Skip to main content

331712

Page 1

Cathy Liggett


Darum trĂśstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut. 1. Thessalonicher 5,11 Wenn man Freundlichkeit verschenkt, kommt sie immer wieder zurĂźck. Sprichwort der Amish

3


Kapitel 1 SEI STARK. Sei stark im Herrn, Lydia. Stark im Herrn … Mit einem Blick aus tränenlosen Augen hatte Lydias Maam ihr diese Abschiedsworte zugeflüstert, als sie ihrer Tochter den Arm um die fast noch kindlich schmalen Schultern gelegt und sie zur Kutsche begleitet hatte, zu Henry, ihrem Mann, den sie kaum kannte. Sie war zu schüchtern und verwirrt gewesen, um mit dem wesentlich älteren Henry Gruber unbefangen zu plaudern. Stattdessen hatte sie immer wieder an die Worte ihrer Mutter gedacht. In Gedanken hatte sie ständig diesen Abschiedsgruß wiederholt, auch um das Heimweh zu unterdrücken, das ihr so zu schaffen gemacht hatte. Sie hatte tapfer sein wollen. Deshalb hatte sie den Kopf hoch erhoben gehalten und hatte unverwandt auf die asphaltierte Straße gestarrt, die sich wie ein schwarzes Band von Pennsylvania nach Ohio schlängelte, bis zum Städtchen Sugarcreek. Als Lydia jetzt in der hintersten Ecke des weißen Pavillons saß, den man auf Henrys und ihrem Anwesen aufgestellt hatte, kamen ihr die beschwörenden Worte ihrer Mutter wieder in den Sinn. Wie am Anfang ihres Lebens mit Henry klammerte sie sich erneut daran fest, während sie zusah, wie Englische im Nieselregen ihren Rasen überquerten, Gegenstände aus dem Besitz ihres verstorbenen Mannes in den Händen. Sie war so damit beschäftigt, ihre Trauer nicht zu zeigen, dass sie nicht merkte, wie der Auktionator auf sie zukam. „Mrs Gruber?“ Sie wandte sich um, als sie die Stimme von Mr Cohen hörte. Freundlich, beinahe aufmunternd nickte er ihr zu. War es so weit? Die von ihr so gefürchtete Versteigerung war zu Ende. War es tatsächlich überstanden? Mr Cohen stand vor ihr, in der Hand einen dicken, cremefarbenen Briefumschlag. Jetzt war sie ganz sicher. Im leeren Zelt stan5


den nur noch die Stühle. Die Versteigerung war vorüber. Es war zu Ende. Die letzte öffentliche Handlung nach Henrys Tod war abgeschlossen. Fast alles, was er in seinem Leben besessen hatte, war von fremden Leuten weggetragen worden. Das Gefühl, dass es jetzt endgültig vorbei war, durchfuhr sie wie eine erneute Welle der Angst, noch stärker als die erste. Obwohl sie viel zu jung war, um dieses Zittern in den Beinen zu spüren, fühlten sich ihre Gliedmaßen an wie die eines neugeborenen Fohlens, als sie sich mühsam von ihrem Klappstuhl erhob und endlich dem korpulenten Auktionator gegenüberstand. „Es ist alles hier drin, in dem Briefumschlag.“ Mr Cohen sprach leise und langsam, als ob er vergessen hätte, dass er normalerweise die zu versteigernden Artikel so laut und schnell wie ein Maschinengewehr anpries. „Fast alles Bargeld, aber es sind auch ein paar Schecks dabei.“ Als sie vor wenigen Tagen auf dem Sofa gesessen hatte, ihre Bibel auf dem Schoß, und dabei Henrys leeren Platz auf dem Sessel betrachtet hatte, waren die Bibelverse vor ihren Augen verschwommen. Sie hatte sich vorgestellt, wie dieser Augenblick sein würde. Aber damals hatte sie noch nicht gewusst, wie es sich anfühlen würde, wenn sie alle Habseligkeiten von Henry verlieren sollte. Sie hätte es auch nicht wissen können. Die gemeinsam mit ihm verbrachten Jahre hatten sie mit Henry zusammengeschweißt, mehr als ihr Zusammensein in dem engen Raum der Kutsche in den ersten Tagen ihrer Ehe. Sie meinte, der Schmerz müsste ihr das Herz zerreißen, als sie einen unangenehmen Geschmack im Mund spürte. Wie war das möglich? Blieb vom Leben ihres Mannes auf Erden nichts mehr als ein kleiner, mit Geldscheinen gefüllter Briefumschlag? Entschlossen schluckte sie die aufsteigende Übelkeit herunter. Am liebsten hätte sie diesen Augenblick für immer vor sich hergeschoben. Sie hielt sogar inne, um die Knitterfalten aus ihrem langen schwarzen Rock zu glätten, als ob es lebenswichtig sei, die Spuren des stundenlangen Sitzens von dem frisch gebügelten Kleid zu beseitigen. Und doch wusste sie, dass sie diesen Moment nicht länger hinauszögern konnte. Lange unterdrückte Tränen brannten ihr in den Augen, als sie sich zwang, ihre Hand nach 6


dem braunen Briefumschlag auszustrecken, den der Auktionator ihr hinhielt. Obwohl die Luft unter dem Dach des Pavillons feucht und stickig war, fühlte sich der Umschlag in ihrer Hand seltsam kalt an. Lydia zog den Schal fester um ihre Schultern und versuchte zu sprechen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie brachte noch nicht einmal das Wort danke heraus. Und so neigte sie bloß ihren Kopf zu einem stillen Dank. Der Rand ihrer Kapp, ihrer Gebetshaube, verbarg ihr Gesicht vor seinen Blicken. „Es sind nicht viele Sachen übrig geblieben. Nur ein paar, die sich nicht verkauft haben.“ Mr Cohen sprach rasch weiter. „Die Werkzeuge vom Holzplatz und die Rasenornamente, die er gemacht hat, sind sehr schnell weg gewesen. Das haben Sie bestimmt bemerkt.“ Aber sie hatte gar nichts bemerkt. Sie hatte sich gezwungen, nicht zuzusehen oder zuzuhören, weil sie nicht wissen wollte, wer Henrys Habseligkeiten kaufte. Sie wartete bloß ab, ob jemand Fragen zu den Sachen stellen wollte. Aber die wenigen Amish-Leute und die vielen Englischen, die vorbeigekommen waren, hatten keine Fragen gehabt. Dafür gingen ihr selbst so viele Fragen durch den Kopf. Fragen nach dem Warum und dem Wie quälten sie ständig und raubten ihr in den letzten Wochen den Schlaf. Und noch immer schien Gott keine Antworten für sie parat zu haben. „Ich kann die übrig gebliebenen Sachen Ihres Mannes ins Auktionshaus bringen, wenn Ihnen das weiterhilft“, schlug er vor. „Ich habe meinen Kleinlaster hier.“ „Nee, nee, Mr Cohen.“ Plötzlich konnte sie wieder sprechen. „Ich danke Ihnen, aber ich möchte Sie nicht damit belästigen. Das kann ich doch machen.“ Sie holte tief Luft, weil sie sich unwohl fühlte. Gleichzeitig überlegte sie, wie oft sie hin- und herfahren müsste, um die übrig gebliebenen Sachen in die Stadt zu bringen. Sie hatte die Kutsche nur selten selbst gefahren. Henry hatte wie üblich auch hier die Zügel in die Hand genommen, wie bei fast allem in ihrer Ehe. Aber diese Arbeit musste unbedingt erledigt werden. Die Lebenden durften nicht an den Besitztümern der Toten festhalten. Sie durften nicht gehortet oder gesammelt werden wie Schätze, denn es 7


könnte ja passieren, dass man geliebte Menschen zu Götzen machte. Obwohl es ihr schwerfallen würde, musste sie es irgendwie schaffen, die Sachen loszuwerden. „Wenn Sie meinen … Dann räumen Josh und ich die Sachen in Ihre Scheune.“ Der Auktionator nickte seinem älteren Sohn zu. Der junge Mann hatte bereits begonnen, die übrig gebliebenen Habseligkeiten von Henry zusammenzustellen. „Dann bauen wir jetzt noch den Pavillon ab und sind dann weg.“ „Das wäre guud, Mr Cohen. Ich danke Ihnen.“ Der Auktionator nickte bestätigend. Mit einem letzten Blick voller Mitgefühl wandte er sich um. „Oh, Mr Cohen!“, stieß sie plötzlich hervor, weil ihr einfiel, dass Henry nicht mehr da war, um die geschäftlichen Dinge zu erledigen. „Sie haben doch Ihre Gebühr von der Geldsumme abgezogen, oder?“ „Offen gestanden, Mrs Gruber, unter diesen Umständen …“ Der Auktionator blieb stehen und strich sich nachdenklich über das Kinn. „Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine Gebühr verlangen würde. Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Ich meine, Ihr Mann – ich habe ihn nicht gekannt. Aber … er war zusammen mit den anderen Feuerwehrleuten dort – freiwillig. Er hat versucht zu helfen. Und wenn das Feuer die anderen Gebäude neben der Kirche erfasst hätte …“ Er stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Wir alle sind dankbar, dass es nicht so weit gekommen ist.“ Sie hatte gehört, dass die gesamte Hauptstraße von Sugarcreek in Flammen aufgegangen wäre, wenn sich das Feuer weiter ausgebreitet hätte. Aber sie war es nicht gewohnt, für eine geleistete Arbeit nichts zu bezahlen. Es fühlte sich irgendwie falsch an. „Aber Sie waren den ganzen Tag hier“, gab sie zu bedenken. „Und wir haben uns über eine Gebühr geeinigt, und —“ Er hob die Hand, um sie am Weiterreden zu hindern. „Schon gut.“ Es war eine freundliche Geste, die sie ruhig annehmen konnte. Trotzdem war sie innerlich zerrissen. Henry hätte so etwas nie getan. Er hätte protestiert und darauf bestanden, den Auktionator zu bezahlen. Aber in diesem Moment fühlte sie sich unendlich müde und zu erschöpft, um mit dem Mann zu diskutieren. „Dann danke ich Ihnen noch einmal für Ihre Hilfe, Mr Cohen.“ 8


