Kapitel 1 John Baxter traf seine Entscheidung, als seine Familie das Krankenhaus verließ. Elaine hatte mit ihm und seiner Familie Momente tiefster Trauer und innigster Liebe geteilt, eine Zeit, die sie fester miteinander verbunden hatte als jede andere gemeinsame Erfahrung. Er hielt ihre Hand, als sie schweigend zu den Autos gingen. In ein paar Stunden würden sich alle im Baxter-Haus zum Abendessen treffen. Sie mussten jetzt zusammen sein, darüber sprechen, wie das kurze Leben der kleinen Sarah, seiner Enkeltochter, sie berührt und verändert hatte. Doch bis dahin konnte er das drängende Gefühl nicht abschütteln, diese Gewissheit, dass er mit Elaine sein Leben teilen wollte, nicht nur in solchen Momenten, sondern immer. Elaines Auto parkte neben seinem, doch bevor sie einstieg, blieb sie stehen. „Du bist so still.“ Er lächelte, als Frieden in seine Seele zog. Er war erschöpft und müde, doch nicht länger entmutigt, nicht nach den Szenen, die er an diesem Nachmittag im Krankenzimmer seiner Tochter erlebt hatte. „Ich denke nur nach.“ Elaine wollte ebenfalls zum Abendessen kommen, wenn sie ein paar Stunden bei sich zu Hause verbracht hatte. Sie alle brauchten jetzt etwas Zeit zum Ausruhen. Doch der Blick ihrer Augen versicherte ihm, dass sie den ganzen Tag mit ihm auf dem Parkplatz stehen würde, wenn er sie brauchte. „Willst du darüber reden?“ Sie legte fragend den Kopf zur Seite, ihr Blick war sanft. John spürte die Wärme, die aus seinem Herzen herauskam und sich in seinem Blick niederließ. „Gott macht mir einige Einzelheiten klar. Zum Beispiel, wie sehr ich dich brauche.“ Sie sah überrascht und berührt aus und vielleicht ein bisschen schüchtern. „Das ist eine gute Sache.“ „Wir reden später darüber.“ Er umarmte sie zum Abschied. Als John allein in seinem Auto saß, schlug seine Entscheidung in seinem Herzen Wurzeln, grub sich in seine Seele ein und veränderte die Vorstellung, die er von seiner Zukunft hatte. Die Fahrt nach Hause 5
schien länger zu dauern als sonst und war bestimmt von einem neuen Gefühl von Aufregung und Einsamkeit. Er betrat das alte Haus, doch statt seine Schlüssel wie sonst auf die Ablage zu werfen, blieb er stehen und lehnte sich in den Türrahmen. Jeder Quadratzentimeter dieses Hauses enthielt auch jetzt noch Erinnerungen an Elizabeth, so wie es immer sein würde. Er ging hoch in ihr Schlafzimmer und zögerte, als er das Foto auf seiner Kommode sah. „Du warst heute bei uns, meine Liebste. Ich habe dich gespürt.“ Er umklammerte die Kommode, als seine Gedanken einige Zeit zurückwanderten. Bevor er das Krankenhaus verließ, hatte Ashley ihm Coles Bild gezeigt. Das Kunstwerk seines achtjährigen Enkelsohns hatte ihm den Trost gebracht, den er so verzweifelt brauchte. Auch Ashley und Landon waren so getröstet worden. Nichts passte besser als die Vorstellung von Elizabeth, die die kleine Sarah im Himmel in den Armen hielt und sich um sie kümmerte, bis sie alle eines Tages wieder zusammen sein würden. Er trat an den Schreibtisch, den er am Fußende seines Bettes aufgestellt hatte. Elizabeths handgeschriebene Briefe lagen darauf verteilt, etwas ordentlicher sortiert als zuvor, und an einem Ende war ein Stapel mit Kopien. Das Projekt hatte ungeahnte Ausmaße angenommen, deshalb wollte er später an diesem Abend die Briefe in das Esszimmer tragen. Wenn er mit dem Sortieren fertig war, würde er von jedem ihrer Briefe sechs Kopien haben – eine für jedes seiner Kinder. Jeder vergilbte Brief, den er vorsichtig geöffnet und noch einmal gelesen hatte, hatte sein Herz mit Elizabeths Gegenwart erfüllt und seine Sehnsucht nach ihr noch größer werden lassen. Doch jetzt lag der aufwühlende, schmerzhafte Prozess beinahe hinter ihm. Er war fast so weit, dass er die Briefe in Alben kleben und verteilen konnte. Er hatte das Gefühl, als läge etwas in Elizabeths Worten, das im Leben eines jeden ihrer erwachsenen Kinder eine dramatische Veränderung herbeiführen könnte. Obwohl Sarahs Beerdigung für Ende dieser Woche geplant war, würde er seine ganze Energie auf diese Briefe richten. Es war an der Zeit und es war richtig, das jetzt zu tun. Wenn er damit fertig war, würde er Frieden haben, weil er noch einmal alles durchgesehen hätte, was ihm von der Frau noch geblieben war, die er so sehr liebte. Er brauchte diesen Abschluss wegen der Entscheidung, die er vor einer Stunde 6
getroffen hatte. Die Entscheidung, dass er eines Tages, sehr bald, den Schritt gehen würde, den er nie mehr hatte gehen wollen. Er würde noch einmal heiraten. Er würde Elaine Denning bitten, seine Frau zu werden. *** Dayne Matthews umklammerte das Geländer seiner Terrasse und starrte auf das Wasser, das in einiger Entfernung zu sehen war. Sogar an einem Tag voller Trauer, so wie heute, sprühte die Sonne großzügig Lichtstrahlen über den Lake Monroe. Aus dem Inneren des Hauses konnte er die sanfte Stimme seiner Frau Katy hören, die wieder mit ihrem Agenten telefonierte und versuchte, das Gespräch so kurz wie möglich zu halten. Heute war nicht der Tag für berufliche Gespräche. Er blinzelte, als das leuchtende Wasser des Sees ihn blendete, und hob seinen Blick zu dem tiefblauen Himmel. Ganz egal, wie viele Hollywood-Rollen er gespielt hatte, ungeachtet der Gefühle, die er auf der Leinwand dargestellt oder von anderen gesehen hatte … niemals hatte er etwas gesehen, das der Stärke und dem Glauben seiner Schwester Ashley gleichkam. Die Ereignisse, die sich vor ein paar Stunden abgespielt hatten, wurden wieder lebendig – der Anruf seines Vaters John Baxter, der sie bat, schnellstmöglich zu kommen, und seine Gefühle, als er Ashleys Krankenzimmer betreten hatte. Seine Familie – Brooke, Kari, Erin, Luke und ihre Ehepartner und Kinder, die Menschen, die er bis vor Kurzem so schmerzlich in seinem Leben vermisst hatte – sie waren alle da gewesen, vereint um Ashleys Bett. Natürlich hatten Ashley und Landon seit Monaten gewusst, dass ihre ungeborene Tochter nicht länger als höchstens ein paar Tage überleben würde. Anenzephalie war so unbarmherzig. Das Wunder, für das alle gebetet hatten, war keine plötzliche Heilung gewesen, sondern vielmehr das, was heute in den wenigen kurzen Stunden von Sarahs Leben geschehen war. Die Terrassentür hinter Dayne quietschte und er sah über die Schulter. Sogar an einem solchen Tag, der von tiefer Traurigkeit geprägt war, 7
war in seinem Herzen immer noch Raum für das vertraute Staunen. Katy Hart hatte ihn tatsächlich geheiratet, hatte zugestimmt, ihr ungestörtes Leben in Bloomington aufzugeben und ihn auf seinem Weg des Ruhms in der Öffentlichkeit zu begleiten. Hoffentlich würden sie diesen Weg gemeinsam überstehen. Er wandte sich um und streckte die Arme aus. „Komm her.“ Ihre Schritte waren langsam, schwer, ihr Gesichtsausdruck verloren und abwesend, so als ob das kurze Leben ihrer Nichte Sarah sie völlig ausgelaugt hätte. Als sie ihn erreichte, legte sie ihre Hände um seine Taille und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Für eine lange Zeit war das einzige Geräusch, das die Stille durchbrach, der Schrei eines einsamen Habichts in einem weit entfernten Baum. Endlich holte Katy zitternd Luft und trat zurück, sodass sie seine Augen sehen konnte. „Wir schaffen es … nicht wahr, Dayne?“ Er verlor sich in ihrer Berührung, in der süßen Besorgnis in ihrer Stimme. „Was schaffen wir?“ Sie seufzte. Auf ihrem Gesicht standen zugleich Angst und Entschlossenheit. „Die nächsten vier Wochen dazu zu benutzen, uns zu erinnern, was wirklich wichtig ist. Bevor alle Welt wieder versucht, uns auseinanderzubringen.“ Vier Wochen. Das war die Zeit, die ihnen blieb, um so etwas wie ein normales Leben in Bloomington zu versuchen, ihr Haus am See zu genießen und sich daran zu erinnern, warum sie sich ineinander verliebt hatten. Nur vier Wochen. Sofort stieg Enttäuschung in Dayne auf und wischte die schönen Gefühle beiseite. Er knirschte mit den Zähnen und für einen Augenblick sah er an ihr vorbei auf die Hügel hinter ihrem Haus. Was hatte er sich nur dabei gedacht, als er sie ermutigt hatte, mit ihm zusammen einen Film zu drehen? Und als ob das nicht genug Stoff für die Klatschpresse wäre, würde in weniger als einem Monat die erste Folge der Reality-Show gesendet werden, die bei ihren gemeinsamen Dreharbeiten entstanden war. Sowohl die Reality-Show als auch der Kinostart ihres Filmes waren von dem ursprünglichen Termin im Januar auf den Herbst vorgezogen worden. Sein Agent hatte erklärt, dass das nur von Vorteil sei. „Im Moment ist nichts spannender als ihr beide. Das wissen die Studios.“ Jeder, der nur ein bisschen Geld verdienen wollte, lauerte auf die Konflikte zwischen Dayne und Katy und verschlang die Schlagzeilen in den Zeitschriften, die schreiend ver8
kündeten, dass die gemeinsamen Dreharbeiten das endgültige Ende ihrer Beziehung bedeutet hatten. Doch das war vor ihrer Rückkehr nach Bloomington, nach Hause, gewesen. Hier war ihre Liebe zueinander so selbstverständlich wie das Atmen. Inmitten der ausgedehnten Felder und der sanften Hügel und unter der endlosen Weite des Himmels war die Liebe wie eine Sommerbrise zurückgekehrt, hatte sie eingehüllt und ihnen versichert, dass alles in Ordnung kommen würde. Und wie sollte das nicht geschehen, hier in der Gesellschaft der Baxters, wo sie von mehr Liebe umgeben waren, als Dayne in seinem ganzen Leben erfahren hatte? „Du hast mir nicht geantwortet.“ Katys Ausdruck wurde weicher, als Trauer auf ihr Gesicht trat. Er schmiegte seine Wange an ihre. „Ich wünschte, es wären vier Jahre.“ „Oder mehr.“ Wieder legte Katy ihren Kopf an seine Schulter. „Es gibt keinen Weg zurück, nicht wahr?“ Sie meinte ihre nächsten Filmprojekte und die Tatsache, dass sie in wenigen Monaten nach London und er nach Cabo San Lucas in Mexiko fliegen würde. Sie müssten für zehn Wochen getrennt leben, um ihre Verträge zu erfüllen, während sich die Zeitschriften das Maul zerreißen würden. Sein Herz wurde schwer. „Ach, Katy.“ Er zog sie an sich. Der schwache Duft ihres Parfüms und ihrer Haut erfüllte seine Sinne und betonte die Sehnsucht in ihren leisen Worten. „Vielleicht eines Tages. Wenn das alles hinter uns liegt.“ Er vermied es ebenso wie sie, es direkt auszusprechen, doch was war, wenn sie diesen weit entfernten Tag niemals erreichten? Was, wenn er seiner Welt nicht entkommen konnte, ebenso wie sie ihrer Welt? Und was war, wenn sie auf einmal merkten, dass sie in entgegengesetzte Richtungen unterwegs waren? Wenn sie das Versprechen vergaßen, das sie sich am Strand der Riviera Maya gegeben hatten – vor einer gefühlten Ewigkeit? Sie sprachen oft über „eines Tages“, seitdem sie aus Los Angeles nach Hause gekommen waren. Eines Tages würden sie sich von Hollywood und der Schauspielerei und dem Leben in der Öffentlichkeit verabschieden. Sie würden sich in Bloomington niederlassen und vielleicht sogar das christliche Kindertheater wiederbeleben, das Katy so sehr vermisste. Dann würden sie Zeit haben für Spaziergänge am Lake Monroe, 9
