Skip to main content

331457

Page 1

2


Leseprobe „Du kannst nicht länger hierbleiben, Gretel.“ Sie steht vor Jakób, ihre blauen Augen schauen ihn direkt an. Nicht angstvoll, sondern genau so, wie sie ihn bei ihrer ersten Begegnung angesehen hatten. „Warum?“ „Ich habe schon gesagt, das Haus ist zu voll, vor allem jetzt mit dem neuen Baby. Du wirst groß und wir haben kein Geld mehr, um dich zur Schule zu schicken.“ „Aber warum ausgerechnet nach Deutschland? Wenn ich schon in ein Waisenhaus soll, warum nicht hier in Polen? In Krakau oder Warschau oder wo auch immer?“ „Beruhige dich erst einmal, dann erkläre ich es dir.“ „Ich bin ganz ruhig.“ „Die Waisenhäuser hier sind unter staatlicher Verwaltung, die Zustände sind schockierend. Sobald du zwölf bist, musst du arbeiten. Du bist schlau, Gretel, du musst zur Schule gehen und weiterlernen! In Deutschland sind die meisten Waisenhäuser unter kirchlicher Verwaltung, sie bekommen finanzielle Unterstützung …“ „Du sagst zu große Worte.“ Dabei streckt sie ihr Kinn eigensinnig nach vorn. „Du verstehst sehr gut, was ich sage.“ Er ahnt, dass er hart bleiben muss. „Du bist eine Deutsche. Du siehst deutsch aus, du hast eine deutsche Persönlichkeit – und du bist genauso dickköpfig wie die Deutschen.“ Wütend starrt sie ihn an. „Polen ist unter kommunistischer Herrschaft“, versucht er es auf einem anderen Weg. „Das wird jeden Tag schlimmer, vor allem nach den sogenannten demokratischen Wahlen, durch die die kommunistische Partei noch stärker geworden ist. Ich möchte dich in die englische oder amerikanische Zone von Deutschland bringen, deine Chancen …“ „Mir geht es prima unter den Kommunisten.“ Da steht er auf und verlässt hastig den Raum. Typisch kleines Frauenzimmer, für Logik absolut unzugänglich, denkt er wütend und marschiert eilig davon. Wenig später sieht sie ihn im Gras sitzen und setzt sich neben ihn. Ihr 3


kleines Händchen lässt sie in seine große Hand gleiten. Zuerst sitzen sie lange schweigsam nebeneinander, dann sagt er: „Gretel, ich habe der Heiligen Mutter Gottes gelobt, dass ich das Beste für dich tue, das, wovon ich glaube, dass es das Beste für dich ist.“ „Ich will aber bei dir bleiben“, bettelt sie. „Jakób, zu wem soll ich denn gehen, wenn ich schlecht geträumt habe?“ „Gretel, das geht nicht …“ „Ich weiß.“ Sie sackt vornüber. „Bitte weine jetzt nicht.“ „Ich weine nicht. Ich will nur nicht in ein Waisenhaus nach Deutschland.“ „Ich weiß“, sagt er, „aber ich sehe keine andere Lösung.“ *** Als sie in Deutschland angekommen sind, reden sie nur noch Deutsch miteinander. „Es fühlt sich komisch an, kein Polnisch mehr zu reden“, sagt sie. „Ich kann besser Russisch als Deutsch, das haben wir schließlich in der Schule gelernt.“ Auf der Sitzbank neben ihm liegt eine Tageszeitung, die offenbar jemand ausgelesen und dann liegen gelassen hat. Was für ein Glück, denkt Jakób und lehnt sich gemütlich zurück. Die Lektüre wird ihm helfen, für ein Weilchen mal an etwas anderes zu denken. Er liest den Leitartikel und auf der letzten Seite die Sportnachrichten, blättert dann die Zeitung durch und liest von der andauernden Nahrungsmittelknappheit und dem Elend in Ost-Berlin und der neuesten Erfindung der Amerikaner. Gerade will er die Zeitung wieder zusammenfalten – weil er sich sowieso nicht auf das konzentrieren kann, was er liest –, als sein Blick auf eine Überschrift fällt: Kinder wandern nach Südafrika aus. Er runzelt die Stirn und fängt dann an zu lesen: „Zwei Afrikaner aus Südafrika, Schalk Botha und Dr. Kriek, sind in Deutschland eingetroffen, um nach evangelischen Waisenkindern für Südafrika Ausschau zu halten. Gesucht werden fünfzig Jungen und fünfzig Mädchen, die dort von sorgfältig ausgewählten Eltern adoptiert werden sollen. Auf diese Weise wird den Kindern nicht nur ein glückliches Zuhause geboten, sondern auch eine Zukunft in dem sonnendurchfluteten Land voller Möglichkeiten.“ 4


Er legt die Zeitung sofort zur Seite. Nein, das ist zu weit weg, er kann sie doch nicht nach Afrika schicken. Zusammengerollt liegt sie auf der Bank neben ihm und schläft, ihre blonden Locken kitzeln ihn an den Beinen. … ein Land voller Möglichkeiten … Polen ist kommunistisch, die Menschen dort hungern. Deutschland ist zerstört, überall herrscht Hungersnot. Afrika ist zu weit weg. Und finster. Sie ist schon lange nicht mehr evangelisch, schließlich wurde sie in die katholische Kirche aufgenommen, geht jeden Sonntag in die Messe und besucht eine katholische Schule. Aber sie besitzt eine Taufurkunde, nach der sie am 18. Dezember 1937 in der deutschen lutherischen Kirche durch Pfarrer Helmut Friedrich auf den Namen Gretel Christina Schmidt getauft worden ist. Heilige Mutter Gottes, hilf mir!, betet er. Er faltet die Zeitung wieder auseinander und liest weiter: „Die Herren suchen nach deutschen Waisenkindern mit unbefleckter arischer Herkunft ...“ Damit scheidet sie aus, Gott sei Dank. Aber sie sieht vollkommen arisch aus und hatte nur eine jüdische Großmutter. Er liest: „Der Zielgedanke besteht darin, die Kinder von gefallenen SS-Angehörigen nach Südafrika zu bringen, um dort die Reihen der Afrikaner zu verstärken.“ Vor seinem inneren Auge erscheint deutlich das Foto ihres Vaters in SS-Uniform und ihm fallen die Worte des amtlichen Schreibens wieder ein. Schließlich kommt es ihm so vor, als würde sich die Schlinge immer enger um seinen Hals ziehen. Das ist sicher eine alte Zeitung und es gibt so viele Waisenkinder, die fünfzig Mädchen werden sie mittlerweile zusammenbekommen haben, beruhigt er sich selbst. Er blättert zurück zur Titelseite, es handelt sich um die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung vom 22. Mai, sie ist also gerade einmal eine Woche alt. Im Krankenhaus hatte ein südafrikanischer Pilot eine Weile im Bett neben ihm gelegen. Das war ein netter Kerl, ein gewisser Nick Groenewald. Seine Maschine war über Warschau abgeschossen worden. Zwar hatte er mit dem Faltschirm abspringen können, hatte aber ernste Brandwunden im Gesicht davongetragen. Sie hatten oft miteinander gesprochen, denn sonst hatte es nichts zu tun 5


gegeben. „Südafrika ist ein wunderschönes Land, das beste überhaupt“, hatte Nick erzählt. „Tolles Wetter, eine starke Regierung, eine unglaublich schöne Natur, eine gesunde Wirtschaft. Das ist wirklich das Land, in dem Milch und Honig fließen.“ Nick hatte auch gesagt, dass die südafrikanische Regierung sehr antikommunistisch eingestellt sei – dass sie auf die „rote Gefahr“ vorbereitet sei. Energisch schüttelt er den Kopf und nimmt die Zeitung wieder auf. „Die Kinder werden die Chance auf eine hervorragende Erziehung bekommen, möglich ist auch das Studium an einer Universität …“ Als Gretel wach wird, hat er seine Entscheidung gefällt. Sie gehen durch die Straßen Kiels. Alle Städte sehen gleich aus – die Wunden des Krieges klaffen überall. „Ich weiß nicht einmal, wo Südafrika überhaupt ist“, jammert sie. Ihre Stimme ist dünn, das Kinn hat sie wieder vorgeschoben. „Ich besorge uns einen Atlas, dann zeige ich es dir. Wir werden schon eine Bibliothek finden und erst alles darüber lesen“, versucht er ihre Zweifel und auch seine zu zerstreuen. „Ich habe auch keine Ahnung, was ‚evangelisch‘ bedeutet.“ „Das sind auch Christen, aber sie haben keinen Papst“, sagt er. „Ich weiß nicht, ob die da Deutsch reden. Oder Polnisch oder Russisch.“ „Mit Sicherheit kein Polnisch oder Russisch. Wir werden fragen, welche Sprache sie dort sprechen.“ Er spürt, wie ihm langsam der Geduldsfaden reißt. Mit ihren Fragen macht sie ihm das Unabwendbare nicht gerade leichter. „Ich will aber nicht noch eine Sprache lernen!“ „Gretel, halt den Mund“, sagt er böse, denn er weiß, dass es nicht anders geht. Und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihren Mund zu halten und mit stocksteifem Rücken hinter ihm herzustapfen. *** Am nächsten Tag suchen sie die Jugendbehörde auf. Der Weg ist weit, aber trotzdem sind sie viel zu früh da. Vor dem roten Backsteingebäude 6


bleibt Gretel stehen. Sie zeigt auf das große Schild: Jugendbehörde. „Hier ist es, Jakób“, sagt sie. Er bringt es nicht über sich, das Schild zu lesen. „Ja, ich weiß. Komm, wir setzen uns erst ein bisschen hin und reden.“ Er setzt sich unter einen Baum. Es hat zwar aufgehört zu regnen, aber die Sonne scheint nicht. Es ist ziemlich kalt. „Gretel, hör mir jetzt gut zu, wir müssen sagen, du kämest aus Ostpreußen, nahe der polnischen Grenze.“ „Das weiß ich“, sagt sie. „Und du musst so tun, als wüsstest du nicht genau, wie du hierhergekommen bist.“ „Das weiß ich.“ „Wir müssen sagen, dass du eins von den Findelkindern bist.“ „Was ist das?“ „Ein ... nun ein Findelkind eben.“ „Ein Kind, das irgendwo gefunden wurde?“, fragt sie. „Du bist kein Kind, das irgendwo gefunden wurde, du bist die wunderschöne, schlaue Gretel Schmidt.“ „Gut.“ „Und du musst daran denken, dass du nur Deutsch sprichst.“ Ihre blauen Augen sehen ihn ernst an. „Und dass ich keine Ahnung von der katholischen Kirche habe und dass ich kein jüdisches Blut habe. Ich weiß das alles, Jakób. Nur habe ich die ganzen Lügengeschichten inzwischen satt.“ Er versteht sehr gut, wie sie sich fühlt. Nur zu gern hätte er sie hochgehoben, sie fest an sich gedrückt und wäre mit ihr am liebsten in den nächsten Zug nach Polen gestiegen. Irgendwie würde es schon gehen. Doch stattdessen streckt er seine Hand nach ihr aus und sagt: „Ich weiß, Gretchen, ich weiß. Komm, lass uns hineingehen.“ Nach langem Suchen finden sie einen Beamten, der darüber Bescheid weiß, dass das Kieler Jugendamt bis Mitte Juni mindestens fünfzig Waisen für ein Auswahlverfahren sucht. „Sind Sie verwandt?“, fragt der Beamte. „Sie ist ein Findelkind“, antwortet Jakób. Der Mann sieht sie skeptisch an. „Hat sie Papiere?“ „Nur eine Taufbescheinigung.“ Jakób streckt die Hand aus und sie hän7


digt ihm die Dokumente aus. Eingehend studiert der Mann die Papiere, betrachtet Gretel durch seine Brille und sagt dann: „Bringen Sie sie in das Auffanghaus des Roten Kreuzes.“ Er nennt Jakób die Adresse. Wieder draußen, sagt Jakób so fröhlich wie möglich: „Nun, Gretel Schmidt, die erste Hürde haben wir genommen! Komm, lass uns ein Plätzchen zum Schlafen suchen. Ich bringe dich morgen zum Rot-KreuzHaus.“ Aber sein Herz weint. Als sie an einer Bäckerei vorbeikommen, in deren Schaufenster ein einziger Kuchen steht, sagt er zu ihr: „Komm“, und geht hinein. Er riecht das frische Brot, woraufhin sich sein Magen zusammenkrampft. Er kramt seine Geldbörse hervor und überlegt kurz, ob er genug Geld für ein ganzes Brot hat. „Kaufen wir uns den Kuchen?“, fragt sie aufgeregt. Er sieht zu ihr hinunter. „Natürlich, Gretchen. Schließlich ist das unsere letzte gemeinsame Mahlzeit, da können wir auch ruhig Kuchen essen, was meinst du?“ Sie lächelt ihn an. „Bestimmt.“ Er zählt sein Geld. Er hat nicht mehr genug, um nach Hause zu kommen. Aber das ist ein Problem, das zu einer anderen Zeit gelöst werden muss. In ihrer Schlafecke breitet er für sie die Decke aus und stellt den Kuchen in die Mitte. „Können wir den nicht gleich essen?“, fragt sie gierig. „Mein ganzer Mund ist voll Spucke.“ „Ich glaube, den können wir gleich essen, ja“, sagt er und bricht zwei Stücke ab. Jede ihrer Bewegungen saugt er in sich auf, ihre dünnen Hände um das große Stück Kuchen, ihre perlweißen Zähne, die sich tief in den Kuchen hineingraben, ihre funkelnden Augen, als sie ihn ansieht. „Das ist unglaublich lecker. Du muss ihn auch probieren, Jakób“, sagt sie mit dem Mund voller Kuchen. Er beißt tief hinein und schmeckt mit seinem ganzen Mund den süßen Teig. „Ob ich wohl jemals wieder Kuchen essen kann, ohne mich an diesen Augenblick hier zu erinnern?“, denkt er. „Lecker, stimmt’s?“, sagt sie. „Kann ich bitte noch ein Stück Kuchen essen?“ 8


„Ja“, sagt er, „wir essen einfach heute Abend den ganzen Kuchen auf!“ Sie lacht und nimmt sich noch ein Stück. Doch als sie das aufgegessen hat, sagt sie: „Jetzt bin ich satt. Und es ist noch eine Menge Kuchen übrig.“ „Ich nehme noch ein Stück, vielleicht auch zwei, und dann können wir den Rest morgen zum Frühstück essen“, sagt er und wischt ihr mit dem Zeigefinger die Krümel von den Wangen. Sie lacht. „Kuchen zum Frühstück? Das habe ich ja noch nie gehört!“ „Nun ja, man lernt jeden Tag etwas Neues dazu, nicht wahr? Du solltest jetzt schlafen“, sagt er. „Ich versuche auch zu schlafen.“ „Gut“, sagt sie und schmiegt sich an ihn. Aber eigentlich will er gar nicht, dass sie schläft. „Es gibt so vieles, was ich dir gern noch sagen würde, Gretchen.“ „Du hast mir doch schon alles gesagt.“ Er schüttelt den Kopf. „Es gibt noch mehr.“ „Was denn zum Beispiel?“ „Zum Beispiel … ich weiß nicht. Zum Beispiel, dass du dich immer daran erinnern musst – du bist Gretel. Du darfst niemals zulassen, dass dir andere sagen, wer du sein sollst. Dann hast du etwas, was dir keiner wegnehmen kann. Egal, was andere Menschen über dich sagen, du musst immer Gretel bleiben. Verstehst du, was ich dir damit sagen möchte?“ „Ich glaube schon, Jakób.“ „Auch …“ Er schüttelt den Kopf. „Ich weiß nicht, was noch.“ Er setzt sich aufrecht hin und holt ein Päckchen aus seiner Tasche. „Ich habe dir etwas mitgebracht, schau mal, vielleicht magst du es ja.“ Sie schnellt hoch. „Für mich?“ Vorsichtig öffnet sie das Päckchen. Darin ist ein Holzkreuz an einem ledernen Band. „Jakób, das ist so schön. Ist das für mich?“ „Ja“, sagt er, „komm her, ich binde es dir um.“ Als sie einschläft, hält sie das Kreuz mit ihrer Hand fest umklammert. Er kann nicht einschlafen, denn seine Gedanken gehen durcheinander, kreisen immer wieder um dasselbe. Er merkt, dass sie aufschreckt. „Gretel?“ „Ich bin wach geworden und da habe ich gedacht, du wärst weg.“ „Ich bin hier.“ 9


„Kannst du mich festhalten, Jakób?“ Er hält ihren kleinen, mageren Körper so fest er kann. „Wenn du nicht mehr da bist, wer wird mir dann alles beibringen?“, fragt sie, an seine Brust geschmiegt. „In dem neuen Land gehst du auch in die Schule.“ „Ja aber in der Schule kann man nicht alles lernen“, entgegnet sie. „Nun, da hast du recht. Aber du wohnst auch in einer Familie, mit einer neuen Mama und einem neuen Papa, die werden dir vieles beibringen. Doch du musst dir auch selbst Sachen beibringen, Gretel. Das ist etwas, was ich dir gerne noch gesagt hätte. Du musst genau hinschauen und gut zuhören und dir dann deine eigenen Gedanken machen. Du musst dir überlegen, was richtig und gut ist, und das dann tun. Aber leider ist das, was richtig und gut ist, nicht immer das, was den Leuten gefällt. Trotzdem lernt man auf diese Weise am besten.“ „Wird mich meine neue Familie … wird die mich auch so halten?“ „Ja, die wird dich auch so halten.“ Gerade als er denkt, sie sei eingeschlafen, stellt sie wieder eine Frage: „Jakób, kommst du mich dort in Südafrika auch einmal besuchen? Versprich mir, dass du eines Tages kommst, egal, wie lange es bis dahin dauert.“ „Das kann ich dir nicht versprechen, Gretchen. Ich bin Pole, ich würde mich selbst verleugnen, wenn ich Polen verlasse.“ „Aber es geht doch nur um einen Besuch.“ „Gretchen, die Beziehungen zwischen dem Osten und dem Westen werden immer schlechter. Ich wohne in einem kommunistischen Land, die südafrikanische Regierung wird mich wahrscheinlich noch nicht einmal hineinlassen.“ „Du kannst mir aber einen Brief schreiben.“ „Nein, das kann ich nicht. Sie dürfen nicht erfahren, wo du herkommst.“ Er spürt, wie ihr Körper zittert. „Jakób?“ „Ich werde dich nicht vergessen, Gretchen, und wenn ich hundert Jahre alt werden sollte. Daran musst du immer denken.“ „Wie kann ich das wissen?“ Er sieht nach oben. Mutter Gottes, steh mir bei. Der Schein des Mondes bricht durch die Wolken. „Siehst du den Vollmond, Gretel?“ 10


„Ja?“ „Derselbe Mond scheint auch über Südafrika. Er scheint über Südafrika und über Polen, über Tschenstochau und Kattowitz. Wenn du den Mond siehst, dann kannst du dir sicher sein, dass ich ihn auch sehe.“ „Aber nicht, wenn über Polen Wolken sind“, sagt sie. „Ja“, sagt er, „nicht, wenn dort Wolken sind.“

Irma Joubert Das Mädchen aus dem Zug Verlag der Francke-Buchhandlung ISBN 978-3-86827-457-8 480 Seiten, geb., mit Schutzumschlag erscheint im September 2014

11


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
331457 by Fontis-Shop - Issuu