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Ruth Axtell

Maskerade im Mondlicht


Anmerkungen zur deutschen Übersetzung: Die Zeitepoche, in der der vorliegende Roman spielt, heißt in der Geschichtswissenschaft Regency. Es handelt sich um eine besondere Zeit in der britischen Geschichte, mit der der deutsche Leser vielleicht nicht so vertraut ist. Deshalb einige kurze Erklärungen vorab: Als Regency bezeichnet man die politische Epoche von 1811 bis 1820. In dieser Zeit wurde das Vereinigte Königreich Großbritannien und Irland aufgrund einer Erkrankung von König George III. von seinem Sohn, Georg August Friedrich von Hannover, als Prinzregent regiert – englisch für Regentschaft: Regency. Diese Regentschaft endete mit dem Tod von George III. und mit der Inthronisierung von Georg Friedrich August als George IV. Auch kulturell und gesellschaftlich war die Epoche des Regency bedeutend. Es war eine Zeit der großen gesellschaftlichen, politischen und sozialen Umbrüche. „Maskerade im Mondlicht“ spielt teilweise im Milieu der französischen Einwanderer, die in jener Zeit auf das gesellschaftliche Leben in England – vor allem im Adel – Einfluss nahmen. Nach den Wirren der Französischen Revolution waren viele Menschen aus Frankreich in die umliegenden europäischen Staaten geflohen. Auch in England suchten sie Zuflucht. Sie lebten dort, oft in armen Verhältnissen, aber voller Sehnsucht danach, in ihre Heimat zurückkehren zu können. Viele von ihnen, vor allem aus dem alten französischen Adel, träumten davon, das Königtum der Bourbonen wiederherzustellen – das Ancien Régime. Der in ihren Augen legitime Thronfolger, der Comte de Provence, lebte tatsächlich wie im vorliegenden Buch beschrieben im Exil auf dem Anwesen Hartwell House in der Nähe von Oxford. Nach dem Sieg der alliierten europäischen Mächte über Napoleon und dessen Vertreibung bestieg er als Louis XVIII. den französischen Thron und regierte bis 1824. 5


1. Kapitel London, April 1813 Noch nie hatte Rees so viele Kostbarkeiten auf einmal gesehen. Perlenschnüre, goldene Ketten, mit Edelsteinen besetzte Tiaras und Armreifen jeglicher Art lagen auf ihren Satinstoffen. Die Schmuckschatulle der Countess of Wexham enthielt genügend Juwelen, um halb London ernähren zu können. Aber ihn interessierte nicht, welche Preise der Schmuck auf dem Markt erzielen würde. Er suchte etwas anderes. Etwas viel Wertvolleres – und Belastenderes –, wenn es überhaupt zu finden war. Informationen. Rees warf einen schnellen Blick über die Schulter – schon den ganzen Abend lang bildete er sich ein, Schritte hinter sich zu hören –, bevor er jedes Schmuckstück hochhob, um sich zu vergewissern, dass darunter nichts verborgen war. Dann legte er die Stücke sorgfältig wieder in die Schatulle und bemühte sich dabei, alles so zurückzulassen, wie er es vorgefunden hatte. Ihm war bewusst, wie die Sekunden verstrichen, aber noch immer war er nicht sicher, wonach er suchte. Er wusste nur, dass er es erkennen würde, wenn er es sah. Er ließ den Deckel leise zuklappen und verschloss die Schatulle wieder. Als Nächstes öffnete Rees mit seinem Dietrich die schmale Schublade im unteren Teil des Kastens und zog sie heraus. Reihenweise Ohrringe und Ringe, besetzt mit Amethysten, Topasen, Rubinen und Smaragden, funkelten ihn im Licht seiner Kerze an. Wieder ging er jeden Gegenstand durch und suchte in dem Satin darunter. Nichts Ungewöhnliches … für eine Dame aus der modischen Welt der Londoner Gesellschaft. Rees schob die Schublade wieder zu und verschloss sie, während er tief durchatmete. Dann warf er einen Blick auf die Messinguhr neben der Schmuckschatulle. Zehn kostbare Minuten waren verstrichen, seit er das Ankleidezimmer der Countess betreten hatte. Davor hatte er bereits ihr Schlafzimmer durchsucht und 11


nichts gefunden. Seiner Einschätzung nach hatte er noch mindestens eine Stunde Zeit, bevor sie oder ihre Zofe an diesem Abend zurückkam. Nachdenklich betrachtete er das Möbelstück, auf dem die Schmuckschatulle stand – eine Mahagonikommode mit geschwungener Front und Schubladen, deren Messinggriffe die Form von Löwenköpfen hatten. Rees zwang sich, mit der unangenehmen Aufgabe weiterzumachen, in anderer Leute Privatangelegenheiten zu schnüffeln, und zog an den obersten beiden Griffen, um die erste Schublade zu öffnen. Stapelweise zu ordentlichen Quadraten gefaltete Taschentücher lagen darin, aus den verschiedensten Stoffen und in Nuancen von Schneeweiß bis Cremeweiß; von spitzenumrandetem feinstem Leinen bis zu schwerer Baumwolle mit einem Monogramm in der Ecke, so schlicht wie das Taschentuch eines Mannes. Das passte nicht recht zu der Besitzerin, einer Dame von äußerster Weiblichkeit. Rees sah jeden Stapel durch und tastete sie nach irgendwelchen Gegenständen ab, irgendetwas Verdächtigem – sei es ein gefalteter Zettel, eine Papierrolle, etwas Zylindrisches, in das man ein Dokument schieben könnte. Der Duft von Mahagoni und Lavendel stieg ihm in die Nase. Seine Finger befühlten einige kleine Beutel mit Satinbändern. Auch diese untersuchte er einen nach dem anderen, ertastete mit den Fingerspitzen aber nur die kleinen Lavendelkügelchen. Danach fuhr er über den Schubladenboden, der mit Papier ausgeschlagen war, fühlte in jeder Ecke und schob eine Hand sogar unter das Papier, während er mit der anderen die Taschentücher festhielt. Dasselbe tat Rees in allen vier Ecken der Lade, links, vorne, hinten und rechts. Schließlich warf er noch einen prüfenden Blick hinein, um sich zu vergewissern, dass alles an seinem Platz war, bevor er die Schublade vorsichtig zurückschob. Wo würde er etwas verstecken, wenn er eine Dame wäre? Mit leicht zusammengekniffenen Augen sah er sich in dem anmutigen Ankleidezimmer um und betrachtete die Einrichtung – zwei große Kleiderschränke an einer Wand, die Schubladenkommode, vor der 12


er stand, ein Frisiertisch mit Spiegel und zwei bequeme Sessel rechts und links davon, ein weicher Teppich in Rosa- und Grüntönen, der einen Großteil des Bodens bedeckte. Ein schwacher Parfümduft hing in der Luft, nichts Schweres, sondern ein ganz leichter Hauch, der ihn an ein Dorf in Sussex im Hochsommer erinnerte, wenn die Hecken von Rosenblüten übersät waren, die ihren Duft entfalteten, wenn man sie berührte. Er wandte sich wieder der Kommode zu. Ihm blieb nichts anderes übrig, als systematisch alle Schubladen und jeden Gegenstand darin durchzusehen, so wie er es im Schlafzimmer gemacht hatte. Diesen Aspekt seiner Arbeit hasste er – in den privaten Dingen einer Dame herumzuspionieren. Da zog er eine blutige Schlacht auf hoher See mit gekreuzten Schwertern an Deck einer Fregatte vor. Die tickende Uhr erinnerte Rees wieder daran, dass er sich besser an die Arbeit machen sollte, damit er nicht entlarvt wurde, bevor seine erste Arbeitswoche vorüber war. Also stählte er sich für die Aufgabe und zog die nächste Lade heraus. Zum Glück war alles in dem eleganten Stadthaus der Lady Wexham neu und gut gepflegt. Er brauchte keine klebrigen Schubkästen oder knarrenden Scharniere zu fürchten. Aus ihrem Dossier wusste er, dass die Countess erst vor drei Jahren hierhergezogen war, nachdem ihr Mann gestorben war. Verwirrt und etwas verlegen betrachtete er den Inhalt der Schublade. Seidene und leinene Unterwäsche. Gegen seinen Willen tauchte die Dame, der diese Dinge gehörten, vor seinem geistigen Auge auf. Eine schöne Frau mit dunklen Haaren und strahlenden Augen, eleganter und vornehmer als jede andere Frau, die Rees kannte. Und, bis auf Weiteres, seine Arbeitgeberin. Und höchstwahrscheinlich eine Spionin gegen Großbritannien. Seine Aufgabe war es, das herauszufinden. Rees starrte auf die spitzenbesetzten Hemdchen und Seidenstrümpfe, während er die Hände zu Fäusten ballte. Doch dann zwang er sich weiterzumachen. Er wusste, dass jede Minute kostbar war. Er musste seine Suche beenden, so zuwider sie ihm auch war, und das Zimmer verlassen, bevor jemand ihn zufällig sah. 13


Rees konzentrierte sich auf seine Aufgabe und tauchte die Hände in die Schublade, um jeden Gegenstand zu untersuchen, so wie er es bei der vorigen Lade getan hatte. Wieder tastete er den Boden nach etwas ab, das unter dem Papier versteckt sein könnte. Als er die Schublade zur Hälfte durchsucht hatte und bei einem Stapel Korsettstangen und Schnürmieder angekommen war, hörte er, wie die Tür im Nebenzimmer sich mit einem Klicken öffnete. Er erstarrte, denn diesmal trog sein Gehör ihn nicht. Valentine, die Zofe der Countess, konnte es nicht sein. Er hatte gehört, wie sie dem Koch erzählt hatte, sie wolle ausgehen. Was Lady Wexham betraf, so kehrte sie nie vor Mitternacht zurück, und es war noch keine zehn Uhr. Aber das leise Geräusch, das die Schritte von eleganten Damenschuhen auf dem Fußboden verursachte, war untrüglich. Rees löschte seine Kerze, während sein Blick durch das Ankleidezimmer huschte und er sich einprägte, wo die Möbel standen, bevor der Raum ins Dunkel getaucht wurde. Seine einzige Hoffnung war einer der Kleiderschränke. Mit wenigen langen Schritten durchquerte er das Zimmer bis zu dem zweiten Schrank, der von der Tür zum Schlafzimmer am weitesten entfernt war. Es schien ihm am wenigsten wahrscheinlich, dass jemand die Tür zu diesem Schrank öffnen würde, wenn er das Ankleidezimmer betrat. Er öffnete eine der Türen und war erneut dankbar für die gut geölten Scharniere. Eine Sekunde später war auch die zweite Schranktür auf. Ress tastete nach dem unteren Fach. Es war breit und tief und mindestens sechzig Zentimeter hoch. Er schob die Kleidung darin zur Seite und kroch hinein, auch wenn er mit seiner Körperlänge von einem Meter achtzig Mühe hatte, sich in das Fach zu zwängen. Er hörte weitere Bewegungen im Nebenzimmer, zog die Kerze näher zu sich und unterdrückte einen Schmerzensschrei, als heißes Wachs sich über seine Hand ergoss. Schnell legte er einige der Kleidungsstücke über sich und zog die beiden Türflügel von innen zu. Würde die Person nebenan den Geruch von heißem Wachs bemerken, den die gerade erst gelöschte Kerze ausströmte? Von seiner Position aus schaffte es Rees nicht, die Türen ganz zu schließen. Er konnte die zweite Tür nur mit den Fingerspitzen 14


erreichen und betete inständig, dass niemand hereinkam und bemerkte, dass eine Schranktür ein wenig offen stand. Seine Wirbelsäule war gegen die Rückwand des Schranks gepresst, die Knie hatte er fast bis zur Brust angezogen, während seine Schuhspitzen ein Ende des Schranks berührten und sein Scheitel die andere. Er schloss die Augen und lauschte angestrengt, während er hoffte, dass er nicht entdeckt wurde. Wer um alles in der Welt war in das Schlafzimmer der Countess gekommen? Sie selbst konnte es nicht sein. Und was ihre Zofe betraf, so hatte er sie selbst das Haus verlassen sehen, sobald ihre Herrin in ihrer Kutsche weggefahren war. Valentine war Französin und verachtete die anderen Dienstboten, abgesehen von dem französischen Koch. Die britischen Angestellten behandelte sie, als wäre es unter ihrer Würde, sich mit ihnen abzugeben. Lange hörte Rees in seinem engen Versteck nichts. Der Schweiß stand ihm inzwischen auf der Stirn und im Nacken. Der Duft von Walnüssen mischte sich mit dem Geruch nach Rosen und Stärke, das von dem Kleidungsstück ausging, mit dem er sich bedeckt hatte. Er lockerte seine Finger ein wenig, die die Kerze fest umklammert hielten, und rieb den Saum des Gewandes zwischen Daumen und Zeigefinger, um sich von seiner unbequemen Haltung abzulenken. Seide. In der knappen Woche, die er jetzt im Haushalt der Lady Wexham angestellt war, hatte er sie in einem Dutzend verschiedener Garderoben gesehen, da sie sich mindestens drei Mal am Tag umzog. Morgenkleider, Reitkleidung, Besuchskleider, Ballroben. Rees dachte an seine jüngere Schwester Megan, die immer hübsch aussah, aber nicht einmal den Bruchteil der Kleidermenge besaß, die seine Arbeitgeberin ihr Eigen nannte. Megan trug einfache Baumwollkleider, aus Modezeitschriften abgezeichnet und selbst genäht. Aber seine Schwester lebte auf dem Lande und konnte nie die gesellschaftliche Position einer Lady Wexham anstreben. Trotz seiner Versuche, sich abzulenken, wurden die Minuten in dem beengten Raum lang. Schweißtropfen begannen Rees über die Schläfe und ins Auge zu rinnen. Er wagte nicht, sie fortzuwischen. Die Luft wurde stickig und er fragte sich unwillkürlich, ob ein Mensch in einem Kleiderschrank ersticken konnte. 15


Er stellte sich die Schlagzeile vor: „Butler im Kleiderschrank zwischen den Unterröcken seiner Herrin tot aufgefunden“. Sei nicht so ein Angsthase. Es ist auch nicht schlimmer, als im Bauch eines Schiffes zu schlafen. Das hast du jahrelang überlebt. Natürlich war er mehr als zehn Jahre jünger gewesen und ein paar Pfund leichter, als er in der Marine Seiner Majestät gedient hatte. Vielleicht war ein anderes Dienstmädchen gekommen, um das Bett aufzuschlagen, und ging in wenigen Minuten wieder. Doch als Rees hörte, wie die Tür zum Ankleidezimmer aufging, erstarrte sein Körper erneut, jeder Nerv alarmiert. Einigen Schritten folgte Stille. Der Eindringling musste den Teppich betreten haben. Eindringling?, sagte Rees sich. Er war der Eindringling. Ein leises Summen drang durch den Türspalt herein. Dieses Summen kannte er. Er hatte es schon gehört. Auf der anderen Seite der Kleiderschranktür stand Lady Wexham, nur wenige Zentimeter von der Stelle entfernt, an der er wie ein Würstchen im Schlafrock eingerollt lag. Was machte sie nur um diese Zeit zu Hause? Vielleicht hatte sie etwas vergessen und war zurückgekommen, um es zu holen? Doch das ergab keinen Sinn. Valentine sorgte schließlich dafür, dass ihre Herrin alles hatte, was sie brauchte, wenn sie das Haus verließ. Oder konnte es sein, dass sie aus einem Grund zurückgekehrt war, der nichts mit ihrem offiziellen Leben zu tun hatte … sondern mit etwas, was sie heimlich tun musste? Sein Herz fing an zu hämmern, während seine Nervosität bei dem Gedanken stieg, dass er an diesem Abend vielleicht etwas Greifbares über Lady Wexhams Loyalität herausfinden würde. Wenn er beweisen konnte, dass sie eine französische Spionin war, hätte er diesen unbequemen Auftrag hinter sich. Rees stellte sich den triumphierenden Gesichtsausdruck seines Vorgesetzten vor, doch dann wurde ihm bewusst, dass er für seine Entdeckung kaum belohnt werden würde. Seine Aufregung wich sogleich einer Abscheu angesichts der Tiefen, zu denen seine Arbeit ihn zwang. Er musste im Haushalt einer Countess einen Dienstboten spielen, nur damit sein Vorgesetzter im Außenministerium, der junge 16


Alistair Oglethorpe, vor dem Außenminister mit seinen Ergebnissen angeben konnte. „Hm!“ Rees’ Gedanken kehrten in die Realität zurück. Angestrengt versuchte er, mehr zu hören. Lady Wexham klang verärgert. Während er wünschte, er könnte durch den Türspalt spähen, blieb er stockstill liegen und bewegte nicht einmal die Augenlider. „Zut!“ Was tat sie da? Wieder Schritte; dann Stille. War sie gegangen? Rees wartete. Noch immer wagte er nicht, sich zu rühren. Sein Hals schmerzte schon von der unbequemen Haltung und seine Füße waren von der mangelnden Durchblutung eingeschlafen, deshalb musste er sie trotz aller Gefahren ein wenig bewegen. Nach einer Ewigkeit, wie es ihm schien, die aber wahrscheinlich nur einige Minuten gedauert hatte, näherten sich zwei weibliche Stimmen dem Kleiderschrank. „Es tut mir leid, dass ich dich aus dem Bett holen muss, aber ich komme allein mit dem Korsett einfach nicht zurecht.“ „Natürlich nicht, Mylady, bei all der Spitze auf dem Rücken.“ Es war eins der jungen Dienstmädchen in Begleitung der Countess. Er kam immer noch mit den Namen durcheinander. War es Virginia oder Sally? „Ich schnüre es gleich für Sie auf.“ „Valentine ist nicht hier und ich wollte niemand anderen wecken.“ „Das macht gar nichts, Mylady. Ich bin nur schlafen gegangen, weil ich Sie nicht zurückerwartet habe. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie so früh wiederkommen, wäre ich aufgeblieben.“ „Das solltest du aber nicht. Schließlich konntest du nicht wissen, dass ich das Gedränge bei der Prinzessin Esterhazy nicht ertragen würde.“ Lady Wexhams Tonfall klang leicht belustigt. Einige Sekunden später sprach das Mädchen wieder. „So, das hätten wir, Mylady.“ „Danke.“ Die Countess atmete hörbar auf. „Brauchen Sie sonst noch etwas, Ma’am?“ 17


„Ich mache dir nur ungern Mühe, aber vielleicht einen Tee? Ich habe leichte Kopfschmerzen. Das liegt gewiss an diesem schrecklichen Nebel. Deshalb bin ich auch so früh nach Hause gekommen.“ Das Mädchen schnalzte mit der Zunge. „Es tut mir leid, dass es Ihnen nicht gut geht. Sie sehen auch ein bisschen blass aus. Ich bringe Ihnen sofort einen Tee.“ Die Stimme des Dienstmädchens kam aus unterschiedlichen Entfernungen, als würde es herumlaufen. Wahrscheinlich räumte es Dinge fort. Solange es nicht beschloss, die Garderobe seiner Herrin in den Schrank zu hängen … „Ich glaube, ein Kräutertee wäre jetzt gut. Vielleicht Kamille?“ „Natürlich, Mylady. So, in Ihrem Nachthemd werden Sie sich bestimmt viel wohler fühlen.“ „Oh ja, sehr viel wohler. Danke, Virginia. Du bist ein Schatz.“ Also war es Virginia, die ihrer Herrin geholfen hatte. „Ich hole Ihnen Ihr Tuch.“ „Das ist nicht nötig. Ich werde gleich schlafen gehen, sobald ich mir das Gesicht gewaschen und die Zähne geputzt habe.“ „Wenn ich wiederkomme, bürste ich Ihnen die Haare, Mylady.“ „Danke, aber das schaffe ich heute alleine.“ „Also gut, ich bin gleich wieder da.“ Rees wartete, während er voller Anspannung befürchtete, dass die Schranktür ihm jeden Augenblick aus den Fingern gerissen werden würde. Aber er hörte nur Wasser, das aus einem Krug gegossen wurde, und dann ein Plätschern. Wieder wartete er einige Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, bis er die Stimme des Mädchens erneut hörte. „Ich habe einen Becher an Ihr Bett gestellt.“ Seine Stimme entfernte sich. „Kommen Sie, ich flechte Ihnen die Haare.“ Lady Wexham gähnte und sagte: „Ach nein, heute nicht.“ „Aber Mylady, das dauert doch nur einen Augenblick.“ „Schon gut, ich werde das Haar nur heute offen lassen.“ „Wenn Sie sicher sind, Mylady …“ Das Mädchen klang skeptisch. Rees stellte sich Lady Wexhams braune Locken vor, die sie für gewöhnlich um den Kopf gewunden oder geflochten trug, während ein paar kürzere Strähnen um das Gesicht fielen, wie es derzeit 18


Mode war. Wie lang waren ihre Haare wohl? Bis zur Taille reichten sie vermutlich mindestens, überlegte er. Er verdrängte diesen unziemlichen Gedanken gleich wieder. „Ich bin sicher, Virginia.“ Lady Wexhams Stimme klang bestimmt. „Ich werde den Tee trinken, den du mir freundlicherweise zu dieser nachtschlafenden Zeit noch aufgebrüht hast.“ „Also gut, Mylady.“ Plötzlich hörte Rees Virginias Stimme genau vor der Schranktür. „Sagen Sie Bescheid, wenn Sie noch irgendetwas brauchen.“ „Ach, lass nur. Valentine kann die Sachen morgen früh forträumen.“ „Ich hänge nur das Kleid auf, Mylady.“ Rees’ Herz hämmerte so laut in seiner Brust, dass die Schranktüren vibrieren mussten. Würde sie bemerken, dass das Türschloss nicht eingeschnappt war? „Leg es einfach über den Stuhl. Valentine bekommt einen Anfall, wenn meine Kleider nicht genau nach ihrer Vorstellung aufgehängt werden. Und jetzt geh schlafen. Die Nacht ist kurz genug.“ „Gut, Mylady. Dann gute Nacht, wenn Sie sicher sind, dass Sie sonst nichts brauchen.“ „Heute Abend nicht mehr. Danke.“ Die Stimmen verklangen, als Lady Wexham und Virginia sich aus dem Raum entfernten. Rees zählte in Gedanken eine ganze Minute, bevor er seinem Körper gestattete, sich ein wenig zu entspannen. Nun musste er nur noch einen Weg hinaus finden. Die einzige Tür, durch die er entkommen konnte, war die zu Lady Wexhams Schlafzimmer. Wie lange würde es dauern, bis sie ihren Tee getrunken hatte und eingeschlafen war? Er musste sich also auf eine lange Wartezeit einstellen, denn er konnte nicht wagen, sich durch ihr Zimmer zu schleichen, bevor sie tief und fest schlief. Während er betete, dass Kamillentee eine einschläfernde Wirkung haben möge, bewegte Rees seine verkrampften Füße und ließ die Schranktür los, die er immer noch krampfhaft umklammert hielt. Um das Gefühl in den Fingern zurückzuerlangen, bewegte er sie vorsichtig. 19


