Skip to main content

331727

Page 1

Janita  Pauliks

Alles steht Kopf !


1

Ferienüberraschung „Hm, da hast du mir ja nicht zu viel versprochen!“, seufzte Emma glücklich und deutete auf den riesigen Erdbeerbecher, der vor ihr auf dem Tisch stand. „Der ist ja megalecker!“ „Sag ich doch“, bestätigte Nele, die mal wieder alle Augen in der Eisdiele auf sich zog mit ihrem extravaganten Outfit: grüne Gummistiefel und ein schrulliger Försterhut auf dem Kopf. Sie schob sich genüsslich eine Ladung Schokoeis in den Mund. Emma konnte es noch gar nicht richtig glauben: Noch vor einem Jahr hätte sie sich niemals vorstellen können, dass sie es länger als einen halben Tag auf dem Land aushielt … Doch in diesem Jahr war eine Menge passiert. Sie hatte zu ihrem Glück sofort am

7


ersten Tag ihres Umzugs in das Nirgendwo Nele kennengelernt, die ihr gezeigt hatte, wie viel Spaß es machen kann, sich in der Natur herumzudrücken. Wieder steckte Emma einen vollbeladenen Löffel Erdbeereis in ihren Mund und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, weil Nele, die sich scheinbar zu viel Eis in den Mund geschaufelt hatte, ihr Gesicht zu einer witzigen Grimasse verzog, sodass ihre Sommersprossen über ihr Gesicht tanzten. „Kalt!“, fauchte sie und hielt sich ihre Hand vor den Mund. Emma kicherte und schüttelte ihren Kopf. Der grüne Wichtel, der ihr gegenübersaß, war nur schwer als Mädchen zu erkennen. Die kurzen blonden Locken und das freche Gesicht erinnerten eher an einen Jungen. „Gut, dass ich mit dir gewettet habe“, murmelte Nele, die sich vorsichtig wieder dem Schokoeisbecher näherte, der vor ihr stand. Die Wette! Emma musste schmunzeln und erinnerte sich an den Tag, an dem sie Nele versichert hatte, dass sie sich niemals in ihrem ganzen Leben auf so ein riesiges Ungeheuer setzten würde, das sich „Pferd“ nannte. Schließlich hatte sie damals eine wahnsinnige Angst vor den Vierbeinern gehabt – und das mit einem Pferdehof in nächster Nachbarschaft! Wie habe ich eigentlich meine panische Angst verloren? Emma rührte mit dem Löffel in ihrem Eisbecher herum. Gott

8


hat mir die Kraft dazu gegeben und Nele konnte einfach kein Nein akzeptieren, ging es ihr durch den Kopf. Und jetzt besaß sie sogar ein eigenes Pferd: Windhauch, den schönsten Fuchs, der auf der Erde herumlief. Emma konnte sich ein breites Lächeln nicht verkneifen und ihr Herz schlug plötzlich kräftiger in ihrer Brust. Ja, diese Wette hatte sie gerne verloren. Was würde ihr entgehen, wenn es Nele nicht geschafft hätte, sie davon zu überzeugen, was für wundervolle Tiere diese eleganten Vierbeiner waren? Emma sah auf und erblickte – das enttäuschte Gesicht ihrer Freundin. „Keine Ahnung warum, aber das Eis hat sich in Luft aufgelöst“, schnaufte Nele, nahm ihren Hut von den verschwitzen Locken und wedelte sich damit Luft in ihr Gesicht. „Irgendwie deprimierend.“ Emma schüttelte ungläubig den Kopf und schob den Rest ihres Erdbeerbechers über den Tisch vor ihre Freundin, die freudig ihre Augen aufriss. „Das wäre doch nicht nötig gewesen“, sagte sie und schob sich umgehend eine Ladung Eis in den Mund. „Ist schon gut für mich, dass ihr Stadtmädchen immer so auf eine gute Figur bedacht seid“, mampfte sie mit vollem Mund. Emma stupste ihrer Freundin den Försterhut in die Stirn und musste lachen. So ein unverschämtes Landei, dachte sie kopfschüttelnd. Nachdem Nele beide Eisbecher geleert hatte und Emma beim Kellner bezahlt

