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Prolog

In ein paar Minuten würde das Baby ihr gehören. Für immer. Debra krümmte ihre Finger in den eng anliegenden Latexhandschuhen und fasste die Drahtschlinge in ihrer Hand fester, während sie sich noch weiter in den Schatten im hinteren Teil der düsteren, neogotischen Kirche zurückzog. Die letzten Orgeltöne hallten noch durch den leeren Kirchenraum und ihr dumpfes Echo verklang in den dunklen Nischen in den Wänden, als die Frau hinter den Tasten eine Flasche Wasser an ihre Lippen setzte und sie mit zwei langen Schlucken leerte. Ein kleines Lächeln umzuckte Debras Mundwinkel. Wenn Rebecca O’Neil etwas war, dann berechenbar. Rebecca stand auf, beugte sich über die Kirchenbank hinter ihr und zog die Decke gerade, die sie über den Säugling in seinem Maxi-Cosi gebreitet hatte. Sie murmelte ein paar Worte, die Debra nicht verstehen konnte, und lächelte, als ihre Tochter mit gurgelnden Lauten antwortete. Die Mutter beugte sich tiefer, um einen zärtlichen Kuss auf die winzige Stirn zu drücken, und es juckte Debra in den Fingern, die Kleine zu nehmen, an sich zu drücken und ihren Neugeborenenduft einzuatmen. Sie konnte es kaum erwarten, all die wundervollen Freuden des Mutterseins zu erfahren, die ihr bisher versagt gewesen waren. Aber sie würden ihr nicht versagt bleiben. 5


Heute würde sie das Unrecht wiedergutmachen. Debra holte tief Luft und versuchte ihren schneller werdenden Puls zu verlangsamen. Sie war ganz, ganz kurz davor, ihren Traum zu verwirklichen. Wenn alles nach Plan lief, würde es keine fünf Minuten mehr dauern, bis sie ihr Baby im Arm hielt. Und dann würde sie es nie wieder loslassen. Die Organistin drehte sich um und schritt den Mittelgang hinunter in Richtung Ausgang. Debras Hände schlossen sich fester um den Draht, lockerten sich wieder und drückten erneut zu, wie in einem krampfartigen Rhythmus. Rebecca kam näher und für den Bruchteil einer Sekunde kamen Debra Zweifel. Die Frau wirkte wie ein liebevoller Mensch, eine gute Mutter. Eine, die ihr Baby vermissen würde. Aber vor drei Monaten, damals im Oktober, hatte Debra im Fitnessstudio mit angehört, wie Rebecca einer Freundin gestanden hatte, sie sei ziemlich überfordert. Die Worte hatten sich tief in Debras Gedächtnis eingeprägt. „Es ist ganz schön anstrengend“, hatte Rebecca gesagt. „Die Kinder sind längst nicht so weit auseinander, wie wir es geplant hatten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich zwei Wickelkinder gleichzeitig haben würde. Aber Megan ist wirklich ein liebes Kind. Sie ist erst sieben Wochen alt und fängt schon an durchzuschlafen. Willst du mal ein aktuelles Foto sehen?“ Während Rebecca das Bild aus ihrer Handtasche gezogen hatte, war Debra an den beiden Frauen vorbeigeschlendert und hatte über ihre Schultern geblickt. Es war nur ganz allgemeine Neugier gewesen … bis sie die roten Locken des Babys gesehen hatte – die genau die gleiche Farbe hatten wie Debras Haare – und die blauen Augen, die ihren eigenen so ähnlich waren. Das Kind sah aus wie das Baby, das sie hätte bekommen können, hatte Debra mit einem Schlag erkannt. Das sie hätte bekommen sollen. Sie hatte ein Baby verdient. Mehr als Rebecca, die schließlich schon ein Kind hatte. Die plötzliche Erkenntnis, die darauf folgte, hatte sie sprachlos gemacht. 6


Das sollte mein Baby sein. Sie hatte es so sicher gewusst, wie sie wusste, dass die sanften Herbstwinde sich bald in eisige Winterstürme verwandeln würden. Deshalb befand sie sich an diesem kalten Januartag, nach wochenlanger sorgfältiger Planung, allein hier in einem Gotteshaus. Wäre die ungeheuerliche Aufgabe dieses Tages nicht gewesen, hätte sie niemals eine Kirche betreten. Sie und Gott hatten sich schon vor langer Zeit voneinander verabschiedet. Ein vertrauter Schmerz an dem leeren Platz, wo früher einmal ihre Gebärmutter gewesen war, strahlte nach oben hin aus und schnürte ihr die Kehle zu. Eine natürliche Geburt war vielleicht nicht mehr möglich. Und eine Adoption auch nicht. Alleinstehende bekamen kein gesundes weißes Kind. Und Frauen mit ihrer Vergangenheit sowieso nicht. Aber es gab andere Methoden, an ein Baby zu kommen. Und sie würde Rebecca nicht kinderlos zurücklassen. Das würde sie niemals irgendjemandem antun, schließlich wusste sie, wie es sich anfühlte, ein Kind zu verlieren. Aber Rebecca hatte schon eine Tochter. Außerdem war Debras Plan für alle Beteiligten von Vorteil. Rebecca wäre künftig weniger gestresst und beide Kinder kämen in den Genuss ungeteilter Aufmerksamkeit. Und sie hätte endlich das Baby, das das Schicksal oder die Natur oder Gott – oder die Verschwörung zwischen ihren Ärzten und ihrem Mann – ihr vorenthalten hatte. Rebecca ging an ihr vorbei, nur wenige Zentimeter von ihr entfernt, und Debra drückte sich noch dichter an die Wand, während sie die Drahtschlinge in ihren Händen bereithielt. Abgesehen von dem Tag, an dem sie das Foto des Babys gesehen hatte, war sie der Mutter noch nie so nahe gewesen. Aber seitdem sie sie im Fitnessstudio belauscht hatte, hatte sie eine Menge über die Frau herausgefunden. Rebecca war Organistin und übte jeden Samstagvormittag in der leeren Kirche. Ihr Baby 7


nahm sie mit, während ihr Mann die zweijährige Tochter hütete. Ihre Adresse ausfindig zu machen, war nicht schwierig gewesen – sie war Rebecca einfach irgendwann zu ihrem Auto gefolgt und hatte sich das Kennzeichen aufgeschrieben. Und bei ihrer Arbeit hatte Debra Zugriff auf die dazugehörigen Informationen. Die Kirche hatte sie ebenfalls problemlos gefunden. Debra hatte nur am Ende von Rebeccas Straße warten und ihr an einem Samstag folgen müssen. Am nächsten Tag war sie in den Gottesdienst gegangen, um den Ort auszukundschaften. Während der Probe unbemerkt in die Kirche zu gelangen, war nicht ganz so einfach gewesen, aber sie hatte es geschafft. Rebecca schloss die Kirchentür immer auf und öffnete sie sperrangelweit, bevor sie das Baby aus dem Auto holte, damit die Kleine nicht länger als nötig dem eisigen Chicagoer Januarwetter ausgesetzt war. Das gab Debra die perfekte Gelegenheit, hineinzuschlüpfen. Es waren nur zwei Fahrten nötig gewesen, um den richtigen Zeitpunkt zu ermitteln und einen Plan zu schmieden. Die junge Mutter brachte immer eine große Flasche Wasser mit und etwa nach der Hälfte ihrer Übungsstunde ging sie zur Toilette. So wie sie es jetzt tat. Mit klopfendem Herzen wartete Debra, bis die Frau in die Kabine der Toilette trat und die Tür hinter sich zudrückte. Als das Klicken des Schlosses in der leeren Kirche widerhallte, ging Debra zur Tür und legte die kleine Drahtschlinge um den Türknauf, wobei die Gummisohlen ihrer Schuhe lautlos über den Terrazzoboden glitten. Sie zog das Ende des Drahts fest und wickelte es um den Knauf des danebenstehenden Wandschranks. Dann schlang sie den Draht noch ein paar Mal um den Knauf der Toilettentür. Das ganze Manöver dauerte nicht länger als fünfzehn Sekunden. Sie war schon halb bei dem Baby, als an der Tür zur Toilette gerüttelt wurde. Dann noch einmal. Und wieder, diesmal kräftiger. 8