Wie lange er schon in dem Schrank lag, wusste er nicht. Irgendwann musste er eingeschlafen sein, denn er fuhr plötzlich aus einem Traum hoch. Als er sich zu erinnern versuchte, fiel ihm wieder ein, was er geträumt hatte. Er hatte in einem Sarg gelegen, alles um ihn herum vollkommen schwarz. Rees blinzelte. Ihm wurde bewusst, dass er, genau wie in dem Traum, nicht das Geringste sehen konnte. Dann erinnerte er sich daran, wo er war und warum. Er lauschte angestrengt. Als er nichts hörte, stieß er eine der beiden Schranktüren ein wenig auf. Dunkelheit und Stille herrschten auch jenseits der Tür, also riskierte er, sie weiter zu öffnen. Als er kein Licht aus dem Nebenzimmer dringen sah, wagte er, die andere Tür ebenfalls aufzuschieben und die Beine aus dem Kleiderschrank zu strecken. Sofort fingen seine Füße an zu kribbeln. Er musste einen Moment warten, bis dieses Gefühl nachließ. Dann stellte er die Kerze auf den Boden und schälte auch den Rest seines Körpers aus dem engen Schrankfach. Mit gespitzten Ohren hielt er inne. Noch immer nichts. Lady Wexham musste eingeschlafen sein. Eine Weile blieb er, auf allen vieren am Boden kauernd, und drehte den Kopf, um den steifen Hals und die verspannten Schultern ein wenig zu lockern. Dann versuchte er, den Inhalt des Schrankfachs wieder halbwegs in Ordnung zu bringen, in dem er mehrere Stunden gelegen hatte. Was würde Valentine denken, wenn sie die zerknitterte Kleidung sah? Würde sie ihre Herrin danach fragen? Er versuchte, im Dunkeln die Kleidungsstücke zu falten und aufeinanderzulegen. Dann stand er auf, nahm die Kerze mit ihrem Halter und schob beides in seine Tasche. Wieder hielt er inne, um zu lauschen, dann schloss er vorsichtig die Schranktüren und drehte leise den Schlüssel im Schloss. Da sich seine Augen inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er die Umrisse der geöffneten Tür zum Schlafzimmer erkennen. Er streckte die Hände aus und tastete sich mit zögernden Schritten vorwärts. Auf dem Teppich machten seine Füße kein Geräusch. Als er den Dielenboden erreichte, ging er noch langsamer und vorsichtiger. 20


Schließlich war er im Nebenzimmer. Jetzt hörte er das gleichmäßige Geräusch von Atemzügen. Die Vorhänge um das breite Himmelbett waren zugezogen, sodass die Schlafende nicht zu sehen war. Rees spürte wieder einen Teppich unter seinen Füßen und ging schneller, bis er wieder auf Holz trat, kurz vor der Tür zum Flur. Zwei Schritte später knarrte es laut unter seiner Schuhsohle. Das Geräusch hallte in der stillen Nacht wider. Er hielt den Atem an und bewegte nicht einen Muskel. Lady Wexham rührte sich nicht. Rees verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein und hob den Fuß – Ferse, Fußballen, Zehen – langsam von dem knarrenden Boden, während er mit einem erneuten Geräusch rechnete. „Sie verwechseln mich, Sir.“ Rees erstarrte. Schließlich wagte er es, sich ein wenig zur Seite zu drehen, um zu dem dunklen Bett hinüberzusehen. Lady Wexham murmelte etwas auf Französisch. Erleichtert erkannte er, dass sie im Schlaf redete. Ihre Bettlaken raschelten, als sie sich umdrehte und leise seufzte. Rees wartete und zählte die Sekunden, bis er sie wieder ganz im Tiefschlaf wähnte. Ohne weiteres Knarren erreichte er die Tür, wo er vorsichtig die Hand um den Messingknauf legte. Er drehte den Knauf ein wenig und stellte fest, dass er sich leicht bewegen ließ. Daraufhin drehte er weiter und stieß die Tür einen Spaltbreit auf. Eine Sekunde später war sie so weit geöffnet, dass er sich hindurchzwängen konnte. Er trat auf den Gang. Das schwache Licht einer Straßenlaterne vor dem Haus schien durch das Fenster am Ende des Flures herein. Er schloss die Tür hinter sich und achtete sorgfältig darauf, dass der Knauf sich wieder in der ursprünglichen Position befand. Nur ein ganz leises „Klick“ und die Tür war geschlossen. Erleichtert lehnte er sich einen Moment lang an die Wand im Flur und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, aber noch wagte er nicht, ein Taschentuch herauszuziehen. Das konnte warten, bis er wieder in seinem Zimmer im Untergeschoss war. Die Nacht hatte sich als ergebnislos erwiesen. Er hatte die Räume von Lady Wexham nicht zu Ende durchsuchen können – und wer wusste, wann er wieder die Gelegenheit dazu bekam? Valentine be21


wachte die Zimmer ihrer Herrin wie eine Gefängniswärterin. Dass an diesem Abend beide ausgegangen waren, war äußerst ungewöhnlich. Und wenn Lady Wexham irgendetwas zu verbergen hatte, dann doch bestimmt irgendwo in ihren Privaträumen, überlegte Rees. Wie hätte er erklären sollen, dass er inmitten von Lady Wexhams Kleidern kauerte, wenn das Mädchen vorhin den Schrank geöffnet hätte? Bei dem Gedanken brach ihm erneut der Schweiß aus. Er musste vorsichtiger sein. Schließlich konnte er es nicht riskieren, dass jemand aus dem Haushalt ihn verdächtigte, schon gar nicht seine Herrin selbst. Alles hing davon ab, dass sie in ihm nichts als einen Butler sah.

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2. Kapitel Am Morgen waren Célines Kopfschmerzen verschwunden. Sie blinzelte in Richtung Uhr, die auf dem Nachtschränkchen stand. Sieben Uhr. Sie musste gestern Abend wirklich gleich eingeschlafen sein, wenn sie so früh wach wurde. Während sie gähnend die Arme über den Kopf reckte, dachte sie an den vor ihr liegenden Tag. Die besten Ideen hatte sie immer gleich nach dem Aufwachen, also ließ sie sich noch einmal in die Kissen und Polster zurücksinken und genoss das Gefühl der Entspannung und des Wohlbefindens nach einem guten Nachtschlaf. Beim Gedanken an den vergangenen Abend verzogen sich ihre Lippen angewidert. Erst das lange Abendessen, dann das Gedränge. Bei dieser Einladung hatte sie eigentlich intelligente Gesellschaft und Gespräche bei Tisch und im Salon erwartet, doch ihre Hoffnungen waren enttäuscht worden. Seit wann hatte sie eigentlich das Gefühl, dass eine Londoner Saison wie die andere war? Vielleicht hatte sie deshalb der Bitte von Roland de Fleury stattgegeben. Céline schlug gegen eines ihrer Kissen, weil sie nicht daran denken wollte. Stattdessen schimpfte sie lieber über die Engländer. Sie waren so bemüht, ihre Rivalen jenseits des Ärmelkanals in Gedanken und Sitten zu übertreffen, aber es gelang ihnen lediglich, den Esstisch in einen Futtertrog zu verwandeln. Und was die Unterhaltung betraf … Sie rümpfte die Nase. Gerüchte und Anspielungen anstelle anregender Diskussionen. Was wussten sie schon von Salons, in denen sich nicht nur die Besten und Klügsten versammelten, um Ideen auszutauschen, sondern wo sogar öffentliche Politik geprägt wurde? Céline war mit den Geschichten ihrer Mutter von der intelligenten Gesellschaft in den Pariser Häusern aufgewachsen. Hier auf der britischen Insel kam Holland House den französischen Salons von Madame Necker, Madame de Roland und Sophie de Condorcet noch am nächsten. Aber dieses Anwesen befand sich 23


