aber er rührte sich nicht. „Es macht mir nichts aus, draußen zu essen. Und ich mache auch die Arbeit gerne zuerst.“ Im Dunkeln war es schwer zu erkennen, wie alt der Fremde war. Seine Stimme klang weder jung noch alt. Er tat mir leid. Trotz seiner vielen Kleiderschichten stand er zitternd und mit hochgezogenen Schultern in der Kälte. „Wir sind gerade mit Essen fertig geworden“, sagte ich. „Es ist noch warm. Kommen Sie bitte.“ Langsam folgte er mir ins Haus und blieb dann in der Nähe der Küchentür stehen, während ich etwas Brot aufschnitt, einen sauberen Suppenteller holte, eine Portion von den Resten hineinfüllte und ihm eine Tasse Kaffee einschenkte. Als ich mich umdrehte und ihn

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bitten wollte, sich zu setzen, erschrak ich wieder – denn für den Bruchteil einer Sekunde erinnerte er mich an meinen Mann. Der Fremde war fast so groß und breitschultrig, wie Sam es gewesen war, und er stand genau so dort, wie ich es bei Sam oft gesehen hatte, die eine Schulter ein wenig höher als die andere und den Kopf etwas seitlich geneigt, als würde er einem Klang in der Ferne lauschen. Dann war der Augenblick vorüber, und ich sah, wie auffällig er sich doch von Sam unterschied. Seine Haare waren dunkel, während Sams blond gewesen waren, und auch seine braunen Augen ähnelten in keiner Weise denen meines Mannes. Sam hatte Augen so blau wie der Sommerhimmel gehabt. „Wollen Sie sich nicht setzen?“, fragte ich. Ich stellte den mit Hühnchen-Karotten-Eintopf und Klößen gefüllten Teller auf den Tisch und reichte ihm das Brot. „Vielen Dank, Ma’am.“ Ich hätte schwören können, dass in seinen Augen Tränen glänzten, als er wie ein uralter Mann auf den Stuhl sank. Überrascht sah ich, wie er die Hände faltete und den Kopf senkte, um zu beten, so wie Sam und sein Vater es vor den Mahlzeiten immer getan hatten. Auf der anderen Seite des Tisches saß meine vierjährige Tochter und starrte den Fremden mit großen grauen Augen an, ihre Gabel, die eben noch in den Resten ihres Abendessens gestochert hatte, hing bewegungslos in der Luft. Die nackte Glühbirne über dem Tisch ließ ihr kupferfarbenes Haar wie Feuer leuchten. „Guck nicht so und iss auf, Becky Jean“, sagte ich. Ich wollte nicht immer verärgert klingen, aber in letzter Zeit schienen die Worte einfach so aus meinem Mund zu springen. Ich wandte mich der Spüle zu, in der sich das Geschirr stapelte, und als ich im Küchenfenster mein Spiegelbild erblickte, sah ich ein Gesicht, das zu hart war, zu verhärmt für eine Frau, die gerade einmal dreißig Jahre alt war. Mit all diesen Sorgenfalten und meinen rotblonden Haaren, die mir müde in die Augen hingen, hatte ich keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Mädchen, das Sam einst „bildhübsch“ genannt hatte. „Meine Mama lässt dich nicht aufstehen, bevor du den Teller leer gegessen hast“, erzählte Becky dem Fremden. „Ich mag keine Karotten. Und du?“

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„Also, ich mag sie, kleines Fräulein. Genau genommen mag ich sie sogar sehr gerne.“ „Willst du meine haben?“ „O nein, das will er nicht“, sagte ich. „Du isst auf, Becky Jean, und lässt den Mann in Ruhe zu Ende essen.“ Ich stemmte die Hände in die Hüften und beobachtete Becky wie ein Adler, bis sie endlich das letzte Stück Karotte aufgespießt hatte. An der Art, wie der Mann das Essen hinunterschlang, konnte ich erkennen, dass er eine ganze Weile nichts gegessen hatte. Ich gab ihm eine zweite Portion. „Willst du denn deinen Mantel gar nicht ausziehen, Mister?“, fragte Becky nach einigen Minuten. „Nein, danke, das lohnt sich nicht. Ich gehe gleich wieder nach draußen.“ Er sprach leise, als wäre in der Nähe ein schlafender Säugling, den er nicht aufwecken wollte. Aber kurz darauf war es mit der Ruhe ohnehin schlagartig vorbei. Es ertönte das donnernde Geräusch von Füßen auf der Treppe, die vom Obergeschoss in die Diele herunterhüpften und dann in Richtung Küche gerannt kamen. Ich brauchte mich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es die Füße meines Sohnes Jimmy waren, die diesen Lärm verursachten. Er war neun Jahre alt und galoppierte wie ein junges Fohlen, wohin er auch ging. „Mama, kannst du mir bei meinen –“ Er blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen, als er den Fremden sah. Jimmys hellbraunes Haar war wieder einmal zu lang, so dass es ihm wie wucherndes Unkraut in die Augen hing. Ich würde ihm die Haare schneiden müssen, wenn ich ihn dazu bringen konnte, so lange stillzusitzen. „Es ist nicht höflich, andere anzustarren, Jimmy“, sagte ich. „Sagst du unserem Gast bitte ‚Guten Abend‘?“ „Guten Abend“, sagte er. Der Fremde hatte gerade den Mund voller Klöße und konnte nur nicken. Einen Moment später erschien ein rothaariger Schatten hinter Jimmy in der Tür – der siebenjährige Luke. Aber ich wusste, dass es sinnlos wäre ihn zu bitten, den Fremden zu begrüßen. Luke war so schüchtern und ängstlich wie eine streunende Katze. „Wobei brauchst du Hilfe, Jimmy?“, fragte ich, während ich mir die Hände an meiner Schürze abtrocknete. „Beim Buchstabieren.“ Er ging in einem großen Bogen um den

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Tisch herum, so weit wie möglich auf Abstand zu dem Fremden, und reichte mir sein Heft. Luke klebte ihm förmlich am Rockzipfel. Die Augen des Jungen – so blau wie die seines Vaters – wandten den Blick keine Sekunde lang von dem Mann ab. Ich versuchte gerade, Jimmys verschmierte Handschrift zu entziffern, als der Besucher plötzlich einen unterdrückten Schrei ausstieß. Ich blickte auf und sah, wie er sich den Handrücken rieb. „Mama!“, sagte Jimmy verblüfft. „Becky hat den Mann gerade mit der Gabel gepiekst!“ „Gepiekst?“ „Ja, ganz ohne Grund!“ „Aber ich hatte einen Grund!“, verteidigte Becky sich. „Ich wollte sehen, ob er ein Engel ist!“ Die Augenbrauen des Landstreichers fuhren hoch. „Ein was?“ „Ein Engel“, wiederholte sie. Sie war den Tränen nahe. „Mama gibt Fremden immer etwas zu essen, weil sie sagt, das können Engel sein. Aber du hast deinen Mantel nicht ausgezogen, also konnte ich nicht sehen, ob du Flügel hast.“ Ich packte Becky an den Schultern und schüttelte sie leicht. „Becky Jean! Du entschuldigst dich sofort!“ Stattdessen vergrub sie das Gesicht in den Händen und fing an zu weinen. „Nein, nein, es ist ja nichts passiert“, sagte der Mann. Er hatte ein nettes Lächeln, und seine Zähne waren gerade und weiß. „Ich glaube, ich weiß, welchen Vers deine Mutter meint. Er steht im Hebräerbrief, nicht wahr, Ma’am? ‚Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.‘“ „Ja, das stimmt.“ Ich war so entgeistert, dass dieser abgerissene alte Landstreicher wie ein Pastor mit Bibelversen um sich warf, dass mir nichts anderes einfiel. Becky rieb sich mit ihren kleinen Fäusten über die Augen, dann sah sie erneut zu dem Mann auf. „Es tut mir leid, dass ich dich gepiekst habe … aber bist du denn nun ein Engel?“ „Ich fürchte, nein. Nur ein einfacher Mensch auf Reisen.“ Er schob den Stuhl vom Tisch zurück und erhob sich. „Ich bin sehr dankbar für das Essen, Ma’am“, sagte er mit einer kleinen Verbeugung. „Es hat hervorragend geschmeckt. Und jetzt würde ich gerne etwas für Sie tun, um mich zu revanchieren, wenn ich kann.“

