Lisa Wingate
Der Ruf des Meeres
Kapitel 1 Vielleicht ist das Nicht-Wahrhaben-Wollen ein Schutzmechanismus, um das Herz vor einem Tiefschlag abzuschirmen, den es nicht verkraftet. Vielleicht ist es aber auch viel banaler. Vielleicht ist das Verleugnen auch einfach nur ein Nebenprodukt von Eigensinn, der etwas trotz erdrückender Beweise nicht wahrhaben will. Ich kann nicht sagen, welche Erklärung in meinem Fall zutraf, als ich jetzt im Türrahmen stand, eine zitternde Hand auf dem Türgriff und in der anderen die Schlüssel, aber ich konnte nur eines denken: Das darf nicht wahr sein! So kann es doch nicht enden! Alles ist so … still. Wenn ein Traum stirbt, sollte man das wenigstens hören. Es steht ihm zu, in einem theatralischen Ruhmesfeuer zu erlöschen. Es sollte eine dramatische Sterbeszene geben, ein ächzendes Ringen nach Luft. Irgendetwas. Denise legte eine Hand auf meine Schulter und flüsterte: „Geht es dir gut?“ Ihre Stimme wurde beim letzten Wort ganz leise und klang gebrochen. „Nein.“ Ein verzerrter, bitterer Ton verschärfte die Härte des Wortes. Meine Bitterkeit war nicht gegen Denise gerichtet, das wusste sie. „Hier ist überhaupt nichts gut. Absolut gar nichts!“ „Das stimmt.“ Sie lehnte die Schulter an den Türrahmen und legte den Kopf so an die Seite, dass ihre Wange das Holz berührte. „Aber ich bin nicht sicher, ob es die Sache besser oder schlimmer macht, wenn wir hier stehen und es uns ansehen. Zum endgültig letzten Mal.“ „Wir haben so viel Energie in dieses Projekt gesteckt.“ Das Leugnen meldete sich erneut, so unvernünftig es auch war. Ich hätte es gerne Hoffnung genannt, aber falls dieses Gefühl Hoffnung war, dann nur eine falsche, hauchdünne Hoffnung. Eine Hoffnung, die einen nur verhöhnt. Die Haare von Denise fielen wie ein heller, seidiger Vorhang über ihre Schultern und bildeten einen auffallenden Kontrast zu meinen Haaren. Wir waren zwar Cousinen, aber wir waren schon 5
immer sehr verschieden gewesen: Denise war rotblond, hell und hatte Sommersprossen, ich war dunkelhaarig, blauäugig und hatte einen olivfarbenen Teint. Denise war häuslich und ich war ständig auf Wanderschaft. „Whitney, wir müssen es aufgeben. Sonst verlieren wir am Ende beide Restaurants.“ „Ich weiß. Ich weiß, dass du recht hast.“ Trotzdem rebellierte etwas in mir. Alles in mir rebellierte. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, schon wieder in die Enge getrieben zu werden. „Ich verstehe, dass du nur vernünftig bist. Außerdem musst du an Mattie denken. Und an deine Großmutter. Wir müssen den Schaden begrenzen, solange wir das erste Restaurant behalten können.“ „Es tut mir leid“, flüsterte Denise traurig. Da es Menschen gab, die von ihr abhängig waren, konnte sie kein weiteres Risiko eingehen. Wir waren in diesem Kleinkrieg, in dem ein unfairer Angriff auf den anderen folgte, schon viel zu weit gegangen. Wir kämpften gegen korrupte Bezirksbeamte, Baubehörden, die sich schmieren ließen, verlogene Baufirmen und einen Feuerwehrhauptmann, der für seine Vetternwirtschaft bekannt war. Sie alle steckten mit einheimischen Geschäftsbetreibern unter einer Decke, die in diesem Kaff keine Konkurrenz zulassen wollten. Denise und ich hätten uns die Umgebung genauer ansehen sollen, bevor wir uns in das Fabrikgebäude mit seinem rustikalen Charme verliebt und beschlossen hatten, dass es ideal wäre, um hier ein zweites Bella Tazza und unser erstes richtig vornehmes Restaurant zu eröffnen. Das Bella Tazza 2 lag an einer stark befahrenen Durchgangsstraße, die viele Touristen in Richtung Norden benutzten, um dort ihren Skiurlaub oder ihren Sommerurlaub auf der Oberen Halbinsel von Michigan zu verbringen. Mit seinem hohen, beleuchteten Kornspeicherturm lud es die Autofahrer zur Rast ein. Aber in den vergangenen elf Monaten hatten wir öfter geschlossen als geöffnet gehabt. Jedes Mal, wenn wir dachten, wir hätten den Kampf gewonnen und könnten unsere Gaststättenlizenz behalten, flatterte ein neuer Bescheid mit kostenintensiven Auflagen ins Haus und wir mussten vorübergehend schließen, bis wir die Auflagen erfüllten. Dann taten die Handwerker und die Baufirmen das Ihrige, um alles hinauszuzögern und die Kosten noch weiter in 6
die Höhe zu treiben. Du bist hier nicht diejenige, die sich entschuldigen muss, wollte ich zu Denise sagen, aber ich tat es nicht. Stattdessen sank ich auf eine Bank und betrachtete die Wandbemalung, die Denise und ich nach langen Arbeitstagen im Bella Tazza 1 im Nachbarbezirk hier angebracht hatten. Mir wurde wieder übel. „Sobald wir den Mietvertrag kündigen müssen, werden sie wie Geier über dieses Gebäude herfallen.“ Denise sprach aus, was ich dachte. Sie war zwar meine Cousine, aber eigentlich war sie eher wie eine große Schwester für mich. „Diese Aasgeier!“ „Ja, das ist das Schlimmste dabei.“ Aber das stimmte nicht. Das Schlimmste war, dass es meine Schuld war. Ich war dafür verantwortlich, dass wir so weit gegangen waren, um das Tazza 2 unbedingt zu behalten. Denise hätte sich Tagg Harper und seinen Handlangern schon längst ergeben. Denise wäre kein Risiko eingegangen. Aber selbst jetzt konnte ich immer noch nicht akzeptieren, was passierte, obwohl wir schon alle Lebensmittel ins andere Restaurant verfrachtet und die Geräte und Einrichtungsgegenstände, die wir verkaufen konnten, aufgelistet hatten. Irgendwie war es Tagg und seinen Gefolgsleuten gelungen, dass sich der Termin für die Lizenzverhandlung beim Bezirksgericht um einen weiteren Monat hinauszögerte. So lange konnten wir aber nicht durchhalten, wenn das Tazza 2 geschlossen war, da wir trotzdem die monatlichen Rechnungen zahlen mussten. Das bedeutete das Ende, wenigstens für das Tazza 2. Wenn wir nicht aufpassten, würden wir dabei auch noch das Tazza 1 verlieren und die Angestellten, die wir noch hatten, stünden auf der Straße. „Komm, gehen wir.“ Denise betätigte den Lichtschalter und tauchte das, wofür wir mit Blut, Schweiß und Tränen gekämpft hatten, in dunkle Schatten. „Ich kann es nicht mehr sehen.“ Das Einschnappen des Türriegels verkündete eine unmissverständliche Endgültigkeit, aber mein Verstand arbeitete auf Hochtouren und mein Herz suchte immer noch nach einem Schlupfloch. Es wünschte sich, obwohl es längst fünf vor zwölf war, dass ein strahlender Held angeritten käme und uns vor dem Feind retten würde. 7
Doch statt des Schimmels eines rettenden Märchenprinzen stand nur Tagg Harpers Geländewagen ein Stück unterhalb unseres Parkplatzes am Straßenrand. Dieser widerliche Kerl! Wahrscheinlich kratzte er sich genüsslich den Bauch, trank ein Bier und grinste triumphierend. „Oh, ich hasse diesen Mann!“ Denise knirschte mit den Zähnen. „Am liebsten würde ich …“ Ich konnte nicht anders und ging einen Schritt in Taggs Richtung. „Whitney, lass die Finger von ihm. Dieser Mann ist zu allem fähig.“ Meine Verzweiflung verwandelte sich in einen fieberhaften Ärger. Ich hatte noch nie einen Menschen so gehasst wie Tagg Harper. Denise hielt mich schnell an der Jacke fest. „Gönn ihm nicht noch mehr Genugtuung. Es ist schon schlimm genug, dass er unsere Geräte auf eBay sehen wird, sobald wir sie zum Verkauf anbieten. So ein abscheulicher Kerl! Gegen ehrliche Konkurrenz durch sein Restaurant hätte ich nichts einzuwenden, aber das …“ „Ich würde einfach gerne zu ihm hinübergehen und ihm einen kräftigen Tritt in seinen fetten Bauch verpassen.“ Nach den ständigen Kämpfen der letzten Monate dachte ich daran, Auffrischungskurse in der Kampfsportart Tang Soo Do zu belegen – ein Hobby, dass ich vor zwanzig Jahren aufgegeben hatte, seit ich nicht mehr von Halbstarken an der Schule belästigt wurde. Ich hatte Denise nichts davon erzählt, aber jemand schlich seit einigen Tagen nachts um meine Hütte herum. Wie üblich konzentrierte sich meine Cousine auf das Praktische, darauf, den Schaden zu begrenzen. „Wir müssen versuchen, finanziell mit heiler Haut aus der Sache herauszukommen und das erste Restaurant über Wasser zu halten.“ „Ich weiß.“ Das Problem war, dass ich im Kopf schon alles zusammengerechnet hatte, als wir unsere Versteigerungsliste im Gebäude erstellt hatten. Was wir für die Geräte und das Material bekämen, würde nicht einmal für die Abschlussrechnung der Stadtwerke reichen, geschweige denn für die Anwaltskosten und die Verwaltungsgebühren, die sich angesammelt hatten. Aufgrund der schlechten Wirtschaftslage und da es nötig war, so viele Angestellte des Tazza 2 8
wie möglich im anderen Restaurant unterzubringen, war ich nicht einmal sicher, ob wir am Monatsende ihr Gehalt zahlen könnten. Aber wir mussten es zahlen. Unsere Angestellten rechneten damit. Sie hatten auch Rechnungen, die sie bezahlen mussten. Meine Schuldgefühle, die sich Stein für Stein aufhäuften, wurden immer schwerer, während wir über den Parkplatz zu unseren Autos gingen. Wenn ich vor fünf Jahren nicht nach Michigan zurückgekehrt wäre und Denise nicht überredet hätte, mit mir ein Restaurant zu eröffnen, hätte sie immer noch eine sichere Stelle als Lehrerin. Aber ich hatte einen großen Gewinn eingefahren, nachdem ich eine Stelle im gehobenen Management gekündigt, ein eigenes Bistro in Dallas eröffnet, es erfolgreich betrieben und dann mit gutem Gewinn wieder verkauft hatte. Mit vierhunderttausend Dollar in der Tasche war ich so sicher gewesen, dass ich die perfekte Erfolgsformel gefunden hätte. Ich hatte mir eingeredet, ich würde meiner Cousine etwas Gutes tun, weil ich ihr den ständigen Kampf ersparte, allein ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, sich um ihre betagte Großmutter zu kümmern und mit ihrem Lehrerinnengehalt für Matties Asthmabehandlung aufzukommen. Denise hatte vermutlich gehofft, ein gemeinsames Geschäft zu eröffnen würde irgendwie meine innere Unruhe stillen, die mich von der Kochschule in die entferntesten Winkel der Welt geführt hatte, wo ich für eine internationale Restaurantkette erstklassige Küchen eröffnet hatte. „Wir sehen uns dann morgen früh, Whitney.“ Sie umarmte mich kurz von der Seite, stieg in ihr Auto, ließ den Motor an und fuhr mit laut knirschenden Reifen über die vereisten Stellen, die der Polarwirbel-Winter zurückgelassen hatte. Statt die Auffahrt hinabzurollen, blieb sie an der Kurve in der Nähe von Taggs Geländewagen stehen. Ich merkte, dass sie mich durch die Abgaswolke hindurch im Auge behielt und wartete, bis ich sicher auf der Straße angekommen wäre, ohne mich auf eine Konfrontation einzulassen. Es war so typisch für Denise, dass sie sich um mich kümmerte. Seit sie vor vielen Jahren regelmäßig nach der Schule auf mich aufgepasst hatte, versuchte sie immer noch, mich zu beschützen. Genauso wie der Rest von Mamas Familie hatte sie sich Sorgen gemacht, ich käme mit dem Tod meines Vaters nicht zurecht und 9
Mama hätte einen Fehler gemacht, weil sie mich dem Einfluss meiner Großmutter auf dem weit entfernt liegenden Roanoke Island ausgesetzt hatte. Es war kein Geheimnis gewesen, dass Ziltha Benoit meine Mutter für den viel zu frühen Tod ihres Sohnes verantwortlich gemacht hatte. Denise hatte, ohne es von mir erklärt zu bekommen, verstanden, was ich meiner Mutter nie hatte sagen können. Und auch sonst niemandem: Während meiner ganzen Kindheit hatte mich das schmerzhafte Gefühl, nicht dazuzugehören, gequält. Das Gefühl, nie gut genug sein zu können und in der exklusiven Privatschule auf der anderen Seite der Stadt verspottet zu werden, wo ich dank Mamas Stelle als Musiklehrerin kostenlos zur Schule gegangen war. Das unangenehme Gefühl und die Unsicherheit, weil ich nicht zu den reichen Kindern passte, die dort die Schule besuchten, obwohl mein Nachname Benoit war. Denise war immer meine Oase gewesen. Freundlich und mit weisem Rat hatte sie mich immer wieder aufgerichtet. Sie war die große Schwester, die ich nie gehabt hatte. Als ich jetzt auf dem Weg zur Straße an ihrem Auto vorbeifuhr, konnte ich sie nicht einmal anschauen. Ich raste einfach die Auffahrt mit den vereisten Fahrrillen und Schlaglöchern hinab, bog auf die Straße und wollte nur noch nach Hause. Mit einem kurzen Blick in den Rückspiegel vergewisserte ich mich, dass Denise den Parkplatz auch wohlbehalten verlassen hatte. Tagg Harpers Rücklichter leuchteten auf, sobald Denises Auto auf die Straße bog. Meine Wut nahm Orkanstärke an. Bevor ich richtig wusste, was überhaupt geschah, wendete ich auf der Straße. Als ich wieder vor dem Restaurant ankam, stellte sich Tagg gerade mit seinem Geländewagen mitten auf den Parkplatz. Auf unseren Parkplatz. In diesem Moment ging die Fahrertür auf. Ich fuhr einen Bogen und blieb so nahe neben ihm stehen, dass er nicht aussteigen konnte. Kalte Luft strömte durch mein Fenster herein. Sie hatte eine schnelle, starke, abkühlende Wirkung. „Wenn Sie auch nur einen Fuß auf diesen Parkplatz setzen, Tagg Harper, rufe ich die Polizei!“ Natürlich wurde der Sheriff dieses Bezirks auch von Tagg geschmiert. Taggs unappetitlicher Pizzaladen war der Treffpunkt, wo alle Männer der Stadt ihre Kaffeepause einlegten – wenn sie wussten, was gut für sie war. 10
Er ließ das Fenster nach unten, legte seinen dicken Arm auf den Rahmen und zog die Tür ein wenig zurück, deren Scharniere quietschten. „Das ist ein öffentlicher Parkplatz.“ Er bewegte seinen Zeigefinger träge durch die Luft. „Ich habe gerade ein Klappern in meinem Motor gehört und wollte kurz unter die Motorhaube schauen.“ „Na klar!“ Natürlich würde er nicht zugeben, dass er sich dieses Gebäude unter den Nagel reißen wollte. Wahrscheinlich befürchtete er, dass ich mit dem Handy unser Gespräch aufnehmen und versuchen könnte, Beweise dafür zu sammeln, dass er uns bedrohte, dass er Beamte und Handwerker bestach und uns ständig schikanierte. Deshalb lächelte er mich jetzt wie ein ahnungsloser Einfaltspinsel an. „Das ist immer noch unser Parkplatz. Wir behalten uns das Recht vor, jeden, den wir nicht bedienen wollen, wegzuschicken. Sie sind hier nicht erwünscht.“ Weiche jetzt nicht zurück! Dieses Mal nicht! Lass dich von ihm nicht unterkriegen! Ich krampfte die Hände um das Lenkrad und schluckte schwer. „Habe gehört, dass ihr bald auszieht, um Miete zu sparen.“ Sein Atem bildete Dampfwolken in der kalten Luft. Mir stieg sein abstoßender Biergeruch in die Nase. „Es ist teuer, ein Gebäude grundlos zu behalten.“ „Dann haben Sie falsch gehört. Wir haben in sechs Wochen eine Verhandlung vor dem Bezirksgericht, und da wir jetzt genügend Vorbereitungszeit haben, werden wir die Lizenz sicher bekommen.“ Sein Kinn zog sich in gerötete Doppelfalten zurück, bevor er sich mit einem selbstgefälligen Lächeln auf seinem Autositz zurücklehnte. Er durchschaute mich sofort und merkte, dass ich nur bluffte. „Es wäre wirklich schade, wenn ihr euch noch tiefer hineinreitet. Ihr müsst ja auch noch an euer anderes Geschäft denken.“ Was sollte das jetzt heißen? Das Bella Tazza 1 befand sich nicht in diesem Bezirk. Diesem Restaurant konnte Tagg nichts anhaben, abgesehen von den negativen Bewertungen über unser Essen, die er und seine Kumpane bereits ins Netz stellten. Aber er führte noch etwas anderes im Schilde. Das sah ich ihm an. Seine Zunge schnalzte heraus und benetzte seine Lippen. Dann besaß er auch noch die Frechheit, den Blick genüsslich über das 11
Gebäude schweifen zu lassen, bevor er ihn wieder auf mich richtete. „Dann warte ich wohl lieber, bis der Kadaver ein wenig kälter ist.“ Er zog die Tür zu, schloss das Seitenfenster und fuhr davon. Ich saß allein im kalten Schatten meines sterbenden Traums und fühlte mich wieder wie das kleine Mädchen, das es nicht verdiente, Träume zu haben, den Namen Benoit zu tragen oder sonst irgendetwas zu besitzen. Ich konnte noch so weit reisen, ich konnte noch so viel erreichen, aber dieses Mädchen saß immer gleich unter der Oberfläche meiner Haut. Im Moment sagte es mir, dass ich verdiente, was ich gerade erlebte.
WW Während ich um vereiste Kurven bog und die Scheinwerfer schmutzige, alte Schneehaufen beleuchteten, regte sich in mir der Gedanke, das Lenkrad loszulassen, die Augen zu schließen und einfach sitzen zu bleiben, egal, wo das Auto landete … bis die Kälte oder das Kohlenmonoxid allem ein Ende bereitete. Irgendwo in einem logischen Winkel meines Gehirns wusste ich, dass ich überreagierte, aber die Vorstellung, pleitezugehen und meine Cousine mit in den Abgrund zu reißen, war unerträglich. Es muss einen Ausweg geben. Es muss doch irgendetwas geben, das ich tun kann! Aber während der halbstündigen Heimfahrt kamen mir keine wunderbaren Lösungsmöglichkeiten in den Sinn. Endlich glitzerte die Wasseroberfläche des Lake Michigan durch die Bäume hindurch. Ich schaute den See an und wartete auf den Trost, den mir dieser Anblick normalerweise bot. Dieses Mal konnte ich jedoch nichts anderes sehen als mich selbst, wie ich kalt und stumm unter der Wasseroberfläche trieb. Halt! Hör auf damit! Die Worte in meinem Kopf schalten mich laut und entschlossen wie die Stimme meiner Mutter. Du bist nicht dein Vater! Aber im Laufe der Jahre hatte ich mich manchmal gefragt: Steckte in mir derselbe Dämon, der ihn uns genommen hatte, als ich 12
noch nicht einmal sechs Jahre alt gewesen war? Und der schuld daran war, dass ich mich an ihn nur als ein Gefühl, als eine bruchstückhafte Stimme, als ein verschwommenes Bild erinnern konnte? Konnte ich, ohne es vorherzusehen, an einen Punkt gelangen, an dem es scheinbar die beste Lösung war, einfach aufzugeben? Wie konnte ich diesen Gedanken überhaupt zulassen, da ich doch aus eigener Erfahrung wusste, welches Leid eine solche Entscheidung nach sich zog? Ich wusste, welches Nachspiel es hatte, wenn ein Mensch, den man liebt, ins kalte Wasser steigt und ins Meer hinausschwimmt, ohne die Absicht zu haben, ans Ufer zurückzukehren. Jemand sollte den Toten sagen, dass es für die Lebenden kein Trost und keine Hilfe ist, wenn man ihnen einen Zettel hinterlässt, auf dem steht: Es ist nicht eure Schuld. Denn für die Lebenden ist immer jemand schuld. Während ich auf den Weg zur Hütte abbog, bemühte ich mich, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Tränen liefen mir übers Gesicht, als versuchten sie, meinen Kopf zu reinigen. Tränen waren anscheinend das Einzige, was mir noch geblieben war. Sie schwollen an und schnürten mir die Kehle zu, während ich mich der kleinen Hütte am See näherte, in der ich wohnte, seit ich nach Michigan zurückgekommen war. Zum Glück hatte Mrs Doyne, die im Haus vorne an der Straße wohnte, die Mietpreise für ihre Hütten seit den 1950er-Jahren nicht mehr erhöht. Ihr lag mehr daran, zuverlässige, langfristige Mieter zu haben, als viel Kapital aus ihren Hütten zu schlagen. Sie hatte schon ihr Nachthemd an und wollte wahrscheinlich bald ins Bett gehen, winkte mir aber durch ein großes Fenster zu, als ich an ihrem Haus vorbeifuhr. In der Hand hielt sie eines ihrer allgegenwärtigen Kreuzworträtsel. Unwillkürlich musste ich denken, dass sogar Mrs Doyne traurig wäre, wenn ich unter der stillen Seeoberfläche treiben würde. Reißen Sie sich zusammen, Whitney Monroe!, würde sie wahrscheinlich sagen. Das Leben geht weiter. Mrs Doyne hatte den Tod ihres Mannes, mit dem sie fünfzig Jahre verheiratet gewesen war – ihre einzige, große Liebe –, überlebt. Sie arbeitete in ihrem Garten, engagierte sich ehrenamtlich und betreute eine Pfadfinderinnengruppe. Ihre 13
positive Lebenseinstellung, die aus der Tiefe ihres Herzens kam, war unvergleichlich. Sie fürchtete sich vor nichts und war immer offen für ein neues Abenteuer. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich gedacht hatte, wenn ich äußerlich nur lange genug für eine gute Fassade sorgte, würde das irgendwann auch auf mein Inneres abfärben. Ich hatte erstklassige Küchen eröffnet, andere zu Höchstleistungen angetrieben, mich nie aus der Ruhe bringen lassen, wenn ein Jungkoch eine Soße anbrennen ließ oder ein Kellner ein Tablett fallen ließ. Ich war mit hohen Tieren in der Geschäftsleitung fertiggeworden, die sich nicht allzu sehr von Tagg Harper unterschieden – aufgeblasene, wichtigtuerische Persönlichkeiten, die unbedingt der ganzen Welt zeigen wollten, wie bedeutend sie waren. Ich kam mit den Dingen gut klar. Ich hatte alles unter Kontrolle. Aber mit einem war ich nie konfrontiert worden, eines hatte ich immer vermieden, seit ich erwachsen geworden war – genau das, was mich in den letzten Monaten ausgelaugt hatte: Ich hatte zuvor nie zugelassen, dass das Wohl eines anderen Menschen von meinem Erfolg abhängt. Selbst während meiner kurzen Ehe, die katastrophal begonnen und ebenso geendet hatte, hatte ich meine Finanzen, mein Leben nie aus der Hand gegeben, und David hatte es genauso gehalten. Anscheinend war uns das beiden so lieber gewesen. Ich hatte nie damit leben müssen, dass meine Entscheidungen, mein Tun, mein Versagen das Leben eines anderen Menschen zerstören könnten. Ich stellte den Motor ab und legte den Kopf aufs Lenkrad, während die Kälte durch die Fenster hereindrang und vom ersterbenden Motor nur noch ein dumpfes, metallenes Geräusch blieb, das schließlich verstummte. Ein Schluchzen durchschnitt die Luft. Ich hörte es, bevor ich es fühlte. Ein Atemzug stieg in mir auf, brannte in meiner Kehle. Ein weiteres Schluchzen brach sich Bahn. Ich hob den Kopf, ließ ihn aufs Lenkrad fallen und dachte: Schluss! Schluss! Schluss damit! Ein Klopfen ans Fenster traf mich wie ein Stromschlag und ließ mich in die Höhe fahren. Durch die beschlagene Scheibe hindurch erkannte ich im Licht der Veranda Mrs Doynes Umrisse. Die pelzbesetzte Haube ihres Mantels fing das Licht ein und verlieh ihr ei14
nen flauschigen Heiligenschein. Meine Gefühle flüchteten wie aufgeschreckte Kaninchen. Nur zwei Gefühle, die ich identifizieren konnte, blieben zurück: Entsetzen und Beschämung. Ich wollte nicht, dass mich irgendjemand in dieser Verfassung sehen würde, schon gar nicht Mrs Doyne. Sonst würde sie sich nur Sorgen machen. Sie war in den letzten Jahren zu einem Geschenk des Himmels für mich geworden. Obwohl ich versucht hatte, meine finanzielle Situation für mich zu behalten, während das Bella Tazza 2 implodierte, hatte sie irgendwie geahnt, dass es nicht gut lief. Sie hatte angefangen, mir Essen zu bringen, und angeboten, dass ich die Miete auch später zahlen könnte, falls ich finanzielle Engpässe haben sollte. Genauso wie alle anderen in der Stadt hatte sie keine Ahnung von der ganzen Geschichte. Sie wusste nur, dass wir mit den Genehmigungen für das neue Restaurant Probleme hatten. Ich wollte ihr auf keinen Fall mehr verraten. Die Wahrheit über Tagg Harpers unfaire Machenschaften würde sie nur verletzen. Mrs Doynes verstorbener Mann war Taggs Lieblingsonkel gewesen, mit dem er gerne Eisfischen gegangen war. Ich tat, als zöge ich den Schlüssel aus dem Zündschloss, während ich mir verstohlen die Augen abwischte, bevor ich die Scheibe nach unten rollte. Ich hoffte, sie würde nicht merken, in welcher Verfassung ich war. Offenbar war das jedoch auch in der Dunkelheit nicht zu übersehen. „Oh, Liebes!“ Sie berührte meine Schulter und ich biss die Zähne zusammen, um nicht wieder zu weinen. „Sie haben es also schon gehört. Es tut mir so leid ...“ Ihre Stimme klang, als wollte sie noch mehr sagen, aber sie führte den Satz nicht zu Ende. Es war mir ein Rätsel, wovon sie sprach. Was tat ihr leid? Wusste sie, dass der Termin beim Bezirksgericht noch weiter nach hinten verschoben worden war? Hatte sie schon die ganze Zeit gewusst, welches Spiel Tagg Harper spielte? Allein schon diese Frage tat weh. Für mich war Mrs Doyne fast zu einer Art Ersatzmutter geworden. Meine Mutter und sie liebten die gleichen Dinge. Beide liebten Musik. Beide spielten Geige. Sie hatten beide den gleichen Dialekt der Oberen Halbinsel Michigans. Wenn ich Zeit mit Mrs Doyne verbrachte, dann war es fast so, als 15
hätte ich meine Mutter zurück. Mrs Doyne hatte sogar ebenfalls Krebs gehabt, ihn aber besiegt. Sie war stark genug gewesen, um die Krankheit zu besiegen, die mir vor fünf Jahren meine Mutter geraubt hatte. Bei Mamas Beerdigung hatten Denise und ich uns wiedergetroffen und danach einen Abend lang über alles Mögliche gesprochen: über das Leben, unsere Träume und Denises Kampf, Matties Arztrechnungen zu begleichen, da sich ihr Exmann weigerte, Unterhalt zu zahlen. Plötzlich hatte das unerwartete Kaufangebot für mein Restaurant in Dallas einen Sinn ergeben. Es hatte so ausgesehen, als solle alles so sein. „Kommen Sie mit ins Haus.“ Mrs Doynes Hand legte sich um meinen Arm, als habe sie vor, mich gewaltsam durchs Fenster zu ziehen. „Sie sehen aus, als bräuchten Sie eine Tasse heißen Tee.“ Ich widersprach ihr nicht. Dazu fehlte mir die Energie. Ich ging einfach mit. Im Haus roch es nach Katzen, Fußbodenheizung und frisch umgetopften Pflanzen. Wenn das widerspenstige Frühlingswetter in diesem Jahr endlich warm werden würde, wäre in Mrs Doynes Wintergarten schon alles startbereit und könnte draußen im Garten eingepflanzt werden. Wie konnte jemand, der die zarten Schösslinge neuen Lebens liebevoll versorgte, mit Tagg Harpers schmutzigen Machenschaften unter einer Decke stecken? Ich ließ mich schon wieder von Kerlen, die ihre Muskeln spielen ließen, unterkriegen und wurde paranoid. Ich durfte nicht zulassen, dass mir jemand wie Tagg die Hoffnung und das Vertrauen zu anderen Menschen raubte. Zu guten Menschen wie Mrs Doyne. „Setzen Sie sich doch“, sagte sie und führte mich zu einem Sofa, wo zwischen drei zusammengerollten Katzen noch ein wenig Platz frei war. „Ich setze Wasser auf.“ Ich sank aufs Sofa, klemmte meine kalten Finger zwischen die Knie, ließ den Kopf zurückfallen, schloss die Augen und versuchte zu denken. Eine Katze kroch auf meinen Schoß, machte es sich darauf bequem und spielte mit dem Reißverschluss an meiner Jacke. Ihr leises Schnurren war irgendwie tröstlich. „Ich habe versucht, Sie anzurufen, als ich die Nachricht bekam.“ Mrs Doynes Stimme klang, als käme sie von weit her. Noch einen Monat? Können wir noch einen Monat durchhalten? Es 16
muss doch eine Möglichkeit geben, zu Geld zu kommen … Möglichkeiten über Möglichkeiten kreisten in meinem Kopf, aber alle stießen an eine unüberwindliche Mauer nach der anderen. Und dann an die größte Mauer: Wenn wir weitermachten, riskierten wir, alles zu verlieren. Das kannst du Denise nicht antun. Das kannst du Denise und Mattie und Oma Daisy nicht antun. Du hättest nie hierher zurückkommen sollen. Du hättest sie nie in diese Sache hineinziehen sollen. Es ist deine Schuld. Das alles ist deine Schuld. „Wie gesagt, ich habe versucht, Sie auf Ihrem Handy anzurufen, als ich die Nachricht bekam.“ Mrs Doyne wartete auf eine Reaktion. „Die Nachricht?“ Der Teekessel pfiff. Der hohe, schrille Ton ließ die Katzen kurz ihre Köpfe heben. Ein Löffel klirrte, die Kühlschranktür ging auf und wieder zu. Sahne und Zucker. Mrs Doyne wusste, wie ich meinen Tee am liebsten mochte. Wir hatten in den vergangenen Jahren schon einige Tassen zusammen getrunken. „Es klang, als habe der Mann keine Ahnung, wen er sonst anrufen sollte. Er hat auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen, während ich auf dem Markt war. Ich nehme an, er hat Ihre Handynummer gefunden und Sie inzwischen persönlich erreicht?“ Ihre Hausschuhe schlurften über den Holzboden, als sie wieder ins Wohnzimmer trat und mir meinen Tee reichte. Die Tasse war warm, tröstlich und der Kamillengeruch tat gut. „Ich habe mein Handy den ganzen Nachmittag über im Auto liegen gelassen.“ Ich erzählte ihr nicht, dass ich das getan hatte, um nicht ständig die Anrufe der Leute abwimmeln zu müssen, die Geld für ausstehende Rechnungen eintreiben wollten. Mrs Doyne schaute mich verwirrt an, bevor sie sich in ihren Liegesessel setzte. „Ich weiß, dass Sie eine solche Nachricht im Moment wirklich nicht brauchen können, da Sie mit Ihrem Restaurant schon genug um die Ohren haben.“ Sie neigte mitfühlend den Kopf und schaute mich durch ihre dicken Brillengläser hindurch sanft an. „Stehen Sie sich sehr nahe?“ 17
„Nahe?“ „Sie und Ihr Stiefvater?“ Sie runzelte die Stirn und schaute in ihre Teetasse, als könne sie darin die Antwort finden. „Ich ging davon aus, dass Sie sich nicht sehr nahe stehen, da der Nachbar sonst nicht so große Probleme gehabt hätte, Ihre Telefonnummer zu finden.“ „Mein Stiefvater?“ Die Worte schlugen wie ein Querschläger ein und berührten unerwartete Stellen in meinem Innersten. Ich hatte den Mann, den meine Mutter nur wenige Jahre vor ihrem Tod geheiratet hatte, seit ihrer Beerdigung nicht mehr gesehen. Es war kein Zufall, dass der Nachbar meines Stiefvaters Probleme gehabt hatte, unter seinen Sachen meine Telefonnummer zu finden. Dieser Mann wollte nichts mit mir zu tun haben. „Mrs Doyne, ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Ich habe seit fast fünf Jahren nichts mehr von meinem Stiefvater gehört. Er hat keinen Grund, den Kontakt zu mir zu suchen, glauben Sie mir.“ „Oh.“ Sie legte die Hand überrascht an ihre Brust. „Als ich Sie im Auto weinen sah, dachte ich, Sie hätten die Nachricht schon bekommen. Es tut mir leid, dass ich jetzt die Überbringerin dieser Nachricht sein muss. Der Anruf kam vom Nachbarn Ihres Stiefvaters auf den Outer Banks von North Carolina. Von Roanoke Island, glaube ich, hat er gesagt. Er dachte, Sie sollten informiert werden. Offenbar liegt Ihr Stiefvater im Krankenhaus. Er ist im Badezimmer gestürzt und lag dort fast vier Tage, bis man ihn fand.“
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Kapitel 2 „Ich weiß, dass es verrückt klingt. Hör mir bitte zu, Denise.“ In besseren Zeiten hätte ich vielleicht noch einmal in Ruhe über meine Idee nachgedacht – besonders, da Denise dagegen war –, aber im Moment schob ich alle Zweifel genauso vehement beiseite wie ein Titanic-Passagier, der versucht, sich zu einem Rettungsboot durchzukämpfen. „Vergiss nicht, dass wir von einem alten Mann sprechen, der im Badezimmer gestürzt ist und dort vier Tage am Boden lag. Ja, ich weiß, dass Clyde Franczyk nicht einfach irgendein alter Mann ist, aber ich denke, dass mir nichts passiert, wenn ich dorthin fahre. Jemand muss es tun. Seine Söhne haben offenbar keinen Kontakt zu ihm, sonst hätte der Nachbar sie und nicht mich angerufen.“ „Du willst also wirklich auf die Outer Banks fahren, um Clyde Franczyk zu helfen? Dem Mann, der deine Mutter eingewickelt hat, sodass sie ihm vermacht hat, was eigentlich dir gehört hätte?“ Denise bereitete den Teig für den morgendlichen Brotkorb zu. Eine Mehlwolke stieg auf, als sie mit ihren Händen herumfuchtelte. „Hast du vergessen, wie er sich bei der Beerdigung aufgeführt hat? Wie er uns das Testament vor die Nase gehalten und gesagt hat, dass wir auf keinen Fall ins Haus kommen und irgendetwas von deiner Mutter mitnehmen dürfen?“ „Natürlich nicht.“ Dank Clyde war die Trauerfeier am Grab fast zu einem Familienstreit eskaliert. „Aber dieses Gebäude in Manteo gehört nach wie vor mir. Ja, er hat das Recht, dort zu wohnen, so lange er will, aber er kann mich nicht daran hindern, es zu betreten. Ich war bis jetzt vielleicht nicht dazu bereit, aber es ist Zeit, diesem Problem nicht länger auszuweichen. Meine Mutter hat mich jahrelang gebeten, die Sachen meiner Großmutter durchzusehen. Ich hatte einfach … keine Zeit, mich damit zu befassen.“ „Und jetzt willst du was machen? Du willst einfach dort hineinmarschieren, die Familienerbstücke durchsehen, ein paar Sachen verkaufen und das Geld, das du dafür bekommst, in den Kampf ge19
gen Tagg Harper investieren? Wenn du schon dabei bist, kannst du deinen Stiefvater vielleicht auch noch überreden, in ein Pflegeheim zu ziehen, damit du das Gebäude verkaufen kannst.“ Sie hustete, weil ihr der Mehlstaub in die Nase gestiegen war. Als sie wieder Luft bekam, standen ihr Tränen in den Augen. Und ich sah ihre Befürchtung, dass ich mit dem Gebäude und allem, was noch darin war – einschließlich Clyde –, überfordert sein könnte. „Komm schon, Whitney, wir sprechen hier von dem Mann, der dir nicht einmal erlaubt hat, vor der Beerdigung deine tote Mutter zu sehen. Wir wissen, dass er egoistisch, besitzergreifend und gemein ist. Er könnte aber auch ein Betrüger und ein Gauner sein. Du musst dich von ihm fernhalten.“ „Ich muss hinfahren.“ Ich wollte nicht ohne Denises Segen fahren. Ich hatte sowieso schon das Gefühl, sie mit dem Bella Tazza im Stich zu lassen. In Wirklichkeit wollte ich überhaupt nicht auf die Outer Banks fahren. Ein Teil von mir – der alte Teil, der rund um die Welt gereist und nirgends lange genug geblieben war, um enge Beziehungen aufzubauen – wollte kneifen und in ein völlig neues Leben flüchten. Wenn Denise, Mattie, Oma Daisy und die Tazza-Angestellten nicht gewesen wären, hätte ich das auch tun können. Ich war noch nicht einmal vierzig. Ich hatte also noch genug Zeit, um irgendwo neu anzufangen. Die Restaurantkette, für die ich gearbeitet hatte, würde mich mit Handkuss wieder einstellen. Ich könnte irgendwo weit weg von hier wieder auf die Beine kommen, ohne auch nur einen Gedanken auf Clyde Franczyk und das alte Hotel am Meer zu verwenden, in dem fast hundert Jahre der schweren, oft tragischen Familiengeschichte meines Vaters steckten. „Glaube mir, Denise, ich habe mir die Sache gut überlegt. Ich sehe mehrere Möglichkeiten. In seinem Alter wäre es für Clyde besser, wenn er sich mit seinen Söhnen ausspricht und wieder nach Raleigh zieht. Vielleicht kann ich ihnen helfen, sich zu versöhnen. Ich weiß natürlich, dass sie mich auch nicht mögen. Doch Mama hat immer gehofft, sie könnte etwas tun, um ihre Beziehung zu verbessern. Sie hatte das Gefühl, sie wäre der Grund für ihre Probleme, obwohl das nie ihre Absicht war.“ „Willst du das alles jetzt für deine Mutter machen?“ 20
„Es ist für alle Beteiligten am besten. Und egal, ob sich Clyde mit seiner Familie wieder versöhnt oder nicht, geht es ja nicht nur um das Gebäude in Manteo. In der ersten Etage lagern immer noch all diese Sachen ... Die Familie meines Vaters war sehr wohlhabend. Großmutter Ziltha stammte selbst aus einer reichen Familie und hat dann noch einen Benoit geheiratet. Die Benoits hatten an der ganzen Ostküste Transportunternehmen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welche Schätze ich in der Penthaus-Wohnung in der zweiten Etage gesehen habe, als Mama und ich jeden Sommer im Hotel arbeiteten. Ich habe keine Ahnung, was davon noch übrig ist.“ Denise zog eine Braue hoch und ihre Lippen bildeten eine schmale, skeptische Linie. „Whitney, nach dem, was bei der Beerdigung passiert ist, musst du damit rechnen, erschossen zu werden. Hast du eigentlich daran gedacht, dass Clyde vielleicht schon alles verkauft hat, was von Wert war? Diesem Mann hat es doch gefallen, kostenlos da oben im Penthaus zu wohnen und die Mieten der Geschäfte zu kassieren, die die unteren Räume gepachtet haben. Aber wer sagt denn, dass er es dabei belassen hat?“ „Das weiß ich erst, wenn ich hinfahre.“ Mein Rücken versteifte sich und meine Entschlossenheit wuchs. „Ich muss versuchen zu tun, was ich kann, Denise. Das würde meine Mutter wollen, und es könnte uns allen weiterhelfen.“ Ich deutete in die Küche, in der jede Nische von unserer schweren Arbeit zeugte. Denise teilte den Teig in klebrige Klumpen und setzte sie auf Rostbleche, während sie über ihre Antwort nachdachte. „Ich weiß nicht recht. Bei der Vorstellung, dass du nach Manteo fährst, habe ich einfach kein gutes Gefühl. Vielleicht liegt das aber zum Teil auch einfach an früher. Ich war auf deine Mutter und auf dich immer neidisch, weil ihr jeden Sommer auf einer Insel verbracht habt. Das klang alles so romantisch – Gespenster und Schiffe, Kapitäne und dieses ganze Zeug. Aber ich will ehrlich sein: Ich mache mir Sorgen um das alles und ich mache mir Sorgen um dich. Ich mache mir schon eine ganze Weile Sorgen. Hast du eigentlich daran gedacht, dass es nicht nur um alte Familienerbstücke in diesem Gebäude geht? Dort sind auch die persönlichen Sachen deiner Mutter. Du warst dort nicht mehr seit … Whitney, das Excelsior war der letzte 21
Ort, an dem du sie lebend gesehen hast! Bist du sicher, dass du in der richtigen Verfassung bist, um jetzt dorthin zu fahren?“ „Clydes gesundheitliche Probleme sind nun einmal jetzt aufgetreten.“ Nach meinem emotionalen Zusammenbruch am letzten Abend war ich nicht sicher, ob ich in der Verfassung war, diesen Schritt zu gehen. Aber er war richtig. „Mir geht es gut. Und glaube mir: Was das Excelsior angeht, hast du absolut keinen Grund, neidisch zu sein. Meine Großmutter hat uns wie Sklaven schuften lassen. Die romantischen Geschichten, die ich immer erzählt habe, waren mehr Märchen als Wirklichkeit.“ Ich konnte mir gut vorstellen, was meine Verwandten in Michigan damals gedacht haben mussten. Da ich dem Familienstreit darüber, ob mich meine Mutter überhaupt mit zu Großmutter Ziltha nehmen sollte, unbedingt den Wind aus den Segeln hatte nehmen wollen, hatte ich wilde Geschichten von meinen paradiesischen Sommermonaten an der Küste von North Carolina erfunden. Ich hatte eine so lebhafte Fantasie gehabt, dass ich meine Geschichten fast selbst geglaubt hätte. Denise hob eine mit Teig beklebte Hand und forderte mich mit ausgestreckten Fingern auf, nicht weiterzusprechen. „Okay. Also gut. Wenn du meinst, dass du das wirklich tun musst, stehe ich hinter dir. Ich halte dir den Rücken frei, aber ich will, dass du vorsichtig bist und auf dich aufpasst.“ „Ich passe auf.“ Aber ich hatte keine Ahnung, was mich auf den Outer Banks erwartete. Ich hatte es unter der Nummer versucht, die der Nachbar auf Mrs Doynes Anrufbeantworter hinterlassen hatte, aber unter dieser Nummer meldete sich niemand. Ich hatte auch versucht, die Telefonnummer der Wohnung in der zweiten Etage anzurufen – die alte Nummer meiner Mutter. Aber auch hier meldete sich niemand. Das Krankenhaus in Nags Head gab mir telefonisch keine Auskunft. „Wie lange, glaubst du, bleibst du dort?“ „Eine Woche, vielleicht ein wenig länger, je nachdem, in welcher Verfassung Clyde ist und ob ich Glück damit habe, zwischen ihm und seinen Söhnen einen Kontakt herzustellen. Und je nach dem Zustand der Sachen in der ersten Etage. Es könnte einige Zeit dauern, bis ich herausgefunden habe, ob sich dort noch irgendetwas von Wert befindet. Ich will dich nicht im Stich lassen, aber ich sehe 22
auch einen Vorteil: Wenn ich fort bin, kann einer der Köche, die wir im Tazza 2 entlassen mussten, hier in der Küche meinen Platz einnehmen. Das ist auch eine kleine Hilfe. Wenn auf Roanoke alles gut läuft, halten wir vielleicht sogar bis zur Verhandlung vor dem Bezirksgericht durch, bekommen unsere Lizenz und stellen alle Mitarbeiter wieder ein. Ich weiß, dass das wilde Spekulationen sind, aber wenigstens haben wir dadurch ein wenig neue Hoffnung.“ Ein langes Seufzen, dann: „Vielleicht kommen Clydes Kinder zur Vernunft. Ich weiß, dass sie beleidigt waren, als er wieder heiratete und das Land ihrer Mutter verkaufte, aber Familie ist Familie.“ Ich konzentrierte mich wieder darauf, die Zutaten für die Marinara-Soße abzumessen, während Susan, unsere Bäckerin, mit Mascarpone und Löffelbiskuit für Tiramisu zur Tür hereinkam. Im Vorbeigehen legte sie uns eine Quittung auf den Tisch. „Ich musste ein paar Sachen im Supermarkt kaufen. Tut mir leid.“ Ihr Blick wanderte zu der Quittung. Wir hatten begonnen, unsere Lebensmittel in kleineren Mengen zu kaufen, da wir bei den meisten Großlieferanten keinen Kredit mehr bekamen. „Ich gebe dir das Geld zurück, sobald ich den Tresor aufsperre und das Wechselgeld für die Kasse hole.“ „Ich muss das Geld nicht heute zurückhaben.“ Susan legte die Zutaten auf den Tisch, schnappte sich eine Schürze vom Haken an der Wand und zog sie sich über den Kopf. „Zahlt es mir einfach irgendwann.“ Natürlich wusste ich, dass sie das Geld brauchte. Susans Mann hatte nur eine Teilzeitstelle, nachdem er seine Arbeit in einer Fabrik verloren hatte. Sie waren auf die monatliche Lohnzahlung angewiesen, wie fast alle unsere Angestellten. Aber genauso wie alle anderen setzte sie sich für das Bella Tazza ein und tat alles, um es am Laufen zu halten. Vor Kurzem hatte ich zweimal das gesammelte Trinkgeld neben der Kasse gefunden. Ohne eine Erklärung, wie das Geld dorthin gekommen war. Und niemand hatte sich gemeldet und gesagt, dass es sein Geld sei. Jetzt wollte Susan auch noch unsere Lebensmittel zahlen. „Das ist kein Problem, Susan. Ich hole es, sobald ich vorne bin.“ Denise schaute mich mit einem Stirnrunzeln an und ich sah in ihren Augen die gleiche traurige Nervosität, die mir seit ein paar 23
Monaten Magenschmerzen bereitete. Taten wir den Leuten damit, dass wir uns so sehr bemühten, weiter durchzuhalten, einen Gefallen? Oder wurden sie von ihrem Glauben an das Bella Tazza um die Chance betrogen, eine neue Arbeitsstelle zu finden, bevor das Unvermeidliche eintrat? Ich steckte die Quittung gleich hinter das gestickte Bella-Tazza-Logo in meine Blusentasche. Es hatte eine Zeit gegeben, in der wir, ohne nachzudenken, elegante, bestickte Arbeitskleidung für alle bestellt hatten. Eines nach dem anderen, sagte ich mir, während ich die Soße umrührte und sie dann köcheln ließ. Du kannst das. Du musst nur Schritt für Schritt vorgehen. Sosehr mir auch davor graute, Clyde zu sehen, eröffnete die Rückkehr auf die Outer Banks wenigstens neue Möglichkeiten. Leider waren diese neuen Möglichkeiten in alten Schmerz eingehüllt. Ich versuchte, nicht zu viel zu analysieren, während ich an die Theke ging, um die Kasse mit Wechselgeld zu bestücken. Inzwischen trudelte das Thekenteam ein, um alles für den Tag vorzubereiten. Bald würde das Bedienungspersonal eintreffen, das gewohnte organisierte Chaos würde folgen und der übliche Geräuschpegel bei den Essensbestellungen würde alles andere in den Hintergrund drängen. Im Bella Tazza 1 herrschte seit dem ersten Tag an viel Betrieb, nachdem wir ein altes Cafégebäude umgebaut und unsere italienische Speisekarte mit bezahlbaren Preisen vorgestellt hatten. Angesichts des nahe gelegenen Skigebiets, einer Fabrik und eines großen Einzelhandelsunternehmens in der Nähe gab es viele Gäste, die gerne bei uns einkehrten, und in diesem Bezirk wurde unser Geschäft nicht durch politische Machenschaften behindert. Ich stand an der Kasse und zählte das Geld ab, das Susan für die Lebensmittel bekam, dann wählte ich noch einmal die Nummer, die mir Mrs Doyne gegeben hatte. Je mehr ich im Vorfeld über die Situation, die mich in Manteo erwarten würde, in Erfahrung bringen konnte, umso besser. Als er sich meldete, klang Joel Coates freundlich und entspannt wie die meisten, die immer auf den Outer Banks lebten. Er schien außerdem noch sehr jung zu sein. Er hörte sich fast wie ein Teenager an. 24
Während ich erklärte, wer ich war und warum ich anrief, hörte ich im Hintergrund eine Türglocke. „Morgen. Willkommen im Rip Shack“, sagte er. „Wie bitte?“ Joel schmunzelte. „Entschuldigung. Ein Kunde ist gerade in den Laden gekommen. Ja, der Alte geht nicht oft aus dem Haus. Aber das Samstagsbüfett unten an der Ecke lässt er sich nie entgehen. Dort isst er jede Woche. Sitzt immer an einem Fenstertisch. Bestellt zwei Essen. Isst eines. Das andere lässt er einpacken und nimmt es mit heim. Dann hält er sich eine Weile im Creef Park auf, sitzt auf der Bank, schaut den Booten zu und solches Zeug. Jamie unten im Buchladen sagt, dass sie das immer zusammen gemacht haben, damals, als seine Frau noch lebte.“ Das Gespräch brach abrupt ab. Ich fühlte, wie Tränen in meinen Augen brannten, und merkte, dass ich regungslos dastand und eine Handvoll Dollarscheine anstarrte. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie man Geld zählt. „Oh, Mann! Das war jetzt unsensibel. Entschuldigung. Das war Ihre Mutter, oder? Ich kann mich noch ein wenig an sie erinnern. Aus der Zeit, bevor mein Chef den Laden hier aufmachte. Sie war wirklich cool. Sie hatte an Weihnachten das Excelsior beleuchtet und einen Rentierschlitten auf dem Dach und solche Sachen. An Halloween hat sie immer unten an der Ecke einen alten Tisch aufgestellt und Süßigkeiten verteilt. Man bekam von ihr auch dann was, wenn man für Süßes oder Saures eigentlich schon zu alt war. Sie war echt cool.“ „Sie hat Kinder geliebt. Sie war Lehrerin. Musiklehrerin“, sagte ich heiser und war auf den plötzlichen Gefühlsansturm nicht vorbereitet. Über den Verlust der eigenen Mutter kommt man nie ganz hinweg. Das Gefühl der Leere kennt Ebbe und Flut wie die Gezeiten, aber es wird nicht von den Mondphasen oder etwas anderem, das man vorhersagen könnte, gesteuert. Joel füllte die plötzliche Stille mit mehr Informationen. „Viel mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe am Samstag alleine hier gearbeitet, weil in der Nebensaison nicht so viel los ist. Als der Alte nicht zum Büfett ging, dachte ich, dass ich vielleicht einmal hinaufgehen und nachsehen sollte. Das habe ich gemacht. Die Türen 25
waren nicht abgeschlossen und ich dachte: Mann, wenn er wegfährt oder so etwas, würde er doch die Türen nicht offen lassen. Also habe ich gerufen. Dann habe ich etwas gehört und bin hineingegangen. Er sah gar nicht gut aus. Sie können sich ja vorstellen, wie jemand aussieht, der vier Tage auf dem Badezimmerboden liegt. Er war ziemlich fertig, aber das wirklich Verrückte war, dass er keinen Arzt wollte. Ich habe also meine Freundin angerufen. Sie arbeitet im Krankenhaus und hat gesagt: ‚Ruf sofort einen Krankenwagen.‘“ „Das war bestimmt richtig.“ Ich versuchte, mir den Mann, den meine Mutter vier Jahre vor ihrem Tod wiedergetroffen und geheiratet hatte, alt und gebrechlich vorzustellen. Es gelang mir nicht. Bei der Beerdigung war er noch so fit gewesen, dass er mich vor allen hatte anschreien können. Seine vollen, weißen Haare waren sauber gekämmt gewesen, sein Anzug glatt gebügelt, seine Haltung aufrecht und unnachgiebig, ein Zeugnis seiner langen Militärlaufbahn. Er und meine Mutter waren ein Paar gewesen, als sie noch zur Schule gegangen war und bevor er als Soldat in Übersee stationiert wurde. Ich konnte ihn mir nicht in der Verfassung vorstellen, die Joel beschrieb, aber ich hielt mich auch nicht lange mit diesem Bild auf. So schrecklich es auch war, dass jemand vier Tage verletzt und hilflos auf dem Boden lag, wollte – und musste – ich meine Abneigung gegenüber diesem Mann aufrechterhalten. Das war nicht schwer. Clyde war der Grund, warum ich nicht da gewesen war, als meine Mutter starb. Es war seine Schuld, dass ich keine Ahnung gehabt hatte, wie schlimm ihr Krebs zurückgekommen war. Er hatte ihr geholfen, ihre Krankheit vor mir zu verheimlichen. Er hatte sie unterstützt, als sie weitere Behandlungen abgelehnt hatte, solange es noch Möglichkeiten gegeben hätte. Er hatte sie nach Hause geholt, wo sie einfach aufgegeben hatte. Aber das hatte so gar nicht zu ihr gepasst, denn meine Mutter war immer eine Kämpferin gewesen. Sie hatte das Leben geliebt. Sie hatte mich geliebt. Aber irgendwie hatte sie unter Clydes Kontrolle gestanden. Ich hatte nie verstanden, warum sie, nachdem sie seit meinem fünften Lebensjahr Single gewesen war, so spät im Leben noch einmal geheiratet hatte, und dann auch noch so überstürzt. 26
Von alledem wusste Joel Coates natürlich nichts. Er klang besorgt und mitfühlend, wie es jeder wäre, der die Situation von außen beobachtete. „Kayla, meine Freundin, ist Sozialberaterin. Sie hat gestern versucht, mit ihm zu reden, aber der Alte wollte davon nichts wissen. Er nannte ihr keinen Namen, den wir anrufen könnten. Deshalb bin ich hinaufgegangen. Dort habe ich Ihre Nummer gefunden und angerufen. Kayla hat gesagt, dass sich der Alte heute Morgen ein Taxi bestellt hat und einfach aus dem Krankenhaus abgehauen ist. Ich hätte ihn abgeholt, wenn er etwas gesagt hätte. Na ja, das ist alles, was ich weiß. Wahrscheinlich taucht er irgendwann hier wieder auf, aber bis jetzt habe ich ihn noch nicht gesehen. Aber ich habe keine Ahnung, wie er die Treppen hinaufkommen will.“ Joel unterbrach das Gespräch, um einen Kunden zu bedienen, während mich meine Gedanken und Gefühle schnell und unkontrolliert überkamen wie Wellen, die ans Ufer rollen und dort verschiedenste Farben und Formen ablagern, um sie dann wieder wegzuspülen. „Also … kommen Sie und schauen, was er braucht … oder besorgen Sie ihm jemanden … oder so etwas? Kayla macht sich große Sorgen.“ „Ja. Ich fahre heute noch los. Ich werde irgendwann morgen im Lauf des Tages eintreffen. Joel, würden Sie mir einen Gefallen tun? Könnten Sie mich anrufen, wenn Sie Clyde zurückkommen sehen?“ Eine Pause kehrte am anderen Ende der Leitung ein, dann: „Hm … ähm … ich kann meinem Chef eine Nachricht schreiben. Ich fahre für zwei Tage mit dem Surfanhänger zu einer Messe. Ich hoffe, Sie können den Alten zur Vernunft bringen.“ „Das hoffe ich auch.“ Aber alles, was ich über Clyde wusste, sagte mir, dass er kein Mann war, der sich von irgendjemandem zu irgendetwas bringen ließ. Und von mir schon gar nicht.
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