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Prolog

Vincentio Rossi hob sein Glas mit einem zehn Jahre alten Lombardi Brunello di Montalcino, schloss die Augen und atmete das komplexe Bouquet des rubinroten Weines ein. Vollkommen. Andererseits konnte man das auch erwarten, wenn die Flasche hundert Dollar kostete. Aber die Kosten spielten keine Rolle. Nach achtundzwanzig Jahren unfreiwilliger Abstinenz geizte er nicht bei seinen Vergnügungen. Als Vierundsiebzigjähriger mit zu hohem Blutdruck und einem Cholesterinwert jenseits von Gut und Böse war es seine Absicht, jede Minute zu genießen. Wer wusste schon, wie viele Jahre – oder Monate – ihm noch blieben? Vincentio trank einen kleinen Schluck und ließ den pfeffrigen Geschmack mit einer Note von wilden Champignons und Trüffel auf seiner Zunge nachklingen, während er im Romano’s saß und aus dem Fenster auf die vertraute Kulisse der Buffalo Street hinausblickte. Der Privattisch, an dem er in den letzten drei Jahren an jedem Werktag gesessen hatte, gefiel ihm, weil er von dort aus beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Aber er aß nicht gern alleine. Isabella sollte ihm eigentlich auf dem leeren Stuhl gegenübersitzen. Das Romano’s war ihr Lokal gewesen, und in all den Jahren, die sie voneinander getrennt gewesen waren, hatte er sich darauf gefreut, endlich wieder mit ihr hier zu 3


sitzen. Aber alle seine Beziehungen und all sein Geld waren nicht in der Lage gewesen, den Krebs aufzuhalten, der ihr vor fünf Jahren das Leben geraubt hatte. Und das Schlimmste war, dass er am Ende nicht bei ihr sein konnte, um ihre Hand zu halten und Lebewohl zu sagen. Vincentio führte das Glas an seine Lippen und trank einen großen Schluck des erdigen Weines. Er wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen und mit ihr zu den Hügeln Siziliens zurückkehren, in denen sie ihre Flitterwochen verbracht hatten. Und er wünschte, er hätte nicht den entscheidenden Fehler begangen, der ihn alles gekostet hatte. Als sein Telefon plötzlich zu vibrieren begann, zuckte seine Hand. Die dunkelrote Flüssigkeit schwappte bis zum Rand des Glases, und er stellte den Weinkelch vorsichtig auf den Tisch, um das Handy von seinem Gürtel zu ziehen. Früher hatte er Nerven aus Stahl gehabt. Noch etwas, das sich geändert hatte. Er kniff die Augen zusammen, um die Nummer auf dem Display zu erkennen. Seine Augen waren auch nicht mehr besonders gut. Aber es spielte keine Rolle, die Anruferkennung war unterdrückt. Die Stimme, die ihn grüßte, war jedoch vertraut. Ein Adrenalinstoß ließ seine Nervenenden kribbeln, und er wandte sich von den anderen Besuchern des Restaurants ab. „Gibt es Neuigkeiten?“ Vincentio verschwendete keine Zeit damit, den Gruß des Mannes am anderen Ende der Leitung zu erwidern. „Sie hatten mit Ihrer Vermutung recht. Er ist in der Stadt.“ Vincentios Finger schlossen sich fester um den Stiel seines Weinglases. „Sind Sie sicher?“ „Ich habe ihn selbst gesehen. Er ist älter geworden – aber es besteht kein Zweifel.“ Ein Gefühl der Erregung durchströmte Vincentio, sodass ihm einen Moment lang beinahe ein wenig schwindelig war. Er hatte sehr, sehr lange auf diesen Augenblick gewartet. „Sie wissen, was ich brauche.“ 4


