Lotte Bormuth
Nach dem
Regenscheint die Sonne
Ein schönes Wunder Ich bringe heute Morgen die Briefe in die Wohnung von Jens, die mir der Postbote ausgehändigt hat. Mit meiner Unterschrift musste ich den Empfang seiner Post bestätigen, denn es war ein amtliches Schreiben vom Gericht. Da unser Mieter nicht zu Hause ist, öffne ich mit dem Zweitschlüssel die Tür und lege ihm die Unterlagen auf den Tisch in seiner Wohnung. So hatte ich es mit ihm vereinbart. Seit über sechs Jahren wohnt er in unserem Haus und hat eine wunderschöne Zweizimmerwohnung mit Küchenzeile und Bad gemietet. Glücklich war er bei seinem Einzug, und seine Mutter half ihm, alles schön einzurichten. Aber heute bin ich beim Anblick der Räumlichkeiten entsetzt, schlimmer als bei Hempels unterm Sofa. Jens hatte vor ein paar Tagen mit seinen Kumpels eine Party gefeiert, bei der der Alkohol in großen Mengen geflossen war. Mehr als 40 leere Flaschen standen überall herum. Die jungen Männer müssen wie die Vandalen gehaust haben. Am schlimmsten sieht unsere schöne Haustür aus. Da muss einer mit Gewalt dagegen getreten haben. Sie ist sehr stark beschädigt. Je näher ich mir die Wohnung anschaue, desto mehr Schäden entdecke ich. Da liegen zerborstene Scherben 7
rund um das schöne Glastischchen und einige total zerstörte Stühle. In solchen Situationen merke ich, wie viel Wut und Ärger in mir stecken. Bei diesem Chaos könnte ich explodieren. Außerdem frage ich mich zu Recht: Wer bezahlt mir nun den Schaden? Dies ist unser Haus und es sind unsere Möbel. Ich hole den Schreinermeister und lasse mir einen Kostenvoranschlag machen. Über den Betrag bin ich entsetzt. Mehr als 600 Euro werde ich berappen müssen, denn es ist nicht nur das Glas des Fensters zerschlagen, sondern auch der Rahmen ist beschädigt. Dabei wird mir bewusst, dass ich von Jens keinen einzigen Cent bekommen werde. Seine Taschen sind leer und schön öfter haben wir ihm finanziell unter die Arme greifen müssen, wenn in seinem Portemonnaie nicht ein Euro mehr steckte. Der angerichtete Schaden ist wirklich sehr groß, und mir ist bange vor der hohen Rechnung. Nein, das darf ich mir nicht gefallen lassen. Ich werde Jens fristlos kündigen. Als mich wenig später unser Sohn besucht, bespreche ich das Dilemma mit Johannes. Ich bitte ihn, mir ein Kündigungsschreiben aufzusetzen, denn er kennt sich in solchen amtlichen Angelegenheiten besser aus als ich. Aber Johannes sitzt mir schweigsam gegenüber. Erst nach einer Weile fragt er mich: 8
„Mutti, was wird denn aus Jens, wenn du ihn auf die Straße setzt? Würde er eine andere Wohnung finden, oder entlässt du ihn in die Obdachlosigkeit? Draußen herrschen in der Nacht noch Minusgrade. Die Kälte könnte ihn das Leben kosten. Jens wäre nicht der Erste, der auf einer Parkbank oder unter einer Brücke erfroren ist.“ Johannes hat recht. Zwei Stunden bewege ich die Frage: Wie gehe ich mit Jens um? Ich denke über dieses Problem nach und dann stehe ich mit meinen Gedanken vor Gott und bitte ihn um seinen Ratschlag. In der Konkordanz finde ich viele Antworten, die uns der Vater im Himmel zu diesen Problemen in seinem Wort gibt. Eine ganze Reihe von Bibelstellen sind hier angegeben über die Frage, was Gott über Fremdlinge und Arme sagt. Am meisten beeindruckt mich ein Vers im 5. Buch Mose. Dort heißt es in Kapitel 10,18: „Und habt die Fremdlinge lieb, denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägypten gewesen.“ Nach Ägypten hatte es uns auf unserer Flucht 1945 nicht verschlagen, aber nach Breitenbach bei Bebra, in Hessen. Dort hatten uns Christen eine Küche und eine Kammer für unsere große Familie zur Verfügung gestellt. Sie waren in ihrem Haus sehr eng zusammengerückt, damit wir im Winter ein Dach 9
über dem Kopf hatten. Ein großes Opfer hatte Gott ihnen abgefordert und Familie Becker hatte sich dem Auftrag ihres Vaters im Himmel nicht widersetzt. Sie hatten unsere große Familie in ihrem Haus aufgenommen, obwohl wir für sie sicherlich eine große Belastung waren. Durch Opa Becker habe ich dann später zu Jesus gefunden, denn in seinem Wohnstübchen fand jede Woche eine Bibelstunde statt. Dieser wunderbare alte Christ hat mich mit jungen Leuten aus dem Bibelkreis zusammengeführt, und ich durfte eine klare Hinwendung zu Jesus erleben. Viele Gedanken schwirren nun in meinem Kopf herum und die Frage meines Sohnes lässt mich nicht zur Ruhe kommen, bis ich bereit bin, Jesus mein Jawort zu geben. Ich werde Jens nicht vor die Tür setzen, sondern ihn dazu bewegen, dass er eine Therapie macht, damit er eine Befreiung vom Alkohol erfährt und auch zu einem neuen Leben mit Gott findet. Auf meinem Schreibtisch liegt mein Gebetszettel und ich schreibe seinen Namen auf die lange Liste. Das Geld für die Renovierungskosten werde ich von meinem Sparbuch abheben. Der Ärger und die Wut haben jetzt keinen Platz mehr in meinem Herzen. Gottes Friede ist mir nun gewiss. Ich bin wieder die fröhliche Lotte und mir geht es gut. 10
14 Tage später werde ich aus meinem Mittagsschlaf gerissen. Jens und zwei andere Herren betreten unser Wohnzimmer. Der ältere von ihnen legt mir gleich zwei Dauerwürstchen auf den Schoß. Ich bin sehr erstaunt und bitte die drei, auf dem Sofa Platz zu nehmen. „Frau Bormuth, wir haben ein Problem und möchten dies mit Ihnen besprechen. Jens hat uns von dem Schaden berichtet, den er bei Ihnen angerichtet hat. Ich bin der Schwager von Jens und neben ihm sitzt sein Bruder. Jens ist verzweifelt, dass er Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereitet hat. Wir möchten Sie bitten, dass Sie ihn weiter in seiner Wohnung lassen und ihm nicht kündigen. Er hat uns versprochen, dass er bei Ihnen keine Drogenparty mehr feiern wird; und auch kein Fest mit seinen Alkoholkumpanen.Wir haben uns in unserer Familie geeinigt, dass wir Ihnen gemeinsam den angerichteten Schaden bezahlen werden. Werfen Sie Jens nicht aus seiner schönen Wohnung. Was sollte sonst aus ihm werden? Wir haben schon mit der Klinik Kontakt aufgenommen. Er soll einen Alkoholentzug machen. Ein halbes Jahr wird er dort als Patient bleiben. Es fällt uns natürlich nicht so leicht, diese Zahlung zu übernehmen, aber Jens ist doch unser Bruder. Bitte, Frau Bormuth, kündigen Sie ihm nicht. Sagen Sie uns, was die Reparaturen kosten werden.“ 11
Ich nenne die Schadenssumme von 637,40 Euro und bin auch mit einer Ratenzahlung einverstanden. Die erste Rate soll ich noch in dieser Woche erhalten. Das wird mir zugesagt. Bevor sich unser Besuch verabschiedet, kommt Jens auf mich zu und bittet mich um Verzeihung. Fest drücke ich ihm die Hand. So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein. Es dauert nicht lange, bis der komplette Rechnungsbetrag von dieser Familie eingeht. Sie ist sogar bereit, seine Wohnung zu entrümpeln und die Zweizimmerwohnung zu streichen. Sogar die Haustür und andere Schäden werden von ihr repariert. Ich kenne sein neues Zuhause kaum wieder. Sogar neue Möbel werden hereingetragen. So kann eine Familie zusammenstehen. Das ist für mich ein Wunder.
