Katie Ganshert
Das Motel der vergessenen Träume
ɅɅ Einmal wurde ich vom Herrn ergriffen und hatte eine Vision. Darin hob mich Gottes Geist empor und brachte mich in ein weites Tal, das mit Totengebeinen übersät war. Dann führte er mich durch die ganze Ebene, und ich sah dort unzählige Knochen verstreut liegen. Sie waren völlig vertrocknet. Gott fragte mich: „Du Mensch, können diese Gebeine je wieder lebendig werden?“ Ich antwortete: „Herr, mein Gott, das weißt du allein!“ Hesekiel 37,1-3 (Hoffnung für alle)
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Prolog Carmen Die Krankenschwester schob mich einen Gang hinunter und durch eine Tür in den kleinen Aufwachraum, in dem mein Mann saß und wartete. Sobald wir ins Zimmer kamen, stand er auf. „Ihre Frau ist ziemlich müde, aber wach. Sie muss aufstehen und herumlaufen können, bevor Sie gehen dürfen.“ „Hat sie Schmerzen?“, wollte Ben wissen. Ich schloss die Augen und tat so, als würde ich schlafen. „Eigentlich dürfte sie keine haben.“ Die Tür schloss sich. Ben kam an mein Bett und umfing meine kalte, leblose Hand mit seinem festen Griff, so als hoffte er, ich würde näher bei ihm bleiben, je fester er mich hielt. Aber es war zu spät. Ich war bereits fort. Als die Krankenschwester einige Zeit später wiederkam, trat Ben zurück. Sie rüttelte mich ein wenig an der Schulter und ermunterte mich erst, mich aufzusetzen, dann aufzustehen und anschließend durchs Zimmer zu gehen. Und dann entließen sie mich einfach – als würde die Tatsache, dass ich aufstehen und herumlaufen konnte, bedeuten, dass es mir jetzt besser ging. Auf dem Weg hinaus war Ben sichtlich um mich besorgt. Sein Blick brannte mehr auf meinem Gesicht als die Sonne Floridas. Seit die Schwester mich ins Zimmer geschoben hatte, waren seine Augen nicht von mir gewichen. Ich hatte ihn noch immer nicht angesehen. Er öffnete mir die Wagentür und ich stieg ein. Dann zog ich den Sicherheitsgurt über meinen Brustkorb und starrte mit trockenen Augen und leerem Herzen geradeaus. Sobald Ben den Zündschlüssel drehte, erfüllte christliche Musik das Auto. Wie eine Schlange stieß meine Hand vor und betätigte die Aus-Taste. Dann fuhren wir in der Stille los. 7
Da mir einfach nicht warm werden wollte, schlang ich die Arme um meinen Körper und beobachtete die Palmen, die wie leuchtend grüne Streifen an meinem Fenster vorbeizogen. Ben hielt das Lenkrad so fest umklammert, dass seine Knöchel weiß hervortraten, und jedes Mal, wenn wir an einer roten Ampel hielten, warf er mir rasch einen Blick zu. Als er schließlich in die Einfahrt zu unserem Haus abbog und den Wagen zum Stehen brachte, blieben wir beide reglos sitzen. Das Schweigen zwischen uns war schreiend laut, während ich immer weiter davontrieb – hinaus auf ein Meer ertrinkender Hoffnungen. „Carmen.“ Eine ganze Armee aus Emotionen war in meinen Namen einmarschiert, allen voran die Verzweiflung. Eine bessere Ehefrau wäre ihrem Mann auf halbem Wege entgegengekommen, hätte ihn vielleicht sogar beruhigt – mit einem Blick, einem Händedruck, irgendeinem Zeichen, dass alles gut werden würde. Ich dagegen konnte nichts tun, als die rosa Blüten der Kreppmyrte vor unserem Haus anzustarren. Neues Leben. Wie ironisch. Ben streckte den Arm über die Mittelkonsole und legte die Hand auf mein Knie. „Sag mir, was ich tun soll. Sag mir, wie ich es besser machen kann.“ Etwas Unbeherrschtes kletterte gewaltsam meine Kehle hinauf. Ein Baby würde es besser machen. Gib mir ein Baby! Ben und ich machten alles richtig. Wir folgten Gottes Willen. Warum also funktionierte es nicht? Warum geschah das hier immer wieder? Aber ich schluckte die Unbeherrschtheit in mir hinunter und bewegte mein Bein. Seine Hand rutschte auf den Sitz – trauernd und allein.