9


hatte, setzten sich die beiden Mädchen auf ihre Drahtesel und fuhren auf dem holprigen Fahrradweg am Fluss entlang Richtung Heimat. Vor ihnen lagen die weiten Wiesen des Gutes, auf denen einige Pferde standen. Das Gestüt lag ein wenig erhöht direkt vor ihnen. Emma freute sich darauf, später am Nachmittag noch mit Windhauch auszureiten. „Wollen wir nachher zu unserem Lieblingsplatz im Wald?“, fragte Emma Nele, die sich gerade mal wieder mit ihrem Försterhut Luft zufächelte. „Ja, gerne“, sagte Nele, „ich hab nur meiner Mutter versprochen, ihr gleich erst mal mit den Hühnern zu helfen. Flügel stutzen.“ Sie verdrehte genervt ihre Augen, widmete sich wieder ihrem Hut und wedelte ihn vor ihrem roten Gesicht hin und her. „Ich weiß gar nicht, wie du das ohne einen Hut aushältst. Du kannst dir ja gar keine Luft zufächern.“ „Na, ohne dieses warme Ding auf meinem Kopf schwitze ich erst gar nicht, Schlaumeier!“, sagte Emma und wurde dafür mit einem bösen Blick von Nele bestraft, die etwas von Vorteilen eines Hutes bei starker Sonneneinstrahlung in ihren nicht vorhandenen Bart nuschelte. Als die beiden hinter dem Reitergut an der Schotterweggabelung ankamen, die in die eine Richtung zu Neles und in die andere Richtung zu Emmas Haus führte, winkten sie sich kurz zu und fuhren zu ihren jeweiligen Elternhäusern. Vor dem Haus von Emmas

10


Eltern standen einige Autos. Emma lächelte stolz. Wer hätte gedacht, dass die Pension ihrer Mutter so gut laufen würde, dass alle Zimmer ständig belegt waren? Sie stellte ihr Fahrrad unter den Carport und schlug im Vorbeigehen an das Metallschild, auf dem Belegt stand, dann rannte sie die Stufen hoch und drückte auf den Klingelknopf. Sofort hallte durch das Haus ein nerviges „Kuckuck“. Emma zog ihre Stirn in Falten. Dieser blöde Klingelton ging ihr schon auf die Nerven, seitdem sie hier wohnten. Kurz darauf öffnete ihre Mutter die Tür und begrüßte Emma mit einer Umarmung. „Und? Wie war dein Ausflug in die Eisdiele?“, fragte sie und blickte Emma liebevoll an. „Ich war froh, dass ich schon ein bisschen was von meinem Eis gegessen hatte, bevor sich meine hungrige Freundin darauf gestürzt hat.“ Emma legte ihre Stirn in Falten und trat ins Haus. „Du armes Kind!“, lachte ihre Mutter und wuschelte ihr durch die Haare. „Wir haben noch genug von meinem selbstgebackenen Apfelkuchen da. Anscheinend waren alle noch so gesättigt von meinem Hasenbraten heute Mittag, dass kaum etwas vom Kuchen gegessen wurde.“ „Wen wundert es?“, gab Emma zurück. „So wie du hier alle mästest, müssen die Gäste nach ihrem Urlaub erst einmal eine Abmagerungskur machen.“ Sie bewunderte ihre Mutter, die mit völliger Hingabe ihre

11


Gäste versorgte. Eigentlich ist es kein Wunder, dass die Pension so gut läuft. Genüsslich schob sich Emma ein Stück von dem leckeren Apfelkuchen ihrer Mutter in den Mund und starrte auf den kleinen See, der sich hinter ihrem Haus befand. Tausende von Insekten schienen auf der glitzernden Wasseroberfläche zu tanzen. „Was hast du dir für die Sommerferien vorgenommen?“, fragte ihre Mutter, die neben ihr auf der Bank saß und ihre Füße der Sonne entgegenstreckte. Stimmt ja, es sind Ferien! Der erste Ferientag!, dachte Emma und hüpfte innerlich vor Freude. Sie wandte ihren Kopf in Richtung Sonne, schloss die Augen und antwortete ihrer Mutter: „Reiten, reiten, reiten und nochmals reiten.“ „Das hört sich ja sehr abwechslungsreich an.“ Ihre Mutter lachte und stupste Emma in die Seite, die hochschrak und dabei fast ihre Limonade verschüttet hätte. „Lulu hat übrigens vor einer Stunde angerufen“, sagte Emmas Mutter und kratzte sich am Kopf, „sonst schreibt ihr euch doch nur Nachrichten, oder?“ Sie schaute ihre Tochter fragend an, die nachdenklich nickte. Seit wann benutzte ihre Freundin Lulu das Festnetz? Das sah ihr gar nicht ähnlich, die alles völlig altertümlich fand, was nicht wie ein Smartphone oder ein Tablet aussah. Emma sprang auf und lief ins Haus.

12


Einige Minuten später trat sie wieder auf die Terrasse und rief: „Geheimnis gelüftet!“ Sie machte eine kleine Verbeugung und schwang elegant ihren Arm nach vorne, als zöge sie ein Kaninchen aus einem Zylinder. Damit hatte sie sofort die volle Aufmerksamkeit ihrer Mutter. „Sie fragt, ob sie mich mal in den Ferien besuchen kann“, erklärte Emma. „Oh, wie schön! Das hört sich doch richtig gut an“, freute sich ihre Mutter. „Vielleicht hat sie ja auch mal Lust, bei uns zu übernachten.“ „Naja, genau das ist ihre Frage“, meinte Emma und strich sich eine braune Haarsträhne aus ihrem schmalen, sonnengebräunten Gesicht. „Das ist ja wunderbar! Dann habt ihr seit Langem mal wieder ein bisschen Zeit zusammen – ihr habt euch doch seit unserem Umzug im letzten Sommer nicht mehr gesehen. Wie lange kann sie denn bleiben?“, fragte ihre Mutter fröhlich. „Sie fragt, ob sie in den letzten zwei Ferienwochen kommen kann“, bemerkte Emma und verzog ihr Gesicht zu einem breiten Grinsen. Ihre Mutter keuchte erschrocken, da sie sich fast an ihrem heißen Kaffee verschluckt hätte. „Was? Zwei Wochen?“ Emma zog ihre Schultern nach oben und zog eine Grimasse wie ein abgerichtetes Erdmännchen. „Puh – das ist länger, als ich vermutet hatte“, stöhnte ihre Mutter.

13


„Lulus Vater und ihre Mutter sind gemeinsam auf einer Geschäftsreise ihrer Firma und so droht Lulu ein zweiwöchiger Besuch bei ihrer altmodischen, überbesorgten Oma.“ Beim zweiten Teil des Satzes imitierte Emma Lulus Stimme perfekt. „Sie ist wirklich verzweifelt“, meinte sie dann. „Wie es sich angehört hat, bin ich so ziemlich ihre einzige Chance, der Oma zu entgehen. Alle anderen Freundinnen haben sie schon abgewimmelt. Wenn Lulu freiwillig für zwei Wochen hier zu uns in die Pampa möchte, muss ihre Lage ziemlich hoffnungslos aussehen.“ „Zwei Wochen“, seufzte Emmas Mutter und nahm noch einen großen Schluck aus ihrem Kaffeepott. „Na, meinetwegen! Wenn sie in deinem Zimmer schläft, soll es mir recht sein.“ Sie zog die Schultern hoch und hob ihre Hände, als würde sie sich ergeben. „Danke, Mami!“, rief Emma begeistert und umarmte ihre Mutter, bevor sie wieder ins Haus rannte.

14


2

Das jaulende Gebüsch Emma genoss den Lufthauch, der durch ihre Haare wehte, während sie mit Windhauch über den schmalen Waldweg ritt. Sie schloss für einige Sekunden die Augen und sog die klare Luft ein. Kann etwas herrlicher sein als das hier? Vögel zwitscherten und das leise Rauschen der Blätter, die sich wie ein grünes Dach über ihnen ausbreiteten, klang durch den Wald. Emma beugte sich zu Windhauch hinunter und legte ihren Kopf an seinen Hals. „Mein Prinz, du bist der Beste!“, sagte sie, richtete sich wieder im Sattel auf und strich Windhauch über sein samtenes Fell. An ihrem Lieblingsplatz im Wald, einer kleinen Lichtung, die einem Blumenmeer glich, machten die

15


Mädchen halt. Sie ließen sich ins Gras plumpsen und starrten zusammen in den blauen Himmel. „Ferien!“, stöhnte Nele erleichtert, drehte sich auf ihren Bauch und stützte ihren Kopf auf die Hände, während ihre Beine in der Luft hin und her schlenkerten. „Was gedenken wir mit dieser Freiheit anzufangen, Stadtmädchen?“ „Wer sagt denn, dass ich die Ferien mit dir verbringen will – du Landei?“ Emma rollte sich kichernd neben ihre Freundin und schubste ihr den Försterhut ins Gesicht. „Fass meinen liebsten Hut nicht an, du Freak!“, warnte Nele und schob den Hut wieder aus ihrem Gesicht. „Das werden ja langweilige Ferien für dich!“ Sie drehte sich eingeschnappt von Emma weg. „Du darfst nicht alles auf die Goldwaage legen, was ein Stadtmädchen wie ich so sagt. In der Stadt benutzt man des Öfteren auch die Ironie, um andere aufzuziehen.“ Emma legte ihre Hand auf Neles Schulter und zog sie zu sich. „Natürlich werde ich die Ferien nur mit meinem liebsten Pferd und meiner besten Freundin zusammen verbringen.“ Emma zwinkerte Nele zu, die sich sofort breit grinsend aufrichtete. „Das hab ich auch nicht anders erwartet“, sagte sie und nickte wohl wissend. „Außerdem wissen wir Landeier durchaus, was Ironie ist. Hier gibt es schließlich auch Schulen.“ Nele boxte Emma gegen ihre Schulter und lachte. „Faulenzen, ausreiten, Eis