gemeinsame Mittagessen am Sonntag mit den Baxters und Zeit für eigene Kinder. Das Bild wurde klarer und größer und füllte Daynes Herz und Seele vollständig aus, denn es gab keine schönere Vorstellung. Doch zwischen heute und eines Tages mussten sie noch einen Krieg gewinnen, den Krieg, den sie selbst angezettelt hatten, als sie der Reality-Show zugestimmt hatten. For Real war eigentlich als Versöhnungsangebot an die Paparazzi gedacht gewesen, eine Möglichkeit, der Presse Zutritt zu ihrem Leben zu gewähren, ohne dass alles außer Kontrolle geriet. Doch die Kamerateams waren nicht zu den Dreharbeiten ihres soeben abgeschlossenen Filmes gekommen, um romantische Szenen einer glücklichen Ehe zu filmen. Sie hatten von Anfang an Konflikte provoziert, hatten Schlagzeilen erfunden, die von Zweifel und Untreue sprachen. Und das alles, bevor die Show überhaupt gesendet wurde. Dayne küsste ihre Stirn. „Was hat dein Agent gesagt?“ „Er wollte sich vergewissern, dass ich einen Reisepass habe.“ Sie klang müde. „Ich sagte ihm, dass ich natürlich einen habe. Wegen unserer Hochzeit.“ Für einen Herzschlag lang verschwand alles um sie herum und Dayne konnte bis auf den Grund ihrer Seele schauen. Seit den Spannungen der letzten Monate war das nicht mehr geschehen. „Es war wunderschön, nicht wahr?“ Sie lächelte. „Manchmal erlebe ich es noch einmal in meinen Träumen so real, dass ich das Meer riechen kann.“ Er berührte ihr Gesicht. „Zu schade, dass du deinen Film nicht nach Cabo verlegen konntest.“ Die Sonne war im Begriff unterzugehen und warf lange Schatten über die Terrasse, als wollte sie die Unwägbarkeiten des Weges unterstreichen, der vor ihnen lag. „Es wäre ziemlich schwierig, den Big Ben in Cabo zu filmen.“ „Das stimmt.“ Er legte seine Hände um ihr Gesicht und berührte ihren Mund mit seinen Lippen. Ihr Kuss war langsam, zögernd. Die Spannungen der letzten Wochen hatten Spuren hinterlassen. Doch der Kuss weckte eine tiefe Leidenschaft. Nach einer Weile atmete sie schneller und sah ihn zärtlich an. „Ich liebe dich, Dayne.“ Ihre geflüsterten Worte unterstrichen die Art, wie ihr Körper auf seinen reagierte. 10
Sogar in den schlimmsten Zeiten war die körperliche Beziehung in ihrer Ehe wunderschön gewesen – ein Geschenk des Gottes, an den sie beide glaubten. Zu Gott betete Dayne auch, dass er ihnen in den kommenden Monaten helfen würde, zusammenzubleiben, auch wenn es einfacher schien, wegzugehen. „Ich liebe dich auch.“ Er hielt sie fest. „Hör niemals auf, das zu sagen, ja? Ich werde es auch nicht.“ Katy zögerte. „Ich werde … ich werde niemals damit aufhören.“ Sie küsste ihn noch einmal und flüsterte leise in sein Ohr. „Lass uns reingehen.“ Er umfasste ihre Hand. Als sie ins Haus traten und durch die Küche und den Flur zu ihrem Schlafzimmer gingen, war sich Dayne immer noch nicht sicher, was eines Tages auf sie zukommen würde. Doch jetzt hatten sie etwas anderes vor, etwas, das hier und heute wichtiger war. Sie hatten vier Wochen Zeit.
11