Skip to main content

331469

Page 1

Ludwig Harms und seine Weihnachtspredigt

Es mag ein wenig seltsam erscheinen, dass ich am Anfang meines Weihnachtsbuches das Leben des Erweckungspredigers aus der Lüneburger Heide vorstelle. Es hat jedoch seinen Grund. Eine seiner Predigten, die er in einem Weihnachtsgottesdienst hielt, ist mir unter die Haut gegangen, als ich sie vor einiger Zeit las, und aus diesem Grunde werde ich auf sie eingehen. Sie ist einzigartig. Ludwig Harms wurde am 5. Mai 1808 in Walsrode geboren. In seinem Leben erfüllte sich das Wort Jesu: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Die Gegend um Hermannsburg erlebte eine Erweckung, wie sie in Deutschland einmalig ist. Zunächst öffnete sich seine Gemeinde dem Einfluss seiner Predigten. Fast ein ganzes Dorf wurde bereit, sich in die Nachfolge Jesu rufen zu lassen. Aber nicht nur seine Gemeindeglieder glaubten an den lebendigen Gott, es kamen auch Tausende Menschen aus der 7


Umgebung, um an seinen Gottesdiensten teilzunehmen. Unter seiner Verkündigung wurde den Zuhörern das Herz aufgetan. Sie erkannten ihre Sündhaftigkeit und taten Buße. So wurden sie in die Nachfolge Jesu hineingezogen. Einige folgten auch dem Ruf Gottes zum Missionsdienst. Sie gingen nach Afrika, um auch dort das wertvolle Gotteswort zu verkündigen. Bis in unsere Tage ist Hermannsburg eine Stätte der Mission. Auch unsere Familie hat einen Bezug zu diesem Werk gewonnen. Bevor unsere Kinder nach bestandenem Abitur zum Studium an die Universität gingen, haben drei von ihnen dort ein Seminar besucht. Auch meine Schwester und mein Schwager gehörten zu den Bibelschülern. So haben sie, unter Anleitung hervorragender Theologen, das Predigen gelernt. Heute verkündigen sie selbst das Wort Gottes. Aber was war so bedeutsam im Leben von Ludwig Harms, dass sein Wirken solch weite Kreise zog? Zweierlei hat ihm in seinem Dienst Vollmacht und Ausstrahlung gegeben. Er war ein Mann, der das Wort Gottes liebte, und er war ein Beter. Aufgewachsen ist er in einem Pfarrhaus. Aber zunächst konn8


te die Bibel in ihm keine Durchschlagskraft entfalten. Auch sein Studium der Theologie ließ sein Innerstes unberührt. Doch er war sehr fleißig und so studierte er Latein, Griechisch, Hebräisch, Syrisch, Sanskrit, Italienisch und Spanisch. Er war ein ausgesprochenes Sprachgenie. Ihn interessierten aber auch Philosophie, Mathematik, Physik und andere naturwissenschaftliche Fächer. Sein Wissensdurst war immens. Und doch konnte er durch alles Lernen nicht zum Frieden mit Gott finden. Die Theologie befriedigte ihn nicht. So kam er eines Tages für die Ferien nach Hause und erklärte seinem Vater, dass er kein Pastor werden wollte, da er nicht an Gott und an die Bibel glauben könne. Es folgte ein längeres Gespräch zwischen den beiden und der Vater ermahnte seinen Sohn: „Mach deine Vernunft nicht zum Meister der Heiligen Schrift! Lass dich nicht irreleiten und entsage nicht dem Predigtamt.“ Daraufhin beschäftigte sich Ludwig Harms intensiv mit dem Johannesevangelium. Ein Wort bewirkte seine Umkehr zu Christus: „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erken9


nen.“ Gottes Geist bewirkte in ihm Reue und Buße und er erlebte seine Hinwendung zu Christus. Tiefer Friede und die Freude an Jesus erfüllten nun sein Herz. Mit Eifer war er dabei, in seiner Gemeinde die Menschen unter das Kreuz Jesu Christi zu rufen. Sein Einsatz aber erregte Ärgernis bei anderen Theologen, und erst mit 36 Jahren wurde er ordiniert. Seine Predigten wurden gedruckt und in 14 Bänden erfuhren sie eine weite Verbreitung. Ludwig Harms’ große Vollmacht aber lag in seinem Beten. Er begann den Tag mit einem morgendlichen Gebet und abends beendete er den Tag wieder mit Gebet. Bei jeder Mahlzeit war es ihm wichtig, Gott für sein Essen zu danken. Er betete vor jedem seelsorgerlichen Gespräch, das er führte. Auch vor jeder Predigt in seiner Kirche betete er mit seiner ganzen Gemeinde auf den Knien. Sein Rufen zu Gott war von der Gewissheit getragen: „Der Herr wird mich hören.“ Wie oft kam er in Schwierigkeiten, wenn seine Missionskassen leer waren. Dann lag er vor Gott und rief ihn um Hilfe an. Ihm war es zur Gewissheit geworden, dass Gott ihn nicht enttäuschen würde. Besonders erleb10


te er auch wunderbare Krankenheilungen nach Jakobus 5 in der Bibel. Als Pfarrer in Hermannsburg gründete er einen Missionsverein und später die Hermannsburger Mission. Bauern und Handwerker fühlten sich zu diesem Dienst berufen und gründeten in Südafrika christliche Gemeinden. Als er am 14. November 1865 starb, trauerten viele Christen in Hermannsburg. Aber die Arbeit im Reich Gottes hat sich bis in unsere Tage fortgesetzt und hinterlässt auch heute ihre Spuren.

11


Ein neues Weihnachten in Russland

Es gibt kaum ein Volk, das so sehr unter dem Kommunismus zu leiden hatte wie die Wolgadeutschen in Russland. Dreimal brach über sie eine Woge der Bedrohung herein. 1929 wurden von der russischen Regierung mit dem Fünfjahresplan die Zwangskollektivierung und der Kampf gegen alles Christliche durchgesetzt. Pfarrer, Theologiestudenten, gläubige Lehrer und Bauern wurden verhaftet. Besonders gefährdet waren die Menschen, die die deutsche Sprache sprechen konnten. Sie wurden bis nach Sibirien verfrachtet oder auf der Stelle erschossen. Alle Kirchen wurden beschlagnahmt und als Getreidespeicher, Kinos, Tanzsäle, Benzinlager oder Clubs zweckentfremdet. Es war nur den starken Protesten vieler europäischer Staaten zu verdanken, dass dieser Terror gestoppt wurde. Eine zweite Verfolgungswelle überrollte die Russlanddeutschen 194l/42. Über 350.000 Menschen mussten ihre Heimat 12


verlassen. Auch sie landeten in Sibirien. Die russische Regierung hatte Angst, dass sich die Wolgadeutschen dem Vormarsch der Deutschen anschließen würden und der sowjetischen Armee so in den Rücken fallen könnten. Als 1945 die russischen Truppen die deutschen Grenzen überschritten, setzte die dritte Verfolgungswelle gegen die Russlanddeutschen ein. Sie waren zunächst bei dem Vormarsch der deutschen Armee von Adolf Hitler umquartiert und im Warthegau angesiedelt worden. Aber nur 51.000 Menschen war es geschenkt, in Deutschland zu bleiben. Die anderen wurden in Waggons gesteckt und wieder bis nach Sibirien gebracht. Stalin hat diese Wolgadeutschen oder auch Schwarzmeerdeutschen, wie sie genannt wurden, schrecklich terrorisiert. Es durften keine öffentlichen Gottesdienste gefeiert werden. Die Glockentürme der Kirchen wurden entfernt und sogar auf den Friedhöfen schändete man die Kreuze oder andere christliche Symbole. Aber der Glaube an Jesus Christus konnte nicht ausgerottet werden, sosehr die Wolgadeutschen auch verfolgt wurden. 13


Pfarrer Heinrich Römmich kam mit den deutschen Truppen in das Gebiet der Wolga. Sein Bericht über die Lage dort ist erschütternd. Er schreibt: „Ich habe hier keinen einzigen evangelischen oder katholischen Geistlichen vorfinden können, sosehr ich mich auch darum bemühte. Öffentliche Gottesdienste waren schon lange überhaupt nicht mehr möglich. Alle Kirchen waren vom Staat konfisziert worden. Schrecklich sahen die einst so schmucken Gotteshäuser aus. Auch hier waren die Türme wieder entfernt und die Glocken weggebracht worden. Die Uhren hatte man ausgebaut und an staatlichen Gebäuden angebracht. Auch wenn den Christen großes Leid zugefügt worden war, konnte ihr Glaube an Jesus nicht ausgelöscht werden. Als die deutschen Truppen im Gebiet der Wolga einmarschierten, wurden die Kirchen wieder in die Obhut der Gläubigen zurückgegeben. Die Gemeinden sammelten sich in großer Zahl zum Gottesdienst. Als die Choräle angestimmt wurden, waren die Menschen tief ergriffen. Viele konnten ihre Tränen nicht zurückhalten, weil sie nun erlebten: Wir sind von Gott nicht vergessen worden. Ehe14


paare ließen sich wieder kirchlich trauen und ihre Kinder taufen und konfirmieren.“ Auch der Wehrmachtspfarrer Gottfried Scholkmann, der 1944 gefallen ist, schrieb in einem Brief an seine Frau Ähnliches und wählte dazu die Überschrift „Urchristliches an Weihnachten 1941“. Er war in ein kleines Dorf gelangt, das ganz versteckt im Donezgebiet lag. Er berichtete: „Ich habe schon viele ukrainische und russische Dörfer gesehen, aber nirgends war mir solche Armut begegnet. Da wuselten kleine Kinder, Katzen, heranwachsende Jungen und Mädchen, um alte Menschen herum. In großer Zahl huschten Mäuse in den Wohnungen umher. Eimer, Tröge und andere Geräte standen herum, aber ich sah kein einziges Möbelstück, keinen Schrank, keinen Tisch, keine Wiege und kein Bett. Die Kinder und Frauen liefen barfuß und in schmutzigen Kleidern herum. Die Säuglinge waren in Lumpen gewickelt, und überall war ein übler Gestank wahrzunehmen. Aber dann begrüßte mich eine Frau überaus freundlich: ,Kummt, setzt eich! Was hammer aber for ein Freid noch zur Nacht.‘ Dann erzählte die Frau in ihrem Dialekt: ‚Von Weihnachten ab hove mer kaum 15


Brod gehoot – im Frihling gar kaas mej, nie, in keim Johr. Viele sind jedes Johr verhungert ... Der Vadder hat sich morschens noch uffgemacht. Aber er war schon geschwulln. Bei Philipps Haus ist er zusammegesunka und war schnell dot.‘ Pfarrer Scholkmann unterbrach die Frau. Er wollte gern wissen, was aus ihrem Pfarrer geworden war. Die Gläubigen sprachen von ihm wie von einem Heiligen. Er sei von den Kommunisten festgenommen und eingekerkert worden. Wer seine junge Frau aufnehmen und seine Kinder mit Lebensmitteln versorgen wollte, der musste mit dem Tod rechnen. Er hätte auf der Stelle erschossen werden können. Sieben Wochen lang sahen die Dorfbewohner die Pfarrfrau, wie sie durch die Ackerfurchen schwankte und ihre Kinder in etwas Stroh unter dem Himmel bettete. Das Kleinste überlebte diese Strapaze nicht und starb vor den Augen der Mutter. Sie grub ihrem Sohn ein Gräblein auf dem Acker. Danach wich das Leben auch aus ihr. Der Hunger hatte sie total elend werden lassen. Ein Bauer brachte dann das andere nun verwaiste Knäblein zu Verwandten des Pfarrers. Als er aber wieder ins Dorf zurückkehrte, wurde er inhaftiert 16


und kam in ein Straflager. Die Gläubigen berichteten weiter: ‚Ach, das Allerschlimmste is: Mir hove schon 18 Johr kaan Weihnacht mehr gefeiert. Und niemand hat mehr e Biwel und e Gesangbuch. Und kaaner von de deitsche Soldaten, wo mir gefrocht han, is Pastor. Ach, wenn mer doch Weihnachte en Pastor bekomme däte!‘“ Bei diesem Satz flog ein leichtes Lächeln über das Gesicht des Pastors. „Es ist ja einer da.“ Vor Freuden fingen die Christen an zu weinen, und einer von ihnen lief noch in der Nacht zu dem alten Lehrer Philipp Stumpf. Er war 90 Jahre alt und stand in diesem Dorf wie ein Fels in der Brandung. Trotz aller Widrigkeiten hatte er daran festgehalten und nicht gezweifelt, dass der Gottesglaube nicht untergehen würde. Bald würde die Befreiung von den „Roten“ kommen. Dann wurde von ihnen allen angestimmt: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Welt ging verloren, Christ ist geboren. Freue dich, o Christenheit!

17


O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Christ ist erschienen, uns zu versühnen. Freue, freue dich, o Christenheit. O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre. Freue, freue dich, o Christenheit. Die Menschen ähnelten den Hirten aus der Weihnachtsgeschichte. Am Ende sprach ein alter Mann ganz laut: ‚Herr Pastor! Da stehen die Kinner, die aal gedaaft werde wolle. Und ihr müsst wieder kumme, e ganze Woch, zu daafe, zu preedische und ’s Nachtmahl zu halte.‘

18


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
331469 by Fontis-Shop - Issuu