draußen in Kensington. In Paris fand man die besten literarischen und politischen Salons unmittelbar im Herzen der Stadt. Selbst der Schreckensherrschaft war es nicht gelungen, diese Form des Gedankenaustauschs zu verhindern. Céline setzte sich im Bett auf und zog an der Klingel. Wahrscheinlich war es an der Zeit, mal wieder zu einem Diner einzuladen. Das letzte lag bereits mehr als zwei Wochen zurück. Seit der arme Mr Rumford sich verletzt und seinen Neffen als Ersatzbutler geschickt hatte, hatte sie es nicht gewagt, mit einem unerfahrenen Butler eine Abendeinladung zu veranstalten. In der Zwischenzeit hatte sie kaum irgendwelche Dinge gehört, die sie an Roland hätte weitergeben können. Vielleicht sollte sie selbst ein wenig im Topf rühren und sehen, ob irgendetwas hochkochte. Wenn man eine ausgewählte Gesellschaft aus Politikern, Journalisten und Künstlern um den Tisch versammelte, wusste man nie, was man möglicherweise erfahren würde. Céline betrachtete ihre Fingernägel und überlegte, ob Valentine sie polieren sollte. Der blasse Pfirsichton und der Glanz des Öls, mit dem ihre Nägel eingerieben worden waren, verblassten bereits und die hübsche Mandelform konnte gewiss etwas neue Fasson gebrauchen. Sie berührte mit dem Zeigefinger ihre Lippen und kaute gedankenverloren auf dem Fingernagel, während ihre Überlegungen zu dem zurückwanderten, was sie lieber ausgeblendet hätte. Selbst nach sechs Monaten gefiel ihr die Aufgabe immer noch nicht, Informationen zu sammeln und weiterzugeben. Sie fühlte sich einfach nicht wohl dabei. Aber es war ein nobler Zweck, wie Roland betont hatte. Nicht nur nobel, sondern auch äußerst dringlich. Frankreich brauchte ihre Hilfe. Was immer mit Napoleon geschah – die Royalisten durften auf keinen Fall wieder an die Macht gelangen. Ein Schauer lief Céline über den Rücken, als sie an den korpulenten, alternden Comte de Provence dachte, der in Hartwell House, unweit von London, im Exil lebte und darauf wartete, als Louis XVIII. den französischen Thron zu besteigen, falls Napoleon jemals scheitern sollte. Angesichts der katastrophalen Nachrichten von der russischen 24


Grenze schien dies jedoch mit jedem Monat wahrscheinlicher zu werden. Sie seufzte, während sie widerstrebend daran dachte, was nach diesem entsetzlichen Krieg mit ihrem geliebten Frankreich geschehen könnte. Sie nahm den Finger aus dem Mund und betrachtete bestürzt den Schaden, den sie angerichtet hatte. Valentine würde schimpfen und ihre Nägel bis aufs Blut herunterfeilen. Napoleon würde nicht scheitern. Er hatte seine Gegner bisher immer besiegt und würde es wieder tun. Céline schlug die Bettdecke gerade in dem Augenblick zurück, als ihre Zofe mit einem Krug heißen Wasser in einer Hand und einem Stapel Handtücher in der anderen das Zimmer betrat. „Bonjour. Wie geht es Ihnen heute Morgen?“ „Sehr gut.“ Sie gähnte. „Ich habe schon lange nicht mehr so gut geschlafen. Virginia hat mir einen Kräutertee gemacht.“ Valentine blieb vor ihr stehen und sah sie prüfend an. „Sie sehen so blass aus wie geblichener Musselin.“ „Merci für deine aufmunternden Worte, ma chère.“ Obwohl Céline sich bemühte, mit ihren beiden französischen Angestellten englisch zu sprechen, wenn andere anwesend waren, fiel sie für gewöhnlich ins Französische zurück, wenn sie unter sich waren. Valentine ignorierte ihren Sarkasmus. „Und die Kopfschmerzen?“ Céline machte eine abwehrende Handbewegung. „Ganz und gar verschwunden. Aber sie waren schlimm genug, um mich das Gedränge bei Prinzessin Esterhazy gestern Abend nicht ertragen zu lassen.“ Valentine schnaubte verächtlich. „Und Ihre Haare! Quelle horreur! Konnte das nutzlose Mädchen nicht einmal einen einfachen Zopf flechten?“ Céline berührte ihre lose fallenden Locken. Als sie versuchte, mit den Fingern hindurchzufahren, verstand sie Valentines Entsetzen. „Ich habe sie zu Bett geschickt. Das arme Mädchen hatte schon geschlafen, als ich nach ihr läutete – und das habe ich auch nur getan, weil ich mit dem Korsett nicht zurechtkam. Auf keinen Fall wollte ich meinem schmerzenden Kopf zumuten, dass jemand ihn mit einer Haarbürste bearbeitet“, fügte sie mit einem strengen Blick auf ihre Zofe hinzu. 25


Valentine betrachtete sie noch einige Sekunden lang und schnalzte mit der Zunge, als sie davon überzeugt war, dass ihre Herrin an nichts Schlimmerem litt als einem zerzausten Schopf. „Bien. Ich werde den Krug mit Wasser füllen. Sally bringt Ihnen chocolat und Croissant. Ich hoffe, das wird Ihrer Erscheinung guttun.“ „Sehe ich so schrecklich aus?“ Céline stand auf, ging zu ihrem Frisiertisch im Nebenzimmer und blickte in den Spiegel. „Ach du liebe Güte!“ Ihre Haare sahen wirklich zum Fürchten aus. Valentine schüttete dampfendes Wasser in ihren Krug und mischte es mit kaltem. „Pardonnez-moi, dass ich nicht hier war, als Sie nach Hause kamen. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie so früh zurückkommen, wäre ich auch heimgekommen.“ „Woher solltest du das wissen?“ Céline beugte sich über das Porzellanbecken, seifte sich Hände und Gesicht mit ihrer nach Lavendel duftenden Seife ein und spülte sie dann ab. Dann griff sie nach einem Handtuch und tupfte ihre Haut trocken. „Und wie war dein Abend?“ Valentine blickte kurz von Célines Kleid auf, das sie sorgfältig ausschüttelte, und zuckte die Achseln. „Bah! Das Übliche. Diese Engländer sind so bêtes!“ Céline lachte. „Dumm insofern, als sie deinen französischen Charme nicht zu schätzen wissen?“ Ihre Zofe nahm die Kleidungsstücke, die Virginia über den Stuhl gelegt hatte. „Was kann man von einem Land erwarten, in dem ständig Nebel herrscht? Wo die Menschen gebratenen Hammel und gekochte Kartoffeln ohne auch nur einen Hauch von Kräutern oder Wein essen?“ Sie untersuchte den Rock des zitronengelben Kleides nach Flecken oder Beschädigungen. „Aber in diesem Haus kannst du dich nicht beschweren. Gaspard ist ein ausgezeichneter provenzalischer Koch.“ Valentine strich prüfend über das Mieder aus Chiffon. „Wenn man seine Wutanfälle ignorieren kann, dann sind seine Kochkünste es tatsächlich wert.“ Sie runzelte die Stirn, als sie einen Flecken entdeckte. „Sie haben etwas verschüttet.“ Céline warf einen Blick über ihr Handtuch hinweg. „Wahrscheinlich Champagner. Dieser ungeschickte Narr Orrington hat mich vor dem Essen angerempelt. Ich glaube, er war schon vor seiner Ankunft betrunken.“ 26


Valentine rümpfte missbilligend die Nase und legte das Kleid beiseite. Dann nahm sie den seidenen Unterrock und das Unterhemd aus Musselin vom Stuhl und warf sie sich über den Arm. Céline wandte sich wieder dem Waschtisch zu und versuchte noch einmal, mit den Händen durch ihre Haare zu fahren. Was für ein zerzaustes Dickicht. Hoffentlich bekam sie von Valentines Behandlung mit Kamm und Bürste nicht wieder Kopfschmerzen. Die Haare fielen ihr bis zur Taille. Céline musterte sich im Spiegel. Manchmal spielte sie mit dem Gedanken, all ihre Locken abzuschneiden, so wie Lady Caroline Lamb es getan hatte. Valentine würde einen Anfall bekommen. „C’est quoi, cette saloperie?!“ Bei dem empörten Aufschrei ihrer Zofe drehte sie sich um. „Was ist denn jetzt? Hast du entdeckt, dass meine Schuhe schmutzig sind oder meine Pelerine einige Federn verloren hat?“ Valentine kniete vor dem unteren Bord eines der beiden Kleiderschränke. Céline runzelte die Stirn. „Was ist los?“ Ein unverständlicher Laut entwich der Kehle ihres Dienstmädchens, das auf einen zerwühlten Haufen Kleidungsstücke zeigte, die sich aus dem Schrank auf den Boden ergossen hatten. „Du brauchst mich gar nicht so anzusehen. Ich habe nicht darin gewühlt! Ich bin klug genug, nichts Derartiges zu tun.“ „Dann muss es diese faule, nichtsnutzige Virginia gewesen sein. Ich wusste doch gleich, dass ich ihr nicht zutrauen kann, mich einen Abend lang zu vertreten.“ „Ich versichere dir, meine Liebe, dass die arme Virginia nichts damit zu tun hat. Gleich nachdem sie mir beim Auskleiden geholfen und mir einen Kräutertee gebracht hatte, habe ich sie zu Bett geschickt. Ich weiß, wie eigen du mit meinen Kleidern bist, deshalb habe ich ihr gesagt, du würdest dich heute Morgen um alles kümmern.“ Diese Erklärung besänftigte Valentines Zorn nicht. Sie fing an, die Kleidungsstücke eines nach dem anderen herauszuziehen, während sie französische Verwünschungen murmelte. „Aber wer hat dann Ihre Kleider so durcheinandergebracht?“ Ein ärgerliches Zischen entwich zwischen ihren Zähnen, während sie begann, die Sachen ordentlich zusammenzulegen. „Glauben Sie, ich würde sie in 27


einem solchen Zustand herumliegen lassen? Ich werde sie alle noch einmal plätten müssen. Oh, là, là!“ Wieder wandte Céline sich bei dem plötzlichen Aufschrei um. „Was ist denn nun schon wieder?“ Valentines Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Sie sagte nichts, sondern stapfte zu Céline und hielt ihr ein hellblaues Satinkleid unter die Nase. Céline starrte auf den knopfgroßen Tropfen aus gehärtetem Wachs auf dem Mieder. „Ach du liebe Güte!“ Sie nahm der Zofe das Kleid ab. „Wie schade! Meinst du, der Fleck wird sich entfernen lassen?“ „Das ist ruiniert.“ Valentines Kinn bebte vor Zorn. „C’est abominable.“ Wieder folgte eine Reihe französischer Schimpfworte, darunter auch eine Bemerkung über diesen Haushalt voller englischer Schweine. Sie sah Céline mit zusammengekniffenen Augen an. „Ich werde den Schuldigen finden und er wird dafür bezahlen.“ „Da wünsche ich dir viel Glück, denn die Mädchen wissen, dass sie meine Kleider in Ruhe lassen sollen. Sie haben viel zu viel Angst vor dir, ma chère, um dein Missfallen zu riskieren.“ Valentine sagte nichts mehr, aber ihr Rücken war stocksteif, als sie weiter für Ordnung sorgte. Céline kehrte zu ihrem Bett zurück und nahm eine Schreibtafel und einen Bleistift zur Hand, um mit dem Erstellen einer Gästeliste zu beginnen. Einige Augenblicke später trat Sally, das andere Dienstmädchen, mit Célines Frühstückstablett ein. „Danke. Das sieht köstlich aus.“ Céline zog das Tablett näher und entfaltete die Serviette, während ihr bewusst wurde, welchen Hunger sie hatte. Das Essen am vergangenen Abend hatte sie kaum genießen können. Sie riss ein Croissant auseinander und atmete seinen buttrigen Duft ein. „Keiner kann ein so zartes Gebäck erschaffen, das auf der Zunge zergeht.“ Sie löffelte etwas Marmelade auf das Stück Croissant und freute sich schon auf den ersten Bissen. „Wenigstens können die Briten Konfitüre machen.“ Sie lächelte das junge Dienstmädchen an. Das Mädchen erwiderte ihr Lächeln. „Das können sie wirklich.“ 28


