I. Der Lebenslauf ... zu befehlen, wozu ich geschickt sein soll Im Oktober 1787 schreibt der Dichter Matthias Claudius, 47 Jahre alt, dessen Wohnort Wandsbeck damals auf dänischem Herrschaftsgebiet liegt, einen Brief an den Kronprinzen und Mitregenten von Dänemark, der ihn bei früherer Gelegenheit seines Wohlwollens versichert hatte. Claudius erklärt einleitend, er habe sich „bisher von meiner Hände Arbeit genährt und mich nicht übel dabei befunden“; Erziehung und Unterricht seiner (damals) acht Kinder ließen dafür jedoch immer weniger Zeit, und so wünsche er nun irgend eine Stelle in des Königs Lande und, wenn es sein könnte, im lieben Holstein. Gnädiger Prinz, ich bitte nicht um eine sehr einträgliche Stelle, sondern nur um eine, die mich nährt, und um so eine bitte ich mit aller Unbefangenheit eines Mannes, der Willens ist, das Brot, das ihm der König gibt, zu verdienen. Wenn es mir auch erlaubt sein würde, so wüßte ich nicht zu sagen, wozu ich eigentlich geschickt bin, und ich muß Ew. Königl. Hoheit untertänig bitten, daß Sie gnädigst geruhen, ein Machtwort zu sprechen und zu befehlen, wozu ich geschickt sein soll. Ich ersterbe mit den Gesinnungen eines getreuen Untertan / Ew. Königl. Hoheit / untertäniger Matthias Claudius (BrI 360f.).* * Zur Form der Belegnachweise und zu dabei verwendeten Abkürzungen siehe unten S. 99.
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Mit Witz versucht Claudius eine arge Verlegenheit seines Bittgesuchs auszubügeln: Er kann nichts vorweisen, was ihn für eine Anstellung besonders empfiehlt, er hat keinen akademischen Grad von der Universität und keinen förmlich gelernten Beruf, und das mit 47 Jahren! Freier Schriftsteller könnte er sich nennen, das war damals noch eine Seltenheit; aber gerade weil dieser „Beruf“ ihn und seine Familie nicht ernähren kann, hat er ja ein solches Bittgesuch nötig. Übrigens hilft der dänische Kronprinz: 1788 wird Claudius Bankrevisor in Altona bei festem Gehalt. Diese materielle Existenzgrundlage lässt ihm genügend Muße, denn nur für einige Tage im Jahr muss er jeweils zur Kassenprüfung nach Altona reisen. Bis 1788 war Claudius auf diversen Posten tätig gewesen und auch berühmt geworden, aber nicht erfolgreich im üblichen Sinn.
Anfangs schwankend, ziellos Matthias Claudius wird am 15. August 1740 in Reinfeld, einem Ort westlich von Lübeck, als vierter Sohn des dortigen Pastors geboren. Zunächst vom Vater unterrichtet, verlässt er bereits mit 14 oder 15 Jahren das Elternhaus und besucht im nahen Plön die Lateinschule. Von 1759 an studiert er gemeinsam mit seinem Bruder Josias (der in dieser Zeit stirbt) in Jena kurz Theologie, dann aber Wirtschafts- und Staatswissenschaften. Über die Gründe des Wechsels gibt es bloß Vermutungen, er selbst hat sich nie dazu geäußert. Das zweite Studium beendet er im damals üblichen Zeitrahmen ohne Examen, denn „für die Mehrzahl der Studierenden war ein Universitätsbesuch ohne Graduierung die Regel“.1 Mit einigem brauchbaren Wissen, aber ohne Berufsaussicht kehrt Claudius 1762 für zwei Jahre zu den Eltern zurück. Brieflich erwägt er zuweilen Tätigkeiten wie Sekretär, Hauslehrer oder Berg8
werksangestellter in Norwegen,2 ernsthaft scheint er sich freilich nicht zu bemühen. Stattdessen veröffentlicht er 1763 sein erstes Büchlein „Tändeleyen und Erzählungen“, von dem die Literaturkritiker gleich damals nichts halten und das bis heute in Schriften über Claudius geringschätzig abgetan wird. Immerhin erfährt das Erstlingswerk im Jahr darauf noch eine zweite Auflage. Da liest man z. B.:
Die süssen Lippen der Mädchen Vor der Geburt des Amors wußte man nichts von Küssen, und der liebende Jüngling kannte die unaussprechliche Wollust nicht, die ich empfinde, wenn ich meine Lippen sanft auf die Lippen meiner Chloe drücke. Die Mädchenlippen waren schön, doch waren sie nicht süß, Bis Venus Göttertrank auf sie durch Amors träufeln ließ. Als Amor geboren wurde, hielten die Götter ein Fest, und waren alle so vergnügt, als sie noch nie gewesen waren. (…) (C 707) Und so weiter. Oder:
Der arme Mann In einem kleinen Dorfe wohnte Ein alter armer frommer Mann, Der nichts durch Arbeit mehr gewann, Und den Gott itzt dadurch für seine Redlichkeit belohnte, Daß alle Bauern, die ihn sahn, Des Alten Not und Armut fühlten, Und ihn mit Freuden unterhielten. (...) (C 715) 9
Auch das ist Claudius, aber es ist noch nicht der uns vertraute Claudiuston, den man von den ersten dichterischen Versuchen des Dreiundzwanzigjährigen auch nicht unbedingt erwarten sollte. Wenn er Amor sein Spiel zwischen empfindsamen Mädchen und Jünglingen in lieblicher Landschaft treiben lässt, folgt er einer literarischen Mode jener Jahre, der Anakreontik. Er bringt sie aus den literarischen Kreisen Jenas mit, denen er sich seinerzeit als Mitglied der „Teutschen Gesellschaft“ angeschlossen hatte. In anderen Gedichten klingen spätere Themen immerhin schon an: edle Gesinnung, ein frommer Heide, Todesgedenken und dergleichen mehr. Nur die dichterische Gestaltung ist noch unpersönlich, sozusagen Konfektionsware. Dann findet sich doch eine Anstellung für Claudius. Vermutlich auf Vermittlung eines Onkels hin reist er im März 1764 nach Kopenhagen, damals ein Zentrum norddeutscher Kultur. Dort wird er Privatsekretär eines Grafen Holstein, empfängt geistige und speziell literarische Anregungen und lernt vor allem den berühmten Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock kennen, mit dem er auch später in guter Verbindung bleibt. Claudius hat gesellschaftlichen Umgang und könnte bei etwas mehr Ehrgeiz Staatsbeamter werden, aber weil jener Graf seinen Dienst schon nach knapp anderthalb Jahren quittiert und Kopenhagen verlässt,3 kehrt auch Claudius erneut ins elterliche Reinfelder Pfarrhaus zurück. Über die folgende Zeit schreibt ein Biograph: „Die drei Jahre in Reinfeld von 1765 bis 1768 bilden den ,weißen Fleck‘ in der Claudius-Biographie, Zeit ohne äußere Ereignisse (...); wir wissen nichts von den Sorgen, die der Vater sich gemacht haben mag, wenn er den Sohn im Alter zwischen fünfundzwanzig und achtundzwanzig zu Hause sitzen sah, einer Zeit, da ein junger Mann Existenz und Familie begründet.“4 Ein paar Briefe und ganz wenige Gedichte sind uns aus die10
