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Vorwort

Nach über sechs Lebensjahrzehnten blicke ich zurück auf vielfältige Begegnungen mit Menschen. Ich bin mit acht Geschwistern aufgewachsen, unter anderem auch mit einer Zwillingsschwester. Das hat mit sich gebracht, dass Freundschaften außerhalb der Familie für mich zunächst nicht die prägende Rolle spielten wie bei Menschen mit keinen oder wenigen Geschwistern. Denn auch bei Unternehmungen mit Klassenkameraden und anderen Gleichaltrigen war ich bis zum Ende der Schulzeit doch in Gestalt meiner mir nahestehenden Zwillingschwester Anne von „Familie“ umgeben. Umso faszinierender war es, mich in der Zeit der Ausbildung an verschiedenen Orten auf andere Frauen und Männer meines Alters einzustellen und auf nähere Begegnungen einzulassen. Ich erlebte unterschiedliche Persönlichkeiten und lernte auch mich selbst im Spiegel von ihnen kennen. Unvergesslich ist mir die 9


Nacht, die ich bis morgens um halb sieben mit einer Studienfreundin durchdiskutierte. An die Themen erinnere ich mich nicht mehr, aber an das überwältigende Gefühl: So intensiv und verbindend also kann die Begegnung mit einem anderen Menschen sein! Daher wird es sich lohnen, einige wichtige Einsichten zu folgenden Fragen zu gewinnen: Was bedeutet Freundschaft eigentlich? Wie sind gute Beziehungen beschaffen? Wie gedeihen sie am besten? Wodurch sind sie bedroht? Was haben sie mit dem Glauben zu tun? Gibt es einen bewusst freundschaftlichen Lebensstil? Eine Anmerkung zum Sprachgebrauch: In diesem Buch verwende ich, wenn es der Zusammenhang nicht anders nahelegt, der Einfachheit halber die männliche Form Freund. Die inhaltlichen Aussagen über Freunde decken sich im Wesentlichen mit denen über Freundinnen.

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Einleitung

Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben. Wilhelm von Humboldt

Freunde – Friends – Amigos „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.“ So singen die berühmten Comedian Harmonists. Ja, dieses Lied ging und geht um die Welt, mindestens um die deutschsprachige. Die Sehnsucht nach einem guten Freund, einer guten Freundin umspannt die ganze Welt. Kein Wunder, dass es sich beim größten globalen digitalen Netzwerk Facebook (FB) um ein Netzwerk von unendlich vielen Freunden handelt. „Alle Schätze dieser Erde wiegen einen guten Freund nicht auf“, sagt ein Sprichwort. Nach einer Studie des 11


Instituts für Demoskopie in Allensbach meint jeder vierte Deutsche, dass Freundschaften heute wichtiger seien als früher.1 Wieder andere halten Freundschaft heutzutage für überflüssig. Und zwar angeblich deshalb, weil wir in unserer Welt heute sehr unterschiedliche Rollen spielen müssen, die es uns nicht erlauben, Beziehungen über längere zeitliche Entfernungen zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Freundschaft sei heutzutage allenfalls als eine „Schwundform dessen [denkbar], was in poetischen Lobsprüchen über die Freundschaft seit alters her besungen wird“.2 Ob das wirklich stimmt? Ich glaube vielmehr: Der Wunsch und die Sehnsucht nach Freunden und dem mit ihnen erhofften Glück ist ungebrochen. Erstaunlich vielfältig gebrauchen wir Anreden über Freundin und Freund. Sie ist meine Freundin. Er ist ein Bekannter von mir. Ich bin mit ihm freundschaftlich verbunden. Sie gehört zu meinem Freundeskreis. Er ist ein guter Freund von mir. Sie ist meine beste Freundin. Es gibt die Freunde mit einem „Vorspann“: Schulfreunde, Studienfreunde, Skatfreunde, Geschäftsfreunde, Sportsfreunde, Parteifreunde usw. Es gibt „friends“ und „amigos“. Alle diese Freundschaftsbezeichnungen geben einen jeweils anderen Ton der Grundfarbe wieder, die dem Ausdruck Freund zugeordnet ist. Jeder Farbton lässt noch etwas davon erkennen, was mit Freund gemeint ist, und doch unterscheidet er sich klar von ihm. In den Jahren, in denen wir in Brasilien 1 Vgl. www.axelspringer.de/downloads/21/315952/Bericht_weinull_ FINAL, S. 68. 2 Siegfried Reusch in: Der Blaue Reiter – Journal für Philosophie, Ausgabe 32/2012, S. 4.

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tätig waren, sind uns eine ganze Reihe von Amigos und Amigas ans Herz gewachsen – bis heute. Hierzulande allerdings ist Amigo eher ein zwiespältiger Ausdruck. Denn er wird seit einem Bestechungsskandal in Bayern 1993 als Synonym für die Verquickung von politischen Freunden und solchen aus der Wirtschaft verwendet. So wurde der Amigo zum Schimpfwort. Das englischsprachige „friend“, zumal in der Mehrzahl, steht unter jungen Leuten für das, was wir unter „Bekannte“ verstehen, eher oberflächliche Kontakte. Solche gibt es viele in fast jedem Leben. Freunde aber – ohne erklärenden Zusatz – drücken schon eine Beziehung mit besonderem Wert aus. Bezeichnet man einen anderen Menschen als „Freund“, so schwingt darin ein Mindestanspruch an positiven Qualitäten mit, denen wir im Laufe der nächsten Kapitel auf die Spur kommen wollen. Allerdings gibt es inzwischen auch das Gegenteil, die „Massenware“ Facebook-„Freunde“. Das sind die Kontaktpersonen, mit denen man sich beim weltweiten digitalen Netzwerk Facebook verknüpfen kann. Stand April 2014 waren in Deutschland etwa 27 Millionen Nutzer bei Facebook angemeldet. Wer registriert ist, kann von anderen Personen in ihren Kreis von Freunden eingeladen werden und kann auch selbst andere einladen. Auch ich bin Mitglied bei Facebook, als Gelegenheitsnutzerin. Ich habe zurzeit etwa 140 sogenannte Freunde. Das gilt als eher wenig. Einige meiner „Freunde“ haben 170 oder 430, ja sogar über 4300 andere „Freunde“ bzw. „Freundinnen“ außer mir. Aber halt! Kann das sein, dass man so viele Freunde hat? Nicht ohne Grund habe ich die Facebook 13


(abgekürzt FB)-Freunde mit Anführungszeichen versehen. Warum? Weil diese virtuellen Freunde anderer Art sind als die leibhaftigen, die echten Freunde. Nochmals halt! Aber ich kenne doch jeden einzelnen meiner FB-Freunde persönlich. Ja, stimmt! Einige gehören auch zu meinen näheren Freundinnen und Freunden, also den Menschen, die ich „meine Freundin“, „meinen Freund“ nennen würde. Oder „eine Freundin von mir“, „einen Freund von mir“. Merken wir die Nuancen? Schon wenn ich den Buchstaben m weglasse und aus „meiner Freundin“ „eine Freundin“, aus „meinem Freund“ „ein Freund“ wird, spiegelt dies den Charakter unserer Beziehung innerhalb des Beziehungsnetzes wider, in dem ich lebe. Dazu kommt noch der gleichgeschlechtliche Aspekt. „Meine Freundin“ kann ich als Frau ohne Hemmung sagen, doch „mein Freund“ vermittelt den ausschließlichen Charakter des festen Freundes, mindestens einer festen Beziehung. Dasselbe gilt auch umgekehrt für einen Mann, der von „einer Freundin“ oder „meiner Freundin“ spricht. Es gibt da also solche und solche. Freund ist nicht gleich Freund, Freundin nicht gleich Freundin. Weil das so ist, spricht man von naher Freundin, gutem Freund, engem Freund, bestem Freund, auch in der Mehrzahl: „Sie gehören zu unseren guten Freunden.“ Und immer ist mit diesen Verfeinerungen eine bestimmte Vorstellung von Freundschaft verbunden. Nochmals zu den FB-Freunden. Bei ihnen nimmt man es nicht so genau mit dem Verständnis von Freundschaft. Freunde in bzw. auf Facebook sind vielmehr das, was man gemeinhin als Bekannte versteht. Ohne Zweifel ist es wichtig und auch befriedigend, ja sogar notwendig, Bekannte zu haben. Doch Freunde 14


gehören im Gegensatz zu Bekannten wohl übereinstimmend zu den Menschen, die wir nicht nur im Gedächtnis, sondern auch in unserem Herzen tragen. Sie bedeuten einfach mehr. Auf die Begegnung mit ihnen freuen wir uns bewusst. Sie zu verlieren stürzt uns unter Umständen in Trauer, um sie vergießen wir sogar Tränen.

Impressionen von Felix, Philipp und anderen So charakterisieren z. B. Felix, 18, und Philip, 17, ihre Freundschaft: „Unsere Freundschaft macht das Vertrauen besonders. In jedem Moment unseres Lebens wissen wir, dass der andere für einen da ist. Wir sind wie Brüder. Selbst unsere Freundinnen müssen loyal sein und unsere Freundschaft respektieren. Wir haben das irgendwann mal gemeinsam abgemacht – lange bevor jeder von uns seine erste Freundin hatte –, und daran halten wir uns. Gleichzeitig räumt jeder dem anderen aber natürlich auch genug Freiräume ein. Wir interessieren uns beide für Musik, aber eigentlich beruht unsere Freundschaft darauf, dass wir uns für den anderen interessieren. Wir erzählen uns alles und halten zusammen, egal, was es für Probleme gibt.“ 3 Skrollan, 18, und Momo, 16, zwei junge Frauen, haben sich 2008 bei einer Sprachreise in Oxford kennengelernt und angefreundet. „Zurück zu Hause haben wir uns dann in Briefen und Mails viele Dinge anvertraut und eine enge Freundschaft aufgebaut. Im Moment sehen wir uns vielleicht zweimal im Monat. Wir werden auch in zwanzig Jahren noch befreundet sein – egal, an welchen Orten in der Welt wir leben! … Trotz der Dis3 fluter.de / Bundeszentrale für politische Bildung, Thema Freund & Feind.

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tanz hat unsere Freundschaft bisher super funktioniert. Vielleicht ja sogar wegen der Distanz. Auch der Altersunterschied ist kein Problem, wir können trotzdem über alles reden.“ Skrollan über Momo: „Und wenn es mir schlecht geht, dann kann ich die Dinge mit ihrer Hilfe immer noch mal anders sehen.“ Momo über Skrollans Eifer und Ehrgeiz: „Ich finde es gut, dass sie sich für das einsetzt, was ihr wichtig ist.“4 Hier äußern sich junge Menschen, die schon früh wesentliche Merkmale einer Freundschaftsbeziehung erlebt und begriffen haben. Wir wissen nicht, ob sie tatsächlich bis heute befreundet geblieben sind. Doch ich kann mir vorstellen, dass auch Menschen in hohem Alter ihre Freundschaften ähnlich beschreiben. Allerdings wiegen nach den „Belastungsproben“ vieler Jahrzehnte diese positiven Merkmale einer Freundschaft noch schwerer als mit 18 Jahren: Eine gute Freundschaft ist • auf Vertrauen gebaut, • sowohl von Verbindlichkeit als auch von gegenseitigem Freiraum geprägt, • immer am anderen interessiert.

4 Ebd.

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Kapitel 1: Freundschaft – Was ist das eigentlich?

Ein Freund ist ein Mensch, vor dem man laut denken kann. Ralph Waldo Emerson

Einige Definitionen Im Internet wurde in einem Ratgeberforum auf die Frage „Hallo, ich sammle gerade ein paar Definitionen für Freundschaft, wollt ihr mir eure auch schreiben?“ unter anderem so geantwortet: • Freundschaft heißt zu vertrauen. Freundschaft heißt Verständnis. Freundschaft bedeutet Unterstützung. Freundschaft heißt auch, zu jemandem zu stehen, wenn es mal schlecht läuft; und auch Spaß. • Ein Freund ist einer, der deine Vergangenheit akzeptiert, dich in der Gegenwart mag und in der Zukunft zu dir steht. 17


• Freundschaft ist für mich: Wenn der eine Hilfe braucht, dann hilft man gern. Man hört zu, wenn der andere Probleme hat. Man trifft sich einfach so, um Neuigkeiten auszutauschen. • Ich finde, ein richtiger Freund ist einer, der dich so mag, wie du bist; dem du alles sagen kannst und der auch für dich da ist, wenn es dir schlecht geht. • Ist jemand, der alles von dir weiß und dich trotzdem mag. • Sonst finde ich: die wichtigsten Punkte in einer Freundschaft sind Vertrauen, Spaß und Zusammenhalt! 5 Die Schlüsselworte in diesen spontanen „Definitionen“ lauten vertrauen, akzeptieren, in Schwierigkeiten füreinander da sein. Schon im Wort Freundschaft stecken aufschlussreiche Elemente. Im Blick auf die Wortherkunft ist es verwandt mit frija, nämlich frei, und mit frijon, nämlich lieben. So gesehen kann man Freundschaft als eine von Freiheit und Zuneigung geprägte Beziehung verstehen. Kurz und bündig findet sich in einem Lexikon diese Erklärung: „Form sozialer Beziehungen zw. zwei oder mehreren (bes[onders] gleichgeschlechtl[ichen]) Partnern, die durch persönlichkeitsbezogene Vertrautheit, Hilfs- und Opferbereitschaft und freiwillige Verantwortung für den anderen bestimmt ist, im Unterschied zu zweckbedingten partnerschaftlichen Verbindungen.“6 Und schließlich erklärt das online-Lexikon Wikipedia Freundschaft als „ein auf gegenseitiger Zuneigung be5 Nach: gutefrage.net Die Ratgeber-Community. 6 DTV Lexikon Mannheim 1990, Bd 6, S. 125.

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ruhendes Verhältnis von Menschen zueinander,[1] das sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet.“7 Wirft man einen Blick auf diese heutigen Definitionen von Freundschaft, so verbinden sie folgende Aspekte: • Gefühl (gegenseitiges Mögen, Liebe, Zuwendung, Zuneigung, Sympathie) • Vertrauen (Hörbereitschaft, Austausch) • Freiheit (Freiwilligkeit, Gegenseitigkeit) • Dauer (Stabilität) • Verantwortung (Hilfsbereitschaft, Opferbereitschaft, Verlässlichkeit)

Auf Anhieb sympathisch zweiten Blick?

oder erst auf den

Manchmal macht es sofort „Klick“ zwischen Menschen und sie werden schnell Freunde. Es passiert die „Freundschaft auf den ersten Blick“. Bei anderen liegen Monate oder gar Jahre dazwischen, bis sie merken: Wir sind Freunde oder Freundinnen geworden. Sowohl rasch geschlossene als auch allmählich gewachsene Freundschaften haben bei aller Unterschiedlichkeit doch ein paar Dinge gemeinsam, wie „Freundschaftsforscher“ übereinstimmend herausfanden: • Freunde lassen andere in ihr Leben schauen • Freunde haben ähnliche „Themen“ • Freunde vertrauen einander • Freunde unterstützen sich gegenseitig Wenn wir von Freundin oder Freund sprechen, gehen wir selbstverständlich davon aus, dasselbe zu meinen. Dabei hat diese Form gegenseitiger Zuwendung durch 7 Wikipedia, Art. Freundschaft.

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die Jahrhunderte eine vielfältige Wandlung durchlaufen. Das wird im nächsten Kapitel noch deutlich werden. In der Frühgeschichte jedenfalls gab es gar keine Trennung zwischen Verwandtschaft und Freundschaft. Man war in den Sippen und Stämmen ohnehin auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Man stand in Treue zueinander und verließ sich aufeinander, wehrte auch gemeinsam äußere Feinde ab. Freundschaft war gleichbedeutend mit Bluts- und Stammesverwandtschaft. Man konnte sich den „Luxus“ frei gewählter Freundinnen oder Freunde gar nicht leisten. Man war mit dem Lebensunterhalt so beschäftigt, dass nicht viel freie Zeit für außerfamiliäre Kontakte blieb. In manchen Orten ist ein Rest solcher jahrhundertealter Zusammengehörigkeit noch zu spüren. Ein NichtGebürtiger, ein sogenannter „Reing’schmeckter“, hat es auch heute zuweilen noch schwer, Zutritt zu diesem lange gewachsenen Beziehungsgefüge zu finden. Allerdings geht mit manchem dörflichen Freundschaftsgeist unter der Oberfläche oft auch Zwietracht, Neid und Eifersucht einher. Längst hat diese Art von kollektiver „Freundschaft“ Risse bekommen.

Nicht ex und hopp, sondern dauerhaft Gute Freundschaften sind erstaunlich stabil. Sie werden früh geschlossen, halten Jahrzehnte oder gar lebenslang. Bei einer Tagung mit dem Schwerpunktthema „In aller Freundschaft! – Über die (zweit?)wichtigsten Beziehungen im Leben“ legte die Referentin ein Seil als lange Lebenslinie auf den Boden. Die Teilnehmerinnen platzierten die Namen ihrer geknüpften Freundschaften entlang dieser Linie. Man konnte interessante Ver20


dichtungen feststellen. Besonders viele Freundschaften wurden in den Lebensjahrzehnten der Ausbildung und der ersten Berufsjahre geschlossen. Das bedeutet, dass in einer Lebensphase, in der der Aufbau des eigenen Lebens Vorrang hat, besonders leicht Freundschaft geschlossen wird. Als junger Mensch möchte und muss man sich von seinen Eltern lösen, man ist für Neues aufgeschlossen. Man hat auch normalerweise noch nicht so viele Enttäuschungen mit Menschen erlebt, um grundsätzlich skeptisch zu sein gegenüber neuen Begegnungen. Tatsächlich gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass die Zahl der Freunde mit zunehmendem Alter geringer wird. Die Lebensumstände „verfestigen sich“. Die familiären, kollegialen und freundschaftsbezogenen Netzwerke sind aufgebaut und wollen gepflegt werden. Im Familien- und Berufsleben ändert sich die Lage kontinuierlich, doch Freundschaften sind der Veränderung nicht so dramatisch ausgesetzt. Sie durchziehen, wenn es gut geht, unser Leben wie ein roter Faden. Er wird immer wieder aufgenommen, gerade wenn sich z. B. durch einen Umzug, durch den Eintritt in die Rente, durch die Ablösung der Kinder oder den Tod der Partnerin oder des Partners eine schmerzliche Lücke auftut. „Freundschaften geben Halt, machen Mut, spenden Trost und erhöhen ganz generell die Zuversicht. In Phasen der Unsicherheit, Umstrukturierung, Desorganisation und Gefährdung sind sie ein Hort der Stabilität. Gerade in Krisenzeiten, in denen wir uns in unserer Umgebung und Kultur zunehmend unbehaglich fühlen und weitgehend im Vorgefühl einer Umwandlung stehen, klammern wir uns an dieses Urgefühl.“8 8 Eugen Maria Schulak in: www.philosophische-praxis.at/17_

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Kürzlich bedauerte Mario Adorf, der bekannte Schauspieler – inzwischen 83 Jahre alt –, dass er zu wenig auf die Pflege von Freundschaften geachtet habe. Auf die Frage: „Gibt es Fälle in Ihrem Leben, wo Sie gern nachbessern würden, die Sie heute anders machen würden?“, antwortete er: „Ein Vorwurf, den ich mir mache, ist, dass ich keine Freundschaften gepflegt und interessante Bekanntschaften vertieft habe. Das bedauere ich heute. Ich ritt als Einzelgänger völlig allein durch die Welt, hab zu keiner Gruppe gehört. Das war nicht richtig, lag aber vielleicht daran, dass ich früh gelernt habe, selbstständig zu sein.“9 Die späte Erkenntnis Mario Adorfs sollte uns dazu ermutigen, vernachlässigte Freundschaften wieder aufleben zu lassen und in der Pflege der bestehenden Beziehungen nicht nachzulassen.

freundschaft.html. 9 „Ich bin nach wie vor ein neugieriger Mensch“ in: Altmühlbote 14.03.2014, S. 8.

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