16


essen, im Stall übernachten und soooo einen großen Fisch fangen.“ Nele riss ihre Arme auseinander und zog ihre Augenbrauen dramatisch in die Höhe. „Das mit dem Fisch musst du wohl ohne mich machen. Ich stehe nicht wirklich auf stundenlanges Herumsitzen, während ich gelangweilt eine Schnur ins Wasser halte“, meinte Emma und verzog ihr Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. „Sich vor dem Angeln zu drücken, kommt gar nicht infrage“, stellte Nele klar. „Außerdem ist es weitaus interessanter, als in der Gegend herumzusitzen und Löcher in die Luft zu starren. Allein die kleinen Maden auf den Haken zu piksen, ist schon spannend.“ Emma schüttelte sich bei diesem Gedanken angewidert. „Halt den Mund, Nele! Ich will nichts mehr von aufgespießten Maden hören!“ Sie sprang auf und drehte sich im Kreis. „Ich schließe mich dem Faulenzen und dem Ausreiten gerne an. Kann mir nichts Besseres vorstellen!“ Auch Nele sprang jetzt auf ihre Füße und tanzte wie eine Ballerina auf der Wiese herum, während sie lauthals sang: „Faul sein ist wunderschön, denn die Arbeit hat noch Zeit. Wenn die Sonne scheint und die Blumen blüh’n, ist die Welt so schön und weit …“ Emma ließ sich wieder auf die Wiese plumpsen und beobachtete den grünen Wichtel namens Nele, der mit seinen grünen Gummistiefeln und dem altmodischen Försterhut elegant über die Wiese glitt und

17


dazu völlig schräg durch die Gegend sang. Wo habe ich dieses Mädchen nur aufgegabelt? Emma hielt sich den Bauch vor Lachen. Als Nele sich einige Minuten später neben Emma ins Gras setzte, schnappte sie völlig außer Puste nach Luft. „In der Stadt könntest du damit Geld verdienen“, bemerkte Emma. „Du müsstest nur deinen schrecklichen Hut vor dich auf die Straße legen. Ein paar Leute haben selbst mit den schrägsten Typen Erbarmen.“ „Beleidige meinen schönen Hut nicht!“ Nele pflückte den Hut von ihren verschwitzen Kopf und streichelte über den grünen Filz, als hätte sie eine kleine Babykatze im Arm. „Da ist noch etwas, was ich dir sagen muss …“ Emma schaute Nele direkt an. „In den letzten zwei Ferienwochen werden wir uns auf eine weitere Person einstellen müssen. Meine Freundin Lulu kommt zu mir.“ „Lulu?“, fragte Nele. „Ist das ein Goldfisch oder ein Papagei? Wenn das ein Papagei ist, bin ich jedenfalls raus aus der Nummer, die kann ich nämlich nicht besonders leiden. Nachdem der letzte meinen Hut angesch… äh … vollgekleckert hat, reagiere ich auf diese Spezies allergisch. Ich hab einen halben Tag schrubben müssen, bis er wieder halbwegs passabel aussah!“ „Na, ob das Schrubben was gebracht hat? Ich finde, der Hut sieht aus wie der alte gammelige Försterhut

