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Lisa Wingate

Firefly Island


Kapitel 1 Wenn wir nicht mehr wissen, welchen Weg wir einschlagen sollen, beginnt unsere eigentliche Reise! Wendell Berry (an der Wand der Weisheit im Fischköder- und Lebensmittelladen Waterbird in Moses Lake, Texas, zitiert)

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s gibt Zeiten, in denen das Leben große Ähnlichkeit mit einem Cursor auf einer leeren Seite hat, der wie ein elektronischer Herzschlag rhythmisch blinkt und eine kurze Frage schreibt: Wie. Geht. Es. Weiter? Die Zeit und der Raum und das Leben warten auf eine Antwort. Und eine leere Seite bietet viele Möglichkeiten. Der Produzent von CNN will wissen, wie ich hier gelandet bin. War mir von Anfang an überhaupt bewusst, wozu das alles führen würde? Der Cursor drängt mich zu einer Antwort auf diese Frage. Vielleicht will er mich auch nur herausfordern, mir zuzwinkern und mir leise zuflüstern: Komm schon, versuch es! Es klingt wie einer dieser abgedroschenen Witze, die sich einsame Reisevertreter in Hotelbars erzählen: Was haben eine Milchkuh, eine irische Liebeslegende und ein politischer Skandal gemeinsam? Aber ich könnte diese Geschichte nicht erfinden, selbst wenn ich es wollte. Und erklären kann ich sie schon gar nicht. Es ist leichter, einfach aus dem Fenster zu schauen, die Skyline von Washington, D.C., zu betrachten, die jetzt irgendwie fehl am Platz wirkt und mir etwas vormachen will, wenn sie flüstert: Es ist Sommer, Mallory. Hier draußen ist es angenehm mild. Fühlst du es? Hörst 5


du nicht, wie die Grillen zirpen und die Hühner die Junikäfer von der Veranda picken? Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf und tauche in eine andere Welt ein, die sich wie ein bequemes altes T-Shirt um mich legt – ein überdimensionales Shirt, das am Kragen ausgerissen ist und schon so oft gewaschen wurde, dass die Schrift auf dem Etikett nicht mehr zu lesen ist. Und der Aufdruck vorne auf der Brust besteht nur noch aus einigen Farbklecksen, die an einzelnen Fäden kleben. Ich stelle mir vor, ich wäre zu Hause und nicht hier in Washington. Ich höre die Wellen des Moses Lake ans Ufer schlagen und fühle den Rhythmus des Sees unter meinen Füßen. Meine Augen fallen mir zu und ich genieße die nach Seewasser riechende Texasluft, den blühenden Oleander, das Trampeln kleiner, nackter Füße auf dem Flur und das Geräusch einer Schmusedecke, die über den Boden geschleift wird. Der honigsüße Duft eines Sommermorgens. Ich kann es nicht erwarten, einen kleinen Jungen mit aufgeschlagenen Knien auf den Schoß zu nehmen, ihm durch seine zerzausten Haare zu fahren, die ersten, unschuldigen Atemzüge am Morgen zu hören, bevor ich dazu gezwungen bin, zu reden, Fragen zu stellen und es mit dem Rest der Welt aufzunehmen. Ich sehne mich nach all diesen Dingen, obwohl ich nie gedacht hätte, dass ich sie mir je wünschen würde. Ich sehne mich nach dem Ort, der sich wie ein seidiges Spinnennetz still und leise, weich und doch stark, um mich gelegt hat. Ich bin davon gefesselt und spüre eine Zufriedenheit, die ich mir nie hätte vorstellen können. Es ist wirklich sonderbar, wie schnell ein Leben zu unserem Leben werden kann, und wie sehr wir dafür kämpfen, wenn es uns jemand wegnehmen will. Das Washingtoner CNN-Studio will die Geschichte in meinen eigenen Worten hören, damit der Moderator das Interview vorbereiten kann. Er will Details hören, die interessanten Kleinigkeiten, die die Zuschauer fesseln. Er will wissen, ob ich je geahnt habe, dass ich irgendwann hier landen würde. Er ist nicht der Erste, der mich das fragt. Für die Antwort auf diese Frage interessieren sich viele. Für CNN macht man Dinge, die man für niemanden sonst tun würde. Man versucht, das eigene Leben wie eine Landkarte auszubreiten, und streicht sie glatt, damit nichts zwischen den Falten versteckt bleibt. Also setze ich mich an den Computer und versu6


che, zum Anfang zurückzukehren, mich über diese gefalteten Erinnerungen zu beugen und den Ausgangspunkt zu dieser ungeplanten Reise, die vor einem Jahr begann, in der hintersten Ecke der Landkarte zu finden. Als ich Daniel Everson das erste Mal sah, stand ich etwas hilflos zwischen Papieren und Notizzetteln in der Halle des Kapitols und versuchte, in einem kurzen, engen Rock und hochhackigen Schuhen würdevoll in die Hocke zu gehen. Die Schuhe waren seriös genug, um lautstark zu verkünden: Ich meine es mit meiner Arbeit ernst, aber doch hoch genug, um gleichzeitig zu flüstern: Ich bin eine Frau. Hört ihr mich brüllen? Ich trug mein Lieblingskostüm, die perfekte Kleidung für ein Foto der Kongressmitarbeiter auf den Stufen des Kapitols. Die Papiere, die über den Marmorboden segelten, standen in einem krassen Widerspruch zur ambitionierten Wahl meiner Kleidung. Sie verkündeten laut und deutlich: Diese Frau ist eine Idiotin. „Hier sieht es ja aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.“ Die freundliche, tiefe Baritonstimme war nicht gerade das, was ich im Moment brauchen konnte. Und genauso unerwünscht waren ihre Worte. Scherze über Bomben auf dem Capitol Hill zeugen grundsätzlich von einem schlechten Geschmack, auch am frühen Morgen, wenn die Touristen noch nicht wie Heuschreckenschwärme über das Gelände hereinbrechen. „Ich habe alles unter Kontrolle“, antwortete ich knapp und vielleicht ein wenig frostig. Ich reagierte immer noch höchst sensibel darauf, dass ich es möglicherweise dem Einfluss meines Vaters verdankte, dass ich die Stelle als Rechtsassistentin im Büro eines führenden Kongressabgeordneten bekommen hatte. Ich bewegte mich in der Hocke zur Seite, rutschte auf dem glatten Boden fast aus und schlug dann mit der Hand auf fünf Blätter des umfangreichen Gesetzesentwurfs für saubere Energie, der jetzt mit gelben Korrekturfähnchen und gekritzelten Notizen am Rand übersät war und überarbeitet, mühsam Korrektur gelesen und kopiert werden musste. Jetzt würde ich auch noch alles von Hand sortieren müssen, bevor ich mit der Bearbeitung anfangen konnte. Ein Windstoß wehte durch den Flur – eine Folge der Renovierungsarbeiten im Gebäude – und ich hörte, wie die Papiere durch 7


den weiten Schlund der großen Rundhalle segelten. Eine einsame Kirschblüte schlug in einem surrealen Zeitlupentempo neben mir einen Salto. Zwei Männer in dunklen Anzügen, die in ein angeregtes Gespräch vertieft waren, machten einen Bogen um mich, als wäre ich unsichtbar. Ein Blatt Papier wurde in die Luft geweht und blieb hinten an meinem Rock kleben. Ich griff danach und spielte ein seltsames Verrenkspiel, bei dem ich mit einer Hand die Papiere auf dem Boden festhielt und mit der anderen versuchte, das Papier zu fassen, das an mir klebte. Meine Finger schlossen sich im selben Moment darum, in dem ein weiteres Blatt an mir vorbeisegelte. Schnell nagelte ich es unter meinem zweiten Fuß fest. „Bleiben Sie einen Moment so stehen.“ In der Stimme des Mannes lag ein freundliches, leises Lachen. Ich versuchte, seinen Akzent zuzuordnen. Vielleicht Michigan, möglicherweise auch New York. Er könnte auch Kanadier sein. Seine Stimme klang nett. Herzlich und gefühlvoll. Fast musikalisch. Er bückte sich und sammelte die verstreuten Papiere ein, die ich auf dem Boden festhielt. Ich malte mir aus, welches Bild er vor sich sah: Eine brünette Frau in einem engen Rock, die sich wie eine Riesenspinne auf dem Boden verrenkte. Mir ging durch den Kopf, dass der Gesetzesentwurf frisch aus einer Besprechung kam und definitiv nicht für fremde Augen bestimmt war. Streng genommen war es meine Aufgabe, ihn zu schützen, und wenn der eigene, gerade erst pensionierte Vater sein Leben lang als Lobbyist gearbeitet hat, weiß man, dass immer Leute herumschnüffeln und auf eine undichte Stelle hoffen. „Nein, nicht nötig. Ich habe alles unter Kontrolle“, beharrte ich. „Das sehe ich.“ Er zog die Papiere unter meinem Fuß hervor, schob sie zu einem Stapel zusammen und ging dann in die Hocke, um die Blätter auf den Boden zu klopfen, damit die Kanten ordentlich aufeinanderlagen. Als er sie mir reichte, schaute er mich an und lächelte dabei. Genauso wie in diesen alten Schwarz-Weiß-Filmen hörte plötzlich die Welt auf, sich zu drehen. Ich hörte das ansteigende Crescendo der Geigen und Bläser, die im Kino eine solche Szene untermalen. Daniel Webster Everson – ja, so hieß er tatsächlich, auch wenn ich das in diesem Moment noch nicht wusste – hatte die schönsten 8


