331458

Page 1

Kapitel 1

Herbst 1880 Forestville, Michigan

H

ans hatte das ganze Eiergeld gestohlen. Schon wieder. Annalisa Werners raue Finger hielten den ausgefransten Saum der SchĂŒrze, die sie als Korb benutzte, zitternd fest. Unter dem Gewicht der WalnĂŒsse spannte sich das dĂŒnne Leinen und protestierte mit einem leichten Ächzen. Dieses Mal war ihr Mann zu weit gegangen. „Ich halte seine Verantwortungslosigkeit keinen Tag lĂ€nger aus.“ In der Stille des dichten WĂ€ldchens hallten die Worte in ihrer deutschen Muttersprache hart wider. Trotzdem waren sie verglichen mit dem lauten Aufschrei ihres besorgten Herzens nur ein FlĂŒstern. Gretchen legte den Kopf schief, wĂ€hrend ein sanfter Wind mit ihren seidenweichen, blonden Haaren spielte. „Mama?“ Die ZweijĂ€hrige schaute mit ihren vertrauensvollen Kinderaugen zu ihr hinauf. „Ach, Schatz.“ Annalisa zwang ein LĂ€cheln auf ihre mĂŒden Lippen. „Hast du noch eine Nuss fĂŒr Mama gefunden?“ Das kleine MĂ€dchen hielt ihr eine hellgrĂŒne Kugel hin. „Du bist Mama eine große Hilfe.“ Annalisa nahm die Nuss und legte sie zu dem Haufen in ihrer SchĂŒrze. „Findest du noch eine?“ Sie wĂŒrden jede Nuss brauchen, die sie sammeln konnten, wenn sie den herannahenden harten Winter in Michigan ĂŒberleben wollten. Jetzt, da Hans den Tonkrug gefunden hatte, der von ihr in der dunkelsten Ecke ihrer kleinen HolzhĂŒtte unter dem Bett versteckt worden war, brĂ€uchten sie die NĂŒsse erst recht. Sie schĂŒttelte so Ă€rgerlich den Kopf, dass der lange Zopf auf ihrem 5


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook