Kapitel 1
Jesus und seine jüdische Welt Rabbi, wo wohnst du? (Johannes 1,38)
Jesus war ein Jude. Dieser Satz ist heute für die meisten Christen selbstverständlich und vielleicht sogar banal. Aber das war längst nicht immer so. Als ich das erste Mal das Museum Yad Vashem in Jerusalem besuchte, das an die Vernichtung der Juden in Europa erinnert, hat mich dort ein Foto besonders angesprochen, das die idyllische Ansicht eines bayrischen Bergdorfes zeigt. Am Rande des Weges, der zum Dorfeingang führte, stand ein Kruzifix, mit Blumen dekoriert und liebevoll gepflegt. Nur einige Schritte weiter, ebenfalls am Wegrand, war ein Schild aufgestellt: „Juden sind hier unerwünscht“. Dass der christliche Glaube an einen jüdischen Jesus und der Hass auf Juden nicht zueinander passen, schien damals niemandem aufzufallen. In der Tat gab es zu dieser Zeit sogar Theologen und Kirchenmänner, die davon überzeugt waren, dass Jesus kein Jude gewesen 5
sei, sondern ein „Arier“. Aber diese Ansicht war eher eine schräge Randnotiz der modernen Jesusforschung. Viel verbreiteter war die Meinung, die schon lange vorher Gotthold Ephraim Lessing formuliert hatte. Der deutsche Dichter und Denker war zugleich Urvater der neuzeitlichen Bibelforschung: Er nannte Jesus zwar einen „geborenen Juden“ und meinte damit seine religiöse Herkunft und ethnische Abstammung. Aber nach Lessings Ansicht ließ Jesus das Judentum hinter sich, als er erwachsen wurde. Und er wurde zum Gründer einer neuen Religion: des Christentums. Viele Christen, mit denen ich über Jesus spreche, würden die absurde Vorstellung von einem arischen Jesus natürlich als lächerlich zurückweisen. Aber sie würden insgeheim doch der Vorstellung von Lessing folgen, dass Jesus zwar als Jude geboren wurde, aber nicht Jude blieb. Als ich vor einigen Jahren für eine christliche Zeitschrift einen Artikel über „Jesus, den Juden“ schrieb, waren es gerade die besonders bibeltreuen Leser, die sich in Leserbriefen empört oder verunsichert äußerten: War Jesus denn wirklich „nur ein Jude“? Macht ihn das nicht kleiner, als er wirklich war? War er denn nicht „mehr als ein Jude“? Hat er nicht die Grenzen des Judentums überwunden und durchbrochen – und das sogar ganz bewusst und absichtlich? Wollte er nicht die Gesetzlichkeit, die Blindheit, die Korruption und den religiösen Fanatismus des Judentums überwinden? Waren es nicht gerade die Juden, die seine schärfsten Gegner waren? Ja, Jesus war vielleicht von seiner Abstammung her ein Jude, er lebte vielleicht auch in einem jüdischen Umfeld. Aber er stand doch selbst irgendwie über oder zumindest jenseits dieser Kategorien. Er war doch „der Mann, der in kein Schema passt“. Er war der Rebell, der alles auf den Kopf und infrage stellte. Also doch wohl auch das Judentum. Dieses Buch möchte helfen, ein verbreitetes Missverständnis zu überwinden: Es ist ein Missverständnis, das tiefe Wurzeln hat in einer langen Geschichte der christlichen Judenfeindschaft. Aber es hält sich bis heute. Auch in den Köpfen und Herzen solcher Christen, 6
die die alte Judenfeindschaft für überwunden halten und die vielleicht sogar großes Interesse am Judentum haben: Es ist das Missverständnis, dass die Person Jesu nur dann richtig zum Vorschein kommt, wenn man sie vom dunklen Hintergrund seiner jüdischen Umwelt deutlich abhebt.
Missverständnis 1: Unser Bild von Jesus kann nur dann hell leuchten, wenn wir den Hintergrund des Judentums um ihn herum in dunklen Farben malen. Die Farben, in denen man diesen Hintergrund malt, haben mit den Jahrzehnten und Jahrhunderten gewechselt. Früher waren es vor allem die Farben der Gesetzlichkeit und der Engstirnigkeit. Heute sind es bevorzugt die Farben einer religiösen Exklusivität oder eines korrupten Herrschaftssystems, die man im Judentum verkörpert sieht. Aber die Grundidee bleibt: Das Judentum bildet den dunklen Hintergrund, vor dem sich Jesus deutlich als Kontrast abhebt durch das, was er sagt, was er tut und was er ist. Oder, wie es der große britische Theologe N. T. Wright in einem anderen Bild formuliert: Der „aufgeheizte Sturmwind“ des Judentums kollidiert frontal mit dem „göttlichen Hurrikan“ des Reiches Gottes, der mit Jesus in die Welt kommt. Und das führt am Ende zur Katastrophe.1 Aber ist das wirklich die einzige Möglichkeit, das Neue Testament zu lesen? Kann man Jesus wirklich nur im Kontrast zum Judentum seiner Zeit richtig verstehen, im frontalen Zusammenprall der Kulturen? In diesem Buch möchte ich versuchen, einen anderen Weg zu gehen. Ich möchte Jesus als einen Menschen beschreiben, der nicht nur als Jude geboren wurde, sondern auch als Jude starb und auferstand. Für den sein jüdischer Glaube nicht der Gegenwind war, der dem Reich Gottes entgegenstand, sondern der Rücken7
wind, durch den es in die Welt hineingetragen wurde. Ich glaube, dass wir viele der Worte und Taten Jesu nur dann richtig verstehen können, wenn wir sie nicht im Gegensatz zum Judentum, sondern als einen authentischen Ausdruck von jüdischem Glauben und Leben wahrnehmen.