„Ja. Ich werde Ihnen die Information zukommen lassen, sobald ich sie habe.“ „Hervorragend. Sie werden gut entlohnt werden, wie immer.“ Mit zitternder Hand schob Vincentio das Handy in seine Halterung zurück und kramte in der Innentasche seiner Anzugjacke nach einem kleinen, zusammengefalteten Stück Papier. Im Laufe der Jahre war das Papier brüchig geworden, und er entfaltete den vergilbten Zettel vorsichtig. Alle Namen, die er vor mehr als zwei Jahrzehnten notiert hatte, waren mit einem Häkchen versehen und durchgestrichen. Bis auf einen. Er strich das Papier auf der Tischdecke glatt, holte einen Stift aus seiner Jacke und hakte den letzten Namen ab. Schritt Nummer eins. Dann faltete er den Zettel wieder zusammen, steckte ihn ein und umfasste erneut den Stiel seines Weinglases. Draußen eilten die Menschen an diesem kühlen Apriltag an ihm vorbei. Am Ufer des Eriesees würde der Frühling noch nicht so bald kommen, aber ihm war plötzlich frühlingshaft zumute. Er hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben, den Verräter, der seine Großzügigkeit mit Untreue erwidert hatte, jemals zu finden. Den Mann, der seinen Sohn gegen ihn aufgestachelt hatte. Der sich bemüht hatte, alles zu untergraben … Der dünne Stiel des Glases zerbrach unter dem Druck seiner Finger, und Vincentio sah zu, wie die dunkelrote Flüssigkeit sich über das schneeweiße Leinen ergoss und es rot färbte. Rot wie Blut. Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen. Er glaubte an Zeichen. Und das hier war ein gutes Zeichen.

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Kapitel 1 Sechs Monate später „Und was hatte es mit deinem Soloauftritt bei Jakes und Liz’ Hochzeit am Samstag auf sich?“ Detective Cole Taylor unterdrückte ein Stöhnen, als er die Frage hörte. Er wollte die Woche nicht damit beginnen, über die Hochzeit seines Bruders zu plaudern. Schon gar nicht mit seinem Kollegen Mitch Morgan, der sich bei besagter Hochzeit mit Coles Schwester verlobt hatte. „Was meinst du damit?“ Er blickte nicht von seinem Schreibtisch auf. Wenn er so tat, als wäre er beschäftigt, würde Mitch ihn vielleicht in Ruhe lassen. „Ich meine, wo war die heiße Begleitung, mit der du normalerweise bei gesellschaftlichen Anlässen aufkreuzt?“ Alleine zu gehen, war ein strategischer Fehler gewesen. Das hatte Cole fünf Minuten nach Beginn der Feier erkannt. Er hätte jemanden mitbringen sollen. Egal, wen. Mit einer Frau am Arm hätte er all die dummen Bemerkungen seiner Verwandten und die Fragen darüber, wann er denn an der Reihe sei, vermeiden können. Die Verhöre waren so schlimm geworden, dass er sich irgendwann hinter einer Reihe großer Zimmerpflanzen versteckt und Champagner getrunken hatte. Viel Champagner. „Ich war nicht in der Stimmung für eine Verabredung.“ 6


„Ach ja? Wie kommt’s?“ Mitch hockte sich auf Coles Schreibtischkante. Coles Hoffnung, er könnte seinen zukünftigen Schwager schnell loswerden, zerbrach. Resigniert verzog Cole die Lippen zu einem großspurigen Grinsen, drehte sich mit seinem Schreibtischstuhl herum und faltete die Hände auf dem Bauch. „Die Auswahl war an dem Abend nicht sehr groß, und ich bin wählerisch. Ich will gutes Aussehen und Intelligenz.“ „Seit wann denn das? Vor zwei Wochen bei Dougs Party hattest du aber nicht gerade eine Gehirnchirurgin im Schlepptau.“ „Das hätte auch Alison sagen können.“ Coles Grinsen verwandelte sich in ein Stirnrunzeln. „Hat meine Schwester dich auf mich angesetzt?“ „Nö. Aber sie hat sich gewundert, weil du alleine da warst.“ „Hör mal, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass sich plötzlich alle so für mein Privatleben interessieren.“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. „Aber das habe ich durchaus selbst im Griff, das kannst du mir glauben.“ „Da bin ich ja froh. Ich will schließlich nicht, dass du dir die Chance auf den seligen Zustand des Verheiratetseins entgehen lässt.“ Cole schnaubte verächtlich. „Woher willst du denn wissen, ob das ein seliger Zustand ist? Du bist doch gerade mal zwei Tage verlobt.“ „Weil ich deine Schwester kenne.“ Er grinste Cole an. „Und wenn du noch mehr Beweise brauchst, kannst du ja Jake fragen, wenn er und Liz von ihren Flitterwochen auf den Bermudas zurück sind.“ Er stand auf und streckte sich. „Kommst du mit zum Mittagessen?“ „Nein. Ich habe zu viel zu tun.“ „Soll ich dir einen Burger mitbringen?“ „Nein. Ich habe keinen Hunger.“ Mitch sah ihn überrascht an. „Du hast immer Hunger.“ „Ich habe gut gefrühstückt.“ Er scheuchte seinen Kollegen mit einer Handbewegung fort und wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. „Ich hole mir später was aus dem Automaten.“ 7