„Ich bin froh, dass du mir das Tablett gebracht hast und nicht Virginia.“ Sally, die gerade ein Kissen aufschüttelte, hielt mitten in der Bewegung inne. „Warum denn, Mylady?“ „Valentine ist sehr böse auf sie – ohne Grund, das sag ihr bitte.“ Die Augen des Mädchens weiteten sich vor Schreck! „Oh nein! Was hat sie denn gemacht?“ „Überhaupt nichts. Valentine ist wohl einfach nur eifersüchtig, weil ich Virginia gestern Abend rufen musste, als ich früh nach Hause kam. Jedenfalls brauchst du dir keine Gedanken darüber zu machen. Sag ihr nur, sie soll Valentine in den nächsten Stunden aus dem Weg gehen.“ „Ja, Ma’am, das sage ich ihr ganz bestimmt.“ Sally machte sich wieder an ihre Aufgabe, ihre Stimme klang noch immer besorgt. Céline schenkte sich aus der silbernen Kanne eine Tasse von dem dampfend heißen Kakao ein und faltete die Ausgabe der Morning Post auseinander. Keine weltbewegenden Nachrichten auf der ersten Seite. „Sprecher ergreift das Wort im Komitee gegen das Katholikengesetz“ – „Ackermanns Galerie durch Gaslaternen erleuchtet“. Hm. Wenigstens würden mit den Laternen die Gemälde und Drucke besser zu sehen sein. Bei dem literarischen Empfang am Mittwoch könnte sie sich selbst ein Bild davon machen. Sie fragte sich, ob die armen émigrés, die in den dunklen hinteren Räumen Paravents und Blumenhocker lackierten, auch von der neuen Beleuchtung profitieren würden. Céline überflog die anderen Schlagzeilen und die Artikel, die sie interessierten. „Prinzessin Charlotte ignoriert den Rat ihres Vaters und besucht nach der Beerdigung der Großmutter ihre Mutter.“ Ein Lächeln umspielte Célines Lippen angesichts des Berichts über den Besuch der Prinzessin bei ihrer Mutter, obwohl der Prinzregent und seine Gattin einander entfremdet waren. Erst vor ein paar Tagen hatte der Morning Chronicle einen Artikel veröffentlicht, nach dem Prinzessin Charlotte vor Dankbarkeit ihrem Vater um den Hals gefallen war, weil er ihr erlaubt hatte, an der Beerdigung ihrer Großmutter mütterlicherseits, Prinzessin Augusta, teilzunehmen. Wer wusste schon, was man den Zeitungen glauben konnte? 29


Eine war Tory-treu, die andere hielt zu den Whigs. Die eine verteidigte den Prinzregenten, die andere lamentierte über seine Exzesse. Als Céline den nächsten Artikel sah, wurde ihr Lächeln breiter. „Russischer Kosake bietet Reitvorstellung im Hyde Park dar.“ Sie las den Bericht über den legendären Offizier, der in seinen weiten Hosen, der roten Tunika und dem Fellhut Tricks vollführte, seine Schaschka an der Seite und seine Muskete auf dem Rücken. Trotz der amüsanten Schilderung der Fähigkeiten und des Mutes, die der Mann bewies, spürte Céline einen Anflug von Traurigkeit, als sie daran dachte, wie viele tapfere junge Franzosen in der jüngsten Zeit in den Wäldern und Feldern zwischen Moskau und Minsk umgekommen waren. Wie viele von ihnen hatte dieser Kosake wohl auf dem Gewissen? Noch ein Grund mehr, warum sie ihren Landsleuten helfen musste. Céline legte die Zeitung beiseite und wandte sich wieder ihrer Gästeliste zu. Das Parlament tagte. Deshalb waren alle, die in Politik und internationalen Dingen Rang und Namen hatten, mittlerweile in der Stadt eingetroffen. Sie nippte an ihrer heißen Schokolade und hakte im Kopf Namen ab. Ja, Castlereagh und Lady C., Lord Wellesley – vielleicht konnte sie etwas über seinen Bruder auf der Iberischen Halbinsel in Erfahrung bringen. Würde er Lady Hyacinthe mitbringen? Alle verachteten sie, aber wenigstens konnte Céline mit ihr französisch sprechen. Die arme Frau – wenn sie in Frankreich gelebt hätte, hätten alle sie respektiert. Auch wenn Wellesley sie schließlich geheiratet hatte, ächtete die feine Gesellschaft sie noch immer, weil sie früher Schauspielerin am Palais Royal gewesen war. Natürlich half es nicht, dass sie sich keine Mühe gab, Englisch zu lernen. Ein erfolgreiches Diner zu planen, erforderte das Geschick eines Offiziers, der eine Kampfstrategie entwickeln muss. Mit einem Seufzer schob Céline das Tablett zur Seite und stand auf. „Valentine, meine Reitkleidung bitte.“ Sie würde im Park ausreiten und dann bei ihrem morgendlichen Termin die Einzelheiten des Essens mit der Haushälterin und dem Butler besprechen. Würde ihr neuer Butler einem solchen Diner gewachsen sein? Er war gerade mal eine Woche bei ihr. 30


„Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?“ Céline lachte die Besorgnis ihrer Zofe fort. „All die Erschütterungen im Sattel könnten Ihre Kopfschmerzen zurückkehren lassen.“ „Unsinn. Die frische Luft wird auch die letzten Nachwehen des stickigen Salons von gestern Abend vertreiben.“ Valentine kräuselte ein wenig die Nase und stolzierte ins Ankleidezimmer zurück.

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