„Wenn Sie etwas brauchen …“ Dieses Angebot trieb ihr erneut die Tränen in die Augen. Seit Henrys Tod sagten die Leute das zu ihr, Leute, die sie nicht kannte. Sie kamen an ihre Tür. Die einen brachten eine warme Mahlzeit mit, die anderen drückten ihr Beileid aus. Ihre Gesichter waren ihr unbekannt. Es gab so viele Fremde in dieser kleinen Stadt, in der sie doch schon so lange wohnte. Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann wusste sie gar nicht, was sie brauchte – außer Henry natürlich. Er hatte jede Minute ihrer Tage geplant, jedes Jahr ihres Lebens. Und jetzt konnte sie bloß den nächsten Augenblick planen. Als die Männer den Pavillon abbauten, wurde der Regen stärker. Und in diesem Moment wusste Lydia genau, was sie brauchte. Sie musste endlich ins Trockene. Gedämpfte Motorengeräusche ließen sie innehalten. Als sie sah, wie die letzten Englischen mit ihren Autos wegfuhren, erfüllte sie eine tiefe, quälende Sehnsucht, die ihr fast den Atem nahm. Wenn sie doch bloß eine von ihnen sein könnte. Wenn sie doch bloß ein Auto fahren könnte, dann würde sie weit wegfahren. So weit, bis sie an einen Ort kam, wo sie Trost finden könnte in ihrem Schmerz, wo diese tiefe Trauer in ihr einfach aus dem Autofenster fliegen und sich verflüchtigen würde. Aber … das war eine dumme Idee, oder nicht? Denn egal, wohin sie ging, Henry wäre nicht mehr da. Er hatte sie für immer verlassen. Für immer. Dieser Wahrheit musste sie sich stellen. Sei stark, Lydia. Sei stark … Endlich liefen ihr die aufgestauten Tränen über die Wangen. Sie löste sich von dem Anblick der abfahrenden Autos und lief durch das regennasse Gras zurück ins Haus, wo sie zusammen mit Henry gelebt hatte.

9


Kapitel 2 Natürlich wusste Jessica Holtz, dass Liz Cannon immer nur das Beste wollte. Das Wesen der älteren Frau war so liebreizend wie der Vanilleduft ihres Parfüms, der das Innere ihres Autos erfüllte. Jessica erinnerte sich, wie sie das schon als Kind empfunden hatte, als sie sich mit der Tochter von Liz getroffen hatte. Liz hatte ein gutes Herz und deshalb war sie auch mit ihrer Tante Rose so eng befreundet gewesen. Die beiden Frauen waren sich einfach zu ähnlich. Deshalb gab Jessica sich auch alle Mühe, den Mund zu halten – und höflich zu bleiben, obwohl der Fahrstil von Liz und ihr „Anflug“ von Nachtblindheit Jessica den Angstschweiß auf die Stirn trieben. Auf den letzten zehn Kilometern konnte sie kaum noch atmen. Ihre Fingernägel krallten sich in die Unterseite des Ledersitzes. Und noch immer schlingerte und schlitterte Liz in der Dunkelheit über kurvige Landstraßen und Wege auf der Suche nach dem Hof der Grubers. „Das kann ich dir sagen …“ Liz schob ihre blau geränderte Brille bis zur Nasenwurzel hoch. „Diese Landstraßen sehen nachts ganz anders aus als tagsüber.“ Sie beugte sich nach vorn und starrte mit zusammengekniffenen Augen durch die Windschutzscheibe. Jessica hatte dem nichts entgegenzusetzen. Sie hatte oft genug die gleiche Erfahrung gemacht. Bei Tag erstreckten sich auf beiden Seiten der Straße saftig grüne Felder und sanfte Hügel, so weit der Blick reichte. Aber in einer finsteren, sternenlosen Nacht konnten die schwarzen Konturen am Straßenrand verwirrend und beängstigend wirken. Jetzt wünschte sie, sie hätte von vornherein angeboten, sich ans Steuer zu setzen. Sie war die bessere Autofahrerin und ihre Augen waren mindestens fünfundzwanzig Jahre jünger als die ihrer Freundin. „Lass dir nur Zeit“, erwiderte sie so ruhig und beruhigend wie sie konnte, während sie innerlich zitterte und bebte. Ihr nächtlicher 10