„Hallo? Ist da draußen jemand?“ Rebeccas Stimme klang durch die schwere Eichentür gedämpft. Wieder ein Rütteln an der Tür. Debra ging um die Kirchenbank herum und lächelte zu dem winzigen Baby hinunter. Die blauen Augen der Kleinen waren weit geöffnet und die kupferroten Locken hüpften auf und ab, während sie mit den Beinen strampelte. Sie umklammerte eine Stoffpuppe, die ein geflicktes Gesicht und dünne, schlaffe Wollhaare hatte. Als Debra leicht an der abgewetzten Puppe zog, packte das Baby sie fester und schnitt eine Grimasse, offenbar um lauten Protest anzukündigen. Debra zögerte. Ein weinendes Baby zog Aufmerksamkeit auf sich und das war nicht gut. Sie konnte die Puppe später entsorgen. Als Nächstes zog Debra eine Wollmütze aus ihrer Manteltasche, zog sie sich tief in die Stirn und hob dann den Säugling aus seinem Maxi-Cosi. Sie genoss das Gefühl der Vollständigkeit, das sie durchströmte, als sie das winzige Bündel an ihre Schulter legte. Es war ein gutes Gefühl, das Baby in ihren Armen zu halten. So, als gehöre es dorthin. „Ist da jemand? Bitte … lassen Sie mich raus!“ Debra blendete Rebeccas flehende Bitte aus und eilte auf den Seitenausgang zu. Soweit sie wusste, gab es auf dem kleinen Kirchengelände keine Überwachungskameras und der Parkplatz war von der Straße aus nicht einzusehen. Ungesehen zu entkommen, wäre ein Kinderspiel. Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit und ließ ihren Blick über den Parkplatz schweifen. Leer. Dann schlüpfte sie hinaus und zog die schwere Tür hinter sich zu. Die Steinmauern dämpften die nun leisen, panischen Rufe von drinnen. Das Baby wimmerte, als spüre es, dass etwas nicht stimmte. „Schhhh, meine Kleine.“ Debra fuhr beruhigend mit dem Finger über die seidige Wange des Babys, während sie es in den nagelneuen Kindersitz in ihrem Mietwagen setzte. „Mami wird 9


gut für dich sorgen. Bald halten wir an und essen etwas, in Ordnung?“ Wieder zog sie an der Puppe. Und wieder zögerte sie, als das Baby einen Protestschrei ausstieß und die Puppe mit beiden Händen an seine Brust drückte. Wenn die Puppe dafür sorgte, dass die Kleine während der Fahrt glücklich war – und still –, dann konnte sie das Ding ruhig noch ein paar Stunden behalten. Debra würde es später immer noch entsorgen können. Als sie sich hinters Lenkrad schob, fing es an zu schneien. Weiche, fedrige Flocken, die auf ihrer Windschutzscheibe landeten. Jede von ihnen war vollkommen und einzigartig. Aber auch kurzlebig. Gott hatte bei den Schneeflocken einen Fehler gemacht, wurde Debra klar, als sie sah, wie die Flocken auf dem Glas schmolzen. Sie hätten so viel mehr verdient als nur einen kurzen Augenblick der Herrlichkeit. Aber machte Gott nicht jede Menge Fehler? Wie bei ihr zum Beispiel. Sie wollte Kinder haben, seit sie denken konnte. Sie hatte es verdient, Kinder zu haben. Warum sonst hätte sie heiraten sollen? Sich all den Behandlungen unterziehen? Warum hätte sie es nach den Fehlgeburten immer weiter versuchen sollen? Wenn sie könnte, würde sie es immer noch versuchen. Aber sie hatte die anderen alle Lügen gestraft. All die Leute, die behauptet hatten, sie würde nie ein Baby bekommen. Ihren Arzt. Ihren Mann. Gott. Sie hatte jetzt ihr Baby. Das Kind ihres Herzens. Den einen Menschen in ihrem Leben, der sie immer lieben würde. Bedingungslos. Heute war sie endlich eine echte Mutter geworden. Lächelnd legte sie den Gang ein und machte sich auf den langen Heimweg.

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Kapitel 1

Einen Monat später Schnellimbiss. Was für ein Witz. Rachel Sutton trommelte mit dem Fuß auf den Bodenfliesen vor der Abholtheke, seufzte und blickte wieder auf ihre Armbanduhr. Zehn Minuten Wartezeit waren definitiv nicht schnell. Wenn das so weiterging, würde sie auf der Fahrt alle Geschwindigkeitsbeschränkungen ignorieren und ihr Mittagessen inhalieren müssen, wenn sie zur ersten Unterrichtsstunde an diesem Nachmittag nicht zu spät erscheinen wollte. „Rachel!“ Ein gestresster Angestellter ließ ihre Bestellung auf die Theke fallen, während er ihren Namen rief. Endlich. Rachel schob sich durch die Menge, schnappte sich die große Tüte mit den belegten Sandwichs und Pommes und stellte sie zwischen die zwei Becher auf das Papptablett. Ihre Einkäufe vor sich herbalancierend, bahnte sie sich einen Weg durch das Kundenmeer und stieß mit der Schulter die Glastür auf. Eine für den Anfang Februar ungewöhnlich frühlingshafte Temperatur schlug ihr entgegen, nach dem rauen Wetter des vergangenen Monats eine willkommene Abwechslung. Wenn der Andrang um sie herum etwas zu bedeuten hatte, waren alle Bewohner von St. Louis plötzlich aus dem Winterschlaf erwacht. 11


Und niemand schien in Eile zu sein. Hatten diese Leute alle keine Arbeit? Verpflichtungen? Termine, die sie einhalten mussten? Sie machte einen Bogen um eine hartnäckig vereiste Stelle und stapfte zu der letzten Parkbucht auf dem Parkplatz, wo sie ihren alten Toyota Camry zwischen einen Berg geräumten Schnee und den Müllcontainer gequetscht hatte. Entspann dich, Rachel, ermahnte sie sich. Die Welt geht nicht gleich unter, wenn du fünf Minuten zu spät zum Unterricht kommst. Aber die aufmunternden Worte halfen nicht, ihre angespannten Nerven zu beruhigen. Zum x-ten Mal in den vergangenen Wochen versuchte Rachel zu ergründen, warum sie so gestresst und nervös war. Es ergab keinen Sinn. Ihr Leben war gut und ihr Beruf füllte sie aus. Sie unterrichtete gerne Musik in der Grundschule und am späten Sonntagnachmittag in einem der elegantesten Hotels von St. Louis Klavier zu spielen, war für sie jede Woche wieder ein Highlight. Ihre kleinen Klavierschüler bereiteten ihr viel Freude und ihrer künstlerischen Begabung konnte sie frönen, indem sie nebenbei ein sehr erfolgreiches Geschäft mit Wandmalereien begonnen hatte. Es gab keinen Anlass für die Unruhe, die sie in letzter Zeit erfüllte. Und doch konnte sie sie nicht abschütteln. Sie hatte seit einem Monat nicht mehr gut geschlafen und ihr Geduldsfaden war bis zum Zerreißen gespannt. Vor zehn Tagen hatte sie an der Technik eines Klavierschülers herumgemeckert, bis das arme Kind beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Letzte Woche hatte sie sich geweigert, ein Wandgemälde mit viktorianischen Schnörkeln zu verkitschen und damit einen sehr gut zahlenden Kunden verärgert. Gestern hatte sie ihre Kollegin Marta angeblafft, als diese versucht hatte, ihr ein Lächeln zu entlocken. Dieser letzte Anfall von schlechter Laune war auch der Grund, warum Rachel in der Mittagszeit zu diesem beliebten Imbiss gefahren war, obwohl sie gewusst hatte, dass sie mitten in die Horde anderer hungriger Menschen hineingeraten würde, die sich um diese Zeit immer dort herumtrieb. Das Mittagessen heute 12


sollte ein Friedensangebot sein – auch wenn sie sich noch nie weniger friedfertig gefühlt hatte als an diesem Tag. Rachel wich einer Pfütze aus, verlagerte das Tablett so, dass sie es auf einer Hand balancieren konnte, und kramte in ihrer Handtasche nach dem Autoschlüssel. Marta hatte es gestern nur gut gemeint, gestand sie sich ein, während sie auf der Beifahrerseite zwischen ihrem Auto und dem Berg aus schmelzendem Schnee stand. Sie musste wirklich dringend mal wieder lachen. Die steilen Falten auf ihrer Stirn wurden allmählich zu einer festen Einrichtung und das passte gar nicht zu ihr. Im Allgemeinen war Rachel gut gelaunt, geduldig und ausgeglichen. Sie hatte keine Ahnung, warum ihre natürliche Gelassenheit verflogen und einer alarmierenden Anspannung gewichen war. Wie um diesen Gedanken zu unterstreichen, zuckte Rachel zusammen, als die Hupe des Wagens neben ihr ertönte, weil der Besitzer ihn mit der Fernbedienung von der anderen Seite des Parkplatzes aus aufschloss. Missmutig sah sie zu, wie die Becher ins Wanken gerieten. Irgendwie gelang es ihr, sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen, aber bei der Sandwichtüte hatte sie weniger Glück. Sie fiel kopfüber in den tauenden Schneeberg. Angewidert stellte Rachel das Tablett auf ihrem Kofferraum ab und bückte sich, um die Tüte aufzuheben. Diese ganze Imbissidee entwickelte sich allmählich zu einer einzigen Katastrophe. Als sie das obere Ende der schmutzigen weißen Tüte in die Hand nahm, um sie aus dem dreckigen Schnee zu ziehen, stach ihr ein Büschel leuchtend orangefarbener Wolle ins Auge, das unter dem Schneehaufen hervorblickte. Eine Strickmütze vielleicht oder das Ende eines Schals. Hatte wahrscheinlich jemand an einem verschneiten, windigen Abend auf dem Parkplatz verloren und dann war das Teil von den Räummaschinen zur Seite geschoben worden. Nachdem sie das Essen auf den Beifahrersitz gestellt hatte, stupste sie das orangefarbene Etwas mit ihrer Stiefelspitze an. Wenn sie eine barmherzige Samariterin sein wollte, könnte sie 13