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„Es gibt nichts, was nicht bis morgen warten könnte. Sie können gerne in der Werkstatt meines Mannes schlafen, draußen im Stall. Dort gibt es eine Pritsche und einen alten Ofen, den Sie anmachen können, wenn es Ihnen nichts ausmacht, sich selbst Feuerholz zu suchen. Auf dem Regal gleich neben dem Eingang finden Sie eine Lampe und Streichhölzer.“ „Noch einmal vielen Dank, Ma’am.“ Er hob die Hand, als wollte er sich an die Mütze tippen, aber auf seinem Kopf war nichts. Er lächelte verlegen. „Dann noch einen guten Abend Ihnen.“ Den ganzen Abend über, während ich am Küchentisch saß und Jimmy bei seinen Rechtschreibübungen und den Mathematikaufgaben half, hörte ich das hohle Krachen der Axt, die Feuerholz spaltete. Immer wieder ertönte in der Stille das Geräusch von splitterndem Holz, gefolgt vom dumpfen Aufprall des Scheites, der auf die Veranda fiel, wo der Mann das Feuerholz an der Hauswand aufschichtete. „Dann muss ich morgen gar kein Holz hacken“, sagte Jimmy breit grinsend. „Hört sich an, als müsstest du eine Woche lang kein Holz hacken“, sagte ich. „Ich frage mich, wie er im Dunkeln sehen kann, was er tut.“ Der Fremde hörte mit der Arbeit erst auf, als die Kinder längst im Bett waren. Als ich in die Küche ging, um die Ofenklappe für die Nacht zu schließen, erblickte ich seine dunkle Silhouette vor den weißen Schneeverwehungen. Er war dabei, mit schwungvollen Bewegungen einen Weg zur Scheune und zum Hühnerstall freizuschaufeln. Oben in meinem Schlafzimmer zitterte ich vor Kälte, als ich mich auszog. Ich hatte nicht viel Appetit, seit Sam gestorben war, und nachts wurde mir kaum warm, wenn ich nicht zwei Paar Wollsocken und einen dicken Pullover über meinem Nachthemd trug. „Du bist dürr wie ein gerupftes Huhn“, hätte Sam wahrscheinlich gesagt, wenn er gesehen hätte, wie mager ich geworden war. Nachdem ich das Licht gelöscht hatte, blickte ich noch einmal aus dem Fenster meines Zimmers nach draußen. Ein dünner Rauchfaden stieg vom Ofen in der Werkstatt auf, und das Licht der Laterne erhellte das Innere des Stalls. Aber erst, als ich mich in der Kälte

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zusammenrollte, fiel mir auf, dass ich den Fremden nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte.

Ich hatte mich so daran gewöhnt, alleine auf dem Hof zu sein, dass ich den Landstreicher ganz vergaß, bis ich am nächsten Morgen die Küchentür öffnete, um Feuerholz zu holen, und den riesigen Stapel auf der Veranda sah. Ich wäre beinahe über die Kohlenschütte gefallen, die er aus dem Kohleneimer in der Scheune aufgefüllt und vor die Tür gestellt hatte. Jimmy und ich gingen nebeneinander den Weg zum Stall hinunter, den der Fremde freigeschaufelt und auf dem er sogar Asche gestreut hatte, damit wir nicht ausrutschten und mit den Milcheimern stürzten. Aber aus dem Kamin in der Werkstatt stieg kein Rauch auf. „Sieht aus, als wäre unser Engel wieder ausgeflogen“, sagte ich. „Jetzt schon?“ Jimmy klang enttäuscht. „Ich glaube, das war bestimmt mein Schutzengel, wo er doch das ganze Holz gehackt hat.“ Ich folgte meinem Sohn in den dämmrigen, eiskalten Stall. Unser Atem formte in der frostigen Luft Wolken. Als Jimmy plötzlich stehen blieb, stieß ich beinahe gegen ihn. „Wow!“, sagte er. „Das hat ein Mann ganz allein gemacht? Er muss die ganze Nacht gearbeitet haben!“ Der Fremde hatte die ganzen Ställe ausgemistet – eine Arbeit, die ich seit Tagen hatte erledigen wollen – und einen frischen Stapel Heuballen vom Boden heruntergeholt und in der Nähe aufgebaut. Im Stall herrschte eine Ordnung und Aufgeräumtheit, die mir einen kleinen Schauer über den Rücken jagte. Das hier war das Werk eines Mannes, der das, was er tat, mit Stolz erledigte – so wie Sam es immer gehalten hatte –, und nicht die halbherzige Arbeit einer erschöpften Mutter und ihrer jungen Söhne. „Anscheinend wusste er, was zu tun war, und hat es einfach gemacht“, murmelte ich. Meine Augen brannten plötzlich, als wären sie von Rauch gereizt. Ich gab Jimmy einen Schubs, damit er sich in Bewegung setzte. „Aber jetzt komm, genug gestaunt. Geh an die Arbeit, sonst kommst du zu spät zur Schule.“ Als wir die Kühe gemolken und die Pferde gefüttert hatten, schickte