18


meines Großvaters!“, grinste Emma und wehrte den Rippenstoß, den ihr Nele verpassen wollte, mit ihren Händen ab. „Jetzt sag schon, mit wem verbringen wir die letzten zwei Ferienwochen?“, fragte Nele neugierig. „Lulu ist eine Freundin von mir aus der Stadt“, erklärte Emma. „Echt jetzt?“ Nele riss die Augen auf. „Ich dachte, Lulu wäre ein Tiername … Ein waschechtes Stadtmädchen ist mir aber tausendmal lieber als ein Papagei. Da brauche ich wenigstens nicht zu befürchten, dass sie mir auf den Hut macht.“ Sie lachte und schlug sich auf die Oberschenkel. „Und ich dachte, wir müssen auf irgend so ein lästiges Tier aufpassen“, kicherte sie fröhlich. „Stadtmädchen sind kein Problem für mich!“ Erleichtert über die Reaktion ihrer Freundin legte Emma sich ins Gras. „Dann findest du das nicht schlimm?“, fragte sie. „Nein, nicht die Bohne. Zu dritt angelt man viel mehr Fische.“ Nele grinste breit über ihr Gesicht, sodass sich ihre Sommersprossen lustig verschoben. Emma musste schmunzeln. Nele war echt klasse. Auch wenn sie so anders war als sie selber, hatte sie sie mittlerweile furchtbar liebgewonnen. Gerade heute Morgen hatte Emma in ihrer Bibel einen Vers gelesen, bei dem sie sofort an Nele gedacht hatte: „Wie man Eisen durch Eisen schleift, so schleift ein Mensch

19


den Charakter eines anderen.“ Genauso war das mit Nele und ihr – wahrscheinlich machte das eine echte Freundschaft aus, überlegte Emma. Sie setzte sich auf und zwinkerte Nele zu. „Du bist echt der Hammer!“, freute sich Emma. „Ich weiß gar nicht, was ich ohne dich gemacht habe!“ Gerade als Emma das gesagt hatte, hörte sie ein wohlbekanntes Schnauben. Sie stand auf, ging zu Windhauch und fuhr dem wunderschönen Fuchs über das Fell. „Wie ich ohne dich leben konnte, ist noch ein größeres Rätsel, mein Großer!“, flüsterte sie ihm zu. „Ich bin wahnsinnig froh, dass du den Unfall gut überstanden hast.“ Sanft strich sie Windhauch vom Hals über den Rücken bis zum hinteren Sprunggelenk. Sie musste daran denken, wie schlimm Windhauch nach seinem Unfall mit dem Pferdewagen ausgesehen hatte und wie sehr sie um ihn gebangt hatte. Emma schmiegte sich an Windhauch und dankte in ihrem Herzen Gott, dass er das wundervolle Pferd bewahrt hatte. Selbst das erblindete Auge schien Windhauch keine großen Probleme zu bereiten. Tim hatte ihn so gut trainiert, dass Windhauch sich sehr schnell mit seiner neuen Situation arrangiert hatte. Emma seufzte leise, als sie an Tim dachte. Sie vermisste ihn ein wenig. Seitdem das Pferd, das er trainierte – Olymp –, wieder in seinen eigenen Stallungen war, kam er nur noch sehr selten auf das Reitergut.

20


„So, jetzt reicht es aber mit euch beiden“, sagte Nele, die mit ihrem Pony Jimmy auf Emma und Windhauch zukam. „Ich würde vorschlagen, dass wir die Fliege machen. Bis unsere beiden Vierbeiner wieder gestriegelt im Stall stehen, dauert es noch ein bisschen.“ Emma nickte und wollte sich gerade auf Windhauch schwingen, als sie einen jämmerlichen Laut aus dem Unterholz hörte. „Hast du das gehört?“, fragte sie Nele erschrocken. „Ich bin doch nicht taub“, erwiderte sie und ging mit Jimmy am Führstrick in die Richtung, aus der der Laut gekommen war. „Vorsichtig!“, hauchte Emma ängstlich, „es soll wieder Wölfe in unseren Wäldern geben.“ Nele schüttelte den Kopf und hielt sich den Zeigefinger vor den Mund. „Da!“ Wieder hallte der gleiche erbärmliche Laut über die Lichtung. Nele ging erneut ein paar Schritte in die Richtung, aus der der Laut gekommen war. Sie ließ Jimmy los, gab ihm zu verstehen, an diesem Platz auf sie zu warten, und schlich auf ein Gebüsch zu. „Nele!“, flüsterte Emma wieder und hielt sich die Hand vor den Mund, als ihre Freundin ihr einen bösen Blick zuwarf. Ihr Herz raste im wilden Galopp in ihrer Brust und für Sekunden hielt sie den Atem an. Nele beugte sich über das Gebüsch und fing an, ruhig zu dem Gebüsch zu sprechen. Verwirrt riss Emma ihre

21


Augen auf und wagte sich ein paar Schritte in Neles Richtung. Nach einigen Augenblicken zog Nele ein kleines braunes Bündel aus dem Gebüsch und drehte sich damit zu Emma um. Mit beiden Händen hielt sie es Emma unter die Nase und sagte: „Angsteinflößend dein böser Wolf, was?“ Emma, die sich nun ein wenig blöd vorkam, zuckte mit den Schultern. „Möglich wäre es gewesen“, sagte sie etwas kleinlaut und beugte sich über den kleinen, samtigen Hundewelpen, der neugierig seine Schnauze reckte. „Wie niedlich ist der denn?!“, flüsterte sie und streichelte ihm vorsichtig über den Rücken. „Niedlich und hilfsbedürftig“, sagte Nele. „Ich glaube, es ist das Beste, wenn wir ihn so schnell wie möglich zum Tierarzt bringen.“ Nele deutete auf die Pferde. Im nächsten Moment hatte sie sich bereits auf Jimmys Rücken geschwungen, den Welpen immer noch im Arm, und ritt vorsichtig los. Emma folgte ihr, immer noch überwältigt von ihren Gefühlen. „Woher wusstest du so sicher, dass dir keine Gefahr droht?“, fragte sie nach einer Weile. „Da hätten sich unsere beiden Vierbeiner nicht so ruhig verhalten, Emma. Pferde sind Fluchttiere und können ihre Umwelt um einiges besser wahrnehmen als wir, zumindest, was die natürliche Umgebung be-

22


trifft. Hätte hinter dem Gebüsch Gefahr gelauert, wären die beiden hier niemals so ruhig neben uns stehen geblieben.“ „Das hättest du mir auch mal eher sagen können. Ich hab mir fast in die Hose gemacht“, jammerte Emma. „Zum Glück ist meine Blase robuster als deine.“ So schnell und vorsichtig wie möglich ritten die beiden aus dem Wald heraus in Richtung Reitergut.

23


3

Dackelglück „Hast du eine Ahnung, wie spät es ist?“, fragte Emma. Nele schaute in Richtung Sonne und presste die Lippen aufeinander. „Es müsste so neunzehn, hm, vielleicht neunzehn Uhr fünfzehn sein, plus-minus fünf Minuten.“ Emma war immer wieder überrascht, wie gut sich Nele in der Natur zurechtfand. „Vielleicht haben wir Glück und Dr. Laubbauer ist gerade bei La Bella“, überlegte Emma, „eigentlich schaut er jeden Abend nach ihr.“ „Du hast recht! Vielleicht ist er sogar auf dem Reitergut“, sagte Nele. Als sie am Reitergut ankamen, schlug das Herz der

24


beiden Mädchen höher. Tatsächlich stand Dr. Laubbauers Jeep vor den Ställen. „Wir haben Glück, kleiner Wolf“, sagte Nele erleichtert und stieg vorsichtig mit dem Bündel unter ihrem Arm von Jimmy ab. Auch Emma brachte Windhauch zum Stehen und stieg ab. „Du gehst schon mal vor“, schlug sie Nele vor. „Ich binde die beiden an und komm dann nach.“ Als Emma den Stall betrat, sah sie, dass sich Dr. Laubbauer schon um das kleine, niedliche Bündel kümmerte. Nele hatte den Welpen auf einen Strohballen gelegt, über den sich der Doktor beugte. „Und?“, fragte Emma, als sie die beiden erreicht hatte. „Ich glaube, eurem Findelkind geht es soweit ganz gut“, meinte der Doktor, ohne aufzuschauen. „Wenn ihr ihn gut füttert, dürfte er ein kräftiger kleiner Dackel werden.“ „Ein Dackel?“, fragten Emma und Nele wie aus einem Mund. „Wenn ihr geklärt habt, wer diesen süßen kleinen Kerl mit nach Hause nimmt, gebe ich ihn zurück in eure Obhut. Während er dort in sicheren Händen ist, höre ich mich mal um, ob jemandem so ein kleiner niedlicher Kerl entwischt ist.“ Der Tierarzt schaute von Nele zu Emma. Die Mädchen blickten sich verunsichert an. „Ich bin raus!“, sagte Nele und streckte ihre Hände hilflos in

25


die Höhe. „Ein Hund reicht, das ist die Devise meiner Mutter.“ Emma riss die Augen auf. „Du glaubst doch wohl nicht …“ Verwirrt starrte sie ihre Freundin an. „Ich meine, meine Mutter hat schon genug zu tun mit den Gästen, um die sie sich kümmern muss … Sie würde mir nie erlauben ...“ Verunsichert schaute Emma Dr. Laubbauer flehend an, der jedoch nur mit seinen Schultern zuckte. Nele trat von einem Fuß auf den anderen. „Meinst du, uns bleibt eine andere Möglichkeit?“, fragte sie herausfordernd. „Aber heute hab ich Mama gerade meine Freundin Lulu für zwei Wochen untergejubelt, da kann ich doch nicht ein paar Stunden später mit einem Dackel ankommen.“ Emmas Blick fiel auf den kleinen Kerl auf dem Strohballen und ihr Herz zog sich zusammen. „Na gut“, flüsterte sie, „ich versuche es.“ „Ich wusste es!“, jubelte Nele und nahm Emma in die Arme. „Wir haben einen Dackel“, sang sie und tanzte mit Emma herum, die immer noch ziemlich durcheinander war. „Ich schreibe dir einige Sachen auf, die ihr beachten müsst, um den kleinen Kerl auf die Beine zu kriegen. Wenn ihr noch Fragen habt, könnt ihr mich jederzeit anrufen.“ Der Tierarzt kritzelte ein paar Zeilen auf einen Zettel, angelte eine Tüte mit weißem Pulver aus seiner Tasche, drückte beides Emma mit einem Kopf-

26


nicken in die Hand und verschwand in der Box von La Bella. „Weißt du was, Emma?“, rief Nele, immer noch völlig enthusiastisch. „Ich übernehme die großen Vierbeiner und du kümmerst dich um unseren Wolf.“ Sie zwinkerte Emma zu, die ein wenig verzagt auf das kleine Bündel herunterschaute. „Wer hat jetzt von uns beiden die größere Arbeit?“, fragte Emma und verzog ihr Gesicht. „Na, das bin dann wohl ich, Frau Hundebesitzerin“, lachte Nele, stupste ihre Freundin an und lief schnurstracks aus dem Stall. „Na super!“, murmelte Emma und nahm das kleine süße Bündel auf ihren Arm. „Mama wird einen Freudentanz aufführen.“ *** Als Emma den Klingelknopf gedrückt hatte, musste sie schlucken. Wie würden ihre Eltern auf den kleinen Kerl in ihrem Arm reagieren? Schneller als Emma lieb war, wurde die Tür geöffnet und ihr Vater streckte den Kopf heraus. „Wir kaufen nichts!“, meinte er lachend. „Den gibt es auch ganz umsonst“, flüsterte Emma und deutete auf das Bündel in ihren Armen. Ihr Vater hielt inne und starrte auf den Welpen. „Na, das erkläre mal deiner Mutter“, schnaufte er.

27


„Das Pferd wohnt ja nicht bei uns im Haus, aber der Wuschel da wird wohl kaum im Pferdestall unterkommen …“ Betreten folgte Emma ihrem Vater ins Haus. Als sie in die Küche trat, kam ihr auch schon ihre Mutter entgegen. „Warum kommst du so spät, junge Dame?“, fragte sie Emma streng. Sie wollte sie gerade umarmen, als sie das Bündel in Emmas Händen sah. „Was ist das?“, fragte sie entsetzt. „Doch nicht etwa das, was ich denke, oder?“ Ihre Mutter sah Emma fassungslos an. „Nein, bestimmt nicht“, meinte sie verlegen. „Es ist ein Dackel.“ „Ein Dackel?“ Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Nein, Emma, das ist zu viel. Erst ein Pferd, jetzt ein Dackel, übermorgen ein spuckendes Lama … Das ist eine Pension für Menschen – keine Tierpension!“ Ohne ein weiteres Wort marschierte Emmas Mutter wütend aus der Küche und Emma blieb zerknirscht mit ihrem Vater zurück. „Was hast du denn gedacht?“, fragte er trocken. „Ich glaube, ich hab’ schon damit gerechnet“, seufzte Emma traurig, „aber was sollte ich denn machen? Wir haben den Kleinen im Wald gefunden und Nele hat schon einen Hund.“ Sie sah ihren Vater mit traurigen Augen an und jammerte: „Ich hatte keine Wahl!“ Liebevoll tröstend nahm ihr Vater sie in den Arm.

