Über die Autorin: Sarah Sundin ist Krankenhausapothekerin im Bereitschaftsdienst und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Nordkalifornien. Ihr Großonkel war mit der 8. US-Luftflotte in England stationiert. Sundin hat an der UCLA Chemie studiert und an der University of California in San Francisco in Pharmazie promoviert. In ihrer Gemeinde engagiert sie sich in der Sonntagsschularbeit und leitet Bibelgruppen für Frauen.
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 978-3-86827-455-4 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2011 by Sarah Sundin Originally published in English under the title Blue Skies Tomorrow by Revell, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, USA All rights reserved. German edition © 2014 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Julian Müller Original cover design by James W Hall, JWH Graphic Arts Cover Photography by Steve Gardner, Pixelworks, and iStock © shutterstock.com / Victor Torres Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH / Christian Heinritz Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Printed in Czech Republic www.francke-buch.de
Kapitel 1 Antioch, Kalifornien Mittwoch, 1. März 1944 Helen Carlisle lief die G Street hinunter und gab sich Mühe, bekümmert auszusehen. Es gab Tage, an denen ihr diese zur Schau gestellte Trauer leichter fiel, aber das war sie ihrem Sohn nun einmal schuldig. Sie hievte den zweijährigen Jay-Jay auf ihrer Hüfte etwas höher und sog die frische Brise ein, die von der Bucht von San Francisco ins Sacramento River Delta wehte. Die Luft war vom Regen gereinigt und roch nach frischem Gras. Mit einem Hüftstoß öffnete sie die Tür zu Dellas Boutique und ließ ihre Notizbücher auf den Tisch am Eingang fallen. Aus einem schwarzen Bilderrahmen lächelte Jim Carlisle sie an – groß, schlank und in der schicken blauen Uniform der Navy. Der Held der Kleinstadt. Ob er diese Uniform getragen hatte, als sein Zerstörer vor Guadalcanal von einem japanischen Torpedo getroffen worden war? Helen küsste ihre Fingerspitzen und drückte sie auf das kalte Glas über Jims Gesicht. Dann ließ sie den Blick durch das Geschäft schweifen, aber ihre Schwiegereltern waren nirgendwo zu sehen. Als aus dem Hinterzimmer Schritte erklangen und der Vorhang schwungvoll zur Seite geworfen wurde, wiederholte sie die Prozedur schnell und hob das Bild dann für ihren Sohn hoch. „Gib Daddy einen Kuss.“ Jay-Jay patschte sich das Händchen auf den Mund, woraufhin irgendetwas knirschte, und gab den Kuss an den Vater weiter, an den er sich nicht erinnern konnte. Es knirschte? Jay-Jays eines Bäckchen sah voller aus als sonst. „Schätzchen, was hast du da im Mund?“ Der Kleine schüttelte die blonden Locken und presste die Lippen aufeinander. „Lass Mama mal sehen.“ Helen hockte sich hin, setzte sich den Jungen auf den Schoß und versuchte, seinen Mund zu öffnen. Jay-Jay heulte auf und schlug mit seinen Ärmchen nach ihr. 5
„Bitte, Jay-Jay!“ Ihr wurde übel. Auf seiner Zunge lagen schleimiggraue Stücke. Dabei hatte sie ihn nur einen Augenblick abgesetzt, einen kurzen Augenblick, während sie das Plakat mit dem aktuellen Spendenbarometer ins Schaufenster der Rotkreuzfiliale gehängt hatte. „Was machst du da mit meinem Enkel?“ Della Carlisles Stimme klang hart und unnachgiebig. „Er ... er hat eine Schnecke im Mund.“ Helen zog ein Taschentuch aus ihrem Kleid, holte die Überreste vorsichtig heraus und versuchte, sich nicht an den scharfen Zähnchen zu verletzen. „Eine Schnecke? Um Himmels willen! Hat dir deine Mommy nichts zu essen gegeben?“ „Doch, natürlich. Schnittchen mit Schinken, einen Apfel und Milch.“ Jay-Jay wand sich aus ihren Armen. „Gamma!“ Mrs Carlisle hob ihn hoch. „Komm, wir gucken mal, ob deine Grandma etwas hat, was kleinen Jungs wirklich schmeckt.“ Helen seufzte und stand auf. Mrs Carlisle hatte ein einzigartiges Geschick dazu, immer genau dann anwesend zu sein, wenn Helen ein Fehler unterlief. Sie knüllte das Taschentuch vorsichtig zusammen und nahm sich vor, es nach ihrer Schicht auszuwaschen. „Da ist ja mein Goldjunge.“ James Carlisle kam mit dem gleichen schwungvollen Schritt aus dem Lager, den sein Sohn einst gehabt hatte. In einer fließenden Bewegung schnappte er sich Jay-Jay aus Mrs Carlisles Armen und nahm ihn Huckepack. „‚Hoppe, hoppe, Reiter, wenn er fällt, dann schreit er. Fällt er in die Hecken, isst der Kleine Schnecken!‘ Ist doch nicht schlimm. Dreck reinigt den Magen.“ Mrs Carlisle zog sich ins Lager zurück. Jay-Jay juchzte vor Freude, als sein Großvater mit ihm um einen Kleiderständer galoppierte. Helen freute sich über die Zuneigung, die zwischen dem alten Mann und seinem Namensvetter bestand. „Mrs Carlisle kann gerne nach Hause gehen, wenn sie möchte. Ich bin bis um eins hier.“ „Bis um drei.“ Sofort dachte Helen an die Notizbücher am Eingang, in denen sie unter anderem ihren heutigen Tagesplan schriftlich festgehalten hatte. „Ich kann leider nur eine Stunde bleiben. Ich muss mit Mrs Novak das Frühlingsteekränzchen besprechen, die Spende fürs Rote Kreuz einzah6
len und die Strickmuster zu Dorothy bringen, damit sie Socken für die Soldaten stricken kann. Um halb vier kommen dann die Rotkreuzkinder ...“ James Carlisle lachte auf. „Und ich muss die Mieten eintreiben und zur Vorstandssitzung in der Bank. Um drei. Familie geht vor.“ Er schnaubte und trabte weiter. Wie könnte sie sich ihm widersetzen? Ihr Haus gehörte ihrem Schwiegervater und er ließ sie mietfrei wohnen, solange sie stundenweise im Geschäft aushalf. Außerdem kam sie für wenig Geld an gute Garderobe. Helen zog die Kassenschublade auf und stellte derweil im Kopf ihren Tagesplan um. Mrs Novak und Dorothy würde sie dann wohl heute Abend aufsuchen müssen. Das Frühlingskränzchen musste schließlich geplant werden. Jay-Jays Locken hüpften bei jedem Schritt seines Großvaters. Das taten sie auch immer, wenn Helen mit ihm tanzte. Aber heute Abend würden das Tänzchen und die Gutenachtgeschichte wohl ausfallen müssen. „Mama, Mama!“ Jay-Jays fröhliches Lachen vermischte sich mit dem Klang der Türglocke. „Habe ich doch richtig gesehen.“ Victor Llewellyn trat mit kurzen, präzisen Schritten an die Theke. Immerhin war dank der Navy seine gebeugte Haltung verschwunden. „Hallo Vic. Hab gehört, dass du in der Stadt bist.“ Sie reichte ihm freundschaftlich die Hand über die Theke. Er griff danach, beugte sich vor und küsste Helen auf die Wange. „Wie geht es meiner Zukünftigen?“ „Woher soll ich das wissen? Ich kenne sie ja nicht.“ Hilfe! Fing er jetzt wieder damit an? Sie wollte diese unschöne Episode aus der Highschool nicht noch einmal wiederholen. „Ich habe gehört, die Navy hat dich nach Port Chicago versetzt.“ „Das Büro des Militärstaatsanwalts hat mich zum Verbindungsoffizier ernannt. Nicht gerade die beste Stellung, aber für den Anfang ...“ „Dort wird Munition verladen, oder?“ „Ja. Und meine Aufgabe ist es, Spannungen unter den Männern abzubauen. Die sind nämlich alle schwarz und die Offiziere sind alle weiß. Ich habe schon viele Beschwerden bekommen, und das zu Recht: fehlende Pausen, schlechte Arbeitsbedingungen, unfaire Arbeitsplatz7
verteilung. Da muss ein Collegeabsolvent Munition verladen, stell dir vor. Wäre er weiß, wäre er Offizier. Tja. Das ist unsere Navy.“ Helen lächelte Vic verständnisvoll an. Seine Haare und Augen waren braun wie Jod. „Aber eigentlich ist es langweilig.“ Er verschränkte die Arme. „Könnte zur Abwechslung mal ’nen kleinen Mord vertragen“, sagte er mit einem Augenzwinkern. Helen lachte. College, Jurastudium, Navy ... Vic war selbstbewusster geworden. „Oder eine Sekretärin.“ „Ach?“ „Ich bin autorisiert worden, eine Zivilistin anzustellen. Interesse?“ „Oh ja. Ich bin hier ja auch nur beim Roten Kreuz, dem Women’s Club, dem Frauenkreis und dem Jugendrotkreuz und schmeiße nebenher den Haushalt. Ich habe jede Menge Zeit.“ „Schade.“ Vic wurde ernst. „Hat Mr Carlisle dir gesagt, dass ich mit ihm gesprochen habe?“ „Gesprochen? Worüber?“ Helens Blick wanderte zu dem silberblonden Schopf ihres Schwiegervaters zwischen den Kleiderständern hinüber. Mr Carlisle kam ohne Jay-Jay auf sie zu. „Hast du sie gefragt?“ „Noch nicht. Hast du ihr nicht Bescheid gesagt?“ „Ich dachte, du ...“ „Mir was gesagt?“, ging Helen unwirsch dazwischen. Die beiden Männer sahen sich an. Vic nickte Mr Carlisle zu. „Du solltest es ihr sagen.“ Mr Carlisle schob das Kinn vor und sah Helen an. „Also schön. Es ist Zeit, dass du an deine Zukunft denkst. Um Jay-Jays willen. Natürlich wirst du nie aufhören, um Jim zu trauern ...“ Helen vernahm ihr Stichwort, zog den Kopf ein, sortierte die Pennys in der Kassenschublade und ließ ihre Augen feucht werden. „Natürlich wirst du das nie tun“, wiederholte Mr Carlisle mit fester Stimme. „Aber das ist nun über ein Jahr her. Du musst an den Jungen denken. Er braucht einen Mann im Haus. Es wird langsam Zeit, dass du wieder ausgehst.“ Helens Blick schnellte zu ihrem Schwiegervater hoch. Glaubte er etwa, dass sie als zweiundzwanzigjährige Frau dafür noch eine Erlaub8
nis brauchte? Aber dann rauschte eine eigenartige Gefühlswelle über sie hinweg: Freude über die Freiheit und Angst vor dem Ungewissen. „Tut mir leid, Helen.“ Auf Vics Stirn formte sich ein V, passend zu seinem Namen. „Ich wollte dir eigentlich Zeit geben, darüber nachzudenken.“ „Ist schon okay.“ Wieso hatte sie das nur gesagt? Natürlich brauchte sie Zeit. „Wie wäre es mit Freitagabend?“ Helen stürzte zum Ständer mit den neuen Frühlingskleidern. Ihr linker Fuß, der polioruinierte Schwächling, hing herab und sie wandte ihre Balletttechniken an, um ihn zum Gehorchen zu bringen. „Ich ... ich kann nicht, Vic. Ich kann nicht.“ Er nickte, als würde er es verstehen, kaute aber schmollend auf seiner Lippe ... wie damals, als sie sich für Jim entschieden hatte. Mrs Carlisle kam emsig aus dem Lager. „Helen, guck mal, was ich letztens ... oh! Lieutenant Llewellyn, was für eine nette Überraschung.“ „Danke, Mrs Carlisle. Ich wollte Helen einen Besuch abstatten.“ „Ich sollte ein Stoffmuster für Ihre Mutter fertig machen. Das können Sie ihr doch geben, oder? Ach ...“ Sie sah auf den Gegenstand in ihrer Hand und dann in Richtung Lager. „Hach ...“ „Ich kann warten.“ Vic zog seine blaue Uniformjacke zurecht. „Was haben Sie denn da?“ „Das ist für Jay-Jays Daddy-Buch.“ Mrs Carlisle strich liebevoll darüber. „Ich ... ich habe gestern Jimmys Zimmer aufgeräumt. Und das steckte hinter der Schublade im Schreibtisch. Ihr wisst doch, wie impulsiv Jimmy sein konnte. Er hat es wohl vergessen, jedenfalls hat er es mir nie zum Annähen gegeben.“ „So?“ Helen tat es ihrer Schwiegermutter gleich und ließ ihre Stimme beben. Mrs Carlisle reichte Helen den Stoffstreifen. „Sein Pfadfinderabzeichen. Für Camping, Lagerfeuer oder so.“ Auf dem runden Stoffabzeichen formten sich gelbe, orangefarbene und rote Fäden zu einer Flamme. Helens Hand schloss sich um die glatte Narbe in ihrer Handfläche und Tränen schossen ihr in die Augen. „Der Junge war so ein eifriger Pfadfinder, immer aktiv, immer unterwegs ... du hast doch ein Foto von Jimmy in seiner Pfadfinderkluft im Album, oder?“ 9
Helen nickte. Warum halfen die Tränen nicht gegen den Schmerz? Arbeit – sie musste arbeiten. Das war die einzige Abhilfe gegen Schwäche, gegen Schmerz. „Ich ... ich muss ...“ „Ich gehe dann mal“, meinte Vic. „Port Chicago ist ja nicht weit weg. Wir sehen uns.“ Helen richtete ihren verschwommenen Blick auf sein resigniertes Gesicht. Ob eine neue Beziehung helfen würde? Sie war durchaus bereit das herauszufinden – aber nicht mit Vic. „Bis dann.“
*** Luftwaffenstützpunkt Pyote Pyote, Texas Lt. Raymond Novak sah aus dem rechten Cockpitfenster der Fliegenden Festung und betrachtete den schlanken Aluminiumflügel, der die Luft zerschnitt. „Feuer an Motor drei.“ „Was?“ Lieutenant Flynn beugte sich vor, um an Ray auf dem Kopilotensitz vorbeizusehen. „Feuer? Ich sehe nichts.“ „Ist ja auch ein Übungsflug.“ Flynn schlug mit dem Hinterkopf gegen das Polster. „Ach kommen Sie, den Teil habe ich doch längst bestanden. Das hier ist eine Bombardierung aus großer Höhe. Rauf, die blaue Bohne abwerfen und wieder heim.“ Die blau angemalte Übungsbombe hatte gewaltige Sand- und Staubfontänen aufgewirbelt, aber Ray war noch nicht fertig. Er lächelte seinen Schüler an. „Sie haben wohl einen Spaziergang erwartet? Keine Flak, keine Jäger, keine Probleme?“ Flynns Augenlider flackerten. „Wir sind in Texas.“ „Ja, und Motor drei geht gerade in Flammen auf.“ Flynn fluchte in seine Gasmaske hinein. „Ich weiß, wie man mit Feuer umgeht.“ „Gut. Dann wird ja alles glattgehen heute.“ Er verbannte jeglichen Humor aus seiner Stimme. „Sie sind bald im echten Feuergefecht. Mein Job ist es, Sie darauf vorzubereiten.“ Trotz der vier dröhnenden Motoren war Flynns Kommentar nicht zu überhören: „Und der Blinde führt den Lahmen.“ 10
Rays Griff um das Steuerrad wurde fester. Ein Feigling. Dafür hielt ihn Flynn und alle anderen taten das auch. Er hätte gleich aufs Predigerseminar gehen sollen. Die silbernen Schwingen waren ohne Gefechtsabzeichen nichts mehr wert. Vier Jahre lang hatte Ray seinen Traum, Pastor zu werden, auf Eis gelegt. Er hatte die Uniform der Army Air Force angezogen, Hunderte von Piloten ausgebildet und zugesehen, wie Ausbilderkollegen in einem Feuerball explodierten. Aber er galt als Feigling, weil er nicht an der Front war. Schwachsinn! Und doch: Wie konnte er Männer für Situationen schulen, in denen er selbst nie gewesen war? Wie viele hatte er aufs Töten und auf ihren eigenen Tod vorbereitet? Ray seufzte. Auf jeden Mann im Gefecht kamen Dutzende, die hinter den Kulissen aktiv waren. Waren sie etwa weniger wichtig? Waren sie Feiglinge? Nein! Also war er auch keiner. Er versuchte das nagende Gefühl abzuschütteln, aber es gelang ihm nicht. „Feuer in Motor drei, Flynn. Der Flügel ist in Gefahr. Was tun Sie?“
*** „Rühren, Lieutenant Novak.“ „Ja, Sir.“ Ray setzte sich vor dem Schreibtisch seines Vorgesetzten, Colonel Beckett, auf einen Stuhl. Der Kommandeur zupfte an seiner olivbraunen Uniformjacke und schloss damit zumindest zeitweise die Beulen zwischen den Knöpfen. Er räusperte sich und schob ein paar Papiere auf seinem Schreibtisch zurecht. Ray öffnete den Reißverschluss seiner Fliegerjacke und betrachtete den Offizier, dessen ausgedünntes schwarzes Haar, die schlaffen Wangen, seine ausdruckslose Miene. Warum hatte er ihn herbeizitiert? Wollte er seine Meinung über Flynn hören? Die anderen Ausbilder hatten wohl die Geduld mit ihm verloren. Colonel Beckett setzte ein künstliches Lächeln auf, das seine Augen nicht erreichte. „Ich habe gute Neuigkeiten für Sie.“ Gute Neuigkeiten? Nicht mit dem Gesicht. Dr. Jamison hatte so geguckt, als er Ray eröffnet hatte, er brauche künftig nicht mehr zum 11
Sport gehen – weil sein Bein gebrochen sei. Dolores Eaton hatte so geguckt, als sie ihm gesagt hatte, er müsse ihren extravaganten Geschmack künftig nicht mehr finanzieren – weil sie die Verlobung löse. Ray strich über seine Hosenbeine und legte die Hände auf seine Knie. „Neuigkeiten?“ „Sie wissen doch, wie es mittlerweile in der oberen Etage aussieht. Sie sind schießlich schon eine ganze Weile als Fluglehrer dabei, oder?“ „Ja, Sir. Über vier Jahre.“ „Vier Jahre. Vier Jahre.“ Colonel Becketts wurstige Finger blätterten durch die Akten. „Richtig. Fortgeschrittenentraining auf dem Kelly Field, Umgewöhnung auf die B-17 und jetzt hier im Ersatztruppenzentrum. Sie müssen doch darauf brennen, endlich hier rauszukommen.“ Raus? Bis der Krieg vorbei war, gab es nur drei Wege nach draußen: unehrenhafte Entlassung, Ausmusterung aus medizinischen Gründen und Tod. So sehr er das Soldatenleben auch hasste, vor diesem Hintergrund wollte Ray lieber bis zum Ende dabeibleiben. Der Colonel schob den Papierstapel zusammen. „Tausende von Piloten sind nach ihrer Einsatzrunde an der Front nach Hause zurückgekehrt. Wir wollen ihre wertvollen Erfahrungen nutzen.“ „Ja, Sir. Manche von ihnen werden hervorragende Fluglehrer sein.“ Und andere überhaupt nicht. „Freut mich, dass Sie das auch so sehen.“ Das künstliche Lächeln kehrte zurück. „Dann verstehen Sie sicher, dass es ab sofort Voraussetzung für alle Pilotenausbilder ist, Gefechtserfahrung zu haben.“ Ray knüllte den Wollstoff seiner Hose über den Knien zusammen. „Alle?“ „Sie sind doch aus Kalifornien. Antioch – das musste ich erst einmal auf der Karte suchen. Ich habe einen Traumjob für Sie im Luftwaffendepot von Sacramento. Ihren neuen Kommandeur habe ich schon überzeugt, dass Sie am Wochenende Freigang bekommen. Wie gefällt Ihnen das? Essen zu Hause, fischen, das Mädchen von nebenan?“ Das Mädchen von nebenan war neun. „Und was genau würde ich da machen ... im Luftwaffendepot?“ „Versorgungsoffizier. Besser geht’s nicht. Keine gefährlichen Flüge, keine aufmüpfigen ...“ „Kein Fliegen mehr? Sir, ich liebe das Fliegen. Ich bin gerne Ausbilder. Von Versorgung habe ich doch keine Ahnung.“ 12
„Das lernen Sie schon. Wird Ihnen alles beigebracht. Ist ein Traumjob.“ „Versorgungsoffizier?“ Eine Lagerhalle mit Kisten, Formulare in dreifacher Ausfertigung, ein riesiger Papierberg – was konnte schlimmer sein? Beckett steckte Rays Akte in einen Ordner. „Seien wir doch mal realistisch. Sie können nur als Ausbilder weitermachen, wenn Sie eine Runde Einsätze an der Front fliegen. Und Sie sind wie alt? Einunddreißig? Da wollen Sie doch nicht mehr in den Krieg ziehen.“ „Nein, Sir“, erwiderte Ray durch die zusammengebissenen Zähne. Der Luftkampf an der Front wäre tatsächlich noch schlimmer als eine Lagerhalle. „Die Ausbilderposten sind als Belohnung für die Helden gedacht. Aber es können nun mal nicht alle von uns Helden sein.“ „Nein, Sir.“ Ray war den Stich ins Herz gewohnt. Er war der Einzige der drei Novaks, der kein Held war. Jack, sein jüngerer Bruder, hatte während des Angriffs auf Pearl Harbor mit einer Fliegenden Festung Widerstand geleistet und flog nun für die 8. US-Luftflotte in England. Walt, der Jüngste, hatte seinen Arm im Luftkampf gegen die Nazis verloren. Und Ray? Ray versteckte sich auf einem Ausbildersessel. Nein, in einer Lagerhalle. Colonel Beckett legte Rays Akte in eine Schreibtischecke. Sein Schicksal war besiegelt. Ray stand auf, machte auf dem Absatz kehrt und ging nach draußen. Er zog sein kleines Ledernotizbuch aus der Brusttasche und schrieb „Niemals lächeln, wenn du schlechte Nachrichten überbringst“ hinein. Vielleicht konnte er diese Geschichte irgendwann in einer seiner Predigten verwenden. Er sah zum Himmel, von dem man ihn soeben heruntergeschossen hatte – ohne Fallschirm. Feine Federwolken zogen Bremsstreifen über das klare Blau. „Herr, hilf mir, irgendetwas Gutes daran zu entdecken.“ Er brauchte irgendeinen Silberstreifen am Horizont. Aber im Augenblick sah die Realität grau und trüb aus.
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Kapitel 2 Antioch Freitag, 10. März 1944 Während Helen die Sixth Street hinunterradelte, trat sie mit dem linken Bein stärker in die Pedale als mit dem rechten. Es musste für seine Schwachheit bestraft werden, so hatte sie es auf der Kinderlähmungsstation und im Ballettunterricht bei Madame Ivanova gelernt. Sie war bereits bei der Bank gewesen, im Lebensmittelgeschäft und im Rotkreuzbüro. Antioch hatte in diesem Monat erst eintausend Dollar für das Rote Kreuz gespendet, es war also noch ein langer Weg bis zum Ziel von zehntausend Dollar. Helen musste bei den Frauen dringend Werbung machen. Jetzt würde sie aber erst einmal die Socken von Dorothy Wayne abholen, mit Mrs Novak den geplanten Frauenkreis abstimmen und dann Jay-Jay bei ihrer Schwester abholen. Ein plötzlicher Windstoß riss Blüten vom Pflaumenbaum der Fergusons und ein blassrosa Regen ging auf Helen nieder. Auch wenn sie Gefahr lief, genauso herzlos zu wirken wie die Witwe Scarlett O’Hara, die in Vom Winde verweht in Trauerkleidung übers Tanzparkett flog, ließ Helen ein fröhliches Lachen aus sich heraussprudeln. Jetzt, wo ihr die Carlisles neue Männerbekanntschaften ausdrücklich erlaubt hatten, würde sie das enge Witwenkorsett bestimmt irgendwann loswerden, wie ihrerzeit die verhasste Beinschiene. Natürlich waren Männer während des Kriegs Mangelware. Wie hieß noch das Lied? „They’re Either Too Young or Too Old“ – sie sind entweder zu jung oder zu alt. Oder sie hießen Victor Llewellyn. Blätter streiften ihr Gesicht. Helen rollte einen kleinen Abhang hinunter, streckte die Beine vom Fahrrad und lachte. Wieso auch nicht? Niemand konnte sie hören. „Schöner Tag heute, was?“ Helen zuckte zusammen. Auf der anderen Straßenseite lief ein Offizier. Ray Novak legte die Hand an die Mütze. „Hallo Helen.“ 14
„Hi.“ Sie nahm eine Hand vom Lenker. Sollte sie winken? Salutieren? Das Fahrrad fing an zu taumeln. Nein, sie sollte lenken. Helen griff nach dem Lenker und suchte mit den Füßen die Pedale, aber da verschwammen Himmel, Asphalt und Zweige schon miteinander. Erst gab ihr verräterisches linkes Bein nach, dann ihr linkes Handgelenk und sie krachte mitsamt Fahrrad zu Boden. Nur die jahrelange Erfahrung erstickte ihren Schrei. Krüppelmädchen Helen, hässlich wie die Nacht. Ecken, Stufen, Stolperstellen, wieder ist sie hingekracht. Helen stöhnte, wischte sich die blonden Haare aus dem Gesicht und zog ihren Rock zurecht. Schritte eilten herbei. „Alles in Ordnung?“ Ray zog das Fahrrad beiseite und reichte ihr die Hand. „Es geht mir gut.“ Die Berührung seiner starken Hand schickte eine kleine Gänsehaut über ihren Arm, wie zu Kindertagen, als sie in ihn verschossen gewesen war. Als sie aufstand, stolperte sie und verlor halb ihren Schuh. Ray fing sie am Ellbogen auf. „Vorsicht.“ „Danke.“ Sie drückte ihre Ferse wieder in den Espadrille und sah in Rays freundliches Gesicht. Was für ungewöhnliche Augen er hatte – grau und weich wie eine Regenwolke. „Bist du verletzt?“ Ihr linkes Fußgelenk schmerzte. Das Handgelenk pochte. Sie bewegte die Finger. „Meinem Fuß geht es gut. Und das Handgelenk ist nur verstaucht, nicht gebrochen.“ Er schmunzelte. „Da spricht Dr. Jamisons Tochter.“ „Ja, als Dauerpatientin.“ Huch, sie stand viel zu nah neben ihm. Es war zwar weit und breit niemand zu sehen, aber sicherheitshalber trat sie einen Schritt zurück. „Wir sollten dich lieber zu ihm bringen. Ach nein, er wurde in die Sanitätstruppe eingezogen, oder?“ „Mh-hm. Washington D.C. Mom ist mitgegangen.“ „Also zu Dr. Dozier oder Dr. Libbey.“ 15
„Lass nur, es geht mir gut. Außerdem muss ich noch alles Mögliche erledigen, meinen Sohn bei Betty abholen und diese Einkäufe nach Hause bringen.“ „Dieses Gespräch kommt mir doch sehr bekannt vor.“ Er lächelte verschmitzt. „Wie alt warst du? Zehn?“ Helen stand vor Schreck der Mund offen. Der hübsche Collegestudent Ray hatte sie mit einem verstauchten Fuß nach einem Fahrradunfall ins Büro ihres Vaters getragen. Kein Wunder, dass sie damals in ihn verknallt gewesen war. „Oh nein ... Daran erinnerst du dich noch?“ „Natürlich! Wann bringt man schon mal die Tochter des Arztes zum Arzt?“ Ray zupfte ihr Pflaumenblüten aus dem Haar. „Und wie sollte ich das Mädchen mit den Blumen im Haar vergessen?“ Er war so romantisch und sie eine tollpatschige Nuss. Seit Ewigkeiten hatte sie sich nicht mehr wehgetan. Das letzte Mal war am Abend von George und Bettys Hochzeit gewesen. Während Jims letztem Heimaturlaub. Helen wischte die Ärmel und den Rock ihres braunen Kostüms ab. „Wie sehe ich nur aus ...“ „Toll, wenn du mich fragst.“ Es war höchste Zeit, dass sie das Thema wechselten. „Deine Mutter hat mir von deiner Versetzung erzählt. Du hast dich sicher gefreut.“ Ray schnitt eine Grimasse. „Wohl kaum. Ich darf den langweiligsten Acker der Welt pflügen. Kein Fliegen, kein Predigen. Ich suche immer noch nach dem Silberstreif am Horizont.“ Helen hatte es immer gefallen, dass Ray mit ihr wie mit einer Erwachsenen sprach, schon damals, als sie sechs gewesen war. „Du findest ihn bestimmt. Und wenn nicht, stricke ich dir einen.“ Hinter ihr bellte und knurrte es. Sie drehte sich um. Ein Beagle und ein räudiger grauer Terrier spielten mit einem in Papier gewickelten Päckchen Tauziehen. „Meine Koteletts!“ „Hey!“ Ray stürmte auf die Hunde zu, stampfte auf und ruderte wild mit den Armen. „Aus!“ Ein kurzes Jaulen und der Terrier nahm mit dem Fleisch Reißaus. Der Beagle setzte ihm nach. „Blöde Köter.“ Ray rannte hinterher. „Ray, lass nur!“ Helen musste lachen, obwohl sie gerade zwei Rati16
onspunkte verloren hatte. Wenigstens kostete Schwein diesen Monat weniger. „Selbst wenn sie auf dich hören sollten, würde ich es doch nicht mehr wollen.“ Ray drehte sich um und lachte mit. „Du hast recht.“ „Aber trotzdem danke.“ Er kehrte zurück und wiegte den Kopf. „Eigentlich habe ich mich immer für einen Friedensstifter gehalten, aber Hunde sind mit Argumenten schwer zu überzeugen.“ Helen sammelte kichernd ihre Lebensmittel von der Straße auf und hielt eine viereckige Dose hoch. „Wenigstens haben sie mir das Schinkenfleisch gelassen.“ „Psst. Sonst kommen sie wieder.“ Ray stellte ihr Fahrrad auf und klappte den Ständer aus. „Schade um das Fleisch.“ Helen hob ihr Notizbuch vom Frauenkreis auf. „Ach was. Jay-Jay und ich machen uns gar nichts aus Koteletts.“ Ray sammelte eine Suppendose von der Straßenmitte ein. „Warum hast du sie dann gekauft?“ „Es ist Freitag.“ „Und?“ „Freitag ist Koteletttag bei den Carlisles.“ Ray warf die Dose wie einen Baseball in die Luft und kam zurück zum Fahrrad. „Routine tut gut, oder?“ Helen erwiderte seinen verständnisvollen Blick. „Ja, in der Tat.“ Er nahm ihr die Dose mit dem Schinkenfleisch und das Notizbuch aus der Hand und legte beides in den Fahrradkorb. „Du magst zwar kein Kotelett, aber freitags isst du es gern.“ „Stimmt. So habe ich das noch nie gesehen.“ „Wohin geht’s?“ Er griff nach dem Lenker. „Ich werde das Fahrrad schieben. Mit dem Handgelenk darfst du nicht fahren. Außerdem muss der Lenker gerichtet werden.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Wieder mal.“ „Wenigstens kriegst du dieses Mal keinen Ärger mit deinem Vater.“ „Nein, zum Glück.“ „Also, wohin?“ Helen massierte ihr Handgelenk. „Nach Hause, bitte.“ Sie durfte ihn nicht auch noch mit ihren Besorgungen belästigen. Die würde sie später zu Fuß erledigen. Dorothy, Betty, Mrs Novak. Ach, wie dumm! 17
Würde es nicht aussehen, als wäre sie hinter Ray her, wenn sie nachher noch Mrs Novak besuchen würde? „Und dein Zuhause ist ...?“ Helen lachte auf. „Entschuldige. Ich habe vergessen, dass du schon lange nicht mehr hier warst. Ich wohne Seventh Ecke D Street.“ Ray schob das Fahrrad die Sixth Street hinab. „Gibt’s noch mehr feste Routinen?“ Helen überquerte den Rasenstreifen und lief auf dem Gehweg. „Wo soll ich anfangen? Routinen, Pläne, Listen ... ohne sie wäre ich aufgeschmissen.“ „Du scheinst gut organisiert zu sein.“ Helen zuckte die Achseln. „Betty meint ja, ich übertreibe. Sie sagt immer, ich sei Martha und sie Maria.“ Ray grinste. „Und, hat sie recht?“ „Vielleicht. Aber ohne Marthas würde in dieser Welt überhaupt nichts fertig werden.“ „Das stimmt. Wenn wir alle wie Betty wären ... Für mich war sie immer ...“ Er sah zum Himmel, als hoffte er zwischen den Wolken das Ende seines Satzes zu finden. „Ein kleines Klatschmaul?“ Ray lachte. „Na, ihr seid ja gut aufeinander zu sprechen.“ „Wir sind Schwestern. Wir lieben uns.“ „Das ist es: Familienbande. Liebe.“ Ray lehnte das Fahrrad gegen sich selbst und griff in seine Brusttasche. „Entschuldige. Ich muss kurz etwas aufschreiben.“ „Ich wusste gar nicht, dass ich Zitierwürdiges von mir gebe.“ Er warf ihr einen Blick zu und lächelte kurz. „Eine dumme Angewohnheit von mir.“ „Wieso dumm? Wenn du eine gute Idee hast, solltest du sie lieber aufschreiben, bevor du sie wieder vergisst.“ „Ja, aber das sind Predigtideen. Und so, wie sich der Krieg entwickelt, komme ich in den nächsten Jahren vermutlich gar nicht zum Predigen.“ Helen stellte sich immer wieder auf die Zehenspitzen, machte das Relevé, eine kleine Übung aus dem Ballett, um ihre Waden zu stärken. „Dann lohnen sich die Notizen doch noch mehr. Als Soldat erlebst du Dinge, die du sonst nie erlebt hättest. Wenn der Krieg vorbei ist, hast du eine riesige Fundgrube.“ 18
Ray sah auf und erwischte sie im vollen Relevé. Langsam ging sie wieder auf die Fersen hinunter. Unentwegt blickte er sie an und steckte derweil sein Notizbuch weg. „Dolores war anderer Meinung.“ Dolores. Helen kannte die Geschichte, die sich hinter diesem Namen verbarg, und sie gefiel ihr überhaupt nicht. Wie hatte diese Frau nur die Verlobung lösen und diesem tollen Mann das Herz brechen können? „Das verstehe ich nicht. Du bist doch Pastor. Das warst du schon als junger Mann. Du hast mich besucht, als ich krank war und hast mir Mut gemacht, als ich wieder ... wieder laufen gelernt habe. Außerdem darf man doch nicht aus der Übung kommen, oder?“ Ray schob das Fahrrad um die Ecke auf die D Street. „Ja, die Übung ... aber irgendwie steckt noch mehr dahinter. Manchmal habe ich das Gefühl, ich verschrumple innerlich und gehe ein, wenn ich nicht jeden Tag einen Stift auf Papier setzen kann. Das hört sich komisch an, ich weiß.“ „Überhaupt nicht. Es steckt dir nun mal im Blut.“ „Es steckt mir im Blut.“ Ray sah nachdenklich in die Baumkronen. „Da ist was Wahres dran.“ „Man darf so etwas nicht unterdrücken. Ich habe das jahrelang versucht.“ Ray sah sie fragend an. Helen kaute auf ihrer Lippe. „Jim ... na ja, Jim wollte mich ganz für sich haben, also habe ich die Ehrenämter aufgegeben. Aber sie haben mir gefehlt. Ich war nicht ich selbst ohne Planungstreffen, Komitees und etwas, das meinem Leben Sinn gab. Nicht, dass Frau und Mutter sein sinnlos ...“ „Aber du hast unterdrückt, was dir im Blut steckt.“ Helen seufzte. „Genau. Und als Jim dann gefallen ist, habe ich wieder damit angefangen und war froh.“ Oh nein, ihre Stimme hatte nicht gebebt, nicht ein bisschen. Ray sah nicht schockiert aus. „Ist doch gut. Mom erzählt mir immer, wie viel Gutes du für die Kirche tust, für das Rote Kreuz ... und bestimmt weiß ich nur die Hälfte.“ Helen blieb vor ihrem kleinen cremefarbenen Häuschen stehen. „Wir sind da.“ Sie führte ihn die Einfahrt zur Garage hinauf, die schräg neben dem Haus stand. Ray stellte das Fahrrad auf den Ständer und zog die Garagentür auf. „Wir brauchen nur kurz eine Zange.“ 19
„Lass nur. Das kann doch mein Schwager ...“ „Dauert nicht lange.“ Er wühlte sich durch das Chaos auf der Werkbank. Helen nahm derweil den Fahrradkorb ab. „Warte, lass mich das nehmen“, ging er dazwischen. „Du darfst nichts Schweres tragen.“ „Geht schon. Es tut nicht mehr weh.“ Vom Schmerz im Handgelenk war nur noch ein warmes Gefühl geblieben, das nicht der Rede wert war. Wortlos löste Ray den letzten Riemen und trug den Korb zum seitlichen Hauseingang, der direkt in die Küche führte. „Nein, wirklich. Ich mach das.“ Sie folgte ihm, so schnell ihr verstauchter Fuß es zuließ. Was, wenn ihn jemand sah? „Bitte, Ray. Lass mich das machen.“ „Die Novaks sind ein stures Völkchen, wusstest du das nicht?“ Er stieg die drei Stufen hinauf und trat über die Schwelle. Helen klammerte sich an das Geländer und wagte es nicht zu atmen. Hatte ihn jemand gesehen? Mrs Llewellyn von gegenüber konnte doch nichts für sich behalten. „Auf die Anrichte, ja?“ Helen füllte ihre Lunge mit Luft, setzte ein Lächeln auf und ging in die Küche. „Ja.“ Ray leerte den Korb. „Muss irgendwas davon in den Eisschrank?“ „Nicht mehr“, gab Helen zurück und freute sich über ihren kessen Ton. Jetzt war es auch egal. Das Küchenfenster ging außerdem nach hinten raus. „Blöde Hunde.“ Ray drehte sich zu ihr um. „Was gibt’s denn bei dir zum Abendbrot?“ Helen hob mit einem koketten Lächeln das Schinkenfleisch und die Tomatensuppe hoch. Wenn sie jetzt noch ihre gerüschte Schürze angehabt hätte, hätte man sie glatt auf dem Titelbild der Good Housekeeping abbilden können. „Alles schon fertig.“ Ray nahm ihr fast zärtlich die Dosen aus der Hand. „Ich habe da eine bessere Idee.“
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Kapitel 3 Aus den Töpfen auf dem Herd stiegen wohlriechende Dampfwolken auf. Rote Ginganvorhänge hingen am Fenster. Draußen wiegten sich die mit Blüten besetzten Äste des Nektarinenbaums. Dieses Jahr würde Ray bei der Ernte dabei sein. „Dein erster Abend zu Hause und schon Gäste.“ Mom schnalzte mit der Zunge und schälte eine weitere Kartoffel, aber ihre Wangen verrieten, dass sie lächelte. Ray lehnte sich an den Küchenschrank. „Die Hunde haben ihr das Essen geklaut. Ich dachte, das wäre das Richtige.“ Seine Mutter murmelte Zustimmung. Kartoffelschalen sprangen vom Schäler und landeten mit akrobatischen Flugeinlagen im Müll. Ray griff in die blaue Glasschüssel und steckte sich eine Erdbeere in den Mund. Er genoss den starken Kontrast zwischen weicher Haut und harten Samen, bis er der Versuchung nicht länger widerstehen konnte. Mit der Zunge zerdrückte er die Beere am Gaumen und eine perfekte Mischung aus Süße und Säure floss heraus. Mom schnitt die Kartoffel in Viertel und warf sie in den Topf. „Helen sagte, sie habe etwas zu besprechen?“ Widerwillig schluckte er die Beere hinunter. „Irgendwas wegen des Frauenkreises.“ „Sie ist so fleißig.“ Mom spülte den Spargel ab und warf Ray einen vielsagenden Blick zu. „Und zudem attraktiv und zu haben.“ Ray stocherte lächelnd in der Erdbeerschale. „Ich stehe über solchen oberflächlichen Überlegungen.“ Mom zog ihm die Schale weg. „Lass noch ein paar für die arme Witwe Carlisle übrig!“ Ray lachte. „Das klingt, als wäre sie eine alte Dame.“ „Nein, sie ist jung. Sehr jung. Aber sie ist Witwe und das dürfen wir nicht vergessen. Helen und Jim ... du hast das nicht miterlebt, aber die beiden hatten nur noch Augen füreinander. Du weißt doch, wie sehr sich die Carlisles manchmal abschotten. Helen trauert immer noch um ihn.“ 21