Aus dem Augenwinkel sah er, wie Mitch zögerte und fragend den Kopf schief legte. Dann ging er schulterzuckend fort. Endlich. Nachdem Mitch gegangen war, lehnte Cole sich auf seinem Stuhl zurück und starrte auf das Foto auf seinem Schreibtisch. Es war ein Familienschnappschuss, bei der Geburtstagsfeier seiner Mutter entstanden, kurz nachdem Jake von einem Einsatz der U.S. Marshals im Irak nach St. Louis zurückgekehrt war. Seit dem Tod seines Vater vor sechs Jahren waren sie nur noch zu viert. Aber jetzt hatten sie noch eine Schwägerin. Und bald noch einen Schwager dazu. Und Cole vermutete, dass es nicht lange dauern würde, bis er Nichten und Neffen bekam. Seine Schwester und sein Bruder würden mit ihren Familien beschäftigt sein. Seine Mutter lebte jetzt bei ihrer Schwester in Chicago, nicht sehr weit von St. Louis entfernt, aber doch weit genug. Er wäre dann das fünfte Rad am Wagen. Und ständig auf die Pirsch zu gehen, verlor für ihn allmählich seinen Reiz. Verärgert über das plötzliche Leeregefühl in seinem Magen richtete Cole sich auf. Das musste die Hochzeitskrankheit sein. Es war nicht so einfach, den Mangel an Romantik in seinem Leben zu ignorieren, wenn man von verliebt guckenden Pärchen umgeben war und Eheglück in der Luft lag. Aber wenn es passieren sollte, würde es schon passieren. Es hatte keinen Sinn, sich deswegen verrückt zu machen. Und es hatte auch keinen Sinn, deswegen eine Mahlzeit ausfallen zu lassen. Während er überlegte, was er zu Mittag essen sollte, nahm er sein Jackett von der Rückenlehne des Stuhls und zog es über. Vielleicht würde er das Burger-Angebot von Mitch doch annehmen. Wenn er sich beeilte, könnte er ihn beim Aufzug oder in der Lobby noch einholen. Aber er hatte sich erst zwei Schritte von seinem Schreibtisch entfernt, als das Telefon klingelte. Als er innehielt, läutete es wieder. 8


„Gehst du nun dran?“ Luke Adams, mit dem er sich ein Büro teilte, blickte am Schreibtisch nebenan genervt von seinem Computerbildschirm auf. Der Mann war in der Praxis ein erstklassiger Ermittler, aber er hasste Computer. Und Cole sah nicht ein, warum er Lukes schlechte Laune ausbaden sollte. „Mach ich ja schon.“ Luke grunzte nur und begab sich wieder an seine mühselige Computerrecherche, während Cole zu seinem Schreibtisch zurückging und den Hörer abnahm. „Taylor.“ „Bist du beschäftigt?“ Als Cole die kurz angebundene Frage seines Vorgesetzten hörte, sank er resigniert auf seinen Stuhl. Jetzt war er es. „Es ist nichts, was nicht warten könnte.“ „Gut. Du musst mit einer Frau sprechen, deren Vater vor fünf Monaten gestorben ist. Wir haben damals angenommen, dass es ein Suizid war. Aber die Tochter behauptet jetzt, dass sie neue Informationen hat, die uns dazu bringen könnten, unsere Meinung zu ändern.“ „Wer hat in dem Fall ermittelt?“ „Alan. Aber sie will nicht warten, bis er aus dem Urlaub zurück ist. Und nur zu deiner Information: Sie war nicht glücklich mit unseren Ermittlungen. Obwohl die Tochter uns nicht zu irgendwelchen Verdächtigen oder Motiven führen konnte, behauptet sie, dass jemand es auf ihren Vater abgesehen hatte, und dass es ein Mord war.“ Cole unterdrückte einen Seufzer. Super. Eine Frau mit Verschwörungstheorie. Solchen Leuten war er schon öfter begegnet. Und da Alan gerade zu einem zweiwöchigen Urlaub in die Karibik aufgebrochen war, würde diese Frau ihn vierzehn Tage lang nerven können. „Ist gut. Ich gehe runter und treffe sie im Foyer. Wie heißt sie?“ „Kelly Warren. Der Name ihres Vaters war John.“ „Alles klar.“ Cole legte auf, nahm einen Notizblock und erhob sich. Sein Mittagessen musste warten. 9


*** Kelly hockte auf der Kante des schlichten Stuhls im Wartebereich. Sie hatte ihre Finger um den Riemen ihrer Handtasche gelegt, die Beine überschlagen und wippte mit dem Fuß. Sie wollte nicht hier sein. Diese ganze Polizei-Atmosphäre erinnerte sie an die traumatischen Ereignisse, die mit dem Tod ihres Vaters verbunden waren. Aber es hätte nicht die gleiche Wirkung gehabt, die neuen Informationen telefonisch durchzugeben. Die Beamten sollten wissen, dass sie diese Sache sehr ernst nahm – und dass sie vorhatte, sich davon zu überzeugen, dass sie es auch taten. Die Tür zum Bürotrakt öffnete sich und ein dunkelhaariger Mann Mitte dreißig in einer sandfarbenen Stoffhose, einem Sakko mit dezentem Fischgrätmuster und einem weißen Hemd betrat das Foyer. „Ms Warren?“ „Ja.“ Sie erhob sich, ging auf ihn zu und ergriff die Hand, die er ausstreckte. Mit ihren eins fünfundsiebzig hielt sie sich für eher groß gewachsen, aber sie musste einige Zentimeter nach oben blicken, um in die auffallend kobaltblauen Augen des Mannes zu sehen – eine Farbe, die genau zu der seiner Krawatte passte. Sie hatte das Gefühl, in diesem Blau zu ertrinken. „Detective Cole Taylor. Bitte kommen Sie mit.“ Er öffnete ihr die Tür. „Der erste Raum auf der rechten Seite.“ Kelly schob sich an ihm vorbei und konzentrierte sich auf den beruhigend beigefarbenen Teppich. Das war besser. Er folgte ihr wortlos. An der Tür, auf die er gezeigt hatte, sah sie sich schnell in dem Besprechungsraum um. Ein großer Tisch, der von bequemen Stühlen umringt war, nahm den größten Teil des Raumes ein. Sie ging zum nächstgelegenen Stuhl. Der Beamte schloss die Tür und setzte sich in einem rechten Winkel zu ihr. „Wenn ich das richtig verstehe, haben Sie neue Beweise, den Tod Ihres Vaters betreffend?“ „Ja.“ Sie fingerte an der Schließe ihrer Handtasche herum. „Ich würde sie ja lieber Detective Carlson geben, da er in dem Fall ermittelt hat, aber ich wollte nicht zwei Wochen warten.“ 10


„Ich bespreche die Angelegenheit gerne mit Ihnen.“ Der Mann schlug sein Notizbuch auf und holte einen Stift heraus. „Ich bin mit den Einzelheiten des Falles nicht vertraut, aber erzählen Sie mir doch einfach, was Sie haben, und dann sehen wir weiter.“ Sein Tonfall war höflich, seine Worte dienstlich korrekt. Aber etwas an seiner Art wirkte reserviert. So, als wäre es ihm nicht recht, dass sie die Schlussfolgerungen seines Kollegen hinterfragte. Oder vielleicht hatte er einfach viel zu tun und verschwendete nicht gerne seine Zeit mit Beweisen, die er in einem gründlich untersuchten Fall für unerheblich hielt. Schade. Ihre Finger schlossen sich um die Handtasche, und sie reckte energisch das Kinn vor. „Bevor ich Ihnen zeige, was ich habe, müssen Sie wissen, dass ich nie an einen Selbstmord meines Vaters geglaubt habe.“ Er betrachtete sie. „Mein Vorgesetzter hat das erwähnt.“ „Sie sollten außerdem wissen, dass ich nicht aufgeben werde. Ein Selbstmord widersprach allem, an was mein Vater glaubte. Jemand hat ihn umgebracht.“ Die Worte hinterließen einen bitteren Nachgeschmack auf ihrer Zunge, und plötzlich spürte sie einen Kloß im Hals. Bestürzt über ihren Mangel an Selbstbeherrschung, senkte sie den Kopf und berührte wieder den Verschluss ihrer Tasche. „Entschuldigen Sie … könnte ich vielleicht ein Glas Wasser haben?“ Der Detective schob seinen Stuhl zurück und stand auf. Gleich darauf verschwand er aus ihrem Blick. Sie hörte, wie die Tür sich hinter ihr schloss. Kelly kramte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch und schnäuzte sich die Nase. Dann trocknete sie ihre Augen. Früher hatte sie nie geweint, aber seit fünf Monaten kamen ihr immer die Tränen, wenn sie an die schmerzliche Leere dachte, die der Tod ihres Vaters in ihrem Leben hinterlassen hatte. Aber Tränen würden die Polizei nicht davon überzeugen, dass die Nachricht, die sie erhalten hatte, mehr als eine merkwürdige Laune des Schicksals war. Sie musste stark und selbstbewusst sein und sich 11


beherrschen, wenn sie wollte, dass man sie ernst nahm, anstatt sie wie eine trauernde Tochter zu behandeln, die sich an jeden Strohhalm klammerte. Nachdem sie sich noch einmal über die Wangen gewischt hatte, steckte Kelly das Taschentuch in ihre Handtasche und setzte sich aufrecht hin. Dann betete sie im Stillen um Kraft. Und wappnete sich für den Kampf. *** Cole lehnte an der Wand neben der Tür zum Besprechungsraum und sah auf seine Armbanduhr. Er hatte keine Minute gebraucht, um die Flasche eiskalten Wassers zu holen, die jetzt in seiner Hand langsam warm wurde. Doch angesichts Kelly Warrens niedergeschlagener Miene hatte er sich entschlossen, ihr ein paar zusätzliche Minuten zu geben, damit sie ihre Fassung wiedergewinnen konnte. Aber jetzt war ihre Schonzeit abgelaufen. Er nahm sich Zeit damit, die Tür aufzumachen, damit sie vorbereitet war, und betrat den Raum. Er hatte halbwegs erwartet, sie in Tränen aufgelöst vorzufinden, ihr Gesicht aufgedunsen und verheult. Weinende Frauen, das hatte er in den vergangenen vierzehn Jahren Polizeiarbeit festgestellt, sahen nur in Filmen gut aus. Aber sie überraschte ihn. Ein einziger, winziger Tropfen Feuchtigkeit, der noch an der Spitze einer ihrer vollen Wimpern hing, und eine gewisse Anspannung ihrer feinen Gesichtszüge waren die einzigen Anzeichen für vergangene Tränen. Er stellte die Wasserflasche vor ihr auf den Tisch und setzte sich wieder. „Danke.“ Sie schraubte den Verschluss auf und nahm einen kräftigen Schluck. Einen Moment lang war er ganz gebannt von ihrem schlanken Hals und ihren umwerfenden, sanft gelockten rotbraunen Haaren. Sie hatte sie in der Mitte gescheitelt und das Volumen rechts und links mit einer Jadespange gebändigt. Am liebsten hätte er in diesem Moment ihre Haare berührt. 12


Sie hob das Kinn, und ihm stockte der Atem, als ihre smaragdgrünen Augen ihn ansahen. Sie runzelte die Stirn und bewegte sich unbehaglich auf ihrem Stuhl. „Ist irgendetwas?“ Cole räusperte sich, senkte den Blick und nahm den Stift in die Hand. Reiß dich zusammen, Taylor. Das hier ist eine trauernde Tochter und keine Partygängerin, die erobert werden will. „Nein. Ich dachte nur, dass ... Sie mir bekannt vorkommen.“ Was für ein dämlicher Spruch. Er versuchte, keine Grimasse zu ziehen. „Haben Sie denn an dem Fall meines Vaters mitgearbeitet?“ „Nein.“ „Dann bezweifle ich, dass wir uns schon einmal begegnet sind.“ Sie zog ein bedrucktes Blatt Papier aus ihrer Tasche und schob es ihm über den Tisch zu. „Das hier kam heute Morgen zusammen mit einer Lieferung Blumenzwiebeln.“ Froh darüber, dass er einen Grund hatte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, nahm Cole den Zettel. Er entpuppte sich als Lieferschein für eine Bestellung über zwei Dutzend Tulpenzwiebeln der Sorte „Fliegender Teppich“, die Ende Oktober geliefert werden sollten. „Oben links in dem Kästchen steht eine Nachricht.“ Er entdeckte das Kästchen und überflog den Text. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Kelly! „Fliegender Teppich“ – klingt das nicht exotisch? Wir werden die Blumenzwiebeln an deinem großen Tag gemeinsam pflanzen. Ich bringe Kuchen mit! Alles Liebe, Dad. Cole versuchte, die Bedeutung dieser Nachricht zu verstehen, aber es gelang ihm nicht. „Bestimmt war es ein Schock für Sie, Ms Warren, dass diese Lieferung so lange nach dem Tod Ihres Vaters eingetroffen ist.“ Er las den Text noch einmal, auf der Suche nach dem Hinweis, den er übersehen hatte. „Aber viele Leute bestellen Blumenzwiebeln für den Herbst lange im Voraus.“ Ihr Mund verzog sich ärgerlich, als er sie ansah, und sein Blick wanderte zu ihren Lippen hinunter. 13