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ich Jimmy in die Werkstatt, um sicherzugehen, dass der Landstreicher das Feuer im Ofen gelöscht hatte. „Und vergiss nicht, den Abzug zuzumachen“, ermahnte ich ihn. Ich hatte gerade die Tür zum Hühnerstall geöffnet, als ich Jimmy quer über den Scheunenhof rufen hörte. „Mama! Mama, komm mal! Schnell!“ „Was ist denn?“ Ich eilte zu ihm hinüber. Er stand mit bleichem Gesicht neben der offenen Stalltür. „Der Mann liegt einfach neben dem Ofen“, sagte er atemlos, „und ich kriege ihn nicht wach!“ Ein kalter Schauer durchfuhr mich. Nicht noch einmal. Der kleine Jimmy war es gewesen, der seinen Großvater vor drei Monaten gefunden hatte, wie er tot auf dem Boden im Stall lag. Ich konnte die Erinnerung an diesen schrecklichen Nachmittag in seinen angsterfüllten Augen sehen. „Ach, der alte Landstreicher ist bestimmt nur betrunken, sonst nichts“, sagte ich mit einer wegwerfenden Handbewegung. „So arm diese Leute auch sind – irgendwie schaffen sie es immer, an Alkohol zu kommen, wenn sie wollen. Ich kümmere mich um ihn. Du lauf und mach dich für die Schule fertig – und sorg dafür, dass Luke auch nicht herumtrödelt.“ Ich fand den Fremden zusammengekauert auf der Liege in der Werkstatt, in eine schmutzige Decke gewickelt. Die sich langsam hebende und senkende Brust des Mannes verriet mir, dass er nicht tot war. Im Raum war es kalt, denn das Feuer war längst ausgegangen. Ich sah mich um, konnte aber nirgends leere Schnapsflaschen entdecken. Wahrscheinlich war er einfach erschöpft von all der Arbeit, die er erledigt hatte – Arbeit, für die meine Jungs und ich einen ganzen Tag gebraucht hätten. Eine Welle des Mitgefühls stieg in mir auf, und ich trat vorsichtig neben ihn, um das Feuer wieder zu entfachen, bevor ich an meine Arbeit zurückging. Seine Muskeln würden weit weniger schmerzen, wenn er es warm hatte. „Ist der Engel aufgewacht, Mama?“, fragte Becky, als ich ins Haus zurückkam. Sie saß ganz still am Küchentisch und stocherte aufreizend langsam in ihren Haferflocken. Ich stellte den Korb mit den Eiern in die Spüle und hielt dann die Hände einen Moment lang über den Ofen, um sie zu wärmen.

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„Er ist nur ein einfacher Landstreicher, Becky, kein Engel.“ „Ist er … t-tot?“, fragte Luke. „Natürlich nicht. Du hast doch gesehen, wie viel Holz er gehackt hat. Der Mann ist erschöpft, das ist alles.“ „Er kann meine Haferflocken haben, wenn er Hunger hat.“ Becky rutschte von ihrem Stuhl und nahm die Schale in beide Hände. „Kann ich sie ihm rausbringen?“ „Nein, kannst du nicht. Er wird Eier und Speck wollen, wenn er aufwacht, und ich möchte, dass die Haferflocken bis dahin in deinem Magen sind. Ich bin es wirklich leid, bei jeder Mahlzeit mit dir zu diskutieren, Becky Jean, vor allem, wenn man bedenkt, dass es jede Menge Kinder in diesem Land gibt, die nicht genug zu essen haben.“ Ich schickte die Jungen in die Schule. Der trüb-graue Himmel über ihnen verhieß weitere Schneefälle, und als Becky und ich mit dem Abwaschen des Frühstücksgeschirrs und der Milcheimer fertig waren, fielen auch schon die ersten Flocken. Ich bereitete die doppelte Menge Brotteig zu, weil ich dachte, der Fremde würde vielleicht gerne einen frischen Laib Brot mitnehmen, aber als ich alles fertig geknetet und zum Gehen in den warmen Ofen gestellt hatte, war von ihm immer noch nichts zu sehen. Ich ließ Becky mit ihren Papierpüppchen im Haus zurück, zog meine Stiefel an und ging durch die tanzenden Schneeflocken, um nach ihm zu sehen. „Hallo …?“, sagte ich und rüttelte an seiner Schulter. „Hallo, Mister … sind Sie okay?“ Als er nicht antwortete, schüttelte ich ihn fester, immer fester, während Angst in mir aufstieg wie ein Schwarm aufgeschreckter Vögel. „Hey, nun wachen Sie schon auf!“ Endlich rührte er sich und stöhnte leise. An seinem glasigen Blick und den geröteten Wangen erkannte ich, dass weder Schnaps noch Erschöpfung ihn niedergestreckt hatten. Der Mann hatte Fieber. Ich machte schnell einen Schritt zurück. Was war, wenn er eine ansteckende Krankheit hatte wie zum Beispiel Polio? Meine Kinder waren am vergangenen Abend mit ihm in Kontakt gekommen, außerdem war Jimmy heute Morgen hier gewesen und hatte ihn berührt. Ich warf schnell ein paar Holzscheite aufs Feuer und schloss dann die Tür zur Werkstatt, um ihn weiterschlafen zu lassen. Am Nachmittag fiel der Schnee dicht und schwer. Die Jungen ka-

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men früher aus der Schule und schüttelten den frischen Schnee von ihren Füßen, ihre Wangen und Ohren waren von der Kälte gerötet. „Der Lehrer hat uns nach Hause geschickt, bevor der Sturm schlimmer wird“, sagte Jimmy. „Und m-morgen ist vielleicht g-gar keine Schule“, fügte Luke hinzu. Offensichtlich war er bei dem Gedanken ganz aufgeregt, denn einen derart langen Satz hatte er bestimmt seit einem Monat nicht mehr geäußert. Ich fuhr ihm durch das verschwitzte rote Haar und hängte dann seine Mütze und die Handschuhe über die Trockenstange neben dem Ofen. Der Geruch feuchter Wolle begann die Küche zu erfüllen und verdrängte den Duft des frisch gebackenen Brotes. „Gut, dass der Engel das ganze Holz für mich gehackt hat“, sagte Jimmy. Er wischte mit der Faust die beschlagene Fensterscheibe frei und blickte zum Stall hinüber. „Ist er gegangen, bevor der Schneesturm angefangen hat?“ „Nein, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, war er noch in der Werkstatt“, sagte ich. „Er ist krank, offenbar hat er Fieber, und ich möchte nicht, dass ihr Jungs in seine Nähe geht, verstanden? Besser, ich sehe noch mal nach ihm. Er muss Hunger haben.“ Ich schöpfte von dem Eintopf vom gestrigen Abend etwas Brühe ab, die ich in eine kleine Milchkanne füllte, und wickelte eine Scheibe gebuttertes Brot in ein sauberes Geschirrtuch. Dann zog ich mich warm an und ging nach draußen. Der Wind hatte den Neuschnee zu hohen Bergen aufgetürmt, so dass der Weg zum Stall nicht mehr zu sehen war. Meine Füße fühlten sich schwer an, als ich mich durch die Schneewehen kämpfte, und der kalte Wind peitschte die Flocken in mein Gesicht. Die vertrauten Umrisse des Scheunenhofs wirkten wie eine verschmierte Zeichnung, während die Obstplantage hinter dem Stall in einem grauen Wirbel verschwunden war. Die Werkstatt war wieder ausgekühlt. Ich kniete mich neben dem Lager des Fremden auf den Boden und rüttelte ihn, bis er schließlich erwachte. Seine Augen waren glasig und fiebrig, und an seinem ängstlichen Blick erkannte ich, dass er keine Ahnung hatte, wo er war. „Es ist alles in Ordnung … Sie sind in meinem Stall. Gestern Abend sind Sie auf meinen Hof gekommen, wissen Sie noch?“ Er

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bewegte die Lippen, als wollte er sprechen, aber es kam nur ein Stöhnen heraus. Ich hob seinen Kopf an und half ihm, ein paar Schlucke von der Brühe zu trinken. „Hören Sie, ich muss wissen, was Sie haben, Mister. Ich muss an meine drei Kinder denken, und ich habe gehört, dass in den Notunterkünften für Obdachlose alle möglichen Krankheiten kursieren.“ „Mein Bein“, flüsterte er. „Ihr Bein? Darf ich es mir ansehen?“ Er nickte und schloss wieder die Augen. Ich bettete seinen Kopf auf die Pritsche und stellte die Brühe beiseite. Als ich die Decke über seinen Füßen anhob, sah ich, dass sein rechtes Hosenbein zerrissen war. Der Stoff war dunkel und steif von getrocknetem Blut. Darunter hatte er einen Lumpen um sein Bein gewickelt. Vorsichtig entfernte ich den blutigen Verband und sah eine klaffende Wunde, die sich vom Knie bis zum Knöchel, also über sein gesamtes Schienbein erstreckte. Sie war geschwollen, entzündet und eitrig. Er hatte mit Sicherheit eine Blutvergiftung, und ich konnte den Gedanken an das, was schlimmstenfalls geschehen würde, kaum ertragen. Es reichte mir, einmal im Leben den Schrecken des Wundstarrkrampfs mit angesehen zu haben. Tränen der Wut stiegen mir in die Augen. „Was fällt Ihnen eigentlich ein!“, schrie ich und ließ die Decke wieder über sein Bein fallen. „Was fällt Ihnen ein, zum Sterben in mein Haus gekrochen zu kommen wie ein räudiger alter Hund! Haben wir nicht schon genug mitgemacht? Warum konnten Sie nicht bis zum nächsten Hof oder in die nächste Stadt gehen? Irgendwohin, wo nicht der Todesengel auf der Türschwelle lauert, so lange ich denken kann! Was fällt Ihnen ein, sich ausgerechnet mein Haus auszusuchen!“ Er öffnete die Augen und sah mich an. Ich konnte nicht erkennen, ob die Tränen, die ich sah, seine waren oder meine eigenen. Schamerfüllt schlug ich die Hände vors Gesicht und weinte lautlos. „Mama?“ Ich fuhr herum und sah Jimmy hinter mir im Türrahmen stehen. Luke stand neben ihm und sah ängstlich aus. „Ich habe euch doch gesagt, dass ihr nicht hierherkommen sollt!“ „Wird er sterben, Mama?“, fragte Jimmy.