sem Zeitraum bekannt, in dem Claudius aber wohl zu sich selbst findet. Vermutlich hat er viel musiziert. Damals, so berichtet sein Freund Sprickmann, hätte Claudius in Lübeck eine Organistenstelle bekommen können und habe nur der Form halber vorspielen sollen, dann aber seinen Mitbewerber spielen gehört und daraufhin seinen Verzicht auf die Stelle erklärt – der andere verdiene sie mehr als er.5 Das ist schon „typisch Claudius“, dickschädelig ehrlich, wie auch bei einem anderen Vorfall: Da schickt er 1781 dem Herausgeber einer Auswahl seiner Gedichte, August Hermann Niemeyer, das Honorar zurück, obwohl der Autor das Geld gut gebrauchen könnte – bloß weil der Abdruck ohne sein Wissen erfolgt ist und er sein Publikum durch die Art der Auswahl getäuscht sieht (BrI 312f.).
In Hamburg nicht nur Nachrichtenschreiber Aber kehren wir ins Jahr 1768 zurück: Da entschließt Matthias Claudius sich endlich doch, auf eigenen Füßen zu stehen. Er zieht nach Hamburg, hofft vergeblich auf bezahlte Übersetzerarbeiten. Stattdessen vermittelt Klopstock ihn als Redakteur bei dürftiger Bezahlung an die „Adreß-Comptoir-Nachrichten“. Diese Zeitung ist nicht für die gebildete Welt gedacht, sondern sorgt „zweimal die Woche für Informationen über Handel, Schiffahrt, Börse, lokale Neuigkeiten und für bescheidene Unterhaltung“. Claudius hat dabei zunächst „das Nachrichtenmaterial zu sammeln, zu ordnen und zum Druck zu befördern“, später betreut er den „geringe(n) literarische(n) Winkel“.6 Aber indem er die nüchternen Meldungen zuweilen geistreich aufmöbelt, auch selbständige Betrachtungen und Gedichte beisteuert, beginnt er hier seinen eigenen unverwechselbaren Stil auszubilden. 11
„So verirrt sich Matthias in einen Beruf“, meint sein Biograph Urban Roedl.7 Man kann es so ausdrücken, bedenkt man den Mangel an Ausdauer und seine Anpassungsprobleme, die Claudius in dieser wie in späteren Anstellungen scheitern lassen. Hingegen ist der positive Einfluss, den die Zeitungsarbeiten hier wie anschließend beim „Wandsbecker Bothen“ auf den Charakter der Claudius’schen Schriftstellerei insgesamt haben, völlig verkannt, wenn man jene Jahre als „Frondienste auf der Redaktion“ einstuft und von dem Claudius „wesensfremden Journalismus“ spricht.8 Im Gegenteil scheint Claudius Spaß an seiner Arbeit für die „Adreß-Comptoir-Nachrichten“ zu haben, und verkleidet als Londoner Korrespondent (Beitrag vom 16.1.1769, C 736) skizziert er launig, was ihm gewiss selber vorschwebt: Ich schreibe auch nicht bloß die Nachrichten so hin, sondern tue gemeiniglich etwas von meinem Eigenen hinzu, eine Exklamation [erstaunter Ausruf ] oder Lügenstrafung, oder was Satirisches, und sonst noch allerlei, und ich habe eine besondere Gabe, die Semikolons anzubringen. Seine eigenen unterhaltsam aufklärenden Betrachtungen handeln z. B. vom menschlichen Herzen, von Planetenbewegungen, vom Aussterben der Tugend (in Form einer „Grabschrift“, eines Nachrufs) oder von Theateraufführungen. Die oben genannten Stilmittel begegnen auch hier, und Claudius erfindet sich hier schon Briefpartner. Mit diesem Trick soll sich der Leser gleichsam ins Gespräch einbezogen fühlen – eine für sein späteres Werk ganz wichtige Darstellungsform. Und wie schon erwähnt bietet Claudius in dieser Zeitung hin und wieder Gedichte an. Eines scheint ganz unmittelbar jenen innigen Familiensinn zu bezeugen, für den Claudius auch berühmt geworden ist – obwohl er damals noch 12
gar keine Familie hatte! Also in so fremder Umgebung von Nachrichten aus Wirtschaft und Politik findet sich ungeniert ausgiebig und zärtlich
Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen So schlafe nun du Kleine! Was weinest du? Sanft ist im Mondenscheine, Und süß die Ruh. Auch kommt der Schlaf geschwinder, Und sonder Müh: Der Mond freut sich der Kinder, Und liebet sie. Er liebt zwar auch die Knaben, Doch Mädchen mehr, Gießt freundlich schöne Gaben Von oben her Auf sie aus, wenn sie saugen, Recht wunderbar; Schenkt ihnen blaue Augen Und blondes Haar. Alt ist er wie ein Rabe, Sieht manches Land; Mein Vater hat als Knabe Ihn schon gekannt. Und bald nach ihren Wochen Hat Mutter mal Mit ihm von mir gesprochen: Sie saß im Tal
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In einer Abendstunde, Den Busen bloß, Ich lag mit offnem Munde In ihrem Schoß. Sie sah mich an, für Freude Ein Tränchen lief, Der Mond beschien uns beide, Ich lag und schlief; Da sprach sie! „Mond, oh, scheine, Ich hab sie lieb, Schein Glück für meine Kleine!“ Ihr Auge blieb Noch lang am Monde kleben, Und flehte mehr. Der Mond fing an zu beben, Als hörte er. Und denkt nun immer wieder An diesen Blick, Und scheint von hoch hernieder Mir lauter Glück. Er schien mir unterm Kranze Ins Brautgesicht, Und bei dem Ehrentanze; Du warst noch nicht. (C 75-77) Nach anfänglicher Zurückgezogenheit nimmt Claudius mehr und mehr am gesellschaftlich-geistigen Leben Hamburgs teil und lernt so bedeutende Menschen wie die Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing und Johann Gottfried Herder oder den Komponisten Carl Philipp Emanuel Bach kennen. Beruflich hat Claudius allerdings nach zweieinviertel Jahren erneut Probleme. Spannungen, deren konkrete Ursachen wir wieder 14