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Ein wunderschöner Tag Das war heute ein großes, herrliches Erleben. Wie habe ich gebangt, ob unser Enkel die Prüfung bestehen würde; denn die Anforderungen an der Universität sind sehr hoch. Ich war so glücklich, als ich erfuhr, dass der Prüfling nun wieder einen Schritt weiter gekommen war und nun als Arzt arbeiten wird. Wer so viele Kinder, Enkel und Urenkel hat wie wir, wird sehr oft für Prüfungen beten müssen. Aber dann steigt auch der Dank zu Gott empor, der bei diesem Examen der Ratgeber und Helfer gewesen ist. Heute werde ich für den Ehemann meiner Enkelin einen Gruß mit reichem Inhalt abschicken. Mich freut es schon jetzt, wenn ich daran denke, wie groß seine Freude sein wird, wenn er den Briefumschlag öffnet, denn die junge Familie mit zwei Kindern kann die Unterstützung gut brauchen. Aber das war erst der Anfang meiner Freude am heutigen Tag. Ich war gebeten worden, in dem schön gelegenen CVJM-Heim in Altenstein ein Frauenfrühstück zu halten. Zunächst war ich über den Termin in der Karwoche etwas betrübt. Wer wird diesen Tag der Verkündigung überhaupt wahrnehmen? Es sind gerade Osterferien, und viele Familien lockt 13
es sicher mit ihren Kindern in den Urlaub. Außerdem ist die Woche vor Ostern mit viel Arbeit für die Hausfrau verbunden. Auch sind überall in den größeren Städten Konzertveranstaltungen angesagt. Ich werde nur vor sehr wenigen Frauen meinen Vortrag halten können. Lohnt sich da mein Anfahrtsweg von drei Sunden überhaupt? Doch dann wurde ich total überrascht. Um neun Uhr war das Frühstück angesetzt, und schon um acht Uhr fuhren die ersten Autos vor. Von weither waren die Besucher angereist. Als ich den Ort Mellrichstadt vernahm, fragte ich eine junge Frau, wie weit diese Stadt von Altenstein entfernt sei. „Wir sind vor einer dreiviertel Stunde abgefahren und möchten uns einen guten Platz sichern.“ Nur einige Minuten später setzte ein heftiger Andrang ein. Ist es möglich, dass sich so viele Frauen in dieser Woche vor Ostern die Zeit zum Vortrag nehmen? Ich bin schon etwa acht bis zehn Mal hier eingeladen worden, aber so voll war der Saal noch nie. Immer mehr Stühle mussten an die Tische gestellt werden. Die Zahl der Ankommenden versetzte mich ins Staunen. Viele begrüßten mich herzlich und sagten mir: „Frau Bormuth, auf Ihren Vortrag freuen wir uns. So ist Versöhnung, dieses Thema passt in unseren Alltag. Solch ein Wort in der Verkündigung haben wir doch alle nötig; denn in unseren 14
Beziehungen in den Familien zu unseren Männern, Kindern und Verwandten ist oft der Wurm drin. Es gibt so viel Streitereien mit Nachbarn oder einst lieben Bekannten. Wie belastend sind Erbstreitigkeiten und Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz. Wir warten sehnsüchtig darauf, was Sie uns zu diesem Thema berichten werden.“ Eine Gesprächspartnerin erzählte mir schon während des Frühstücks, wie schwer es ihr falle, sich mit ihrer Schwiegermutter auszusöhnen. Eine andere beklagte sich über ihre Chefin im Büro, die jedes kleine Vergehen mit Demütigungen bestraft. Gerade wenn der Stress und die Arbeit drängen, bleibt es nicht aus, dass auch Fehler gemacht werden. Als ich nach dem Essen auf dem Podium stand und in viele erwartungsfrohe Gesichter schaute, war ich begeistert. Etwa 140 Gäste waren gekommen, so viele wie noch nie. Dabei hatte mich zuvor die Angst gepackt, ich müsste vor leeren Stühlen sprechen. Aufmerksam hörten die Besucher zu und es herrschte eine große Stille. Ich musste mir sagen: „Lotte, es hat sich wirklich gelohnt, dass du dieses Thema ausgewählt und fleißig darüber gearbeitet hast.“ Nach dem Schlussgebet folgte ein lauter Applaus und viele drängten an den Büchertisch. Sie wollten 15
die neuesten Exemplare erwerben und drückten mir die Hand. „Heute haben Sie gerade meine Probleme angesprochen. Ich weiß jetzt, bei wem ich mich entschuldigen werde. Mein Leben muss ich in Bezug auf meine erwachsenen Kinder total ändern. In ihre Ehen darf ich nicht weiter hineinreden, wenn ich im Frieden leben will.“ Das Wort Gottes hatte viele Anwesende ins Herz getroffen. Eine Reihe von ihnen bedankte sich bei mir. Gerne nahm ich diese Anerkennung an und gab diesen Dank an Gott weiter, der durch seinen Heiligen Geist Herzen zum Guten bewegte. Es ging mir nicht darum, dass ich viel Lob erhielt, sondern dass Menschen sich von Gott in ihren Entscheidungen prägen ließen. Während ich dies niederschreibe, wird mir bewusst, wie oft ich schuldig werden kann. Dabei werde ich an ein Erlebnis mit unserem Jüngsten erinnert, der mir manchmal Widerworte gab. Eines Morgens fand ich einen Zettel unter der Schlafzimmertür. Darauf stand: „Bitte, Mama, verzeih mir! Ich will mich verbessern.“ Das habe ich dann auch gern getan. Aber zurück zu meinem Versagen: Gerade bei den langen Strecken, die wir zurücklegen müssen, rede ich meinem Mann während der Fahrt dazwischen und sage immer wieder: „Fahr langsam, Karl-Heinz. Überhol die langen Laster nicht. Bleib lieber hinter 16
dem roten Lastkraftwagen, der mit neun nagelneuen Autos beladen ist.“ Wie irritierend ist es für einen Fahrer, wenn er dauernd neue Befehle erhält. Geduld ist nicht meine Stärke. Obwohl ich den Führerschein gleich bei der ersten Prüfung in die Hand gedrückt bekam, bin ich danach höchstens zehn Kilometer gefahren, und das auch noch sehr schlecht, sodass mir mein Mann sagte: „Lotte, lass die Finger vom Auto. Ich fahre dich bis ans Ende der Welt, aber setz dich nicht selbst ans Steuer.“ Heute bin ich froh, dass ich seinen Rat befolgt habe. Mir tut nur der hohe Betrag von über 500 DM leid, den ich damals für den Führerschein in den Sand gesetzt habe. Ich staune, dass ich trotzdem die schriftliche und praktische Prüfung geschafft habe. Die Wirklichkeit auf der Straße sieht aber anders aus und ich muss denken: Ich habe wohl bei der Fahrprüfung unglaubliches Glück gehabt. Ruhe und eine gute Konzentrationsfähigkeit hat mir Gott an diesem Morgen gegeben. Für mich ist es immer ein Geschenk, wenn wir nach langen Fahrten gut zu Hause ankommen. Dankbar bin ich auch, wenn ich unsere Wohnung heil antreffe. Unsere zehn Flüchtlinge sind es nicht gewohnt, die Türen zu schließen und die Lampen abends 17
wieder zu löschen. Bevor ich wegfuhr, habe ich einem der Somalier einige klare Anweisungen gegeben. „Mustafee, du bist jetzt Präsident von unserem Haus. Mama und Opa – so nennen uns unsere jungen Männer – fahren zwei Tage weg. Mach immer die Tür zu und Licht aus!“ Unser Präsident – so musste ich ihn nennen, denn seine Deutschkenntnisse sind noch nicht so gut – hatte seine Sache gut gemacht. Alles war in Ordnung. Die Haustüre war wirklich zu und die Lichter auf den Fluren gelöscht. Im Briefkasten lagen gleich mehrere Überraschungen für mich. Viele Ostergrüße erreichten mich. Liebe hilfreiche Worte und Gottes Segen erfüllten mein Herz mit Dankbarkeit. In einem Brief lagen noch fünfzig Euro als Geschenk. Daraufhin rief ich sofort unsere zehn Somalis und lud sie zum Osterfrühstück in unsere Gemeinde ein. Sie sollten die Botschaft von der Auferstehung hören und außerdem die Gastfreundschaft bei einem reichhaltigen Frühstück genießen. Und dann ereignete sich noch etwas, das in mir eine große Freude auslöste. Ismael klopfte an meine Tür: „Mama, eine Junge ist gekommen und hat für dich gegeben eine Geschenk.“ Ich war total überrascht. Eine Leserin aus Thüringen hatte mir durch einen jungen Mann, der in Marburg Medizin studiert, 18
eine Riesentüte und Blumen überbringen lassen. In einem Brief bedankte sie sich für meine Bücher, die sie sehr gerne liest und die ich ihr zugeschickt hatte. Darf ich Ihnen alles aufzählen, was in der Tüte war: Pralinen, ein gebackenes Osterlamm, eine rote Dauerwurst, ein Glas Thüringer Leberwurst und zehn Eier aus eigener Haltung. Ich fühlte mich reich beschenkt und konnte das Wunder kaum fassen. Ich rief die freundliche Geberin gleich an und musste ihr meine Freude mitteilen. So viel gute Gaben habe ich gar nicht verdient. Ostern wurde für uns auch zu einem kulinarischen Fest. Dann erzählte sie mir: „Frau Bormuth, da ich weiß, dass Sie ehrenamtlich Flüchtlinge betreuen und ich nun die Gelegenheit habe, durch meinen Neffen einige Kleidungsstücke mitzugeben, wird er Sie bald aufsuchen. Hemden, Hosen, Pullover, Handtücher und Bettwäsche will ich Ihnen zukommen lassen. Meine Schränke sind zu voll. Einige gute Sachen passen mir und meinen Kindern nicht mehr. Ich werde endlich einmal aufräumen und Platz schaffen. Ich gebe diese Sachen gerne an Sie weiter.“ War das nicht wunderbar? So würde ich bedürftige Menschen beglücken können. Auch dafür dankte ich meinem Herrn, der gerade die Flüchtlinge liebt. In meinem Abendgebet brauchte ich heute viel Zeit, 19
um meine Danksagungen fĂźr einen solch gelungenen Tag in Worte zu fassen.
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