Eine persönliche Entdeckungsreise Diese Überzeugung ist allerdings auch bei mir erst allmählich gewachsen. Sie ist auf einem langen Weg entstanden, auf dem ich viel lernen und oft umdenken musste: Schon als Teenager ging ich regelmäßig in eine christliche Gemeinde und hörte dort in Predigten und Bibelarbeiten viel darüber, wer die jüdischen Zeitgenossen Jesu waren und was sie glaubten. Meine Religionslehrerin in der Schule war sehr engagiert im christlich-jüdischen Gespräch und brachte uns mit viel Liebe und Einsatz die neuere Geschichte der Juden in Deutschland nahe. Und im Theologiestudium wurde vieles davon dann noch einmal gründlich wissenschaftlich untermauert. Ich hielt mich also eigentlich für einen ausgewiesenen Experten in Sachen Judentum. Umso überraschter und beschämter war ich aber, als ich nach dem Ende meiner Pfarrerausbildung die Gelegenheit hatte, für ein Jahr in Jerusalem zu leben und zu arbeiten. Eigentlich wollte ich gar nicht dorthin. Mir war die Schwärmerei mancher Christen für Israel etwas peinlich und ich dachte, man kann doch auch ein guter Christ sein, ohne das Land Jesu persönlich kennenzulernen. Aber weil meine Frau Steffi auch zu jenen gehörte, die für dieses Land schwärmten, und weil wir als Gemeinde gerade mit dem Aufbau einer christlichen Begegnungsarbeit in Jerusalem begonnen hatten, ließ ich mich doch dazu bewegen, die Reise anzutreten. Und ich habe es nicht bereut. Zwar lag unser Haus im arabischen Ostteil Jerusalems, aber es gab trotzdem genug Gelegenheit, das jüdische Alltagsleben im Wes8
ten der Stadt kennenzulernen. Zum ersten Mal hatte ich hier die Möglichkeit, Juden nicht nur aus Geschichts- und Religionsbüchern kennenzulernen, sondern als Verkäufer, Busfahrer, Rabbiner, Nachbarn, Kollegen und Freunde. Ich besuchte Gottesdienste in den Synagogen und Vorträge in verschiedenen Schulen Jerusalems. Und je besser ich meine jüdischen Zeitgenossen kennenlernte, desto mehr wurde mir klar: Ich weiß viel weniger über sie, als ich immer dachte. Ein Schlüsselerlebnis, an das ich mich noch gut erinnere, geschah an einem Donnerstagmorgen in einer Synagoge von Jerusalem. Ich besuchte hier eine wöchentliche Vorlesung zur Auslegung des Talmuds. Der Rabbiner, der die Vortragsreihe hielt, war ein ausgewiesener Experte seines Fachs und ich genoss seine humorvollen und zugleich geistlich herausfordernden Erklärungen sehr. Aber besonders interessant wurde es immer dann, wenn er in Seitenbemerkungen darüber sprach, wie sich das Judentum vom Christentum unterscheidet. Vermutlich wusste er nicht, dass er auch einen christlichen Gasthörer hatte, und das war vielleicht auch gut so. Denn oft ging es mir so, dass ich mich in seinen Darstellungen des Christentums nicht so richtig wiederfinden konnte: „Bei den Christen geht es hauptsächlich darum, wie man nach dem Tod in den Himmel kommt. Aber bei uns Juden geht es darum, wie das Leben hier auf der Erde gelingen kann.“ Autsch! Ja, natürlich gibt es Christen, die so denken. Aber sind sie wirklich typisch für das, was Christen denken? Trifft diese Beschreibung wirklich den Kern des Christentums? Und selbst wenn eine Mehrheit von Christen so denken würde: Wäre das dann wirklich „richtiges Christentum“, also das, was wir im Neuen Testament finden? Oder eine andere Randbemerkung: „Im Judentum ist es wichtig, dass man sich als Mensch mit seinen Mitmenschen versöhnt, wenn man aneinander schuldig wird. Christen klären das direkt mit Gott, weil Jesus ja für sie gestorben ist. Der Priester spricht bei der Beichte die Vergebung zu und man braucht das dann nicht mehr mit seinen Mitmenschen zu klären.“ Naja, so hätte ich es auch nicht 9