nicht wissen,9 führen zum Bruch mit dem Eigentümer der Zeitung. Zur gleichen Zeit (Oktober 1770) ist ihm allerdings schon die Redakteursstelle bei einer neu gegründeten Zeitung in Wandsbeck, einem Dorf vor den Toren Hamburgs, zugesichert. Obwohl auch diese Anstellung nur fünf Jahre dauern und abermals nicht gütlich enden wird, hat sie für Claudius lebenslange Folgen. Unter anderem findet er dort seine Frau fürs Leben, die er im März 1772 heiratet: Rebecca Behn, eines Zimmermanns und Gastwirts Tochter. Auch bei seiner Hochzeit zeigt Claudius übrigens eine Neigung zum „Absonderliche(n)“,10 denn die Trauung findet mit königlicher Sondererlaubnis ohne öffentliches Aufgebot vor Rebeccas Eltern und völlig überraschten, auf den Abend ahnungslos erscheinenden Freunden zu Hause durch den Ortspfarrer statt.
Zum Wandsbecker Boten berufen In Wandsbeck schlägt Matthias Claudius Wurzeln, und von Wandsbeck an erscheint er uns vertrauter als in den davorliegenden Lebensphasen. „Der Wandsbecker Bothe“ – das ist nicht nur der Titel der neuen Zeitung, das wird sozusagen Claudius’ Markenzeichen. Als Schriftsteller nennt er sich fortan bevorzugt so, und im Botendienst findet er seine Berufung. Die Botschaft, die er den Menschen bringen will, ist der nach seinem Verständnis von alters her überlieferte Christenglaube als Lehre und als tagtägliche Praxis (vgl. C 497f.) – in seinen Augen etwas Einfaches, Ungelehrtes. Von daher ergibt sich sein Selbstverständnis, das er später, 1802/03 in dem „Valet an meine Leser“ bescheiden, aber nur scheinbar anspruchslos, so formuliert: 15
Ich entschuldige mich über meine Werke bei Ihnen nicht. Ich bin kein Gelehrter und habe mich nie für etwas ausgegeben. Und ich habe, als einfältiger Bote, nichts Großes bringen wollen, sondern nur etwas Kleines, das den Gelehrten zu wenig und zu geringe ist. Das aber habe ich nach meinem besten Gewissen gebracht; und ich sage in allen Treuen, daß ich nichts Bessers bringen konnte. Das meiste ist Einfassung und Spielewerk, das als ein Blumenkranz um meinen „Becher kaltes Wassers“ gewunden ist, daß er desto freundlicher ins Auge falle. (C 598f.)
Matthias Claudius
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Dabei spielt Claudius auf eine Stelle im Matthäus-Evangelium (Mt. 10,42) an, wo Jesus bei der Aussendung der Apostel sagt: „Und wer einem dieser Geringen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.“ Dieses Selbstverständnis, mit dem Claudius selbstbewusst erklärt, seinen Lesern das denkbar Beste gebracht zu haben, und sich dafür sogar auf ein Aussendungswort Jesu beruft, dieses Selbstverständnis gilt schon für die Zeit als Redakteur des „Wandsbecker Bothen“. Zwar präsentiert Claudius mit zunehmendem Alter, unabhängig geworden von den Aufgaben einer Zeitung und in Anbetracht eines auch dadurch veränderten Leserkreises, seine Botschaft konzentrierter und direkter, während er sie in jüngeren Jahren noch mehr mit „Einfassung und Spielewerk“, wie er es nennt, versieht. Aber ein Wiegenlied, eine Buchbesprechung, ein Jauchzer über die „wunderschöne Lenzgestalt der Natur“ (C 32), ein satirisches Epigramm sind früher für ihn Mitteilungsweisen seiner Botschaft in gleichem Maß wie ein direkt fromm-erbaulicher Beitrag. Man hat Claudius vorgeworfen, dass er sich vom „launigen Boten der Aufklärung“ zum „ernsten Boten eines zukünftigen Heils“ wandelt, dabei die Welt und den Menschen zunehmend skeptischer betrachtet und dass „sein Stil schmucklos“ wird.11 Eine solche Abwertung des späteren gegen den jüngeren Claudius ist verständnislos. Sie hält für das Wesentliche, was ausdrücklich schon der jüngere Claudius für „Einfassung und kleines Spielewerk“ (C 11) erklärt, und kann mit der Botschaft, wo sie unverkleidet und zugespitzt mitgeteilt wird, nichts mehr anfangen. Außerdem wäre es ja eher traurig, wenn Erfahrungen und Einsichten im Lauf der Jahre an einem Menschen spurlos vorübergingen, wenn er auf der Stelle träte. Tatsächlich vertritt Claudius, was ihm wichtig er17
scheint, später mit mehr Nachdruck, gewiss auch einseitiger als früher und in veränderter Schreibweise, doch von grundsätzlichem Umdenken oder gar von einem Bruch kann man nicht sprechen. Übrigens ist dergleichen Kritik schon zu seinen Lebzeiten geäußert worden. Selbstbewusst und unbefangen erklärt Claudius dazu 1812 in der Vorrede zum letzten Teil seiner Werke: Mit Wort und Weise müssen die Leser vorliebnehmen. Man kann nicht dazu, daß man nicht mehr jung ist, wenn man alt ist. Was aber den Inhalt anlangt, der doch bei einer Schrift die Hauptsache ist, da meine ich, Wort gehalten zu haben. Und wenn einige Leser etwas anders erwartet haben; so ist der Bote unschuldig daran, ist auch unverlegen darüber. Ihn gereuet seine Überzeugung nicht, und er weiß, auch am Grabe, für sich und seine Leser nichts Bessers. (C 606) Claudius hat einen Anspruch darauf, dass man ihn nicht so oder so gegeneinander auszuspielen versucht (denn auch die umgekehrte Tendenz gibt es, das Spätwerk für wertvoller zu halten). Man muss nicht alles von ihm akzeptieren, aber man soll dem älteren und dem jüngeren gleichermaßen vorbehaltlos begegnen.
Wandsbeck hat außerordentlich viel angenehmes ... Mit Beginn des Jahres 1771 also arbeitet Matthias Claudius für die neue Zeitung „Der Wandsbecker Bothe“. Sie wird auf Veranlassung des Wandsbecker Gutsherrn und dänischen Schatzmeisters Graf Heinrich Carl Schimmelmann (1724-1782) von dem Hamburger Verleger J. J. Ch. Bode verlegt. Sie erscheint viermal in der Woche und hat vier Seiten Umfang: drei für Nachrichten aller 18
Art aus aller Welt, von Claudius aufgrund von Korrespondentenberichten gesammelt und bearbeitet, die vierte Seite in der Regel mit der Rubrik „Gelehrte Sachen“ für das, was heutzutage unter „Feuilleton“ und „Buntes“ läuft. Da finden sich Betrachtungen, Kulturelles, Buchbesprechungen, Gedichte – daneben aber auch Lottozahlen, Wechselkurse – nicht alles von Claudius selbst verfasst, gleichwohl im Ganzen von ihm geprägt. Er schafft sich wieder Briefpartner, den schlichten Freund „Andres“ und den „hochgelahrten Herrn Vetter“, und er spielt dazu noch die Rolle des nur scheinbar einfältigen, in der Wahrheit sehr gewitzten Boten. Wieder tut er da und dort „von meinem Eigenen hinzu“, wie in dieser Nachricht: „Frankfurth an der Oder. Den 26sten Jan. ist der bekannte Herr Doctor und Professor der Theologie Töllner gestorben, in einem Alter von 50 Jahren, da er doch 100 hätte alt werden sollen“ (WB Nr. 23 vom 9.2.1774), und hebt so den vorzeitigen Tod dieses Menschen ins Bewusstsein. Ein andermal beschließt er den politischen Nachrichtenteil mit der folgenden Meldung, die wohl das Weltgeschehen in die ihm gebührenden Grenzen verweisen soll: „Wandsbeck, den 25 April. Gestern hat hier die Nachtigal zum erstenmal wieder geschlagen“ (WB Nr. 65 vom 25.4.1775). Diese gern zitierten Einfälle des Redakteurs Claudius haben indessen Seltenheitswert. Die Meldungen sind fast durchweg ganz prosaisch und recht unterschiedlich, wie die folgenden Beispiele aus einer beliebigen Ausgabe des „Wandsbecker Bothen“ zeigen. Es ist die Nr. 106 vom 3.7.1773 aus der Mitte der fünf Jahre Lebensdauer dieser Zeitung: Lissabon, den 1. Junii: Der König hat den Hrn. Forges, einen Englischen Officier in Portugiesischen Diensten, zum Obrist eines Regiments in Almeida ernant. 19
Warschau, den 23. Junii: Man sagt, daß Oesterreich sich längs der Schlesischen Grenze bis an Czenstochau, und längs dem Ungarischen Gebürge bis Kaminieck Podolsky weiter ausbreiten, und Cracau gegen Lemberg nehmen will. Die Preussen wollen von Czenstochau anfangen, und so in einem Strich bis an die Preußische Grenze gehen, wodurch die Hälfte von Großpohlen abgeschnitten wird. (...) Paris, den 24. Junii: Den 17ten Abends ist zu Metz ein ausserordentliches Gewitter gewesen. Der Hagel hat verschiedene Dörfer mit allen Feldfrüchten zu Grunde gerichtet. London, den 25. Junii: Vorgestern sind im Oberhause verschiedene Bills, die bereits das Unterhaus paßirt waren, genehmigt worden. Stockholm, den 22. Junii: Es sind auf Königl. Befehl 2 Jachten von Carlscrona ausgelaufen zur Verbesserung der SeeKarten, und eine Fregatte zur Uebung der See-Cadetren. (Ohne Ort): Man hat Nachricht daß die Landgräfin von Hessen-Darmstadt und ihre Prinzeßinnen Töchter den 23sten dieses glücklich zu Reval angekommen sind. Um dergleichen geht es im Hauptteil der täglichen Redaktionsarbeit, mit der Claudius in Wandsbeck befasst ist. (Für seine eigenen feuilletonistischen Beiträge führe ich hier keine Beispiele an. Viele sind in den ersten Bänden seiner „Sämtlichen Werke“ nachzulesen, einige kommen unten im II. Teil zu Wort.) Den Umzug des Freundes Johann Heinrich Voß von Göttingen nach Wandsbeck vorbereitend, kalkuliert Claudius auch die nötigen Lebenshaltungskosten und schreibt dazu im Februar 1775, „daß ich mit Frau und Kind und Magd und Ziege und Hahn und 3 Hunden für 300 Rtlr. das Jahr lebe. Das hängt hernach von jedem ab, wie philosophisch er leben will“ (BrI 132). 20
Von dem Redakteursposten lässt sich jedoch kaum eine Familie ernähren, den „Alltag des jungen Paares kann man sich kaum dürftig genug vorstellen“.12 Deshalb sucht Claudius die ganze Zeit über nach einer besseren Anstellung, ohne Erfolg und vielleicht auch ohne die feste Entschlossenheit. Denn andererseits fühlt er sich in Wandsbeck zu heimisch, und besonders mit der Ankunft der Freunde Voß und Hölty verknüpft er die Erwartung, dass „das Hirtenwesen (...) hier recht in Gang kommen“ werde (BrI 123). Man versucht, das ideale Szenarium einer literarischen Richtung jener Zeit, der Anakreontik, regelrecht nachzuleben, eine Idylle zu verwirklichen aller materiellen Dürftigkeit zum Trotz, übrigens auch als Absage an Mode und Lebensweise der Städter verstanden. Voß berichtet 1775 (noch als Junggeselle und nachdem ein weiterer Dichterfreund dem städtischen Getriebe Göttingens nach Wandsbeck entflohen ist) folgende Szene: Wandsbeck hat außerordentlich viel angenehmes, besonders ist der Lustwald des Baron Schimmelmann das schönste Gehölz, das ich kenne. Wir sind den ganzen Tag bei Bruder Claudius, und liegen gewöhnlich bei seiner Gartenlaube auf einem Rasenstück im Schatten, und hören den Kukuk und die Nachtigall. Seine Frau liegt mit ihrer kleinen Tochter im Arm neben uns, mit losgebundenen Haaren, und als Schäferin gekleidet. So trinken wir Kaffee oder Thee, rauchen ein Pfeifchen dabei, und schwazen, oder dichten etwas gesellschaftliches für den Boten.13 Nach der Rückkehr aus Darmstadt 1777 (dazu siehe die nächsten Abschnitte) halten sich Voß, der inzwischen geheiratet hat, und seine Frau noch eine Zeit lang in Wandsbeck auf, und beide Familien knüpfen sogleich wieder engen Kontakt miteinander. So 21
erzählt Ernestine Voß von häufigen Besuchen mit Ehefrauen in der Gastwirtschaft von Claudius’ Schwiegereltern: In ihrem großen Garten waren zwei Kegelbahnen, von denen wir eine in Besiz nahmen. Claudius war Präsident dieser Gesellschaft, und ohne seine Erlaubniß wurde keiner zugelassen. Außer dem Wandsbecker Zirkel nahm man auch Hamburger auf, wenn’s einzelne Herren waren. Die Wandsbecker Frauen hatten freien Zutritt, und beim Spiele ward ihnen eine Zahl Kegel vorausbezahlt. Jeder Luxus war hier strenges Verbot, nicht einmal Kaffe oder Thee ward eingeräumt, bloß Kaltenhöfer Bier, für Claudius ein Ideal, und reines Brunnenwasser, dazu Butterbrot mit Käse und kaltem Braten. Manchmal kegelten wir bis zehn Uhr, bei Licht und im Mondenschein. Auch gesungen durfte werden, außer wenn Pastor Milow da war, der mit kegelte, ohne dadurch bei seiner Gemeine Anstoß zu erregen.14 Und aus Familienaufzeichnungen ist für diese Zeit überliefert: Während der Jahre des gemeinsamen Haushaltens der Dichterfamilien Voß und Claudius war bei beiden die Geldknappheit besonders groß gewesen. Es kam öfter vor, daß die Vorratsräume beider Hausfrauen völlig leer waren. Das verdroß Ernestine und Rebecca keineswegs. Fröhlich spazierten sie Hand in Hand zum gräflich Schimmelmannschen Gärtner, der ihnen, auf das ein für alle Mal gültige Geheiß seines Herrn hin, einen fetten Karpfen aus dem Teich holte. Unter Scherzen wurde dann zu Hause das schöne Mahl gehalten.15
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Der Wegzug der Familie Voß aus Wandsbeck im Herbst 1778 ist gewiss kein Wendepunkt in Claudius’ Lebensstil überhaupt, aber er beendet doch jene anakreontisch gefärbte Art von Geselligkeit der ersten Wandsbecker Jahre. Wenigstens erwähnt werden sollen auch Traurigkeiten, die in diese Zeit fallen; so stirbt Claudius’ erstes Kind 1772 bereits wenige Stunden nach der Geburt, und 1773 muss er den Tod seines Vaters beklagen (vgl. C 97f.). Wegen der originellen Feuilleton-Seite wird der „Wandsbecker Bothe“ bald in weiten Kreisen Deutschlands berühmt, aber weder dort noch auch nur in Wandsbeck und Hamburg ausreichend gekauft. „Mit dem Wandsbecker Bot(h)en wills nicht recht fort und ich glaube, dass ers nicht lange mehr aushält“, schreibt Claudius bereits 1772 an Herder (BrI 85). Auch der Versuch des Verlegers, der Zeitung durch Umbenennung in „Der Deutsche, sonst Wandsbecker Bothe“ mit Beginn des Jahrgangs 1773 den Anschein des Provinziellen zu nehmen, fruchtet nichts. Die Auflage – nie mehr als 400! – sinkt ständig. Deshalb scheint Claudius sich mit der Zeit weniger Mühe zu geben, Unstimmigkeiten mit dem Verleger kommen hinzu,16 und so wird ihm im Juni 1775 gekündigt. Noch im selben Jahr geht die Zeitung unter einem anderen Redakteur ganz ein. Damit ist Claudius schon wieder brotlos. Um sich über Wasser zu halten, gibt er gleichfalls 1775 viele seiner meist kleinen Beiträge aus dem „Wandsbecker Bothen“ gesammelt als Buch heraus unter dem Titel „Asmus omnia sua secum portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, I. und II. Theil“. Der lateinische Teil des Titels nimmt einen Ausspruch des antiken Philosophen Bias von Priene auf 17 und bedeutet „alles Seinige bei sich tragend“, also sinngemäß: Alles, was Asmus-Claudius zu bieten hat, findet sich hier. Den Titel behält Claudius bis zum VII. Werke-Teil bei. Die Angabe zweier Teile ist übrigens ironisch 23
bombastische Übertreibung, eine Zweiteilung gibt der Band nirgends zu erkennen. Zur gleichen Zeit macht Claudius sich Hoffnung auf die frei gewordene Stelle eines Amtsverwalters in Reinfeld, „und meine Mutter will mich gerne dort bei sich als Amtsverwalter haben“ (BrI 151), aber einige Wochen später teilt er Herder bissig mit: „Wie ich höre, ist der König so gnädig gewesen, mich in der bewußten Sache zu übersehen“ (BrI 164).
