Harald Sommerfeld
Mit Gott in der Stadt Die Schรถnheit der urbanen Transformation
Transformationsstudien Band 8
Inhalt Über dieses Buch ................................................................................................................... 12 Vorwort der Herausgeber .................................................................................................... 13 Vorwort des Autors................................................................................................................. 15 Wie dieses Buch zu gebrauchen ist.................................................................................... 19 1. Gott in der Stadt – Eine Einführung.............................................................................. 25 1.1 Die postmoderne Stadt................................................................................................... 26 1.2 Und die Gemeinde?......................................................................................................... 28 1.3 Wo wir hinkommen, ist Gott schon da....................................................................... 30 1.4 Die vier Aufgaben der missionarischen Stadtgemeinde........................................ 33 2. „Wenn du zu einem Ort gehörst, sorgst du für ihn“ – Räume und Orte............... 37 2.1 Räume................................................................................................................................. 37 2.2 Orte..................................................................................................................................... 38 2.3 Ausblick.............................................................................................................................. 48 Exkurs 1: Auf dem Weg zu einer Theologie des Ortes................................................... 51 3. Groß, dicht und bunt – Städtisches Leben................................................................... 56 3.1 Eine Stadt ist relativ groß............................................................................................... 56 3.2 Eine Stadt ist eine dichte Siedlung.............................................................................. 58 3.3 Eine Stadt ist eine permanente Siedlung................................................................... 62 3.4 Eine Stadt besteht aus sozial heterogenen Individuen........................................... 66 4. M29 – der Bus der Hölle – Die gespaltene Stadt........................................................ 74 4.1 Mehrfach geteilt............................................................................................................... 77 4.2 Die Auswirkungen der Ungleichheit........................................................................... 81 5. „Das ist nicht mehr meine Stadt“ – Die umgestaltete Stadt.................................... 86 5.1 Aufstieg und Niedergang einer Industriestadt......................................................... 87 5.2 Postindustrielle Erneuerung.......................................................................................... 88
5.3 Und die Menschen?........................................................................................................ 91 5.4 Mehr Haushalte, weniger Familien............................................................................. 93 5.5 Neues Leben für die alte Mitte..................................................................................... 94 6. Zwischen Yuppies und Autonomen – Die fragmentierte Stadt.............................100 6.1 „Einheimische“ und „Missionare“............................................................................. 101 6.2 Brückenbauer und Grenzgänger................................................................................ 105 6.3 Netzwerker und Unterstützer..................................................................................... 116 6.4 Versöhnung in Spandau................................................................................................ 117 Exkurs 2: Von Jerusalem nach Antiochia......................................................................... 120 7. „Wer hier bleibt, der hat keine Chance“ – Schrumpfende Städte......................... 128 7.1 Von „Deutschlands Schuhmetropole“ zur „Hauptstadt der Schuldner“........... 129 7.2 Städte im Abseits............................................................................................................ 131 7.3 Urbane Mission in der schrumpfenden Stadt......................................................... 134 8. Wer hat, der kann geben – Wachsende Städte........................................................... 146 8.1 Erfolgreiche Städte........................................................................................................ 146 8.2 Urbane Mission in wachsenden Städten.................................................................. 151 9. Gottes Werk und Teufels Beitrag – Die postsozialistische Stadt............................ 161 9.1 Phasen des Umbruchs................................................................................................... 162 9.2 Biografische Verluste..................................................................................................... 166 9.3 Gemeinschaftsverlust.................................................................................................... 168 9.4 Gotha adelt....................................................................................................................... 170 9.5 Beispiele urbaner Mission in postsozialistischen Städten................................... 171 10. Weiße Folter und graue Wände – Raumwahrnehmung........................................ 179 10.1 Die Welt unserer Sinne............................................................................................... 180 10.2 Raumwahrnehmung und Sozialverhalten............................................................. 189 10.3 Drei praktische Anwendungen................................................................................. 193 11. „Am häufigsten sitzen Menschen da, wo es Sitzgelegenheiten gibt“ – Der öffentliche Raum.................................................................................................... 201 11.1 Die Nutzung des öffentlichen Raums..................................................................... 201 11.2 Die Gestaltung des öffentlichen Raums................................................................. 212 11.3 Der öffentliche Raum als Präsentierteller.............................................................. 223
12. „Entscheidend is´ auf´m Platz“ – Stadtquartiere................................................... 226 12.1 Warum wohnen wir, wo wir wohnen?.................................................................... 228 12.2 Der Quartiersbezug der urbanen Mission............................................................. 230 12.3 Kontexteffekte............................................................................................................... 233 12.4 Es gibt Hoffnung.......................................................................................................... 237 13. „Man darf nicht mal wohnen, wo man will“ – Gentrifizierung.......................... 242 13.1 Was führt zur Gentrifizierung?................................................................................. 243 13.2 Der Verlauf der Gentrifizierung............................................................................... 250 13.3 Die Folgen der Gentrifizierung................................................................................ 253 13.4 Urbane Mission und Gentrifizierung..................................................................... 255 14. „Je genauer wir hinschauen, desto begeisterter sind wir“ – Großsiedlungen............................................................................................................. 260 14.1 Das Märkische Viertel................................................................................................. 261 14.2 Auf dem Datzeberg...................................................................................................... 267 15. „Herr, wohin soll ich gehen?“ – Die Berufung in die Stadt................................. 276 15.1 Die Hinwendung zum eigenen Ort........................................................................ 277 15.2 Die Sendung an einen neuen Ort............................................................................ 280 15.3 Eine Ermutigung, eine Warnung, ein heikles Thema und noch eine Ermutigung.......................................................................................................... 283 15.4 Und unsere Wohnung?............................................................................................... 284 Exkurs 3: Von Ur nach Ninive............................................................................................ 293 16. Der Kobra-Effekt – Lebendige Systeme.................................................................... 301 16.1 Lebendige Systeme...................................................................................................... 301 16.2 Das technische Denken.............................................................................................. 303 16.3 Eigenschaften lebendiger Systeme.......................................................................... 304 16.4 Die schlechte Nachricht............................................................................................. 306 16.5 Die gute Nachricht...................................................................................................... 307 16.6 Das Vorbild der Inkarnation...................................................................................... 309 16.7 Systemfragen stellen................................................................................................... 312 17. Wer sucht, der findet – Stadterkundung................................................................... 316 17.1 Hören und Sehen........................................................................................................ 317 17.2 Stadterkundung als Begegnung............................................................................... 320 17.3 Erkundung in lebendigen Systemen....................................................................... 326 17.4 Was tut Gott in der Stadt?.......................................................................................... 331
18. Der dritte Weg – Die missionarische Erneuerung bestehender Gemeinden 1.................................................................................................................. 339 18.1 Die Dvorak-Tastatur.................................................................................................... 339 18.2 Der übliche Weg........................................................................................................... 341 18.3 Veränderungsprozesse in einem lebendigen System.......................................... 341 18.4 Die Erfolgsgeschichte des Hybridmais................................................................... 344 18.5 Eine kurze Zwischenbilanz........................................................................................ 351 18.6 Veränderung braucht Sicherheit............................................................................... 351 19. Die andere Seite des Reiches Gottes – Die missionarische Erneuerung bestehender Gemeinden 2.......................................................................................... 357 19.1 Eine Orientierung für die missionarische Erneuerung...................................... 359 19.2 Zwei grundlegende Thesen....................................................................................... 360 19.3 Was ist schon da?......................................................................................................... 360 19.4 Die Vorhut der urbanen Mission aktivieren und fördern.................................. 362 19.5 Die Ausbreitung........................................................................................................... 365 19.6 Und die schöne Projektplanung?............................................................................. 371 20. Im Rathaus willkommen – Gemeinden im kommunalen Leben....................... 374 20.1 Die Kommunen............................................................................................................ 375 20.2 Was ist eine Gemeinde wert?.................................................................................... 377 20.3 Im Rathaus willkommen............................................................................................ 380 20.4 Investitionen lohnen sich.......................................................................................... 382 21. Neuartige Gemeinden braucht die Stadt – Städtische Biografien und Kirche im Wandel.......................................................................................................... 389 21.1 Städtische Biografien.................................................................................................. 390 21.2 Die Gemeinden der Stadt.......................................................................................... 399 22. Neue Gemeinden hat die Stadt – Migranten, Migrationskirchen und interkulturelle Gemeinden.......................................................................................... 407 22.1 Migranten in Deutschland........................................................................................ 408 22.2 Migrationskirchen....................................................................................................... 412 22.3 Interkulturelle Gemeinden........................................................................................ 415 22.4 Dimensionen der interkulturellen Begegnung.................................................... 417 22.5 Wir brauchen einander in der urbanen Mission.................................................. 420 23. „Es ist jeden Abend wert“ – Inkarnatorisch leben.................................................. 425 23.1 Hören und Sehen........................................................................................................ 425 23.2 Kommen und Gehen................................................................................................... 426
23.3 Essen und Trinken....................................................................................................... 426 23.4 Chronos und Kairos..................................................................................................... 432 23.5 Geben und Nehmen.................................................................................................... 433 23.6 Schenken und Dienen................................................................................................ 435 24. „In der Begegnung mit Menschen begegnet mir Christus“ – Urbane Spiritualität 1.................................................................................................... 442 24.1 Die Stadt als spiritueller Ort...................................................................................... 442 24.2 Das spirituelle Leben des urbanen Missionars..................................................... 447 25. Missionarisch beten – Urbane Spiritualität 2.......................................................... 457 25.1 Das missionarische Gebet im Neuen Testament................................................. 457 25.2 Klage und Stille............................................................................................................. 469 26. Du hast keine Chance, nutze sie! – Urbane Seelsorge 1....................................... 473 26.1 Die soziale Dimension der Sünde........................................................................... 474 26.2 Die soziale Dimension der Versöhnung................................................................. 475 26.3 Die ungeheilte Stadt.................................................................................................... 477 27. „Ihr Angesicht soll nicht schamrot werden“ – Urbane Seelsorge 2................... 488 27.1 Lehre, Handeln, Rituale.............................................................................................. 489 27.2 Heilung sozialer Schamgefühle............................................................................... 489 27.3 Heilung sozialer Verbitterung................................................................................... 496 27.4 Wohlergehen durch christliche Gemeinschaft...................................................... 503 27.5 Überwindung sozialer Verwahrlosung.................................................................... 505 28. Die Schönheit, das Sterben und die Nacht – Urbane Seelsorge 3...................... 509 28.1 „Jedes Mal gibt das Bild mir Hoffnung“................................................................ 510 28.2 „Sterben ist Leben – Leben bis zuletzt“.................................................................. 513 28.3 „Was, Christen, hier? Ihr seid hier draußen?!“ ..................................................... 517 28.4 „Der treue Menschenhüter“...................................................................................... 528 29. Lebt mit allen Menschen in Frieden zusammen – Christen und Muslime .... 531 29.1 Muslime in Deutschland............................................................................................ 532 29.2 Die „religiöse Ökonomie“.......................................................................................... 534 29.3 Begegnungsmöglichkeiten schaffen....................................................................... 535 29.4 Mission?......................................................................................................................... 537 29.5 Konvertiten.................................................................................................................... 538
30. Die natürlichste Sache der Welt – Evangelisation in der postmodernen Stadt.................................................................................................................................. 540 30.1 Wenn Evangelisation Unbehagen auslöst.............................................................. 540 30.2 Die natürlichste Sache der Welt............................................................................... 542 30.3 Evangelisation mit Respekt........................................................................................ 545 30.4 Der eigentliche Evangelist ist Jesus Christus........................................................ 547 30.5 Konversion als Prozess............................................................................................... 552 31. Gemeinsam für unsere Stadt – Urbane Netzwerke............................................... 563 31.1 Welche Einheit braucht die Stadt?........................................................................... 564 31.2 Netzwerke als lebendige Systeme............................................................................ 565 31.3 Beziehungen in Stadtnetzwerken............................................................................ 567 31.4 Kooperation in Stadtnetzwerken.............................................................................. 569 31.5 Die Struktur selbstorganisierter Netzwerke.......................................................... 573 31.6 Netzwerker.................................................................................................................... 577 31.7 Bewegungsorganisationen / Netzwerkinitiativen................................................ 583 Exkurs 4: Netzwerke(r) im Neuen Testament................................................................ 589 32. „Bin ich nicht ein Mensch und Bruder?“ – Transformation als Ziel der urbanen Mission..................................................................................................... 596 32.1 Wie geschieht Transformation?................................................................................ 597 32.2 Bottom-up oder top-down?....................................................................................... 606 32.3 Der Beitrag des Einzelnen zur urbanen Transformation................................... 610 Nachwort: Die Schönheit der urbanen Transformation............................................ 614 Anhang A: Sokrates und Epimenides – Spurensuche in Athen.................................. 617 Anhang B: Milieus und Lebensstile.................................................................................. 625 Anhang C: Glossar................................................................................................................ 630 Literaturverzeichnis............................................................................................................. 641 Bildnachweise........................................................................................................................ 682
Über dieses Buch Harald Sommerfelds Buch füllt nicht nur eine Marktlücke, weil es Vergleichbares bisher nicht gibt. Es ist auch ein vielfältig nutzbares Handbuch für persönliches Engagement und kirchliches Handeln in der Stadt. Wie ich aus jahrelanger eigener Anschauung weiß, schreibt hier kein Schreibtischtäter, sondern ein Stadtliebhaber. Lust und Last, Schönheit und Brüche im „Zukunftslabor Berlin“ hat er selber durchlebt, durchwandert und „durchglaubt“. Was er hier und in anderen Städten Europas sieht, reflektiert und diskutiert er, durchdringt er mit seinem profunden biblischen Glauben und seinem analytisch-systemischen Denken. Dabei ist ihm ein Kunststück gelungen: Das Buch ist auf dem aktuellen Standard der Stadt-Soziologie und doch mit Vergnügen und Gewinn lesbar für engagierte nicht-professionelle Stadt-Christen. Es wird das Standardbuch für christliche Arbeit in der Großstadt werden! Axel Nehlsen, evang. Pfarrer, bis 2016 Geschäftsführer bei „Gemeinsam für Berlin“
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Vorwort der Herausgeber
Vorwort der Herausgeber Ich gebe zu: Ich bin ein Fan des Urbanen. Als Soziologe liebe ich es, durch die Straßen einer belebten Stadt zu schlendern. Mich dabei überraschen zu lassen von interessanten oder bizarren Details: eine vegane Dönerbude, das „Bestattungsinstitut Schwermut“ oder die Massen von Hipstern auf einem angesagten Flohmarkt, die alle auf sehr ähnliche Weise versuchen individuell zu erscheinen. Überhaupt könnte ich stundenlang die Menschen beobachten. Das pulsierende Leben einer Stadt, ein lebender Organismus in beständiger Veränderung. Und ich gebe zu: Ich stehe auf Transformation. Nicht eine beliebige Veränderung, sondern eine von Gott zum Besten der Stadt bewirkte. Das Vertrauen darauf, dass Gottes Wirken größer ist als meine Vorstellung davon. Der Glaube, dass Gott durch uns, aber auch jenseits der Grenzen und Begrenztheiten von Kirche und Gemeinde im (für mich) Verborgenen wirkt. Und die Hoffnung, dass er auch in jenen Veränderungen am Werk ist, die uns zu schaffen machen und als unüberwindbare Herausforderung erscheinen. Da ich also ein Fan des Urbanen wie der Transformation bin, ist es kaum verwunderlich, dass ich das vorliegende Buch mit großer und wachsender Begeisterung gelesen habe. Es ist eines dieser Bücher, das man liest und sich wünscht, dass es möglichst viele Leser bekommt. Bei dem man schon beim Lesen darüber nachdenkt, wie andere dieses Buch lesen und sich von der Begeisterung anstecken lassen, die man selbst gerade spürt. Daher bin ich der Überzeugung, dass dieses Buch auch für jene ein großer Gewinn ist, die auf dem Land leben und sich in Städten eher unwohl fühlen. Und ich bin überzeugt, dass diejenigen, die dem Begriff der Transformation und den Gedanken einer Transformationstheologie eher skeptisch bis kritisch gegenüberstehen, nach diesem Buch noch einmal ganz neu nachdenken. Doch worum geht es überhaupt in diesem Buch? Im Grunde geht es ganz wörtlich um eine Verortung des Glaubens mit dem Ziel einer missionarischen Erneuerung. Menschen leben nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum. Viel ist in den letzten Jahren darüber gesprochen worden, dass wir in einer veränderten Zeit leben, die den christlichen Glauben ganz neu herausfordert. Ein Aspekt ist dabei oft zu wenig beleuchtet worden: Damit Glaube zeitgemäß ausgedrückt und gelebt werden kann, muss er entsprechend verortet werden. Denn allzu oft bekommt der zeitgemäße Glaube einen modernen bzw. postmodernen Anstrich, bleibt im Grunde jedoch vormodern. Und vormodern bedeutet zugleich: ländlich und nicht städtisch. Anders gesagt: Viele Menschen
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Vorwort der Herausgeber
wollen die Kirche noch immer im Dorf lassen. Und selbst dort, wo sie in der Stadt angekommen ist, ist sie oft dörflich geblieben. Dieses Buch stellt die Frage: Wie kommt sie wirklich in die Stadt? Wie kann sie sich dort so verorten, dass Glaube urbane Gestalt gewinnt und das Evangelium seine verändernde Kraft entfalten kann? Dazu müssen wir einerseits wissen, was Urbanität bedeutet, also was städtisches Leben ausmacht und wie die postmoderne Stadt in ihren zahlreichen Facetten verstanden werden kann. Genau dies wird im Buch auf ebenso wohlinformierte wie unterhaltsame und gut verständliche Weise dargestellt. Zum anderen ist aber auch eine theologische Verortung hilfreich. Es braucht eine Theologie des Raumes, die immer eine ganz praktische Seite hat. So erfahren die Leser, wie urbane Spiritualität praktiziert werden kann, was urbane Seelsorge ausmacht und wie Christen und Gemeinden sich an der Mitgestaltung der Stadt beteiligen können. Das Großartige aber ist: Dieses Buch informiert nicht nur, vielmehr steckt es an. Es macht Lust darauf, mit Gott in der Stadt unterwegs zu sein. Ihn in seinem Wirken zu entdecken und daran teilzuhaben. Sich als Kirche, Gemeinden und Gemeinschaften herauslocken zu lassen, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, sondern ein lebendiger Teil der Stadt zu werden – gewissermaßen urbanes Salz. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht so oft von einem Buch schwärme und mir Kritik leichter fällt als das Lob. Aber man merkt dem Buch an, dass hier ein besonderer Mensch gewissermaßen ein Lebenswerk vorlegt. Harald Sommerfeld vereint wie nur wenige Menschen Dinge, die leider zu oft getrennt existieren, und genau dies zeichnet auch dieses Buch aus: sehr vielfältige und reichhaltige Lebenserfahrungen mit einem großen und überaus fundierten theologischen und soziologischen Wissen, großes und intensives Engagement mit einer existenziellen Gelassenheit, die Fähigkeit Geschichten zu erzählen mit der Fähigkeit zu komplexen fachlichen Analysen und nicht zuletzt die unbändige Liebe zu den Menschen mit der überbordenden Liebe zu Gott. Ganzheitlichkeit und Weisheit machen nicht nur die Schönheit der urbanen Transformation aus, sondern auch die Schönheit dieses Buches. In diesem Sinne wünsche ich allen LeserInnen ein beflügelndes Leseerlebnis und vielfältige Erfahrungen mit Gott in der Stadt! Advent 2015, Prof. Dr. Tobias Künkler, im Auftrag der Herausgeber
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Vorwort des Autors
Vorwort des Autors Die Entstehungsgeschichte dieses Buches begann am 5. Juli 1996. An diesem Tag zog ich mit meiner Familie nach Berlin. Meine Mission lautete: Was geht mit Jesus in der Stadt? Davor hatten wir 20 Jahre im kleinstädtischen Nordhessen gelebt. Ich hatte dort meine theologische Ausbildung absolviert, als Pastor gearbeitet und war elf Jahre Dozent an einem theologischen Seminar gewesen. Im Verlauf dieser Zeit wurde mir immer mehr bewusst, wie irrelevant die meisten Gemeinden, die ich kannte, für ihre Städte waren. Sie waren wertvolle Orte der Zugehörigkeit und des gemeinsamen Glaubens für die, die ihnen angehörten. Ihr Umfeld hätte allerdings kaum etwas vermisst, wenn sie nicht da gewesen wären. Das empfand ich als Herausforderung. Wenn Jesus der ist, als der er uns in der Bibel begegnet, dann muss er überall und zu allen Zeiten für Menschen und Städte von Bedeutung sein. Wir müssen nur für unsere Zeit und unsere Wohnorte neu herausfinden, wie seine Relevanz sichtbar wird. Diesem Ziel sollte die zweite Hälfte meines Lebens gehören. Mir war klar, dass es nicht reichen würde, Bücher zu befragen und Stadtveränderung am grünen Tisch zu erfinden. Ich musste selbst raus in die Großstadt, um auf die Frage „Was geht mit Jesus in der Stadt?“ eine Antwort zu finden. Gemeinsam mit meiner Familie wurde mir klar, dass Berlin die neue Heimat werden sollte. Also kündigte ich Job und Wohnung, noch bevor wir wussten, wo in Berlin unser Platz sein würde, und bereitete mich auf das Abenteuer urbane Mission vor. Ich wurde nicht enttäuscht. In den letzten fast zwanzig Jahren habe ich miterlebt, wie in Berlin und an vielen anderen Orten eine neue christliche Stadtbewegung entsteht. Meine Beteiligung an ihr änderte sich im Verlauf dieser Zeit und damit auch die Perspektive, aus der ich sie wahrgenommen habe. Deshalb beschreibe ich kurz die Phasen meiner Berliner Zeit, weil sie die Grundlage für die Vielfalt dieses Buches sind, und stelle die Initiativen vor, die jeweils im Vordergrund standen und die ich oft erwähnen werde. Meine erste Station war die Josuagemeinde in Berlin-Spandau. Sie war drei Jahre vorher gegründet worden. Eine Gruppe von ungefähr 40 Leuten, bis dahin Mitglieder einer Freikirche in Berlin-Schöneberg, wollte Gemeinde für den eigenen Bezirk sein. Ich wurde ihr Pastor und lernte Basisarbeit in der Großstadt kennen. Die Gemeinde wuchs, wir fanden die ersten Schritte ins kommunale Leben. Auch als meine Zeit als Pastor vorbei war, blieb ich Mitglied der Gemeinde. Heute sind wir eine stadtrelevante Gemeinde, ein wichtiger und respektierter Akteur in Spandau. Wir sind auch – darauf bin ich stolz – eine inklusive Gemeinde. Bei uns sitzen Geschäftsleute neben Hartz-IVEmpfängern und in den letzten Jahren wird die Gemeinde zunehmend interkulturell. Meine Leser werden merken, wie sehr sie mich geprägt hat.
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Vorwort des Autors
Auf diese Station folgte eine ungewöhnliche Phase: eine längere Zeit der Zurückgezogenheit. Nach mehr als fünf Jahren in der Josuagemeinde wurde mir klar, dass meine Zeit als Pastor vorbei war. Ich hatte keine Ahnung, wie die Zukunft aussehen würde, nur die Gewissheit, dass ich aussteigen und Zeit mit Gott verbringen sollte. Meine Frau was sicher, das Gleiche von Gott gehört zu haben, und so fassten wir den Entschluss, uns mit den drei Kindern, die noch zu Hause waren, dem Abenteuer der Versorgung durch Gott auszusetzen. Es wurden mehr als vier lange Jahre. Ich betete und wartete, was kommen würde. In dieser Zeit empfand ich mich wie eine Puppe – zwischen Raupe und Schmetterling. Ich war nicht mehr, was ich gewesen war, und ich war noch nicht, was ich sein würde. In dieser scheinbaren Ereignislosigkeit geschahen in mir wichtige Veränderungen. Heute spreche ich von der Zeit meiner Entgiftung. Im Rückblick stelle ich fest, dass mein Leben bis dahin von einem ungesunden Ehrgeiz getrieben war. Wenn ich ehrlich bin, liebte ich zwar Gott und Menschen, aber noch mehr liebte ich den Dienst und suchte in ihm meinen Wert und meine Identität. Das alles war auf einmal weg. Wer war ich jetzt noch? Es war eine Art Tod und Neuanfang. Meine Beziehung zu Gott veränderte und vertiefte sich, eine spirituelle Grundlage für die urbane Mission, der meine Leser begegnen werden, wurde gelegt. An einem Punkt stellte ich mir die Frage, was von meinem bisherigen Leben sich wirklich gelohnt hatte. Vor meinem inneren Auge standen lauter Bilder von einzelnen Menschen, denen ich begegnet und für die unsere Begegnung wichtig gewesen war. Ich merkte, dass das Wichtigste in meinem Leben nicht große Aktionen sind, sondern die eine Person, mit der ich gerade zusammen bin. Eine andere Schlüsselerfahrung war für mich ein Vortrag, wie man andere für seine Vision gewinnt. Zehn Jahre früher hätte ich an den Lippen des Redners gehangen. Doch jetzt ließen mich seine Worte kalt. Ich spürte: Ich habe überhaupt keine Lust, andere für meine Ziele zu einzuspannen. Stattdessen merkte ich, ich würde glücklich sein, wenn ich anderen helfe, ihre Vision auszuführen. Mein Leben wurde neu ausgerichtet: (1) Wenn ich nie wieder eine Predigt halte, einen Dienst tue, einen Erfolg habe, bin ich immer noch alles, was ich sein muss und will. Ich praktiziere die urbane Mission, solange ich kann, weil sie schön ist, nicht weil ich sie brauche. (2) Jeder einzelne Mensch ist kostbar, unabhängig davon, ob er für irgendwelche Ambitionen nützlich ist. (3) Ich möchte anderen in dem helfen, was Gott ihnen aufgetragen hat. Nach dieser Zeit wurde ich von einer unerwarteten neuen Berufung überrascht – in die interkulturelle Arbeit. Wie es dazu kam, werde ich in Kapitel 22 erzählen. Meine Basis wurde und ist bis heute die Initiative Gemeinsam für Berlin. Sie war aus langjährigen Stadtgebeten von Pastoren und Leitern entstanden und ist eine Art Förderverein für ein Netzwerk der urbanen Mission. Meine Leser werden einiges über sie erfahren. Ich wurde als „Beauftragter für interkulturelle Beziehungen“ angestellt – eine Beauftragung, die sich sowohl auf Migranten und ihre Kirchen bezog als auch auf die „jungen Wil-
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den“ der Stadt: Christen, die in den Gemeinden des Mainstream nicht so gut klar kamen, dafür aber mit vielen Milieus verbunden waren, die „normale“ Gemeinden nicht erreichten. Manche Pastoren sahen in ihnen problematische Gestalten, wir sahen in ihnen Potenzial. Ich lernte die Weite und die Vielfalt der Kirche kennen und schätzen. Dieses Buch versucht, sie widerzuspiegeln. Zu ihr gehören Landeskirchen und Freikirchen, Katholiken und Protestanten, Migrationskirchen und „Christen ohne Gemeinde“, Evangelikale, Pietisten, Charismatiker, Pfingstler, „Liberale“ und Emergente. Ihnen allen gehört meine Wertschätzung, auch wenn ich meine eigene freikirchliche und (post-) charismatische Prägung nicht verberge. 2007 fehlte das Geld, um mich weiter zu beschäftigen. Ich machte mich selbständig und wurde „Berater für urbane Transformation“. Meine Berufung zum Unterstützer für andere fand auch beruflich ihren Ausdruck. Viele neue Kontakte entstanden, weit über Berlin hinaus. Eine besondere Rolle spielt für mich der Studiengang Gesellschaftstransformation, der inzwischen an der CVJM-Hochschule in Kassel angedockt hat. Dort bin ich Gastdozent und vor allem Praxismentor. Ich bin begeistert über die vielen Projekte der urbanen Mission, die ich dadurch kennengelernt habe, und die großartigen Menschen, die in ihnen aktiv sind. Einige werde ich vorstellen. Sie haben dazu beigetragen, dass dieses Buch nicht berlinlastig ist, sondern auch viele Städte mit anderer Größenordnung und anderem Charakter im Blick hat. Seit 2011 bin ich Vorsitzender von Gemeinsam für Berlin. In dieser Initiative habe ich viel darüber gelernt, wie christliche Einheit und Stadtnetzwerke (nicht) funktionieren. Ich hoffe, dadurch nicht nur für Projekt-Aktivisten, sondern auch für gesamtstädtische Strategen nützliche Hinweise geben zu können. Irgendwann meldete sich bei mir der Forscherdrang. Nach vielen Erfahrungen in der urbanen Mission und viel Learning by Doing wollte ich mehr über die wissenschaftliche Erforschung der Stadt lernen. Ich fing an, mich autodidaktisch mit Stadtsoziologie zu beschäftigen, seit dem Sommersemester 2012 studiere ich Soziologie an der FernUniversität Hagen. Dieses Buch profitiert davon, indem sozialwissenschaftliche Erkenntnisse, theologisches Denken und praktische Erfahrungen einander ergänzen. Um nicht den Fehler zu machen, für die Stadt leben zu wollen, aber mich ständig nur unter ähnlich gesinnten Christen aufzuhalten, achte ich darauf, auch in säkularen oder gemischten Initiativen aktiv zu sein. Ein Schwerpunkt ist die Bürgerplattform „Wir in Neukölln“. In ihr haben sich zivilgesellschaftliche Gruppen zum Wohl ihres Stadtteils zusammengeschlossen. Sie repräsentiert für mich einen wichtigen Wert der urbanen Mission: Koalitionen von Christen mit anderen Akteuren, die auch das Beste der Stadt suchen. Dieses Buch ist nicht nur mein Produkt. Ich möchte der vielfältigen christlichen Stadtbewegung eine Stimme geben und habe viele Leute gebeten, daran mitzuwirken. Ihnen allen danke ich für ihre Unterstützung. Sie haben mir wertvolle Feedbacks zu den Manuskripten gegeben, eigene Texte beigesteuert, ihre Geschichten mitgeteilt und sich
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für Interviews zur Verfügung gestellt. Ohne sie wäre dieses Buch nicht das, was es ist. Ich nenne ihre Namen, um meine Wertschätzung für ihre Beiträge und gleichzeitig die Vielfalt zum Ausdruck zu bringen, aus der dieses Buch entstanden ist. • Mitglieder der Josuagemeinde: Jörg Gerasch und Totinia Mateus • Politiker aus Berlin: Raed Saleh (SPD) • Aktive von Gemeinsam für Berlin: Axel Nehlsen, Andrea Meyerhoff, Bianca Dümling, Joshua Lupemba • Engagierte Berliner: Astrid Eichler (Emwag), Christine Knop (Johannes-Hospiz), Christine Thumm und Melinda Means (Serve the City), Claudia Wirths (Neustart), Cornelia und Daniel Hufeisen (FreiRaum), Felix Bergemann und Dorothea Petersen (FACE), Ines Külper (Memi), Joel Sommerfeld (Refo Moabit), John und Gayle Butrin (Matthew´s Table), Kelley Philips (XZ Berlin), Lia Ford (freie Fotografin), Martin Meyerhoff (Neukölln), Robert Stumpf (Lukas-Gemeinde), Werner Nachtigal (No Limit) • Studiengang Gesellschaftstransformation: Tobias Faix, Tobias Künkler • Meine Mentees aus diesem Studiengang: Andrea Haase (Gotha), David Schott (Cottbus), Jonte Schlagner und Ralf Neumann (Neubrandenburg-Datzeberg), Matthias Gibhardt (früher Berlin), Stephan Rauhut (Berlin-Moabit), Wolfgang Arzt (Solingen) • Weitere Personen: Dieter Bittkau, Marianne Reichel, Helga Deichen, Anne Henning, Jenny, Doreen und Jule (Neubrandenburg-Datzeberg), Fuzz Kitto (Australien), Lesley und Roger Sutton, Paul Keeble und Rich Stanton (Manchester), Lloyd Cooke, Jon Bellamy und Danny Flinn (Stoke-on-Trent), Matthias Bothe, Martin Meister, Roswitha Weber und Horst Börger (Oberhausen), Michael Diener (früher Pirmasens), Peter Aschoff (Erlangen), Roland Baumann (Parchim), Ronny (Halle), Susanne Ebel (früher Neustadt a. d. W.) Tobias Künkler hat dieses Buch in seiner Entstehung als wertvoller fachlicher Berater begleitet. Meine Tochter Esther hat mich in vieler Hinsicht unterstützt und die Zusammenfassungen und Anwendungsfragen für die einzelnen Kapitel geschrieben. Meine Frau Hanna hat liebevoll und geduldig ertragen, dass ich zuletzt nur noch für dieses Buch gelebt habe. Am meisten danke ich Jesus Christus. Er hat mich buchstäblich gerettet, als die Stadt Berlin in jungen Jahren fast mein Untergang geworden wäre, und er hat mir das große Geschenk gemacht, mich später erneut dorthin zu senden und mich in dieser Stadt meine Bestimmung finden zu lassen.
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Wie dieses Buch zu gebrauchen ist
Viele Bücher liest man von Anfang bis Ende. Bei diesem ist die Reihenfolge beliebig. Ich erkläre im Folgenden, wie die Lektüre an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden kann. Es gibt einige zentrale Begriffe, die immer wieder vorkommen. Wir verständigen uns, in welchem Sinn sie verwendet werden.
Wie dieses Buch zu gebrauchen ist Bedürfnisgerechte Lektüre Wenn wir uns als Christen engagieren, brauchen wir drei Voraussetzungen: (1) eine biblische Grundlage, die uns Sicherheit gibt, dass unser Handeln in Übereinstimmung mit Gottes Absichten steht; (2) ein Verständnis unseres Umfeldes, damit der gut gemeinte Einsatz nicht sein Ziel verfehlt; (3) eine Orientierung über unser Vorgehen, um die Sache richtig anzupacken. Dieses Buch versucht, allen drei Bedürfnissen gerecht zu werden. 1. Biblische Grundlagen: Sie sind an vielen Stellen in die einzelnen Kapitel eingestreut. Damit soll zum Ausdruck kommen, dass unsere Praxis in ständigem Gespräch mit den Texten der Schrift geschieht. Einige Spezialthemen habe ich in Exkurse ausgelagert. 2. Stadtsoziologische Grundlagen: Sie konzentrieren sich im ersten Teil des Buches (→ Kap. 1-14). Ich empfehle Ihnen, mit den ersten drei Kapiteln zu beginnen. Wer vor allem an praktischen Hinweisen interessiert ist, kann anschließend ohne Nachteil im zweiten Teil des Buches weiterlesen und sich später nach Bedarf wieder dem ersten zuwenden. Nicht jedes Kapitel wird für jeden Leser von gleicher Wichtigkeit sein. Wer sich im Südwesten Deutschlands engagiert, wird nicht vorrangig die postsozialistische Stadt ergründen wollen. Wer im ostdeutschen Plattenbau wohnt, wird andere Prioritäten haben als die Erkundung einer wachsenden, wohlhabenden Stadt im Westen. Ich hoffe allerdings, dass die Kapitel interessant genug sind, auch auf das Appetit zu machen, was nicht unmittelbar das eigene Umfeld betrifft. 3. Orientierung für die Praxis: Im zweiten Teil des Buches (→ Kap. 15-32) finden Sie umfassende Hinweise für das städtische Engagement einzelner Christen, ganzer Gemeinden und übergemeindlicher Initiativen. Ich gehe von einer Grundüberzeugung aus, die ich an vielen Stellen näher ausführe: Urbane Mission beginnt
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nicht mit uns, Gott ist immer schon vor uns in der Stadt. Er wartet dort auf uns und hat bereits Voraussetzungen geschaffen, die für unser Engagement nötig sind. Das Geheimnis der urbanen Mission liegt darin zu sehen, was Gott tut, um sich an seinem Werk zu beteiligen (Joh. 5,19-20). Dann ist sie kein Kraftakt, sondern entspannte Mitarbeit bei Gott. Ich hoffe, dass Sie am Ende der Aussage zustimmen, die im Untertitel dieses Buches zum Ausdruck kommt: Urbane Mission ist nicht nur wichtig, sie ist auch schön. Damit Sie Ihre eigene Auswahl treffen und die Kapitel dieses Buches tatsächlich in beliebiger Reihenfolge lesen können, enthalten alle Kapitel einige benutzerfreundliche Elemente. Für den Fall, dass Sie auf Begriffe oder Inhalte stoßen, die an anderer Stelle im Buch definiert oder dargestellt werden, gibt es viele (Quer-)Verweise auf andere Kapitel oder Abschnitte. Sie sind in Klammern mit einem Pfeil eingefügt: (→ Kap. 3.4.1). Fachbegriffe werden noch einmal in einem Glossar am Ende des Buches erklärt. Außerdem steht über jedem Kapitel eine kurze Übersicht und am Ende eine Zusammenfassung des Inhalts. Dieses Buch enthält viele Fallbeispiele und Zitate. Sie sind der methodische Ausdruck meiner Grundüberzeugung, dass zu unseren wichtigsten Haltungen das Hören und das Sehen gehören. Deshalb schauen wir uns konkrete Städte und Modelle an und hören auf die Äußerungen von Aktiven und anderen Stadtbewohnern. Es gibt dafür zwei besondere Textbestandteile, die mit „Erfahrungen und Reflektionen“ bzw. „Modelle und Beispiele“ überschrieben sind. Einige Städte dienen als Fallbeispiele für ein ganzes Kapitel. Zum Beispiel illustriere ich die wachsende, erfolgreiche Stadt an Erlangen. Damit soll Ihnen keine Überdosis an Informationen über eine Stadt verpasst werden, in der Sie nicht leben. Mein Wunsch ist, so etwas wie ein Empathie-Training für Städte anzuregen. Normalerweise verstehen wir unter Empathie, dass wir uns in die Einstellungen anderer Menschen einfühlen. Das geht am besten, wenn man nicht das allgemein Menschliche betrachtet, sondern eine konkrete Person. Wer in einer Begegnung Empathie lernt, wird später auch anderen Menschen mit mehr Empathie begegnen können. Mit Städten ist es ähnlich. Eine Stadt zu verstehen, ihr gegenüber Empathie zu entwickeln, ist mehr als die Sammlung von Informationen. Man versetzt sich in ihr Leben und ihre Geschichte hinein. Auch das kann man am besten an konkreten Städten üben und diese Übung wird später für vergleichbare Städte fruchtbar werden. Wer Erlangen versteht, versteht auch Ingolstadt (leichter). Als Hilfe für die Übertragung auf das eigene Umfeld und die eigene Praxis stehen am Ende eines jeden Kapitels Anwendungsfragen, die man alleine beantworten oder über die man in einer Gruppe sprechen kann. Außerdem finden Sie dort Empfehlungen für weiterführende Literatur zur Vertiefung. Noch kurz etwas zur Literatur: Dieses Buch folgt der Harvard-Zitierweise. Alle Quel-
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len werden in Klammern direkt im Text angegeben, mit den Namen der Verfasser, dem Jahr des Erscheinens und – wo nötig – den Seitenzahlen, zum Beispiel (Bertels 2008:62). Die genauen Angaben zu dem Buch von Lothar Bertels finden Sie dann im Literaturverzeichnis am Ende des Buches. Eine Ausnahme bilden antike Autoren. Hier folge ich der klassischen Zitierweise wie (Plato, Apologie 17 c). Dadurch ist die Quellenangabe unabhängig von einer bestimmten Ausgabe oder Übersetzung. Bei wörtlichen Zitaten habe ich Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik wie im Original beibehalten. Die Bibeltexte sind, sofern nicht anders angegeben, der Einheitsübersetzung entnommen. Dieses Buch ist für den deutschen Kontext geschrieben. Die meisten Beispiele und, wo möglich, auch Forschungsergebnisse stammen aus Deutschland. Deshalb gelten manche Aussagen nicht für andere gesellschaftliche Situationen. Auch dieses Buch steht vor der Schwierigkeit, dass die deutsche Sprache es schwer macht, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern auf eine lesbare Art zum Ausdruck zu bringen. Ich verwende deshalb in der Regel das generische Maskulinum (zum Beispiel „Leser“ statt „Leserinnen und Leser“) mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass es geschlechtsneutral gemeint ist.
Zentrale Begriffe und Konzepte Dies ist ein Buch über urbane Mission. Deshalb ist es sinnvoll, dass ich mich gleich zu Beginn mit Ihnen darüber verständige, was ich unter Mission verstehe. Im traditionellen Sprachgebrauch meint Mission oft allein die Außenmission, nicht aber das Handeln der Kirche im Inland. Oder der Begriff zielt auf die evangelistische Aufgabe der Christen ab – in Abgrenzung zur Diakonie. In diesem Buch wird Mission in einem umfassenderen Sinn verwendet. Das Wort „Mission“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Auftrag, Sendung“. Es gibt also jemanden, der beauftragt und sendet, nämlich Gott. Er ist und bleibt der eigentliche Urheber. Es ist seine Mission. Das führt uns zu einer ersten Definition.
Missio Dei Definition: Unter Missio Dei (lateinisch für Mission Gottes) verstehe ich alles Gute, das auf Gottes Initiative hin auf der Erde geschieht. Zu dieser sehr weiten Definition komme ich, wenn ich mir anschaue, was in der Bibel alles als von Gott gesandt bezeichnet wird. Gott sendet „sein Wort“, um den Wechsel der Jahreszeiten zu bewirken (Ps. 147,15.18), Menschen gesund zu machen (Ps. 107,20) und vieles andere geschehen zu lassen: „Es bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes. 55,11). Gott sendet „Korn, Wein und Öl“ (Joel 2,19), um die
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Menschen zu sättigen. Er sendet „Licht“ und „Wahrheit“, damit sie Orientierung finden (Ps. 43,3). Er sendet ihnen „Hilfe“ in der Not (Ps. 20,3). Gott ist der Welt zugewandt und lässt unaufhörlich Gutes zu den Menschen kommen: „Er tat Gutes, gab euch vom Himmel her Regen und fruchtbare Zeiten; mit Nahrung und mit Freude erfüllte er euer Herz“ (Apg. 14,17). Wir sollten das nicht als naive, vorwissenschaftliche Aussagen abtun. Auch die Menschen früherer Zeiten bauten ihr Korn an, kelterten ihren Wein, pressten ihr Öl, legten sich Pflaster auf, strebten nach Weisheit und schützten sich gegen Gefahren. Aber sie wussten, dass sie es auf geheimnisvolle Weise Gott verdankten, wenn ihr Tun Erfolg hatte. Weil diese umfassenden Wohltaten letztlich von Gott gesandt sind, gehören sie zur Missio Dei, deren Außenbereich sich sehr weit erstreckt. Gott sendet Gutes auch den „Undankbaren und Bösen“ (Lk. 6,35) und Nichtchristen können seine Beauftragten sein. Der Staat steht zum Beispiel im „Dienst Gottes“ (Röm. 13,4), insofern er das Gute in der Gesellschaft fördert (Röm. 13,1-7). Letztlich steht Gott also hinter allem Guten, das geschieht. Deshalb sehe ich auch im sozialen Handeln säkularer Akteure einen Ausdruck seiner Mission. Zentrum und Höhepunkt der Missio Dei ist die Sendung des Sohnes (Gal. 4,4). Jesus Christus ist der Missionar. Er kam im Auftrag des Vaters zu uns, um uns zu zeigen und zu erzählen, wie Gott wirklich ist (Joh. 1,18; 14,9). Er starb, um uns und die Welt mit Gott zu versöhnen (2. Kor. 5,18-19). Mit seiner Auferstehung begann die Erneuerung der Erde, die noch auf ihre Vollendung wartet (2. Petr. 3,13). Den Weg dorthin begleitet der zweite göttliche Missionar, der Heilige Geist, den der Vater und Jesus Christus zu uns gesandt haben (Joh. 14,26; 15,26), um das Werk Jesu weiterzuführen. In diese große Mission treten wir ein, in ihr haben wir einen Platz. Jesus sendet uns, wie der Vater ihn gesandt hat (Joh. 20,21). Gott liebt es, mit seinen Menschen zusammenzuarbeiten. Deshalb vertraut er uns seine Mission an. Aber sie bleibt immer etwas, das weit über die Tätigkeit der Christen hinausgeht. Es ist nie die Mission der Kirche, es ist immer die Missio Dei. Es sind die Werke des Vaters, die seine Missionare vollbringen (Joh. 9,4).
(Urbane) Mission Definition: Als Mission bezeichne ich alles, was Christen im Auftrag Gottes in der Welt tun. Missionare verkündigen nicht nur das Evangelium. Sie setzen sich für gerechte Löhne oder eine gesunde Umwelt ein, besuchen Kranke und pflegen Sterbende, helfen Kindern bei den Hausaufgaben, beteiligen sich an Stadtteilinitiativen, ziehen in soziale Brennpunkte, werden Teil einer Subkultur, legen Gemeinschaftsgärten an, unternehmen Ausflüge mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten und unterstützen schwa-
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che Familien. Mission geschieht in Tat und Wort, die Diakonie ist mit eingeschlossen. Mission umfasst Werke der Nächstenliebe an einzelnen Menschen, das Engagement für gerechte Verhältnisse und die Evangelisation. Sie ist urbane Mission, wenn sie in der Stadt und unter Berücksichtigung der Besonderheiten der Stadt praktiziert wird. Wichtig ist, dass wir entdecken, wie viel die Menschen um uns herum Gott bedeuten und welchen Platz und welche Aufgaben er in seiner Mission für uns hat. Dabei will dieses Buch helfen.
Evangelisation Definition: Evangelisation ist die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus und die Einladung zu einem Leben mit ihm. Die Evangelisation ist also in der Mission enthalten, aber die Mission umfasst viel mehr als sie. Evangelisation ist weder der einzige Auftrag, den wir haben, noch der eigentliche, dem gegenüber die übrigen Dimensionen der Mission weniger wichtig wären. Wort und Tat lassen sich nicht voneinander trennen. Evangelisation ist nur dann glaubwürdig und im Sinne des Auftraggebers, wenn sie in die umfassende Mission eingebettet bleibt.
Missional Gelegentlich verwende ich das Wort missional. Im Prinzip bedeutet es dasselbe wie „missionarisch“. Dieser neue Begriff bringt zum Ausdruck, dass kein verkürztes oder einseitiges Missionsverständnis gemeint ist. Oft sind mit ihm zwei Betonungen verbunden: 1. Mission ist kein Arbeitszweig der Kirche – neben vielen anderen –, sondern ihr Lebenselement. Die Kirche existiert um der Mission willen und bei allem, was sie tut, ist sie sich ihrer Sendung in die Welt bewusst. 2. Mission als Sendung vollzieht sich vor allem im Hingehen. Die Kirche hat nicht nur den Auftrag, zu sich und ihren Angeboten einzuladen. Sie geht zu den Menschen, wird Teil ihrer Lebenswelt und dient ihnen dort, wo sie sind. Der letzte Aspekt steht auch beim nächsten Begriff im Mittelpunkt.
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Inkarnation / inkarnatorisch Als Inkarnation (von lateinischen incarnatio = Fleischwerdung) bezeichnen wir die Menschwerdung Christi. Er wohnte unter uns und erfüllte seine Mission als einer von uns (Joh. 1,14). Damit hat er uns für unsere Mission ein Vorbild gegeben. Definition: Als inkarnatorisch bezeichne ich die Mission, wenn wir den Menschen, zu denen Gott uns gesandt hat, nicht nur „von außen“ dienen, sondern uns mit ihnen identifizieren und Teil ihrer Lebenswelt werden.
Transformation Der Begriff Transformation bringt zum Ausdruck, dass Gott Herzen und Verhältnisse ändern will. Es geht nicht nur darum, dass einzelne Menschen zum Glauben an Jesus kommen, sondern dass ihr ganzes Leben, ihre Beziehungen und die Verhältnisse in ihrer Stadt im Sinne des Evangeliums eine positive Veränderung erleben. Definition: Unter Transformation verstehe ich, dass in Übereinstimmung mit Gottes Willen durch das Wirken seiner Missionare Herzen und Verhältnisse verändert werden.
David Bosch: Mission im Wandel. Paradigmenwechsel in der Missionstheologie (Bosch 2012). Ein wichtiges Grundlagenwerk für ein angemessenes Verständnis von Mission.
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1. Gott in der Stadt – Eine Einführung
Nach einem kurzen Überblick, was heutige, postmoderne Städte ausmacht, begeben wir uns auf eine erste Suche nach Spuren Gottes in der Stadt. Und fragen uns, welche Aufgaben eine missionarische Stadtgemeinde hat.
1. Gott in der Stadt Eine Einführung Dieses Buch ist die Einladung zu einer gemeinsamen Suche. Wie kann in der Stadt, in der wir leben, der Gott, an den wir glauben, stärker erfahrbar werden? Als Einstieg führen wir ein kleines Gedankenexperiment durch. Gerda sei eine Frau, die Anfang der 1960er-Jahre in unserer Stadt lebte. Dann verfiel sie in einen langjährigen Schlaf, aus dem sie erst in unseren Tagen wieder erwachte. Welche Entdeckungen würde sie machen, wenn sie jetzt durch die Straßen unseres Ortes ginge? Gerdas Stadterkundung beginnt im Zentrum. Erstaunt sieht sie Erwachsene, die mit einer schäbigen Tasche unterwegs sind und Abfallbehälter durchsuchen. Ab und zu wird sie von Jugendlichen, die heruntergekommen aussehen, um etwas Kleingeld gebeten. So etwas kennt sie nur von selten auftauchenden Landfahrern, aber nicht als normalen Teil des Stadtbildes. In einem Altbauquartier, durch das sie täglich geht, fallen ihr einige Männer auf, die sich anscheinend jeden Morgen an einer Imbissbude treffen, dort den ganzen Tag sitzen und ihr „Sterni“ trinken. Warum gehen die nicht zur Arbeit? Dass sie keine haben könnten, kommt ihr nicht in den Sinn. Sie geht ein kurzes Stück weiter und sieht vor einem weiteren Altbau einen Möbelwagen. Ein Ehepaar mit Kind steht daneben, offensichtlich gut gelaunt. Wieder eine Familie, die es geschafft hat, sich ein Haus im Grünen zu bauen, denkt Gerda. Doch die drei ziehen nicht aus, sondern ein. Gerda stellt fest, dass in dieser Straße die Häuser frisch gestrichen sind, in mehreren Fenstern hängen Schilder „Eigentumswohnungen zu verkaufen“. In einigen ehemaligen Baulücken, an die sie sich noch von früher erinnert, sind schmucke Neubauten entstanden. Teure Boutiquen und die ihr unbekannten „Bioläden“ ergänzen das Bild. Offensichtlich lässt es sich in der Stadt, aus der früher alle, die es sich leisten konnten, an die Ränder gezogen sind, wieder gut leben. An der nächsten großen Straße begegnet ihr ein Demonstrationszug. „Bezahlbare Mieten“ liest sie auf den Spruchbändern, „Verdrängung stoppen“ und „Schluss mit Zwangsräumungen“. Das gute Leben in der Stadt ist wohl nicht für alle gut. Völlig überrascht ist sie, dass ihr viele junge Frauen mit Kopftuch begegnen. Früher war das ein traditionelles Relikt, an dem Frauen im ländlichen Bereich noch festhiel-
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1. Gott in der Stadt – Eine Einführung
ten. Aber diese sehen nicht aus wie Landfrauen und sie scheinen auch nicht von hier zu sein. Überhaupt ist die Stadt viel bunter geworden. Gerda erinnert sich, wie die ersten „Gastarbeiter“ in ihren Heimatort kamen. Aber die müssten eigentlich schon lange wieder weg sein. Warum gibt es auf einmal so viele Menschen, die eine andere Hautfarbe haben und eine andere Sprache sprechen? Auch die deutschen Jugendlichen sehen ungewohnt aus. Wer früher auffallen oder anders sein wollte, ließ sich einfach die Haare länger wachsen. Doch jetzt trifft sie auf seltsame Frisuren. Manche tragen einen Haarkamm mitten auf dem Kopf, andere Strähnen in knallbunten Farben oder Glatzen und einige haben die Haare rundherum geschoren wie ihre Großväter in den 1950er-Jahren.
1.1 Die postmoderne Stadt Worauf Gerda hier unvermittelt stößt, ist das Ergebnis einer längeren Entwicklung. Stadtforscher sprechen vom Wandel zur postmodernen Stadt. Mit ihm haben sich auch die Rahmenbedingungen für christliches Engagement tief greifend verändert. Wir werden diesen Wandel detailliert untersuchen und seine Bedeutung für die Gemeinde aufzeigen. Hier sei er zunächst nur in einigen wichtigen Grundzügen skizziert.
1.1.1 Die einen werden reicher, die anderen ärmer In der Zeit des Wirtschaftswunders, also bis in die 1960er-Jahre, bewegte sich die ganze Gesellschaft wie in einem Fahrstuhl nach oben. Die Reichen wurden reicher, die anderen aber auch. „Wohlstand für alle“ hieß ein Buch des damaligen Wirtschaftsministers Ludwig Erhard und dies war mehr als ein Wahlversprechen. Dann setzte eine Veränderung ein, die sich mit den Begriffen Krise und Polarisierung beschreiben lässt und die auch die Städte erfasste. „Nun gibt es plötzlich […] einen gegenteiligen Typus von Stadt: die schrumpfende Stadt, in der nicht nur die Zahl der Bewohner abnimmt, sondern auch die Zahl der Arbeitsplätze […] Es entsteht also eine Polarisierung der Stadtentwicklung in einerseits schrumpfende, andererseits weiterhin stark wachsende Städte“ (Bertels 2008:62). Auch innerhalb der Städte teilte sich die Bevölkerung in Gewinner und Verlierer. Die einen wurden aus dem Fahrstuhl nach oben verwiesen, für die anderen nahm er mehr Fahrt auf. Die Schere zwischen arm und reich öffnete sich wieder.
1.1.2 Neue Jobs, neue Lebensformen, neue Landkarten Das soziale und räumliche Gefüge unserer Städte befindet sich in einem Prozess der Restrukturierung. Das gesamte städtische Leben wird neu geordnet. Manche Veränderungen sind schon von Weitem sichtbar: Wer mit dem Zug durch ein Ballungsgebiet fährt, entdeckt Industriebrachen und leer stehende Fabrikhallen, aber auch neue Bürohochhäuser mit gläsernen Fassaden. Immer weniger Menschen sind in der Produktion beschäftigt, immer mehr arbeiten in Dienstleistungsberufen. Einigen Dienstleistern geht es gut. Sie sind hoch qualifiziert, haben ein entsprechendes Einkommen und eine
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angenehme Arbeitsumgebung. Andere schneiden ihnen die Haare, fahren sie mit dem Taxi zum Flughafen oder reinigen nach Feierabend ihre Büros. Von solchen Tätigkeiten kann man gerade sein Leben fristen. Die Industriegesellschaft hatte eine neue Familienform hervorgebracht, die Kleinfamilie. Vor einigen Jahrzehnten galt sie – und in christlichen Kreisen gilt sie noch heute – als ideale Form der Lebensgemeinschaft. Um den Traum vom eigenen Heim im Grünen zu verwirklichen, zogen viele von ihnen ins Umland, wo es billiges Bauland gab. Von dort fuhr der Mann täglich zur Arbeit in die Stadt, die Frau blieb zu Hause, hütete das Heim und die Kinder. Heute ist dieser Lebensentwurf für viele Stadtbewohner kein attraktives Ziel, für andere keine realistische Option mehr. Ein Blick in die Statistik macht das schnell deutlich. In Berlin machen Einpersonenhaushalte inzwischen die Hälfte aller städtischen Haushalte aus (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2013:42). Unter den übrigen findet man neben Kleinfamilien Alleinerziehende, Dinks1, Patchwork-Familien, Wohngemeinschaften, (gleichgeschlechtliche) Lebenspartnerschaften und Großfamilien – meist mit Migrationshintergrund. Wenn sich die Wirtschaft und die Bevölkerung ändern, ändern sich auch die städtischen Landkarten. Im Grünen zu wohnen, ist für viele kein Traum mehr. Wenn in einer Familie beide Eltern berufstätig sind, kann man das Alltagsleben am besten organisieren, wenn man in der Nähe von Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten und Versorgungseinrichtungen wohnt. Und wer alleine lebt oder keine Kinder hat, der bevorzugt kurze Wege zu Freizeitmöglichkeiten und Treffpunkten mit seinen Freunden. Viele Innenstädte sind wieder attraktiv für die geworden, die sich bessere Wohnmöglichkeiten leisten können. Die übrigen werden allmählich an die Ränder der Stadt oder in ärmere Stadtteile verdrängt. Wer über die Jahre hinweg den Sozialatlas einer Großstadt verfolgt, merkt, wie sich soziale Brennpunkte und bessere Wohnlagen verschoben haben und weiter verschieben.
1.1.3 Wir sind alle Minderheiten In den 1950er-Jahren konnte die Behauptung aufgestellt werden, die frühere Klassengesellschaft sei zu einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky 1965:332) geworden, das soziale und kulturelle Verhalten der Menschen habe sich vereinheitlicht. Heute spricht man von Fragmentierung. Die Stadt zerfällt in geografische und kulturelle „Dörfer“: in Wohngebiete mit eigenständigem Charakter, in Teilgesellschaften und (Sub)kulturen. „In der Weltstadt der Zukunft gibt es nur noch Minderheiten“ (Jencks 1993:7). Die Bevölkerung von Städten bildet immer weniger ein einheitliches Ganzes. Sie ist heutzutage deutlich vielfältiger, aber die sozialen Bindeglieder zwischen ihren Fragmenten sind eher weniger geworden. 1 Abkürzung für „Double Income No Kids“ (doppeltes Einkommen, keine Kinder).
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1.2 Und die Gemeinde? Gerda ist neugierig geworden. Sie ist Christin und fragt sich, wie die Gemeinden wohl mit dieser Vielfalt klarkommen. Doch dort erlebt sie die nächste Überraschung. Zwar ist die Musik ein bisschen flotter, als sie es in Erinnerung hat, aber ansonsten ist vieles noch vertraut. Armen Menschen begegnet sie dort kaum und denen von den Bioläden auch nur selten. Wenn ein Gemeindehaus in einer Nachbarschaft liegt, in der ihr die Not der Menschen aufgefallen ist, reisen die Leute am Sonntag von überall her an. Wer nebenan wohnt, kommt im Gemeindeleben nicht vor. Im Gottesdienst sieht Gerda viele fröhliche Gesichter, aber diese Gesichter sind alle weiß. Und die Frisuren sind auch eher einheitlich. Warum sind die Gemeinden in einer so farbigen Stadt so farblos? Es kommt Gerda vor, als hätten viele von ihnen tatsächlich einige Jahrzehnte verschlafen. Beim zweiten Hinsehen entdeckt sie allerdings noch etwas anderes. Zuerst fällt es ihr in ihrer eigenen Gemeinde auf, einer Freikirche, die vor einigen Jahren ihr 100jähriges Bestehen gefeiert hat. Man hat zu diesem Anlass Bilder des Gründers gezeigt, der in einem ehemaligen Arbeiterviertel einige Leute um sich sammeln konnte. Die Gemeinde wuchs weiter und konnte in Eigenleistung ihr Gemeindehaus bauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlossen sich eine Reihe von Flüchtlingen aus den früheren deutschen Ostgebieten an. Durch Tüchtigkeit brachten es viele Gemeindeglieder zu einem gewissen Wohlstand und eine Familie nach der anderen zog in ein Eigenheim im Umland. Man nahm viele Fahrten auf sich, um am Gemeindeleben teilzunehmen und die eigenen Kinder zu ihren Programmen zu fahren. Diese Entwicklung hat Gerda noch persönlich miterlebt. Die weitere Geschichte wird ihr erzählt. Der Trend zum Wegzug verstärkte sich, als die Zahl der Arbeitslosen und Migranten zunahm. Das war nicht mehr „ihre Nachbarschaft“. Nur das Gemeindehaus blieb. Natürlich hatte die Gemeinde ein missionarisches Herz. Das meinte sie jedenfalls. Sie unterstützte ein Ehepaar, das auf den Philippinen eine Gemeinde gründete und ein Hilfsprojekt leitete. Wenn die Missionare auf einem Heimaturlaub davon berichteten, waren alle bewegt von den Geschichten über Menschen, deren Nöten begegnet wurde und die zum Glauben kamen. In der eigenen Stadt war das schwieriger. Der Appell von der Kanzel, Freunde und Bekannte mitzubringen, blieb ohne Resonanz. Wer lässt sich schon nach Feierabend in einen 30 Kilometer entfernten seltsamen frommen Club einladen? Die jährlichen Evangelisationen wurden, auch als kaum „Fremde“ mehr kamen, noch einige Jahre weitergeführt, bis man sie schließlich einstellte. Stattdessen versuchte man, mit Sonderveranstaltungen niedrigschwellige Angebote an Außenstehende zu machen. Doch die Schwelle schien immer noch hoch zu sein. Inzwischen hat in der Gemeinde ein Generationenwechsel in der Leitung stattgefunden. Gerda bekommt mit, dass die nun Verantwortlichen nicht mehr damit zufrieden sind, dass ihre Gemeinde nur noch eine Erbauungsinsel in einem fremd gewordenen Quartier ist. Sie suchen Wege aus dem „frommen Ghetto“, durch ein Tagesseminar über
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„missionale Gemeinde“ ist bei vielen der Wunsch nach neuer „Relevanz“ für die Stadt erwacht. Aber wie vorgehen? Die Christen dieser Gemeinde sind nicht die einzigen, die nach neuen Wegen in die Stadt suchen. Gerda hört von einigen anderen. Da sind Kirchengemeinden, die ihrem Mitgliederschwund begegnen oder die Diakonie nicht länger nur den dafür geschaffenen professionellen Einrichtungen überlassen möchten. Da sind junge Erwachsene, die von einer Lebensgemeinschaft träumen, aus der heraus sie sich „ganzheitlich“ engagieren können. Da sind Christen, die in der zunehmenden Zahl der Flüchtlinge einen Auftrag Gottes sehen. Da ist ein Team, das sich herausgefordert fühlt, weil in der Großwohnsiedlung am Rande der Stadt überhaupt keine christliche Präsenz vorhanden ist. Da ist ein Ehepaar, das von einer ausländischen Missionsgesellschaft in die Stadt gesandt worden ist, um eine neue Gemeinde zu gründen. Da sind Gemeinden von Migranten, die eine Berufung spüren, neues Feuer in den geistlich kalten Westen zu bringen. Und da ist eine Gruppe von Frauen und Männern, die Gemeinden oder christliche Einrichtungen leiten und sich regelmäßig zum Gebet für ihre Stadt treffen.
1.2.1 Die Bekehrung zur Stadt Zu den tragischen Kapiteln evangelikaler und pietistischer Geschichte gehört der weitgehende Rückzug aus der Stadt. Seine Auswirkungen sind bis heute spürbar. Fromme Hochburgen liegen eher in ländlichen Gebieten, theologische Ausbildungsstätten und geistliche Zentren finden wir auf „heiligen Bergen“ oder in klösterlicher Abgeschiedenheit. Die städtische „Welt“ kommt vielen Christen fremd oder gar feindlich vor. Entsprechend ist ihr Denken geprägt: „Die meisten Christen lesen die Bibel mit ländlichen Brillen“ (Bakke 1997:14). Doch das hat sich auf breiter Front zu ändern begonnen. In immer mehr Städten wenden sich Christen neu ihrem Umfeld zu. An einigen Orten hat das schon zu weitreichenden Veränderungen geführt – so in Boston, wo Christen von einer „stillen Erweckung“ sprechen (Hall, Hall & Daman 2010:xiii-xv) und wo es schöne Beispiele gelungener Transformation ganzer Stadtteile gibt (Medoff & Sklar 1994), oder in London, wo allein die anglikanische Kirche von 1990 bis 2010 um mehr als 70 Prozent gewachsen ist (Wolffe & Jackson 2012:23). Ganz so weit sind wir in Deutschland noch nicht. Aber auch hier gibt es hoffnungsvolle Zeichen. Wer genau hinsieht, entdeckt in vielen unserer Städte eine missionarische Graswurzelbewegung. Mit diesem Begriff bezeichnet man eine Bewegung, die nicht „von oben“ entstanden ist, durch charismatische Leiter oder strategische Planung, sondern „von unten“, von der Basis, durch viele voneinander unabhängige kleine Aktionsgruppen. Es entspricht dem fragmentierten Zustand der postmodernen Stadt, dass es nicht vorrangig die Massenevents und die Megaprojekte sind, sondern viele kleine, begrenzte Initiativen, in denen die Bekehrung zur Stadt ihren Ausdruck findet. Andere Christen befinden sich noch im Stadium der „neuen Sehnsucht nach der
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Stadt“. Sie wollen sich nicht mehr damit abfinden, dass ihre Gemeinde eine fromme Oase inmitten einer urbanen Wüste ist. Diese Graswurzeln und diese Sehnsucht sind unabhängig voneinander an so vielen Orten zu finden, dass ich in ihnen eine Bewegung des Heiligen Geistes sehe. Gott führt seine Gemeinde zurück in die Stadt. Dieses Buch will diese Bewegung aufgreifen, verstärken und unterstützen. Doch bevor wir uns gemeinsam auf den Weg in die Stadt machen, ist es angebracht, noch einen weiteren Perspektivwechsel vorzunehmen.
1.3 Wo wir hinkommen, ist Gott schon da Gerda ist bei ihrer Entdeckungsreise hin- und hergerissen. Einerseits kommen ihr diese neuen Ansätze wie ein spannendes Abenteuer vor, demgegenüber das frühere Gemeindeleben fast blass und langweilig wirkt. Andererseits bereitet ihr das neue Denken auch Mühe. In einer Kleingruppe sprechen sie über Apostelgeschichte 17,16-34. Paulus sagte den heidnischen Athenern: „Keinem von uns ist er [Gott] fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (V. 27-28). Offensichtlich war Paulus überzeugt, dass Gott den Athenern schon nahe war, bevor er selbst mit dem Evangelium zu ihnen kam. Gott musste sich sogar bemerkbar gemacht haben, denn die Menschen hätten ihn suchen, fühlen und finden sollen (V. 27). Jemand in der Runde stellt die Frage: „Wie wirkt Gott denn in unserer Stadt unabhängig von uns Christen?“ Früher war alles viel einfacher, findet Gerda. Gott war in der Gemeinde, draußen war die „gottlose Welt“. In der Gemeinde gab es an jedem Tag eine Chorprobe, eine Bibelstunde oder eine andere Veranstaltung, damit die jungen Christen keine Zeit hatten, weltlichen Versuchungen zu erliegen. Sie erinnert sich an viele Predigten, die gegen etwas waren. Und sie waren immer gegen etwas, das außerhalb geschah und drohte, in die Gemeinde einzudringen. Und da draußen soll Gott sich aufhalten? Aber so scheint Paulus es tatsächlich gemeint zu haben. Gerda ahnt, dass es nicht nur in der Stadt, sondern auch an Gott Neues zu entdecken gibt.
1.3.1 Gott in unserer Stadt Für Gott ist jede Stadt einzigartig. Das hat er mit uns gemeinsam. Wir leben nicht in der Stadt, wir leben in Coburg, Castrop-Rauxel oder Chemnitz. Städte haben eine individuelle äußere Gestalt und ein individuelles inneres Leben. Sie haben ihre eigene Biografie (Geschichte) und ihren eigenen Charakter. Die soziale Stadtforschung hat sich in den letzten Jahren verstärkt der Besonderheit einer jeden Stadt zugewandt. Programmatisch ist der Buchtitel „Die Eigenlogik der Städte“ (Berking & Löw 2008), bezeichnend einer der Beiträge: „Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen“ (Berking 2008). Dieser Einzigartigkeit einer jeden Stadt entspricht – so meine These –, dass Gott zu ihr eine einzigartige Beziehung hat. Gott liebt nicht die Stadt, Gott liebt Herne, Halle und Hof. Er hat mit jeder Stadt eine eigene Geschichte, ist ihr auf besondere Weise
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nahe, hat spezielle Absichten für sie und hat seine unverwechselbaren Spuren in ihr hinterlassen. Zur Begründung und Veranschaulichung dieser These lade ich Sie ein, sich mit mir in eine antike Stadt zu begeben. Es geht dabei nicht nur um Vergangenes. Es geht darum, unseren Blick zu schärfen für die Gegenwart Gottes auch in unserer Stadt.
1.3.2 Auf den Spuren des unbekannten Gottes Um das Jahr 50 n. Chr. reiste Paulus in die Stadt Athen. Die Blütezeit dieses politischen und kulturellen Zentrums lag schon einige Jahrhunderte zurück. Auf der Agora, die der Schauplatz der berühmten Dialoge des Sokrates gewesen war, disputierten nur noch zweitklassige Philosophen; von hervorragenden Künstlern, Dichtern und Denkern wird uns in dieser Zeit nicht berichtet. Dennoch strahlte der Glanz der ruhmreichen Vergangenheit nach. Athen war eine beliebte Universitätsstadt, zahlreiche Festpilger und Bildungstouristen – darunter römische Kaiser – besuchten sie (Elliger 2007:125-126). Für die meisten der rund 75.000 Athener (Chandler 1987:463) wird der Aufenthalt des Paulus deshalb nicht mehr als eine Randnotiz gewesen sein, falls er ihnen überhaupt auffiel. Bevor wir Paulus durch Athen begleiten, ist eine Zwischenbemerkung nötig. Der Bericht des Lukas (Apg. 17,16-34) ist voller Anspielungen, die antike Leser sofort verstanden haben, die wir aber erst enträtseln müssen. Das erfordert einiges an Feinarbeit. Vermutlich haben Sie nicht alle Geschmack an historischen und fachtheologischen Tüfteleien. Deshalb habe ich diesen Teil in den Anhang verschoben. Hier geht es nur um die wichtigsten Ergebnisse; wer die ausführliche Darstellung und vor allem Belege und Begründungen sucht, findet sie dort. Der Aufenthalt begann damit, dass Paulus die Stadt erkundete (Apg. 17,16.23). An diese vorbereitende „Kontextanalyse“ schlossen sich missionarische Begegnungen an, sowohl in der jüdischen Synagoge als auch auf der Agora, wo Paulus sich mit denen unterhielt, die er dort antraf, unter ihnen Vertreter der beiden bedeutendsten Philosophenschulen (Apg. 17,17-18). Das Echo war geteilt: Es schwankte zwischen Spott, Befremden und Neugier. Schließlich kam es zu einer Untersuchung vor dem Areopag, der obersten Behörde Athens, die ein Auge auf die religiösen Aktivitäten in der Stadt hatte (Apg. 17,18-20). Wir hören hinein in die Rede, die Paulus dort hielt: Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten [oder fühlen] und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir […]. (Apg. 17,26-28a)
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Diese Sätze haben es in sich. Die menschliche Siedlungsgeschichte ist gleichzeitig eine Gottesgeschichte. Was immer Menschen in ein bestimmtes Wohngebiet verschlagen hat, Gott hat etwas damit zu tun. Dort soll die eigentliche Absicht Gottes in Erfüllung gehen, von den Menschen gesucht und gefunden zu werden. Daraus lassen sich Folgerungen ziehen. Wenn der Ort, an dem Menschen wohnen, für ihre Gottesbeziehung von Bedeutung ist, dann muss es an jedem Ort besondere Spuren Gottes geben, die dem Suchen, Fühlen und Finden eine Richtung geben. Gott macht sich nicht überall auf die gleiche Weise bemerkbar und er wird nicht überall auf die gleiche Weise erkannt. Natürlich gibt es auch Konstanten: Es geht immer um den einen Gott, „der die Welt erschaffen hat“, der Jesus „von den Toten auferweckte“ und der jetzt verkünden lässt, „dass überall alle umkehren sollen“ (Apg. 17,24.30-31). Aber für die Zugänge zu diesem Gott gibt es lokale Besonderheiten. Damit kommen wir zu einer Entdeckung, die Paulus bei einem seiner Athener Stadtgänge gemacht hatte. Er fand „einen Altar mit der Aufschrift: Einem unbekannten Gott“ (Apg. 17,23). Es gibt gute Gründe, den Anlass für die Errichtung dieses Altars in einer konkreten Erfahrung zu sehen, bei der die Anrufung eines unbekannten Gottes sich als erfolgreich herausgestellt hatte. Athen wurde einst von einer Pest heimgesucht. In ihrer Not ließen die Athener einen Mann namens Epimenides von Kreta holen. Dieser führte eine Herde mit schwarzen und weißen Schafen auf den Areshügel. Wo jedes Schaf sich lagerte, wurde es dem „zuständigen“ Gott geopfert. Die Plage endete und „anonyme Altäre“ erinnerten an das Geschehen (Diogenes Laertios, Leben und Lehre der Philosophen I 110). Wie immer es um den historischen Wert solcher Überlieferungen steht, frei erfunden sind sie in der Regel nicht. In diesem Fall spricht einiges dafür, dass die Episode um Epimenides so oder ähnlich stattgefunden hat und dass sich Paulus und seine Weggefährten ernsthaft mit ihr und mit dem Mann aus Kreta beschäftigt haben. Epimenides wird im Titusbrief als „Prophet“ zitiert: „Alle Kreter sind Lügner und faule Bäuche, gefährliche Tiere“ (Tit. 1,12). Ebenfalls um ein Zitat könnte es sich bei dem Satz „in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg. 17,28) handeln. Auch er steht in einer Beziehung zu Epimenides. Und schließlich hat Lukas den Athenbesuch des Apostels so stilisiert, dass Parallelen zu dem Besuch des Mannes aus Kreta erkennbar werden. Gott war auch außerhalb von Israel nicht untätig und nicht schweigsam gewesen. Er hatte auf Kreta, der Heimat des Epimenides, sein Heilshandeln gezeigt: „Wohl habe ich Israel aus Ägypten heraufgeführt, aber ebenso die Philister aus Kaftor2“ (Am. 9,7). So wie er im heidnischen Perserreich einen König fand, den er zu seinem Gesalbten machte (Jes. 45,1), fand er auf Kreta einen Mann, der sein Prophet wurde. Diesen Propheten hatte er zur Rettung aus Todesnot nach Athen gesandt und Altäre hatten die Erinnerung 2 Kaftor ist der alttestamentliche Name für Kreta.
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an diese Erfahrung bewahrt. So kam Paulus in ein vorbereitetes Wohngebiet und konnte den Athenern lokale Spuren seines Gottes zeigen, auf denen sie ihn erneut suchen konnten.3
1.4 Die vier Aufgaben der missionarischen Stadtgemeinde Der Athenbesuch des Paulus gibt uns nicht nur Grund, auch in unserer Stadt auf einzigartige Spuren Gottes zu achten. Er zeigt uns gleichzeitig ein Modell für urbane Mission, das sich auf andere Städte übertragen lässt. An dieser Stelle sei es nur kurz skizziert. Seine Elemente werden uns in diesem Buch immer wieder begegnen.
1.4.1 Die sozialwissenschaftliche Aufgabe: Die Stadt verstehen Paulus machte sich in zwei Schritten mit Athen vertraut. Zuerst unternahm er Stadtgänge, um sich einen optischen Eindruck zu verschaffen (Apg. 17,16.23). Jede Stadt hat ihre physische Gestalt, besteht aus einem System von Gebäuden, Plätzen und Verbindungswegen, das viel über ihre Bewohner, deren Verhältnisse und Weltanschauungen verrät. In Athen wurde das Stadtbild von religiöser Architektur und Kunst beherrscht. Die Akropolis erhob sich weithin sichtbar über die Stadt und wer in Athen unterwegs war, kam sich vor wie in einem „Wald von Götzenbildern“4. Der wesentliche Charakter der Stadt wurde schnell deutlich: „Nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen“ (Apg. 17,22). Vor allem aber besteht eine Stadt aus ihren Bewohnern. Die beste Art, sie kennenzulernen, besteht darin, ihnen zu begegnen und sich mit ihnen zu unterhalten. Paulus tat dies ausgiebig in der Synagoge und auf der Agora. Er traf die verschiedenen Gruppen der Stadt, von denen uns einerseits Juden und Gottesfürchtige, andererseits epikuräische und stoische Philosophen genannt werden (Apg. 17,17-18). Er lernte ihren Charakter kennen: ihre Religiosität, die zwischen Frömmigkeit und Aberglauben schwankte (Elliger 2007:132; Külling 1993:27-28), ihre sprichwörtliche Neugierde (Jipp 2012:574575), ihre spöttische Verachtung (Barrett 1994b:830).
1.4.2 Die theologische Aufgabe: Gottes Spuren in der Stadt erkennen In Athen haben wir bereits Spuren Gottes entdeckt, die in der Mission des Paulus eine Rolle spielten. Wo gibt es solche Spuren Gottes in unserer Stadt? Sie wird in der Regel schon eine christliche Geschichte haben, an der es einiges zu entdecken gibt. Wer hat vor uns gearbeitet, in dessen Ernte wir gekommen sind (Joh. 4,38)? Und wo war und ist Gott unter und durch Nichtchristen am Werk?
3 Bemerkenswert ist, dass auch der Gott der Juden, den Paulus verkündigte, bei den Griechen oft als „unbekannter Gott“ bezeichnet wurde (Van den Horst 1989:1444-1446). 4 So übersetzt Wycherley (1968:619-620) den griechischen Ausdruck für „voll von Götzenbildern“ (Apg. 17,16). Er beschreibt, wie man ihnen auf Schritt und Tritt begegnete, auch außerhalb der Tempel.
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1. Gott in der Stadt – Eine Einführung
1.4.3 Die evangelistische Aufgabe: Gottes Gegenwart in der Stadt aufzeigen und deuten Die evangelistische Aufgabe der Christen wird dadurch nicht bedeutungsärmer, dass Gott vor und neben ihnen bereits auf dem Plan ist. Auch wenn Gott keinem der Bewohner unserer Stadt fern war und ist (Apg. 17,27), bleibt er ihnen oft unbekannt. „Über die Zeiten der Unwissenheit [hat Gott] hinweggesehen“ (Apg. 17,30), „jetzt“ sollen sie beendet werden. Die evangelistische Aufgabe der Christen bekommt in diesem Kontext aber einen Charakter, der von manchen vertrauten Vorstellungen abweicht. Klassische Evangelisation geht von der Gottesferne aller Menschen aus. Oft wird dabei mit Aussagen aus dem Römerbrief argumentiert. Doch dieser ist kein evangelistisches Traktat. Er ist an Menschen geschrieben, die bereits zum Glauben gekommen sind. Wenn wir wissen wollen, wie die ersten Christen evangelisierten, müssen wir in die Apostelgeschichte schauen. In ihr finden wir ein deutlich anderes Bild. Hauptthema ihrer evangelistischen Reden sind nicht Sünde und Vergebung. Hauptthema ist vielmehr die bisherige Geschichte Gottes mit den Zuhörern, die „jetzt“ in Jesus Christus ihre Erfüllung findet. Deshalb führt nicht eine „Römerstraße“5 zu Gott, sondern verschiedene Wege, je nach Zuhörerschaft. Juden (und ihren Sympathisanten) wird die bisherige Geschichte Gottes mit Israel und ihre Messiaserwartung vor Augen geführt. Diese Geschichte ist jetzt in Jesus zum Ziel gekommen, er ist der verheißene Retter (Apg. 13,16-41). Aber auch bei heidnischen Zuhörern ist der Ausgangspunkt nicht ihre Gottesferne, sondern ihre Gottesnähe! Der wahre Gott, der sich von allen ihren Göttern unterscheidet, hat „sich nicht unbezeugt gelassen. Er tat Gutes, gab euch vom Himmel her Regen und fruchtbare Zeiten, mit Nahrung und Freude erfüllte er euer Herz“ (Apg. 14,17). „Keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir […] Wir sind von seiner Art“ (Apg. 17,27-28). Den Gott, der immer schon unter ihnen gewesen ist, sollen die Heiden suchen und finden. Dazu braucht er einen Namen und ein Gesicht (vgl. 2. Kor. 4,6). Erst dann ist eine echte Beziehung zu ihm möglich. Dieser Name („Jesus Christus“) und sein Gesicht (das des „Gekreuzigten“) wird ihnen jetzt verkündigt (1. Kor. 2,2).6
5 So wird ein Leitfaden zur persönlichen Evangelisation genannt, der sich auf Stellen im Römerbrief bezieht. 6 Gelegentlich wird die Mission des Paulus in Korinth gegen seine Areopag-Rede ausgespielt. In Athen habe er versucht, mit Mitteln griechischer Weisheit zu verkündigen, und dabei nur bescheidene Ergebnisse erzielt. Diesem Vorgehen habe er daraufhin entsagt und sich vorgenommen, in Zukunft nur noch ein „schlichtes“ Evangelium vom Kreuz zu predigen, und diesen Vorsatz gleich an seiner nächsten Station Korinth umgesetzt (1. Kor. 2,1-5). Es ist jedoch kaum vorstellbar, dass Lukas eine Rede zu einem der Höhepunkte der Apostelgeschichte macht, die zeigt, wie man es nicht machen soll.
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1. Gott in der Stadt – Eine Einführung
1.4.4 Die transformatorische Aufgabe: Sich für Gottes Ziele mit der Stadt engagieren Gott will nicht nur Herzen, sondern auch Verhältnisse ändern. Das ist eine langfristige Aufgabe. Hier konnte Paulus nur den Grund legen. Er ließ einige Anhänger in Athen zurück, mit denen – wie in den übrigen Städten seiner Missionstätigkeit – ein mehrere Jahrhunderte dauernder Prozess der Transformation begann. Athen hat die Liebe Gottes zunächst nur zögerlich erwidert, „die Gemeinde war von Anfang an klein und blieb es“ (Harnack 1906:197). Aus den ersten Jahrhunderten besitzen wir nur spärliche Notizen. „Erst im 5. Jahrhundert scheint das Christentum in Athen in Schwung gekommen zu sein, nun aber gleich in beachtlicher Stärke“ (Elliger 2007:186). In anderen Städten des römischen Reiches verlief der Prozess schneller. Die ersten Christen haben ihre Städte verwandelt. In Geschichte und Gegenwart sind viele weitere Beispiele gelungener Transformation gefolgt. Einige werden uns in diesem Buch begegnen. Und warum sollte die Geschichte der Transformation nicht in unserer Stadt ihre Fortsetzung finden?
●● Mit dem Wandel zur postmodernen Stadt haben sich auch die Rahmenbedingungen für christliches Engagement tief greifend verändert. Der Wandel zeigt sich in ○○ Krise und Polarisierung: Der Wohlstand für alle ist vorbei. Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich wieder. ○○ Restrukturierung: Immer mehr Menschen arbeiten im Dienstleistungssektor, die traditionelle Kleinfamilie wird durch viele andere Lebensformen ergänzt, bessere Wohnlagen und soziale Brennpunkte verschieben sich. ○○ Fragmentierung: Die Stadt zerfällt in geografische und kulturelle Dörfer und bildet immer weniger ein einheitliches Ganzes. ●● Bei vielen Christen wächst die Sehnsucht nach einer neuen „Relevanz“ für die Stadt und an vielen Stellen entdeckt man missionarische Graswurzelbewegungen. ●● Jede Stadt ist einzigartig und Gott hat zu jeder Stadt eine einzigartige Beziehung. Er ist bereits in unseren Städten und wir können seine Spuren dort entdecken. ●● Am Beispiel von Paulus’ Aufenthalt in Athen sehen wir ein Modell für urbane Mission: ○○ die Stadt verstehen (die sozialwissenschaftliche Aufgabe); ○○ Gottes Spuren in der Stadt erkennen (die theologische Aufgabe); ○○ Gottes Gegenwart in der Stadt aufzeigen und deuten (die evangelistische Aufgabe);
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1. Gott in der Stadt – Eine Einführung
○○ sich für Gottes Ziele mit der Stadt engagieren (die transformatorische Aufgabe).
●● Wie wirken sich Polarisierung, Restrukturierung und Fragmentierung in Ihrer Stadt aus? ●● Wo entdecken Sie Spuren Gottes in Ihrer Stadt? Welche christliche Geschichte gibt es? Wo war und ist Gott unter Nichtchristen am Werk? ●● Welche der vier Aufgaben einer missionarischen Stadtgemeinde erfüllen Sie / erfüllt Ihre Gemeinde bereits? Welche Aufgabe ist bislang eher zu kurz gekommen?
●● Harvey M. Conn und Manuel Ortiz: Urban Ministry. The Kingdom, the City, and the People of God (Conn & Ortiz 2000). Ein umfassendes englisches Lehrbuch der urbanen Mission mit einer globalen Perspektive. ●● Hartmut Häußermann und Walter Siebel: Stadtsoziologie. Eine Einführung (Häußermann & Siebel 2004). Wer sich einen umfassenden Überblick über soziologische Stadtforschung verschaffen will, findet hier eine verständliche Einführung.
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