Ausflug dauerte schon viel länger als geplant. Sie wollte nur noch nach Hause zu ihrem Sohn – unfallfrei! Jessica zog ihr Smartphone aus der Hosentasche, um ihrem Babysitter eine SMS zu schicken, falls sie nicht bald das Zuhause der Grubers fanden. Hoffentlich hatte Marisa kein Problem damit, wenn sie später kommen würde – viel später als geplant. Es geschah sowieso selten, dass sie an einem Wochentag noch so spät unterwegs war. Im Grunde genommen war sie so gut wie immer zu Hause. Als alleinerziehende, berufstätige Mutter hatte sie nicht viel Geld für Babysitter übrig. Außerdem wollte sie abends so viel Zeit wie möglich mit ihrem kleinen Sohn Cole verbringen, es sei denn, es ereignete sich etwas Unvorhergesehenes, etwas Außergewöhnliches, wie der Plan, den Liz geschmiedet hatte. Sie starrte aus dem Seitenfenster in die Dunkelheit und dachte daran, wie einfach es geklungen hatte, als Liz ihr von ihrer Idee erzählte … Sie brauchten bloß eine einfache, schnell herzustellende Patchworkdecke für die vor Kurzem verwitwete Lydia Gruber zu nähen und dafür den Stoff von Henry Grubers Hemden verwenden. Liz hatte sie vor zwei Wochen bei der Auktion auf dem Anwesen der Witwe ersteigert. Dann wollten sie sich in der Nacht ans Haus schleichen und das Geschenk vor der Tür ablegen, um der jungen Witwe ein Zeichen der Hoffnung zu schenken: Sie war ihren Mitmenschen nicht gleichgültig. Jessica hatte diesem Plan begeistert zugestimmt. Dafür gab es viele Gründe. Und doch war die Sache alles andere als einfach, denn sie hatte ihre Gefühle nicht im Griff. Mit jedem Stich, der ihr nicht akkurat gelang, wünschte sie sich, sie könnte besser mit Nadel und Faden umgehen und etwas Schönes schaffen. Hätte sie doch bloß mehr von ihrer Tante Rose gelernt, die das Stricken und Anfertigen von Patchworkdecken zu ihrer Leidenschaft und ihrem Lebensunterhalt gemacht hatte. Wie sehr fehlte ihr die Tante, die sie wie ihre eigene Tochter großgezogen und sie bedingungslos geliebt hatte! In ihrem Herzen spürte sie noch immer diesen stechenden Schmerz und sie sehnte sich noch immer danach, dass ihr größter Wunsch in Erfüllung ging. Hätte es doch nie jenen Tag gegeben, 11