gerade beschrieben. Andererseits muss ich auch hier zugeben, dass es vermutlich tatsächlich Christen gibt, die so denken und danach leben. Es ist also einerseits ein Zerrbild (wenn man es verallgemeinert) und andererseits auch wahr (im Blick auf manche Christen). Hinzu kommen natürlich auch noch die Unterschiede zwischen den Konfessionen: Schließlich bin ich ja nicht katholisch und deshalb gibt es bei mir auch keinen Priester. Die Beichte gibt es zwar auch bei uns, aber sie ist doch bei den evangelischen Christen anders als bei den katholischen. Und obendrein bin ich auch nicht „typisch evangelisch“, sondern pietistisch-kritisch-evangelikal oder wie auch immer man es nennen mag … Und dann kehren meine Gedanken zurück zu dem Rabbi und ich denke mir: Kann man wirklich von einem jüdischen Rabbi erwarten, dass er all diese komplexen Nuancen zwischen katholischen, evangelischen, rechts-evangelikalen und links-evangelikalen Christen kennt und versteht? So saß ich also dort in dieser Vorlesung und fühlte mich als Christ oft missverstanden. Der Rabbi hatte es sicher nicht böse gemeint. Im Gegenteil. Ich mochte ihn sehr. Es stand außer Frage, dass er ein Experte seines Fachs war und auch ein guter Kenner und Freund des Christentums. Und dennoch klangen seine Beschreibungen dessen, was „typisch christlich“ ist, oft in meinen Ohren nur halb richtig. Sie trafen entweder den Kern der Sache nicht ganz oder aber meine christliche Erfahrung und Prägung war einfach eine andere. Oft hätte ich gern protestiert. Oder ich hätte ihm erklärt, was „richtige Christen“ (natürlich solche, wie ich einer bin) wirklich denken. Dann wurde mir plötzlich klar, dass es jüdischen Zuhörern in meinen Predigten vermutlich oft ganz genauso gehen musste (und ich hatte ja regelmäßig Predigten zu halten, mitten in Jerusalem …). Plötzlich hörte ich meine eigenen Predigten mit ganz anderen Ohren. Mit den Ohren eines jüdischen Zuhörers, der vielleicht, genauso wie ich in der Synagoge, unerkannt irgendwo in der hinteren Bank saß. Und mir wurde klar, wie oft ich, um ein Wort von Jesus zu erklären, auf mein vermeintliches Wissen über das Judentum zu10
rückgreifen musste: Ich mutmaßte darüber, was die Pharisäer und Schriftgelehrten wohl über Jesus dachten und was „typisch jüdisch“ ist. Ich erklärte jüdische Bräuche und Gesetze. Ich versuchte deutlich zu machen, warum die Ansichten von Jesus so ganz anders waren als die seiner jüdischen Zeitgenossen. Und plötzlich fragte ich mich: Was würde wohl der Rabbi aus meiner Vorlesung denken, wenn er hier bei mir säße und meiner Predigt zuhören würde? Wie viel von dem, was ich sage, träfe seine Sicht der Dinge nur halb – oder vielleicht gar nicht? Wie gut würde ich eigentlich die Nuancen der verschiedenen jüdischen Strömungen und Richtungen auseinanderhalten, die ja schon zur Zeit Jesu mindestens so komplex waren wie der christliche Konfessionsdschungel heute? Wie muss es für einen Juden klingen, wenn ich ganz selbstverständlich darüber rede, was „die Juden“ zur Zeit Jesu dachten und glaubten? Vermutlich ähnlich absurd wie die meisten Aussagen darüber, was „die Christen“ oder „die Deutschen“ denken und glauben. Da fielen mir sofort einige Dinge ein, worüber der Rabbi seine Stirn verständnislos runzeln würde. Und einiges, worüber er vermutlich einfach nur nachsichtig schmunzeln müsste. Hier begann für mich der Weg des Umdenkens. Verantwortlich dafür war nicht eine plötzliche Begeisterung für jüdische Kultur oder Folklore und auch bisher unentdeckte Liebesgefühle zu Israel spielten keine Rolle. Es war nicht das Bedürfnis, selbst „jüdischer“ zu werden oder von jetzt an „Jeschua“ statt „Jesus“ zu sagen. Es war ganz einfach die Einsicht, dass ich noch so wenig weiß und noch so viel zu lernen habe. Es war die Einsicht, dass ich vorsichtiger sein muss mit meinem Urteil über Menschen, die ich doch so wenig kenne. Und es war der Wunsch, sie besser kennenzulernen. Aus dem einen Jahr in Jerusalem wurden später noch sechs weitere. Ich hatte Gelegenheit zu intensiveren Gesprächen und gründlicherer Forschung. Aber dieses Wissen ist mir bis heute geblieben: Dass ich über meine jüdischen Zeitgenossen (und deshalb auch über die jüdischen Zeitgenossen Jesu) weniger weiß, als ich wissen müss11
te, um den Juden Jesus wirklich zu verstehen. Und deshalb versuche ich mir auch jetzt, nachdem ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin, bei jeder meiner Predigten vorzustellen: Da hinten, in der fünften Reihe, sitzt er vielleicht. Unerkannt, jener Rabbi aus Jerusalem, und hört mir zu. Und noch immer hätte er vermutlich viel zu schmunzeln und seine Stirn zu runzeln. Ich schreibe dieses Buch also nicht, weil ich heute ein Experte wäre. Sondern im Gegenteil, weil ich heute mehr denn je weiß, wie viel ich noch zu lernen habe. Und weil ich andere dazu ermutigen möchte, sich mit mir auf diesen Weg des Lernens zu machen.
Christen und Juden heute Natürlich: In den christlichen Kirchen hat im Blick auf das Judentum spätestens seit den Schrecken des Holocaust ein umfassender Prozess des Umdenkens begonnen. Man hat erkannt, dass es auch christliche Unwissenheit, christliche Irrlehren und christliche Judenfeindschaft waren, die zur Schoah beigetragen haben (so wird die Katastrophe der Judenvernichtung von vielen Juden auf hebräisch bezeichnet). Die katholische Kirche setzte mit ihrer Erklärung „Nostra Aetate“ aus dem Jahr 1965 ein deutliches Zeichen für eine Neuorientierung und forderte, dass in der kirchlichen Lehre anders und neu über das Judentum geredet werden solle als bisher. In den evangelischen Kirchen zog man etwa 15 Jahre später nach und forderte in verschiedenen Erklärungen von Synoden und Kirchenleitungen einen neuen Umgang mit dem Judentum und eine neue Art des Bibellesens. Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit entstanden überall in Deutschland und viele der alten Klischees sind heute tatsächlich überwunden. Bedenklich ist es allerdings, dass sich ausgerechnet die Freikirchen, die pietistischen und evangelikalen Gruppen in Deutschland an dieser Stelle weit weniger deutlich zu Wort gemeldet haben. Vermutlich ist es ein grundsätzlicher Hang zum Bewahrenden, der 12
hier die Menschen fester an alten, lieb gewonnenen Überzeugungen festhalten lässt. Außerdem sind hier oft auch noch ältere Bibelkommentare und Lexika aus Großmutters Zeiten in Gebrauch. In diesen Bereichen der Christenheit paart sich deshalb oft eine ausdrückliche „Israelliebe“, wenn es um das heutige Israel geht, mit einer unbewussten „Judenfeindschaft“, wenn es um die Zeitgenossen Jesu im Neuen Testament geht. Trotz aller positiven Entwicklungen in den letzten 50 Jahren ist deshalb auch bei uns noch viel zu tun. Die jüdische Professorin Amy Jill Levine, die heute zu den herausragendsten Persönlichkeiten in der jüdisch-christlichen Forschung gehört, hat ihre langjährigen Beobachtungen als jüdische „Gasthörerin“ christlicher Predigten so zusammengefasst: Predigten und Bibelauslegungen in vielen Kirchen und Bibelstudiengruppen und sogar angesehene akademische Monographien beschreiben explizit oder implizit ein Judentum, das monolithisch wie ein Steinblock ist, in kleinlichen Gesetzesfragen gefangen, ohne echten geistlichen Tiefgang, und das auch sonst all das widerspiegelt, was das Christentum (wie man hofft) nicht ist. Pastoren, Priester und Religionslehrer, Christen, die eigentlich sehr genau wissen, wie das Neue Testament in der Vergangenheit antijüdisch ausgelegt wurde: Sie alle tappen am Ende in dieselbe Falle und tragen dazu bei, dass antijüdische Lehren weiter und weiter aufrechterhalten werden.2 Sie fasst die sieben häufigsten christlichen Missverständnisse über das Judentum wie folgt zusammen:3 • Die Ansicht, dass das jüdische Gesetz nicht einzuhalten war, sondern nur eine Last, die niemand tragen konnte. Es werde zudem immer als „jüdisches Gesetz“ bezeichnet, fast nie als „biblisches Gesetz“ oder „Gottes Gesetz“, 13
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obwohl es ja in derselben Bibel steht, die auch Christen für heilig halten. Die Ansicht, dass alle Juden einen militanten Messias erwarteten, der die Römer vertreiben würde. Und dass „die Juden“ Jesus deshalb ablehnten, weil er nämlich stattdessen die Friedfertigkeit lehrte. Die Ansicht, Jesus sei der erste Feminist inmitten einer frauenfeindlichen jüdischen Kultur gewesen. Die Ansicht, dass Juden zwanghaft versuchten, sich vor Verunreinigung zu schützen, indem sie sich von Außenseitern fernhielten. Jesus dagegen habe alle Barrieren der Reinheit durchbrochen, insbesondere durch sein Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“. Die Ansicht, dass das Judentum im ersten Jahrhundert durch ein Tempelherrschaftssystem dominiert wurde, das vor allem die Armen und die Frauen unterdrückte und die soziale Trennung zwischen Insidern und Outsidern förderte. Die Überzeugung, dass Juden engstirnig, sippenorientiert, partikularistisch und fremdenfeindlich waren, während Jesus und seine Nachfolger sich universal der ganzen Menschheit zuwandten.4
Solche Anfragen von jüdischen Zeitgenossen sollten wir unbedingt hören und ernst nehmen, selbst dann, wenn wir sie nicht sofort verstehen oder sie für unberechtigt halten. Einige dieser Missverständnisse werden in diesem Buch später noch aufgegriffen. Aber an dieser Stelle können Sie sich als Leser schon einmal fragen, welche dieser eben geschilderten Ansichten Sie selbst vielleicht schon einmal gehört, geglaubt oder sogar gepredigt haben.
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Lesetipps: Jesus aus jüdischer Perspektive Nicht immer hat man jüdische Gesprächspartner in seiner Nähe, von denen und mit denen man lernen kann, Jesus aus jüdischer Perspektive zu verstehen. Deshalb sind Bücher eine gute Ergänzung. Eine ganze Reihe von jüdischen Autoren haben Bücher über Jesus geschrieben, die uns helfen können, diese Perspektive besser zu verstehen: Im deutschsprachigen Bereich empfehle ich das kurze Buch Jesus von David Flusser (1917-2000). Flusser war Professor für jüdische Literatur und Geschichte an der hebräischen Universität von Jerusalem und stellt Jesus als einen gesetzestreuen jüdischen Lehrer in der Linie der großen Lehrer Hillel und Schammai dar. Etwas ausführlicher ist das Buch Jesus der Jude von Geza Vermes (1924-2013), der lange Zeit Professor für Judaistik an der Universität Oxford gewesen ist. Für ihn gehört Jesus eher zur Gruppe der „charismatischen Wundertäter“, die es im Judentum zur Zeit Jesu auch gab und die eher durch ihre besonders innige Gottesbeziehung und ihre Taten auffielen als durch ihre Lehren. Im englischsprachigen Bereich ist auch das Buch A Rabbi talks with Jesus des amerikanischen Gelehrten Jacob Neusner (geb. 1932) interessant, der sehr deutlich, aber respektvoll, die Unterschiede zwischen Jesus und dem Judentum herausstreicht. Ganz neu erschienen und unbedingt zu empfehlen ist das von Amy Jill Levine herausgegebene Jewish Annotated New Testament, eine Textausgabe des Neuen Testaments mit vielen detaillierten Randkommentaren und thematischen Exkursen aus der Hand jüdischer Autoren.
Judentum heute und zur Zeit Jesu Für mich persönlich – und für viele Christen, die ich kenne – ist die Begegnung mit dem heutigen modernen Judentum in Deutschland und Israel eine wichtige Erfahrung, die den Zugang zur jüdischen 15
Welt Jesu öffnen kann. Aber gerade diese Begegnung führt oft auch zu einem neuen Missverständnis: Nämlich dazu, dass man die moderne Welt des heutigen Judentums mit der jüdischen Welt von Jesus verwechselt. Das aber bringt dann leicht neue Klischees hervor: Viele Christen stellen sich Jesus als jüdischen Rabbi vor, der Schläfenlocken und eine Kippa trägt (eine traditionelle jüdische Kopfbedeckung), und dessen Jünger abends am Ufer des See Genezareth osteuropäische Volkstänze tanzen und eine Israelfahne schwenken. Sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass zur Zeit des Neuen Testaments bereits die gleichen Bräuche, Gesetzesregelungen und Traditionen galten wie heute. Aber auch das ist natürlich ein Missverständnis.
Missverständnis 2: Die jüdische Welt von Jesus ist dieselbe wie die jüdische Welt des 21. Jahrhunderts.
Auch das Judentum hat sich im Lauf der Geschichte stark verändert. Viele der Bräuche und Kennzeichen, die heute als „typisch jüdisch“ gelten, waren zur Zeit Jesu noch völlig unbekannt: Es gab keine „Rabbiner“ und keine „Rabbinerschulen“. Jesus war deshalb auch kein „Rabbi“ im heutigen Sinn, auch wenn er von seinen Jüngern so genannt wurde. Die Kippa war noch nicht die jüdische Kopfbedeckung, Schläfenlocken wurden noch abrasiert, der Davidstern war noch kein jüdisches Symbol. „HaTikva“ war noch nicht die jüdische Nationalhymne und zum Passafest feierte man noch keine „Sederfeier“, wie sie heute üblich ist. Wenn wir also die jüdische Welt kennenlernen wollen, in der Jesus lebte, dann müssen wir eine doppelte Hürde nehmen: Wir müssen die Brille unserer modernen christlichen Kultur ablegen, aber auch die Brille der modernen jüdi16
schen Kultur. Stattdessen müssen wir danach fragen, wie jüdischer Glaube und jüdisches Leben im ersten Jahrhundert aussahen. Bibelforscher nennen diese Zeit die „Zeit des zweiten Tempels“, benannt nach dem Tempel in Jerusalem, der nach dem babylonischen Exil neu aufgebaut wurde und dann, im Jahr 70 n. Chr., wieder zerstört wurde. Dieses „Judentum des zweiten Tempels“ unterschied sich in vieler Hinsicht vom heutigen Judentum: Natürlich dadurch, dass es noch einen Tempel gab, der das Zentrum des religiösen Lebens bildete. Aber auch dadurch, dass es (neben der hebräischen Bibel, unserem Alten Testament) noch keine verbindlichen jüdischen Schriften gab. Erst später, etwa ab 200 n. Chr., entstanden mit Mischna und Talmud die ersten verbindlichen Gesetzessammlungen des Judentums, auf die sich auch das heutige Judentum gründet. Christen, die die jüdische Welt Jesu kennenlernen wollen, müssen sich also auf einen doppelten Kulturschock einstellen: Sie überschreiten zuerst die Brücke zwischen zwei religiösen Welten, zwischen Christentum und Judentum. Doch dann ist noch eine zweite Brücke zu überqueren: eine, die Jahrhunderte überspannt. Die Brücke zwischen Moderne und Antike. Gleichzeitig müssen wir bei diesem Zeitsprung aber auch darauf achten, dass wir nicht zu weit springen. Denn hier liegt ein weiterer Grund für viele Missverständnisse vor, von denen dieses Buch handelt: Viele Christen setzen die jüdische Welt von Jesus ganz einfach mit der Welt des Alten Testaments gleich. So, als lägen auch hier nicht 1500 Jahre Abstand zwischen Moses und Jesus. Da wird dann ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Ehebrecher im Judentum regelmäßig gesteinigt wurden, nur weil das im Alten Testament so geschrieben steht.5 Immer wieder ist in Bibelauslegungen zu lesen, dass Aussätzige außerhalb der Orte leben mussten und dass sie mit zerrissener Kleidung, verhülltem Bart und zerzaustem Haar durch die Gegend liefen. Denn es war ja so zur Zeit der Wüstenwanderung.6 Man vermutet auch, dass Juden jederzeit bereit waren, 17
alle fremden Völker mit militärischer Gewalt aus ihrem Land zu vertreiben, weil das zur Zeit der Landnahme unter Josua so geschah.
Missverständnis 3: Die jüdische Welt Jesu ist dieselbe wie die Welt des Alten Testaments zur Zeit von Moses oder König David. Aber selten fragt man sich, ob das auch wirklich stimmt. Als Christen leben wir heute ja auch nicht hundertprozentig nach dem, was in der Bibel steht. Und das, obwohl sie für uns weiterhin Gottes Wort ist. Im Gegenteil: Es ist für uns selbstverständlich, dass wir die Bibel auslegen und für unsere Zeit neu und anders anwenden als vor 1000 oder 2000 Jahren. Es ist für uns auch selbstverständlich, dass staatliche und bürgerliche Gesetze sich mit der Zeit ändern. Nur für das Judentum zur Zeit Jesu nehmen wir an, dass das nicht so war. Sondern wir gehen selbstverständlich davon aus, dass das, was im 3. Buch Mose steht, auch vor der Haustür Jesu in seinem Heimatort Nazareth den Alltag prägte und danach gelebt wurde. Dass dies ein Missverständnis ist, wird in diesem Buch noch deutlich werden. Aber so viel sei schon einmal verraten: Auch in der jüdischen Welt Jesu gab es natürlich die Fähigkeit zur Bibelauslegung. Das heißt, man lebte nicht einfach nach den Gesetzen des Alten Testaments, sondern man suchte nach Wegen, die alten Gesetze in der neuen Situation anzuwenden und an sie anzupassen. Ganz genau so, wie wir das heute auch tun. Wir halten die Bibel für Gottes Wort und dennoch setzen wir nicht alles wortwörtlich in die Tat um, was wir darin lesen. So ist es heute und ist es bereits im Judentum zur Zeit Jesu gewesen. So lesen wir etwa in alten Quellen, dass die Todesstrafe zur Zeit des zweiten Tempels nur äußerst selten und in extremen Fällen angewandt wurde. Nicht jedes beliebige Gericht konnte darüber ent18
scheiden, sondern nur der Hohe Rat in Jerusalem. Und selbst der war offenbar äußerst zögerlich. So erinnern sich die späteren Lehrer des Judentums: Wenn ein Hoher Rat einmal in sieben Jahren jemanden zum Tod verurteilt hätte, hätte man ihn schon als sehr grausam angesehen. Rabbi Eliezer ben Azarja sagt sogar: Wenn der Hohe Rat einmal in siebzig Jahren einen Menschen zum Tod verurteilt hätte, hätte man ihn als grausam angesehen. Rabbi Tarfon sagte: Wenn ich im Hohen Rat gesessen hätte, wäre niemals jemand zum Tod verurteilt worden.7
Missverständnis 4: Zur Zeit Jesu wurden Ehebrecher mit dem Tode bestraft. Christliche Ausleger erzählen dagegen die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin gern so, als sei die Frau hier nur knapp dem Tode entronnen:8 Die Steine waren schon erhoben und die Pharisäer und Schriftgelehrten konnten es kaum erwarten, ihre Mordlust in die Tat umzusetzen. Erst als Jesus sein entscheidendes Wort sagte, ließen sie ihre Steine enttäuscht fallen, weil sie nun doch ihre Todesstrafe nicht ausführen konnten, wie sie es so gern getan hätten. Ein kurzer Blick in den Bibeltext zeigt jedoch, dass der größte Teil dieser Schilderung Fantasie ist und im Text gar nicht vorkommt: Hier wird nicht eine Steinigung verhindert, sondern eine Diskussion über Gesetzesauslegung geführt. Die Schriftgelehrten wollen von Jesus wissen, wie das Gesetz des Moses heute ausgelegt werden soll: Einerseits schreibt es die Todesstrafe vor, andererseits wussten alle Beteiligten, dass diese Vorschrift in der Praxis schon seit Generationen nicht mehr umgesetzt wurde. Was also würde der berühmte Lehrer Jesus zu dieser Frage sagen? 19
Missverständnis 5: Zur Zeit Jesu lebten Aussätzige in Leprakolonien und wurden von allen Menschen gemieden. Ein anderes Beispiel sind die Aussätzigen: Viele christliche Leser übertragen hier die strengen Vorschriften aus dem 3. Buch Mose einfach auf die Zeit Jesu und malen Horrorszenarien von jüdischen Leprakolonien, die eher an Strafgefangenenlager erinnern – dazu später noch mehr. Tatsache ist jedoch, dass die biblischen Bestimmungen auch zur Zeit Jesu schon von Auslegern und Gesetzeslehrern auf die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse angepasst wurden. So war es so, dass Aussätzige selbstverständlich am Gottesdienst der Synagoge teilnehmen konnten, dass sie wie andere auf den Markt zum Einkaufen gingen und dass sie sogar heiraten und Familien gründen konnten – auch dazu später mehr. Aber jetzt kann man sich schon einmal merken: Die jüdische Welt Jesu ist nicht dieselbe wie die Welt des Volkes Israel zur Zeit der Wüstenwanderung. Und auch für die vielbeschworene jüdische Bereitschaft zum gewaltsamen Vertreiben der Feinde gibt es aus der Zeit Jesu kaum einen Beleg. Im Gegenteil: Die Mehrheit der damaligen jüdischen Gelehrten war der Überzeugung, dass es besser sei, im Frieden mit den nichtjüdischen Nachbarn zusammenzuleben, ihr Bestes zu suchen und für sie zum Herrn zu beten. Auch dafür konnte man sich schließlich auf die Bibel berufen.9 Und man konnte es getrost Gott überlassen, sich am Ende der Zeit um die Feinde und die Widersacher zu kümmern. Dazu aber später ebenfalls mehr.
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Missverständnis 6: Die Juden wollten ihre Feinde stets mit militärischer Gewalt aus ihrem Land vertreiben. Es zeigt sich also: Auch hier ist Vorsicht geboten. Wir dürfen die jüdische Welt Jesu nicht einfach mit der Welt des Alten Testaments gleichsetzen. In der Forschung unterscheidet man beide Epochen sehr deutlich voneinander: Vom „Judentum“ spricht man eigentlich erst in der Zeit nach dem babylonischen Exil, also ab dem fünften Jahrhundert vor Christus. Und auch in der Bibel taucht die Bezeichnung „Jude“ erst in den Büchern Esra, Nehemia und Esther auf, die etwa zu dieser Zeit entstanden sind.
Heutiges Christentum und jüdische Welt Jesu Die jüdische Welt Jesu ist nicht die Welt des heutigen Judentums und sie ist auch nicht die Welt des Alten Testaments. Aber noch eine dritte Verwechslung sollte man vermeiden: Die jüdische Welt Jesu ist nämlich auch nicht dieselbe wie die Welt des postmodernen Christentums. Es scheint unnötig, das zu sagen. Aber in vielen Büchern der letzten Jahre hat man den Eindruck, dass der jüdische Jesus ausgerechnet das verkörpert, was sich viele junge und traditionskritische Christen unter einem „ursprünglichen“ Christentum der Zukunft vorstellen, das sich ganz und gar an der jüdischen Urgemeinde orientiert. Da liest man von Jesus, dem „radikalen Rabbi“ oder dem „jüdischen Rebell“, der die Traditionen seiner Zeit über den Haufen warf und sich gegen religiöse Strukturen stellte. Und wie zufällig spiegelt die Welt des radikalen jüdischen Rabbis dann all das wider, wovon junge und innovative christliche Bewegungen heute wieder träumen: Ein Christentum ohne Religion und Institution, ohne sakrale Gebäude, ohne Hierarchien, ohne Regeln und Struktur. 21
Missverständnis 7: Die jüdische Welt zur Zeit Jesu ist dieselbe wie die Welt des postmodernen Christentums. Aber auch das ist natürlich ein Missverständnis, das bei näherem Hinsehen nicht den Realitäten entspricht. Wenn wir Jesus und den ersten Christen wirklich in ihrer eigenen, jüdischen Welt begegnen, dann finden wir dort all das, was heute so gern am etablierten Christentum kritisiert wird: eine jahrhundertealte Institution, ein sakrales Gebäude im Zentrum, eine ausgeprägte Hierarchie von Priestern und Leviten, jede Menge Regeln und Gesetze und eine ausgeprägte Struktur. Wir finden einen Jesus, der an diesem System ganz selbstverständlich teilnimmt (auch wenn viele Christen anderes in die Bibeltexte hineinlesen). Und wir finden eine Urgemeinde, die sich mit gleicher Selbstverständlichkeit in die uralte jüdische Tradition hineinstellt. So trifft sie sich regelmäßig zum Gebet im sakralen Raum des Tempels – und das auch noch zu festen Zeiten!10 Hier leiteten Priester den Gottesdienst und man folgte Liturgien, die zum Teil viele Hundert Jahre alt waren. All das mag sich ein kreativer und innovativer Christ von heute gar nicht gern vorstellen. Aber es ist die Realität des Judentums zur Zeit Jesu. Eine Welt, die unserer modernen und postmodernen Welt in Vielem fremder ist als uns lieb ist. Warum betone ich das? Weil ein unvoreingenommener Blick in die jüdische Welt Jesu nicht nur unsere Klischees und Vorurteile über das Judentum infrage stellt. Sondern weil er uns auch hilft, unsere eigene christliche Welt mit einem kritischen Blick zu betrachten. Die jüdische Welt Jesu ist eben nicht die Welt des modernen Christentums mit seinen Megakirchen, Konferenzen, Hochglanzprospekten und Multimediapräsentationen. Auch wenn Jesus in vielen aktuellen christlichen Büchern als „Vorbild für effektives Unternehmens- und Gemeindemanagement“ vorgestellt wird, ist ihm als jüdischem Leh22