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Kapitel 1 Gracie Wenn man in einer Kleinstadt wie New Hope, Texas, aufwächst, gibt es den Luxus der Anonymität nicht. Ich war die Tochter von Evelyn Fisher, einer Frau, die für zwei Dinge bekannt war: dass sie oft das Spirituosengeschäft an der Ecke besuchte und dass sie sich jeden zweiten Sonntag im Fluss taufte. Als kleines Mädchen saß ich auf der Reifenschaukel unter unserer Eiche und malte mit dem großen Zeh Kreise in den Dreck, während ich zusah, wie meine Mutter sich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes bekreuzigte, bevor sie in das Gewässer hineinstieg, das an unseren Garten grenzte. Ich weiß noch, dass das Kreuzzeichen mich mehr verwirrte als die eigentliche Taufe. Damals gingen wir in eine Baptistengemeinde, wo man so etwas nicht tat. „Man kann das Mädchen aus dem Katholizismus entfernen, aber nicht den Katholizismus aus dem Mädchen“, sagte sie auf meine Nachfrage hin. „Ich weiß nicht, was das bedeutet.“ „Es bedeutet, dass man alte Gewohnheiten nur schwer ablegt, Gracie-Spätzchen.“ Das verstand ich. Denn so oft sie auch ihre Flaschen in die Spüle entleerte und in dem Fluss untertauchte, der Spirituosenschrank blieb nie lange leer. Natürlich waren wir hässliche Entlein in New Hope und die hässlichsten Entlein von allen in unserer Kirche. Nicht so sehr, weil Mama einen Rosenkranz in ihrer Handtasche bei sich trug oder während der Predigten weinte oder sich beim Segen bekreuzigte, sondern weil sie trank, und unser Pastor sagte, die Trinkerei sei so, als würde man mit dem Teufel tanzen. Eines Sonntags, als sie von Kopf bis Fuß patschnass auf unser Haus zukam, hielt ich meinen Reifen an und blinzelte sie durch die 9
helle Nachmittagssonne an. „Warum tauchst du immer so im Fluss unter?“ Sie blieb stehen, als würde sie mich zum ersten Mal sehen. Das kam oft vor – dass sie meine Anwesenheit vergaß. Für gewöhnlich musste ich schon in größere Schwierigkeiten geraten, damit sie sich an mich erinnerte. Mama beschirmte mit einer Hand ihre Augen. „Um neu gemacht zu werden, Kleines.“ Irgendwann gab sie die Taufen auf und beschloss, stattdessen einen Entzug zu machen. Mein viertes Schuljahr war gerade zu Ende, als sie mich für drei Monate bei meinem Vater absetzte. Als sie mich schließlich wieder abholte, waren alle unsere Habseligkeiten in den Kofferraum unseres rostigen alten Kombis gestopft. Wir verließen New Hope und fuhren nach Osten in eine Stadt namens Apalachicola in Florida. Meine Mutter bekam dort eine Anstellung als Kellnerin und ich ging in die Franklin High zur Schule. Ab diesem Zeitpunkt gab es keine Kirchenbesuche mehr. Und auch keine Taufen im Fluss. Das Einzige, was sich nicht änderte, war Mamas Tanz mit dem Teufel.
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Als mein Wecker ertönte, überkamen mich zwei diametral entgegengesetzte Gefühle. Erleichterung, weil dies mein letztes Jahr an der Franklin High war, und Angst, weil es erst der erste Tag dieses letzten Jahres war. Ich schlug mit der Hand auf mein Handy, damit es verstummte, und nahm den Stimmungsring von meinem Nachttisch; sein Stein hatte die Farbe eines Gewitterhimmels. Eigentlich glaubte ich nicht daran, dass der Ring meine Stimmung erspüren konnte, aber ich hatte ihn unter einem Kaubonbonpapier gefunden, als ich einen der vielen Straßengräben von Müll befreit hatte. Der Ring war ganz hübsch und sogar aus richtigem Silber – nicht wie die kitschigen Fünf-Dollar-Ringe, die man in Modeschmuckgeschäften wie Claire’s kaufen konnte. Und er passte. Also hatte ich ihn sauber gemacht und eingesteckt. Mein einer, einziger Schatz aus einem Sommer voller Müll. Durch den schmalen Spalt zwischen dem fadenscheinigen Tep10
pich und meiner Schlafzimmertür drang eine gedämpfte Unterhaltung herein – eine Männer- und eine Frauenstimme, die sich über einen Wasserrohrbruch in der Innenstadt von Tallahassee unterhielten. Das bedeutete, Mom war entweder a) schon wach und sah sich die Nachrichten an oder b) bewusstlos auf dem Sofa, während der Fernseher vom Abend zuvor noch lief. Wenn ich Geld gehabt hätte, das ich verwetten könnte, hätte ich alles auf Möglichkeit b) gesetzt. Ich presste den Daumen auf den Stein des Stimmungsrings und stellte mir Lila vor – eine Farbe, die für glücklich, entspannt und frei stand. Das wusste ich, weil ich im letzten Frühjahr im Buchladen in der Stadt dieses gigantische Taschenbuch mit dem Titel Die Bedeutung der Farben gefunden und es an einem einzigen Tag komplett durchgelesen hatte. Ich nahm den Daumen von dem Stein und wagte einen Blick. Der Bernsteinton von Katzenaugen starrte mich an – gemischte Gefühle. Vielleicht funktionierte der Ring ja doch. Mit einem resignierten Seufzer trat ich das Laken, das meine Beine bedeckte, zur Seite und streckte den Kopf zur Tür hinaus. Der Fernseher warf ein himmlisches Licht auf meine Mutter, die auf dem Sofa lag, einen Arm über den Kopf gestreckt. Jenseits von Gut und Böse. Einhundertachtzig Tage … einhundertachtzig Tage … einhundertachtzig Tage … Das sagte ich mir immer wieder, während ich mir die Zähne putzte, das Gesicht wusch und die Augen mit flüssigem Eyeliner schminkte. Dann schlüpfte ich in ein schlichtes T-Shirt, eine verschlissene Jeans und ein Paar Springerstiefel, das ich mir in einem Secondhandladen gekauft hatte, als ich noch nicht pleite gewesen war. Dank Chris Nanning und meiner falschen Entscheidung und dem dicken Richter mit der chronisch düsteren Miene herrschte auf meinem Konto zurzeit gähnende Leere. Prüfend musterte ich mich noch ein letztes Mal im Spiegel. Die vergilbte Postkarte, die in der Ecke meines Kommodenspiegels festgeklemmt gewesen war, hatte sich gelöst. Ich zog sie ganz heraus und drehte sie um. Die Einladung auf der Rückseite war ebenso vergilbt wie die Vorderseite, aber in meinem Gedächtnis war sie ganz scharf und deutlich zu lesen. Es war der einzige Ort, 11
an dem meine Gesellschaft nicht nur geduldet, sondern erwünscht war. Erhofft sogar. Wenn es den Beweis nicht gäbe, der mich anstarrte, hätte ich die Erinnerung wahrscheinlich einem ernsten Fall von Wunschdenken zugeschrieben. Ich klemmte die Karte wieder ein und schob mir eine Strähne meines kohlrabenschwarzen Haares hinters Ohr. Sie blieb nicht dort. Vor zwei Tagen hatte ich in einem impulsiven Augenblick meine Haare abgeschnitten und schwarz gefärbt. In dem Moment hatte die Veränderung sich mutig angefühlt, sogar symbolisch, so als würde ich meinen Mitschülern eine lange Nase drehen. Mit Sicherheit würden sie am ersten Schultag besonders laut hinter meinem Rücken tuscheln. Die neue Optik war meine Botschaft an die anderen, dass es mir egal war, was sie sagten oder dachten. Wenn das doch nur wahr wäre. Auf der Arbeitsplatte in der Küche stand eine leere Weinflasche Wache; eine zweite lag umgekippt in der Spüle. Ich nahm mir ein Fertigtörtchen aus einem der Schränke und sah auf die Uhr. Viertel vor acht. „Mom!“ Hastig drehte ich den Wasserhahn auf und schlürfte etwas von dem fließenden Wasser, dann riss ich meine Schultasche von der Rückenlehne eines Esszimmerstuhls. „Wir müssen los.“ Sie murmelte etwas Unverständliches. Ich nahm die Fernbedienung vom Couchtisch und schnitt der Nachrichtensprecherin mitten im Satz das Wort ab. „Du musst dich fertig machen.“ Sie wischte sich den Speichel aus dem Mundwinkel und drehte sich auf die andere Seite. Selbst mit der verschmierten Wimperntusche, den zerzausten Haaren und der roten Falte quer über ihrer Wange schaffte sie es noch, schön auszusehen. Dumm für mich, dass ich nach meinem Vater kam. „Ich komme zu spät zur Schule. Und du zur Arbeit.“ „Zu müde“, krächzte sie. Oder besser zu verkatert. In meiner Brust stieg Wut auf. Ich holte tief Luft und atmete langsam wieder aus. Keine Ahnung, wie oft sie noch zu spät kommen konnte, bevor sie rausgeschmissen wurde, aber die Unpünktlichkeit meiner Mutter war nicht mein Problem. Sie würde nur 12
zu meinem Problem werden, wenn ich hierblieb. Ihr Boss drückte möglicherweise ein Auge zu. Direktor Best (ein Name, wie er ironischer nicht hätte sein können) würde es hingegen nicht tun. Ich kramte in ihrer Handtasche und nahm ihren Schlüssel heraus. Einhundertachtzig Tage … einhundertachtzig Tage … einhundertachtzig Tage …
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Kapitel 2 Gracie In der ersten Stunde hatten wir Sport. Völkerball. Hurra. Ich lehnte mich an die Wand, während Schaumstoffbälle quer durch die Halle flogen. Die Jungs übernahmen den Großteil der Würfe. Die Mädchen kreischten dafür am meisten. Mein Sportlehrer, der mittig am Spielfeldrand stand, bemerkte, dass ich mit meinem iPod Musik hörte, und winkte mich mit dem Zeigefinger zu sich. Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gesehen. Daraufhin kam er zu mir und streckte die Hand aus. „So dumm bist du doch nicht, Gracie.“ Widerwillig drückte ich ihm den iPod in die Hand. „Du kannst ihn heute nach der Schule wieder abholen“, sagte er in dem Moment, als ein Schaumstoffball ihn am Hinterkopf traf. „Sorry, Coach“, rief Kyle Marcello, einer der dreistesten und unterbelichtetsten Verteidiger der Franklin High, von der anderen Seite der Halle zu uns herüber. „Ich hatte auf Fisher gezielt.“ Der Trainer kehrte auf seinen Platz an der Mittellinie zurück. Meinen iPod hatte er in die Tasche seiner Shorts geschoben. Ihh! Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn jetzt noch wiederhaben wollte. Kyle fing meinen Blick auf und schwang mit einem spöttischen Grinsen im Gesicht einen imaginären Baseballschläger. Ich verdrehte nur die Augen. Einhundertachtzig Tage … einhundertachtzig Tage … In der zweiten Unterrichtsstunde hatten wir unser Oberstufenwahlfach. In meinem Fall bedeutete das: Einführung in die Philosophie. Das hatte mir meine Tutorin aufs Auge gedrückt. „Du bist ein kluges Mädchen, Gracie, das beweisen die Ergebnisse deines College-Eignungstests. Deshalb ist das ein guter Kurs für dich.“ Als ich ihre Argumente eins nach dem anderen widerlegt hatte, hatte sie gesagt, das sei nur ein weiteres Zeichen, dass ich für diesen Kurs gut geeignet sei. Machte ja nichts, dass der Lehrer, der kleine, kahlköpfige, schildkrötenartige Mr Burrelson, nach Voltarensalbe roch und sich 14
ständig ein weißes Speichelband zwischen seiner Unter- und Oberlippe bildete, wenn er sprach. Ich starrte auf die Spuckebläschen in seinem Mund, während er das Lehrbuch Die philosophische Reise: ein interaktiver Ansatz austeilte und unaufhörlich über die Erwartungen schwadronierte, die er an uns Schüler stellte. Seine trüben Augen leuchteten auf, als er davon sprach, wie wichtig Analyse und Debatte seien. Das bisschen Aufmerksamkeit, das die Schüler ihm noch entgegengebracht hatten, verlor er, als er anfing, mit Begriffen wie „ethische Entscheidungsfindung“ und „moralische Zulässigkeit versus moralische Notwendigkeit“ um sich zu werfen. Ich spielte mit meinem Stimmungsring, bis sich die Farbe von Gelb zu Hellgrün änderte, und überlegte, wie lang Mr Burrelsons Spuckeband wohl werden würde, bevor es abriss. Sobald die Glocke ertönte, packte ich meine Sachen zusammen und ging zur Toilette. Als ich meine Kabine verließ, kam gerade Chelsea Paxton, ein übergewichtiges Mädchen aus meiner Klasse, herein. Chelsea war eine Außenseiterin, so wie ich. Seit ich in der fünften Klasse auf die Schule gekommen war, hatte ich mit angesehen, wie sie alles nur Menschenmögliche tat, um dazuzugehören. Bis jetzt mit wenig Erfolg. Meistens sah sie aus wie ein Hündchen, das man getreten hat, weshalb ich sie anlächelte, wann immer wir uns über den Weg liefen. Auch wenn sie verzweifelt zu den Leuten gehören wollte, die ich hasste, tat sie mir einfach leid. Chelsea erwiderte mein Lächeln, dann verschwand sie in der letzten Toilettenkabine in der Reihe. Ich hatte gerade zweimal den Seifenspender betätigt und die Seife zu Schaum verrieben, als die Situation sich drastisch verschlechterte. Zwei der größten wandelnden Klischees der Schule – Sadie Hall und ihr bewährter Schatten Jenna Smith – betraten den Raum. Sobald Sadie mich sah, musterte sie mich von oben bis unten. „Schöne Haare.“ „Schönes Gesicht.“ Ihre Wangen leuchteten rosa. Eine Toilettenspülung rauschte. Wahrscheinlich hätte ich Chelsea davor warnen sollen rauszukommen. Sadie und Jenna waren erbarmungslos, wenn es um sie ging. Sie griffen sie persönlich an, machten sie in den sozialen Netzwerken fertig, attackierten sie mit Textnachrichten. Und das 15