als das Feuer ausgebrochen war. Dann hätten die Flammen nicht das Leben eines Mannes namens Henry gefordert. Es war vielleicht egoistisch von ihr, aber trotzdem wünschte sie sich, dass das Feuer auch ihre geliebte Tante Rose verschont hätte. Noch immer konnte sie es nicht glauben. Wieder kamen ihr die Tränen. Hörte das denn nie auf? Sie wollte ihre Gedanken und Gefühle in den Griff bekommen. Als sie die Stimme von Liz hörte, fühlte sie sich schon ein wenig besser. „Ich habe bestimmt nicht so lange gebraucht, als ich zu der Versteigerung gefahren bin“, bekannte Liz. „Stimmt, du hast gesagt, dass es ganz in der Nähe von der Stadt ist.“ Als Liz das Auto ruckartig um eine weitere Kurve steuerte, glitt das Geschenk für die junge Witwe beinahe von Jessicas Schoß herunter. Sie packte es und legte es wieder zurecht. „Äh, ich glaube, ich schicke Marisa eine SMS, damit sie weiß, dass wir später zurückkommen.“ Marisa war schon immer ein guter Babysitter für Cole gewesen, aber in den letzten Wochen war sie zu einem Geschenk des Himmels geworden. Sie half Jessica, wo sie nur konnte. Deshalb wollte Jessica die Hilfsbereitschaft der Schülerin aus der Oberstufe nicht überstrapazieren. Sie war gerade dabei, die Kurznachricht an Marisa einzutippen, als sie ein Rascheln von Liz’ Seite des Autos hörte. „Ach du liebe Güte!“ „Was ist denn los?“ Jessica blickte von ihrem Smartphone auf. Liz saß kerzengerade da und schaute konzentriert über das Lenkrad hinweg. „Dort drüben.“ Liz deutete auf eine Stelle am Straßenrand. Dort hat sich etwas bewegt. „Meine Güte! Es ist ein Reh!“, rief sie laut. „Bleib ganz ruhig, du wunderbares Geschöpf. Spring mir bloß nicht vors Auto. Hörst du? Nicht springen!“ Jessica merkte, wie Liz den Fuß vom Gaspedal nahm, bevor sie das Lenkrad herumriss und auf die Gegenspur steuerte. Jessica wurde zuerst nach rechts und dann nach links geschleudert. Das Geschenk und das Smartphone hüpften auf ihrem Schoß auf und ab. „Liz, ich sage es dir nur ungern.“ Sie hielt sich am Armaturen12


brett fest, um sich abzustützen. „Aber das ist kein Reh, sondern ein Amish-Mann. Auf einem Fahrrad.“ „Ach ja? Dann ist ja alles gut. Der wird er ja nicht vor mein Auto springen.“ Liz entspannte sich wieder und ließ die Schultern sinken, während sich Jessicas Nackenmuskeln spürbar anspannten. Ja, sie war tierlieb. Und ja, sie würde nie in ihrem Leben ein Reh anfahren wollen. Aber die Möglichkeit, einen Mann zu überfahren, einen echten, lebenden Menschen – nun, das war eine wirklich ernste Sache. Zumindest aus ihrer Sicht. Sie wappnete sich für das Schlimmste und hielt erneut die Luft an, als Liz praktisch im Kriechgang weiterfuhr. Es dauerte lange, bis sie an dem Mann auf dem Fahrrad vorbeigefahren war und dabei ein bisschen wenig Abstand zu ihm hielt – fand Jessica, aber das sagte sie lieber nicht laut. „Er braucht ein Rücklicht für sein Fahrrad“, bemerkte Liz, als sie ihn hinter sich gelassen hatte und Jessica endlich erleichtert ausatmen konnte. „Äh, er hat eins“, erwiderte Jessica leise. „Wirklich? Dann ist es aber ziemlich schummrig. Oder zu klein.“ „Na ja, das Rücklicht könnte ein bisschen größer sein“, stimmte Jessica ihr zu, aber eher, um die ältere Frau zu beschwichtigen. „Ach, übrigens. Lass mich doch das letzte Stück fahren“, schlug sie vor. „Das ist vielleicht sinnvoller. Ich meine, dann kannst du nach der Straße Ausschau halten. Du warst schließlich schon mal dort.“ Sie riss sich zusammen, damit ihre Stimme ruhig klang. „Ach nein. Ich schaffe das schon, Schätzchen. Außerdem habe ich so eine Ahnung, dass wir schon ganz nah dran sind.“ Liz klang zuversichtlich. Wie immer. Jessica wusste nicht, wann sie jemals lernen würde, dass sie manche Situationen – und Menschen – nicht in den Griff bekommen konnte. Mit einem Seufzer lehnte sie sich zurück. Sie versuchte sich zu entspannen und bloß nicht an das zu denken, was in den letzten Wochen geschehen war. Lieber konzentrierte sie sich auf die Gegenwart und auf die überraschenden Dinge, die Liz ihr über ihre Tante erzählt hatte. Aber im Grunde genommen hätte sie nicht so überrascht sein müssen. 13


„Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass du und Tante Rose auf solche nächtlichen Touren gegangen seid und ich nie etwas gemerkt habe.“ „Wie hättest du es auch mitbekommen sollen? Im schwachen Licht des Autoinneren sah Jessica, wie Liz lächelte. Dabei glänzte das Haar ihrer trendigen Igelfrisur in der Dämmerung. Jessica lachte leise auf. „Ja, stimmt. Diese Eskapaden sollten ja geheim bleiben.“ Sie hatte immer gedacht, sie wüsste alles über ihre Tante, die wie eine Mutter zu ihr gewesen war. Aber da hatte sie sich gründlich getäuscht. „Ich habe nie gewusst, dass Tante Rose inkognito so viel Gutes in dieser Stadt bewirkt hat. Und du natürlich auch“, fügte sie hastig hinzu. „Oh nein. Ich habe gar nicht so viel getan“, erwiderte Liz kopfschüttelnd. „Ich habe dir ja schon erzählt, dass das alles die Idee von Rose gewesen ist. Ich hatte nur das Glück, dass sie mich zu ein paar von ihren Spritztouren eingeladen hat. Auf diese Art habe ich mich das ganze Jahr über ein bisschen wie der Nikolaus gefühlt.“ Liz hatte Jessica kurz nach der Beerdigung ihrer Tante Rose beiseitegenommen und ihr erzählt, wie diese sie vor Jahren nach dem Gottesdienst angesprochen hatte. Wie aus heiterem Himmel. Es war, als ob sie gewusst hätte, dass Liz gerade in diesem Augenblick einen Menschen brauchte. Genau an jenem Sonntag war der dritte Todestag von Liz’ Mann gewesen. Obwohl dieser Todesfall für alle anderen schon längst der Vergangenheit angehörte, hatte Liz noch immer damit zu kämpfen gehabt, diesen Verlust zu verarbeiten und die entstandene Leere in ihrem Leben sinnvoll auszufüllen. An jenem Sonntagmorgen hatte Rose Liz in ihr Geschäft eingeladen. Dort sollte ein kostenloser Strickkurs stattfinden. Nachdem Liz zu einer treuen Teilnehmerin geworden war, hatte Rose sie gefragt, ob sie sich daran beteiligen wollte, anderen heimlich Gutes zu tun. „Es klingt ganz so, als ob du und Tante Rose bei eurem Egagement viele tolle Dinge erlebt habt“, bemerkte Jessica und dachte an die Geschichten, die Liz ihr bereits erzählt hatte. „Aber sicher doch. Bei diesen nächtlichen Ausflügen haben wir immer viel gelacht.“ Liz musste schmunzeln. „Es hat sich gut angefühlt, für andere etwas zu tun. Noch besser war es, dass ich endlich 14


auf andere Gedanken gekommen bin. Deine Tante war schon ein ganz besonderer Mensch.“ Jetzt klang ihre Stimme plötzlich traurig. Jessica klopfte Liz sanft auf die Schulter, so wie es die ältere Frau in den letzten Wochen so oft getan hatte. Diese Geste war ein Ersatz für die Worte, die ihr in diesem Augenblick fehlten. Es fühlte sich so seltsam an, dass sie ihre Tante nun verloren hatte und gleichzeitig ihr Woll- und Nähparadies geerbt hatte. Es war so unwirklich, als wäre sie in die Haut einer anderen Person geschlüpft und hätte in ihrem eigenen Leben den Halt verloren. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass Tante Rose mir ihren Laden vermacht hat.“ „Schätzchen, außer dir hatte sie niemanden. Sie hat dich geliebt – und ihren Laden.“ Liz redete beruhigend auf sie ein. „Warum solltest du nicht ihren Laden übernehmen? Sie hätte das so gewollt.“ „Ich weiß. Aber …“ Für Jessica war diese Situation logisch und unglaublich zugleich. Sie hatte keinerlei Begabung dafür, einen Handarbeitsladen zu führen. Und ihrer Tante war das auch bewusst gewesen. Als Jessica bei ihr aufwuchs, hatte sie kaum Interesse am Geschäft ihrer Tante gezeigt. Aber in ihrem tiefsten Inneren wusste sie, dass sie es nicht anders haben wollte. Und so hatte ihre Tante es bestimmt auch empfunden, als sie ihr Testament aufsetzte. Für Jessica gehörte der Laden zu ihrer Kindheit. Er war – wie für Rose auch – ein Stück Familie. „Ich hoffe bloß, dass ich alles schnell lerne, damit der Laden auch läuft.“ Sie wollte doch verhindern, dass das Lebenswerk ihrer Tante durch ihre Ungeschicklichkeit zerstört wurde. „Also, so dumm hast du dich bei unserer Patchworkdecke für Lydia Gruber gar nicht angestellt“, entgegnete Liz. Das war so offensichtlich geflunkert, dass Jessica mit einem Lächeln zu ihr hinübersah. „Es ist gut, Liz. Du brauchst nicht zu lügen. Ich kenne meine Defizite nur zu gut.“ Aber sie hatte auch feierlich gelobt, an diesem Defizit zu arbeiten. „Nein, ich meine das ernst. Du hast vorher noch nie eine Nadel in der Hand gehabt und das glaube ich dir auch.“ Jetzt musste Jessica laut lachen. Im Gesicht von Liz zeigten sich Hunderte Fältchen, weil sie über ihre eigenen Worte verblüfft war. 15