Nett. „Das ist mir durchaus bewusst, Detective Taylor. Aber sehen Sie sich das hier an.“ Sie tippte auf ein Datum unten auf dem Lieferschein, um seine Aufmerksamkeit darauf zu lenken. „Er hat die Bestellung einen Tag vor seinem Tod aufgegeben, von dem die Polizei behauptet, dass es Selbstmord war. Mit anderen Worten, keine vierundzwanzig Stunden, bevor er gestorben ist, hatte mein Vater noch vor, fünf Monate später mit mir Tulpen zu pflanzen.“ Na gut. Das war merkwürdig. „Wissen Sie was? Geben Sie mir ein, zwei Tage, um mich in die Akte einzulesen. Dann melde ich mich bei Ihnen und wir können über diese Sache sprechen.“ Ihre gerunzelte Stirn verriet ihm, dass ihr die Verzögerung nicht passte. „Gibt es vielleicht jemand anderen, der sich schneller damit befassen kann?“ Cole tippte mit dem Stift gegen das gestreifte Tablett, das vor ihm auf dem Tisch stand. Er war versucht, ihr zu sagen, dass keiner der Ermittler herumsaß und Däumchen drehte. Dass jeder von ihnen ungelöste Fälle bearbeitete, die sofortiges Handeln erforderten. Dass ein paar Tage mehr für ihren Vater keine Rolle spielen würden. Aber Alison schimpfte immer mit ihm wegen seines Mangels an Taktgefühl. Also holte er tief Luft und formulierte seine Antwort vorsichtig. „Ms Warren, bitte glauben Sie mir, dass ich diese Angelegenheit sehr ernst nehme. Aber da Detective Carlson im Urlaub ist, brauche ich etwas Zeit, um mich mit den Fakten in dem Fall vertraut zu machen und zu verstehen, wie meine Kollegen damals zu ihren Schlussfolgerungen kamen. Jeder andere Ermittler würde dasselbe tun. Aber wenn es Ihnen lieber ist, werde ich meinen Vorgesetzten bitten, jemand anderen damit zu beauftragen, Ihnen zu helfen.“ Sie durchbohrte ihn mit einem prüfenden Blick, dem er, ohne zu blinzeln, standhielt. Schließlich ließ sie ihre Handtasche zuschnappen und stand auf. Er erhob sich ebenfalls. „Also gut. Ich warte auf Ihren Anruf. Morgen, hoffe ich.“ 14


„So bald wie möglich.“ Ihre Augen verengten sich ein wenig, und er erkannte, dass ihr nicht entgangen war, dass er mehr Zeit herauszuschlagen versuchte. „Hören Sie, Detective, mir ist klar, dass dieser Fall für Sie keine hohe Priorität hat, anders als für mich. Aber ich kannte meinen Vater dreiunddreißig Jahre lang. Ich habe jeden Tag mit ihm gesprochen. Ich habe ihn erlebt, als er schlimme Zeiten durchgemacht hat, darunter auch den Tod meiner Mutter, und er war hart im Nehmen. Ein Mann voller Stärke und Glauben, der bei Gott Hilfe gesucht hat, wenn es schwierig wurde, und nicht bei Tabletten oder Kohlenmonoxid. Die Fakten Ihrer Ermittlungen kann ich nicht abstreiten, aber die Schlussfolgerung, die Sie daraus gezogen haben, kann ich nicht teilen. Ich bin überzeugt, dieses Dokument“ – sie ließ den Finger auf den Lieferschein niedersausen, der auf dem Tisch lag – „beweist, dass Sie etwas übersehen haben.“ Er betrachtete sie eine ganze Zeit lang. Wenn John Warren ein starker Mann gewesen war, hatte seine Tochter diese Eigenschaft in hohem Maße geerbt. Ihre Stimme klang selbstbewusst, und die Entschlossenheit in ihren Augen war Respekt einflößend. „Ich habe das Gefühl, dass Ihr Vater stolz auf Sie wäre.“ Cole war sich nicht sicher, woher das plötzlich gekommen war. Oder warum er es gesagt hatte. Aber die Bemerkung schien sie zu entwaffnen. Die Anspannung ihrer Schultern ließ ein wenig nach, und ihre strenge Miene wurde weicher. „Er war ein guter Mann.“ Die sanften, von Trauer geprägten Worte berührten sein Herz. „Er hat es verdient, in Frieden zu ruhen. Deshalb will ich die Wahrheit wissen. Ich will sicher sein, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird.“ „Das wollen wir auch.“ Cole nahm den Lieferschein. „Wenn wir etwas übersehen haben, kann ich Ihnen versprechen, dass wir unser Möglichstes tun werden, um den Fehler zu berichtigen. Kommen Sie, ich bringe Sie zur Tür.“ Er folgte ihr den Gang entlang und wünschte, er könnte ihr die Lösung geben, die sie sich erhoffte – die Gewissheit, dass ihr 15


