Debora Sommer
Schmetterling
Einführung Es wird Zeit, dass wir ehrlich werden und unsere Masken ablegen. Lesungen zu meinem Buch einzigartig haben mir dies auf unmissverständliche Weise vor Augen geführt. Es wird Zeit, dass wir aufhören, uns gegenseitig vorzugaukeln, das Leben sei ein Kinderspiel, dass wir alles im Griff hätten und alles in bester Ordnung sei. Es wird Zeit, dass wir uns und anderen eingestehen, dass das Leben nicht immer einfach ist. Dass wir längst nicht alles im Griff haben. Dass schmerzhafte Gefühle, Grenzen, Schwächen, Schwierigkeiten, Verletzlichkeit, Trauer, Versagen, Ängste und vieles mehr Teil unserer Lebensreise sind. Einer
Reise, die unserem Leben Tiefgang und Reife gibt, wenn wir bereit sind, uns den inneren Abgründen zu stellen und Heilung zu empfangen. Wenn wir uns trotz allem, was wir nicht verstehen, vertrauensvoll an den lebendigen Gott klammern. Wenn wir uns mitten in der Dunkelheit auf seine Versprechen berufen. Zum Beispiel darauf, dass er uns liebt und dass er es gut meint mit uns – selbst, wenn wir nichts davon spüren. Dass er da ist – mitten in unserem Schmerz. Mitten in unserer Trauer. Dass er uns auffängt, wenn wir fallen. Dass er mitten im Zerbruch auf geheimnisvolle Weise Wunder-volles wirken kann.
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In den vergangenen Jahren habe ich selbst einige schmerzvolle Erfahrungen durchlebt. Unter anderem eine chronische Schmerzsituation, die mich in vielerlei Hinsicht an meine Grenzen gebracht hat. Während dieser Grenzerfahrung wurde die Verwandlung der Raupe zum Schmetterling für mich auf besondere Weise zu einem Symbol der Hoffnung. Und genau diese Hoffnung möchte ich in diesem Bildband mit Ihnen teilen.
uns: Der Weg der Verwandlung führt auch im menschlichen Leben oft durch Zeiten der Dunkelheit und Einsamkeit. Mit meinen Texten möchte ich Sie ermutigen, dass Sie sich dem Prozess der Verwandlung in Ihrem eigenen Leben stellen. Im Vertrauen darauf, dass am Ende der Reise nicht die Dunkelheit und der Schmerz stehen, sondern ein verändertes Wesen – so einzigartig wie ein Schmetterling!
Damit eine Raupe zum Schmetterling wird, muss sie sich dem Auflösungs- und Umwandlungsprozess in der Puppe stellen. Ähnliches gilt im übertragenen Sinne für
Debora Sommer Strengelbach (Schweiz), im November 2017
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Im Verborgenen Schon als ich im Verborgenen Gestalt annahm, unsichtbar noch, kunstvoll gebildet im Leib meiner Mutter, da war ich dir dennoch nicht verborgen. Psalm 139,15–16 (NGÜ)
Im Verborgenen Im Dunkeln schlummern die Möglichkeiten wächst das Wunder des Lebens der Verwandlung Im Loslassen Im Zerbruch wachse ich von einer Haut finde ich zu meiner zur nächsten einzigartigen Gestalt
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Ich bin hungrig Manchmal fühle ich mich wie eine kleine unscheinbare Raupe: Unbedeutend, unsichtbar, ungeliebt, einsam und unendlich hungrig.
ich bin hungrig nach liebe nach leben nach bedeutung nach aufmerksamkeit
ich wachse von einer haut zur nächsten und stoße an meine grenzen ich esse – und werde doch nicht satt ich verändere mich – aber keiner bemerkt es
ich suche nach antworten nach identität nach lebenssinn nach orientierung
ich frage ist da einer der mich sieht? der meine sehnsucht kennt und meinen lebenshunger stillen kann?
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Mehr vom Leben Ein Raupenleben mag durchaus seine Annehmlichkeiten haben. Man könnte sich sogar damit abfinden – mit einem Leben in diesem eingeschränkten Horizont. Doch die Raupe ist zu viel mehr bestimmt: Sie trägt Flügel in sich! In ihr ist bereits alles angelegt, was sie für die Verwandlung zum Schmetterling braucht. Wieso sollte ich mich mit weniger zufriedengeben, als wozu ich vom Schöpfer bestimmt bin?
Ich will mehr vom Leben die leise Stimme der Sehnsucht nähren allen Grenzen und jeder Monotonie zum Trotz Ich strecke mich aus zum Himmel breche auf zum Horizont trotze mutig den Stürmen des Lebens
Auf dass der winzige Same der Sehnsucht zu einem Baum der Hoffnung wächst dessen Früchte des Glaubens mich stärken Meinem Kleinmut wachsen Flügel Ich wohne in der Schatzkammer Gottes und trage die Ewigkeit im Herzen
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verpuppt Am Beispiel des Schmetterlings erkenne ich, dass Wachstum Phasen des Rückzugs voraussetzt: Die Verwandlung zum Schmetterling vollzieht sich in der Abgeschiedenheit der Puppe! Ohne diesen schützenden Raum wäre eine Metamorphose nicht möglich. Auch im menschlichen Leben sind Rückzug und Wachstum voneinander abhängig. Manchmal stoße ich in meinem Leben schleichend und fast unmerklich an meine Grenzen. Mein Wachstumsprozess stockt. Fragen erfordern Antworten. Probleme verlangen nach Lösungen. Ich muss Entscheidungen treffen und Weichen stellen. Meine Seele braucht einen Schutzraum. Ich muss in mich gehen. Brauche Zeit und Klarheit.
Doch manchmal bleibt mir gar keine Wahl – mein Leben wird ohne Vorwarnung auf den Kopf gestellt. Durch eine Erkrankung. Beziehungsprobleme. Finanzielle Nöte. Einen Todesfall oder andere schlimme Ereignisse. Dunkelheit und Schmerz ergreifen Besitz von mir. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Abgründe tun sich auf. Es ist, als ob mein Fuß ins Leere tritt. Ich befinde mich in einem Ausnahmezustand. Der Schutzraum wird zur Feuerprobe. Ich muss mich dem inneren Gefühlschaos stellen und mich hindurchkämpfen. Muss loslassen. Zulassen. Abwarten. Nur so kann Altes verarbeitet werden und Neues in mir Gestalt gewinnen.
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Es ist Abschiedszeit feines Gespinst umschließt mich erbarmungslos hüllt es mich ein verhüllt meine Gestalt, meine Natur, meine Seele Ein letzter Blick zurück auf das, was mich geprägt hat mir Sicherheit, Bestimmung, Richtung gab es löst sich auf, schafft Platz für Neues
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Das Neue ist beunruhigend unerwartet anders befremdlich einengend beklemmend unbekannt Schemenhaft verblasst das Jetzt verliert sich in der Endlichkeit der Zeit Stille schlingt sich um mein Herz
gefangen Im Kokon legt sich die Angst wie eine eiserne Faust um mein Herz. Ich fühle mich den Umständen hilflos ausgeliefert. Schlimmer noch: Ich finde keinen Ausgang! Ich verharre in Schockstarre. Was mich am Leben erhält, sind winzig kleine Funken der Hoffnung. Ich will hoffen, dass der Weg durch die Dunkelheit und den Schmerz zu neuen Möglichkeiten führt. Dass ich im dunklen Wald der Angst bald eine Lichtung finde. Dass die innere Isolationshaft auf wundersame Weise in die Freiheit führt. Dass mich der Glaube wiederfindet, wenn ich ihn verliere. Dass Hilfe naht. Dass mich eine starke Hand auffängt, wenn ich in freiem Fall bin.
mein leben schlägt die augen auf im dunkeln es hängt an einem seidenen faden licht und wärme prallen an mir ab wie regentropfen an der fensterscheibe angstvoll ringe ich um atem gefangen in der hülle der zersetzung keine tür. kein ausweg. keine zukunft der schmerz tickt in zeitlupe gibt es licht am ende der hoffnungslosigkeit? einen ausgang? heilung? schönheit im zerbruch? wie kann es sein, dass im tiefsten schwarz des kokons wenn alles zerfällt – ein wunder wächst?
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Kokon
ich verliere
wie eine raupe im kokon gefangen in tiefer nacht
mein leben meine gestalt meine würde meine tränen
fühle ich mich
Doch manchmal droht auch der letzte Funke Hoffnung zu erlöschen. Die Dunkelheit schlägt wie Wellen über mir zusammen. Die Not, die Trauer, der Schmerz, die Einsamkeit – es wird zu viel. Selbst Worte des Zuspruchs erreichen mich nicht mehr. Ich bin innerlich wie gelähmt. Gefährlich nahe am Abgrund. Während meine Lebenshülle nach außen stabil und bruchfest scheint, zerspringt meine innere Welt geräuschlos in tausend Stücke. Ich kann nicht mehr. Will nur noch aufgeben.
meine hoffnung
ich bin
die dunkelheit
verwirrt verängstigt orientierungslos einsam
verschlingt mich krümmt mich zersetzt mich besiegt mich
habe angst
ich gebe auf ergebe mich dem was ich nicht ändern kann
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