Armut in Haiti – Ein Beispiel ......................................... 104 Gute Botschaft für die Armen......................................... 106 Morgenstund hat Lob im Mund........................................ 112 Du Arme – wir beten für dich!........................................... 115 Müll................................................................................ 118 Strandkinder................................................................... 121 Menschen in Haiti: Elisée................................................. 126 Zum Abschluss ein Tanz................................................... 136 E-Mail: Ça-Ira, Samstag, 15. August 2011 ........................ 136 Was uns die Kokospalme lehrt......................................... 138 E-Mail: Ça-Ira, Montag, 1. April 2013 .............................. 139 Ein Gebiss im Dunkeln.................................................. 140 Menschen in Haiti: Sephora............................................. 146 Karfreitags-Kommunikation............................................ 151 E-Mail: Ça-Ira, Karsamstag 2013 ................................... 152 Kellnern für Anfänger.................................................... 153 Wo sind denn hier die Sehenswürdigkeiten?..................... 156 Ein Denkmal, an das keiner denkt................................... 158 Kleine Flüche unter Nachbarn.......................................... 163 Nur ein Quäntchen Trost?................................................ 169 Zitierte und weiterführende Literatur............................... 172
Einleitung Fast sein ganzer Jahrgang ist beim Erdbeben ausgelöscht worden. Dass Esperandieu Pierre lebt, mag er nicht als glücklichen Zufall sehen, eher als eine Art Verpflichtung. Eigentlich wollte er an jenem 12. Januar 2010 in seiner früheren Schule in Port-auPrince beim Klassentreffen sein, aber dann ergab es sich doch, dass er mit seinem Ältesten auf der Insel Trinidad zu tun hatte. Von seinen 62 ehemaligen Mitschülern, über denen um 16.53 Uhr das Schulgebäude zusammenstürzte, hat keiner überlebt. Als über Radio und Fernsehen die ersten Eilmeldungen über die Katastrophe gesendet wurden, war das Handynetz um Portau-Prince herum längst zusammengebrochen, und an Reisen zurück nach Haiti war erst recht nicht zu denken. Wie es Angehörigen und Freunden ging, war vom Ausland aus noch schwerer in Erfahrung zu bringen als im Land selbst. Horrormeldungen überschlugen sich, die Zahl der Todesopfer stieg: wagte man am Anfang noch zu hoffen, dass die ersten Schätzungen von mehreren Zehntausend weit übertrieben sein mussten, schnellten auch die bestätigten Zahlen immer mehr in die Höhe: 175.000, 250.000 ... Bis heute gehen manche Schätzungen von 360.000 Opfern des Erdbebens aus1, von den vielen Verstümmelten und eineinhalb Millionen Obdachlosen gar nicht zu reden. Es dauerte mehrere Tage, bis Vater und Sohn Gewissheit hatten, dass der Rest der Familie – die Mutter, eine Tochter und ein weiterer Sohn – wohlauf war und auch das selbst gebaute Haus noch stand. Mit ein paar unübersehbaren Rissen zwar, aber immerhin bewohnbar. Irgendwann war auch das Handynetz wieder einigermaßen stabil, und es spielten sich groteske Szenen 1 Wikipedia: (Stand 17.12.2013) Alle Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Dubois, um nur ein Beispiel zu nennen, spricht von 230.000 Erdbebenopfern, die haitianische Regierung von 316.000. Journalist Jonathan Katz schreibt: „Niemand weiß, wie viele Menschen infolge des Erdbebens gestorben sind. Auswärtige Mächte verwiesen auf die Regierung Haitis, aber die konnte keine realistischen Zahlen liefern. Sie wusste ja nicht einmal, wie viele Leute im Erdbebengebiet gelebt hatten.“ (S. 70). Übersetzungen aus dem Englischen stammen, sofern nicht anders angegeben, von mir.
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ab wie die, als Esperandieu mit einer Freundin der Familie etwas Wichtiges abstimmen wollte. Ihr Handy funktionierte, aber es war eine Männerstimme mit einem amerikanischen Akzent, die am anderen Ende abnahm. „Wen, sagten Sie, wollten Sie sprechen?“, fragte der Unbekannte und Esperandieu nannte den Namen seiner Bekannten. „Tut mir leid“, bekam er zur Antwort. „Wir sind ein Suchtrupp und haben gerade unter Trümmern die Leiche Ihrer Bekannten gefunden, als ihr Handy klingelte. Immerhin können wir sie nun identifizieren. Kennen Sie ihre Angehörigen und können Sie sie informieren? Ich lege auf, der Akku ist schwach. Alles Gute Ihnen!“ Es waren diese Geschichten, die die Katastrophe in Haiti für mich ganz lebendig werden ließen. Ich muss gestehen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wusste, wo Haiti genau liegt. Das Einzige, was ich mit dem Land verband, war eine minutenkurze Sequenz zu Anfang des James-Bond-Films „Ein Quantum Trost“, die in Port-au-Prince spielt. Aber nun bekam ich Geschichten wie die von Esperandieu mit, und sie ließen Haiti und die Katastrophe für mich plötzlich ganz lebendig werden. Esperandieu ist der Nationalleiter der Missionsbewegung Campus pour Christ Haiti, und als sein Leben durch das Erdbeben aus den Fugen geriet, arbeitete ich als Assistentin seines hiesigen Pendants, Clemens Schweiger. Mein Chef ist der Nationalleiter von Campus für Christus Deutschland. Wir sind eine weltweite „Campus-Familie“ von über 20.000 Mitarbeitern in fast 190 Ländern. Was Esperandieu, seine Familie und die haitianischen Kollegen in diesen Tagen durchmachten, landete über E-Mail-Verteiler und Gebetslisten sehr bald und gleich mehrfach auf meinem Schreibtisch. Ich war betroffen, das alles schien plötzlich so nah und machte die Fernsehbilder, die durch mein Wohnzimmer flimmerten, sehr real. Wir beteten im Büro für diese Kollegen, die wir (noch) gar nicht kannten, und prompt landeten einige von uns selbst mitten im Geschehen, nämlich im Rahmen der Arbeit von Global Aid Network (GAiN), einem Hilfs- und Logistiknetzwerk, das zur Wendezeit im Rahmen von Campus für Christus entstanden ist, inzwischen aber juristisch eigenständig agiert. Wenige 10
Tage nach dem Erdbeben waren einige der GAiN-Kollegen vor Ort, aus den wenigen geplanten Hilfslieferungen in Zusammenarbeit mit Esperandieu wurde ein langfristiges eigenständiges Projekt, und in Gebeten und Gedanken sind wir heute nicht weniger, sondern eher mehr bei den Herausforderungen in Haiti, als wir es zur Zeit des Erdbebens waren. Alle die von uns, die in irgendeiner Form mit Haiti zu tun haben, lernen viel: nicht nur über das Land an sich, sondern auch darüber, wie humanitäre Hilfe generell aussehen und verbessert werden kann. Manches hat im Rückblick gut geklappt, manche Fehler würden wir nicht noch einmal machen, und bei manchen Dingen steht das Urteil darüber, ob sie nun gelungen sind oder nicht, wohl noch aus. In dieses Abenteuer „Humanitäre Hilfe“ möchte dieses Buch Sie mit hineinnehmen. Als ich im Herbst 2010 feststellte, dass mir noch vier Wochen Urlaub zur Verfügung standen, und ich mit dieser Zeit etwas Sinnvolles anfangen wollte, lag es nahe, mich an die GAiN-Kollegen zu wenden. Sie vermittelten mich an Esperandieu Pierre, der Hilfe beim Strukturieren seiner Büroabläufe brauchen konnte, nachdem seine Arbeit, durch das Erdbeben bedingt, im positiven Sinn regelrecht explodiert war. Was ich bei ihm ein Jahr nach dem Erdbeben und später, 2011 und 2013, als Leiterin von zwei Bauprojekten an einem anderen Einsatzort erlebt habe, bildet sozusagen den Rahmen dieses Buches. Ich möchte gern einen unmittelbaren Einblick darein geben, was man erleben kann, wenn man in „Humanitärer Mission“ unterwegs ist. Deswegen habe ich an manchen Stellen E-Mails, die ich damals an Freunde schrieb, im Original wiedergegeben. Eingestreut sind auch die Geschichten und Erlebnisse einiger Menschen, die ich diesseits und jenseits meines eigentlichen Aufgabenbereiches kennenlernte und besonders bemerkenswert fand. Und weil mich seit meiner ersten Haiti-Reise manche grundsätzliche Fragen nicht mehr losgelassen haben, geht es zwischendrin immer wieder auch etwas theoretischer zu: was ist Armut überhaupt, wie sollte humanitäre Hilfe aussehen und was kann sie bewirken, und was hat – schließlich arbeite ich für eine Missionsbewegung! – die gute Botschaft von Jesus Christus damit zu tun? 11
Von Antworten bin ich selbst an vielen Stellen weit entfernt, aber wenn ich – über die Beispiele hinaus, die natürlich auf Haiti bezogen sind – ein kleines bisschen den Blick für diese Fragen und Herausforderungen schärfen kann, ist das Ziel dieses Buches mehr als erreicht.
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Gottes Bodenpersonal „Alleluja“, dröhnt es aus dem Lautsprecher hinter meinem Ohr. Es ist halb sieben Uhr morgens, und ich habe mich gerade in eine Ecke auf der Rückbank meines Taxis gekuschelt, um die zwanzig, fünfundzwanzig Minütchen zum Flughafen Miami noch etwas dösen zu können. Ein schwarzer Taxifahrer mit einem breiten Lächeln ist, wie bestellt, vor ein paar Minuten am Nebeneingang meines Hotels in Miami Beach aufgetaucht und hat ohne große Worte meine beiden Koffer in den Kofferraum gewuchtet. Nun fädelt er das Taxi in den Stadtverkehr ein. Er summt die Musik halblaut mit und klopft fröhlich mit den Fingern den Takt aufs Lenkrad. Das mit dem Dösen wird wohl nichts. Und überhaupt – Alleluja? Plötzlich bin ich hellwach. „Das sind ja christliche Lieder, die Sie da hören!“, bemerke ich überrascht. „Das hier kenne ich in meiner Sprache. Nur der Rhythmus ist ein bisschen, na ja, lebhafter! In was für einer Sprache singen diese Leute denn?“ „Das ist haitianisches Kreolisch“, ruft er nach hinten. „Ich komme aus Haiti. Und wenn Sie die Lieder kennen – gehören Sie auch zu Jesus?“ Er dreht die Musik etwas leiser. Ich muss lachen. Dösen will ich gar nicht mehr. Mich mit diesem Bruder im Herrn zu unterhalten, wird bestimmt viel interessanter! „Ja“, sage ich, „und Sie sind der erste Haitianer, den ich kennenlerne. Ich bin auf dem Weg nach Haiti.“ „Sicher nicht zum Urlaub“, seufzt er, wirft im Rückspiegel einen Blick auf meine überaus praktische GAiN-Weste und schließt messerscharf, dass ich in Sachen humanitäre Hilfe unterwegs bin. „Was macht denn Ihr Hilfswerk da? Und woher kommen Sie?“ Ich erzähle ihm, dass ich aus Deutschland komme und was ich in Haiti vorhabe. „Mich beschämt es immer, wie viele Leute extra nach Haiti kommen, um meinem Volk zu helfen“, meint er ernst. „Wie Sie – 13
Sie reisen sogar aus Europa an! Mein Land braucht wirklich Hilfe, aber manchmal ärgere ich mich über meine Landsleute. Sie nehmen und nehmen und erwarten alle Hilfe von außen, anstatt selbst mal aktiv zu werden.“ Uiuiui, das scheint mir ja doch ein recht hartes Urteil zu sein. „Vielleicht sind sie nach dem Erdbeben alle noch wie gelähmt“, überlege ich laut, „es ist doch erst ein Jahr her.“ „Ach was“, schnaubt er, „die waren schon immer so. Und zum Demonstrieren und Steinewerfen sind sie offenbar nicht gelähmt genug ... Aber wo wir gerade von den Demonstrationen reden: sind Sie überhaupt sicher, dass heute ein Flug nach Portau-Prince geht?“ Das ist in der Tat eine spannende Frage. Schon vor ein paar Tagen, als ich mich in meinem Bibelkreis für ein paar Wochen abgemeldet hatte, fragte einer, wie ich denn angesichts der aktuellen Unruhen nach Haiti kommen wollte. Oh! Ich schaute auf den Internetseiten des Auswärtigen Amtes nach: Wegen der aktuellen instabilen politischen Situation verkehren zurzeit keine Flüge nach Haiti, hieß es da lapidar, und es wurden keine Prognosen abgegeben, wann sich das wieder ändern würde. Mein Flug war längst gebucht. Um von Deutschland aus nach Haiti zu kommen, muss man ohnehin immer eine Übernachtung in den USA einplanen. Ich hatte zwei daraus gemacht, um einen Tag Urlaub in Miami Beach einzulegen, wenn ich schon mal in der Gegend war. Und so dachte ich mir, dass ich einfach losfliegen und notfalls lieber in Miami einige Tage festhängen würde, als den ganzen Transatlantikflug aufs Spiel zu setzen. Als ich in Frankfurt ins Flugzeug stieg, wusste ich noch nicht, wann – und ob überhaupt – ich nach Haiti kommen würde. Die Unruhen hatte es nach den Präsidentschaftswahlen gegeben. Leute waren am Wählen gehindert worden oder fanden sich nicht in den Wahllisten, kistenweise Wahlscheine waren im Müll aufgetaucht, ohne ausgezählt worden zu sein. Die Lage war, gelinde gesagt, angespannt. Als dann nach Wochen Ergebnisse bekannt gegeben wurden und ausgerechnet der Kandidat gesiegt hatte, den der amtierende Präsident sich als Nachfolger gewünscht hatte, eskalierte die Situation vollends. 14
Kein Wunder, dass das Volk Neuwahlen einfordert. Seit gut einer Woche läuft in Haiti nichts mehr; Leute zünden auf den Straßen Reifen an, sodass kein Durchkommen ist, und bei Schießereien sind schon einige ums Leben gekommen2. „Ich weiß auch noch nicht, ob mein Flug heute geht“, gestehe ich nun dem Taxifahrer. „Aber ich denke, vor Ort kann ich persönlich mehr herausfinden, als wenn ich mich nur auf Internet und Telefon verlasse.“ Zumal ich auch keine amerikanische SIM-Karte habe und das mit dem Telefonieren eine ziemlich aufwendige und kostspielige Sache ist. Inzwischen sind wir am Terminal angekommen und ich krame nach meinem Geld. „Lassen Sie das Trinkgeld stecken“, meint er, als ich die in den USA üblichen fünfzehn Prozent aufschlagen möchte, „das ist meine Unterstützung für das, was Sie in Haiti machen.“ Er stellt meine Koffer an den Fahrbahnrand. „Passen Sie gut auf sich auf. Und Gott segne Sie, Schwester!“ Wohl als eine Art Segensgeste tippt er mir an die Schulter, winkt mir zu, und weg ist er. Ich schaue ihm verdattert nach. Ein haitianischer Taxifahrer, der Christ ist, auf sein Trinkgeld verzichtet und mir dann noch Gottes Segen zuspricht, ist ein bisschen viel um sieben Uhr morgens! Aber ich merke, wie viel Mut mir die kurze Begegnung gemacht hat. Diesen Mut kann ich brauchen, als ich am Schalter die befürchtete Mitteilung lese: Es geht kein Flieger nach Haiti. In langen Schlangen und Grüppchen warten Hunderte von verhinderten Fluggästen in der Schalterhalle. Dutzende von jungen Leuten mit jeweils drei oder vier großen Koffern stehen in lebhafte Gespräche vertieft herum. Auf Gepäckwagen, gegen Koffer und Taschen gelehnt, schlafen Kleinkinder, manche Mütter haben es sich mit ihren Babys, Fläschchen und Keksen auf den Bänken bequem gemacht. Ältere Menschen sitzen auf ihren Koffern. Kurz: Es scheint ganz viel los zu sein, aber es passiert – nichts. Der Schalter ist nicht einmal geöffnet, aber darüber regt sich niemand auf. Außer mir ist eine einzige Weiße in der Halle zu sehen, und weil neben ihr ein Platz frei ist, versuche ich erst ein2 Ausführlich beschreibt Jonathan Katz die Vorgänge um die Wahlen, vgl. Katz, S. 249ff.
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mal bei ihr nachzuhören, was der Stand der Dinge ist. Sie ist ein paar Jahre älter als ich und arbeitet für die UN im Bereich Kinderschutz. Interessant, was man bei einem solchen Einsatz für Leute kennenlernt und was diese Leute für interessante Jobs haben, denke ich, aber ich glaube, im Moment findet meine Nachbarin, eine Französin, ihren Job alles andere als interessant. „Ich hasse Miami“, stöhnt sie. „Das ist alles so künstlich hier.“ Nach nur einem Tag Miami Beach kann ich das irgendwie nachvollziehen. Haiti muss das exakte Gegenteil dieser materialistischen Scheinwelt sein. Auf der Strandpromenade kam ich mir vor wie in einem Baywatch-Film der Achtziger, in dem ich, winterblass und mit Kleidergröße 38/40, unter lauter braun gebrannten, mageren und doch an den entscheidenden Stellen silikonverstärkten Bikinigirls auffiel wie ein Albino-Zebra im Antilopengehege. Die Geschäfte, sogar die, die Strandutensilien verkauften, waren mit falschem Schnee und Weihnachtsbäumen, Rentieren und Glöckchen schwingenden Weihnachtsmännern dekoriert, und aus den Lautsprechern dröhnten schnulzige Versionen von „Jingle Bells“ und „I’m dreaming of a white Christmas“. Kein Wunder, dass diese Französin, die seit einigen Jahren mehrere Monate pro Jahr in Haiti verbringt, nur noch weg möchte. Nun sitzt sie seit einer Woche in Miami fest, kommt jeden Morgen an den Flughafen und erfährt doch immer nur das Gleiche: Heute geht kein Flug, und man weiß nicht, wie es morgen aussieht. „Ich mach das noch zwei Tage mit“, sagt sie frustriert, „dann gebe ich auf und fliege zurück nach Frankreich. Nicht dass ich hier noch an Weihnachten herumsitze, was für ein Albtraum!“ In Mitteleuropa ist es im Moment wenigstens weihnachtlich, bei Temperaturen gut unter zehn Grad minus und Schneegestöber. Irgendwann öffnen die Schalter meiner Fluglinie und es formieren sich Menschenschlangen, die sich tatsächlich langsam aber stetig nach vorn bewegen. Um halb zwölf klingelt mein Handy. Es sind Freunde aus meiner Leipziger Zeit. Weil ich dort einige Jahre in einer internationalen Kirche aktiv war, habe ich nun in der ganzen Welt Bekannte – in diesem Fall in Kentucky. 16
„Hey“, sagt Jim, „wir haben in deiner E-Mail gelesen, dass das mit deinen Flügen ein bisschen schwierig ist. Ich habe per Internet für die nächste Nacht einfach mal ein Hotelzimmer für dich reserviert, nur ein paar Hundert Meter vom Flughafen entfernt. Die haben auch einen Shuttleservice. Wenn du heute nicht wegkommst, klingel kurz bei mir durch und ich buche das fest. Und liebe Grüße auch von Mary. Wir denken an dich.“ Ich bin so dankbar und fühle mich so liebevoll umsorgt, dass ich einen Kloß im Hals habe. Ich bin nicht allein unterwegs, und Gott hat in der ganzen Welt sein Bodenpersonal, das mich im Gebet und auf so handfeste Weise unterstützt. Aapropos Bodenpersonal: Irgendwann am mittleren Nachmittag kommt tatsächlich auch mein großer Moment und ich stehe am Schalter. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass der Flugverkehr aller Voraussicht nach morgen wieder aufgenommen wird, und so wage ich zu hoffen. Die Frau am Schalter, übrigens auch eine Haitianerin, schüttelt allerdings nur den Kopf: „Wenn es in Haiti ruhig bleibt, fliegen wir morgen tatsächlich wieder, aber es sieht schlecht aus für Sie. Sie sehen ja, was hier los ist! Die Leute wollen alle über Weihnachten ihre Verwandten in Haiti besuchen, und ich habe eben die letzten Plätze für morgen vergeben.“ „Tja, so ist das dann wohl“, seufze ich. „Was ist denn der nächste Flug, für den Sie mir einen Platz geben können?“ Sie hackt ein bisschen auf ihrer Tastatur herum. „Ja, schauen wir mal nach. Also ... übermorgen ... ach nein, das ist auch schon voll ... oder in drei Tagen ... warten Sie ... was ist das denn?“ Erstaunt schaut sie auf. „Da scheint gerade jemand abgesprungen zu sein. Sehr merkwürdig. In der ersten Maschine morgen um 10 Uhr. Ein einziger Platz. Schätzchen, haben Sie ein Glück! Ich soll den Platz für Sie buchen, oder?“ Schmunzelnd sage ich zu. Mit „Schätzchen“ werde ich an deutschen Flughäfen für gewöhnlich nicht angeredet, aber ich finde es irgendwie niedlich, und ich fühle mich gerade richtig beschwingt. „Da will wohl jemand, dass Sie bald nach Haiti kommen“, witzelt die Schalterfrau, und ich lächle. 17
„Kann schon sein, und meine Freunde beten alle für mich.“ Ich gebe Jim und Mary Bescheid, dass ich das Hotelzimmer gerne nutzen werde, schicke eine SMS mit meinen neuen Flugdaten an meine Kontaktperson in Haiti, bin am nächsten Morgen um vier am Flughafen. „Sie müssen schon einchecken, wenn das Terminal öffnet“, hat mir die Frau am Schalter noch eingeschärft, „bei dem Betrieb in den nächsten Tagen kann ich Ihnen sonst nicht garantieren, dass Sie Ihren Platz behalten!“ Doch kurz nach zehn sitze ich tatsächlich im Flieger. Das Auswärtige Amt meldet immer noch, dass bis auf Weiteres alle Flüge gestrichen sind, und wird das auch noch Wochen später tun, als der Flugverkehr sich längst wieder normalisiert hat. Ein Glück, dass ich mich nicht aufs Internet verlassen habe ... Haiti, ich komme!
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Ankunft in Haiti Boah, ist das heiß hier! Schon als ich aus dem Flugzeug steige und mir die heiße, feuchte Luft von Port-au-Prince entgegenschlägt, würde ich mich am liebsten gleich für ein Mittagsschläfchen in eine Ecke legen. Ecken, in denen man sitzen oder ein Nickerchen machen könnte, gibt es zu dieser Zeit allerdings nicht in diesem Flughafen. Er ist mehr eine Aneinanderreihung von schwülen Gängen und düsteren Hallen, durch die man an der Passkontrolle vorbei zu dem läuft, was in anderen Flughäfen das Kofferband ist. Dort stehen alle Koffer mehr oder weniger ordentlich aufgereiht herum, man mogelt sich entweder unter einer Absperrung hindurch und sucht sich seine Koffer selbst heraus, bevor man von einem Flughafenbeamten zurückgepfiffen wird, oder man winkt einem der offiziellen Koffer-Verantwortlichen zu, welche Koffer man denn gerne hätte. Meine Koffer sind beide da, und so versuche ich mich in Richtung Ausgang zu bewegen, wo Cooper sicher schon auf mich wartet, mein Kontakt in Haiti. Die Betonung liegt auf „versuche“, denn wie ich schnell feststelle, ist der Anzahl von Kofferträgern, die sich gleichzeitig auf eine einzige Person mit zwei Koffern stürzen können, nach oben hin keine Grenze gesetzt in Haiti. Sie sind alle an ihren gleichfarbigen karierten Flanellhemden zu erkennen und alle gleichermaßen hilfsbereit. Die wenigsten bieten ihre Dienste überhaupt an, sondern greifen schon nach meinem Gepäck, bevor ich irgendetwas sagen oder mich wehren kann. Es ihnen wieder aus der Hand zu zerren, kostet mich letzten Endes mehr Kraft, als meine Koffer die kleine Strecke zum Flughafenausgang zu rollen. Da stehe ich nun etwas verloren in der Hitze, die Sonne brennt mir aufs Hirn und ich weiß nicht so recht, wo ich in dem Gewimmel nach Cooper suchen soll oder wo er wohl nach mir suchen wird. Ganz offensichtlich ist er noch nicht da. Auf meine SMS mit meiner Ankunftszeit hat er geantwortet, dass er selbst zum Flughafen kommen wird und dass ich unbedingt auf ihn warten soll. Genau das habe ich vor, was sollte ich auch sonst tun? Mein 19