... es hat von jeher mit mir nicht fort wollen Seine berufliche Zukunft stellt Claudius sich wieder einmal und nun gar als 35jähriger mit Familie merkwürdig zerfahren vor. An Herder, der für ihn in Darmstadt eine Stelle als „geheimer Kanzleisekretär“ auskundschaftet, schreibt er, er wolle lieber eine weniger glänzende und mehr ruhige Stelle haben und etwa Vorsteher eines im Walde gelegenen Hospitals oder andern milden Stiftung, Verwalter eines Jagdschlosses, Garteninspektor, Vogt eines Dorfes pp. werden, dabei ich Zeit hätte, meinen Grillen nachzuhängen. (...) Diesen Winter denke ich noch in Wandsbeck zu bleiben; wir haben nur kleine Münde und Magens, wird sich ja so viel finden, daß sie voll werden. (BrI 150f.) Einem anderen Bekannten (Gleim) schreibt Claudius um jene Zeit, er hätte eine kleine Stelle freilich wohl nötig, aber es hat von jeher mit mir nicht fort wollen. Ich möchte am liebsten auf dem 24
Lande eine Stelle, die mir Zeit übrig ließe, und da wäre, denk ich, Postmeister wohl das Beste. Ich kann auch zur Not Organist werden, aber die Stellen sind gewöhnlich auf dem Lande gar zu armselig, ob ich wohl nicht eben hoch hinaus will. Ich habe noch eine alte Mutter zwischen Hamburg und Lübeck, die vielleicht nur noch ein paar Jahre zu leben hat; je näher ich also bei Hamburg oder Lübeck bleiben kann, desto lieber tue ichs. (BrI 171) Und kaum hört Claudius gerüchtweise, er solle „Burgvogt in Darmstadt werden und mein Wohnhaus stehe mitten in einem Walde und ich habe wenig oder nichts zu tun“, flugs teilt er Herder mit, einem Amt in der Landkommission ziehe er „die ruhige Stelle im Walde weit vor“. (BrI 175) Aus allen diesen Äußerungen wird deutlich, dass Claudius einen der bürgerlichen Arbeitsmoral ganz fremden Mangel an Ehrgeiz zeigt. Pflichterfüllung und Selbstverwirklichung sucht er offenbar am wenigsten in einer geregelten Berufstätigkeit, in der sieht er allenfalls ein notwendiges Übel zur Finanzierung eines bescheidenen Lebensunterhalts. Denn das lassen jene brieflichen Äußerungen immerhin klar erkennen: Anspruchslos zu sein ist er bereit („wir haben nur kleine Münde und Magens“), und er stellt das familiäre über das berufliche Interesse (solange seine Mutter noch lebt, würde er gern in ihrer Nähe bleiben). In vielen Schriften über Matthias Claudius wird dieser Mangel an beruflichem Ehrgeiz getadelt oder etwas verkrampft entschuldigt (was ja auch einen Vorwurf voraussetzt). Beides erscheint mir müßig: Ein anders eingestellter Claudius wäre vermutlich ein anders gearteter Schriftsteller geworden, denn vieles Unverkennbare und Schätzenswerte in seinen Werken trägt den Stempel des Lebenskünstlers und ist gerade dem Umstand zu verdan25
ken, dass wir es bei ihm durch und durch mit einem „Liebhaber des Lebens“ zu tun haben (Schultz bezieht diese schöne, dem alttestamentlich apokryphen Buch der Weisheit 11,26 entnommene Formulierung auf Gott,18 doch trifft sie ebenso sehr auf Claudius zu). Auch noch viele seiner späteren Werkbeiträge geben das zu erkennen, vorausgesetzt man liest sie nicht bloß oberflächlich und auf die zu vordergründigen Etiketten „konservativ oder progressiv“ hin.19 Nicht einmal als Schriftsteller, in seiner Haupttätigkeit, ist Claudius fleißig und ehrgeizig gewesen: Der Umfang seines Gesamtwerks als Ertrag aus mehreren Jahrzehnten ist vergleichsweise recht schmal, der Abstand zwischen den Veröffentlichungen ungewöhnlich groß. Selbstkritisch, aber nicht zerknirscht weiß er das alles selber, wenn er 1787 (wie eingangs vorgeführt) dem dänischen Kronprinzen erklärt: „Wenn es mir auch erlaubt sein würde, so wüsste ich nicht zu sagen, wozu ich eigentlich geschickt bin.“ Ein Lebenskünstler darf Matthias Claudius genannt werden. Aber dahinter verbirgt sich eine viel weitere Dimension, die Rudolf Alexander Schröder (zu wenig beachtet) aufgefallen ist. Claudius gehöre zu der kleinen Schar, „die wir ohne Verletzung des heiligen Anspruchs der drei weltumstürzenden Matthäuskapitel Christen der Bergpredigt nennen dürfen. (…) ein solcher Christ, der nicht arbeitete und spann, der nicht die Saat bürgerlicher Tagesfron säte, um bürgerliche Reputation zu ernten, ein Christ des ,Sorget nicht‘, des ,Richtet nicht‘ (...) ein Christ der linken Hand, die vom Tun der rechten nicht weiß (...) ein Mann des Duldens und nicht Vergeltens, des Segnens und nicht Fluchens, des nicht Schätzesammelns, des Dienstes am Nächsten und des klugen Gründens auf dem Felsen.“ Was auch im Einzelnen einzuwenden oder zweifelhaft sei, trete „zurück vor der einen großen und beglückenden Gewißheit, daß Bote und Botschaft zu denen 26
gehören, von denen der Bergprediger sagt, sie seien das Salz der Erde (... und) ein Licht der Welt.“20
Ein Jahr Darmstadt Unter all den zuvor geschilderten Umständen muss man von vornherein befürchten, dass Claudius’ Lebensauffassung schlecht zu Herders Plänen mit ihm in Darmstadt passt. Schließlich tritt er dann aber doch ein Amt an, er wird Mitglied der Oberlandkommission, einer Behörde zur Reformierung von Wirtschaft und Finanzen in der südhessischen Landgrafschaft. Claudius selbst hat rund zehn Wochen nach seinem Eintreffen in Darmstadt über Aufgaben und Organisation dieser Behörde berichtet. An den Hamburger Bokelmann, der ihm wohl als Freimaurer näher bekannt geworden war, schreibt er mit Datum vom 28. Juni 1776: Die Landkommission ist vom Landgrafen zur Verbesserung des allgemeinen Nahrungsstandes und Policeywesens angeordnet worden, wie Er Sich Selbst in Seinen Decreten darüber ausdrückt, und hat würklich die Absicht, freilich wohl auch mit der Zeit die Einkünfte der Fürsten zu verbessern, doch fürerst u. hauptsächlich die Unterthanen zu fördern und zu helfen in allen Leibesnöhten. Zu der Absicht wird der itzige Zustand des Landes erst, in Tabellen gebracht, dargelegt und daraus vorläufig ersehen, wo es fehlt und wie zu verbessern, und dann wird nach geschehener Local Inspection zur Verbesserung selbst geschritten. (...) Diese Landcommission nun besteht aus einem Director, dem Landcammerraht Eimes und 3 Oberlandcommissarien und 27
2 Secretairs, steht unter keinem andern Collegio, sondern unmittelbar unter der Oberaufsicht des H. Präsidenten v. Moser, der ihr Stifter und ein treflicher Mann ist, Einer von den 3 Oberlandcommissarien ist ein Oeconomus von Profession, und der andre hat das Tabellenwesen, und einer die Anträge und Aufsätze an den Landgrafen, und der ist Ew. Wohlgebohren gehorsamer Diener, der vielleicht auch die Besorgung einer periodischen Schrift, das Thun und Lassen der Landcommission betreffend, besorgen wird. (...) So viel von der Land Commission, und nun von meinen Titeln, und da werden Sie schon aus dem bisher vorgetragenen gemerkt haben, dass ich Oberland Commissarius heiße, Rang eines würkl. Kammerrahts habe und in der neuen Vorstadt wohne. (...) Dicht vorm Thor, wo ich dicht dabey wohne, ist eine Lindenallee von 1500 Schritt, und dann ein durchgehauener großer Tannenwald, wo ich fast täglich drin herumlaufe, und an Euch in Hamburg denke.21 Schon in diesem frühen Brief klagt Claudius über die ihm unbekömmliche Luft in Darmstadt und signalisiert, er würde „gleich“ eine Stelle anderswo bei besserer Luft annehmen, „denn meine Gesundheit ist mir lieber als alle andern Vortheile“.22 Von Anfang an und wohl nicht ohne sein Zutun gibt es aber auch Spannungen mit seinem Vorgesetzten sowie Machtkämpfe innerhalb der Behörde, die Claudius belasten. Jahre später notiert Merck, Kriegsrat in Darmstadt: „Claudius glaubte bei der neu angestellten Landkommission viel gutes stiften zu können. Er, dessen Herz aufwallte, wenn er einen Bauer und einen grünen Baum erblickte, bekam dafür nichts als ein Bureau von Tabellenschmieden, Projekte zu neuen, windigen, unpractischen Verordnungen, und was das Schlimmste, einen aufgeblasenen, zweideutigen Director (Eymes) zu sehen.“23 28
Bereits vor seiner Ankunft in Darmstadt war Claudius nicht nur in die Landkommission, sondern auch als Mitglied in die Invalidenkommission berufen worden. In dieser Eigenschaft hatte er das Erscheinen der neuen „Hessen-Darmstädtischen privilegirten Land-Zeitung“ vorzubereiten und bei deren Erscheinen mit Beginn des Jahres 1777 die Schriftleitung zu übernehmen.24 Aus dem Amt in der Invalidenkommission erklärt sich, dass Claudius aus der Rolle des einfältigen Boten Asmus in die sehr ähnliche des lahmen Invaliden Görgel schlüpft, der sich in der Landzeitung kritisch und zuredend an die Leser wendet (eine Auswahl dieser Beiträge hat Claudius in den III. Teil seiner „Sämtlichen Werke“ übernommen, C 119-124). Aber auch bei seinen journalistischen Aufgaben gibt es Verdruss dadurch, „daß die Nachrichten, die Claudius über die Vorteile und Erfolge der neuen Einrichtungen und Verordnungen bringen sollte, keineswegs immer zuverlässig“ und „bei weitem nicht alle der Wahrheit gemäß“ waren.25 Nach außen hin, etwa in Briefen, versucht Claudius zunächst noch zufrieden zu wirken, und kann doch nicht verbergen, wie zutiefst unwohl er sich fühlt. So schreibt er im Oktober 1776 nach Wandsbeck an Voß: Von meiner hiesigen Lage weiß ich nicht eigentlich, was ich schreiben soll. Die Gegend ist hier ein Paradies, ich habe auch Essen und Trinken und noch übrig zu Coffee und Taback, aber so sehr am rechten Ort wie in Wandsbeck bin ich hier nicht; so gute Luft für meine Brust und so gute Freunde für mein Herz habe ich hier auch nicht und also seht ihr, dass mir manches fehlt ad bene beateque vivendum [um gut und glücklich zu leben] nach meiner Art; sonst aber kann ich nicht klagen und klage auch nicht, aber ich 29
ginge lieber zurück und meine Rebecca träumt auch immer von Wandsbeck und Reinfeld und Lübeck und Lütgenburg und Hamburg usw. (...) Wir wohnen in dem ersten Hause am Tor (...) haben einen großen Saal für Fremde, eine gute Stube für uns, und eine andre, wo der Nachttopf steht, und noch eine für Stina und eine Küche, darin viel gebraten werden kann und wenig gebraten wird, und einen Keller, wo kein Wein darin ist, und einen Holzstall und ein Waschhaus und keinen Garten und keinen Garten, und so hol der Henker den großen Saal und die Stube für uns und die Stube mit dem Nachttopf und Küche und Keller und Waschhaus. Die Leute lieben hier Frisur und Puder so sehr wie in Hamburg und Lübeck, ich lasse aber doch nur alle Sonntage einstreuen. Mein lieber Voß, als wir noch in Wandsbeck waren, das war eine Zeit! Aber ich sagte Ihnen damals schon, dass die von nun an nicht wieder käme (BrI 216f.). Das ist Claudius’ Stimmung in Darmstadt! Heimweh nach dem dörflich gemütlichen Wandsbeck hat er ganz einfach, er mag die Zwänge der Mode und überhaupt der Hofetikette nicht. Wieder macht er zu wenig aus sich, um es zu etwas zu bringen. Der zweimal pro Woche erscheinenden „Landzeitung“ drückt Claudius für das erste Vierteljahr seinen persönlichen Stempel auf, durchaus bemüht, jene Reformen der Regierung im Volk populär zu machen. Nach weiteren Querelen mit seinem Vorgesetzten legt ihm der Präsident v. Moser in einem Brief, der auch Vorwürfe über Arbeitsunlust und Verleumdungen enthält, die Kündigung nahe. Claudius reicht sie im März 1777 ein, verteidigt sich dabei aber zugleich gegen jene Vorwürfe.26 Zur selben Zeit erkrankt Claudius schwer an einer Rippen30
fellentzündung und spürt Todesnähe. In dem Gedicht „Nach der Krankheit 1777“ (C 162) gestaltet er diese Erfahrung und – in den beiden letzten Strophen – eine Art Entscheidung über den künftigen Sinn seines Lebens, nachdem der Tod, „Freund Hain“, auf seine Bitte hin für diesmal an ihm vorübergehen darf: Und ich genas! Wie sollt ich Gott nicht loben! Die Erde ist doch schön, Ist herrlich doch wie seine Himmel oben, Und lustig drauf zu gehn! Will mich denn freun noch, wenn auch Lebensmühe Mein wartet, will mich freun! Und wenn du wiederkömmst, spät oder frühe, So lächle wieder, Hain! Diesen Lebenssinn konnte Claudius offensichtlich in den Darmstädter Verhältnissen nicht einlösen und mochte sich dafür überhaupt nicht mehr in eine feste Berufstätigkeit einbinden lassen – von nun an Leben als Hauptberuf sozusagen! Als abrupter Sinneswandel wäre diese Entscheidung missdeutet. Claudius praktiziert vielmehr seine bisherige Lebenseinstellung, nun aber ohne Kompromisse mit aufgezwungenen bürgerlichen Pflichtvorstellungen. Im April 1776 war Claudius mit seiner Familie in Darmstadt eingetroffen, im April 1777 verlassen sie die Stadt wieder Richtung Wandsbeck. Dort können sie sogar das Haus, das sie ehedem bewohnt hatten, wieder zur Miete beziehen. Ob Claudius den Ausgang des Darmstädter Jahres doch auch als Scheitern empfindet, ob es an ihm „nagte“,27 ist schwer zu klären. Der alte Freund Voß findet ihn, wohl nicht nur der überstandenen Krankheit wegen, nach der Rückkehr „sehr verändert an Gestalt, noch mehr seine innere Stimmung“, und „der scherzhaft gezwungene Ton, mit dem er über sein Schicksal sprach, hatte für 31
uns Beide etwas niederschlagendes“, so erinnert sich Voß’ Frau Ernestine später.28 Um diese Zeit spielt Claudius, zusammen mit mehreren Freunden und Bekannten, mit dem Gedanken, nach Tahiti auszuwandern. Ein Brief Overbecks an Voß vom 17. November 1777 gibt Aufschluss über den Grundgedanken: „die falsche Europäische Welt zu verlassen, und den glücklichen Gefilden eines zweyten Paradieses entgegenzueilen (...) wo man des Schöpfers Güte aus ungetrübter Quelle trinkt, und wo man wiederfindet sein Bild in dem Menschen (...) Haben Sie Muth, Freund, so teilen sie mit uns diesen edlen Entschluss, der verderbten Brut Europens den Rücken zu kehren, und ein Land unser besseres Vaterland zu nennen, wo ein glücklicheres Leben uns erwartet, als sich selbst die Patriarchen der Vorwelt rühmen konnten.“29 Claudius beginnt einen Brief an Gerstenberg spaßeshalber mit Sätzen in Phantasielauten und -wörtern, hinzufügend: „ich supponiere, daß Sie schon etwas Otahitisch verstehen und also nur immerzu“ (Br I 257). Der Plan ist bei Claudius und den anderen gewiss nicht völlig ernst gemeint, obwohl anfangs konkrete Vorbereitungen laufen, aber hinter den allgemeinen zivilisations- und kulturkritischen Motiven verrät sich bei Claudius speziell doch womöglich ein Gedanke an Flucht aus der schlechten Wirklichkeit seiner beruflich-materiellen Umstände. Andererseits hört man trotz zurückhaltender Formulierungen Erleichterung und Freude mitklingen, wenn Claudius bald nach der Rückkehr aus Darmstadt an Herder schreibt: „Wir sind Gottlob! recht glücklich nach Wandsbeck gekommen und haben uns hier gottlob sehr wohl, recht wohl“ (Br I 252). Damals verfasst er auch ein Gedicht, das mit dem vielsagenden Titel „Täglich zu singen“ die Daseinsfreude und die Richtlinien seiner Lebenseinstellung proklamiert (Erstdruck 1777): 32