rer diese Art zu denken doch vermutlich sehr fremd gewesen. Aber seine Welt war eben auch nicht die Welt der postmodernen Aussteiger und Rebellen, in der man althergebrachte Traditionen über den Haufen wirft, gesellschaftliche und religiöse Institutionen und Rituale ablehnt und stattdessen radikalen Individualismus predigt. Die jüdische Welt Jesu ist eine ganz andere Welt. Anders auch als vieles, was wir heute für selbstverständlich oder für zukunftsweisend halten. Die jüdische Welt zur Zeit Jesu ist eine fremde Welt und gerade diese Fremdheit ist für uns so wichtig, denn sie hält uns den Spiegel vor. Sie lädt uns ein, unsere Vorstellungen, Ideen, Programme und Konzepte einmal mit ganz anderen Augen zu sehen. Mit den Augen eines Juden, der im ersten Jahrhundert lebte. Mit den Augen Jesu. Jesus und seine jüdische Welt kennen- und verstehen lernen, darum geht es in diesem Buch. Es gibt gute Gründe, sich auf diese Entdeckungsreise in eine fremde Welt aufzumachen: • weil unser Bild von Jesus geprägt wird durch unser Bild vom Judentum, • weil unser Bild vom Judentum getrübt ist durch viele Missverständnisse und die Schuld der Vergangenheit, • weil unser Bild vom Judentum sich oft zu sehr am Alten Testament oder am modernen Israel orientiert, • weil die fremde Welt des antiken Judentums auch unsere moderne christliche Welt heilsam infrage stellt, • weil uns eine bessere Kenntnis des Judentums dabei hilft, mit jüdischen Zeitgenossen heute ins Gespräch zu kommen und • weil uns eine bessere Kenntnis des Judentums dabei hilft, die Botschaft des Neuen Testaments besser zu verstehen. Ich lade Sie ein auf diese spannende Reise. Nicht als ein Reiseleiter, der sich in der Welt des Judentums besonders gut auskennt. Auch nicht als ein Einheimischer, der in der Welt des Judentums zu Hause 23
wäre. Sondern als ein Mitreisender, der selbst gespannt ist, was es noch alles zu entdecken gibt. Und der mit Ihnen die eine oder andere Entdeckung teilen will, die er auf seiner bisherigen Reise bereits gemacht hat.
Reisewarnungen Wie bei jeder guten Reise gibt es aber vor dem Start noch ein paar vorsorgliche Hinweise: So bitte ich um Verständnis dafür, dass ich in diesem Buch den etwas waghalsigen Spagat versuche, zwischen der wissenschaftlichen Fachwelt und dem normalen Alltagsleben zu vermitteln. Viele der Gedanken und Beobachtungen, die ich in diesem Buch zusammentrage, werden in der akademischen Fachwelt seit Jahren oder sogar Jahrzehnten ausführlich diskutiert.11 Aber ich kenne kaum Bücher, in denen sie einmal allgemein verständlich dargestellt werden. Nachdem ich angefangen habe, dieses Buch zu schreiben, verstehe ich besser, warum: Man muss sich an so vielen Stellen auf die Zunge beißen, um die Dinge nicht zu kompliziert zu machen. Man muss schwierige Sachverhalte so vereinfachen, dass es manchmal wehtut. Man versucht neue und einfache Worte zu finden, um nicht die komplizierten Fachbegriffe benutzen zu müssen. Und damit macht man sich für die Fachwelt verwundbar. Ich bitte also schon an dieser Stelle meine Fachkollegen und kritischen Leser, barmherzig mit mir zu sein. Dieses Buch ist ein erster Versuch, schwierige Dinge in leichte Worte zu fassen. Dabei ging sicher so manches schief und ich bitte um Verzeihung und Nachsicht für jeden Fehler, jede Ungenauigkeit und jede Einseitigkeit, die mir dabei unterlaufen ist. Sie sind entweder auf meine Unwissenheit oder auf den Versuch zurückzuführen, die Dinge zu vereinfachen. Und noch eine zweite Reisewarnung: Dieses Buch handelt von verbreiteten „Missverständnissen der Christen“. Deswegen hielt ich es für sinnvoll, möglichst viele zeitgenössische christliche Autoren zu Wort kommen zu lassen, deren Bücher ich derzeit lese und schätze. 24
Dazu zählen so großartige Menschen wie N. T. Wright, Rob Bell, Miroslav Volf, John Eldredge, Shane Claiborne, Michael Frost und Alan Hirsch. Ich habe diese Autoren deshalb herausgesucht, weil ich ihre Bücher inspirierend und wertvoll finde. Und weil viele Menschen in meinem Umfeld von ihren Büchern profitiert haben. Wenn ich also gerade diese Autoren heranziehe, um verbreitete Missverständnisse aufzuzeigen, die es bei uns Christen gibt, dann liegt das daran, dass ich gerade sie besonders schätze. Es ist immer leicht, Fehler bei denen zu finden, die man sowieso nicht leiden kann. Die wirkliche Herausforderung besteht jedoch darin, die Fehler in den eigenen Reihen zu entdecken. In diesem Sinne äußere ich also auch kritische Worte, die auf den folgenden Seiten immer wieder auch dem eigenen Lager gelten.
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