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Prinzessin Rosa und Prinzessin Lilly springen von ihren Pferden. Der Bach plätschert fröhlich vor sich hin. In den Bäumen zwitschern die Vögel: „Hallo Prinzessinnen!“ Die Vögel sind Rosas und Lillys beste Freunde. „Hallo ihr süßen Piepmätze!“, rufen die beiden Prinzessinnen zurück. „Kommt und picknickt mit uns!“ „Bekommen wir auch was ab?“, wiehert es da vorwurfsvoll vom Bach. „Aber natürlich!“, antwortet Rosa ihrem treuen Schimmel. Ihr Lachen klingt glockenhell durch den Zauberwald. „Trinkt nur erst zu Ende. Wir bereiten in der Zeit das Picknick vor“, versichert ihnen Lilly. Rosa und Lilly leben im Waldschloss und verstehen alle Waldtiersprachen … Peng! Das war ein Stiefel, mein Stiefel, und mein Bruder Jano hat ihn mitten in meinen Zauberwald geworfen. Mitten in meine Geschichtenwelt, und er hat alles kaputt gemacht. Jetzt liegen die Äste, die die Bäume waren, auf dem Schal, der der Bach war. Die Pferde sind umgefallen und die Barbies liegen auf der Taschentuchpicknickdecke … und mittendrin liegt mein linker Winterstiefel.

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Spinnt der? Ich springe auf und stürze mich auf Jano. Meine Wut müsste reichen um fünf Janos zu verprügeln, dass es richtig wehtut. Das hätte er verdient! Aber dann sind meine Arme so kurz, dass sie nicht einmal bis zu dem einen Jano reichen, weil der seine Arme ausstreckt und mich von sich fernhält. Ich schreie und er schreit zurück, und dann steht plötzlich Mama in der Tür. „Was ist denn hier los?“, sagt sie mit einer Stimme, die gefährlich klingt. „Jano hat mir alles kaputt gemacht!“, schluchze ich. „Du solltest runterkommen und dir Schuhe und Jacke anziehen!“, sagt Mama zu mir und sie klingt, als wäre sie genauso wütend wie ich. „Das habe ich dir schon vor zehn Minuten gesagt. Auf jetzt! Beeil dich! Ich habe einen Termin!“ Meinen Zauberwald sieht sie gar nicht und er interessiert sie auch nicht. Sie geht einfach. „So was nennst du Bescheid sagen“, knurrt sie Jano an. Dann stapft sie die Treppe hinunter. Topp, topp, topp machen ihre Schuhe auf den Stufen. Ihre Handtasche klappert gegen das Treppengeländer. Ich ziehe meinen Stiefel an und gehe auf einem Sockenfuß und einem Stiefelfuß nach unten. Flupp, topp, flupp, topp, flupp! Eigentlich darf man bei uns nicht mit

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Schuhen auf der Treppe gehen, aber Mama hat es ja auch gemacht. Sie sagt nichts dazu. Ich suche meinen zweiten Stiefel und finde ihn unter dem Turnbeutel neben dem Schuhschrank. „Beeil dich!“, sagt Mama noch einmal. Ich ziehe den Stiefel an. Die Jacke darf ich nicht mehr zumachen. Wir müssen los. In der Stadt ist viel Verkehr. Mama stöhnt, weil sie an einer Ampel zweimal warten muss. „Das mit dem Baumarkt können wir jetzt vergessen. Vielleicht schaffen wir es ja hinterher“, murmelt Mama. Sie hatte mir versprochen, eine Gardinenstange für mein Fenster zu kaufen. „Na toll!“ „Du hättest dich fertig machen können, als ich es dir gesagt habe!“, erwidert sie. Ich sage nichts, aber ich glaube nicht, dass es eine so lange Zeit war, die ich vertrödelt habe. Die hätte nie im Leben gereicht, um im Baumarkt einzukaufen. Jetzt fahre ich mit Mama zu ihrem Arzttermin. Jano darf zu Hause bleiben. Und wir kaufen nicht mal die Gardinenstange.

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Vor der Praxis ist ein Parkplatz frei und wir müssen nicht weit laufen. Das ist gut, weil es regnet und wir den Schirm vergessen haben und weil Mama sich eigentlich schonen soll. „Praxis Dr. Auer“ steht auf einem Schild neben der Tür. Ich war schon einmal hier, mit Mama, Papa und Jano. Wir durften uns alle das Baby in Mamas Bauch angucken. Natürlich nicht richtig in echt. Es gibt da aber so ein Gerät, mit dem kann man es auf einem Computerbildschirm sehen. Jano wollte eigentlich gar nicht mitkommen. Er sagte, es sei peinlich für einen Jungen bei einem Frauenarzt zu sein. Trotzdem hat er hinterher gestaunt, als er das Baby auf dem Bildschirm gesehen hat. Das war nämlich wirklich schön. Im Wartezimmer steht ein Garderobenständer. Er sieht aus wie ein Baum mit schwarzen und braunen Blättern, weil so viele Jacken daran hängen, dass man keine Haken mehr sieht. Ich stelle mich auf einen Stuhl und hänge meine Jacke einfach oben drüber. Jetzt hat der Baum auch ein rotes Blatt. Mama meldet sich an. Ich soll mich schon auf einen Stuhl setzen und an-

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fangen zu warten. Dann warten wir noch lange gemeinsam, Mama und ich. In der Zeit hätten wir dreimal in den Baumarkt fahren können. Ich sage das aber nicht laut. Das weiß Mama selbst. Sie guckt immer wieder auf die Uhr. Wir blättern jede in einer Zeitschrift. Zwischendurch ruft Mama bei Jano zu Hause an und fragt, ob alles in Ordnung ist. Dann kommt sie dran. Aber diesmal erlaubt sie mir nicht mitzugehen. „Aber warum denn nicht?“, frage ich enttäuscht. „Das ist heute kein Babykino, Mia!“, sagt sie und geht schnell ins Arztzimmer. Jetzt muss ich allein hier sitzen und draußen wird es schon dunkel. Der Jackenbaum ist viel dünner geworden. Außer mir sitzt nur noch eine Frau im Wartezimmer. Drei Jacken hängen am Ständer, jetzt kann man die Haken wieder sehen. Alle Zeitschriften hier haben gelbe Pappumschläge. Die muss man aufklappen, damit man die echten Titelseiten sieht. Ich sehe mir alle an, aber es ist nichts Interessantes dabei. Also gucke ich den Regentropfen zu, wie sie die Fensterscheibe herunterlaufen, und den Autos, wie

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sie in einer langen Schlange über die Straße kriechen. Ihre Lichter malen hellgelbe oder rote Streifen auf die nasse Straße. Natürlich kann ich auch mein gelangweiltes Gesicht sehen. Ich strecke meinem Spiegelbild die Zunge heraus und drücke mit dem Daumen meine Nasenspitze nach oben, sodass sie wie eine Schweinsnase aussieht. Auf dem Bürgersteig gegenüber droht mir eine Frau mit dem Zeigefinger. Da drehe ich mich schnell vom Fenster weg. ,Hoffentlich kaufen wir noch eine Gardinenstange‘, denke ich. Es gibt nämlich noch keine in meinem Zimmer. Meine Vorhänge liegen im Keller in einer Kiste und mein Fenster ist noch nackt. Es lässt nachts alle gefährlichen Bilder ins Haus, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen kann. Seit vier Wochen wohnen wir jetzt im neuen Haus. Nach dem Umzug wollte Mama noch alles Mögliche neu kaufen, Lampen und Gardinenstangen und so. Aber dann war sie beim Arzt und der sagte, sie müsse sich schonen. Jetzt darf sie nicht mehr arbeiten und nicht mehr so viel laufen und sich aufregen und zum Möbelladen darf sie auch nicht. Deshalb habe ich vor meinem Fenster keine Vorhänge und kann immer nach draußen gucken, ob ich will oder nicht.

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Dort sehe ich dann unseren Lehmwiesengarten mit den Erdhügeln, der aussieht wie eine Mondlandschaft. Ich sehe den Gartenzaun und den Wald. Am Tag ist das egal. Aber wenn es dunkel ist, wird der Wald sehr gruselig. Er bekommt Arme und Hände mit langen, dünnen Astfingern. Aus tausend Augen starrt er mich an. Er versteckt Diebe und andere Herumtreiber und gibt ihnen die Gelegenheit, mich unbemerkt zu beobachten. Jano sagt: „So ein Quatsch, da gibt es höchstens Wildschweine! Nur Babys haben Angst vor Wäldern!“ Mama und Papa sagen: „Diebe schleichen nicht in Wäldern rum!“ Aber das hilft mir alles nicht. Vorhänge würden helfen und mein Rollladen hat mir geholfen, aber der funktioniert seit gestern nicht mehr. Der Gurt ist gerissen. Mama hat den Rollladen mit viel Mühe wieder hochgezogen und jetzt darf ich ihn nicht wieder herunterlassen, bis Papa ihn repariert hat. Aber Papa ist in Brasilien, in Südamerika. Das ist ziemlich weit weg und er bleibt bis nächste Woche. Heute sind es noch genau sieben Tage.

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Die Arztzimmertür geht auf und Mama kommt heraus. Sie redet noch ein bisschen mit dem Arzt. Ich angele schon mal nach unseren Jacken. Jetzt muss es schnell gehen, damit Mama noch zum Baumarkt fährt und die Gardinenstange kauft! Aber dann fährt sie nicht mehr zum Baumarkt und auch nicht zum Bäcker, obwohl wir Brot brauchen. Und als ich mich beschwere, dass ich so nicht schlafen kann, fängt sie erst an zu schimpfen und dann zu weinen und sagt gar nichts mehr. Sie wischt sich nur heimlich die Augen ab. Aber ich habe es trotzdem gesehen. Ich nehme mir vor Papa anzurufen, wenn wir nach Hause kommen. Es geht nicht, dass Mama weint und wir kein Brot haben und ich nicht schlafen kann. Wir kommen ohne ihn nicht zurecht. Er muss unbedingt nach Hause kommen.

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