28


„Pass mal auf!“, meinte er nach einer Weile. „Du machst dich jetzt mal auf die Suche nach etwas, in dem der kleine Kerl seine Nacht verbringen kann, und ich rede mit deiner Mutter.“ Emma atmete erleichtert auf und gab ihrem Vater einen Kuss auf die Wange. „Danke!“, sagte sie und verschwand aus der Küche. Als sie mit einem passenden Karton aus der Garage ins Haus zurückkehrte, wurde sie schon von ihren Eltern erwartet. „Okay, meine Dame, unter diesen besonderen Umständen gewähren wir deinem Dackel für ein paar Tage Asyl in unserem Haus. Aber nur, bis wir seinen Besitzer beziehungsweise ein neues Zuhause für ihn gefunden haben.“ Emmas Mutter lehnte sich gegen den Türrahmen. „Du musst mir versprechen, dass du und deine Freundin Nele alles Menschenmögliche tut, um diesem Dackel ein Zuhause zu verschaffen. Dazu gehören Bilder an Bäume, Anzeigen im Supermarkt und und und.“ „Versprochen!“ Emma streckte eine Hand nach oben und legte die andere auf ihren Brustkorb. „Bis dahin müssen wir uns wohl oder übel einen Namen für den Winzling ausdenken“, überlegte ihre Mutter und rieb sich nachdenklich mit der Hand über das Kinn. In diesem Moment klingelte es an der Tür. Als ihr Vater die Tür öffnete, hörte Emma vertraute Schritte.

29


Nele trat in die Küche. „Und, wie geht es unserem kleinen Wolf ?“ „Wolf“, sagte Emma begeistert, „wir nennen ihn Wolf!“ „Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“, fragte ihr Vater, der inzwischen in der Küche vor dem Karton kniete, in den Emma den kleinen Welpen gemütlich hineingebettet hatte. „Sonderbarer Name für einen Dackel“, stellte Emmas Mutter fest, „aber da er bei seinem neuen oder alten Herrchen sowieso einen neuen Namen bekommt, ist es ja eigentlich egal, oder?!“ „Okay, damit ist es beschlossen“, sagte Nele feierlich. „Du sollst Wolf heißen, kleiner Kerl.“ Sie streichelte über sein Fell und grinste in die Runde. *** Im Halbschlaf öffnete Emma ihre Augen einen Spalt. Was ist das für ein seltsames Geräusch? Nachdem sie sich ein bisschen an das helle Licht, das in ihr Zimmer schien, gewöhnt hatte, blinzelte sie suchend durch ihr Zimmer. Ihr Blick blieb an dem großen Karton hängen, in den sie gestern den kleinen „Wolf“ gebettet hatte. „Guten Morgen, kleiner Kerl“, sagte Emma und streckte gähnend ihre Arme in die Höhe, „hast du schön geschlafen?“

30


Sie schob die warme Decke zur Seite und stapfte mit nackten Füßen zum Karton. „Ihhh!“, entfuhr es ihr, als sie einen Blick in den Karton warf. „Hättest du damit nicht warten können, du kleiner Stinker?“ Emma sprang schnell in ihre Anziehsachen und schleppte den Karton in die Garage. Dort griff sie Wolf und platzierte ihn in einen Plastikkorb ihrer Mutter. „Du musst dir das ganz schnell abgewöhnen, kleiner Mann, sonst landest du schneller wieder in dem Gebüsch, als dir lieb ist“, tadelte sie den Welpen, während sie seine Kiste säuberte. „Mit wem redest du da?“ Emmas Mutter streckte fragend ihren Kopf durch die Garagentür. „Na, mit unserem vierbeinigen Pensionsbesucher“, sagte Emma und versuchte, so unschuldig wie möglich aus der Wäsche zu schauen. Ihre Mutter nickte „Wenn du gleich gefrühstückt hast, holst du Nele und ihr fangt damit an, die Wer-möchte-kleinen-süßen-Dackelwelpen-geschenkt-haben-Schilder und Plakate zu basteln. Ich hab hier schon mehr als genug mit meinen zweibeinigen Gästen zu tun. Die machen gleich übrigens einen Museumsausflug zusammen, dann komm ich endlich mal dazu, die Fenster zu putzen.“ Ihre Mutter rieb sich über die Stirn und zwinkerte Emma zu. „Wenn du mit den Hundeplakaten fertig bist, könnten wir uns vielleicht nach langer Zeit mal wieder einen Mutter-Tochter-Nachmittag

31


gönnen.“ Sie lächelte. „Wir können bummeln gehen, was meinst du?“ „Wunderbar!“, freute sich Emma. „Ich sehe zu, dass ich die Plakataktion schnell hinter mich bringe, dann drücke ich Nele den kleinen Wolf für den Nachmittag aufs Auge.“ „Ich freue mich“, lachte ihre Mutter und verabschiedete sich mit Kusshand.

32


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook