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Kapitel 1

Über die Autorin: Raquel Byrnes schreibt viel und gerne – angefangen von romantischen, spannungsgeladenen Erzählungen bis hin zu Thrillern. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren sechs Kindern in Südkalifornien. „Ruby Dawn“ ist ihr erstes Buch, das auf Deutsch veröffentlicht wird.

San Diego, Kalifornien

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86827-456-1 Alle Rechte vorbehalten Originally published in English under the title: Ruby Dawn by Raquel Byrnes Copyright © 2011 by Raquel Byrnes Published by White Rose Publishing a division of Pelican Ventures, LLC, P.O. Box 1738, Aztec, NM 87410 International rights contracted through: Gospel Literature International P.O.Box 4060, Ontario, California 91761-1003 USA German edition © 2014 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Brigitte Hahn Umschlagbild: © iStockphoto.com / Klubovy, Vernon Viley Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH / Sven Gerhardt Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck und Bindung: CPI Moravia Books, Pohorelice www.francke-buch.de

Dunkle Ecken sollte ich lieber meiden, weil nie etwas Gutes dabei herauskommt, wenn ich mich in Gefahr begebe. Aber es gehört zu meinem Beruf, nicht wegzusehen, und es war gut, dass ich hingeschaut habe. Denn ich begegnete in jener Nacht einem Geist aus meiner Vergangenheit. Wenn ich zurückblicke, passt das Blut auf dem Asphalt zu meinem eigenen Start ins Leben. Als schwer misshandeltes, an einer Bushaltestelle ausgesetztes Kind wurde ich im Alter von acht Jahren von Neuem geboren. Ich lag zwei Tage lang bewusstlos auf der Intensivstation. Die Erinnerung daran, wer ich war und wer mir diese schweren Verletzungen zugefügt hatte, sollte nie mehr zurückkehren. Eines Morgens schlug ich die Augen auf und war einfach da. Die Krankenschwestern nannten mich „Ruby Dawn“ nach der roten Farbe des Morgenhimmels an dem Tag, als ich die Augen öffnete. Meine Kindheit verbrachte ich auf den Straßen vor den Häusern meiner ständig wechselnden Pflegefamilien. Weil ich mich in den fremden Häusern oder in Gesellschaft gönnerhaft auf mich herabschauender Menschen nie so recht wohl fühlte, blieb ich oft so lange draußen, bis es zu kalt oder zu dunkel wurde, um sich unter freiem Himmel aufzuhalten. Die Straßen, durch die ich als Kind gewandert bin, habe ich wohl nie so richtig verlassen. Ich bin noch heute so etwas wie ein Straßenkind. Das ist auch ein Grund, warum ich an jenem eisigen Winterabend vor dem alten Gebäude aus rotem Sandstein auftauchte. Es war die letzte Station auf meiner täglichen Route. Ich parkte 5


mein Auto, das schon bessere Tage gesehen hatte, am Bordstein. Dann entfernte ich vorsichtig das Klebeband, mit dem ich das Handschuhfach geschlossen hielt. Ich holte eine Taschenlampe heraus. Dabei sah ich mein Gesicht im Rückspiegel. Mit einem Stirnrunzeln versuchte ich, mein Haar zu einem Pferdeschwanz zusammenzubinden und meine Ponyfransen zurückzukämmen. Meine Augen wirkten farblos und müde. Ich arbeitete als Assistenzärztin in der Notaufnahme. Der anstrengende Schichtdienst und mein Nebenjob in der kostenlosen Ambulanz für Bedürftige forderten ihren Tribut. Wie lange konnte ich diese doppelte Belastung noch durchhalten? Ich rieb mir die Augen und stieg aus. Dann nahm ich ein paar von Spendern geschenkte Mäntel vom Beifahrersitz und ging den Bürgersteig entlang. Munch und Joe, zwei alte, vom Leben auf der Straße gezeichnete Männer, wärmten sich in der kleinen Seitenstraße an einem Feuer, das sie in einer Mülltonne angezündet hatten. Sie erkannten mich, als ich auf sie zukam. Deshalb ließen sie ihre Schnaps- und Weinflaschen verschwinden. Das war ihre Art, aufzuräumen, wenn Besuch kam. Joe schenkte mir ein zahnloses Lächeln, und Munch winkte mir zu. Seine heisere Stimme klang in der von Schmutz starrenden Seitenstraße wie das Klirren einer rollenden Blechdose. „Ruby D.!“ „Hallo Munch, hallo Joe. Wie geht’s euch denn heute Abend?“ Ich zwang mich zu einem fröhlichen Lächeln. „Och, du weißt schon.“ Joe zuckte mit den Schultern. Dabei bewegten sich seine schichtweise übereinander getragenen Jacketts und Pullover. Alle seine Kleidungsstücke nahmen mit der Zeit dieselbe Farbe an wie der graue Asphalt der Straße. Joe zitterte vor Kälte, aber trotzdem lächelte er. „Ihr zwei solltet ins Obdachlosenheim gehen. Heute Nacht soll es einen Kälterekord geben. Das haben die Wetterfrösche gesagt.“

„Ach, die Wetterfrösche … das ist der einzige Beruf auf Erden, in dem du dafür bezahlt wirst, die meiste Zeit das Falsche zu behaupten.“ Munch winkte verächtlich ab. „So ein Glück sollten wir alle mal haben, nicht wahr?“ „Was hast’n da, Ruby?“ Joe reckte neugierig den Hals, damit er sehen konnte, was ich über dem Arm trug. „Ein paar Wintermäntel. Die könnt ihr bestimmt gut gebrauchen.“ „Meine Klamotten sind gut genug.“ Munch rümpfte beleidigt die Nase. „Klar doch. Ich hab mir bloß gedacht, dass ihr sie morgen früh ins Sozialkaufhaus bringen könnt. Ihr würdet mir damit einen großen Gefallen tun.“ Joe reagierte mit einem Schulterzucken, aber ich sah, dass er sich mit der Zunge über die rissigen Lippen fuhr. Sein Interesse war geweckt. Er wollte zwar keine Almosen annehmen, aber eine bezahlte Arbeit war eine andere Sache. „Ich hab so viel zu tun, aber ihr kommt sowieso dort vorbei. Stimmt’s?“ „Och, dieser Laden gibt einem für Klamotten bloß Essensgutscheine.“ Munch rümpfte wieder die Nase. In Wirklichkeit gab es für Kleidungsstücke Bargeld, aber nicht für die Leute, die ich dorthin schickte. Brachte jemand Kleidung, die mit meinen Initialen gekennzeichnet war, erhielt diese Person kein Geld, sondern Essensgutscheine. Ich wollte nicht, dass meine Schützlinge ihr Geld in den Getränkemarkt trugen. „Also, ich hab gehört, dass das Obdachlosenheim für Leute mit Essensgutscheinen was Besonderes bereithält.“ „Wie – was Besonderes?“ Joes Augen leuchteten auf. Ich zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern, nahm mir aber vor, morgen Abend einen Karton mit Leckereien ins Obdachlosenheim zu bringen. „Wetten, dass das Pudding ist? Mann, ist der lecker, der Schokoladenpudding. Für diese kleinen Becher braucht man keinen

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Kühlschrank.“ Munch machte mit den Lippen ein schmatzendes Geräusch. Dann nahm er mir die Mäntel ab. „Kann schon sein.“ Ich nickte zustimmend. Ein lautes, metallisches Klirren bei den Mülltonnen am anderen Ende der Seitenstraße ließ mich erschrocken herumwirbeln. Der Schatten, der sich im Dunkeln bewegte, hatte die Umrisse eines Menschen. Auf dem Boden lag eine Gestalt und ruderte mit den Armen. Vielleicht war hier ein Kind in Gefahr. Ich sah genauer hin. „He, Jungs, b-bleibt, wo ihr seid.“ Ich zog die schwere Metalltaschenlampe aus meinem Rucksack. Dann leuchtete ich durch die Seitenstraße. Der Lichtstrahl hob und senkte sich unsicher, weil meine Hand zitterte. Vorsichtig bewegte ich mich vorwärts. Ein Mann wand sich vor Schmerzen auf dem Boden. Er drückte mit einer Hand gegen seine Seite. Ich hob die Taschenlampe und beleuchtete das obere Ende des Zaunes, den er offenbar gerade hatte erklimmen wollen. Dort oben war niemand. Ich ging auf den Mann zu und biss kräftig meine Zähne zusammen, um die Angst, die in mir aufstieg, zurückzudrängen. „He, Ruby, geh nicht zu nah ran“, rief mir Munch zu. Ich drehte mich um und deutete ihm an, dass er still sein sollte. „Was?“ „P-Polizei … rufen“, brachte der Mann mühsam und stöhnend heraus. „Sie brauchen einen Krankenwagen, keine Polizei.“ Er streckte die Hand nach mir aus. Sie war voller Blut. Ich spürte, wie mir das Herz bis zum Hals schlug. Ich ging noch einen Schritt auf ihn zu. Der Lichtstrahl der Taschenlampe zeigte den Körper des Mannes. Er lag auf der Seite. Sein Gesicht war zerkratzt und staubbedeckt. „Nein … ich bin im Dienst.“ „Sie sind Polizist?“, fragte ich erstaunt. Er nickte, während er mühsam versuchte, sich aufzurichten.

Ich drehte mich zu Munch und Joe um, die aus sicherer Entfernung zuschauten. „Ruft den Notruf an! Im Auto liegt ein Telefon. Macht schnell!“, rief ich ihnen zu. Ich beugte mich herunter, um dem Mann zu helfen, als der Lichtstrahl auf sein Gesicht fiel. Ich zuckte zurück. Grüne Augen unter dunklen Augenbrauen starrten mich erschrocken an. „Ruby?“ „Tom, wo bist du gewesen? Was ist mit dir passiert?“ Ich packte ihn am Hemd und zog ihn in eine Umarmung. Mir blieb die Luft weg, aber trotzdem brachte ich ein nervöses Lachen heraus. „Na ja, fürs Erste: Man hat auf mich geschossen.“ Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und half ihm beim Aufstehen. Wir taumelten bis zur Kreuzung. Der Polizist, der in dieser Gegend mit dem Streifenwagen unterwegs war, hielt vor uns an. Polizeimeister Farrell hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nach mir zu sehen. Deshalb musste er in der Nähe gewesen sein, als der Notruf einging. Ich winkte ihn herüber, weil mich Toms Gewicht fast niederdrückte. „Wir sind gleich da, Tom. Bleib wach.“ Tom ächzte, weil ihn jede Bewegung Kraft kostete. Polizeimeister Farrell umrundete die Vorderseite des Streifenwagens und riss die Tür hinter dem Beifahrersitz weit auf. Er legte eine Hand auf Toms Kopf und half ihm auf den Rücksitz. „Dr. McKinney, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er mich besorgt. Mit einem Blick registrierte er die Blutflecke auf meiner Hand und meiner Jacke. „Mir geht es gut, aber ich muss diesen Mann in die Notaufnahme bringen. Er verliert eine Menge Blut.“ Ich berührte Polizeimeister Farrell am Arm. „Er ist Polizist.“ „Ich darf nicht meinen richtigen Namen angeben. Melden Sie den Vorfall, aber nennen Sie nicht meinen Namen.“ Toms Stimme war vom Rücksitz des Autos aus kaum hörbar. „Geht klar, Kumpel“, erwiderte Farrell.

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Tom drehte sich um. Sein Gesicht wirkte totenblass in der Innenbeleuchtung des Autos. Schwer atmend streckte er die Hand nach mir aus. Ich stieg ein und setzte mich neben ihm auf den Rücksitz. Farrell schlug die Tür zu. Dann rasten wir mit Blaulicht zum Krankenhaus. Toms Augen schlossen sich eine Sekunde lang. Die Angst stieg in mir auf und legte sich wie ein stählerner Ring um meine Brust. Ich schüttelte ihn. Erschrocken schlug er die Augen auf. „Weißt du, ich habe nie gesagt, wie leid es mir tut“, hauchte er. Ich nahm meinen Schal ab, legte ihn zusammen wie eine Kompresse und drückte ihn auf seine Schusswunde. Sofort spürte ich eine klebrige Wärme zwischen meinen Fingern. Ich unterdrückte ein Schluchzen. „Fang bloß nicht damit an.“ Plötzlich gehorchte mir meine Stimme nicht mehr. Er streckte die Hand aus und strich mir über den Nasenrücken. Das hatte er schon tausend Mal gemacht, aber das war eine halbe Ewigkeit her. „Ich hätte nicht einfach so weggehen, einfach so verschwinden dürfen.“ Ich konnte ihn nicht ansehen, ohne weinen zu müssen. „Du hast getan, was du tun musstest.“ Ich drückte auf den Schal. „Hasst du mich noch immer?“ Der Schmerz ließ ihn zusammenzucken. Da sah ich ihn schließlich an. Ich wollte ihn anbrüllen, weinen und ihn schütteln, weil er mir so viel Kummer bereitet hatte, aber das tat ich nicht. Stattdessen schlug ich mit der Hand verzweifelt an das Gitter, das den hinteren vom vorderen Teil des Autos trennte. „Beeilen Sie sich, Farrell, bitte!“ Ich beugte mich zu Tom herab. „Bitte konzentrier dich und stirb jetzt nicht. Ich brülle nämlich nur gesunde Leute an.“ „Es tut mir leid, Ruby. Ich …“ Mitten im Satz fielen Tom die Augen zu. Ich hielt Tom in den Armen und schickte verzweifelte Stoß-

gebete zu Gott, während wir förmlich durch die Straßen flogen. Lichter blitzten an den Fenstern des Streifenwagens auf. Das Herz wurde mir so schwer, dass ich kaum noch atmen konnte. Tränen flossen mir die Wangen herab und landeten auf Toms schmutziger Wollmütze. Ich musste weinen, weil ich ihn schon einmal verloren hatte und es nicht ertragen könnte, wenn das wieder geschehen würde.

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Kapitel 2 Farrell fuhr mit dem Streifenwagen direkt vor die Notaufnahme. Gemeinsam zerrten wir Tom vom Rücksitz. Ich schrie laut nach einer Krankentrage. Ein paar Ärzte und eine Krankenschwester drängten sich um uns, als wir mit Tom hereinkamen. Ich rannte neben der Liege her und drückte noch immer mit der Hand gegen die Wunde. „Er hat eine linksseitige Schusswunde und auf dem Weg vom Tatort hierher das Bewusstsein verloren. Ich … ich weiß nicht, wie sein Blutdruck aussieht.“ Bei der Schilderung seines Zustandes klang meine Stimme heiser. „Dr. McKinney? Kennen Sie diesen Mann?“ Dr. Blaine Daniels, der Leiter der Notaufnahme und mein Chef, warf mir einen überraschten Blick zu. Ich nickte und versuchte gleichzeitig, die Tränen zu unterdrücken, die mir in den Augen brannten. „Ja, das ist ein Bekannter von mir.“ Ich beugte mich zu ihm hin und flüsterte: „Er ist im Dienst.“ Blaine nickte. „Wir werden ihn schon zusammenflicken.“ Wir rannten weiter, bis wir in einen der Schockräume einbogen. Weil ich Fachärztin für Unfallchirurgie bin, konnte ich sofort in meine berufliche Rolle schlüpfen. Rasch zog ich mir Chirurgenhandschuhe an. Wir umschwärmten Tom, schnitten seine Kleidungsstücke weg, bis wir bei der Wunde angekommen waren. Dann überprüften wir seine Werte. Die ganze Zeit bat ich Gott in Gedanken, ihn durchkommen zu lassen. „Sein Blutdruck fällt ab. Christy, geben Sie ihm einen Liter Salzlösung. Rufen Sie die Blutbank an und fordern Sie die passenden Blutkonserven an. Er ist A-positiv.“ Ich war überrascht, dass meine Stimme so ruhig klang. Plötzlich erinnerte ich mich daran,

wie Tom und ich als Teenager Blutplasma gespendet hatten, um Geld zu verdienen. Blaine drehte sich zu mir um. Sein Gesicht zeigte keine Gefühlsregung. Es wirkte professionell distanziert. Seine Finger tasteten in der Schusswunde. An den Rändern sickerte Blut heraus. Ich warf einen Blick auf Toms aschfahles Gesicht. Das Atmen fiel mir schwer. „Blaine?“ Ich sah meinem Chef direkt in die Augen. „Es ist ein Durchschuss, aber vielleicht ist eine Arterie gestreift worden.“ In Gedanken durchlief ich alle Risiken, die bei einer Schusswunde an dieser Stelle des Körpers auftreten könnten. Meistens kam es zu Komplikationen, wenn Organe wie die Leber, der Dünn- oder der Dickdarm betroffen waren. „Wir können ihn bis zum OP stabilisieren und dann einen Bauchschnitt durchführen.“ Unsicher kaute ich auf meiner Unterlippe herum. In meinem Kopf klingelten die Alarmglocken, als ich daran dachte, wie viel von Toms Blut bereits auf meiner Jacke und in dem achtlos auf den Boden geworfenen Schal war. Ich kämpfte gegen die in mir aufsteigende Panik an. „Wir müssen das verletzte Gefäß finden, sonst kollabiert er auf dem Weg zur OP. Ruby, holen Sie das tragbare Ultraschallgerät.“ Mit einem sorgenvollen Stirnrunzeln warf Blaine einen Blick auf die Monitore über Toms Kopf. Ich nickte, stürmte durch die Verbindungstür in den nächsten Schockraum und packte das Ultraschallgerät. Mit zittrigen Fingern drückte ich die Tasten. Blaine nahm den Schallkopf und fuhr damit über Toms Bauch. Atemlos betrachtete ich das Bild, das sich auf dem Monitor aufbaute. Plötzlich war ein Schatten zu sehen. Ich drehte mich abrupt zu Blaine um. „Ist das freie Flüssigkeit?“, fragte ich. „Das könnte die verletzte Arterie sein.“ Er sah noch einmal genauer hin. Dann antwortete er mit einem kurzen Kopfnicken. „Rufen Sie an und lassen Sie einen OP-Raum vorbereiten.“

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Ich riss mir die Latexhandschuhe von den Händen und griff nach dem Telefon. Sandra Walsh, die für die Belegung der OP-Räume zuständige Mitarbeiterin, meldete sich. „Dr. McKinney hier. Wir brauchen einen OP-Raum für einen Notfallpatienten.“ „In einer halben Stunde ist alles bereit.“ Ich sah, wie Toms Brust sich kaum noch hob und senkte. Ich schluckte mühsam. „Nein, Sandra, dieser Patient ist in akuter Lebensgefahr“, widersprach ich. „Wenn er nicht in den nächsten zehn Minuten auf dem OP-Tisch liegt, können wir ihm nicht mehr helfen.“ Sie hatte wohl die Angst in meiner Stimme gehört. Ein paar Sekunden lang schwieg sie. „Sandra? Hören Sie? Er muss jetzt operiert werden, und zwar sofort!“ „Äh … ja, Dr. McKinney, bringen Sie ihn gleich hoch.“ Ich knallte das Telefon auf den Tisch. Wieder zitterten mir die Hände. Dann drehte ich mich zu meinem Chef um, der mich mit einem besorgten Blick musterte. „Wir können sofort nach oben. Es ist alles bereit.“ Blaine nickte seinen Kollegen und den Krankenschwestern zu, aber dann bat er mich mit einer Handbewegung in eine andere Ecke des Raumes. „Ruby, Sie können nicht mit ihm nach oben.“ Ich warf meinem Chef einen verständnislosen Blick zu. „Ich habe Privilegien auf der Unfallchirurgie-Station, Blaine.“ Er schüttelte den Kopf, beugte sich zu mir herab und flüsterte: „Sie sind doch schon jetzt ein Nervenbündel, Ruby. Was tun Sie denn, wenn er uns auf dem OP-Tisch stirbt?“ Seine Worte wirkten auf mich wie eine Ohrfeige. Ich konnte nichts darauf erwidern. Blaine legte mir eine Hand auf die Schulter und sah mich mit einem traurigen Lächeln an. Die Angst nahm mir förmlich den Atem und drückte mich gegen die Wand.

„Bitte, Blaine …“ „Ich tue mein Bestes für ihn“, versprach er mir. Ich wischte mir die Tränen von den Wangen und nickte schließlich zustimmend. Dann rollten sie Tom an mir vorbei. Ich streckte die Hand aus und strich ihm zärtlich über das Gesicht. Blut, Tränen, Angst. Das kam mir irgendwie bekannt vor.

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