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Über die Autorin: Lisa Wingate arbeitet als Journalistin, Kolumnistin, Rednerin und Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Texas.

Kapitel 1 Wer das Glück hat, am See zu sein, hat wirklich Glück! (Schild am Ortseingang von Moses Lake)

• Andrea Henderson Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86827-453-0 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2011 by Wingate Media LLC Originally published in English under the title Larkspur Cove by Bethany, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, USA All rights reserved. German edition © 2014 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Silvia Lutz Umschlagbild: © shutterstock.com / Anna Demjanenko Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH / Christian Heinritz Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck und Bindung: CPI Moravia Books Pohorelice www.francke-buch.de

Wer das Glück hat, am See zu sein, hat wirklich Glück! Dieses Motto ist einladend auf den Schildern am Ortsrand der verschlafenen texanischen Kleinstadt Moses Lake, die idyllisch an einem See liegt, eingraviert. Die Buchstaben, die mit goldener Farbe sauber ausgemalt sind, leuchten wie eine himmlische Verheißung in der Sonne. Oder wie eine göttliche Farce, je nachdem, wer sie liest. Wenn man zu einem Termin unterwegs ist, den man nicht verpassen darf, sich auf einer abgelegenen Straße verfahren und zu allem Überfluss noch einen platten Reifen bekommen hat – dann möchte man nicht gerade von Glück sprechen. Selbst, wenn Wasser in der Nähe ist. Das einzige Gefühl in einer solchen Situation, abgesehen von nackter Panik, ist der unangenehme Eindruck, irgendwie Ähnlichkeit mit dieser Straße zu haben. Das Gefühl, genauso zu sein wie sie: mit tiefen Furchen, Schlaglöchern, Rissen und Narben versehen, irgendwo mitten in der Wildnis und in die völlig falsche Richtung unterwegs. Wenn ich mir früher die zweite Hälfte meines vierten Lebensjahrzehnts vorgestellt hatte, malte ich sie mir immer so aus, dass ich wie eine Familienkutsche durchs Leben rollen würde. Auf einer modernen Autobahn, gewiss nicht in Moses Lake, aber irgendwo in einer schönen Gegend. Das war ein angenehmes Bild gewesen. Das Problem ist jedoch, dass das Leben ähnlich verläuft wie eine Reise. 5


Man fährt Kilometer für Kilometer, aber jeder Kilometer wird vom vorherigen bestimmt. Es ist schwer, am Ende dort anzukommen, wo man es geplant hat, wenn die Straßenkarte lückenhaft ist. Und je genauer du hinschaust, umso mehr erkennst du, dass es schon die ganze Zeit über Lücken gab. Und dir wird klar, dass du völlig vom Weg abgekommen bist. Und was jetzt?, wäre in einem solchen Moment eine logische Frage, die du an eine höhere Instanz stellst. Aber das Problem bei diesen Fragen ist, dass du die am nächsten liegende Antwort bereits weißt. Du stellst diese Frage nur, weil dir deine eigene Antwort nicht gefällt. Du willst, dass dir jemand eine andere Antwort gibt. Ich stellte mir vor, wie ich wohl nach außen hin wirkte, als ich mitten im Nirgendwo auf einer holprigen Schotterstraße stand – eine durchschnittliche Frau mit braunen Haaren und braunen Augen, in einem neuen Hosenanzug und schönen Schuhen, die zum Himmel schrie: „Kann denn dieser Tag noch schlimmer kommen? Kann diese Woche, dieses Jahr, irgendetwas noch schlimmer kommen?“ Natürlich gab es Schlimmeres, als irgendwo im Wald festzusitzen und dabei meine ersten Hausbesuchs-Termine zu verpassen. Aber in Anbetracht meiner so gut wie nicht vorhandenen Berufserfahrung konnte ich von Glück sagen, dass ich überhaupt eine Stelle als Familientherapeutin bekommen hatte. Auch, wenn das bedeutete, dass ich irgendwelche Nebenstraßen und holprigen Wege entlangfahren musste, um Familien zu betreuen, die mitten in der Pampa wohnten. Es war wenigstens ein Anfang, und ich konnte es mir nicht leisten, diese Stelle zu verlieren. Ich musste weiterfahren, egal wie. Mein Handy gab einen abgehackten, schwachen Klingelton von sich. Irgendwie wusste ich, dass es keine der Abschleppfirmen war, denen ich auf den Anrufbeantworter gesprochen und eine Wegbeschreibung gegeben hatte, die in etwa so lautete: An dem gespaltenen Baum abbiegen und an dem stinkenden Schweinehof mit dem Zaun aus gestohlenen Straßenschildern vorbeifahren. Dann immer weiterfahren, bis man etwas überquert, das wie ein abgrundtiefes Schlammloch aussieht. Weiter oben auf dem nächsten Hügel finden Sie ein blaues Auto rechts in der Mulde am Straßenrand … Ich hatte keine Ahnung, ob diese Wegbeschreibung irgendje6

manden zu mir führen würde, aber mir blieb keine andere Wahl, als sie bei den Abschleppfirmen zu hinterlassen und in meiner Praxis Bescheid zu geben, in der allerdings auch niemand ans Telefon gegangen war. Der Akku meines Handys, das auf einem Stapel Akten vom Jugendamt lag, wurde immer schwächer, während die Abschleppwagenfahrer im ganzen Bezirk anscheinend gerade eine Kaffeepause einlegten und das Handy im Auto gelassen hatten. Ich hatte es meinem Sohn zu verdanken, – der mit seinen vierzehn Jahren eigentlich nicht unbedingt ein Handyladegerät fürs Auto bräuchte –, dass es keine Möglichkeit gab, mein Handy wieder aufzuladen. Vor meinen Augen verwandelte sich der Leitspruch für diesen Tag von Gestalte deinen ersten Arbeitstag mit Leidenschaft, Energie und Entschlossenheit in das erprobte Motto des vergangenen Jahres: Überlebe diesen Tag. Dazu kam nun noch: Wechsele den platten Reifen selbst aus (ich hatte das schon ein- oder zweimal im Fernsehen gesehen), oder die andere Möglichkeit: Wandere los und bring dich in Sicherheit. Ich atmete tief und hoffnungsvoll ein und versuchte, ruhig zu klingen, als ich mich am Telefon meldete. Ich wollte niemanden erschrecken, auch wenn ich nicht wusste, wer am anderen Ende der Leitung war. Die von einem starken Knistern und Rauschen begleitete Stimme meiner Mutter erfüllte mich mit einer seltsamen Mischung aus Erleichterung und unangenehmem Grauen. Meine Eltern hatten nicht gewollt, dass ich die Stelle in der Familientherapie annehme, und dieses Chaos mitten im Wald wäre nur Wasser auf ihre Mühlen. Andererseits war ich jetzt so gut wie gerettet, und selbst wenn dir deine Mutter die Leviten liest, obwohl du schon achtunddreißig bist, ist das besser, als mitten im Nirgendwo mutterseelenallein gestrandet zu sein. „Mama? Mama, kannst du mich hören? Ich brauche Hilfe.“ Sie gab mir keine Antwort. Für einen Moment hatte ich die entmutigende Vorstellung, dass meine Stimme irgendwo zwischen den Handyfunkmasten verloren ging. Vielleicht konnte ich meine Mutter hören, aber sie konnte mich nicht hören. Das bedeutete aber gleichzeitig, dass ich mit meinen ganzen Anrufen bei den 7


Abschleppfirmen nur wertvolle Akkukapazität meines Handys verbraucht hatte. „Mama? Ich brauche Hilfe.“ Mutter war dieser Worte wahrscheinlich überdrüssig, nachdem sich unsere Gespräche ein ganzes Jahr lang fast ausschließlich darum gedreht hatten, dass ich Hilfe brauchte. Ich konnte ihr daraus keinen Vorwurf machen. Ich konnte diese Worte selbst auch nicht mehr hören. Ich war von mir selbst genervt – von meiner mangelnden Unabhängigkeit und den Ereignissen des vergangenen Jahres, im Verlaufe derer ich plötzlich nach sechzehn Jahren Ehe wieder auf mich allein gestellt war – mittellos, zurück unter der Fuchtel meiner Eltern und darauf angewiesen, in ihrem Strandhaus wohnen zu dürfen. Deshalb hatte ich die Stelle bei Tazinski und Partner angenommen. Die lag zwar von der Bezahlung her am unteren Ende der Skala der therapeutischen Berufe, bot mir aber trotzdem eine realistische Möglichkeit, ein neues Leben aufzubauen und den Lebensunterhalt für mich und meinen Sohn zu verdienen. Es war Zeit, mich von all den Rockzipfeln zu lösen, an denen ich noch gehangen hatte. Es war Zeit, meinen Abschluss als Sozialpädagogin, den ich erworben hatte, während mein Exmann Vizerektor einer netten christlichen Hochschule in Houston gewesen war, zu nutzen und mir ein eigenes Leben aufzubauen. „Andrea. Andrea?“ Mutters Stimme knackte und ging fast im Rauschen der schlechten Verbindung unter. „Wo … du? Ich … dich kaum.“ „Mama, du wirst es nicht glauben, aber ich habe eine Reifenpanne. Ich brauche einen Abschleppdienst. Ich bin irgendwo mitten in der …“ „Andrea? Ich … kein Wort von dem, was du sagst. Fahre oben auf einen … und halte an … gesagt, dass du auf der anderen Seeseite einen furchtbaren Empfang … Was ist, wenn dein Auto liegen bleibt oder du im Schlamm …? Das ist gefährlich … alles mögliche Gesindel … dort oben im Wald … wer weiß, was für Leute am öffentlichen Strand … Ohh Andr … Die meisten Straßen … so verlassen, dass du tagelang …“ „Abschleppdienst! Ich. Brauche. Einen. AB-SCHLEPPDIENST! Mama? Hallo?“ Die Verbindung war beendet. Als ich versuchte, zurückzurufen, knackte das Handy nur und knackte 8

und knackte, während es vergeblich versuchte, ein Signal an einen Funkmast zu senden. Jetzt hatte ich meine Antwort auf die Frage, die ich vor ein paar Sekunden in den Himmel geschrien hatte. Was konnte schlimmer sein, als eine Reifenpanne mitten im Nirgendwo zu haben, obwohl man einen Termin einhalten musste? – Festzustellen, dass deine Anrufe im Äther verschwinden und dass kein Abschleppdienst kommt und du wirklich ganz allein bist. Und dann zu allem Überfluss noch in der Ferne das Grollen eines Donners zu hören, obwohl es bis jetzt nach einem schönen, sonnigen Julinachmittag ausgesehen hatte. „Nein, nein, nein“, flüsterte ich. Vielleicht war es auch eher ein Betteln als ein Flüstern. Wenn ein Gewitter niederging, würde sich der Waldweg, auf dem ich mich befand, sehr schnell in einen Morast aus kalkhaltigem, cremefarbenem Matsch verwandeln. Ich hielt mir die Hand als Schild an die Stirn und schaute nach oben, aber der schmale Streifen Himmel, der über dem dichten Blätterdach aus Eichen zu sehen war, sah recht harmlos aus. Nur der blaue Himmel eines Sommers im Herzen von Texas. Weit und breit war keine Wolke zu sehen. Das Donnergrollen schwoll an, nahm ab und schwoll wieder an. Ein Wind kam auf und peitschte einen kleinen weißen Staubwirbel über die Straße. Ich wandte mich halb ab und drückte die Augen zu, während der Staub durch meine Kleidung bis auf die Haut drang. Als der Wind sich legte, blieb der Geruch nach Erde und Lehm und einem bevorstehenden Gewitter in der Luft hängen. Dazu kam ein schwaches Geräusch, das ich nicht ganz einordnen konnte. Kalkiger Staub rieselte aus meinen Wimpern, als ich blinzelte und meine Ohren anstrengte, um das Geräusch auszumachen. Ein tiefes Geräusch, aber nicht das aufsteigende und abfallende Grollen eines Donners. Ein Auto. Ich hörte ein Auto. Rettung! Oh, danke! Ich trat näher zur Straße, aber der Halleluja-Ruf erstarb auf meinen Lippen, als ein alter Pick-up, grau mit Rostflecken und fehlender Stoßstange, ratternd aus einer Staubwolke vor meinen Augen auftauchte. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte ich, den Fahrer auszumachen, aber das Licht spiegelte sich auf der schmutzigen Scheibe und machte einen Blick ins Innere 9


unmöglich. Der Schatten einer Kiefer, dicht und dunkel, legte sich schließlich über das Fahrzeug und gab einen schwachen Blick auf das Wageninnere frei. Der Fahrer war groß, hatte schmale Schultern und trug eine Art Baseballkappe. Er war nicht allein. Jemand saß auf dem Beifahrersitz, dessen Kopf nur knapp über das Armaturenbrett ragte. Ein Kind vielleicht. Diese Idee war tröstlich für mich, so als wäre die Anwesenheit eines Kindes irgendwie eine Garantie, dass auch mir nichts zustoßen würde. Andererseits lernte ich in meinem neuen Beruf ständig, dass Kinder nicht immer in einem sicheren Umfeld lebten. Ich war hier, weil ich einen Hausbesuch bei einer Frau machen sollte, die ein Sommerschul-Busfahrer beim Jugendamt gemeldet hatte. Er hatte die Kinder nicht aussteigen lassen können, weil im Vorgarten ein heftiger Familienstreit getobt hatte. In meiner Kindheit und Jugend hatte ich die unzähligen Warnungen vor dem Gesindel, das auf der anderen Seeseite wohnt, gehört. Keiner konnte sagen, welche Menschen in diesen Hügeln lebten, in denen Privatgrundstücke völlig abgelegen lagen, umgeben von großen staatlichen Waldgebieten und riesigen Arealen, in denen früher das Holz in großen Mengen gerodet worden war. Ich trat an mein Auto zurück und hielt unsicher eine Hand hoch, um den Fahrer zum Anhalten aufzufordern. Im Geiste wog ich meine Möglichkeiten ab. Ich brauchte Hilfe, aber ich wusste auch, dass ich ziemlich schutzlos und verwundbar war … Der Pick-up machte einen Bogen nach links, als wollte er um mich herumfahren und seinen Weg fortsetzen, ohne anzuhalten. Es fuhr doch sicher niemand einfach weiter und ließ eine Frau auf dieser abgelegenen Straße alleine stehen. Ich trat einen Schritt vor und hielt meine Hand deutlicher hoch. Er würde doch bestimmt anhalten. „Hey!“, schrie ich. Der Wagen war jetzt ganz nahe neben mir, so nahe, dass ich sehen konnte, wie eine Hand das halb geöffnete Fenster auf der Beifahrerseite umklammerte. Eine kleine Hand. Eine Kinderhand, deren Finger von Erde ganz braun waren. „Ich brauche Hilfe!“, überschrie ich das Dröhnen und Klappern des Motors. Etwas kreischte in einer ohrenbetäubenden Tonhöhe; das Geräusch hallte von den Bäumen und Felsen wider. „Ich brauche Hilfe!“ 10

Wie als Antwort baute sich ein plötzlicher Windstoß auf, ergriff die Staubwolke, die sich hinter dem Pick-up erhob, und peitschte sie in meine Richtung. Ich hielt schützend einen Arm vors Gesicht und fühlte, wie winzige Sandkörner und Steinchen meine Wangen trafen. Irgendwo in der Nähe grollte ein Donner. Ein Hund bellte und knurrte. Das Geräusch war so nahe, dass ich nach meinem Auto tastete, mich daran klammerte, langsam zurückwich und bereit war, im Notfall schnell einzusteigen. Ich öffnete die Augen einen Spaltbreit und sah einen Pitbull, der die Ohren angelegt hatte, die Zähne fletschte und sprungbereit war, während der Pick-up langsam um mein Auto herumrollte. Ich verfolgte die Szene in erstarrter Faszination, ähnlich wie Touristen einen Wirbelsturm beobachten oder einen Verkehrsunfall begaffen. Der Pick-up fuhr um mein Auto herum. Neben dem wütenden Bellen des Hundes erregte eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Ein kleines Mädchen beobachtete mich durch das Rückfenster. Es hatte sich auf dem Sitz umgedreht, drückte eine Handfläche an die Glasscheibe und hielt den Kopf leicht zur Seite geneigt, als beobachtete es mich neugierig oder könnte nicht verstehen, was ich hier auf der Straße verloren hatte. Sein Gesicht war von den feinen Strähnchen ihrer zerzausten dunklen Haare umrahmt, seine hellblauen Augen betrachteten mich mit einer Besorgnis, die in einem Kindergesicht eigentlich fehl am Platz wirkte. Das Mädchen konnte nicht älter als fünf, höchstens sechs Jahre alt sein. Blätter steckten in seinen Haaren, seine Haut war braun von der Sonne, die Wangen gefärbt von Sonnenbrand und Erde. Das Kind war nicht angeschnallt. Die Mutter in mir protestierte, und die frisch gebackene Familienberaterin notierte das im Geiste. Es war nichts Ungewöhnliches, dass sich Leute auf den Nebenstraßen und abgelegenen Wegen am See nicht anschnallten, aber trotzdem war es verboten. Der Pick-up fuhr an den Straßenrand und verlangsamte mit quietschenden Bremsen sein Tempo. Ich atmete erleichtert auf und wog im Geiste ab, ob es eine höfliche Möglichkeit gab, dem eigenen Retter zu sagen, dass er seine kleine Beifahrerin anschnallen musste? Nach den gebeugten Schultern und den spärlichen, grauen 11


Haaren unter der Baseballkappe zu urteilen, war er wahrscheinlich ein Großvater, der es nicht besser wusste. Vielleicht lebte er immer noch in der Zeit, als Kinder in Autos herumtollten, ohne von Sicherheitsgurten belästigt zu werden, und der einzige Schutz die Hand eines Erwachsenen war, die sie festhielt, wenn das Auto plötzlich bremsen musste. Der Pick-up kam zehn Meter hinter meinem Auto quietschend zum Stehen. Ich wartete, dass er den Rückwärtsgang einlegte und zurückkäme, aber er stand nur abwartend da. Der Fahrer bewegte sich nur so weit, dass er mich im Rückspiegel beobachten konnte, während der Hund an die Heckklappe rannte und mich anbellte. Das kleine Mädchen sah weiterhin durch das Rückfenster zu mir herüber. Ich trat mitten auf den Weg und deutete zu meinem Auto. „Hey … hallo? Ich habe eine Reifenpanne. Ich …“ In meinem Kopf ging ein Warnsignal an. Das war kein normales Verhalten. Er beobachtete mich nur durch den Spiegel. Etwas stimmte hier nicht. Am Himmel schob sich eine Wolke vor die Sonne, der Wind erfasste mich von hinten und schob mich an wie eine unsichtbare Hand. Irgendwo in den Bergen grollte wieder ein Donner. Diese ganze seltsame Situation verursachte mir eine Gänsehaut. Der Hund hatte die Pfoten auf die Heckklappe gelegt, knurrte und fletschte die Zähne und kniff seine kleinen, hässlichen Augen zusammen, als ginge er gleich zum Angriff über. In der Fahrerkabine des Pick-ups wandte das kleine Mädchen seine Aufmerksamkeit nun dem Hund zu. Ein Kind war bei einem solchen Hund nicht sicher. Hunde wie dieser standen irgendwann in der Zeitung, weil sie jemanden zu Tode gebissen hatten. Was für ein Mensch hielt einen solchen Hund, wenn er ein Kind bei sich hatte? Ich wich ein wenig zurück und nahm Blickkontakt mit dem Fahrer auf. Was machte er? Warum beobachtete er mich nur? Warum hielt er an, stieg aber nicht aus? Versuchte er mich einzuschätzen und überlegte er, ob ich mich wehren würde?

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Kapitel 2 Wenn du mit dem Boot in seichtes Gewässer fährst, solltest du wissen, wo die versunkenen Baumstümpfe sind. Anonym (an die Wand der Weisheit im Waterbird Fischköderund Lebensmittelladen geschrieben)

• Mart McClendon Über den Hügeln auf der anderen Seeseite braute sich ein Sommergewitter zusammen. Nur ein kleiner Sturm, aber wenn er weiterhin in diese Richtung zog, würde er die Touristen vom See vertreiben und ihnen den Badetag verderben. Etwas, das ich in meiner kurzen Zeit hier gelernt hatte, war, dass man das Wetter nicht vorhersagen konnte. Und auch sonst nicht viel. Am Moses Lake war die Wahrscheinlichkeit, dass das Unerwartete eintraf, genauso groß wie die Chance, dass das Erwartete eintraf. Für Leute, die gern planten, Tagesabläufe festlegten und ein elektronisches Gerät am Gürtel hängen hatten, war Moses Lake nur ein Punkt auf der Landkarte, an dem man bei einem Sonntagsausflug vorbeifuhr. Vielleicht hielt man am Aussichtspunkt über der Eagle Eye Bridge an und sah zu, wie die Wochenendausflügler mit ihren Wasserskiern und kleinen Segelbooten über die Wasserfläche glitten. Diejenigen, die auf Abenteuer aus waren, bogen vielleicht in der Nähe des Damms von der Hauptstraße ab und kauften sich ein Sandwich im Fischköder- und Lebensmittelladen Waterbird. Oder sie fuhren den holprigen Weg durch die Bäume hinab, mieteten sich eine Hütte oder buchten eine Kanufahrt. Es konnte sein, dass diese halbtägige Kanufahrt oder der Kurzurlaub am See nichts wei13


ter war als eine ruhige, entspannende Abwechslung zu dem Leben, aus dem sie kamen. Wenn sie Glück hatten. Der Moses Lake hatte unbestreitbar ein Eigenleben. Man könnte zwanzig Leute fragen, warum das so war, und bekäme zwanzig verschiedene Antworten. Von Indianerlegenden zu Geistergeschichten bis hin zu der unheimlichen Stimme der Klagenden Frau, die angeblich von den Klippen am Eagle Eye herunterhallte. Einige behaupteten, der See werde von den ruhelosen Geistern der Menschen aus den Bauernhöfen und Städten verfolgt, die unter hundert Quadratkilometern Wasser versenkt wurden, als das Pionierkorps in den Fünfzigerjahren das Land enteignet und den Damm gebaut hatte. Andere behaupteten, es sei der Name: Moses Lake. Mose war vierzig Jahre durch die Wüste gezogen, bevor er Ruhe fand, und selbst dann durfte er das Verheißene Land nicht betreten. Wenn ich nach meiner Meinung gefragt würde, wäre meine Antwort: Es ist das Wasser. Wasser hat etwas an sich, das die verschiedensten Menschen anzieht und in ihnen Impulse weckt, von denen sie vorher keine Ahnung hatten. Man konnte nie sagen, wer in Moses Lake auftauchte und was passierte. Nach knapp einem halben Jahr als Ranger im südlichen Teil dieses Bezirks war ich zu dem Schluss gekommen, dass das Leben in Moses Lake genauso unberechenbar war wie das Wetter. Das musste der Grund sein, warum meine Familie vor ungefähr zwanzig Jahren nicht länger als unbedingt nötig in dieser Gegend geblieben war. Sobald mein Vater seine Arbeit am Bau des Wasserkraftwerks abgeschlossen hatte, hatte er unsere Mutter und uns vier Jungen ins Auto verfrachtet und so schnell wie möglich das Weite gesucht. Wir waren schließlich in Südwesttexas gelandet, wo das Wetter, die Menschen und der Lebensrhythmus berechenbar waren. Dort unten im Big-Bend-Land, dem einzigartig schönen Nationalpark am Rio Grande, war es ruhig, freundlich, friedlich und idyllisch gewesen – sofern man eine ungehinderte Sicht in die Ferne und einen weiten Himmel liebte. Aber ich hatte jahrelang nichts anderes hören können als den Moses Lake, dessen Wellen ans Ufer meiner Erinnerung rollten und mich nach Hause riefen – zu dem Ort, der für mich als Junge etwas ganz Besonderes gewesen war. Als die Zeit kam, das Big-Bend-Land 14

endgültig zu verlassen, hatte ich meine Sachen gepackt und war nach Moses Lake gefahren. Ich hatte den Ort genauso vorgefunden, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Genau das brauchte ich. Nichts in Moses Lake erinnerte an das, was im Big Bend passiert war. Hier gab es einfach das Wasser und den Wind, der durch die Eichen wehte. Und es gab die Boote, die über den See fuhren und weiße, schäumende Spuren hinter sich herzogen, die sich plötzlich wieder auflösten und in eine perfekte Wasserfläche zurückverwandelten. Dann gab es keine Spur mehr davon, dass irgendetwas vorbeigefahren war und den normalen Lauf der Dinge gestört hatte. Moses Lake war ein beständiger Ort. An der Oberfläche. Aber als ich die Stelle als Ranger annahm, hätte ich besser als jeder andere wissen müssen, dass die Oberfläche manchmal nur eine Illusion ist. Mit bloßem Auge erkennt man nicht immer, was sich unter der Oberfläche zusammenbraut. Auch wenn die Strömungen unter der Oberfläche des Moses Lake geheimnisvoll waren, gab es doch immer wiederkehrende unerschütterliche Rhythmen: die alten Angler fuhren lange vor Sonnenaufgang in ihren Flachbodenbooten auf den See hinaus und waren längst wieder im Waterbird, wenn der Tag zu heiß wurde, um Fische zu fangen. Heute war ihr Stammplatz im Waterbird von zwei erfahrenen Anglern besetzt: Nester Grimland, der nur aus Haut und Knochen bestand und von Kopf bis Fuß wie ein Schulbusmechaniker in Rente aussah, und Burt Lacey, der Nesters Rektor an der winzigen Moses Lake High School gewesen war, bis er der Schule den Rücken gekehrt und sich der Fischerei zugewandt hatte. „Meinst du, dass das ein Reh oder ein ausgebrochenes Kalb ist?“ Nester schaute mich an und deutete über den Rand des Piers. Dabei verschüttete er eine Tasse mit Sheilas Waterbird-Kaffee über seine Hand und tränkte unfreiwillig die Manschette seines Hemdes und den Tisch mit der braunen Flüssigkeit. Das spielte aber keine Rolle, denn der Kaffee war ohnehin längst kalt, am Ärmel klebten wie immer Fischreste, und der Tisch war genauso wie alles andere im Fischköder- und Lebensmittelladen Waterbird: alt und verwittert. Burt kniff hinter seiner Brille, deren Gläser dick wie Flaschenböden und so trübe wie der Grund des Sees waren, die Augen zusammen. „Das ist bei dieser großen Entfernung schwer zu sagen. Es 15


könnte auch wieder ein Emu sein. Mart, glaubst du, das da drüben bei den Big Boulders ist ein Kalb oder ein Emu?“ Sein ledriger, von der Sonne verbrannter Mund kaute auf dieser Frage herum, als hätte sie einen guten Nachgeschmack und er erwartete einen Nachschlag. „Oder ein Reh“, fügte Nester hinzu und strich über den dicken, grauen Schnurrbart, der ihm das Aussehen eines alten Cowboys verlieh, der frisch von den Weideflächen kam. Ich musste diese Frage eigentlich nicht beantworten. Nester und Burt führten ihr Gespräch wie gewöhnlich allein weiter. Sie hatten mich nur einbezogen, weil ich zufällig gerade am Pier angelegt hatte, um ins Waterbird zu gehen und mir frischen Kaffee zu besorgen. „Warum sollte ein Reh mitten am Tag im Freien herumlaufen?“ „Ein Emu macht so etwas schon. Diese Vögel sind nicht gerade die intelligentesten Tiere.“ „Mit wie vielen Emus hattest du schon zu tun, Burt?“ Nester blinzelte, während ich mein Boot festzurrte. Du weißt im tiefsten Inneren, dass ein Ort dein Zuhause ist, wenn du fünfundzwanzig Jahre fort warst und es sich so anfühlt, als wärst du nie fortgewesen. Nester und Burt erinnerten sich nicht mehr an mich. Für sie war ich nur irgendein dürrer, dunkelhaariger Junge gewesen, der im Zuge einer Kraftwerkserweiterung gekommen und wieder gegangen war. Aber ich erinnerte mich an die beiden, als hätte sich ein Foto von ihnen in meinem Gedächtnis eingebrannt. Sie hatten uns Kindern eine Cola gekauft, wenn wir sie im Laden angetroffen hatten. Abgesehen davon, dass sie einige Falten mehr und einige Haare weniger hatten, waren sie kaum verändert. Derselbe alte Nester mit demselben alten verschwitzten Stroh-Cowboyhut; derselbe alte Burt, dessen Brillengläser ein wenig dicker geworden waren und der jetzt weniger Sorgenfalten hatte, seit er keine Schule mehr leitete. Das gleiche alte Gespräch, abgesehen von der Sache mit dem Emu. Ich hatte keine Ahnung, was sie am anderen Ufer wirklich sahen. Höchstwahrscheinlich konnte keiner der beiden mehr den Wald auf der anderen Seite des Sees erkennen. Burt strich sich übers Kinn, das wahrscheinlich in den nächsten zwei Tagen rasiert werden würde. Auf jeden Fall vor dem Sonntagsgottesdienst in der Lakeshore Community Church. „Letzten Winter ist ein Emu in meinem Garten aufgetaucht. Es war genau16

so mühsam, das Tier wieder durch mein Gartentor hinauszubugsieren, wie früher eine Sitzung des Schulausschusses.“ Burt lehnte sich zurück und massierte sich die Magengegend. Die Knopfleiste seines Hemdes klaffte über seinem Bauch auseinander. Die Knöpfe waren gespannt wie ein Fisch an der Angel, der nach Luft schnappt. Nester deutete zum See. „Es kommt näher. In zwei Minuten ist es unten am Wasser. Mart, was glaubst du, was das ist? Du bist doch hier der Fisch- und Wildexperte. Der Mann mit der schicken Uniform und der Plakette. Steht denn im Ranger-Handbuch nicht irgendwo etwas über Emus?“ „Nur, wenn du in Australien arbeitest.“ Ich schaute über das Wasser. Heute herrschte wirklich nur sehr wenig Betrieb, da Montag war. Die Sonne spiegelte sich auf den Wellen, die kleine Gewitterwolke donnerte in der Ferne und eine Schar Kuhreiher zog wie Seemöwen über den Himmel. Aber am anderen Ufer bewegte sich wirklich etwas! Es lief eine Nationalparkstraße hinauf und tauchte immer wieder kurz aus dem Schatten auf. Es bewegte sich nicht wie ein Reh, und es war auch kein Kalb … Ich beobachtete es eine Minute lang. Das Tier war zu groß für einen Kojoten und zu unbeholfen, um ein Pferd sein zu können, das ein Camper vielleicht im Nationalpark verloren hatte. Es war schwer zu sagen, aber es sah aus, als ginge es irgendwie nach vorne gebeugt auf zwei Beinen. Es könnte ein Emu sein, vielleicht war er verletzt oder alt. Nachdem der Markt für Emu- und Straußenzüchter zusammengebrochen war, hatten die Farmer angefangen, ihre restlichen Vögel einfach freizulassen. So kam es, dass der Nationalpark plötzlich ein immer größer werdendes Problem mit frei lebenden Emus hatte. „Von hier aus kann ich das nicht genau sagen“, antwortete ich schließlich und ging den Kai hinauf zum Laden, von wo aus ich eine bessere Sicht hätte. Sheila, ein Überbleibsel aus Hippietagen, die das Waterbird jetzt leitete, kam mir auf der Treppe ein paar Stufen entgegen. „Leute, haltet jetzt den Mund und lasst Mart in Ruhe“, rief sie. „Ihr bringt ihn sonst noch so weit, dass er seine Sachen packt und dorthin zu17


rückgeht, woher er gekommen ist. Guten Morgen, Martin.“ Auf dem Abzeichen an meinem Hemd stand mein vollständiger Name, den aber nur meine Lehrer benutzt hatten oder meine Mutter, wenn ich etwas ausgefressen hatte. Seit dem Ende der Schulzeit war ich für alle nur noch Mart. „Komm in den Laden. Ich habe frischen Kaffee aufgesetzt. Du siehst aus, als wolltest du deinen Thermosbecher auffüllen.“ Sie deutete auf den riesigen Plastikbehälter unter meinem Arm. „Melicha hat gerade ihre selbst gemachten Gorditas, ihre lecker gefüllten Tortillas, fertig. Ich habe ihr gesagt, dass sie auch ein paar Truthahnburger mit Tofu machen soll und nicht nur dieses fettige Zeug. Sie schmecken gut. Hol dir lieber einen, bevor sie weg sind.“ „Danke, aber ich will nur einen Kaffee.“ Die Leute erzählten, dass das Essen im Waterbird immer gut gewesen sei – Essen für Männer, das wie zu Hause schmeckte, – in Buttermilchteig gebacken, vor Fett triefend, mit viel Salz gewürzt und in Soße getunkt. Damals hatte der alte Chef, den alle Pop Dorsey nannten, zwei Mennonitinnen in der Küche beschäftigt, und sie hatten einen doppelten Cheeseburger mit Fleisch serviert, der jedem Holzfäller das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Jetzt saß Dorsey nach einem Schlaganfall im Rollstuhl, und seine Tochter, Sheila, war wieder nach Hause gezogen, um den Laden und das Leben des armen alten Dorsey in die Hand zu nehmen. Sie hatte das Essen im Waterbird mehr oder weniger ruiniert. Gorditas mussten mit Schweineschmalz gemacht und mit in Fett gebratenen Kartoffeln und großen Fleischstücken, an denen noch das Fett hing, gefüllt sein. Etwas, in das man wie ein Raubtier seine Zähne hineinschlagen konnte und das garantiert direkt in die Arterien floss und sich dort festsetzte. Jetzt konnten nur noch die fremden Gäste das gute Zeug kaufen. Den Stammgästen drängte Sheila ihren Tofu auf. „Tu’s nicht, Mart“, rief Burt mir nach. „Du hast davon bis nach Mitternacht einen ekligen Nachgeschmack im Mund.“ Sheila stemmte die Hände in die Hüften. „Um Himmels willen, Burt! Du merkst nicht einmal, dass es Soja ist. Es ist genauso gewürzt wie Fleisch.“ Burt legte den Kopf zurück und schaute sie durch seine dicken Brillengläser mit zusammengekniffenen Augen an. „In Aus der Mit18

te entspringt ein Fluss haben sie die gleichen Angelfliegen wie ich. Aber das macht mich noch lange nicht zu Robert Redford.“ Nester knurrte: „Dieser Kaffee ist koffeinfrei, nicht wahr?“ Sheila warf ihren grau-schwarz-melierten Pferdeschwanz zurück und setzte einen Blick auf, den ich aus der kurzen Zeit, die ich als Kind hier verbracht hatte, noch kannte. Sie hatte sich seitdem nicht sehr verändert. Ich allerdings schon. Deshalb brachte mich auch niemand in Moses Lake mit der Bande dunkelhaariger, barfüßiger Jungen in Verbindung, die in der Hoffnung auf eine spendierte Cola im Waterbird herumgelungert hatte. Wir vier Jungen hatten alle nicht nur die grünen Augen von unserem Vater geerbt, sondern auch die Gabe, anderen zu schmeicheln; wir waren sehr gut darin gewesen, Leute zu etwas zu überreden. Aber Sheila hatten wir schon damals nichts vormachen können. Wenn sie uns erwischt hatte, wie wir herumlungerten und versuchten, ihren Vater zu bequatschen, uns eine Zuckerstange zu schenken, hatte sie uns verjagt. „Nur damit du es weißt, Nester: Maudie hat angerufen und gesagt, dass ich dir keinen Kaffee geben soll. Sie hat gesagt, dass dein Blutdruck das Messgerät gestern fast gesprengt hätte.“ „Ffff!“ Spucke flog in einer im Nachmittagslicht glitzernden Wolke durch die Luft. „Dann gehe ich woandershin und …“ Oben im Laden läutete die Glocke und unterbrach den Kaffeekrieg, bevor ich die Handschellen herausholen musste, um für Frieden zu sorgen. „Sieht so aus, als hättest du Kundschaft, Sheila.“ Burt nahm seine Tasse, rutschte ans Ende der Bank und verdrehte sich fast den Hals, um zu sehen, was oben los war. Sheila stieg wieder zum Laden hinauf. „Komm mit, Mart. Ich fülle deinen Thermosbecher mit echtem Kaffee.“ „Um seinen Blutdruck macht sie sich keine Sorgen“, grummelte Nester und drehte sich dann wieder zum See herum. „Ist dieser Emu immer noch da drüben? Hey, schau mal! Ist das nicht der alte Len Barnes, der drüben bei den Big Boulders seine Langleinen für die Welse auslegt? Was auch immer dieses Tier war, wahrscheinlich hat es Len gerochen und das Weite gesucht …“ Wir stiegen die Treppe hinauf, während das Gespräch sich jetzt um Len Barnes und Langleinen drehte. Sheila rieb sich die Stirn. Dabei fing sich der Wind in den Ärmeln ihrer Bluse, einem son19


derbaren, schalähnlichen Ding, das aussah wie ein Überbleibsel aus Woodstock. „Mann, wenn ich so weit kommen sollte, dass ich nichts Besseres zu tun habe als herumzusitzen, den Kaffee zu kritisieren und über Fangmethoden zu sprechen, musst du mich erschießen, ja?“ „Das ist einfach ihre Lieblingsbeschäftigung.“ Alte Angler hatten viel Ähnlichkeit miteinander: Sie unterhielten sich über das Fischen, sie fischten und sie unterhielten sich über Fische. Das war eine allgemeingültige Regel. Im Laden schaukelte die Hintertür im Wind, da ihr ein paar Schrauben und eine Verriegelung fehlten. Ich hielt sie fest und nahm mir vor, das Ding zu reparieren, wenn ich in den nächsten Tagen nach der Arbeit ein wenig Zeit hätte. In der kleinen Hütte, die ich am Holly Hill gemietet hatte, brachen die Abende zu still und zu früh herein. Eine Beschäftigung täte mir gut. „Kümmere dich um deine Kundschaft. Ich kann mir meinen Kaffee selbst einschenken.“ „Das mache ich schon.“ Sheila schnappte sich meinen Thermosbecher, was wieder einmal typisch für sie war. Sie beschwerte sich darüber, dass sie alles machen müsste, und dann machte sie alles. Als wir über die Veranda gingen und den Laden betraten, reckte sich Pop Dorsey gerade aus seinem Rollstuhl hoch und versuchte, für eine Kundin Hähnchenschlegel aus dem Warmhalteofen zu holen. Sheila stellte meinen Becher ab und nahm die Fleischzange. „Das mache ich schon, Papa.“ Die Kundin, die zwei kleine Kinder in Badekleidung bei sich hatte, wandte sich mit verlegenem Blick ab und betrachtete das Sammelsurium von ausgestopften Wildtieren, mit Brandmalerei verzierten Holzplaketten und Graffiti an der hinteren Wand, an der jeder mit weisen Worten und einem Kugelschreiber einen klugen Sinnspruch für künftige Kunden hinterlassen konnte. Einige Leute unterschrieben ihre Zitate und erzählten etwas von sich, andere machten das nicht. Pop Dorsey hatte von seiner Kasse aus immer einen guten Blick auf die Wand und konnte bei den meisten Weisheitssprüchen genau sagen, wer die Worte hingeschrieben hatte und wann und warum. „Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen keine Mühe machen“, 20

sagte die Frau und drehte sich wieder zur Theke, während ihre Kinder an der Wand der Weisheit entlanggingen und sie begutachteten. Pop Dorsey schnaubte: „Sie haben mir keine Mühe gemacht.“ Er rollte hinter der Theke zur Kasse. „Sie können dann hier zahlen.“ „Keine Sorge, Papa. Das mache ich schon, sobald ich die Hähnchenschlegel eingepackt habe.“ Sheila klappte schnell den Behälter zu, dann wischte sie sich die Finger an einem Handtuch ab und eilte zur Kasse. Dorsey warf hilflos die Hände in die Luft und sank auf seinen Rollstuhl zurück. „Dann zähle ich wohl einfach mal unsere Köderfische im Aquarium. Mart, brauchst du etwas?“ „Kaffee“, sagte ich und deutete auf den Thermosbecher. Ich hätte mir den Kaffee auch selbst einschenken können, aber das hatte mir Sheila ja verboten. Dorsey schaute den Becher mit hängenden Mundwinkeln an. „Den kannst du dir doch selbst nehmen!“ Über seinem Blick hing eine düstere Wolke, die mich für eine Minute in seine Lage versetzte. Es war nicht richtig, dass ein Mann, der den Kindern am See immer geholfen hatte, Fahrradschläuche zu flicken und verknotete Angelleinen zu entwirren, so endete. Andererseits würde man den Verstand verlieren, wenn man warten wollte, bis auf der Welt das eintraf, was man für richtig hielt. Falls es eine Logik hinter dem gab, was passierte, hatte ich sie noch nicht entdeckt. Jeden Augenblick konnte ein Blitz einschlagen, und im Bruchteil einer Sekunde gingen alle Pläne in Rauch auf. Man konnte nichts anderes tun als zu versuchen, der Zerstörung einen Sinn abzugewinnen. Doch manchmal gelang einem nicht einmal das. Ich beugte mich über die Theke, als wollte ich nicht, dass Sheila mich hörte. „Ich weiß nicht, in welcher Kanne der echte Kaffee und in welcher der koffeinfreie ist, Pop. Hilf mir lieber. Ich will richtigen Kaffee.“ Dorseys Augen strahlten auf und er griff nach meinem Becher. „Dann lass die Finger von dem Zeug dort neben dem Limonadenzapfhahn. Ich weiß, wo der richtige Kaffee versteckt ist.“ „Das klingt gut.“ Ich folgte ihm hinüber zu den Warmhalteplatten hinter der Kaffeetheke. Melicha sang hinten in der Küche. Das 21


bedeutete wahrscheinlich, dass das, was sie gerade kochte, kein Soja enthielt. „Warum bist du nicht bei den Männern unten am See?“ Mein Blick wanderte durch das große Fenster an der Rückwand des Ladens. Die zwei alten Männer waren zu einem der Bootshäuser gegangen, wo sie den Fang eines Fischers begutachteten und auf das Gewitter über den Hügeln deuteten. Dorseys Mund verzog sich zu einer Linie, die mit ihrer Form an seine hängenden Schultern erinnerte. „Es ist zu schwer, den Rollstuhl zum See hinabzubringen, und Sheila hat sichtlich Angst, dass ich damit über den Rand des Piers ins Wasser rolle. Ich habe versucht, ihr klarzumachen, dass ich kein hilfloser alter Krüppel bin. Selbst wenn ich hineinfallen sollte, könnte ich mich über Wasser halten. Es trägt mich. Aber sie ist viel zu dickköpfig, um mir zuzuhören.“ „Wasser ist eine gute Therapie.“ Ich betrachtete den Hang, der zum See hinabführte, die Treppe, den Pier. Mit ein wenig Arbeit und ein paar Rampen könnte man den Weg so umgestalten, dass er für einen Rollstuhl befahrbar wäre … „Sag das Sheila. Sie lässt mich nicht in die Nähe des Wassers. Wenn ein Mann nicht mehr angeln kann, kann man ihn gleich begraben.“ Pop balancierte den Thermosbecher auf der Theke, schraubte mühsam den Deckel ab und hob zittrig die Kaffeekanne hoch. Nur gut, dass Sheila an der Kasse beschäftigt war, sonst hätte sie ihm das auch noch aus der Hand genommen. „Hey, Mart“, sagte sie, als sie mit ihren Kunden fertig war. Dorsey zuckte zusammen, als wäre er bei etwas Verbotenem ertappt worden. Kaffee schwappte über den Rand des Thermosbechers auf die Theke. „Unterhalb der Eagle Eye Bridge ist kein neuer Zeltplatz, oder? Drüben bei den Big Boulders?“ Dorsey schraubte den Becher zu, schob ihn über die Theke und zog ein Taschentuch heraus, um den verschütteten Kaffee wegzuwischen. „Hier, mein Junge. Heißer Kaffee. Geht aufs Haus.“ Er warf stirnrunzelnd einen Blick hinter sich auf Sheila, die mit einem Fernglas aus dem Fenster schaute. Es war eines dieser billigen Taschenferngläser, die man im Gemischtwarenladen von Moses Lake in einer Plastikverpackung kaufen konnte. Da es in dieser Gegend 22

so viele Vogelbeobachter gab, hätte ich allerdings erwartet, dass sie ein vernünftiges Fernglas besäße. Ich trat näher ans Fenster, und Dorsey manövrierte seinen Rollstuhl neben mich. „Dort drüben bei den Big Boulders? Nein, da gibt es keinen Weg. Man gelangt nur über das Wasser dorthin. Es sei denn, man kennt die alten Holzfällerstraßen oder klettert die Felswand hinab. Warum?“ Sheila ließ kopfschüttelnd das Fernglas sinken. „Ich hatte gerade ein ganz komisches Gefühl. Ich sah etwas aus dem Augenwinkel, als ich das Wechselgeld abzählte. Deshalb nahm ich das Fernglas. Eine Sekunde lang habe ich dort drüben ein kleines Mädchen gesehen, das könnte ich schwören! Ein kleines Mädchen in einem braunen Kleid, das am Ufer entlanglief – aber als ich versuchte, das Fernglas scharf zu stellen, war es fort. Dort ist normalerweise niemand außer dem alten Len, der seine Langleinen überprüft.“ Sie schaute mich an und rieb sich die Arme, als wäre es plötzlich eiskalt im Raum. Dorsey hob seine Baseballkappe hoch und kratzte sich mit seinem knorrigen Handgelenk die Stirn. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Len ein kleines Mädchen bei sich hat. Normalerweise hat er überhaupt niemanden bei sich. Jeder, der näher als fünf Meter an Len herankommt, sucht schnell wieder das Weite. Der Geruch vertreibt jeden, das könnt ihr mir glauben. Vielleicht hast du die Klagende Frau gesehen. Vielleicht zieht sie jetzt sogar bei Tag über die Felsen.“ „Ach, Papa! Verschone mich um Himmels willen mit deinen Geistergeschichten!“ Sheila ließ ihren Blick über das südöstliche Ende des Sees schweifen, wo das Wasser eine kleine Insel umspülte, unter der Eagle Eye Bridge hindurchfloss und sich dann in den Flusskanal drängte. „Mart, ich weiß, dass ich jemanden gesehen habe …“ Dorsey legte die Hände auf das Fenstersims und zog sich auf die Beine. „Ich sehe nichts.“ „Len ist schon flussaufwärts verschwunden. Vorsicht, Papa. Du fällst sonst noch um.“ Sie kam um die Theke herum, um eine Hand stützend unter Dorseys Ellenbogen zu legen. Er schob ihre Hand weg und drehte sich zum tiefen Wasser beim Damm herum. „Oh, Mist, Mart! Auf dich wartet Arbeit! Nimm deinen Ther23


mosbecher und steig in dein Boot! Es sieht ganz so aus, als wäre ein Boot mit abenteuerlustigen jungen Leuten zum Scissortail unterwegs.“ Ich packte meinen Becher und verschwand eilig durch die Hintertür. Der Scissortail hatte etwas an sich, das Idioten anlockte wie eine helle Verandalampe die Motten. Wenn sich irgendwo am See ein Chaot umhertrieb, der entweder zu jung oder zu betrunken war, um vernünftig denken zu können, kam er irgendwann auf die Idee, die Warnschilder zu ignorieren. Jene nämlich, die mit großen Buchstaben verkündeten, dass das Wasser hier nicht tief genug war, um hineinspringen zu können. Außerdem würde er mit Sicherheit versuchen, die Warnbojen zu umfahren und das Nadelöhr zwischen den zwei hohen Felsen zu passieren, die sich wie Schwanzfedern aus dem Wasser erhoben. Nahm man die Vogelbeobachter hinzu, die Horste von Weißkopfseeadlern suchten, oder Wagemutige, die den Scissortail hinaufkletterten, um ins Wasser zu springen, sowie Jugendliche in Partybooten, dann bescherten einem diese zwei Kalksteinfelsen ständige Kopfschmerzen. Ich war mindestens sechsmal am Tag da draußen und versuchte, Leute daran zu hindern, aus reiner Dummheit in einem Rollstuhl oder im Grab zu landen.

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Kapitel 3 Ich kenne jeden Vogel unter dem Himmel und die vielen kleinen Tiere auf den Wiesen. Psalm 50,11 (von einem fahrradfahrenden Missionar an der Wand der Weisheit hinterlassen)

• Andrea Henderson Unter dem Himmel gibt es keinen entschlosseneren Menschen als eine Frau, die Angst hat, allein irgendwo mitten im Wald festzusitzen, wenn die Nacht hereinbricht. Ich war wieder allein, nachdem ich den unheimlichen Mann in dem Pick-up erfolgreich losgeworden war, weil ich mein Handy herausgezogen und so getan hatte, als spräche ich mit jemandem. Nachdem ich ein paar Sekunden genickt und gesprochen hatte, hatte ich gewinkt und gerufen: „Sparen Sie sich die Mühe! Ein Sheriff kommt. Er müsste jeden Augenblick hier sein. Trotzdem danke!“ Aber je mehr Zeit verging, umso mehr wuchs mein Grauen. Ich hatte sogar versucht, auf den nächsten Hügel hinaufzuwandern, um nach irgendeiner Spur von Zivilisation Ausschau zu halten. Aber ich entdeckte nichts. Mit dem Handy hatte ich immer noch keinen Empfang. Und es kam kein einziges Auto mehr vorbei. Mich würde so schnell auch niemand suchen, frühestens am Abend, wenn mein Sohn endlich zu dem Schluss käme, dass etwas passiert sein musste. Wenn Dustin dann in meiner Praxis anriefe, wäre dort längst geschlossen und den Anrufbeantworter würde bis morgen früh niemand abhören. Dustin hätte keine Ahnung, wohin mein Terminplan mich heute geführt hatte oder wohin er den Suchtrupp – bestehend aus meinen Eltern oder meiner Schwester Megan und meinem Schwager Oswaldo – 25


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