grünen Augen, die ich je gesehen hatte. Von dichten, schwarzen Wimpern umrahmt, schien aus ihnen ein inneres Licht zu leuchten, das fast außerirdisch war. Seine Haare waren gewellt und dunkel und so lang, dass sie sich über seinem Kragen kräuselten, was für Mitarbeiter im Kongress sehr unüblich war. Er trug einen Anzug. Der Anzug stand ihm sehr gut, wie ich sofort feststellte. Ein schwarzer Anzug mit einem hellblauen Hemd und einer ziemlich konservativen marineblau und grau gestreiften Krawatte. Ich fragte mich, was er hier machte. War er Lobbyist? Ein Tourist, dem es irgendwie gelungen war, sich vor allen anderen hereinzuschleichen? Ein Berater? Ich fragte mich, wie jemand eine solche Augenfarbe haben konnte. Vielleicht trug er farbige Kontaktlinsen. War sein Vater Zigeuner? Oder Schauspieler. Er sah jedenfalls aus wie so jemand. Wie einer, der den Prinz von Persien oder den Piratenkönig oder den Jediritter spielte. Ich überlegte, ob er verheiratet war. Wollte er vielleicht heiraten? Irgendwann. Irgendwann in den nächsten zehn Jahren wäre in Ordnung. Ehrlich. Ich könnte warten. Wohnte er in Washington, oder war er nur zu Besuch hier? Liebte er flauschige kleine Kätzchen und Kinder? Besuchte er sonntags seine Mutter? Waren die Locken auf seinem Hinterkopf echt? Hoffentlich hatte er keine dieser furchtbar altmodischen Männerdauerwellen, über die meine Freundin Kaylyn so gern lästerte. Mochte er italienisches Essen? War er gar Italiener? Er könnte Italiener sein. Oder Baseballspieler. Ein Baseballprofi. Er sah sportlich aus. Die Kongressabgeordneten luden gern Profisportler für PR-Aktionen ein. Im Geiste ging ich diese ganzen Fragen im Bruchteil einer Sekunde durch, bevor er mir die Blätter reichte, durch die Halle joggte, um den Rest einzusammeln, und sie mir mit einem Lächeln reichte, während ich mich wieder aufrichtete und versuchte, meine schmollende Unterlippe nach oben zu schieben. Ich suchte nach einer intelligenten Bemerkung, nach einem klugen Spruch, der ver9


raten würde, dass diese Ungeschicklichkeit nur ein Ausrutscher war. Ich war keine dümmliche Büroassistentin, die nur wegen ihrer attraktiven Erscheinung und der umwerfenden Figur, die sie in einem engen Rock und in eleganten Schuhen machte, eingestellt worden war. Aber ich konnte nichts anderes denken als: Wow! Und ich brachte nicht mehr als „Danke“ über die Lippen. Ich merkte, dass ich plötzlich rot wurde, und das sollte etwas heißen bei einer vierunddreißigjährigen Frau, die mit dem Leben in der Großstadt bestens vertraut war und die jegliche Beziehung zu Männern auf Eis gelegt hatte, um sich auf ihre politischen Ziele zu konzentrieren. Der zu diesem Zeitpunkt namenlose barmherzige Samariter war nicht der attraktivste Mann, den ich je gesehen hatte, wenigstens nicht im Sinne von männlichen Models in Werbekatalogen, aber trotzdem … passierte etwas. Ein Feuerwerk wurde entzündet, hätte meine Urgroßmutter wahrscheinlich gesagt. Mallory, hatte sie mich immer ermahnt und mit ihrem knorrigen Omafinger auf mich gedeutet. Eine kluge Frau begnügt sich nicht mit irgendeinem Mann, nur um einen Mann zu haben. Das ist, als kaufe man Schuhe, nur weil sie billig sind. Wenn sie dir nicht passen, hast du nichts davon. Du musst auf ein Feuerwerk warten. Uroma Louisa stammte aus der heiligen Stadt Charleston in South Carolina. Sie war die Einzige in der Familie, die aus den Südstaaten kam und allen anderen immer ein wenig ein Rätsel blieb. Sie liebte Plattitüden, die mit feuchten Augen vorgetragen wurden. In ihrem lang gezogenen, behäbigen Südstaatenakzent klangen sie entzückend und süß wie Pfirsichmarmelade oder Honigbutter. Sie glaubte an Feuerwerke und daran, dass Menschen füreinander bestimmt waren. Ich hatte diese Vorstellung immer für reizvoll, aber leider überholt gehalten. Das änderte sich allerdings an dem Tag, an dem ich Daniel Webster Everson kennenlernte. Wie ein aufgeregter Schmetterling, der in einem Netz gefangen ist, flatterte mein Herz. Ich überlegte flüchtig, ob er das wahrnehmen konnte. In diesem Moment über dem chaotisch verzettelten Gesetzesentwurf für saubere Energie hatte ich das Gefühl, dass wir durch eine unsichtbare Macht, die wir beide zwar spürten, aber nicht sahen, zueinander 10


hingezogen wurden. Er fühlte es. Ich wusste einfach, dass er es auch fühlte. Doch dann zerschmetterte er meine ganzen Fantasiegespinste mit einem einzigen, brutalen Schlag. Seine Armbanduhr – eines dieser hässlichen, dämlichen Plastikdigitalteile mit tausend Tasten und Funktionen – piepste plötzlich. Er warf einen Blick auf die Uhr, lächelte freundlich, wünschte mir viel Glück und verschwand aus meinem Leben. Und ließ mich einfach stehen, leicht spreizfüßig und völlig sprachlos. Ich stolzierte davon, jonglierte den Gesetzesentwurf wie ein unruhiges Baby auf den Armen und wusste nicht genau, ob ich mich abgelehnt oder vom Schicksal auf den Arm genommen fühlen sollte. Oder beides. Diesem Gedanken folgte eine leise, zarte Stimme, die Weisheitssprüche aus den unzähligen Selbsthilfebüchern aufsagte, die ich gelesen hatte, seit ich nach Washington gezogen war und versuchte, den Staub meiner letzten gescheiterten Beziehung von mir abzuschütteln. Es war die längste Beziehung gewesen, die ich je gehabt hatte, und der einzige Grund, warum ich zwei Jahre beruflich in einem schwarzen Loch im amerikanischen Konsulat in Mailand festgesessen hatte. Das letzte Dreivierteljahr dieser Zeit hatte ich damit verbracht, einen würdevollen Ausweg zu suchen, ohne die Hoffnung der anderen Beteiligten zunichte zu machen: seine Hoffnung, die Hoffnung meiner Familie und die Hoffnung seiner Familie. Wenn man über dreißig ist und länger als ein halbes Jahr mit jemandem zusammen, meinen alle, dass er es sein müsste, dass jetzt der etwas verspätete Start in die Ehe-und-Familien-Phase im Leben kommen müsste. Aber einige Menschen sind einfach nicht für ein Vorort-Reihenhaus und eins Komma fünf Kinder geschaffen. Ich hatte immer gewusst, dass ich für eine Berufskarriere besser geeignet bin. Politik faszinierte mich. Ich genoss die Macht, das Gefühl, etwas zu tun, das die Welt verändert und das wichtig ist, die geheimen Vereinbarungen hinter den Kulissen. Genauso wie das U-Bahn-System, das das Kapitol mit den Bürogebäuden des Kongresses und des Senats miteinander verbindet, gab es in Washington versteckte Verbindungen und unterirdische Wege, und es machte mir Spaß, sie zu entdecken. Das war das Leben, für das ich bestimmt war. 11


Meine Mutter lehnte diese Vorstellung vehement ab. Sie war der Meinung, dass ich mir einen geeigneten Mann suchen sollte, besonders in meinem Alter. In Mutters Familie heirateten Frauen Macht; sie strebten nicht selbst eine einflussreiche Position an. Bei meinen vier älteren Schwestern hatte sie ihren Willen durchgesetzt, aber ich war diejenige, die anders war, die aus dem Schema ausbrach, die selbst Einfluss ausüben würde. Aber während ich meinen Papierstapel sortierte und ihn wieder richtig zusammenfügte, musste ich an den Mann aus der Eingangshalle des Kapitols denken. Den Mann mit den grünen Augen und den dichten, jungenhaften Wimpern. Ich fragte mich, ob ich auf dem Schicksalsweg falsch abgebogen war, als ich ihn wortlos hatte weggehen lassen. Das war natürlich ein dummer Gedanke. Er hatte kein Interesse an mir, sonst hätte er mich ja nicht wegen einer piependen Armbanduhr stehen lassen. Als ich kurz in meine Wohnung fuhr, um mich umzuziehen, bevor ich den Abend im Fitnessstudio verbrachte, rief ich meine ältere Schwester Trudy an. Trudy war die Schwester, die mir altersmäßig am nächsten stand, obwohl sie immerhin fünf Jahre älter war als ich. Sie war neununddreißigeinhalb und versuchte, mithilfe einer künstlichen Befruchtung doch noch ein Kind zu bekommen. Sie brachte kein echtes Interesse an dem Mann in der Eingangshalle auf. Morgen hatte sie einen Arzttermin, dann würde sie erfahren, ob der letzte Befruchtungsversuch erfolgreich verlaufen war. Sie war also ziemlich angespannt. „Vielleicht gehörst du ja zu den Leuten, die sechs Kinder auf einmal bekommen“, sagte ich und Trudy stöhnte. „Wir wären schon froh, wenn wir ein Kind bekämen. Vielleicht auch zwei. Ich will einfach Mutter sein, verstehst du das?“ „Ja natürlich.“ Aber ich verstand es nicht. Vielleicht lag es daran, dass ich schon immer das Küken in der Familie gewesen war, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich wirklich um einen anderen Menschen kümmern und ihn versorgen könnte. Wenn man als Mutter versagte, landete man eines Tages in einer Nachmittagstalkshow und musste sich vor Millionen Zuschauern rechtfertigen. Trudys Leben verlief meiner Meinung nach recht gut. Sie hatte einen erfolgreichen Mann und eine Importfirma, aber das alles zählte für 12


sie nicht. Sie wollte ein Baby, bekam aber keins, und von nichts anderem konnte sie sprechen. Schließlich gab ich das Gespräch auf und brach zum Fitnessstudio auf. Meine wenigen Freunde, die ich hatte, waren hier – Singles wie ich, die nach Feierabend nichts Besseres zu tun hatten, als ins Fitnessstudio zu gehen. Wir hatten uns schlauerweise den Namen die Fitten gegeben. An den meisten Tagen machten wir zuerst Sport und saßen danach im Restaurant auf der anderen Straßenseite und aßen frittierte Zwiebelringe und Cheeseburger. Das klingt vielleicht irgendwie kontraproduktiv, aber wenn man Sahnekuchen isst und über berufliche Erfolge und Misserfolge spricht, als spiele man im Geschehen der Weltpolitik wirklich eine Rolle, hat man einfach nicht so sehr das Gefühl, in Beziehungsfragen eine Niete zu sein. Ich erzählte Kaylyn von dem Mann in der Eingangshalle des Kapitols, nachdem sie etwas frustriert gestanden hatte, dass sich der Neue, auf den sie in ihrem Lieblingscafé ein Auge geworfen hatte, als Blindgänger erwiesen hatte. Verheiratet, drei Kinder. Perfekte Frau. Sie atmete scharf ein, als ich mein Erlebnis im Kapitol erwähnte. „Oh, ich wette, er ist Ire“, seufzte sie. „Heute ist nämlich St. Patrick’s Day, weißt du.“ Meine Kuchengabel blieb auf halbem Weg zu meinem Mund in der Luft stehen, da ich nicht verstand, was das eine mit dem anderen zu tun haben sollte. Waren am St. Patrick’s Day mehr Iren unterwegs als sonst? Beschlossen sie, dass sie an diesem Tag plötzlich die geheiligten Kongresshallen besuchen könnten? „Aber er sah gar nicht wie ein Ire aus. Eher … wie ein Italiener vielleicht. Oder … ein Zigeuner. Ich glaube, er war ein Zigeuner. Oder ein schottischer Herzog.“ Kaylyn verdrehte die Augen. „Mach dich nicht über meine Bücher lustig.“ Kaylyn war hoffnungslos süchtig nach Liebesromanen. Wir kennen uns seit unserer Schulzeit und schon damals hatte sie die Nase immer in einem Buch stecken. Sie kannte die Namen – die echten Namen – der Männer, die als Cowboys, Ritter und Highland-Helden auf dem Cover der Bücher abgebildet waren. „Das würde ich nie wagen.“ Ich stieß sie leicht mit der Schulter. Wie sollte ich mir das Recht herausnehmen, sie zu kritisieren? We13


nigstens hatten die Menschen in Kaylyns Romanen Anstand. Im Gegensatz zu vielen Menschen, mit denen ich zusammenarbeitete, verliebten sie sich, und dieser Zustand der Glückseligkeit hielt für den Rest ihres Lebens an. Die Kontakte zu einflussreichen Politikern konnten einen nach einer Weile zum Zyniker machen. „Ich finde es herrlich, romantisch zu sein.“ Kaylyn nickte zustimmend und zog ihre hübsche kleine Nase kraus. „M-hm. Hast du schon Der gezähmte Texaner gelesen?“ Ich war mir nicht sicher, ob ich ihr gestehen sollte, dass ich die Bücher, die sie mir geliehen hatte, noch nicht angerührt hatte. Auf der anderen Seite des Tisches schaute Josh mit seinen hundertvierzig Kilo Kaylyn mit liebeskranken Augen an. Obwohl sie ein gemeinsames Büro in einer Softwarefirma hatten, war sie einfach nicht in den armen Josh verliebt. Leider hatte er nicht die geringste Ähnlichkeit mit den athletischen Traumprinzen in ihren Büchern. „Ich … ähhh … wollte damit anfangen. Es ist bestimmt eine … gute Geschichte“, versuchte ich mich herauszureden. Das war eine sehr wohlwollende Antwort. Kaylyn war zufrieden. „Das habe ich dir ja gesagt.“ Sie nahm den Strohhalm aus ihrem Becher und saugte die Tropfen vom Ende ab, während Josh sie wehmütig beobachtete. „Warte nur, bis ich dir Seine irische Braut gebe. Das Buch ist ja so gut. Du weißt, dass zwei Menschen, die sich am St. Patrick’s Day treffen, füreinander bestimmt sind, nicht wahr? Deshalb habe ich gefragt, ob der Mann Ire war.“ „Das funktioniert also nur bei Iren?“ Ich zog eine Braue hoch, um ihr klarzumachen, dass ich nicht bereit war, mich auf irgendetwas einzulassen, das auf einem Taschenbuchroman basierte. „Das funktioniert sicher bei jedem.“ Mit einem leisen Schnauben tauchte sie ihren Strohhalm wieder in ihr Glas. „Außer bei Zynikern. Amy Ashley recherchiert immer gründlich.“ „Wer ist Amy Ashley?“ Kaylyn fuchtelte mit der Hand durch die Luft, um mir zu signalisieren, dass ich jetzt gut aufpassen sollte. „Sie hat Seine irische Braut geschrieben. Schon fünfmal hat sie den Preis für die beste Liebesroman-Schriftstellerin des Jahres gewonnen. Den Stoff für ihre Bücher recherchiert sie immer sehr gründlich.“ 14


Ich aß ein paar Erdnüsse und tat so, als beugte ich mich Amy Ashleys weisen Erkenntnissen. „Ist ja schon gut. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich diesen Mann wiedertreffe, ist eins zu einer Million. Ich habe ihn noch nie zuvor im Kapitol gesehen. Wahrscheinlich war er ein Tourist aus einem kleinen Dorf in Kanada. Jedenfalls bin ich kein Zyniker. Ich bin nur … Realist.“ Ist das so falsch? „Aber ich bin auch keine Irin, es spielt also wahrscheinlich sowieso keine Rolle. Ich denke, man muss Ire sein, damit die Sache mit dem St. Patrick funktioniert.“ Ich warf eine Erdnuss über den Tisch. „Was sagst du dazu, Josh?“ Josh schob sich die Erdnuss in den Mund und tat so, als denke er angestrengt nach. „Wir könnten eine Probe aufs Exempel machen.“ Er warf den Kopf zurück, breitete die Arme aus und sagte lächelnd: „Küss mich. Ich bin Ire.“ Kaylyn verdrehte die Augen nach oben und deutete mit dem Strohhalm auf mich. „Also gut, machen wir Nägel mit Köpfen! Ich wette …“ Sie faltete die Hände und legte zwei Fingerspitzen aneinander. „… meinen Jahresbedarf an Liebesromanen, dass du diesen Mann wiedersiehst und dass er dich einlädt, mit ihm auszugehen, noch bevor dieser Monat vorbei ist.“ „Die Wette gilt, Schwester!“ Lachend schlug ich ein. Normalerweise war ich kein Glücksspieler, aber bei dieser Wette konnte mir nichts passieren. Auf der anderen Tischseite schüttelte Josh bedenklich den Kopf. Er wusste, wie viele Liebesromane Kaylyn in einem Jahr verschlingen konnte.

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Kapitel 2 Nur mir gehört mein Liebster, und ich gehöre ihm. Hohelied 2,16 (von Blaine und Heather an der Wand der Weisheit zitiert, stolze neue Eigentümer der Frühstückspension „Haus der Harmonie“)

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ie Liebe ist unerforschlich und nicht zu erklären. So singt es jedenfalls Frank Sinatra in seinem berühmten Lied Love is a Many Splendored Thing. Ich bin mir sicher, dass es eine klassischere Geschichte zu diesem Lied gibt als die, die ich hörte. Frank Sinatra sang es auf einer altmodischen Vinylplatte, die mein Vater mit einem uralten Stereoplattenspieler abspielte, der aussah, als stamme er aus dem Museum. Am Abend nach der Feier zu meinem sechsten Geburtstag holte mich dieses Lied aus dem Bett. Ich trat zu der Glasschiebetür, zog den Vorhang zurück und sah, wie mein Vater nachts noch eine Runde schwamm und versuchte, meine Mutter in den Pool zu locken. Sie lag auf einer Chaiselongue und trug ein langes, dünnes Negligé. Der dünne Ärmel wehte durchsichtig und federleicht im Abendwind, als sie seine Hand verspielt wegschlug. Lachend ließ sie den Kopf auf ihr Kissen zurückfallen und schaute zum Sternenhimmel hinauf. Sie sah ihn nicht kommen. Ohne Vorwarnung schwang er sie von der Liege hoch und trug sie über die Terrasse, während sie protestierte, kreischte und ihm drohte, was sie ihm alles antun würde, wenn er ihr neues Negligé ruinierte. Ohne sich von ihren Protesten beeindrucken zu lassen, trug er sie die Stufen hinab und ins Wasser, das im romantischen Schein der Terrassenlampen dunkelblau glänzte. Der Saum ihres Nachthemdes schwebte an die Oberfläche, während sie beide im dunklen Wasser untertauchten und er sie küsste. 16


Ich hatte nie gesehen, dass meine Eltern sich so benahmen, ich hatte nie auch nur überlegt, ob sie sich küssten oder umarmten oder romantische Anwandlungen bekamen wie die Bradys in der Nachmittagsserie im Fernsehen. Aber als ich sie im Pool beobachtete, wusste ich, dass Liebe wirklich so sein konnte wie im Kino. Ab diesem Abend hielt ich das für möglich. Auch wenn ich nie das Glück hatte, den richtigen Mann zu finden, klammerte ich mich an eine Sehnsucht, die in mir den Wunsch nach einer solchen Liebe weckte. Mein ganzes Leben lang flüsterte mir eine leise Stimme immer wieder ins Ohr: Wenn Mama so etwas erlebt, kann es jeder erleben. Meine Mutter war so steif, züchtig und nüchtern, wie man es sich nur vorstellen kann. Wenn sogar sie bei einem Mann so hin und weg sein konnte, dass es ihr den Boden unter den Füßen wegzog, konnte das auch anderen Frauen passieren. Mir wurde kurz nachdem ich Daniel Webster Everson das erste Mal begegnete, der Boden unter den Füßen weggezogen. Sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn. Einen Tag nach dem Vorfall mit dem Gesetzesentwurf in der Eingangshalle des Kapitols verstauchte ich mir den Knöchel, als ich zu schnell lief, um eine U-Bahn zu erwischen. Als ich einige Tage später in das Büro von James V. Faber, dem Kongressabgeordneten aus Arkansas, humpelte, trug ich einen Gehgips. Ich war noch keine zwei Schritte ins Büro getreten, als ich wieder in die auffallend grünen Augen blickte, die ich aus dem Kapitol in Erinnerung hatte. Im Wahlbezirk des Kongressabgeordneten Faber gab es eine große Geflügelzucht und eine Geflügelverarbeitungsfirma. Daniel war Biochemiker, der für das Landwirtschaftsministerium arbeitete und sich auf Fabers Bitte hin im Kapitol aufhielt, um einige Details zu Zusatzklauseln zu einem Gesetzesentwurf zu besprechen, der erst noch alle Instanzen durchlaufen musste. Ich kam in Fabers Büro, um persönlich eine Absichtserklärung abzuholen, die Faber zu einem Unterstützer des Gesetzesentwurfs für saubere Energie meines Chefs machen würde. Man könnte also sagen, dass ein eigenwilliger Weg der Gesetzgebung mich zum zweiten Mal mit Daniel Everson zusammenführte. Vielleicht war es aber auch die irische Legende. Jedenfalls schafft Gott wirklich Seelenverwandte, und Daniel 17


Webster Everson war mein Seelenverwandter. Das wusste ich schon, als ich ihn das erste Mal traf, und bei unserer zweiten Begegnung wusste ich, dass ich es wusste. Wieder hatte ich den Arm voller Papiere, als ich zum zweiten Mal in sein Leben humpelte. Daniel schaute vom Ledersofa in Fabers Wartebereich auf und bemerkte meinen ungleichmäßigen Gang und den Gips, der mit Zeichnungen von Kollegen und meinen Freunden aus dem Fitnessstudio, den „Fitten“, künstlerisch aufgewertet worden war. „Es sieht so aus, als hätten Sie in den letzten Tagen nicht viel Glück gehabt“, stellte er fest. Sehr scharfsinnig! Dann lachte er leise und lächelte, und ich vergab ihm, dass er sich über meine Situation lustig gemacht hatte. Mir fielen wieder seine jungenhaften dichten Wimpern auf. Und sein Lächeln! Selbst wenn ich ein ganzes Jahr lang Kaylyns Liebesromane zahlen müsste, wollte ich unbedingt wissen, wer dieser Mann war. Dafür würde ich sogar zehn Jahre lang Liebesromane zahlen. „Diese Woche war zum Abgewöhnen“, gab ich zu. „Besser gesagt, der ganze Monat.“ Ein Funkeln trat in seine Augen, verschwand aber genauso schnell wieder wie ein Auto, das am anderen Ende einer Gasse vorbeifährt. Doch immerhin hatte ich es gesehen. Ein Blick, der sagte: Ja, bei mir auch. Die Woche, der Monat, das Jahr. Ich verlagerte den Papierstapel auf meine Hüfte und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, dass mein Arm langsam immer länger wurde. Mein Fuß tat weh. Ich musste ihn entlasten. Der Arzt hatte angeordnet, dass ich den Fuß zwei Wochen schonen sollte, bis der Knöchel wieder verheilt war. Aber wenn man auf dem Capitol Hill auf dem Laufenden sein will, kann man seinen Fuß nicht schonen. Meine Stelle als Rechtsassistentin hatte mich auf der Karriereleiter im Kongress ein Stück nach oben gebracht. Es gab jede Menge jüngerer Leute, die sehr ehrgeizig waren und die zwei gesunde Füße hatten. Mein einziger Vorteil war mein Charme und die Tatsache, dass es trotz meiner Bemühungen, anonym zu bleiben, durchgesickert war. Die Leute wussten, wer mein Vater war. Plötzlich schnellte Daniel wie von einer Feder getrieben hoch 18


und nahm mir die Papiere ab. „Geben Sie das mir. Sie sehen aus, als könnten Sie ein wenig Hilfe gebrauchen.“ Der Rest war Geschichte. Oder ein Wirbelsturm, je nachdem, wie man es sehen will. Ich habe Daniel nach seinem Leben gefragt und er hat mir Fragen gestellt. Fabers persönliche Assistentin warf uns gereizte Blicke zu, weil wir die starre Ordnung in einem Kongressbüro durch einen offensichtlichen Flirt störten. Wir tauschten unsere Visitenkarten aus, bevor Daniel aufstand und zu einem Gespräch in Fabers Büro verschwand. Als er auf dem Weg dorthin hinter der unfreundlichen Assistentin stand, drehte er sich noch einmal um, deutete auf sie und verzog das Gesicht. Dann sagte er stumm: Ich rufe Sie an, als würden wir uns schon ewig kennen. Die mürrische Frau warf einen strengen Blick hinter sich. Daniel drehte sich schwungvoll um und steuerte auf die Bürotür des Kongressabgeordneten zu. Ich kicherte. Ich verliebte mich. Ich schwebte ein paar Zentimeter über dem Boden, und mein Knöchel tat mir nicht mehr weh, weil er nicht mehr belastet wurde. Keine vier Stunden später saß ich mitsamt meinem kunstvoll verzierten Gips mit Daniel in einem kleinen italienischen Restaurant, das den Charme eines Ramschladens versprühte. Das störte mich aber nicht. Das Essen war gut und ich brauchte nicht lange, um herauszufinden, dass mein Märchenprinz, mein Zigeunerkönig, mein Liebesromanheld leider ziemlich pleite war. Er hatte einen Master in Biochemie, zwei Jahre Forschungserfahrung an der Universität, interessante Erlebnisse aus zwei Jahren, in denen er rund um die Welt gereist war und wissenschaftliche Saatanalysen für eine schlecht zahlende Nichtregierungsorganisation durchgeführt hatte, und ein paar Jahre Lehrerfahrung an einem Großstadtcollege. Sein Posten im Landwirtschaftsministerium, den er erst seit Kurzem hatte, war seine erste richtige Stelle mit geregelter Arbeitszeit. Außerdem saß er auf einem kleinen Schuldenberg aufgrund seiner Studentendarlehen und mehrerer Krankenhausrechnungen nach einem Verkehrsunfall vor einigen Jahren, und er hatte einen dreieinhalbjährigen Sohn, der in dieser Woche zu Besuch bei seinen Großeltern in Ohio war. 19


Es war sehr viel, was ich mir bei unserem ersten Date merken musste. Ich hatte das Gefühl, dass Daniel anderen normalerweise nicht so schnell so viel aus seinem Leben erzählte. Ich fragte mich, wie viel Einblick er Frauen, die er gerade erst kennengelernt hatte, normalerweise in sein Leben gewährte. Dann stellte ich fest, dass ich beim Gedanken an andere Frauen eifersüchtig wurde. Diese Vorstellung gefiel mir überhaupt nicht. In mir regte sich ein ungewohntes Besitzdenken. Wie sich bald herausstellte, spielte das keine Rolle. In den nächsten zwei Wochen waren wir jeden Abend zusammen. Wir wussten beide, dass wir uns mit niemand anderem verabreden wollten. Kaylyn begann mich zu löchern. Ich solle ihre Liebesromanrechnungen bezahlen und zugeben, dass Amy Ashleys irische Liebeslegende auch heute noch Gültigkeit hatte. Trotz allen irischen Zaubers machte ich mir am Abend, bevor Daniels Sohn wieder nach Hause kam, große Sorgen. Abgesehen von Kissenschlachten mit meinen Nichten, was ihre Mütter oft nur missbilligend in Kauf nahmen, hatte ich keine Ahnung, was man mit Kindern irgendeiner Größe anfangen sollte, geschweige denn mit einem dreieinhalbjährigen Kind. Dazu kam, dass ich in einer Familie aufgewachsen war, in der es nur Mädchen gab. Kleine Jungs waren mir ein großes Geheimnis. Ich bemühte mich, den kleinen Nick nicht als Stolperstein einzustufen, aber in mir regte sich Angst, etwas zu verlieren, und gleichzeitig eine unangenehme Vorahnung, obwohl ich das nicht wollte. Es war unreif, ein Kleinkind als Konkurrenz zu betrachten, aber mir gefiel alles so, wie es war. Das Leben mit Daniel war … perfekt. Wir waren perfekt. Nur wir beide. Ich hasste mich wegen dieses Gedankens. Das tat ich wirklich. Ich wusste schon viel über Nick. Er war einfach zum Verlieben. Eine blonde Version seines Vaters. Die Fotos von ihm hatte ich mir in Daniels Wohnung schon angesehen. Beim Mittagessen und Abendbrot lachte ich mit Daniel über viele Nick-Geschichten. Ich stand oft unbemerkt in der Tür von Nicks Zimmer, betrachtete seine Spielsachen und sein kleines Rennautobett und versuchte, ihn mir in diesem Zimmer vorzustellen. Ich hatte mit Daniel gelitten, als er sich den Kopf zerbrochen hatte, weil Nick aufgefallen war, dass andere Kinder von ihren Müttern aus dem Kindergarten abge20


holt wurden. Nick wollte auch, dass seine Mutter ihn abholte. Aber Nick hatte keine Mutter. Wenigstens keine, die man sehen konnte. „Nicks Mutter meldet sich nie?“, fragte ich und versuchte, sie mir vorzustellen. In Daniels Wohnung gab es keine Fotos von ihr. Ich nahm an, dass das Absicht war. In Daniels Gesicht trat ein unübersehbarer Schmerz, sobald Nicks Mutter zur Sprache kam. „Sie will ihn nicht sehen?“ Er seufzte laut. „Sie wollte keine Kinder, sondern lebt nur für ihre Arbeit.“ Die Bitterkeit in seiner Stimme bereitete mir Kopfzerbrechen, obwohl ich mir ohnehin schon genug Sorgen machte. Ich wusste bereits, dass Nicks Mutter für einen Erdölkonzern arbeitete und ständig auf Reisen war. „Nick war nicht geplant“, fügte er hinzu. „Ich war auch nicht geplant, aber meine Mutter hat mich nicht einfach sitzen lassen“, erwiderte ich, schalt mich aber sofort, weil ich meine Befugnisse überschritten hatte. „Es ist nun einmal so.“ Daniel nahm mich in den Arm, und das gab mir ein gutes Gefühl. Es bestätigte mir, dass ich nichts Falsches gesagt hatte. Wieder versuchte ich, mir Nicks Mutter vorzustellen. Ich malte mir eine Managerin aus. Vor meinem geistigen Auge war sie groß, schlank und hatte das Gesicht und die Figur eines Fotomodells. Wahrscheinlich blond, schloss ich aus Nicks Haarfarbe. Die blonden Haare hatte er jedenfalls nicht von seinem Vater geerbt. „Es ist jetzt einfach schwerer als früher, weil er Fragen stellt, verstehst du?“ Daniels Hand strich über meinen Arm und erzeugte ein angenehmes Kribbeln auf meiner Haut. In dieser Zärtlichkeit, in Daniels Worten fühlte ich eine Erwartung. Nicks Mutter hatte eine Lücke hinterlassen, die gefüllt werden wollte, sowohl bei Daniel als auch bei Nick. Aber ich kannte Daniel erst seit zwei Wochen. Wie konnten wir wissen, ob ich die richtige Person war, um diese Lücke zu füllen? Ich war nicht gerade die ideale Kandidatin dafür. Wenn ich Nick jetzt kennenlernen würde, wäre er vielleicht enttäuscht. Aber wenn wir uns nicht begegneten, könnte ich keine Zeit mehr mit Daniel verbringen. Da keine Verwandten in der Nähe wohnten, war Daniel als alleinerziehender Vater rund um die Uhr im Einsatz. Die letzten zwei Wochen waren eine Ausnahme gewesen. 21


Das echte Leben kehrte also zurück, sicher angeschnallt im Kindersitz auf dem Rücksitz im Minivan seiner Großeltern. „Ich lasse ihn normalerweise nicht … mit anderen Leuten zusammenkommen“, erklärte Daniel, und mein Magen zog sich zusammen. Er hatte Bedenken und versuchte, mir vorsichtig beizubiegen, dass wir uns eine Weile nicht sehen sollten. Vielleicht stellte Daniel jetzt, da Nick zurückkam, alles infrage. Jetzt, da ein Kind im Spiel war, ahnte Daniel vielleicht das, was alle Männer sofort durchschauten: Als Hausfrau war ich völlig ungeeignet. Ich konnte nicht einmal Makkaroni mit Käse aus der Fertigpackung kochen. Das verstehe ich. Ich wusste, dass das die richtige Antwort war, aber ich konnte mich nicht überwinden, diese Worte auszusprechen. Ein neues, ungewolltes Konkurrenzdenken zu dem kleinen Nick machte sich in mir breit. Ich schaute auf die gegenüberliegende Wand des Zimmers und betrachtete ein Bild, auf dem er ein Giants-Trikot trug und ein riesiger Footballhelm sein Gesicht versteckte und nur sein breites Lächeln zu sehen war. Ich malte mir aus, dass ich wie ein Footballprofi auf ihn zulief und ihn umrannte. Schließlich war ich ja größer als er … Dieser Gedanke war natürlich abscheulich. Er bewies nur etwas, was ich schon längst wusste: Ich war das verwöhnte, egoistische, verhätschelte Nesthäkchen in der Familie und würde nie erwachsen werden. Absolut hoffnungslos. „Also … was …“ Was meinst du damit? Was heißt das? Was erwartest du von mir? Ich rieb mir die Stirn, dann kniff ich mich. Meine Kehle war wie zugeschnürt, obwohl ich mir fest vornahm, jetzt nicht zu weinen. Daniels Eltern würden morgen ankommen. Nach der langen Autofahrt aus Ohio waren sie sicher müde. Außerdem wollten sie ihre anderen Enkelkinder besuchen. Daniel und ich hatten bereits geklärt, dass jetzt nicht der beste Zeitpunkt war, um sie kennenzulernen. Sie sind ein bisschen empfindlich wegen Nick, hatte er mir erklärt. Jetzt bekam auch Daniel kalte Füße. „Er ist jetzt alt genug, dass er bestimmte Dinge merkt“, deutete Daniel vage an. „Dinge?“ Meine Stimme zitterte ein wenig und ich hatte Mühe, auch nur dieses eine Wort auszusprechen. Ich hatte das Gefühl, als würde ich mich durch einen dunklen Raum tasten und ängstlich 22


darauf warten, dass jemand aus dem Schatten sprang und mir das Herz brach. Wie eine Beziehung, die ihrem traurigen Ende entgegengeht. Ich hörte Daniel leise lachen. Das verwirrte mich endgültig. Daniel fand das auch noch lustig? Während ich Todesqualen litt? „Ja, neulich hat er mich am Telefon gefragt, warum bei Oma und Opa einige Leute nur einen Namen haben und andere haben zwei. Die Cousins und Cousinen, auch wenn sie schon älter sind, heißen Angie, Chris, Corrie und Zack, aber die Großtanten und Onkel heißen Tante Tammy, Onkel Carl und so weiter. Die Kindergottesdienstmitarbeiterinnen in ihrer Gemeinde sind Miss Lori und Miss Teresa. Das verwirrt ihn.“ „Oh.“ Ich war auch verwirrt. Daniel setzte sich auf dem Sofa so hin, dass ich den warmen Platz unter seinem Kinn aufgeben musste, um ihn anschauen zu können. Diese Augen, diese schönen, grünen Augen hatten es mir angetan. Sie waren so nachdenklich, so besorgt, als hätte eine Invasion von wütenden Kriegern meinen Zigeunerkönig entführt. Ich fühlte jeden schmerzlichen Herzschlag in meiner Brust. Der dicke Kloß in meinem Hals wurde immer größer und ich würde jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Bitte sag es nicht. Bitte sag es nicht. „Jedenfalls habe ich mir überlegt …“, begann er. Jetzt kommt es. Jetzt kommt das dicke Ende. Ich wappnete mich. Wenigstens versuchte ich es. Aus irgendeinem Grund ging mir ein Spruch aus Joshs und Kaylyns Videospiel durch den Kopf: „Hoch die Schilde, hoch die Schilde! Hebt die Abwehrschilde!“ „… wie er dich nennen soll“, beendete Daniel seinen Satz. „Ich … äh?“ Meine Seele kehrte in die leere Hülle der braunäugigen Frau auf dem Sofa zurück. Ist das dein Ernst?, wollte ich ihn anfahren. Deshalb jagst du mir eine solche Todesangst ein? Ich tat, als stecke mir etwas im Hals und als hätte ich etwas im Auge. In Wirklichkeit waren das Freudentränen, die mir über die Wange liefen. „Entschuldige. Ich muss mich verschluckt haben.“ Ich fächerte mir Luft zu, mein Körper wurde heiß, dann kalt, dann wieder heiß. Meine Güte! Ich war verrückt nach diesem Mann. Wie war das nach nur zwei Wochen möglich? „Keine 23


Ahnung. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“ Weil ich absolut keine Ahnung von Kindern habe. Für meine Nichten war ich einfach nur ein großes Kind, jemand, mit dem man gern spielte, der aber völlig unbrauchbar war, wenn es darum ging, sie zu füttern oder zu baden. Nachdenklich kratzte sich Daniel im Nacken und schien sich wegen dieser Frage wirklich den Kopf zu zerbrechen. „Es ist einfach so, dass dir der Name, den wir dir am Anfang geben, immer bleiben wird. Kinder sind Gewohnheitsmenschen, weißt du?“ Ich nickte. Nein, das wusste ich nicht. Diese ganzen Fragen waren für mich nie ein Thema gewesen. Und jetzt hatte ich auch keinen Kopf dafür. Meine Gedanken kreisten um ein einziges Wort in seinem Satz: Immer. Immer, immer, immer. „Such du doch etwas aus“, schlug ich vor. „Ich bin mit allem einverstanden.“ Upps. Ich spürte sofort, dass das die falsche Antwort war. Er sah enttäuscht aus. Als hätte ich etwas als unwichtig abgetan, das ihm sehr wichtig war. Damit hatte ich verraten, dass ich nicht verstand, wie wichtig es war. „Okay, lass mich nachdenken“, sagte ich. Denk. Denk, denk, denk … Ich bin nicht seine Tante. Ich bin nicht seine Mutter. Wenigstens noch nicht. Träume sind schließlich nicht verboten. Die Zeiten änderten sich, aber man hatte mir immer gesagt, dass Kinder Erwachsene nicht einfach bei ihrem Vornamen ansprechen. Meine Mutter fand die vertraute Art, wie meine älteren Nichten mich ansprachen, einfach unpassend. Da sie nicht Tante Mallory sagen wollten, hatte sie versucht, sie wenigstens zu Tante M zu bewegen und dabei das Wort Tante französisch auszusprechen, weil das eleganter klang. Ihre Bemühungen gingen in die Hose, außer wenn meine Nichten mich ärgern wollten. Wenn meine Mutter fragte, wer die Limonade auf dem Küchenboden verschüttet und nicht aufgewischt hatte, riefen sie mit perfekter französischer Betonung: „Tante M.“ Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass ich irgendwann einmal meinen ganzen Mut zusammennehmen und meiner Mutter gestehen müsste, dass ich mit einem geschiedenen Mann befreundet war, der einen dreieinhalbjährigen Sohn hatte. Spätestens an dieser Stelle würde sie die Stirn gefährlich in Falten ziehen und 24


mich daran erinnern, dass ich gerade erst eine zwei Jahre dauernde, gescheiterte Beziehung hinter mir hatte. Und sie wäre bestimmt nicht gerade begeistert, wenn Daniels kleiner Sohn mich beim Vornamen nannte. „Was hältst du von Tante M mit französischer Aussprache? Diesen Namen hat meine Mutter aufgebracht. Es gefällt ihr nicht, wenn meine Nichten mich beim Vornamen nennen.“ „Tante M.“ Daniel benetzte seine Lippen und ließ diesen Namen auf sich wirken. Ich schaute seine Lippen an und fühlte, wie meine Knie weich wurden. Er hatte noch nicht versucht, mich zu verführen, was angesichts der Tatsache, dass wir in Washington lebten, fast schockierend war. Daniel war der perfekte Gentleman mit altmodischen Ansichten. Das fand ich genauso charmant wie alles andere an ihm. Ich hatte fast den Glauben daran verloren, dass es solche Männer überhaupt noch gab, aber tief in meinem Herzen saß dieses Bild von meinen Eltern im Swimmingpool. Ich wusste, dass unverbindliche Beziehungen kein Ersatz für wahre Liebe und eine lebenslange Hingabe waren. Abgesehen davon hatte Uroma Louisa uns Mädchen unauslöschlich eingebläut, dass ein Mann eine Kuh nicht kauft, wenn er die Milch umsonst bekommen kann. Ein solches Bild vergisst man nicht. Es lässt einen das ganze Leben lang nicht mehr los. „Aber wir können uns auch etwas anderes überlegen, wenn du den Namen nicht gut findest.“ Vielleicht fand er das Ganze mit der Fremdsprache zu gekünstelt. Er legte eine Hand auf die Armlehne des Sofas und beugte sich zu mir herüber. „Ich weiß nicht recht. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gefällt, wenn ein anderer Mann französisch mit dir spricht.“ Seine Stimme war rau und tief. „Womöglich magst du ihn dann lieber als mich.“ „Unmöglich“, flüsterte ich. Er gab mir einen Kuss und der Wirbelsturm an Sorgen in meinem Kopf zog sich in einen Winkel zurück und wurde kleiner und immer kleiner, bis nur noch ein winziger Wirbel übrig blieb, wie wenn das Wasser nach einem heißen Bad aus der Wanne abläuft. Es ist völlig unmöglich, dass ich einen anderen lieber mögen könn25


te als dich. In einem verborgenen Winkel meiner Seele wusste ich, dass mögen nicht das richtige Wort war. Ich mochte Daniel nicht nur. Ich war in ihn verliebt. Falls zwei Wochen zu kurz waren, um dieses Wort zu gebrauchen, konnte ich das auch nicht ändern. Es war einfach so. Ein Liebesroman im Stil von Amy Ashley. Ich wollte Daniels irische Braut sein. Kein anderer Mann würde je solche Gefühle in mir auslösen können. Davon war ich fest überzeugt. Aber wie sich schon am nächsten Tag herausstellte, hatte Nick ziemlich gute Chancen, ihm Konkurrenz zu machen. Ich mochte ihn ab dem ersten Moment, als ich ihn bei einem Picknick mit Brathähnchen und klebrigen Pommes kennenlernte. Am Tag zuvor hatte ich bis spät abends gearbeitet und hatte nur Zeit zu einem kurzen Mittagessen aus der Tüte im Bartholdi Park. Wenigstens war ich inzwischen meinen Gehgips los, sodass der Spaziergang kein Problem mehr darstellte. Nick war nicht nur einfach zum Verlieben, er war lustig, konnte für sein Alter schon sehr gut sprechen und er war überraschend nett zu Frauen, vielleicht weil ihm eine Mutter fehlte. Schon nach wenigen Minuten sagte er, dass ihm meine Haare gefielen. Ich hatte sie am Morgen lufttrocknen lassen, und er sagte, es wären Prinzessinnenhaare. Es war um mich geschehen. Während Nick den leise plätschernden Springbrunnen in der Nähe untersuchte, sagte ich seinem Vater, dass er Konkurrenz bekommen habe. „Das habe ich befürchtet.“ Resigniert ließ Daniel Kopf und Schultern hängen. „Nick bekommt immer die ganzen Mädchen. Du solltest ihn einmal im Kindergarten sehen.“ „Ich glaube, dass du dich auch nicht schlecht machst.“ Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen, als Nick nicht hinsah. Im nächsten Moment zog etwas an meinem Knie und versuchte, mich von Daniel wegzudrängen. Ich begriff, dass es Nick war. Er hatte uns ertappt. Schuldgefühle prasselten auf mich ein. Ich hatte die ganzen Talkshows gesehen. Ich wusste, dass es bei diesem ersten Treffen darum gehen sollte, uns in einer unverfänglichen Umgebung kennenzulernen, damit Nick sich leichter an mich gewöhnen konnte. Wir waren noch keine halbe Stunde zusammen, und ich hatte es schon vermasselt. Er hasste mich. Finger weg von meinem 26


Papa!, sagte der Druck dieser kleinen Hand. Wer glaubst du, wer du bist, du fremde Frau mit den Prinzessinnenhaaren? Daniel und ich gaben dem Druck gleichzeitig nach. Auch gegen sein Bein drückte eine Hand. Als wir nach unten schauten, stand Nick wie ein kleiner Atlas zwischen uns und versuchte, zwei Welten auseinanderzuhalten. Daniel räusperte sich und fühlte sich sichtlich unwohl. Er bedachte mich mit einem besorgten Blick. Es tat mir leid, dass wir ihm nicht mehr Zeit gelassen hatten, um sich an mich zu gewöhnen. Vielleicht hätte ich ein paar Tage warten sollen, bis er sich wieder in Washington eingelebt hatte. „Entschuldige, Nick“, sagte Daniel, aber Nick schaute ihn nur streng an. Es war das ehrliche Stirnrunzeln eines Kindes, das sich noch nicht angewöhnt hatte, seine Gefühle zu verstecken, damit sich die anderen nicht unwohl fühlten. Wir hatten es wirklich vermasselt. Daniel hielt Nick die Hand hin. „Komm. Gehen wir zum Wasser.“ Ich trat einen Schritt zurück. Jetzt war wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt für meinen Abgang. „Ich sollte … ähm …“ Ich deutete mit dem Daumen hinter mich und verzog entschuldigend das Gesicht. „Zurückgehen zu …“ Ich beendete den Satz nicht, denn etwas Erstaunliches passierte. In diesem Moment war ich mir sicher, dass Engel über uns kreisten und auf uns herablächelten. Nick drehte sich zu mir um, hielt sein Gesicht ins Licht und ich sah die dichten Wimpern seines Vaters um seine blauen Augen. Er streckte mir die Hände entgegen. In diesem Moment verstand ich, was er wollte: Ich sollte ihn auf den Arm nehmen. Daniel und ich schauten uns erstaunt an, und er zuckte nur mit den Achseln. „Wie ich sehe, bin ich nur noch zweite Wahl.“ Ich hob Nick hoch und schwang ihn auf meine Hüfte. Ich war etwas unbeholfen, aber das schien er nicht zu merken. Stattdessen warf er seinem Vater einen triumphierenden Blick über die Schulter zu. Daniels Grinsen wurde breiter, als er den Kopf schüttelte und ihm eine dunkle Locke in die Stirn fiel. „Ich glaube, hier hat es jemand auf meine beste F-r-e-u-n-d-i-n abgesehen.“ Er buchstabierte das Wort, und Nick schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an, während er versuchte zu verstehen, was er meinte. 27


Ich fühlte mich wie ein Popstar, wie ein Supermodel, wie eine Königin, deren Fans sich um den Laufsteg drängten und sich fast um sie schlugen. Nick hatte nicht mich von seinem Vater weggeschoben. Er hatte seinen Vater von mir weggeschoben. Nick schlang seine kleinen Arme um meinen Hals und ab diesem Moment waren wir Freunde. Er fand schnell heraus, dass ich zwar einen Hotdog nicht in kindgerechte Stücke schneiden konnte und keine Ahnung hatte, wie die Figuren in Bob der Baumeister hießen. Aber dafür konnte ich einen Luftballon lange in der Luft balancieren, ich konnte gut Fußball spielen und ich hatte ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis. Deswegen gewann er beim Memoryspielen immer problemlos gegen mich. Es blieb mir einfach ein Rätsel, auf welcher Karte der rote Dinosaurier war und auf welcher die Gummiente abgebildet war, und so weiter. Nick war begeistert. Außerdem kannte er mehr Tiergeräusche als ich, und das freute ihn auch. Ich hatte keine Ahnung, was eine Ziege sagte, und ich wusste nicht, ob ein Bulle wie eine Kuh muhte oder wie ein feuerspeiender Drache schnaubte. Nick wusste das, da seine Großeltern auf dem Land wohnten, wo es viele Bauernhöfe gab. Es störte mich nicht, gegen ein Kind zu verlieren, das noch in den Kindergarten ging, sondern ich war einfach froh, dass wir drei uns so gut verstanden. Wir kochten zusammen. Wir spielten miteinander. An den Wochenenden unternahmen wir viel. Wir schauten zu, wie die letzten Frühlingsblüten verblühten und die neuen Blätter an den Zweigen wuchsen. Die „Fitten“, die schon befürchteten, ich könnte von irgendeiner Untergrundorganisation entführt worden sein, begannen, die Situation auszukundschaften, herumzuschnüffeln und besorgt Fragen zu stellen. „Findest du nicht, dass es bei euch ein wenig … sehr schnell geht?“, wollte Kaylyn wissen, als ich anrief, um Josh zu fragen, ob ich mir für einige Tage ein paar Disney-DVDs ausleihen könnte. Daniel musste zu irgendeinem Symposium über Dünger und genetisch verändertes Saatgut fahren, und bei der Terminabsprache mit der Babysitterin hatte es Missverständnisse gegeben. Deshalb hatte ich mich bereit erklärt, das ganze Wochenende auf Nick aufzupassen. „Das klingt, als würdest du mehr oder weniger bei ihm einzie28


hen.“ Kaylyns romantische Vorstellungen vom irischen Schicksal des St. Patrick’s Days waren anscheinend verflogen. „Du kennst ihn doch erst seit einem Monat, oder?“ Seit einem Monat? War es wirklich erst ein Monat? „Ich passe nur am Wochenende auf Nick auf, während Daniel fort ist. Ich ziehe nicht bei ihm ein.“ Aber tief in meinem Inneren regte sich ein leises Gefühl, von dem ich bis jetzt niemandem etwas erzählt hatte. Ich freute mich darauf, das Wochenende mit Nick zu verbringen. Würstchen zu kochen, Kinderfilme anzusehen und Märchenbücher vorzulesen, bevor ich ihn in sein kleines Rennautobett legte. „Was sagt deine Mutter eigentlich zu der ganzen Sache?“ Ich hatte Kaylyn oft genug zu einer Einkaufstour mit meiner Mutter durch die Stadt geschleppt. Sie wusste genau, was für eine Beziehung ich zu meiner Mutter hatte. „Ich habe es ihnen … noch nicht direkt … gesagt“, gab ich zu. „Du hast es deinen Eltern nicht gesagt?“ Kaylyns Schock äußerte sich so laut, dass ich das Handy von meinem Ohr weghalten musste. „Das tue ich schon noch“, seufzte ich. Der Druck, dass das unumgänglich war, saß mir spürbar im Nacken. „Ich warte nur, bis ich nächste Woche zu Ostern nach Hause fahre. Dann kann ich es ihnen persönlich erklären und es meiner Mutter sozusagen schonend beibringen, damit sie sich nicht aufregt. Dass Daniel geschieden ist und ein Kind hat, könnte sie ein wenig aus der Fassung bringen. Sie findet, geschiedene Männer wären beschädigte Ware. In dieser Hinsicht hat sie eine vorsintflutliche Einstellung.“ „Du hast deinen Eltern noch überhaupt nichts gesagt?“, stöhnte Kaylyn. Dann hielt sie die Hand über den Lautsprecher des Telefons und erzählte alles brühwarm Josh, der wahrscheinlich auf der anderen Seite ihres kleinen Büros angestrengt arbeitete und Fantasiegestalten und Pixel-Schwerter für irgendein neues Videospiel entwarf. „Mallory hat ihrer Familie noch nichts von Mr Wunderbar und dem kleinen Mr Wunderbar erzählt.“ Ich hörte Joshs Antwort. „Wow. Das ist wirklich radikal.“ Das Gespräch ging weiter, Kaylyn weckte in mir mit ihren Ermahnungen Schuldgefühle und redete mir ein so schlechtes Gewissen ein, dass ich es fast aufgab, Josh einige seiner kostbaren DVDs abschwatzen zu wollen. 29


Aber ich wollte diese Filme und hielt deshalb durch. Eine Stunde später holte ich die DVDs auf dem Weg zu Nicks Kindergarten ab. Kaylyn machte sich ernsthaft Sorgen darüber, ob achtundvierzig Stunden Elternverantwortung mich nicht völlig überfordern würden. Als Argument für ihre Bedenken kramte sie den kleinen Vogelfutterkasten hervor, den sie mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Der Kasten war den ganzen Winter über leer geblieben, während die armen, hungrigen Vögel auf Stromleitungen gesessen und wehmütige Blicke darauf geworfen hatten. „Ich werde nicht vergessen, dem Jungen etwas zu essen zu geben“, verteidigte ich mich, während Josh besorgt den DVD-Stapel streichelte und aussah, als wolle er ihn mir doch nicht überlassen. „So etwas wird nicht passieren. Ehrlich, ich habe alles geplant. Er ist nur ein kleiner Junge, und er ist ein richtiger Engel, und wir werden eine gute Zeit miteinander haben. Was sollte schon schiefgehen?“ Ich hätte wissen müssen, dass solche Fragen das Schicksal herausfordern. Ausgerechnet an diesem Wochenende bekam Nick eine Magen-Darm-Grippe. Ich lernte viel über Fiebermessen und Wadenwickel, empfindliche Haut und Penatencreme, Stirnwickel, Dehydrierung, Kinder, die sich übergeben, wie man Betten fast im Stundentakt frisch bezieht, wie man Bettwäsche wäscht, Flecken aus dem Teppich reibt und mitten in der Nacht den Arzt anruft. Außerdem lernte ich etwas, das erfahrene Babysitter längst wissen. Magen-Darm-Grippe ist ansteckend. Als Daniel nach Hause kam, hingen Nick und ich völlig ausgelaugt auf dem Sofa, knabberten appetitlos an Salzstangen und schauten zum x-ten Mal Bambi an. Daniel ging in das Chinarestaurant an der Ecke und kaufte uns Suppe. Als er zurückkam, stellte er jedem von uns ein Tablett hin und begann dann, die Handtücher, Kleidungsstücke, DVDs, Spielsachen und leeren Medikamentenfläschchen aufzusammeln, die sich während unseres Überlebenskampfes in der Wohnung verteilt hatten. Das Telefon klingelte, als er gerade den Arm voll Spielsachen hatte. Er warf die Sachen in Nicks Spielzeugkiste und nahm dann den Anruf in seinem Schlaf30


zimmer entgegen. Als er herauskam, war er genauso blass wie Nick und ich. „Was ist passiert?“, fragte ich. Er sah so aus, als wäre jemand gestorben. Sofort dachte ich an seine Familie in Ohio. Ich wusste nur, was Daniel mir erzählt hatte. Er hatte eine Mutter, einen Vater, Großeltern und verschiedene Cousins, Tanten und Onkel, die alle in einem Umkreis von fünfzig Kilometern wohnten, und einen Bruder, der mit seiner Frau und seinen Kindern in Boston wohnte. Genauso wie meine Eltern lebten Daniels Eltern immer noch in dem Haus, in dem er aufgewachsen war. Ich hoffte, er hatte keine schlechte Nachricht bekommen und es hatte niemand einen Verkehrsunfall gehabt oder so etwas. „Ich glaube, mir wurde gerade eine Stelle angeboten“, sagte er. Dabei hing seine Kinnlade nach unten, während ein dunkler Schatten auf seinen Wangen verriet, dass er sich heute Morgen nicht einmal rasiert hatte, weil er es so eilig gehabt hatte, zu Nick und mir nach Hause zu kommen. „Eine Stelle?“ Das klang nicht gerade nach einer schlechten Nachricht. Warum dann diese entsetzte Miene? Er nickte langsam, und sein Blick wanderte zur Schlafzimmertür, als würde dort der Geist von etwas Großem und Lebensveränderndem sitzen und jeden Moment auf den Flur stürmen. Seine nächsten zwei Worte erklärten alles. „In Texas.“

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