Einleitung Die Welt der Anbetung entdecken Anbetung und Lobpreis sind heute in den meisten christlichen Gemeinden längst eine Selbstverständlichkeit. Warum also noch ein Buch darüber schreiben? Eben deshalb: Weil Anbetung so selbstverständlich geworden ist. Und weil das Selbstverständliche immer auch in der Gefahr steht, nebensächlich zu werden. Dies ist bereits mein drittes Buch zu diesem Thema. Und das nicht, weil mir nichts Neues mehr einfällt, sondern weil sich die Zeiten seit dem Erscheinen meiner ersten beiden Bücher deutlich gewandelt haben. Das erste davon entstand vor über zwanzig Jahren.1 Damals ging es mir darum, vorsichtig Interesse und Verständnis zu wecken für ein Thema, das für viele Gemeinden außerhalb der „charismatischen Bewegung“ noch mit viel Angst und Vorbehalten besetzt war. Zehn Jahre später hatte sich die Lage völlig gewandelt: Überall waren inzwischen Lobpreisgottesdienste und Lobpreisteams entstanden und auch im sonntäglichen „Normalgottesdienst“ gab es immer öfter Anbetungszeiten und Anbetungslieder. Mein zweites Buch2 sollte daher vor allem Mitarbeiter und Lobpreisleiter motivieren und ihnen praktische Hilfe für ihren Dienst geben. Jetzt, nochmals zehn Jahre später, hat sich die Situation schon wieder verändert: Lobpreis und Anbetung sind weithin normal geworden. So normal allerdings, dass sie immer öfter zu 1 Guido Baltes, Anbetung konkret. Ermutigung zu einem lebendigen Lobpreis. Neukirchen-Vlyn: Aussaat 1993. 2 Guido Baltes, Wörship. Handbuch für heilige Himmelsstürmer. Wuppertal: Oncken 2002.
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einer Routine werden, über die keiner mehr viel nachdenkt. So normal, dass viele der Sache schon wieder überdrüssig werden. So normal, dass wir in der Gefahr stehen, wieder zu verlieren, was wir gerade erst entdeckt haben. Wo also geht die Reise hin? Das ist für mich eine sehr spannende Frage. Aber bevor ich mich ihr zuwende, möchte ich kurz zurückblicken auf meine eigene Reise bis heute: Sie führte in vielen Kurven von der Lobpreis-Ahnungslosigkeit über die LobpreisSkepsis und die Lobpreis-Begeisterung zu einer neuen Lobpreis-Skepsis. Und ich habe in vielen Gesprächen die Beobachtung gemacht, dass meine eigene Geschichte in mancher Hinsicht typisch ist für die Erfahrungen, die auch andere mit dem Thema „Anbetung“ machen.
Meine Reise in die Welt der Anbetung Für mich war „Anbetung“ lange Zeit alles andere als normal. Ich bin in einem traditionellen landeskirchlichen Umfeld aufgewachsen, und wenn ich als Kind einmal in die Kirche ging (was recht selten vorkam), dann gab es dort keine „Anbetung“, sondern „Liturgie“. Dass es sich dabei um das gleiche Wort handelt, nur in einer anderen Sprache, war mir damals nicht bewusst. Meine Großtante war ehrenamtliche Organistin und nahm mich zuweilen mit in die Gottesdienste, in denen sie spielte. Da saß ich also, verstand wenig, und blätterte in meinem Gesangbuch: In der vorderen Umschlagseite war ein kleiner Zettel eingeklebt, auf dem der Ablauf der Liturgie zu finden war: Wann man aufsteht und wann man sich setzt. Wann der Pfarrer singt und wann die Gemeinde antwortet. Und man konnte anhand der Übersicht ganz gut ausrechnen, wie lange es noch dauern würde, bis der Gottesdienst vorbei war. Das waren also meine ersten Erfahrungen mit Anbetung. Irgendwie besonders, irgendwie fremd, aber auch irgendwie heilig.
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Die ersten Anbetungslieder Als Teenager bekam ich dann Kontakt zu einer freikirchlichen Gemeinde und schloss mich dem dortigen Jugendkreis an. Aber auch dort war das Wort „Anbetung“ eher eine unbekannte Vokabel. Natürlich begann jede Jugendstunde mit einem lautstarken und oft recht wilden Liedersingen, aber die wenigsten Lieder hatten etwas mit Anbetung zu tun. Es gab Lieder über den Glauben und über das Christsein. Protestlieder und Trostlieder. Lieder, die von Jesus erzählten, und Lieder, die das Evangelium verkündigten. Aber nur ganz selten Lieder der Anbetung. Und auch am Sonntagmorgen gab es damals weder „Anbetungszeiten“ noch „Liederblöcke“, sondern ein eher nüchternes Programm aus Predigt, Gebet und einigen eingestreuten Chorälen. Manche davon hatten zwar auch die Anbetung zum Inhalt, aber das war eher die Ausnahme. Interessanterweise sind es aber gerade die wenigen Lieder der Anbetung, die sich aus dieser Zeit besonders tief in meine Erinnerung eingegraben haben. Eines der ersten war der amerikanische Chorus „Father, I adore you“, den unser Jugendleiter einmal bei einer Abendandacht vom Kassettenrekorder einspielte. Und dann war da das Lied „Darum bete ich dich an“ von Peter Strauch, das irgendwie aus der Reihe der üblichen Jugendlieder herausfiel. Auch bei meinem ersten großen Jugendtreffen waren es nicht die üblichen Lieder, die bei mir hängen blieben, sondern die „Sing and Pray“-Zeiten mit Lars Mörlid und Peter Sandwall aus Schweden. Hier, so war mein Eindruck, begegnete mir mehr als nur ein Lied. Hier passierte Begegnung mit Gott, auf musikalische Weise. Diese Lieder erzählten nicht nur eine Geschichte, sie verkündeten nicht nur Wahres, sondern sie nahmen mich mit in eine Beziehung. Sie luden nicht nur einfach zum Mitsingen ein, sondern zum Staunen und zum Beten.
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Angst vor Anbetung Aber es gab auch die andere Seite: Nämlich eine Angst vor den „Charismatikern“, bei denen man hinter den innigen Liedern vor allem Manipulation, Irrlehren und möglicherweise sogar einen „Geist von unten“ vermutete. Ich erinnere mich noch gut an ein christliches Open-Air-Konzert, das wir als Jugendkreis besuchten. Es spielte die Band „Semaja“, eine der ersten christlichen Rockbands in Deutschland: Gegen Ende des Abends leiteten die Musiker fließend vom Konzert in eine Gebetszeit über und spielten einige bekannte amerikanische Lobpreissongs. Um mich herum standen die Menschen auf und streckten ihre Hände gen Himmel. Für mich als ahnungslosen, dreizehnjährigen, gerade erst frisch missionierten Teenager ein recht ungewohnter Anblick. Aber einer, der mich faszinierte. Diese Leute schienen es wirklich ernst mit Gott zu meinen. Diese Innigkeit und Intensität beim Gebet kannte ich aus unserem Jugendkreis eher nicht. Aber ich fand sie irgendwie passend. Und ich wollte das Gleiche. Also habe ich auch meine Hände gehoben, die Augen geschlossen und habe aus ganzem Herzen in die Lieder eingestimmt. Aber es dauerte nur wenige Augenblicke, da kam unser Jugendleiter schnellen Schrittes auf mich zu und raunte mir mit besorgtem Blick zu: „Nimm sofort wieder die Hände runter! Wir sind doch keine Pfingstler!“ Auch wenn ich keine Ahnung hatte, was Pfingstler sind: Mir war sofort klar, dass ich irgendetwas Verbotenes getan hatte, und gelobte fortan Besserung. Heute blicke ich mit einem Augenzwinkern auf diese Zeit zurück, und mein Jugendleiter sicher auch. Aber damals waren die Zeiten eben noch anders. Und Hände heben bei Lobpreisliedern, das war etwas, was nur Charismatiker machten.
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Der erste Lobpreisgottesdienst Mein Problem war damals allerdings: Ich kannte keine echten Charismatiker oder Pfingstler, denn wir gingen ja nicht in ihre Gottesdienste oder auf ihre Konferenzen. Die ersten Charismatiker, die ich kennenlernte, waren dann Studienkollegen, denen ich im ersten Jahr an der Universität begegnete. Und ich war erstaunt, dass sie eigentlich ganz normale Menschen waren wie ich auch. Tagsüber saß ich mit ihnen im gleichen Hörsaal und am Abend luden sie mich in ihren Hauskreis ein. Wir sangen dort andere Lieder als die, die ich kannte. Und noch etwas war anders: Wir sangen nicht einfach, sondern wir beteten. Während wir sangen. Die Lieder wurden auch nicht einfach auf Zuruf wahllos ausgesucht, sondern jemand hatte sich auf diese Zeit vorbereitet und bewusst solche Lieder ausgesucht, die uns in eine Haltung des Gebets und in eine Begegnung mit Gott hineinführten. Alles sehr ungewohnt für mich, aber es schien mir Sinn zu machen. Ich erlebte eine Dimension des gemeinsamen Gebets, die mir bis dahin unbekannt gewesen war. Irgendwann lud mich einer dieser Freunde in meinen ersten Lobpreisgottesdienst in einer Kirche in Frankfurt ein. Und ich gebe zu, auch hier musste ich meinen Vertrautheitsradius ordentlich erweitern: Vorne sang eine Lobpreisband, daneben stand ein Pfarrer in vollem Ornat und hob die Hände. Ich erlebte zum ersten Mal gemeinschaftlichen Zungengesang und als mein Begleiter mich irgendwann fragte, ob wir zusammen nach vorne in den Altarraum gehen wollten, um ein persönliches Segnungsgebet zu empfangen, da musste ich passen. Es hätte mich zu viel Überwindung gekostet.
Sehnsucht nach mehr Was mich aber viel mehr wurmte, war die Erkenntnis, dass ich eigentlich, tief in mir, eine Sehnsucht verspürte, Gott genau so anzubeten und zu loben wie die Menschen um mich herum. Es war eine
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Mischung aus Angst, Stolz, Gewohnheit und Misstrauen, die mich davon abhielt: Ich wollte aufstehen, blieb aber sitzen. Ich wollte meine Hände heben zum Gebet, fragte mich aber gleichzeitig: Was würde wohl mein Nachbar denken? Ich hätte gern ein Segnungsgebet empfangen, wollte mir aber nicht die Blöße geben, dass jemand denken könnte, ich hätte das nötig. Ich wollte von Herzen mitsingen: „Ich lieb dich, Herr!“ Aber ich konnte es nicht, denn das war einfach nicht meine Sprache. So etwas hatte ich zu Gott noch nie gesagt. Ich war es gewohnt, zu sagen: „Ich glaube an dich“ oder „Ich folge dir“. Aber nicht „Ich liebe dich“. Aber dann wurde in mir die Frage immer lauter: Warum eigentlich nicht? Was war das, das sich da sperrte in mir? War es wirklich, wie ich glaubte, gesunde theologische Skepsis? Oder war es eher persönliche Unsicherheit? Oder einfach biografische Prägung? Warum fiel es mir so schwer, zu Gott zu sagen: „Ich liebe dich“, wenn doch in der Bibel die Liebe zu Gott das höchste Gebot ist? Warum wollte ich meine Hände nicht zu Gott ausstrecken, obwohl das in der Bibel eine ganz normale Gebetshaltung war? Nur weil andere etwas Falsches über mich denken könnten? Warum konnte ich zu Gott zwar aus vollem Herzen „Bitte“ und „Danke“ sagen, aber es fehlten mir die Vokabeln, wenn ich nach Worten der Anbetung suchte? In mir begann etwas zu rumoren und ganz langsam dämmerte mir, dass es hier nicht nur darum ging, welchen äußerlichen Traditionen ich folge. Sondern dass ich hier eine neue und wichtige Dimension meiner Beziehung zu Gott entdeckte, um die ich bisher einen Bogen gemacht hatte. Hier ging es um weit mehr als nur ein Lied. Lieder waren vielleicht der Auslöser. Neue Lieder brachten meine Gedanken in eine neue Richtung. Der Klang neuer Musik weckte in mir eine Ahnung, dass es vielleicht in meiner Beziehung zu Jesus auch nach vielen Jahren noch Neues zu entdecken geben könnte. Aber es ging schon längst nicht mehr um die Lieder. Es ging um eine neue Art, mein Herz für Gott zu öffnen, und um eine neue Weise, Gott zu begegnen. In Liedern, aber auch in Gebe-
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ten, in Gesten und in einer inneren Haltung des Herzens, die mir bis dahin nicht vertraut gewesen war.
Brücken bauen Im zweiten Jahr meines Studiums kam ich nach Marburg und lernte dort die Arbeit des „Christus-Treffs“ kennen, zu dem ich bis heute gehöre. In den Gottesdiensten dieser gerade erst neu entstandenen bunt gemischten Studentengruppe begegnete mir eine wohltuende Mischung der unterschiedlichen Traditionen, die ich auf meiner bisherigen Reise kennengelernt hatte: Solide kirchliche Wurzeln, gesunde biblische Lehre, missionarische Ausstrahlung, ein überkonfessioneller Horizont und eine vertrauensvolle Offenheit für Impulse aus der charismatischen Bewegung. Ausführliche Zeiten des Lobpreises und der Anbetung gehörten hier zum Normalprogramm jedes Gottesdienstes, selbst wenn gar nicht speziell „Lobpreisgottesdienst“ draufstand. Auch thematisch musste es nicht unbedingt um Lobpreis und Anbetung gehen, damit dieser Bestandteil des Gottesdienstes war. Im Gegenteil, die erste Predigt, die ich erlebte, handelte von den ökonomischen Folgen der Globalisierung und der christlichen Verantwortung für die Welt. Ein knackiger intellektueller Gegensatz zur immer noch etwas befremdlichemotional anmutenden Lobpreiszeit. Aber beides zusammen: Das schien mir eine gute Mischung zu sein, und so beschloss ich zu bleiben. Der Christus-Treff wurde für mich ein Lernort, an dem ich vorsichtig weitere Schritte gehen konnte auf meiner Reise in die Welt der Anbetung. Irgendwann bemerkte ich, dass ich Liebeslieder für Gott singen konnte, ohne mich dabei eigenartig zu fühlen. Dass ich beim Beten sitzen oder stehen konnte, ohne darüber nachzusinnen, was der Nachbar denkt. Und dass ich meine Hände beim Beten falten, öffnen, heben oder auch in die Hosentaschen stecken konnte, je nachdem, wonach meinem Herzen gerade zumute war.
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Neue Aufbrüche In den frühen 90er-Jahren erlebte die Anbetungsmusik in Deutschland einen neuen Aufbruch, vor allem durch Einflüsse aus der internationalen Vineyard-Bewegung: In Lüdenscheid fanden erste große Lobpreis-Konferenzen mit Brian Doerksen und Andy Park aus Kanada statt, die ersten CD-Produktionen mit deutschen Lobpreisliedern erschienen auf dem Markt. Musikalisch geschah in dieser Zeit ein großer Schritt von der eher am Folk orientierten Blumenkinder-Romantik der 80erJahre hinein in die geradere Rockmusik der 90er. Als ChristusTreff knüpften wir in dieser Zeit engere Kontakte zur anglikanischen Kirche und erhielten von dort viele neue musikalische und auch geistliche Impulse. In England war es gelungen, traditionelle landeskirchliche Gottesdienstkultur mit Elementen aus den evangelikalen und charismatischen Bewegungen in einer Weise zu verbinden, die innerhalb der Kirche zu einem neuen Aufbruch führte. Und auch in Deutschland wurden traditionelle Gräben Schritt für Schritt überwunden: Im Rahmen des deutschlandweiten Jugendkongresses „Christival 1996“ gab es erstmals ein Gebetsfestival mit Lobpreis- und Anbetungsliedern, und sogar eine ganze „Praise Night“, die von katholischen, evangelischen und pfingstkirchlichen Lobpreisleitern gemeinsam gestaltet wurde. Sogenannte „Gebetskonzerte“, die im Vorfeld des Christivals in ganz Deutschland stattfanden, machten eine neue Liedkultur der Anbetung für ein breites Publikum zugänglich. Was zunächst in Jugendgottesdiensten begann, prägte bald auch den normalen Sonntagmorgen: Auch viele traditionelle pietistische Gemeinden und Freikirchen öffneten sich jetzt vorsichtig für Lobpreis- und Anbetungslieder.
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Breitenkultur und Tiefenverlust Für mich war diese Zeit des Aufbruchs ein großartiges Gottesgeschenk. Nicht, weil es jetzt viel neue Musik und andere Lieder gab. Das war ein erfreulicher Nebeneffekt. Was mir aber viel wichtiger war, war die Beobachtung, dass viele Menschen, Jugendliche wie auch Erwachsene, neue Erfahrungen mit Gott machten. Dass sie eine neue Freude am Gebet und an der Anbetung entdeckten. Vielleicht waren es die neuen Lieder, die ihnen dabei halfen. Sicherlich war es nicht immer die musikalische Qualität, denn die war längst nicht überall so großartig, schon gar nicht bei uns. Vor allem war es wohl die neue Haltung der Anbetung, die mit den Liedern verbunden war. Ich war in dieser Zeit in vielen Gemeinden unterwegs, um Grundlagenseminare über Lobpreis und Anbetung zu halten. Vieles von dem, was in diesem Buch steht, ist aus Begegnungen und Gesprächen in dieser Zeit entstanden. Mit verschiedenen Bands aus dem Christus-Treff waren wir oft auf Reisen, um auf Jugendtreffen und in Gottesdiensten Zeiten der Anbetung zu gestalten. Und aus den Rückmeldungen hörten wir immer wieder heraus, dass diese Art der gemeinsamen Anbetung zwar für viele neu und ungewohnt war, aber doch in ein Fragen und Suchen hineintraf, das Gott schon lange vorbereitet hatte.
Risiken und Nebenwirkungen Auf der anderen Seite wurden mit zunehmender Breitenwirkung mit der Zeit natürlich auch die Schattenseiten dieses Aufbruchs erkennbar: So ließ es sich nicht vermeiden, dass vor allem bei vielen Jugendlichen eher die Begeisterung für neue Musik im Mittelpunkt stand als die Anbetung, die damit verbunden war. In den Verkaufscharts der christlichen Musikverlage nahmen die Lobpreis-CDs den Platz ein, den die Popstars im normalen Musikgeschäft haben. Oft wurden zwar neue Lieder in der Gemeinde eingeführt, aber die Singkultur blieb die
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gleiche wie vorher. Gerade in pietistischen Gemeinschaften und traditionellen Freikirchen passierte es nicht selten, dass man einfach die alten Gesangbuchlieder durch neue „Folienlieder“ ersetzte, ohne irgendetwas an der Form des Gottesdienstes zu verändern. Gerade für ältere Gemeindeglieder musste es deshalb so aussehen, als ginge es nur um einen Generationenkonflikt in der Musikkultur und nicht um eine neue Weise des Gebets. Diese Skepsis wurde oft noch dadurch verstärkt, dass man, um die charismatischen Worte „Anbetung“ und „Lobpreis“ zu vermeiden, stattdessen vom „Liedblock“ sprach. Das förderte natürlich das Gefühl, hier ginge es nur um ein erweitertes musikalisches Vorprogramm. Noch dazu um eines, das als sehr unbeweglich, massiv, und manchmal auch störend empfunden wurde. Alles eben, was man so mit dem Wort „Block“ verbindet. Eine ganz ähnliche Nebenwirkung zeigte sich durch die flächendeckende Einführung von „Lobpreisteams“ in den Gemeinden: Wo früher oft nur ein einziger Organist oder Klavierspieler den Gottesdienst begleitete, entstanden nun allerorts Bands für den wöchentlichen Einsatz. Das hatte einen großartigen Einfluss auf die Entdeckung und Entfaltung der musikalischen Gaben in der Gemeinde: Kaum jemals zuvor hatten so viele Teenager und Jugendliche, aber auch ältere Gemeindemitglieder die Chance, ihr musikalisches Talent nicht nur zu entdecken, sondern auch regelmäßig vor einem größeren Publikum zu präsentieren. Früher musste man dafür mühsam ein missionarisches Konzert veranstalten, für das monatelang geprobt wurde, und bis zuletzt musste man zittern, ob die erwarteten Besucher denn auch kamen. Jetzt plötzlich gab es jede Woche eine garantierte Auftrittsmöglichkeit, und obendrein eine sichere Besucherzahl. Man brauchte (vermeintlich) noch nicht einmal musikalisches Können oder Qualität, denn, anders als beim Konzert, ging es hier ja nur um „die richtige Herzenshaltung“. So konnte es nicht ausbleiben, dass – manchmal – die Begeisterung am Musikmachen mehr im Vordergrund stand als
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der Wunsch, Menschen mitzunehmen in die Anbetung Gottes. Das Lobpreisteam in der Gemeinde wurde für viele Christen zum DSDS-Ersatz, bei dem sie ihre Talente austesten konnten und schnell den Weg auf die große Bühne fanden.
Kritiker und Skeptiker Wo eine Breitenwirkung entsteht, finden sich schnell auch diejenigen, die sich von der Masse absetzen wollen. Die gibt es deshalb auch an allen Rändern der aktuellen Anbetungs-„Welle“: Schon früh meldeten sich diejenigen zu Wort, die in der neuen Begeisterung für Anbetung und Lobpreis nur ein Hinterherlaufen hinter dem Zeitgeist vermuteten. Sie plädierten dafür, bei den traditionellen Heilsliedern zu bleiben, gerade weil diese der zeitgenössischen Popkultur so fremd sind. Sie riefen dazu auf, Anbetung und Lobpreis vor allem mit theologisch richtigen Worten auszudrücken, aber möglichst nicht nach neuen Formen des Gottesdienstes oder der Musik zu suchen. Sie warnten vor unguten Einflüssen der charismatischen Bewegung, vor Erlebniskultur und Personenkult. Ihre Grundbotschaft war: Bleibt bei dem, was die Väter taten! Nur dann könnt ihr euch sicher sein, nichts falsch zu machen. Auf der anderen Seite gab und gibt es aber auch die ganz progressiven Kritiker: Ihnen ist Breitenkultur ebenfalls zuwider. Aber sie wollen nicht zurück zur Tradition der Väter, sondern aufbrechen zu neuen Ufern. Lieder, die mehr als drei Jahre alt sind, gelten hier schon als „old-fashioned“ und spießig. Überhaupt nörgelt man am „überall gleichen Lobpreis-Sound“ herum und lässt nur das als wirklich geistlich gelten, was sich abhebt von der Masse: Entweder den neuesten musikalischen Geheimtipp, den man auf Youtube gefunden hat, oder eben gerade mal keine Musik, weil nur das wirklich alternativ sei. Zu Recht bemängelt man die oft dürftige Qualität mancher Lobpreislieder, allerdings ohne echte Alternativen zu bieten. Man
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spielt evangelistisches oder sozialmissionarisches Engagement gegen Lobpreis und Anbetung aus, weil nur Ersteres wirklich radikal im Sinne Jesu sei, Letzteres hingegen lediglich ein Ausdruck frommer Selbstverliebtheit. Meine Vermutung allerdings ist, dass hinter solcher Kritik, so berechtigt sie auch manchmal sein mag, oft nur die tiefe Angst steht, sich wirklich auf das einzulassen, worum es in der Anbetung eigentlich geht: Also nicht auf einen bestimmten Musikstil, nicht auf einen frommen Modetrend, nicht auf eine populäre Veranstaltungskultur, sondern auf die Einladung zur Anbetung.
Ein Blick nach vorn Wo sind wir heute angekommen? Und wo geht die Reise hin? Meine persönliche Reise führte von der Ahnungslosigkeit über die Skepsis bis zur Begeisterung. Heute habe ich gemischte Gefühle, wenn ich an das Thema „Lobpreis und Anbetung“ in unserem Land denke: Ich sehe mit Freude, wie das Thema alle Regionen der geistlichen Landschaft durchdringt und bewegt. Ich freue mich, dass an vielen Stellen Ängste und Vorbehalte überwunden sind. Ich sehe mit Begeisterung, wie Menschen aus allen Generationen ihre Begabung und Berufung darin entdecken, Anbetung in der Gemeinde zu leiten und zu gestalten. Ich sehe eine veränderte Gottesdienstkultur, in der mehr Raum und Zeit und Freiheit ist für die Begegnung mit Gott. Ich sehe an vielen Orten neue, kreative Wege und Formen der Anbetung, die Lust machen auf mehr. Und ich sehe in vielen Herzen eine Sehnsucht nach mehr Tiefe, mehr Weite, mehr Nähe zu Gott. Ich sehe aber auch mit Sorge auf manche Entwicklungen der letzten Jahre und wünsche mir, dass es uns an diesen Stellen gelingt, die Weichen noch einmal neu zu stellen. Auszubrechen aus ausgetretenen Pfaden. Mutig weiterzugehen, wo wir uns mit bisher Erreichtem zu schnell zufriedengeben. Und immer
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neu danach zu fragen, wohin Gott uns als Anbeter und Anbetungsleiter ruft.
Die Brücke zwischen den Generationen Eine erste Beobachtung ist: Oft gelingt es nicht, dass ältere Lobpreisleiter ihre Entdeckungen, Erfahrungen und Grundwerte der Anbetung an die nächste Generation weitergeben. In meinen Gesprächen mit jungen Lobpreisleitern und -leiterinnen höre ich zum Beispiel immer wieder, dass viele von ihnen noch nie ein Buch zum Thema gelesen haben oder irgendwelche Schulungen, Konferenzen oder Seminare besucht haben. Sie haben zwar von Kindheit an erlebt, wie Lobpreis aussieht, aber niemand hat sie in das mit hineingenommen, was für die Augen unsichtbar ist: die Vorbereitung, die geistlichen Grundlagen, die Werte, die unsere Anbetung prägen. Wenn diese jungen Leute also jetzt mehr und mehr selbst in die Rolle des Lobpreisleiters hineintreten, sei es in Jugendgottesdiensten, Studentengruppen oder den eigenen Gemeinden, dann stellt sich die Frage: Sind sie vorbereitet und ausgerüstet für einen Leitungsdienst in der Anbetung? Oder haben wir ihnen nur beigebracht, Lieder zu singen? Meine Erfahrung aus vielen Gesprächen mit der jetzt heranwachsenden Generation von neuen Lobpreisleitern ist, dass viele von ihnen sich unsicher sind über ihre Rolle, und in der Tat noch nie viel darüber nachgedacht oder gelesen haben. Und man kann es ihnen nicht verdenken: Anders als meine Generation sind viele von ihnen in Gemeinden großgeworden, in denen Lobpreiszeiten so selbstverständlich waren wie das Mittagessen. Man hat darüber nicht mehr viel geredet, man hat nicht darum gerungen, man hat nicht darüber gepredigt. Die meisten jüngeren Lobpreisleiter, mit denen ich rede, sind in ihrer Gemeinde einfach in diesen Dienst hineingewachsen, weil sie ein Instrument spielten oder singen konnten.
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„Über Lobpreis liest man nichts, das macht man.“ Oder man schaut auf Youtube nach, wie es geht. Dort gibt es schließlich unendlich viele Live-Mitschnitte von Lobpreiskonzerten oder Studioaufnahmen. Nur: Was man dort sieht, ist natürlich nur die Außenseite. Man kann ja nicht in die Herzen derer schauen, die da singen und spielen. Und das Gleiche gilt für die Lobpreiszeiten, die unsere Jugendlichen Woche für Woche in unserer Gemeinde erleben. Die Frage an uns als ältere Generation ist daher: Wie viel von dem, was uns wichtig und wertvoll ist, vertrauen wir der nächsten Generation an? Oder überlassen wir sie einfach sich selbst, weil wir Angst haben, zu altmodisch oder zu bestimmend zu sein? Ich habe es anders erlebt: Die Angst der jungen Leiter ist nicht, dass wir ihnen zu viel reinreden. Sondern, dass wir sie im Stich lassen. Dieses Buch möchte deshalb Werte und Erfahrungen aus der Welt der Anbetung von einer Generation an die nächste weitergeben. Erfahrungen, die wir selbst einst von anderen übernommen haben und die wir jetzt denen anvertrauen möchten, die von uns in den nächsten Jahren den Staffelstab übernehmen werden.
Gefangen im Liedblock? Eine zweite Beobachtung, die mir Sorge macht, ist folgende: In vielen eher traditionellen Gemeinden, in denen man sich zwar vorsichtig für die Anliegen von Lobpreis und Anbetung geöffnet, aber nach wie vor Angst vor zu vielen Veränderungen hat, ist mittlerweile ein „Liedblock“ im Gottesdienst die etablierte Lösung: Zwei oder drei neuere Lieder, sorgsam eingezäunt in einen fest definierten Teil des Gottesdienstes, meist irgendwo vor der Predigt, da, wo früher ein einzelnes Gemeindelied gesungen wurde. Ansonsten aber ist alles beim Alten geblieben. Gottesdienstplaner und -moderatoren haben sich inzwischen darauf eingerichtet, manchmal auch zähneknirschend damit abgefunden. Lobpreisteams haben ihre Nische zur Gestaltung
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gefunden. Und mit dieser Form wird man nun die nächsten Jahrzehnte gut leben können. Meine Frage jedoch ist: Ist damit wirklich schon das Ziel erreicht? Oder geben wir uns vielleicht zu schnell mit zu wenig zufrieden? Meine eigene Reise in die Welt der Anbetung hat mir gezeigt: Es kann nicht nur darum gehen, ein paar neue Lieder in den Gottesdienst einzuführen. Das große Ziel ist schließlich, in den Herzen und in den Köpfen ein neues Bewusstsein für die reale Gegenwart Gottes zu wecken. Zeit und Raum zu schaffen für heilige Momente, für die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Der weit verbreitete „Liederblock“ setzt aber an dieser Stelle oft ein falsches Signal: Denn er legt den Gedanken nahe, dass es am Ende doch lediglich nur darum geht, wie viele Lieder von welcher Sorte an welcher Stelle des Gottesdienstes gesungen werden, und wer sie begleitet. Es wird so wahrgenommen, als ginge es nur um Verteilungskämpfe zwischen Jung und Alt, zwischen Orgel und Band, zwischen Gottesdienstleitern und Lobpreisleitern. Der „Liederblock“ reduziert Anbetung in den Köpfen und Herzen oft auf einen weiteren Programmpunkt, der abgehakt werden muss. Darum kann es aber nicht gehen. Das kann ein erster Schritt sein, um Anbetung zu gestalten. Aber dann kommt es darauf an, weiterzugehen. Dieses Buch möchte deshalb Wege aufzeigen, wie man von einem „Liedblock“ zu einem Gottesdienst gelangt, der als Ganzes ausgelegt ist auf eine gemeinsame und lebendige Begegnung mit dem gegenwärtigen Gott.
Experten und Konsumenten Eine dritte Beobachtung, die mir Sorgen bereitet, ist, dass Anbetung mehr und mehr zu einem Bereich der Gemeinde wird, den man den „Spezialisten“ überlässt, während die Gemeinde selbst zunehmend in eine Konsumentenrolle gerät. Es kommt immer wieder vor, dass ich in eine Gemeinde eingeladen werde,
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um über das Thema Anbetung zu sprechen. Und so, als sei das völlig selbstverständlich, kommen dann oft nur die Musiker der Gemeinde zu dieser Veranstaltung. Anbetung ist für viele das, was vorne auf der Bühne passiert oder was aus dem CD-Spieler erklingt. Verständlicherweise ziehen sich Pastoren, Gottesdienstleiter und andere zunehmend frustriert aus diesem Bereich zurück, weil sie fühlen (oder gesagt bekommen), dass sie davon als Nicht-Musiker ohnehin nichts verstünden. Sie überlassen deshalb den Musikern das Feld völlig. Und diese nehmen den Ball oft dankbar auf und gestalten die Anbetung ganz nach ihren eigenen musikalischen Vorlieben und Wünschen. Die Gemeinde wird dadurch in die bereits erwähnte Konsumentenrolle gedrängt. Sie betrachtet Anbetung als ein Produkt, das entweder gefällt oder nicht, das man je nach persönlichem Bedarf oft oder selten in Gebrauch nimmt, und das man jederzeit auf einer kleinen Silberscheibe mit nach Hause nehmen kann. Aber Anbetung ist keine Expertensache. Anbetung ist Lebensäußerung der ganzen Gemeinde. Egal, ob man musikalisch ist oder nicht. Egal, ob man Gottesdienste mit vorbereitet, mit anleitet oder ob man einfach nur von seiner Kirchenbank aus mitgestaltet: Anbetung ist das, was wir alle zusammen machen. Deshalb müssen wir auch gemeinsam, als ganze Gemeinde, das Gespräch darüber suchen, wie unsere Anbetung aussieht, wo wir uns Veränderung wünschen und welche Schwerpunkte wir setzen wollen. Dieses Buch will dabei helfen, Anbetung als Aufgabe der ganzen Gemeinde wiederzuentdecken, und Gemeinden dazu anregen, gemeinsam darüber nachzudenken, wie neue Schritte in die Welt der Anbetung aussehen könnten.
Das Kreisen um uns selbst und der Blick für die Welt Viertens beschäftigt mich in letzter Zeit zunehmend die Frage, wie wir den Blick nach oben, in den Himmel, in einer guten Weise mit dem Blick nach außen, in die Welt hinein, verbinden
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können. Bedingt durch meine persönliche Biografie ist mir der Blick für die weltweite Gemeinde Christi und für die weltweite Verantwortung der Christen ein wichtiges Anliegen. Und in meiner Bibel sehe ich, dass diese Themen auch für Gott sehr wichtig sind. In der aktuellen Anbetungskultur unserer Gemeinden ist diese Perspektive aber nur sehr selten zu sehen: Im Vordergrund steht oft unsere (oder besser noch: meine) persönliche Beziehung zu Jesus, und alles andere um uns herum scheint dabei völlig ausgeblendet zu werden. Dabei hat Anbetung in der Bibel viel mit Gottes Herz für die Welt zu tun: Angefangen bei den Psalmen, die immer wieder „alle Völker“ in ihre Anbetung einbeziehen und einladen,3 bis hin in das Buch der Offenbarung, wo beschrieben wird, wie „eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen“ vor Gottes Thron steht und ihn anbetet.4 Gott macht seinem Volk immer wieder klar, dass Anbetung nicht nur aus leeren Liedern bestehen darf, sondern ganz konkret mit unserem Einsatz für die Armen und Schwachen in der Welt zu tun hat.5 In unserer christlichen Kultur aber scheinen dies zwei verschiedene Welten zu sein: Auf der einen Seite die Welt der Anbeter, bei denen die Liebe zu Jesus, topmoderne Musik, glitzernde Bühnenshows und das „Wohlfühlen in der Gegenwart Gottes“ oft im Mittelpunkt stehen. Und auf der anderen Seite die Welt der missionarisch und gesellschaftlich Engagierten, die häufig so in ihrer Arbeit und ihrem Einsatz aufgehen, dass für die Anbetung keine Zeit bleibt. Jedenfalls nicht für eine Anbetung, die oft als ich-zentriert und weltvergessen empfunden wird. Und selbst da, wo Menschen in beiden Welten zu Hause sind, bleiben diese deutlich voneinander getrennt: Es gibt nur sehr wenige Anbetungslieder, die Gottes Herz für die Welt, unseren Auftrag in 3 4 5
Psalm 47,2; 45,18; 57,10; 66,8; 67,4; 86,9; 96,7; 108,4; 117,1 und öfter. Offenbarung 7,9 Amos 5,21-24; Jesaja 58,1-12; Micha 6,6-8
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der Welt oder die Nöte der Armen und Schwachen zum Thema haben. Und die wenigen, die es gibt, werden selten gesungen. Hinzu kommt: Während Christen weltweit in den letzten Jahren zunehmend auf die Probleme der Globalisierung und die Ungerechtigkeiten des weltweiten Nord-Süd-Gefälles aufmerksam werden, hat sich die Lobpreiskultur mehr als je zuvor auf ein Monopol westlicher, US-amerikanischer und australischer Popkultur eingenordet. Stöbert man in Liederbüchern der 80er- und 90er-Jahre, dann findet man dort noch jede Menge Lobpreislieder mit afrikanischem, asiatischem oder südamerikanischem Hintergrund. Davon ist heute kaum noch etwas übrig geblieben. Wir reden zwar von der Ungerechtigkeit der Verteilung, von fairem Handel und von weltweiter Verantwortung. Wenn es um unsere Lobpreislieder geht, dann scheint das alles aber vergessen und man beobachtet fast flächendeckend eine Liedkultur des reichen weißen Westens. Wäre es nicht an der Zeit, dass wir im Westen auch an dieser Stelle demütiger werden und beginnen, den Reichtum unserer Geschwister aus anderen Teilen der Welt neu schätzen zu lernen? Ich würde mir wünschen, dass es uns in den nächsten Jahren gelingt, diese beiden Welten wieder mehr zusammenzuführen: Die Welt der Anbetung und die Welt des missionarischen und gesellschaftlichen Engagements. In beiden Bereichen hat es im letzten Jahrzehnt große Aufbrüche und Umbrüche gegeben. Aber es ist noch nicht gelungen, diese beiden Stränge des Wirkens Gottes in einer guten Weise zusammenzuführen. Für Gott aber gehört beides untrennbar zusammen: Die Einladung zur Anbetung ist Gottes große Mission. Und Mission ist die Einladung zur Anbetung des großen Gottes.
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Ermutigung zum Dienst Es gibt manches, was mir Sorge bereitet, wenn ich in die gegenwärtige Welt der Anbetung blicke. Und es gibt manchen Bereich, in dem ich mir einen Kurswechsel wünsche. Aber neben all dem sehe ich auch vieles, was mich ermutigt: Vor allem sind das die vielen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Lobpreisleiterinnen und Lobpreisleiter, die in unzähligen Gemeinden Woche für Woche treu und begeistert ihren Dienst tun. Nicht auf den großen Bühnen und auch nicht unbedingt im Musikstudio, sondern in den vielen Gemeindehäusern und Kirchen überall im Land. Manchmal auf hohem musikalischen Niveau, manchmal auch noch ganz in den Kinderschuhen. Manchmal in topaktuellem Bandsound, manchmal auch mit Blockflöte und Wandergitarre. Kinder und Teenager, die ihre musikalischen Gaben früh entdecken und einbringen. Und sangesfreudige Senioren, die noch nicht bereit sind, sich zum alten Eisen abschieben zu lassen. Gottesdienstleiter, die sich nicht nur als Bürokraten der Planung verstehen, sondern als Leiter und Wegbereiter der Anbetung. Es sind die ganz normalen Leute, die Woche für Woche im Dienst der Anbetung und Anbetungsleitung stehen. Sie begeistern mich und machen mir Hoffnung. Für sie schreibe ich dieses Buch. Ich möchte sie ermutigen, auf ihrem Weg bestärken, aber auch herausfordern und voranbringen. Ich möchte Fragen ansprechen, die ihnen in ihrem Alltag begegnen, aber auch Fragen, die sie sich bisher vielleicht noch nicht gestellt haben. Ich möchte sie mitnehmen auf eine Entdeckungsreise. Sie einladen, die Welt der Anbetung noch mehr, noch besser, noch weiter und noch tiefer kennenzulernen. Und gemeinsam mit ihnen erleben, wie in unseren Kirchen und Gemeinden eine Kultur der Anbetung entsteht und wächst, die an das Gute der Vergangenheit anknüpft, sich aber auch ausstreckt nach dem Guten, das Gott in der Zukunft für uns bereithält.
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1 Von der Enge in die Weite:
Die Vielfalt der Anbetung Die erste Herausforderung für Gemeinden und Anbetungsleiter besteht darin, dass wir unsere Vorstellung von dem, was „Anbetung“ eigentlich ist, erweitern müssen. Zu oft bleiben wir bei dem stehen, was wir kennen. Was wir gesehen und erlebt haben und was uns vertraut ist. Und dann versuchen wir, das möglichst gut oder sogar perfekt nachzumachen. Oder aber wir wenden uns enttäuscht und gelangweilt von dem ab, was wir als „Anbetung“ kennen, weil es uns zu gewöhnlich und zu vertraut erscheint. Aber was wäre, wenn das, was wir kennen, noch gar nicht alles ist? Was wäre, wenn unser Bild von „Anbetung“ noch viel zu begrenzt und eingeschränkt ist? Wenn da noch vieles hinter dem Horizont läge, was wir bisher nicht entdeckt haben? Und wenn die Abneigung oder auch Langeweile und Ermüdung, die sich bei manchen eingestellt hat, wenn es um das Thema „Anbetung“ geht, in Wirklichkeit daher kommt, dass wir noch gar nicht richtig angefangen haben, das unbekannte Land der Anbetung zu entdecken? In diesem ersten Kapitel möchte ich einige Missverständnisse ansprechen, die mir oft begegnen, wenn es um das Thema
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Anbetung geht. Missverständnisse, die sich bei Fans und Kritikern in gleicher Weise finden. Missverständnisse, die unseren Blick oft unnötig einengen. Und ich möchte versuchen, den Blick zu öffnen für ein weiteres, vielfältigeres und ganzheitlicheres Verständnis von Anbetung.
Anbetung – mehr als „Lieder singen“? Ein erstes Missverständnis, das mir oft begegnet, könnte man so zusammenfassen: Anbetung ist, wenn man Lieder singt. Oder etwas genauer: Anbetung ist, wenn man eine bestimmte Sorte von Liedern singt. Also zum Beispiel Lieder auf einer Leinwand statt aus einem Liederbuch. Lieder mit Band statt Lieder zur Orgel. Oder Popmusik statt Choral. Dieses Missverständnis findet sich bei den Anbetungsfans ebenso wie bei den Anbetungsskeptikern. Die Fans sagen: „Wir machen jetzt in unserer Gemeinde endlich auch mehr Lobpreis!“, und sie meinen damit: Wir singen jetzt andere Lieder als früher. Auf Freizeiten und Konferenzen hört man am Rande immer öfter die Frage: „Wer hat Lust, heute Abend noch ein bisschen Lobpreis zu machen?“, und gemeint ist eine spontane Versammlung am Lagerfeuer mit möglichst vielen Gitarren und Liederbüchern und ganz viel Singen. Menschen entdecken Lieder als einen Weg zu Gott, der ihnen mehr liegt als Predigten, Gebete oder das Bibellesen. Und sie sind begeistert. Die Kritiker dagegen stehen daneben und klagen: „Warum müssen wir heute denn immer fünf Lieder singen, wo früher eines reichte? Und dann so viele, die ich nicht kenne? Noch dazu mit Musik, die für mich zu modern und für die meisten Menschen meiner Nachbarschaft nicht modern genug ist? Waren denn die Lieder, die wir früher gesungen haben, keine Anbetung? Und was mache ich, wenn ich kein musikalischer Mensch
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bin oder wenn die Musik, die ich am Sonntag im Gottesdienst höre, nicht meinem Geschmack entspricht? Ist dann Anbetung nichts für mich?“
Eine richtige Einsicht Die Wahrheit ist: Beide, die Fans wie die Kritiker, haben oft ein viel zu enges Bild von dem, was Anbetung ist. Wenn wir Anbetung mit Liedersingen verwechseln, dann haben wir erst angefangen zu verstehen, worum es eigentlich geht. Und es lohnt sich, weiterzudenken. Aber fangen wir einmal mit dem Positiven an: Richtig ist, dass Anbetung in der Tat sehr viel mit Liedern zu tun hat. Und das nicht nur in unseren heutigen Gemeinden und Kirchen, sondern das war auch in der Bibel schon so. Wo immer Menschen anfangen, Gott gemeinsam zu loben und anzubeten, ist Musik nicht weit entfernt: Angefangen beim Auszug aus Ägypten (2. Mose 15) über die Gottesdienste im Tempel von Jerusalem (2. Chronik 5,11-14), das letzte Abendmahl Jesu (Matthäus 26,30), die urchristlichen Gemeinden (1. Korinther 14,15) bis hin in die himmlischen Szenen der Offenbarung (15,3). Allein die Zahlen der Musiker im Tempel von Jerusalem sind beeindruckend: `` 4000 Musiker (1. Chronik 23,5) `` 288 Sänger, „allesamt Meister“ (1. Chronik 25,7) `` 120 Priester in der Bläsersektion (2. Chronik 5,12) Man kann also wohl kaum sagen, dass Lieder und Musik für die Anbetung unwichtig seien. Im Gegenteil: Sie sind vermutlich die wichtigste Ausdrucksform der Anbetung, in der Bibel und durch die Geschichte bis heute.
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Musik als Sprache des Herzens Anbetung ist also zwar nicht dasselbe wie Liedersingen, aber Lieder sind eine wichtige, vielleicht die wichtigste Ausdrucksform der Anbetung. Sie sind die Sprache, in die wir unsere Anbetung kleiden. Und das ist eine wichtige Einsicht. Musik in der Anbetung war Gottes eigene Idee und nicht einfach eine zufällige Entscheidung von Menschen. Gott sagte seinem Volk, noch während es auf dem Weg ins gelobte Land war: „Wenn ihr fröhlich seid an euren Festen und an euren Neumonden, sollt ihr mit den Trompeten blasen.“ (4. Mose 10,10) Warum ist das so? Warum ist Musik so zentral und wichtig für unsere Gottesbegegnung? Wenn ich diese Frage in Gemeinden stelle, dann kommen immer wieder dieselben Erfahrungen zur Sprache, die Menschen aller Altersgruppen und Kulturen gemeinsam ist. Ich formuliere sie hier einmal mit Worten eines der wohl größten Musiker unserer Zeit, des Violinisten Yehudi Menuhin (1916–1999)6: Das Singen ist die eigentliche Muttersprache aller Menschen: denn sie ist die natürlichste und einfachste Weise, in der wir ungeteilt da sind und uns ganz mitteilen können – mit all unseren Erfahrungen, Empfindungen und Hoffnungen. Das Singen ist zuerst der innere Tanz des Atems, der Seele, aber es kann auch unsere Körper aus jeglicher Erstarrung ins Tanzen befreien und uns den Rhythmus des Lebens lehren. Das Singen entfaltet sich in dem Maße, wie es aus dem Lauschen, dem achtsamen Hören erwächst. 6
Auszüge aus einem Text, den Yehudi Menuhin als Schirmherr der Initiative „Il Canto del Mondo“ verfasste, einer Bewegung, die sich der Förderung einer „Alltagskultur des Singens“ widmet (www.il-canto-del-mondo.de).
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Singend können wir uns darin verfeinern, unsere Mitmenschen und unsere Mitwelt zu erhören. Immer geht uns der Gesang eines Menschen unmittelbar an, wächst ein Verstehen, Teilhaben und Begreifen über alle Begriffe hinaus. Das ist meines Erachtens nur möglich, weil im Singen sich das menschliche Doppelwesen offenbart: Singen gehört fraglos zur Natur des Menschen, so daß es gleichsam keine menschliche Kultur gibt, in der nicht gesungen würde. In einer Zeit, in der die natürlichen und geistig-seelischen Vermögen der Menschen immer mehr zu verkümmern scheinen, so daß möglicherweise unsere Zukunft überhaupt bedroht ist, brauchen wir notwendig alle nur möglichen Quellen der Besinnung, die uns offen stehen. Singen birgt nun unvergleichlich das noch schlummernde Potential in sich, wirklich eine Universalsprache aller Menschen werden zu können. Es sind vor allem drei Aspekte der Musik, die Menschen in meinen Seminaren immer wieder zur Sprache bringen: die Ganzheitlichkeit, die Gemeinschaftlichkeit und die Kreativität.
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