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„Könnte sein.“ Ich stand auf und wischte meine Tränen mit dem Ärmel meines Mantels fort. Das alte Gebäude knarrte, als ein Windstoß es von der Seite erfasste. Schnee peitschte gegen die Fensterscheibe. „Wir können ihn nicht hier liegen lassen“, sagte ich. „Sonst müssen wir die ganze Nacht hin- und herlaufen, um nach ihm zu sehen. Geh und hol deinen Schlitten, Luke, und dann helft mir, ihn ins Haus zu bringen.“ Ich packte den Mann unter den Armen, die Jungen nahmen jeder einen Fuß, und gemeinsam zerrten wir ihn nicht gerade sanft durch den Stall, um ihn auf Lukes Schlitten zu hieven. Bestimmt wog der Fremde mehr als wir drei zusammen. Eine Menge Schieben und Ziehen war nötig, um ihn durch die tiefen Verwehungen zum Haus zu schaffen. Die meiste Zeit über biss er die Zähne zusammen, aber als wir ihn schließlich die Stufen zur Veranda hinaufschleppten, entfuhr ihm ein Schrei. Der plötzliche Schmerz schien ihm einen Moment lang Energie zu geben, und so konnte er einen Teil seines Gewichts auf sein gesundes Bein stützen, während wir ihm in Opa Wyatts altes Bett im Zimmer neben der Küche halfen. Becky sah mit großen Augen vom Fußende des Bettes aus zu, wie wir es ihm einigermaßen bequem machten. „Wird er sterben?“, fragte sie. Ich sah die Angst in den Gesichtern meiner Kinder, und meine Wut auf den Eindringling kehrte zurück. „Ich weiß es nicht. Er ist jetzt in Gottes Händen. Wir tun für ihn, was wir können, aber was passiert, ist Gottes Sache.“ Ich hasste meine Hilflosigkeit. Ich hatte kein Telefon, und wegen des Schneesturms konnte ich auch nicht in die Stadt fahren, um den Arzt zu holen. Es ist egal, versuchte ich mir selbst einzureden, um meine eigene Angst zu verdrängen. Ich kannte diesen Mann noch nicht einmal. Außerdem war er wahrscheinlich selbst schuld daran, dass er sich in dieser Lage befand. „Er stinkt“, sagte Becky und hielt sich die Nase zu. „Da hast du Recht. Füll den Kessel, Becky Jean, und stell ihn auf den Herd. Ihr Jungs helft mir, ihm diese … diese Lumpen auszuziehen.“ Wir zogen ihn bis auf die verschlissene lange Unterwäsche aus und legten seine Sachen draußen auf die Veranda. Dann säuberte

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ich die Wunde an seinem Bein so vorsichtig, wie ich konnte, und machte einen heißen Umschlag, den ich so zubereitete, wie der Arzt es mir damals gezeigt hatte, als er Sams Verletzung behandelt hatte. Der Fremde, nur noch halb bei Bewusstsein, schien kaum zu merken, was wir taten. „Jetzt lassen wir ihn erst einmal in Ruhe“, sagte ich, nachdem wir fertig waren. „Wir haben keine Zeit, Händchen zu halten, es gibt genug zu tun.“ Ich beschloss, ihn selbst zu versorgen. Je weniger meine Kinder mit dem Fremden zu tun hatten, desto leichter würde es für sie sein, wenn er starb. Trotzdem schienen sich all ihre Gedanken an diesem Abend um sein Wohlergehen zu drehen – und nicht um den Schneesturm, der draußen immer noch tobte. „Bitte lass den Engelmann nicht sterben“, betete Becky, als sie das Tischgebet beim Abendessen sprach. Ich war überrascht, als Luke „Amen“ flüsterte. Was mich betraf, ich glaubte nicht daran, dass die Kraft des Gebetes ihn würde heilen können. Gott tat, was er wollte, unabhängig von unseren schwachen Fürbitten. Als schließlich alle Hausarbeiten für den Tag erledigt waren, war ich erschöpfter als sonst, schon weil ich mich durch Schnee und Wind hatte kämpfen müssen, um sie zu verrichten. Ich wartete, bis die Kinder im Bett waren, bevor ich wieder ins Zimmer des Fremden ging, um den Umschlag zu erneuern. Ich hatte Angst, was ich vorfinden würde. Seine Augen waren geöffnet und ich konnte die Schmerzen darin sehen, obwohl das einzige Licht im Zimmer von der offenen Küchentür kam. Er zitterte trotz all der Steppdecken, die wir über ihm aufgetürmt hatten. Als ich die heißen Tücher auf sein Bein legte, zuckte er zusammen und sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. „Tut mir leid. Ich versuche Ihnen zu helfen, ohne Ihnen wehzutun.“ „Ich weiß“, flüsterte er. „Danke.“ „Haben Sie Hunger? Ich kann Ihnen etwas holen.“ Er schüttelte den Kopf. „Nur Wasser … bitte …“ Ich wandte mich ab. Mit einem Mal konnte ich ihn nicht mehr ansehen. „Hören Sie, es tut mir leid, dass ich Sie vorhin im Stall so angeschrien habe. Es ist nur so …“ Bei der Erinnerung kniff ich die Augen fest zusammen. „Es ist nur so, dass mein Mann an einer Wunde