Vater sich nicht das Leben genommen hatte. Aber die Ermittler in der Kriminalabteilung der Polizei von St. Louis waren Profis. Es war unwahrscheinlich, dass er irgendwelche Fehler finden würde. Trotzdem gab ihm die Nachricht auf dem Lieferschein zu denken. Und wenn seine Kollegen etwas übersehen hatten, würde er nicht so tun, als wäre es nicht so. Er war Ermittler geworden, um für die Gerechtigkeit zu kämpfen, und nicht, um die Wahrheit zu vertuschen. Kelly blieb an der Tür zum Foyer stehen und streckte die Hand aus. „Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“ Obwohl ihre Schultern straff und ihr Blick direkt waren, fuhr ein leichtes Zittern durch ihre kalten Finger, als er sie umfasste. „Ich melde mich.“ Sie nickte, drehte sich um und ging auf den Ausgang zu. Cole sah ihr nach, und sein Blick blieb an den rotbraunen Locken hängen, die sich über die seidig glänzende Bluse ergossen, die sie in den Bund ihrer schmalen schwarzen Hose gesteckt hatte. Sie wäre seine ideale Begleitung zu Jakes Hochzeit gewesen. „Nett.“ Als er diese Bemerkung dicht an seinem Ohr vernahm, fuhr Cole herum. Mitch stand da und sah Kelly hinterher. Verärgert schloss Cole die Tür zum Eingangsbereich und drängte seinen Kollegen unsanft mit der Schulter beiseite. „Hast du dich nicht gerade erst verlobt? Mit meiner Schwester?“ Mitch grinste. „Schönheit zu würdigen ist nicht dasselbe, wie einer Frau hinterherzuschmachten.“ „Ich habe nicht geschmachtet.“ Hoffte er jedenfalls. „Außerdem trenne ich Dienstliches und Privates ganz strikt.“ „Wenn du es sagst! Du hast auf jeden Fall die Aussicht genossen. Wer ist sie denn?“ „Ihr Vater ist vor fünf Monaten gestorben. Sie kauft uns unser Suizidurteil nicht ab. Es war Alans Fall.“ Cole machte sich auf den Weg zurück in sein Büro. „Ich erinnere mich daran. Nach allem, was ich gehört habe, war es eine klare Sache.“ 16


Cole blieb abrupt stehen, und Mitch stieß um ein Haar mit ihm zusammen. „Wie kommt es, dass ich mich nicht daran erinnere?“ „Du warst mit einem prominenten Vermisstenfall beschäftigt.“ „Ach ja.“ Zwei komplette Wochen hatte er damit zu tun gehabt – und es hatte kein Happy End gegeben. „Was wollte die Tochter denn?“ „Sie hat einen neuen Hinweis, der ihrer Meinung nach ihre Ansicht stützt, dass es Mord war.“ Cole ging weiter und Mitch schloss zu ihm auf. „Und tut er das?“ „Er wirft zumindest Fragen auf. Aber ich muss mir erst einmal die Akte ansehen.“ „Vielleicht findest du ja einen guten Grund, sie zu besuchen.“ Cole blieb an der Tür zu seinem Büro stehen, das er sich mit Adams und anderen Ermittlern teilte, und sah seinen Freund streng an. „Ich habe es dir gerade erklärt: Ich trenne Dienst und Vergnügen.“ „Die Indizien sagen etwas anderes – aber ich werde mir nicht mehr den Mund verbrennen.“ Mitch grinste und hob eine weiße Tüte hoch, auf der das Logo einer bekannten Imbisskette abgebildet war. „Ich habe dir trotzdem einen Burger mitgebracht. Betrachte ihn als Friedensangebot.“ Während er Cole die Tüte gab, zog er sein vibrierendes Handy vom Gürtel und sah auf die Anruferkennung. „Keine ruhige Minute hat man hier. Guten Appetit.“ Er hob das Telefon ans Ohr und verschwand den Gang entlang. Der Duft des Burgers, den die Tüte ausströmte, ließ Coles Magen knurren, und er ging zu seinem Schreibtisch. Merkwürdig. Plötzlich hatte er doch Hunger. Er biss genüsslich in den üppig belegten großen Burger und schlang die Hälfte davon hinunter, bevor er einen Schluck aus seiner beinahe leeren Coladose trank, die er auf dem Tisch hatte stehen lassen. Die Cola war warm, aber wenigstens war sie nass. Nachdem sein Hunger ein wenig gestillt war, ging Cole wieder an seinen Computer und lud sich die Akte über John Warren he17


runter. Er konnte ja schon mal einen Blick darauf werfen, während er Mittagspause machte. Es dauerte nicht lange, bis er die wichtigsten Fakten kannte: Warren, ein Buchhalter im Ruhestand, war tot in seiner Garage aufgefunden worden. Seine Tochter Kelly war verreist gewesen, hatte ihn nicht erreicht und eine Nachbarin gebeten, nach ihm zu sehen. Als Todesursache wurde eine Kohlenmonoxidvergiftung festgestellt. Sichtbare Verletzungen gab es nicht und auch keine Hinweise auf einen Kampf. Die toxikologischen Untersuchungen hatten Schlafmittel und einen erhöhten Alkoholspiegel im Blut ergeben. Alans Ermittlung hatte diese Ergebnisse bestätigt. Eine leere Bierdose und eine kleine Packung mit Schlaftabletten waren neben der Leiche des Mannes gefunden worden, der dicht neben dem Auspuffrohr an der Wand zusammengesunken war. Drei weitere leere Bierdosen befanden sich im Müll in der Küche. Weil Warrens Tochter darauf bestanden hatte, hatte Alan verschiedene Bekannte ihres Vaters befragt, darunter auch den Pastor der Kirche, zu der die beiden jeden Sonntag gingen. Alle Befragten waren angesichts des vermeintlichen Selbstmordes vollkommen überrascht und schockiert gewesen. Warren hatte auch nirgendwo eine psychiatrische Behandlung in Anspruch genommen. Allerdings war kurz vorher bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert worden, und eine Operation stand ihm bevor, gefolgt von Bestrahlungen und Chemotherapie. Selbst seine Tochter hatte zugegeben, dass er in den letzten Wochen seines Lebens stiller gewesen war als sonst – fast sogar ein wenig deprimiert. Cole konnte an Alans Schlussfolgerung nichts aussetzen. Alle Indizien deuteten auf Selbsttötung hin. Mit seinen neunundsechzig Jahren konnte John Warren beschlossen haben, dass es den ganzen Schmerz und die Mühen nicht wert war, einen Krebs zu bekämpfen, der nur sehr schwer zu besiegen war. Und doch hatte er an dem Tag vor seinem Tod eine fröhliche Nachricht an seine Tochter geschrieben und über Pläne für die Zukunft gesprochen. Kelly hatte recht. 18


Es passte nicht zusammen. Trotzdem war es möglich, dass er die Schlaftabletten gekauft hatte, um sie griffbereit zu haben, wenn es wirklich schlimm kam. Und dann hatte er in einem Augenblick der Verzweiflung beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Cole trommelte mit den Fingern auf den Lieferschein, den Kelly ihm gegeben hatte, dann nahm er die andere Hälfte seines Burgers und las den Fallbericht noch einmal, während er Mitchs Friedensangebot verspeiste. Er musste an diesem Nachmittag noch zwei Zeugen in einem Fall von Fahrerflucht aufspüren, und er hatte keine Zeit, sich die Einzelheiten der Warren-Akte jetzt anzusehen. Aber er würde es tun. Entweder heute Abend noch oder morgen früh. Aber wenn er von seiner ersten kurzen Durchsicht der Akte ausging, würde er wahrscheinlich keine Unregelmäßigkeiten finden. Er hatte in Dutzenden Fällen gemeinsam mit Alan ermittelt, und sein Kollege war kein Detective, der Dinge übersah. Allerdings wäre Kelly Warren sehr, sehr enttäuscht, wenn sich der Selbstmord ihres Vaters bestätigen sollte. Ihr die schlechte Nachricht zu überbringen, war nichts, worauf er sich freute.

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