Kapitel 1 September1961 Castelnau, Frankreich
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ber dem gemütlichen Städtchen Castelnau in Südfrankreich ging sanft die Sonne auf. Gabriella schlüpfte leise aus dem Bett, streckte sich und fuhr mit den Fingern durch ihre dichten, roten Haare. Der Fliesenboden fühlte sich kühl unter ihren nackten Füßen an. Sie spähte aus ihrem winzigen Zimmer und beobachtete, wie sich die leeren Straßen unter ihr nach und nach mit Menschen füllten. Mme. Leclerc, ihre Vermieterin, betrat als Erste die Boulangerie, die Gabriella ein Stück weiter unten in der Straße gerade noch sehen konnte. Wahrscheinlich wollte sie Baguettes und Gros Pains kaufen – ein unverzichtbarer Bestandteil des Frühstücks für die drei Studentinnen, die bei ihr wohnten. Sie schaute noch ein wenig länger aus dem Fenster, bis ein großer, schlanker Mann Mitte zwanzig selbstsicher die Straße heraufkam. Der nächste Kunde, der die Boulangerie betrat, war nicht zu übersehen. Gabriella hatte ihn anhand der Beschreibung ihrer Mitbewohnerinnen sofort erkannt, als sie ihn vor ein paar Tagen das erste Mal Brot hatte kaufen sehen. Es war David Hoffmann, der attraktive amerikanische Professor der Universität. Gabriella strengte ihre Augen an, um ihn besser sehen zu können. Castelnau war eine angenehme Kleinstadt, dachte sie, während sie vom Fenster wegtrat. Sie zog die Daunendecke ordentlich über das Bett und schüttelte das Kissen auf. Hier war nichts so wie in Dakar oder an irgendeinem anderen Ort im Senegal. Abgesehen natürlich davon, dass der Strand und das Meer nicht weit entfernt waren. Aber hier war es das Mittelmeer und nicht der Atlantik. Gabriella band ihre ungezähmten Haare mit einem breiten Band zurück und wusch sich dann in dem kleinen Porzellanwaschbecken in der Zimmerecke das Gesicht. Sie öffnete einen großen 5
Eichenkleiderschrank und holte eine frisch gebügelte Bluse und einen einfachen Matrosenrock mit geradem Schnitt heraus. Beim Anziehen fiel ihr auf, dass der Rock lose um ihre Hüfte hing – trotz des Brotes und des Kuchens aus der Boulangerie. Sie war erst vor zwei Wochen aufgeregt und zuversichtlich nach Castelnau gekommen und hatte es nicht erwarten können, ein neues Land zu erkunden und seine Menschen kennenzulernen. Aber je mehr Tage sie von ihrer Familie trennten, umso stärker wurde zu ihrer eigenen Überraschung ihr Heimweh. Bei einem Spaziergang durch die Stadt fiel ihr zum Beispiel eine Frau auf, deren Haare wie die ihrer Mutter aussahen, oder zwei schlanke, braun gebrannte Mädchen, die sorglos lachten, so wie Jessica und Henrietta. Bis zum Nachmittag würde es draußen glühend heiß werden, aber der Morgen war frisch und kühl und ein Hauch von Herbst lag in der Luft. Zu Hause gäbe es keine Herbstgerüche. Und zu Hause würde sie heute nicht ihren ersten Tag an der Universität erleben. Aber sie war jetzt hier, in diesem kleinen französischen Ort, der durch ein ganzes Meer von der afrikanischen Welt, die sie liebte, getrennt war. Gabriella wusste, dass sie die Gedanken an die Vergangenheit verdrängen musste. Mit ihren einundzwanzig Jahren sollte sie schon wissen, dass nichts Gutes dabei herauskäme, wenn sie dem Heimweh zu viel Raum gäbe. Sie griff nach der großen, ledergebundenen Bibel, die auf ihrem Nachttisch lag, und blätterte in den vertrauten Seiten, bis sie die Stelle fand, die sie suchte. Als sie zehn Minuten später das Buch vorsichtig auf den Nachttisch zurücklegte, rutschte ein Brief aus der Bibel heraus. Sie bückte sich und hob ihn auf. Als sie ihn in das Buch zurücklegte, stach ihr ein Satz ins Auge: Ich gebe dir dieses Kreuz, das für mich immer ein Symbol für Vergebung und Liebe war. Ein Schatten zog über ihr Gesicht. Instinktiv berührte sie die Goldkette, die um ihren Hals hing. Ohne die kalten, harten Fliesen unter ihren nackten Knien zu beachten, kniete sie sich auf den Boden und stützte ihre gefalteten Hände auf die Seite des Bettes. Sie betete und bewegte die Lippen, ohne einen Ton von sich zu geben. Erst später, als sie aufstand und ihren Rock glatt strich, fiel ihr auf, dass ihre Hände von ihren warmen Tränen ganz nass waren.
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Gabriella beendete ihr Frühstück, das aus Brot mit Butter und Marmelade bestand, welches sie in eine Schale mit starker, heißer Schokolade getaucht hatte. Am ersten Morgen hatte sie den starken Kaffee, den die Franzosen aus ihren großen Kaffeeschalen tranken, kaum hinuntergebracht, obwohl sie ihn mit viel Sahne und vier Würfeln Zucker gesüßt hatte. Nach dieser Katastrophe hatte Mme. Leclerc ihr anstelle des Kaffees heiße Schokolade angeboten. Gabriella lächelte bei der Erinnerung daran, wie peinlich ihr das gewesen war. Dann wischte sie die Brotkrümel von ihrem Rock, räumte den Tisch ab und stellte das Geschirr klappernd in das kleine Spülbecken. „Gabriella, bitte! Du bist immer die Letzte, weil du mir alten Frau hilfst. Aber heute darfst du nicht zu spät kommen. Vite! Geh jetzt, damit du die anderen einholst.“ Mme. Leclerc scheuchte sie aus dem Haus. Stephanie und Caroline, die zwei anderen Mieterinnen, waren schon vor einigen Minuten aufgebrochen und Gabriella freute sich über Mme. Leclercs freundliche Aufforderung, mit der sie sie losschickte. Sie nahm ihre kleine Tasche, die neben der Wohnungstür lag. Als sie die Tür öffnete, drehte sie sich noch einmal schnell um, sagte „Au revoir“ und gab ihrer Vermieterin zum Abschied die erwarteten flüchtigen Wangenküsse. „Und merci!“ Sie stieg die dunkle, schmale Treppe hinab. An einem guten Tag konnte Gabriella immer zwei Stufen auf einmal zur Haustür nehmen, nach oben zurücklaufen und wieder unten ankommen, bevor sich das Licht im Treppenhaus automatisch ausschaltete. Das war ihr persönliches, kleines Spiel, das sie nur spielte, wenn sonst niemand in der Nähe war. Heute drückte sie jedoch den orangefarbenen Lichtknopf nicht. Sie brauchte diese paar Sekunden Dunkelheit, um ihre Gedanken zu sammeln. Unten am Treppenabsatz führte eine massive Eichentür auf die Straße hinaus. Sie trat ins Sonnenlicht und blinzelte. Schnell eilte sie auf dem Gehweg los, vorbei an der Boulangerie, aus der heraus ein Duft von frischem Brot wehte, vorbei am Café, in dem einige dickere Männer bereits einen frühen Apéritif tranken, vorbei an ein paar Frauen, die sich lautstark unterhielten, während ihre Hunde an den Leinen zerrten. Sie liebte den kurzen Spaziergang durch 7
den Ort, der zu der kleinen, aber eindrucksvollen Kirche St. Joseph führte. Die Kirche war im romanischen Stil erbaut und erinnerte Gabriella an einen liebevollen Vater mit einem Haus voller Kinder, der nicht viel sprach, aber immer da war und alles wusste. Sie trat durch die rot gestrichene Seitentür und stieg die Stufen hinab in das schmale Kirchenschiff, in dem flackernde Kerzen von den Morgengebeten einiger weniger Gemeindemitglieder zeugten. Die Kirche füllte sich langsam mit jungen Frauen. Gabriella rutschte in eine Holzbank ziemlich weit vorne neben Stephanie. „Du hast es geschafft!“, stellte ihre Mitbewohnerin laut fest. „Ich dachte schon, du kämst zu spät.“ Gabriella lächelte. „Zum Glück ist der Weg sehr kurz.“ „Ich habe gehört, dass der erste Tag ein wenig langweilig ist“, bemerkte Stephanie. Ihre flüsternde Stimme hallte im Raum wider. Gabriella nickte und legte einen Finger an ihre Lippen. Inzwischen waren die zwanzig Kirchenbänke mit jungen Frauen gut gefüllt. Eine kleine Frau in schwarzer Nonnentracht trat durch den Mittelgang nach vorne und drehte sich dann zu ihnen um. Gabriella hatte gehört, dass sie über siebzig war, aber die grünen Augen der Nonne sprühten nur so vor Leben. Sie sprach Englisch mit einem starken französischen Akzent. „Guten Morgen, Mesdemoiselles, und willkommen in der Kirche St. Joseph. Ich bin Mutter Griolet, die Leiterin des frankoamerikanischen Austauschprogramms hier in Castelnau. Wie Sie bereits herausgefunden haben, versammeln Sie sich jeden Morgen um acht Uhr dreißig hier in dieser Kirche, wo die Abkündigungen gemacht werden. Danach gehen Sie in Ihren Morgenunterricht. Ich arbeite jetzt im vierzehnten Jahr in diesem Programm und habe mich inzwischen an die, sagen wir, besondere Art amerikanischer Frauen gewöhnt.“ Sie zog vielsagend die Augenbrauen in die Höhe und ein gedämpftes Lachen hallte in der Kirche wider. „Wir bemühen uns, nicht zu viele Regeln aufzustellen, denn wir wollen, dass Sie diese Gegend Frankreichs kennenlernen und dass Sie unsere Sprache lernen. Trotzdem erwarten wir, dass Sie sich Ihrem Alter entsprechend benehmen und daran denken, dass Sie Ihr Land repräsentieren. Ich gebe Ihnen, genauso wie Ihren Vorgängerinnen vor Ihnen, 8
eine kurze geschichtliche Einführung zu St. Joseph. Die Kirche geht bis ins dreizehnte Jahrhundert zurück. Das Pfarrhaus wurde im achtzehnten Jahrhundert angebaut, ebenso die Unterrichtsräume, das Refektorium und die Schlafsäle. Früher diente St. Joseph als Konfessionsschule für französische Frauen. Ich kam 1917 als Lehrerin hierher und habe damals auch ein kleines Waisenhaus eröffnet, das immer noch in Betrieb ist. Sie haben die Kinder bestimmt schon bemerkt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Schule geschlossen, aber die Kirche und das Waisenhaus blieben offen. Nach dem Krieg wurde St. Joseph mithilfe einiger Geschäftsleute aus den USA in eine Schule umgewandelt, die Unterricht auf Französisch und auf Englisch anbietet. Ein Austauschprogramm für junge Frauen während ihres Universitätsstudiums wurde ins Leben gerufen. 1947 übernahm ich die Stelle als Leiterin des Programms und musste mein Englisch ein wenig aufpolieren.“ Den letzten Satz sagte sie mit übertriebenem Akzent und die jungen Frauen lachten. „Wie ich Ihren Eltern gerne versichere, die, wie Sie sagen, ‚Wucherpreise‘ zahlen, damit Sie hier sein können, bietet die Lage der Schule am Mittelmeer einen idealen Ausgangspunkt für Ihre kulturelle Weiterbildung. In jedem Quartal sind mehrere Ausflüge zu den historischen Städten dieser Gegend geplant. Und natürlich ein Frühlingsausflug nach Paris. Zwei Wochen, in denen Sie den Charme der Stadt genießen, die Museen erkunden und in den Cafés am Seineufer die Studenten der Sorbonne kennenlernen können. Klingt das nicht großartig?“ Gabriella und Stephanie nickten erwartungsvoll bei Mutter Griolets romantischer Beschreibung. „In diesem Jahr sind Sie zweiundvierzig Studentinnen, die sieben verschiedene Universitäten und drei Länder repräsentieren. Viele von Ihnen wohnen in Demi-pension bei einer französischen Familie und nehmen eine Mahlzeit am Tag zu Hause ein. Andere sind in der Universität in Montpellier untergebracht, die nur fünfzehn Minuten mit dem Bus entfernt ist. Ich hoffe, Sie haben sich bereits ein wenig kennengelernt. Jetzt würde ich gern unsere Professoren vorstellen.“ Sie wandte sich an die Frau und die drei Männer, die in der vordersten Reihe saßen. „Ich würde Sie bitten aufzustehen, wenn 9
ich Sie vorstelle. Zuerst Monsieur Claude Brunet, der alle Kurse in französischer Grammatik sowie den Konversationskurs leitet.“ Ein dünner, groß gewachsener Mann mittleren Alters mit einem riesigen Schnurrbart und dicken Augenbrauen stand auf und nickte leicht. „Man erzählt sich, dass er letztes Jahr eine Affäre mit einem Mädchen aus Rhode Island hatte. Er ist ein richtiger Playboy“, flüsterte Stephanie. Gabriella schaute sie ungläubig an, aber Stephanie zuckte nur die Achseln. „Als Nächsten möchte ich Ihnen Monsieur Jean-Louis Vidal vorstellen.“ Ein fast kahlköpfiger Mann mit Drahtbrille und einem ausladenden Schnurrbart, der aussah, als wäre er mindestens sechzig, stand schnell und mit leicht nervöser Miene auf. „M. Vidal unterrichtet Sie alle in europäischer Geschichte. Auf Französisch natürlich.“ „Langweilig“, lautete Stephanies Kommentar. Mutter Griolet sprach weiter: „Wir fühlen uns geehrt, dass wir eine Professorin von der Faculté des Lettres in Montpellier bei uns haben, die über französische Literatur des achtzehnten Jahrhunderts und französische Prosa des zwanzigsten Jahrhunderts doziert. Madame Josephine Resch.“ Eine Frau von ungefähr fünfunddreißig Jahren mit schwarzen, kurz geschnittenen Haaren und einem feinen Kostüm erhob sich. Sie sah würdevoll und distanziert aus. „Sie ist angeblich streng, aber gut“, lautete Stephanies ungebetener Kommentar. „Und schließlich Monsieur David Hoffmann, der einen Kurs leitet, den er letztes Jahr in St. Joseph zum ersten Mal angeboten hat: ‚Visionen des Menschen, Vergangenheit und Gegenwart‘. M. Hoffmann unterrichtet sowohl auf Französisch als auch auf Englisch, da sein Kurs sich mit der Kunst, Geschichte und Literatur sowohl aus Frankreich als auch aus England befasst.“ Als David Hoffmann sich erhob, hefteten sich alle Augen in der Kirche auf ihn. Er war schlank und athletisch und seine Haare und Augen waren rabenschwarz. Für einen so jungen Professor wirkte er selbstsicher und kultiviert. Stephanie stieß Gabriella in die Rippen. „Er ist ein charmanter Mann, habe ich gehört. Aber sehr distanziert.“ 10
Mutter Griolet dankte den Professoren und richtete dann ihre Aufmerksamkeit wieder auf die jungen Frauen. „Wir freuen uns, dass wir Sie in diesem Schuljahr bei uns haben. Ich gehe davon aus, dass Sie alle Ihren Stundenplan bekommen haben und wissen, wo Sie die Unterrichtsräume finden. Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass ich eine alte Frau bin und schon vieles gesehen habe. Junge Damen können in die verschiedensten Schwierigkeiten geraten. Das kann ich nicht verhindern, aber ich habe immer eine offene Tür und ein offenes Ohr, falls Sie jemanden zum Reden brauchen. Sie dürfen jetzt gehen.“ Sie verließ das Podium mit einem Gesicht, aus dem eine Mischung aus Herzlichkeit und freundlicher Besorgnis sprach. Die Mädchen klatschten höflich, bevor sie aufstanden und aus der Kirche in das angrenzende Gebäude strömten. Gabriella gefiel die klare, aber trotzdem humorvolle Art der Direktorin. Ich verstehe, warum Mutter sie so gernhatte, dachte sie. Dann eilte sie hinter Stephanie her, um in M. Hoffmanns Unterrichtsraum einen Platz zu finden. ***
Mutter Griolet schloss die Tür ihres kleinen Büros und setzte sich hinter den Mahagonischreibtisch. Sie nahm die Liste, die vor ihr lag, und überflog die Namen der zweiundvierzig Studentinnen. Im Laufe der nächsten Monate würden sie ihr genauso vertraut werden wie ihr eigener Name. Aber einen Namen kannte sie bereits. Gabriella Madison. Sie schloss die Augen und sah diese erwachsene, junge Frau mit den feuerroten Haaren als sechsjähriges Kind, das sich schluchzend und zitternd und mit schmutzigem Gesicht an Mutter Griolets schwarzen Rock geklammert hatte. Mutter Griolet weinte nicht oft, aber die Erinnerung an diese Szene löste ein unerwartetes Brennen in ihren grünen Augen aus und jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. „Liebes Kind. Warum bist du hierher zurückgekommen?“ Sie war überzeugt, dass das ein Fehler war. Genauso sicher wusste sie, dass sie Tag und Nacht dafür beten würde, dass Gabriella Madison nie die Geschichte herausfinden würde, die eine alte Nonne so lange für sich behalten hatte. 11
Kapitel 2
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avid Hoffmann stand mit dem Anflug eines Lächelns auf den Lippen vor seinem Kurs. Die jungen Frauen strömten aufgeregt in den Raum und waren trotz ihrer Bemühungen, reif und attraktiv zu wirken, unübersehbar nervös. Zweifellos kursierten die gleichen Gerüchte wie letztes Jahr: M. Hoffmann wäre der ideale Mann für eine dieser angehenden Debütantinnen. „Mesdemoiselles“, sagte er streng, „bitte setzen Sie sich. Sie können später über die Unzulänglichkeiten Ihrer Professeurs diskutieren.“ Ein nervöses Lachen und ein paar hochgezogene Augenbrauen waren die Reaktion. „Ich habe die große Freude, diesen faszinierenden Kurs ‚Visionen des Menschen: Vergangenheit und Gegenwart‘ zu leiten. Der Kurs ist eine Zusammenstellung mehrerer Themenbereiche und fordert Ihr Denken auf den Gebieten französische und englische Literatur, Lyrik, Kunstgeschichte und Lernpsychologie heraus. Sie werden bald sehen, wie faszinierend diese Themen ineinander übergehen. Habe ich nicht recht, Mlle. Loudermilk?“ Eine makellos gekleidete Blondine in der dritten Reihe blickte überrascht auf und strahlte ihn dann an. „Natürlich, M. Hoffmann. Es klingt reizvoll.“ Gut, dachte er. Sie sind sich nicht ganz sicher, was sie von mir halten sollen. Aber sein Blick wanderte immer wieder zu der jungen Frau, die wie eine Statue rechts von ihm saß. Sie war ihm sofort aufgefallen: Eine wilde rote Mähne, die sich ungebändigt um ihren Kopf lockte, und strahlende, klare, blaue Augen mit einer Unschuld und Leuchtkraft, die an einen Engel in einem Gemälde von Raffael erinnerten. Im Gegensatz zu den anderen Mädchen wirkte sie kindlich und zart. Ein Engel, dachte er. Ein raffaelitischer Engel. Plötzlich wurde ihm bewusst, wer die junge Frau sein musste, die zwischen diesen künftigen Damen der höheren Gesellschaft so fehl am Platz wirkte. Ja, das muss die Missionarstochter von 12
der afrikanischen Westküste sein. Ein reicher Verwandter zahlte ihr erstes Studienjahr im Ausland, bevor sie ihr Studium an einer Universität in den Vereinigten Staaten fortsetzte. Jedenfalls erzählte man sich das. Das arme Mädchen war wahrscheinlich starr vor Angst. David räusperte sich, kam um seines Pultes herum und setzte sich halb darauf. Seine dunklen Augen funkelten, als er zu rezitieren begann: „Erkenne dich selbst; maß dir nicht an, Gott begreifen zu wollen, denn der Mensch ist es, den die Menschen erforschen sollen ... Erschaffen zum Aufstieg und zum Fall; großer Meister aller Dinge, doch leichte Beute überall; einziger Richter über die Wahrheit, aber endlosem Irrtum anheimgestellt: der Ruhm, der Reiz und das Rätsel der ganzen Welt!“ Als er geendet hatte, kehrte er hinter das Pult zurück und schaute die staunenden Mädchen an, die anscheinend kein Wort seines Monologs verstanden hatten, aber trotzdem seinen Charme und seine Ausstrahlung bewunderten. „Mesdemoiselles, bitte! Wer kann mir den Namen des Dichters und den Titel des Werks nennen?“ Zweiundvierzig Köpfe schauten sich nervös um. Dann ging eine Hand in die Höhe. Er sah sie fast nicht, so wenig rechnete er mit einer Antwort. „Ja, Miss …“ Seine Stimme brach ab, während er auf der Liste nach dem Namen der Missionarstochter suchte. „Madison. Gabriella Madison.“ Ihre Stimme war leise, aber ruhig. Gabriella! Sie hieß sogar wie ein Engel. „Das stammt aus Alexander Popes Essay on Man!“, verkündete sie aufgeregt, als sei sie entzückt, dass sie jemanden gefunden hatte, der ihre Begeisterung für den Dichter teilte. David merkte, dass er leicht errötete, fasste sich aber schnell wieder und begann mit seiner Vorlesung. Aber nach der Vorlesung wanderten seine Gedanken zu dem Engel rechts von ihm zurück. Es lohnte sich, diese Gabriella Madison genauer kennenzulernen.
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Alles in Frankreich schien zwischen zwölf und vierzehn Uhr geschlossen zu haben. Gabriella hatte den sich täglich wiederholenden Ablauf beobachtet: Die Ladenbesitzer bedeckten ihre Schaufenster mit gewelltem Aluminium und sperrten ihre Türen zu und die Arbeiter und Angestellten begegneten sich auf ihrem Weg nach Hause auf dem Kopfsteinpflaster in der Innenstadt. Die Hauptmahlzeit des Tages dauerte zwei volle Stunden und wurde gemütlich mit reichlich Brot und Wein verspeist, der zu jedem der vier Gänge getrunken wurde. Gabriella errötete leicht, als sie an ihren ersten Schluck Wein in Mme. Leclercs Esszimmer dachte. „Mais bien sûr, natürlich müssen Sie ein wenig Rotwein probieren, ma chérie“, hatte ihre Vermieterin beharrt. „Was ist ein Essen ohne Wein?“ Um höflich zu sein, hatte Gabriella das Glas an die Lippen gehoben und an der kräftigen roten Flüssigkeit genippt. Sie hatte in ihrem Mund gebrannt und ihr Tränen in die Augen getrieben und sie hatte heftig husten müssen. Mme. Leclerc, Stephanie und Caroline hatten laut gelacht. „Der erste Schluck ist immer überraschend. Aber machen Sie sich keine Sorgen, ma chérie. Sie werden ihn lieben lernen, glauben Sie mir.“ Bis jetzt faszinierte Gabriella an dem Rotwein und dem üppigen Mittagessen jedoch am meisten, wie schwer es ihr danach fiel, am Nachmittag die Augen offen zu halten. Sie wollte in ihrer ersten Stunde in europäischer Geschichte nicht einschlafen. Stephanie hatte berichtet, dass der Geschichtslehrer in einer langsamen, monotonen Stimme sprach, die selbst den eisernsten Antialkoholiker ins Reich der Träume versetzte. Wenn sie nach dem Mittagessen nur M. Hoffmann hätte! In seinem Unterricht konnte niemand, der richtig im Kopf war, schwere Augenlider bekommen. Heute Vormittag war es ihr schwergefallen, sich auf seinen Unterricht zu konzentrieren. Er wirkte scharfsinnig und anspruchsvoll und seine dunklen, tiefgründigen Augen lösten ein spürbares Unbehagen in ihr aus. Waren sie dunkelblau, kaffeebraun 14
oder pechschwarz? Jedenfalls waren sie durchdringend. Die anderen Mädchen bezeichneten ihn als attraktiv und geheimnisvoll, aber Gabriella sah etwas anderes in seinen Augen. Brillant und traurig, lautete ihre Schlussfolgerung.
„Miss Madison! Könnte ich Sie kurz sprechen?“ Gabriella drehte sich um und sah, dass M. Hoffmann auf sie zukam. Leichte Panik machte sich in ihr breit und sie merkte, dass ihre Wangen sich rot färbten. Was konnte er von ihr wollen? Hatte er ihre Gedanken gelesen? Sie dachte daran, seine Frage zu ignorieren und, ohne ihn zu beachten, zur Tür von Mme. Leclercs Wohnung zu eilen. Stattdessen verlangsamte sie jedoch ihre Schritte und wartete, bis er sie eingeholt hatte. Die warme Sonne und ihre Verlegenheit machten sie plötzlich ganz schwindelig. Sie blieb mit dem Schuh am Kopfsteinpflaster hängen und stolperte unbeholfen. M. Hoffmanns starke Hand fasste sie am Arm und stützte sie. Sie stöhnte innerlich. Jedes Mädchen an der Universität sehnte sich nach einem Tête-à-Tête mit diesem Mann und sie benahm sich bei dieser einmaligen Gelegenheit wie ein unbeholfenes Kind! Er ließ sich jedoch nichts anmerken und passte seine Schritte ihrem Tempo an. „Wohin gehen Sie? Sie essen nicht in der Cafeteria in der Stadt, nehme ich an?“ „Nein. Ich wohne bei Mme. Leclerc. Wir nehmen alle unsere Mahlzeiten bei ihr ein. Sie freut sich, wenn wir ihr Gesellschaft leisten. Das Essen schmeckt immer köstlich, aber der Wein und das Essen machen mich müde.“ Sie merkte, dass sie zu viel plapperte. Er schmunzelte. „Dann sollten Sie Streichhölzer zu M. Vidals Unterricht mitbringen. Sie werden sie brauchen, um die Augen offen halten zu können!“ Obwohl Gabriella M. Hoffmanns abfällige Bemerkung missbilligte, hatte sie Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken. Wieder schien M. Hoffmann ihr Unbehagen nicht zu bemerken. „Ich war beeindruckt, dass Sie Alexander Pope und sein Gedicht kannten. Ich habe nicht erwartet, dass es jemand kennt … oder sich für meine Einleitung interessiert.“ „Oh, ich bin sicher, dass alle sich dafür interessiert haben. Die anderen kannten nur das Gedicht nicht. Meine Mutter hat uns 15
viel vorgelesen – die Klassiker, Gedichte und alle Bücher, an die sie herankommen konnte. Es war manchmal schwer, Bücher zu bekommen … wo wir wohnten … auf Englisch.“ Sie plapperte schon wieder. „Jedenfalls liebe ich Alexander Popes Gedichte wirklich sehr.“ „Sie kommen aus Afrika, habe ich gehört. Welchen Eindruck haben Sie von St. Joseph und seinen charmanten jungen Damen?“ „Ich denke, das Jahr hier wird schön und interessant werden. Oh, Mme. Leclerc steht am Fenster und wartet schon auf mich. Auf Wiedersehen.“ Damit ließ sie ihn stehen und schritt eilig auf die Tür zu. Als sie die Treppe hinaufraste und die Wohnung betrat, erhaschte sie im Spiegel in der Garderobe einen kurzen Blick auf ihr gerötetes Gesicht. Ihr Herz klopfte so laut, dass die anderen Mädchen das sicher bemerkten. ***
Der erste Unterrichtstag in St. Joseph war vorbei und Mutter Griolet sank vorsichtig auf den schwarz gepolsterten Stuhl hinter ihrem Schreibtisch. Für den ersten Tag lief es ganz gut, resümierte sie zufrieden. Ganz anders als früher, als die ganzen Nonnen hier herumliefen. Jetzt waren die meisten Professoren Männer. Manchmal fragte sie sich, ob es ein Fehler gewesen war, sie alle einzustellen. M. Brunet war ein Frauenheld, das wussten alle, aber er war der beste Grammatiklehrer, den man sich vorstellen konnte. M. Vidal hatte eine Arbeit gebraucht, als er sich vor vier Jahren beworben hatte. Sein Englisch war furchtbar, aber er verfügte über ein umfangreiches Wissen in europäischer Geschichte und sie erlaubte ihm, auf Französisch zu unterrichten. Dank der Stelle in St. Joseph konnte er seine Rechnungen bezahlen, sofern er sich nach dem Unterricht von der Café-Bar fernhalten konnte. Aber Mutter Griolet beunruhigten nicht M. Vidals Trinkgewohnheiten, als sie jetzt nachdenklich an ihrem Schreibtisch saß, sondern die rätselhafte Persönlichkeit von David Hoffmann. Sie hatte ihn vor anderthalb Jahren vom Fleck weg eingestellt. Seine Referenzen waren makellos gewesen – ein brillanter, junger Mann mit einem Studienabschluss an einer amerikanischen Eliteuniversität, 16
dreiundzwanzig Jahre alt, der Sohn eines Botschafters. Weit gereist. Charmant. Voll Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten, als er seine erste Dozentenstelle angetreten hatte. Er hatte Mutter Griolet nicht enttäuscht. Obwohl er nicht die Studienabschlüsse hatte wie die anderen Professoren, war er ein begabter Lehrer. Und er vermittelte den Eindruck, als habe er das Gefühl, hier sein zu müssen. Aber inzwischen hatte sie den Verdacht, dass David Hoffmann mehr beabsichtigte, als nur an St. Joseph zu unterrichten. Er sprach fließend Französisch; sein Verhalten war höflich, wenn auch arrogant. Aber sie hatte das Gefühl, dass er etwas verheimlichte … Die Glocken der Kapelle läuteten fünf Mal. Sie stand auf, strich die schwarze Nonnentracht glatt, die seit fünfzig Jahren ihre tägliche Kleidung war, und ging zur Tür hinaus und den Gang entlang. ***
Am Abend desselben Tages marschierte David schnellen Schrittes durch die dunkle Straße. Seine Absätze hallten auf dem menschenleeren Kopfsteinpflaster wider. Er schlüpfte in eine Telefonzelle, steckte einen Franc in den Schlitz und wählte eine Nummer. „Ich bin es“, flüsterte er. „Ich komme. Und ich bringe eine Frau mit.“ „Eine Frau! Bist du verrückt? Wir können es uns nicht leisten, dass noch jemand hineingezogen wird.“ „Keine Sorge! Sie ist die perfekte Deckung für uns. Es wird gut ausgehen.“ „Davon bin ich nicht überzeugt.“ „Mach dir keine Sorgen. Sie weiß nichts.“ Er sprach schnell weiter, um der Stimme am anderen Ende keine Gelegenheit zu geben, ihn zu unterbrechen. „Wir sind in zwei Tagen in Aigues-Mortes. Oh, und meine Freundin hat rote Haare. Viele rote Haare. A bientôt, mon ami.“ Er legte den Hörer wieder auf und ging dann, tief in Gedanken versunken, wieder den Weg zurück, den er gekommen war.
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