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an seinem Fuß gestorben ist, die nicht halb so schlimm war wie Ihre. Der Arzt sagte, es sei Wundstarrkrampf gewesen. Ich konnte nichts tun, außer ihm beim Leiden zuzusehen. Und … und es war kein leichter Tod.“ „Es ist nicht Ihre Schuld, wenn ich sterbe“, sagte er leise. „Ich weiß.“ Ich kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an und kehrte an sein Bett zurück. Dann stützte ich seinen Kopf, während er etwas Wasser trank. „Wie heißen Sie?“, fragte ich. Seine Antwort kam als schwaches Flüstern, das ich nicht verstehen konnte. Ich tauchte einen Waschlappen in die Schüssel mit Seifenwasser, die ich vorbereitet hatte, und wusch den Schmutz aus seinem Gesicht – etwas, das ich schon die ganze Zeit hatte tun wollen, seit wir ihn ins Haus gebracht hatten. Sein Alter war schwierig zu schätzen, weil sein zotteliges dunkelbraunes Haar und der Bart so aussahen, als wären sie lange nicht geschnitten worden. Sein Gesicht war unter der Schmutzschicht von der Sonne gebräunt, und seine Augen, die unter buschigen Brauen hervorsahen, hatten die Farbe von Kaffeebohnen. Seine schwieligen Hände waren groß und kräftig, fühlten sich jedoch wärmer an als das Wasser. Ich knöpfte den obersten Knopf seines Unterhemdes auf, um seinen Hals und seinen Oberkörper zu waschen, und sah eine schreckliche, zackige Narbe oberhalb seines Herzens. Die Wunde war lange verheilt, aber es war klar, dass er dem Tod schon einmal von der Schippe gesprungen war. Als ich fertig war, sah das Wasser in der Schüssel schwarz aus. „Ich lasse Sie jetzt schlafen“, sagte ich, bevor ich das Zimmer verließ. Ich trug die Schüssel zur hinteren Veranda hinaus, um sie auszuleeren, und bemerkte dabei den Leinenbeutel des Fremden neben der Tür. Jimmy hatte ihn aus dem Stall geholt und dort hängen lassen. Ich hob den Sack hoch und spürte etwas Schweres im unteren Teil des Beutels. Als ich ihn auf den Küchentisch legte, war ein metallisches Geräusch zu hören. Ich kam mir wie ein Spion vor, als ich den Knoten des Bandes löste, das den Beutel verschloss, und die Sachen des Fremden zu durchwühlen begann. Aber wie sollte ich sonst herausfinden, wie er hieß und woher er kam? Eine verdreckte Arbeitshose und ein Flanellhemd lagen obenauf. Ich legte sie zur Seite, um sie gemeinsam mit seinen anderen Sachen zu waschen. Darunter befanden sich eine

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Feldflasche der US-Armee und eine zerlesene Bibel, deren Einband vorne eingerissen war. In einer wasserdichten Regenjacke fand ich einen Stapel Notizbücher – in der Art, wie Jimmy und Luke sie für die Schule benutzten. Bis auf eines waren alle diese Bücher mit Bleistift voll geschrieben. In der letzten Kladde lagen drei Briefe der Chicago Tribune, adressiert an Mr Gabriel Harfner, unter Angabe eines Postfaches in Chicago. Ich sprach den Namen laut aus: Gabriel Harfner. Ich musste eigentlich nicht weitersuchen, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, herauszufinden, was das unförmige Ding ganz unten in dem Sack war, das in eine alte Decke gewickelt war. Ich schob den Stoff zur Seite und traute meinen Augen kaum. Was für ein merkwürdiger Besitz für einen Landstreicher – eine Schreibmaschine!

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