„Da habe ich mich wohl falsch ausgedrückt. Ich wollte eigentlich sagen –“ Doch Jessica fiel Liz ins Wort. „Hier ist die Quarterhorse Road.“ Sie deutete auf ein kleines Schild, das links von ihnen stand. „Ist das nicht die Straße, nach der wir gesucht haben?“, fragte sie hoffnungsvoll. „Ja, das ist sie endlich.“ Abrupt bog Liz links ab. „Wir sind gleich da. Der Hof der Grubers ist nur ein kleines Stück weiter oben“, dabei schaltete sie rasch die Scheinwerfer aus. Jessica warf der älteren Frau einen erstaunten Blick zu. „Jetzt aber Spaß beiseite, Liz. Was machst du da?“ „Das ist schon o.k. So machen wir es immer. Kein Licht.“ Liz zuckte mit den Schultern. „Schließlich sind wir in geheimer Mission unterwegs. Schon vergessen? Außerdem sind wir in fünf Sekunden an der Einfahrt.“ Als Liz plötzlich scharf bremste und das Auto abrupt zum Stehen kam, meinte Jessica, sie müsste jetzt erleichtert sein, weil sie ihr Ziel sicher erreicht hatten. Aber als Liz und sie da saßen und auf das Haus der Grubers starrten, spürte sie wieder diese große, innere Unsicherheit. Als Kind hatte sie sich eine Theorie zurechtgelegt: Im Leben eines Menschen kann sich nur eine einzige schlimme Katastrophe ereignen. Das hatte sie sich ausgedacht, nachdem die unfassbare Tragödie geschehen war und sie mit acht Jahren beide Eltern bei einem tödlichen Autounfall verloren hatte. Nach diesem schrecklichen Schicksalsschlag war sie sich sicher, dass ihr weitere Tragödien erspart bleiben würden. Und jetzt, mit siebenundzwanzig Jahren, als Mutter eines kleinen Sohnes und nach dem viel zu frühen Tod ihrer Tante, fühlte sie sich plötzlich wieder wie ein Waisenkind. Ihre Theorie hatte sich als falsch erwiesen. Als sie zu dem Haus der Witwe aufsah, musste sie sich eingestehen, dass niemand vor Leid und schrecklichen Schicksalsschlägen sicher war. Sie nicht und auch nicht die junge Witwe, die sie noch nicht einmal kannte. Sie drückte das schön eingepackte Geschenk an die Brust und wünschte, sie hätte beim Nähen ihre Sache besser gemacht. Liz mit ihrer beharrlich positiven Art meinte, dass man die unförmigen Sti16


che auf der Vorderseite der Patchworkdecke und die seltsam verschlungenen Fäden auf der Rückseite gar nicht bemerken würde, weil die mit der Decke verbundenen Gefühle die kleinen Macken überdecken würden. Hoffentlich würde es so sein. „Die Versteigerung war hier?“, flüsterte sie in die Stille hinein. „Im Garten?“ „Ja, dort drüben.“ Liz nickte zustimmend. Wie seltsam muss das für diese Lydia Gruber gewesen sein, dachte Jessica. Dieses Treiben, die vielen Menschen. Der Singsang des Auktionators, als er die Gegenstände anpries. Die Autos, die auf dem Gras parkten. Und jetzt war das alles verschwunden. Es war totenstill und am Himmel war kaum ein Stern zu sehen. „Hast du sie kennengelernt?“, fragte Jessica leise. „Am Tag der Versteigerung?“ „Nein“, antwortete Liz. „Aber es kommt mir so vor, als würde ich sie kennen.“ Jessica nickte zustimmend, weil sie wusste, dass Liz vor einigen Jahren in derselben Situation gewesen war. Und natürlich hatte Jessica ihre eigenen Verluste zu überwinden. „Ich hoffe sehr, dass sie sich ein bisschen besser fühlt, wenn sie diese Decke vor ihrer Haustür findet.“ „Das ist unsere Hoffnung, wie deine Tante Rose immer gesagt hat.“ Liz hielt inne, bevor sie weitersprach. „Sind wir bereit?“ Bevor Liz die Tür auf der Fahrerseite aufmachen konnte, um auszusteigen, legte Jessica ihr die Hand auf den Arm. „Weißt du, Liz, unser Gespräch heute Abend hat mich eins gelehrt: Manche Leute können manche Dinge besser als andere.“ Liz sah sie verblüfft an. „Wie wäre es, wenn du das hier nimmst …“ Jessica reichte ihr das Geschenk. „Und ich nehme die hier.“ Dabei deutete sie auf die Autoschlüssel, die Liz in der Hand hielt. Und noch bevor Liz reagieren konnte, griff sie schon danach. „Für die Heimfahrt.“ „Habe ich dir so viel Angst eingejagt?“ „Na ja …“ Jessica schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln. „Ein bisschen.“ Einen kurzen Moment lang wirkte Liz ein wenig durcheinander. Aber dann war sie wieder ganz die Alte mit ihrem immer fröhlichen 17