es ausgraben und im Laden abgeben. Aber es sah nicht so aus, als ob es sich lohnen würde. Wahrscheinlich lag es schon seit Monaten dort und die Person, der es abhandengekommen war, hatte sicher längst die Hoffnung aufgegeben, es jemals wiederzufinden. Plötzlich brach ihre Schuhspitze ein größeres Stück Eis aus dem Haufen und ein Knopfauge blickte sie an. So viel zu der Mützen- oder Schaltheorie. Dem geflickten Gesicht nach zu urteilen, das da erschien, als sie Eis und Schnee wegbrach, handelte es sich bei dem begrabenen Gegenstand um eine heiß geliebte Stoffpuppe. Und die wurde bestimmt vermisst. Das warf ein ganz anderes Licht auf die Situation. Sie wusste, dass es albern war, aber aus irgendeinem Grund konnte Rachel sich nicht überwinden, die Puppe dort auf dem Parkplatz liegen zu lassen. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass eine Mutter verzweifelt das geliebte Püppchen ihrer Tochter suchte, beschloss Rachel, die Puppe auszubuddeln und sie im Restaurant abzugeben. Sie holte ihren Eiskratzer aus dem Handschuhfach und machte sich an die Arbeit. Es war schwieriger als gedacht, die Puppe aus dem gefrorenen Schneematsch zu befreien. Die warme Sonne hatte die Oberfläche angetaut, aber je tiefer sie grub, desto vereister wurde der Schnee. „Entschuldigen Sie, Ma’am … gibt es ein Problem? Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“ Rachel drehte sich in der Hocke um und blickte auf. Ein älterer Mann mit einer weißen Tüte in der Hand musterte sie unter buschigen Augenbrauen hervor. „Nein. Ich … äh … ich versuche nur, diese Puppe zu retten.“ „Gehört sie Ihnen?“ „Nein.“ Wärme stieg in ihre Wangen. „Aber ich kann mir vorstellen, das kleine Mädchen, das sie verloren hat, hätte sie gerne wieder.“ Der Mann trat näher und bückte sich, um versuchsweise an 14


einem Stoffarm zu ziehen. Er rührte sich nicht von der Stelle. „Ich weiß nicht. Sie sitzt ziemlich fest.“ Er richtete sich wieder auf und betrachtete die schmutzige, durchnässte Puppe. „Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob die Mutter des kleinen Mädchens sie würde wiederhaben wollen. Sie ist bestimmt voller Bakterien.“ Mit einem angewiderten Blick sah er auf seine nassen Finger hinunter. Rachel musterte die Puppe, die jetzt bis auf einen schwarzen Fuß freigelegt war. Er hatte nicht ganz unrecht. Das verschlissene Baumwollkleid war fleckig und die dünne weiße Schürze vor Schmutz ganz grau. „Da haben Sie wahrscheinlich recht.“ „Aber es war eine nette Idee“, sagte der Mann. „Danke.“ Rachel warf ihm ein kurzes Lächeln zu und erhob sich, um den Eiskratzer zurück ins Auto zu werfen. „Na ja … guten Appetit jedenfalls.“ Er hob zum Gruß seine Tüte und ging weiter zu seinem Wagen. Rachel wollte gerade die Wagentür schließen, aber dann zögerte sie. Sie sah die Stoffpuppe noch einmal an. Sie wirkte so verloren, so einsam in der dreckigen Pfütze. Aber sie bezweifelte, dass die Leute vom Imbiss erbaut sein würden, wenn sie ein verschmutztes, triefendes Spielzeug an einem ihrer Schalter abgab. Aber sie könnte die Puppe an einem gut sichtbaren Ort auf dem Parkplatz deponieren. So könnte die Mutter, falls sie öfter hierherkam, sie sehen – und mitnehmen, wenn sie wollte. Rachel sah sich auf dem Platz um und entdeckte den Schacht einer Klimaanlage. Perfekt. Jetzt, wo sie einen Plan hatte, trat Rachel mit dem Stiefel den restlichen Schnee vom Fuß der Puppe und bückte sich dann, um sie aufzuheben. Als ihre Finger sich um den Puppenarm schlossen, hatte sie sich bereits halb in Richtung Klimaanlagenschacht gedreht. Wenn sie sich beeilte, könnte sie vielleicht noch fünf Minuten mit Marta zusammensitzen und etwas von ihrem Mittagessen – Rachel hatte kaum zwei Schritte auf ihr Ziel zu gemacht, als 15


ihr plötzlich ganz schwarz vor Augen wurde. Ihr Puls schoss schlagartig in die Höhe. Während die Welt um sie herum ins Wanken geriet, lehnte sie sich an ihr Auto und sog scharf die Luft ein. Ihr ganzer Körper fing an zu zittern, wodurch die Puppe ihrem Griff entglitt und zu Boden fiel. So schnell die heftige Reaktion aufgetreten war, so schnell legte sie sich wieder. Ihr Puls beruhigte sich, ihre Lunge atmete wieder richtig, die Welt war wieder im Gleichgewicht. Was in aller Welt war da gerade passiert? Ein Nachbeben erfasste Rachel und raubte ihren Beinen jede Kraft. Während sie sich an das Heck ihres Wagens klammerte, suchte sie den Parkplatz nach einer Erklärung ab. Nach irgendetwas Ungewöhnlichem, das eine solch intensive Reaktion hatte hervorrufen können. Aber alles wirkte normal. Einige Menschen gingen in das Restaurant, andere kamen heraus, manche telefonierten mit ihren Handys, wieder andere lachten, die meisten trugen Tüten. Der Himmel war blau, die Sonne schien. Ein Cabrio fuhr vorbei, das Verdeck zu Ehren der für diese Jahreszeit untypischen Wärme heruntergelassen, der Fahrer mittleren Alters mit Sonnenbrille und kurzer Hose, während aus dem Radio ein altes Lied der Beach Boys erklang. Um sie herum gab es nichts, was die Ereignisse von eben hätte erklären können. Aber ihre Reaktion war echt gewesen. Und es gab nur ein Wort, das die Gefühle, die sie erschüttert hatten, angemessen beschreiben konnte: Schrecken. Aber was hatte ihn hervorgerufen? Und warum war er so unglaublich schnell verebbt, nachdem sie die Puppe hatte fallen lassen? Ihr Atem ging keuchend und ihr Blick wanderte langsam zu der Puppe auf dem Boden. Lächelnd sah das harmlose, geflickte Gesicht sie an, so unschuldig wie die Kindheit. Konnte es etwa sein, dass …? 16


Ungehalten verdrängte sie diesen Gedanken. Sie glaubte nicht an solche unheimlichen Dinge. Kein gesunder, logisch denkender Mensch tat das. Was auch immer ihre Reaktion verursacht hatte, stand in keinerlei Zusammenhang mit der Puppe zu ihren Füßen. Das war unmöglich. Und sie konnte es beweisen. Sie musste die Puppe nur wieder aufheben. Aber genau das wollte sie nicht. Rachel wischte sich die Handflächen an ihrer schwarzen Hose ab und ärgerte sich über sich selbst. Das war doch lächerlich! Sie presste die Lippen zusammen, bückte sich, streckte die Finger aus und packte die Puppe. Sofort überfiel sie der Schrecken wieder und drückte die Luft aus ihrer Lunge. Während sie um Atem rang, hielt Rachel die Puppe mit ausgestrecktem Arm von sich weg und starrte sie an. Kalter Schweiß trat auf ihre Stirn und sie fing an zu zittern. Erschütternde, unzusammenhängende Bilder und Geräusche brachen über sie herein. Sie hörte den entfernten Schrei eines Babys. Sie spürte Gefahr. Schmerz. Qualen. Das konnte doch nicht wahr sein! Ungeschickt fingerte sie an der Wagentür herum und riss die Tür auf. Dann schleuderte sie die Puppe hinein. Die panischen Gefühle ließen sofort nach. Zurück blieben ein Rest von Angst – und Dringlichkeit. Es war beinahe wie eine Botschaft. Eine Aufforderung, etwas zu tun. Aber was? Ratlos betrachtete Rachel die Puppe, die sie vom Rücksitz aus anlachte. Merkwürdig. Aus der Entfernung spürte sie keine Gefahr, sondern eher das Gegenteil. Die Puppe gab ihr ein warmes, glückliches Gefühl. Erst bei der Berührung strahlte sie eine unheilvollere Aura aus. 17


Aura. Rachel schnitt eine Grimasse. Jetzt fing sie schon an, wie eine Esoteriktante zu denken. Hin- und hergerissen musterte Rachel die Puppe. Der Mann, der vor ein paar Minuten stehen geblieben war, hatte die Puppe angefasst und keine negativen Reaktionen gezeigt. Nur sie schien die negativen Schwingungen zu spüren. Warum ich?, hätte sie das lächelnde Gesicht am liebsten gefragt. Warum quälst du ausgerechnet mich? Sie hätte die Frage laut ausgesprochen, wenn dann nicht alle gedacht hätten, sie hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Und sie selbst auch. Außerdem war die eigentliche Frage doch, was sie mit der Puppe machen sollte. Sie auf dem Parkplatz zurückzulassen, war jetzt keine Alternative mehr. Rachel verstand vielleicht nicht, warum dieses Stoffding eine solche Wirkung auf sie hatte, aber das Gefühl der Gefahr, das die Puppe hervorrief, war zu real – und zu stark –, als dass sie es hätte ignorieren können. Sie könnte sie zur Polizei bringen. Das waren schließlich Experten in Sachen Gefahr, oder nicht? Aber sie konnte sich vorstellen, wie man auf der Wache reagieren würde, wenn sie dort erschiene und ihre Geschichte erzählte. Sie würden sie für verrückt halten. Und wenn man bedachte, wie merkwürdig sie sich in letzter Zeit fühlte, stimmte das ja vielleicht sogar. Unsicher, wie sie weiter vorgehen sollte, schlug Rachel die Wagentür zu, ging um den Kofferraum herum und setzte sich hinters Lenkrad. Als sie den Gang einlegte, fiel ihr Blick auf das vergessene Mittagessen auf dem Sitz neben ihr – und dann hatte sie eine Idee. Martas Mann war Polizist. Sie könnte ihrer Freundin von dem Vorfall erzählen und sehen, was sie vorschlug. Marta wusste, dass sie ein ernsthafter, ausgeglichener, intelligenter Mensch war, der nicht zu Hirngespinsten neigte. Sie hatten in 18


den vergangenen zwei Jahren schon oft zusammen gegessen und gemeinsam über die Possen ihrer Schüler gelacht. Marta würde sie nicht für verrückt halten. Jedenfalls hoffte Rachel das. *** Marta hörte mitten im Kauen auf zu essen und starrte ihre Kollegin an. „Das ist verrückt.“ Der Bissen des Sandwiches, auf das sie ohnehin keine Lust mehr hatte, blieb Rachel im Hals stecken. „Ich weiß, es klingt seltsam. Aber es ist die Wahrheit. Immer, wenn ich die Puppe anfasse, spüre ich Gefahr.“ Mehrere Sekunden verstrichen, während Marta weiterkaute und ihre Freundin prüfend ansah. „Das ist dein Ernst, oder?“ „Ja.“ „Also gut. Damit ich das richtig verstehe: Du hast eine Puppe gefunden und als du sie aufgehoben hast, hat sie dir eine tierische Angst eingejagt.“ „Zweimal.“ „Und wo ist diese Puppe jetzt?“ „Auf dem Rücksitz in meinem Auto.“ „Sieh zu, dass du sie loswirst.“ Rachel stand auf und begann in dem vollgestellten Aufenthaltsraum auf und ab zu gehen. Jetzt war sie froh, dass sie sich verspätet hatte, denn so waren all die anderen Lehrer bereits in ihre Klassen zurückgegangen und Marta und sie hatten das Lehrerzimmer für sich. „Das habe ich mir auch schon überlegt, aber ich kann nicht. Ich habe dieses starke Gefühl, dass ich die Puppe der richtigen Person wiedergeben muss.“ „Und wer wäre das?“ „Ich weiß es nicht.“ „Weißt du was? Das ist wirklich unheimlich.“ Marta trank einen Schluck von ihrer Limonade und trommelte mit den Fin19


gern auf dem Tisch. „Es ist wie bei einem dieser Science-Fiction-Filme spätabends, die man als Teenie geguckt hat und von denen man wochenlang Albträume hatte. Ich glaube, ich lasse heute Nacht das Licht brennen.“ Rachel verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht auch noch beunruhigen. Um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft, du könntest Joe nach seiner Meinung fragen. Ich dachte, die Polizei könnte sich vielleicht dafür interessieren.“ Marta schnitt eine Grimasse. „Ich frage ihn, wenn du willst. Aber ich habe von ihm im Laufe der Jahre ein paar Geschichten über Leute gehört, die auf der Wache erschienen sind, behauptet haben, sie wären ein Medium, und der Polizei ihre Hilfe bei der Aufklärung eines Verbrechens angeboten haben.“ „Ich behaupte ja gar nicht, dass ich ein Medium bin. Ich glaube noch nicht einmal an all das Zeug. Und offen gestanden kann ich kaum fassen, dass wir uns überhaupt darüber unterhalten.“ Rachel schob sich ihre schulterlangen Haare hinter die Ohren und rückte die Brille auf ihrer Nase zurecht. Marta legte den Kopf schief. „Die Sache hat dich ganz schön mitgenommen, oder?“ „Irgendwie schon.“ Rachel massierte ihre Schläfen und kehrte zum Tisch zurück. Während sie ihr beinahe unangetastetes Sandwich wieder einpackte, merkte sie, dass ihre Hände zitterten. Ein kurzer Blick verriet ihr, dass Marta es auch bemerkt hatte. Hastig ließ sie das Sandwich sinken und schob die Hände in ihre Hosentaschen. „Also gut, Rachel.“ Marta knüllte ihr Sandwichpapier zu einer festen Kugel zusammen. „Lass mich mit Joe reden. Ich kann dafür bürgen, dass du nicht verrückt bist – oder es jedenfalls bis vor ein paar Wochen noch nicht warst. Ich habe dich noch nie so gestresst gesehen. Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“ „Ja, alles ist bestens. Ich habe keine Ahnung, warum ich so nervös bin.“ Rachel hörte die Verärgerung in ihrer Stimme und 20


ließ ihren Tonfall weicher klingen. „Aber ich weiß deine Fürsorge zu schätzen.“ „He ...“ Marta legte eine Hand auf ihren Arm. „Wir finden schon eine Lösung.“ Rachel spürte, wie ihr die Tränen kamen. Auch das war ein neues – und zu häufiges – Phänomen in den letzten Wochen. „Klar.“ „Vielleicht hat es irgendwas mit Hormonen zu tun.“ „Ich wünschte beinahe, es gäbe eine medizinische Erklärung dafür.“ „Vielleicht gibt es die ja auch. Mach einen Termin bei deinem Arzt. Und in der Zwischenzeit frage ich Joe, was er davon hält. Heute Abend steht unser allmonatliches Abendessen ohne Kinder auf dem Programm, dann habe ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich erzähle dir morgen, was er gesagt hat, in Ordnung?“ „Ja, danke. Und hör mal … ihr erzählt doch niemandem davon, oder?“ „Natürlich nicht. Ich kann meinen Mund halten, wenn es nötig ist, und Joe schweigt wie ein Grab. Nur eins noch … lass die Finger von der Puppe, bis wir Joes Meinung kennen, ja?“ *** Claudia Barnes liebte die Suppe im Le Bistro. Der Koch konnte wirklich mit Pilzen umgehen, keine Frage. Und die Nachspeisen waren einfach himmlisch, trotz der Löcher, die sie in ihr Journalistengehalt rissen. Aber heute Abend war die Unterhaltung des Pärchens am Nachbartisch sogar noch besser als das Essen. Claudia zog ihr Notizbuch heraus und schlug eine leere Seite auf. Dann lauschte sie mit dem Stift in der Hand. „Sag ihr, sie soll es vergessen“, sagte die Männerstimme. „Aber die Sache hat sie wirklich mitgenommen, Joe.“ Jetzt sprach die Frau. „Und Rachel ist niemand, der sonst auf so über21


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