Schlimmste? Chelsea wehrte sich nie und die Lehrer unternahmen nichts dagegen. Ich spülte gerade die Seife von meinen Händen, als Chelsea aus der Kabine kam. Sie sagte atemlos Hallo zu Clown 1 und Clown 2 und drehte dann den Wasserhahn auf. Jenna fing an, Würgegeräusche von sich zu geben. Chelsea starrte auf das Waschbecken. Ich presste die Lippen aufeinander. „Hier drinnen stinkt’s“, sagte Jenna. Ich riss einige Papierhandtücher ab. Halt dich da raus, Gracie. Du kannst es dir nicht leisten, noch mehr Schwierigkeiten zu bekommen. Den Kopf immer noch gesenkt, schob Chelsea sich an Sadie vorbei, um sich die Hände abzutrocknen. Sadie hustete und fächelte sich mit einer Hand Luft zu. „Was hast du für ein Problem?“ Die Worte sprangen aus meinem Mund, bevor ich sie aufhalten konnte, und hallten in der gewölbeartigen Mädchentoilette wider. Offenbar war ich doch nicht so schlau, wie meine Tutorin meinte. „Ich soll ein Problem haben? Schließlich bin ich nicht diejenige, die sich nicht duschen kann.“ Sadie musterte Chelsea von oben bis unten mit angewidertem Blick. „Heute ist der erste Schultag. Und sie gibt sich nicht mal Mühe.“ „Und es gibt Leute, die geben sich zu viel Mühe.“ „Wie bitte?“ „Ist das eine Flasche Foundation in deinem Gesicht oder sind es zwei?“ Sadie trat näher und rückte mir dabei unangenehm auf die Pelle. Unsere Nasen berührten sich beinahe. „Kannst du uns nicht allen einen Gefallen tun und deinen Pony länger wachsen lassen? Dann müssen wir uns dein hässliches Gesicht nicht mehr angucken. Ich weiß, dass Chris es zu schätzen wüsste.“ Meine Hände machten sich selbständig. Gerade hatten sie noch heruntergehangen und jetzt stießen sie Sadie fort, so fest, dass sie stolperte. Ihre Miene war so entsetzt, dass ich lachen musste. Ich war mir nicht sicher, ob es jemals ein Mensch gewagt hatte, Sadie zu schubsen. Ihr Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Grimasse. Dann stürzte sie sich auf mich und mit einem Mal kämpften wir am ersten Schultag auf dem Boden 16
des Mädchenklos. Sadies scharfe Fingernägel gruben sich in meinen Hals. Ich ballte die Hand zur Faust und zielte auf ihren Mund. Sie riss mich an den Haaren. Ich stieß ihr mein Knie in die Magengrube. Jenna und Chelsea kreischten. Die Glocke zur dritten Stunde ertönte. Und eine Lehrerin trennte uns. Ich keuchte. Sadies Lippe blutete. So viel zum Thema Raushalten.
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An der Fensterwand des Sekretariats standen drei unbequeme Stühle. Auf einem davon saß ich, auf einem anderen Sadie. Sie hatte die Arme verschränkt und sah so weit wie möglich in die andere Richtung, als hätte ich Läuse oder sonst irgendwas. Ich streckte die Beine vor mir aus und ließ die Fußspitzen gegeneinanderstoßen. Augenblicklich warf Sadie meinen Füßen einen düsteren Blick zu. Ich fing an, Beethovens Fünfte zu klopfen, während ich leise die Melodie dazu summte. „Ta ta ta taaaa. Ta ta ta taaaa.“ Sadies Blick verfinsterte sich noch mehr. „Du bist echt ein totaler Freak.“ Die Sekretärin nahm einen Anruf entgegen und tippte auf ihrer Tastatur, während sie uns beide ignorierte. Vor einer halben Stunde hatte sie unsere Mütter angerufen und sie freundlich gebeten, in die Schule zu kommen. In der Zwischenzeit hatte Direktor Best die beiden Zeuginnen – Chelsea und Jenna – in sein Büro gebeten. Hätte er Chelsea als Erste und alleine hereingerufen, hätte ich vielleicht eine Chance gehabt. Aber Chelsea und Jenna zusammen? Mein Schicksal war besiegelt. Ich mochte mich für Chelsea einsetzen, aber Chelsea würde sich nie im Leben für mich einsetzen. Nicht im Beisein von Jenna. Bis Direktor Best die Tür schließlich wieder öffnete und die beiden in die Klasse zurückgehen ließ, war Mrs Hall eingetroffen. Sie war eine erwachsene Version von Sadie, nur dass sie Altersfältchen am Mund hatte und keine geschwollene Lippe. Sie war die Vorsitzende des Elternrats und alle Lehrer der Franklin High liebten sie. Eigentlich hatte ich erwartet, die ganze Wucht ihres missbilligen17
den Blicks abzubekommen, doch zu meiner Überraschung richtete sich ihr Unmut gegen Sadie. Wenigstens eine kleine Genugtuung. Direktor Best gab Mrs Hall freundlich die Hand und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeit. Er entschuldigte sich doch tatsächlich! Sadies Mutter war vielleicht bereit, die Umstände zu meinen Gunsten auszulegen, doch Direktor Best würde das nicht tun. Er bat Mutter und Tochter in sein Büro. Ich nahm das Taktklopfen mit meinen Stiefeln wieder auf. Inzwischen waren eine Stunde und zwanzig Minuten seit unserem Toilettenkampf verstrichen. Eine Stunde und zehn Minuten, seit die Sekretärin meine Mutter angerufen hatte. Als wäre auch ihr das in diesem Moment aufgefallen, blickte sie von ihrem Computer auf. „Noch nichts von deiner Mom zu sehen?“ Ich schüttelte den Kopf. Nee. Null. Und sie würde auch nicht kommen. Immerhin hatte ich ihren Wagen genommen. Und wahrscheinlich lag sie eh noch bewusstlos auf dem Sofa. Ich berührte die Kratzer an meinem Hals und schnitt eine Grimasse, weil das brannte. Die Tür zum Büro von Direktor Best dämpfte das Geräusch von Gelächter – eine Baritonstimme, eine weibliche Stimme. Es folgte noch mehr Gerede, dann öffnete sich die Tür. Sobald Sadie und ihre Mutter gegangen waren, räusperte Best sich laut und kehlig. Das war höchstwahrscheinlich alles, was ich als Einladung bekommen würde. Ich stand auf, bereit, diese Schlacht im Alleingang zu schlagen, als die Tür zum Vorzimmer aufging und ausgerechnet meine Mutter eintrat. Sie trug eine schwarze Stoffhose und eine weiße Bluse und ihr Haar war nicht mehr völlig durcheinander, sondern im Nacken zu einer Lockenmähne frisiert. Dank des Make-ups würde niemand ihre Blässe entdecken und das leichte Zittern ihrer Finger würde auch niemandem auffallen. Das waren Dinge, die man nur bemerkte, wenn man wusste, wonach man gucken musste. Die meisten Leute wussten es nicht und Mom war eine Expertin darin, ihre Probleme vor der Welt zu verbergen. „Es tut mir schrecklich leid, dass ich so spät komme. Gracie hat sich heute Morgen meinen Wagen ausgeliehen. Einer meiner Kollegen musste mich herbringen.“ Als sie die Kratzer an meinem Hals bemerkte, riss sie die Augen auf. „Was ist passiert?“ Direktor Best machte eine Handbewegung, die uns dazu auffor18
derte, in sein Büro zu treten. Kein freundlicher Handschlag. Keine Entschuldigung. Nicht für uns. „Wir können drinnen reden.“ Mom und ich setzten uns auf die beiden Stühle vor Bests Schreibtisch, während er in seinem Drehsessel dahinter Platz nahm. Er lehnte sich zurück und bildete mit den Fingerspitzen ein Dreieck vor seinem Kinn, während er mich anstarrte und Mom ihn. Es war wie dieses lange, langweilige Spiel, bei dem derjenige verlor, der als Erster wegsah. „Gracie, kannst du deiner Mutter erklären, was passiert ist?“, sagte er schließlich. Ich warf ihm einen fragenden Blick zu. „Bringt es was, wenn ich das mache?“ „Gracie“, tadelte Mom mich. „Ich spreche schließlich mit einem voreingenommenen Richter.“ Ich zeigte auf Direktor Best, der aufgeblasen wie ein Pfau auf seinem Stuhl saß. Der Typ litt an einem ernsthaften Kleiner-Mann-Syndrom. „Seine Meinung steht doch schon fest. Jenna hat mir mit ihrer Aussage das Grab geschaufelt und Sadie hat die Erde darauf festgetrampelt.“ Ich war mir außerdem sicher, dass Best mit seiner festgefahrenen Meinung einen Spaten genommen und mitgeholfen hatte. Wenn ich irgendetwas von meiner Mutter gelernt hatte, dann, dass wir alle berechenbar sind. Und in Bezug auf mich wollte Best das Schlimmste sehen. „Es tut mir wirklich leid“, sagte Mom. „Ich weiß nicht, was in letzter Zeit in sie gefahren ist.“ Direktor Best trommelte die Fingerspitzen gegeneinander. „Mit einer Sache hast du recht, Gracie. Unser Verhalten hinterlässt einen Eindruck. Ob du es für gerecht hältst oder nicht – was jemand in der Vergangenheit getan hat, wirkt sich auf die Meinung anderer in der Gegenwart aus.“ „Sie geben also zu, dass es kein faires Verfahren ist?“ „Du hast in der Vergangenheit schon häufiger gelogen und Gewalt angewendet. Miss Hall hingegen war noch nie in Schwierigkeiten.“ „Sadie Hall schikaniert andere. Sie sollten sehen, wie sie Chelsea behandelt.“ „Wenn das stimmt, warum hat Chelsea dann in meinem Büro nichts gesagt?“ 19
„Weil Chelsea Angst vor ihr hat. Und Sie haben Chelsea zusammen mit Jenna befragt.“ Also wirklich. Wie blöd konnte ein Mensch denn sein? „Da sie sich auf der Mädchentoilette nicht selbst verteidigt hat, habe ich beschlossen, es zu tun. Was predigen Sie noch jedes Jahr zum Schulanfang? Dass die, die zusehen, genauso schuldig sind wie die, die andere schikanieren?“ Die Ohren des Direktors röteten sich. „Mein Verhalten war moralisch zulässig, wenn auch nicht moralisch notwendig. Fragen Sie Mr Burrelson, wenn Sie mir nicht glauben.“ „Dein Verhalten war inakzeptabel. Wir dulden keine Prügeleien an unserer Schule.“ Mom rieb sich die Nasenwurzel und schüttelte den Kopf. Sie sah müde und genervt aus, genau so, wie die Mutter eines Straftäters aussehen würde. Und während der kleine Mann hinter dem Schreibtisch die sehr einseitige Schilderung der Ereignisse auf der Toilette von sich gab, wirkte sie zunehmend so. Die Geschichte ging natürlich so, dass die unschuldige Sadie, die mir ein Kompliment über meine Haare gemacht hatte, von der wilden und unbeherrschten Gracie angegriffen worden war. Die Kratzer an meinem Hals waren Selbstverteidigung von Sadies Seite. Sadies aufgeplatzte Lippe war inakzeptable Aggression von meiner Seite. Jenna hatte alles so gedreht, dass alle Schuld bei mir lag, und Chelsea hatte nicht widersprochen. Als Direktor Best endete, hatte Mom sich in eine verwelkte Begonie verwandelt. „Nichts davon ist wahr“, sagte ich. „Sadie hat dir kein Kompliment wegen deiner Haare gemacht?“ „Das war Sarkasmus.“ „Und du hast sie nicht zuerst gestoßen?“ „Sie hat Würgegeräusche in Chelseas Richtung gemacht.“ Direktor Best ignorierte mich und sprach mit Mom. „Aufgrund Gracies früherer Übertretungen bleibt uns nichts anderes übrig, als sie für drei Tage von der Schule zu verweisen. Wir sehen Gracie am Montag wieder.“ Wenn er einen Hammer gehabt hätte, bin ich mir sicher, dass er ihn auf den Tisch hätte fallen lassen. „Ich hoffe, wir können dann einen Neuanfang machen.“ Ein schnaubendes Lachen entwich durch meine Nase. 20
Mom sah mich scharf an. Aber im Ernst – ein Neuanfang? Hatte sie nicht gehört, was er gesagt hatte? Es würde keinen Neuanfang geben, nicht mit ihm, nicht für mich. Seine Meinung stand fest. Warum es also überhaupt versuchen?
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