Wesen. „Und das geht natürlich nicht. Nicht an einem so besonderen Abend wie heute.“ Kaum hatte Liz diese Worte ausgesprochen, da wurde Jessica hinund hergerissen von einer Flut von Gefühlen, die ihr die Tränen in die Augen trieben. Sie fühlte Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Freundlichkeit und Mitgefühl, Erstaunen und Trauer über ihren Verlust. Aber viel stärker als das alles war eine überschwängliche, tief gehende Dankbarkeit für ihre Tante, die sie so liebte. Und die ihr ebenfalls ihre Liebe geschenkt hatte. Das tue ich für dich, Tante Rose! Sie war zu überwältigt von ihren Gefühlen, daher behielt sie die Worte für sich. Aber sie trug sie in ihrem Herzen, als sie und Liz aus dem Auto stiegen und durch die stille Nacht zum Haus der Witwe schlichen.

ɅɅ

In der Dunkelheit des Schlafzimmers rang Lydia nach Luft. Unter der Bettdecke wurde ihr ganzer Körper starr vor Angst. Da war es wieder. Die Geräusche, als ob etwas näher kommen würde, als ob noch jemand da wäre. „Lieber Gott.“ Sie zuckte zusammen und wartete auf die Tränen, die nicht kommen wollten. „Ich muss doch schlafen. Zur Ruhe kommen. Ich will mich doch sicher und geborgen fühlen.“ Sie konnte sich nicht erinnern, jemals in ihrem Leben so müde gewesen zu sein. Sie versuchte, sich an den Plan zu halten, den Henry für sie beide aufgestellt hatte. Er behauptete, nur so könne man ein gesundes, produktives Leben führen. Abends spätestens um halb zehn ins Bett, morgens um halb sechs aufstehen. Aber Nacht für Nacht war es das Gleiche. Diese Unruhe, die sie fühlte, raubte ihr den Schlaf. Hatte in all den Jahren, als er neben ihr lag, Henrys gleichmäßiger Atem die nächtlichen Geräusche übertönt? Sie starrte an die Zimmerdecke, wartete und lauschte angestrengt, ob sie wieder etwas hörte. Da – ein Kratzen über ihr. Oder kam es aus dem Wohnzimmer? Starr vor Angst drehte sie langsam den Kopf. Sie hörte nichts außer ihrem Herzschlag, der in ihrem Ohr dröhnte. Sie hoffte, dass es jetzt endlich still würde. Aber da – 18


es war wieder da. Ein gedämpftes Geräusch … und eine Ahnung, dass da etwas in der Nähe war. War es drinnen? Oder draußen? Wieder hatte sie den Eindruck, dass sie nicht allein war. Sie warf einen Blick auf die Laterne, die auf ihrem Nachttisch stand, und zwang sich dazu, das Licht anzuzünden. So konnte sie nicht weitermachen – nicht noch eine Nacht. Sie konnte sich nicht wie ein verängstigtes Tier in ihrem eigenen Bett verkriechen. Mühsam stand sie auf. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie in ihren Schal eingewickelt nach der Laterne griff und auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer schlich. Ihr Blick schweifte durch das Zimmer auf der Suche nach etwas, das nicht hierher gehörte. Aber sie konnte nichts entdecken. Sie konnte nichts hören. Gar nichts. Sie stand einfach nur da in der Stille, die sie umgab. Sie spürte, wie sie schwankte und ihr vor Erschöpfung schwindlig wurde. Trotzdem konnte sie sich nicht wieder in ihr Bett legen, weil sie sich vor dem leeren Platz neben ihr fürchtete. Stattdessen machte sie die Laterne aus. Als das bleiche Mondlicht durch das Fenster schien, ließ sie sich auf Henrys Sessel nieder. Die Armlehnen fühlten sich kalt an und das Kissen war härter als sie dachte. Dennoch konnte sie ihn beinahe spüren, konnte sich vorstellen, wie er da war und sie beschützte. Wenigstens ein paar Nächte wollte sie hier verbringen und zur Ruhe kommen.

19


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook