Skip to main content

331400

Page 1

„‚Es gibt viele tüchtige Frauen‘, sagt er, ‚aber du bist die allerbeste!‘ Anmut und Schönheit sind vergänglich und kein Grund, eine Frau zu rühmen; aber wenn sie den Herrn ernst nimmt, dann verdient sie Lob. Ihre Mühe darf nicht unbelohnt bleiben: Für das, was sie leistet, soll die ganze Stadt sie ehren.“ Sprüche 31,29-31 (Gute Nachricht Bibel)

5


Prolog Dezember 1941

Virginia Virginia Mitchell beobachtete, wie ihr Mann den Sonntagsbraten aufschnitt, und fragte sich, ob er ein Verhältnis hatte. Er widmete dem Tranchieren des Bratens in diesem Moment mehr Aufmerksamkeit als ihr während der ganzen Woche. Harold verreiste beruflich sehr oft, sodass er reichlich Gelegenheit hatte, auf Abwege zu geraten. Morgen würde er wieder eine Reise antreten. Jetzt legte er das Messer fort und nickte beifällig. „Der Rinderbraten sieht gut aus, Virginia. Gar nicht trocken oder zäh.“ Erleichtert seufzte sie auf. „Ich hatte schon Sorge, er wäre verdorben. Die Predigt war recht lang.“ „Der neue Pastor reitet gerne auf seinem Thema herum.“ Harold warf ihr sein charmantes Lächeln zu, bei dem ein liebenswertes Grübchen in seiner linken Wange erschien. Virginia hätte nie einen so attraktiven und intelligenten Mann wie Harold Mitchell heiraten sollen. Ständig machte sie sich Sorgen, dass er eine andere Frau finden könnte, die anregender war als sie. Eine, im Vergleich zu der sie ihm fade und langweilig erschien. Virginia sah immer in seinen Taschen nach, wenn er von einer Reise nach Hause kam, und durchsuchte jedes Fach seines Koffers nach verräterischen Hinweisen darauf, dass er mit einer anderen Frau zusammen gewesen war. Sie roch sogar an seinen Hemdkragen und dem Revers seiner Anzüge, um eventuelle Spuren von Parfüm ausfindig zu machen. Ein- oder zweimal hatte sie geglaubt, einen ungewohnten Duft feststellen zu können. 6


Die Sorge fraß sie auf, so wie ihre Familie dieses Sonntagsessen auffraß: Harold häufte dicke Fleischscheiben auf seinen Teller, der neunjährige Allan schaufelte sich mit der Gabel Kartoffelpüree in den Mund und Herbert mit seinen sieben Jahren schlang das Aspik hinunter, als befände er sich in einem Wettlauf gegen die Zeit. Wenn sie nur sicher wüsste, dass Harold wirklich eine Affäre hatte. Aber was würde sie dann tun? Ginny hatte unzählige Male darüber nachgedacht, während sie seine Taschen durchsucht hatte. Sie konnte ihn nicht verlassen. Wie sollte sie sich und ihre beiden Söhne ernähren? Sie müsste eine Arbeit finden, und sie hatte keinerlei Ausbildung oder Berufserfahrung, außer als Hausfrau. Sie beobachtete, wie Harold Soße über seine Stampfkartoffeln goss, und dachte, dass es vielleicht besser war, wenn sie es nicht wusste. So war sie nicht gezwungen zu entscheiden, ob sie stillschweigend mit dem Wissen leben und ihm verzeihen oder ihn verlassen sollte. Sie hatte genug Mühe zu entscheiden, was es zu Mittag geben sollte, wie könnte sie da eine derart schwerwiegende Entscheidung treffen? Ginny machte sich nichts vor – wenn ein Mann erst einmal ein Schwerenöter war, konnte man ihm niemals mehr trauen. Sie hatte Schwerenöter als neueste Vokabel in ihren Wortschatz aufgenommen. Ein Schwerenöter war jemand, der anderen Frauen nachstellte. Seit über einem Jahr benutzte Ginny jetzt schon ein Synonymlexikon und ein Wörterbuch, um ihren Wortschatz zu verbessern. Einerseits um Harolds willen, da sie hoffte, dadurch Gespräche führen zu können, und andererseits um ihrer selbst willen, damit sie sich weniger minderwertig fühlte. Sie hatte die beiden Bücher während ihres ersten und einzigen Jahres im College gekauft, und seither hatten sie nur im Regal gestanden – abgesehen von den wenigen Gelegenheiten, bei denen sie damit Blumen gepresst hatte. Sie hatte im Synonymlexikon das Wort Playboy nachgeschlagen, weil sie sich daran erinnerte, dass Harold vor ihrer Heirat diesen Ruf gehabt hatte. Das Wort Playboy hatte zu Schwerenöter geführt. 7


War er einer? Und wollte sie das wirklich wissen? Sie beobachtete, wie er mit der Gabel die grünen Bohnen aufspießte, und das Herz tat ihr weh vor Liebe zu ihm. Wenn er sie doch nur halb so sehr lieben würde, wie sie ihn liebte. Harold hatte wie üblich die Unterhaltung bei Tisch in die Hand genommen und fragte die Jungen nach ihren Hausaufgaben und Pfadfinderprojekten. Ginny hatte nichts Neues zu berichten. Sie kam sich dumm, langweilig, geistlos vor – noch so eine Vokabel. Ihr Leben war uninteressant und öde, tagein, tagaus. Wenn sie nur aufregende, anspruchsvolle Dinge tun könnte und eine Frau mit Zielen und festen Vorstellungen wie Eleanor Roosevelt wäre. Dann hätte Harold keinen Grund, ein Schwerenöter zu sein. Die Flammen der Kerzen verschwammen vor ihren Augen, als ihr die Tränen kamen. Bemerkte überhaupt irgendjemand, was für eine Mühe sie sich gab, das sonntägliche Mittagessen zu einem besonderen Ereignis zu machen? Sie hatte Kerzen angezündet, ihr gutes Porzellan und Tafelsilber aufgelegt, den Tisch mit einer weißen Damastdecke und Servietten gedeckt. Sonntag war der einzige Tag, an dem ihre kleine Familie den ganzen Tag zusammen war, und sie wollte das würdigen. Sie gingen immer in die Kirche und zogen ihre Sonntagskleidung an. Die Jungen sahen in ihren Anzügen und Krawatten wie kleine Männer aus, doch Ginny hatte keine Eile damit, dass Allan und Herbert erwachsen wurden. Sie wünschte, die beiden wären noch Babys oder zumindest Kleinkinder in kurzen Hosen. Harold schimpfte ständig mit ihr, weil sie die Jungen zu sehr verwöhnte. Virginia sah zu, wie die Stampfkartoffeln und der Pudding in den hungrigen Mäulern ihrer Familie verschwanden und der Braten zu ein paar wenigen Fetzen zusammenschrumpfte. Kurz darauf hatten Harold und die Jungs auch den Apfelkuchen verzehrt, den sie gebacken hatte. Dann standen sie vom Tisch auf und verschwanden im Wohnzimmer. Harold seufzte, während er es sich mit der Sunday Times im Sessel bequem machte. Die Jungen streckten sich zusammen mit dem Hund und ihren Comic8


heften auf dem Boden aus. Vielleicht sollte Ginny mehr als nur die Überschriften lesen. Vielleicht sollte sie sich für die Ereignisse in Europa interessieren, so wie Harold es tat. Vielleicht würden andere Frauen keine so große Versuchung darstellen, wenn sie mit ihm über Politik diskutieren könnte. Aber die Politik musste warten, bis sie das Geschirr gespült und abgetrocknet hatte. Virginia ließ den Blick über den verwaisten Tisch schweifen und ihr war zum Weinen zumute. All die Arbeit: die Tischdecke und die Servietten zu bügeln, die Kartoffeln zu schälen, die grünen Bohnen zu putzen, dafür zu sorgen, dass das Fleisch genau richtig gewürzt war und die Bratensoße keine Klümpchen hatte, den Kuchenteig auszurollen, die Äpfel zu schälen und in gleichmäßig dicke Schnitze zu teilen – eineinhalb Stunden Arbeit in einer stickigen Küche, und die Mahlzeit war in einundzwanzig Minuten vorüber. Es würde eine weitere Stunde dauern, bis sie alles aufgeräumt hatte. Und es war eine so geistlose Arbeit. Kein Wunder, dass Harold sich mit ihr langweilte … sie fand sich ja selbst langweilig. Sie wünschte, sie wäre mutiger, klüger, selbstbewusster – wie Eleanor Roosevelt. Virginia trocknete gerade die letzten Töpfe und Pfannen ab, als das Telefon klingelte. „Hallo Ginny! Hörst du Radio?“, fragte ihre Nachbarin von nebenan ganz atemlos. „Nein, warum?“ „Stell es besser an. Wir sind angegriffen worden.“ „Angegriffen? Wie meinst du das?“ Aber Betty hatte schon wieder aufgelegt. Ginny eilte ins Wohnzimmer und stieg über Harolds ausgestreckte Beine und Allans überall verstreut liegende Comics, um das Radio einzuschalten. Es sprang mit einem hohlen Knackgeräusch an. „Wer war das am Telefon?“, fragte Harold, während die Röhren des Radios sich aufwärmten. „Betty Parker. Sie sagte, wir sollten das Radio anmachen. Außerdem erwähnte sie etwas von einem Angriff.“ Atmosphärische Störungen quietschten, als Ginny den Drehknopf betätigte und schließlich einen Sender fand. Es dauerte eine Weile, bis ihnen 9


die Bedeutung der Worte, die der Sprecher in ernstem Tonfall vortrug, bewusst wurde. „Noch immer steigt dichter Qualm vom Marinestützpunkt in Pearl Harbor auf, wo die Pazifikflotte der USA vor Anker liegt, und von Hickham Field, wo den Berichten zufolge mehr als einhundert USFlugzeuge am Boden zerstört wurden. Es gibt noch keine Informationen darüber, wie viele Schiffe beschädigt wurden. Bis jetzt wurde bestätigt, dass zweihundert Soldaten getötet wurden, aber man geht davon aus, dass die Zahl der Opfer weiter steigt.“ Harold ließ die Zeitung sinken und rutschte auf seinem Sessel nach vorne. Allan sah mit großen Augen von seiner Lektüre auf. „Was ist passiert, Papa?“ „Schhh … hör zu.“ „Es gibt Augenzeugenberichte, die besagen, dass das Wappen der aufgehenden Sonne auf den Tragflächen der angreifenden Flugzeuge zu sehen gewesen sei. Bislang unbestätigt ist die Meldung, dass die Japaner Flugzeugträger benutzten, um die Flugzeuge in Angriffsdistanz zu bringen. Wir wiederholen noch einmal: Heute Morgen gegen 7.55 Uhr Ortszeit hat Japan einen Überraschungsangriff auf unsere amerikanischen Militärstützpunkte in Hawaii geflogen und weitreichende Schäden verursacht. Präsident Roosevelt ist offenbar mit hochrangigen Persönlichkeiten in Washington zusammengetroffen und es wird erwartet, dass er den Kongress auffordern wird, den Krieg zu erklären.“ Krieg! Das Wort jagte Ginny einen Schauer der Angst über den Rücken. Was würde mit ihren Kindern geschehen, mit ihrem Zuhause? Musste Harold in den Krieg ziehen und kämpfen? Mit seinen fünfunddreißig Jahren war er im wehrpflichtigen Alter. Sie blickte sich in dem Zimmer um, das noch vor wenigen Augenblicken so sicher gewirkt hatte, und ihr war, als hätten die Japaner ihr Haus angegriffen. Plötzlich schienen ihr die Wände dünn und einsturzgefährdet zu sein und ihre Kinder schwache Bündel aus Fleisch und Blut, die nur einen Herzschlag vom Tod entfernt waren. „Harold! Was sollen wir tun?“ 10


„Immer mit der Ruhe, Virginia.“ „Aber wir sind angegriffen worden! Was ist, wenn die Japaner in unser Land einmarschieren?“ „Du machst dir zu viele Gedanken. Es ist meine Aufgabe, diese Familie zu beschützen.“ „Aber ich komme mir so hilflos vor! Ich will etwas tun!“ Er blickte sie nachsichtig an. „Ich könnte eine Tasse Kaffee brauchen. Ist noch welcher da?“ Kaffee? Sie konnte nichts tun, außer Kaffee zu kochen? Virginia erkannte, dass es sein Ernst war, dass er sie fortschickte, und so stieg sie über den Hund und die auf dem Boden liegenden Zeitungsseiten, um wieder in die Küche zu gehen. Sie konnte hören, wie Harold und die Jungen über das japanische Reich und den Krieg in Europa sprachen, während sie den restlichen Kaffee auf den Herd stellte und das Gas anzündete. „Hier, ich zeige es dir auf der Karte, Herbert“, hörte sie Harold sagen, während das Rascheln der Zeitung ihr verriet, dass er sie beiseitelegte. Der Radiosprecher fuhr fort, das Ausmaß der Verwüstung zu beschreiben, ihre Söhne stellten ängstliche Fragen und Ginny konnte nichts tun, als in der Küche zu stehen und darauf zu warten, dass der Kaffee wieder heiß wurde. Sie wusste, dass ihr Leben auf keinen Fall so weitergehen konnte wie bisher – alles hatte sich mit einem Schlag verändert. Ihr Land war angegriffen worden und ihr Volk würde in noch einen schrecklichen Krieg hineingezogen werden. Sie fühlte sich völlig hilflos. „Ich will etwas tun“, sagte sie laut. Virginia dachte an ihre Sorge von vorhin, dass Harold ein Verhältnis haben könnte, und plötzlich erschien sie ihr geradezu banal.

11


Helen Miss Helen Kimball lag im Bett und lauschte dem Läuten der Glocken in der Ferne. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie keinen Grund, zum Gottesdienst zu gehen, denn seit heute Morgen glaubte sie nicht mehr an Gott. Als der Wecker sie zur üblichen Zeit für den Kirchgang geweckt hatte, hatte sie ihn ausgestellt und war entschlossen im Bett geblieben. Von dort aus betrachtete sie seitdem durch ihr Schlafzimmerfenster die winterlichen Äste der Bäume. Aber jetzt zog der einfach unwiderstehliche Duft von Kaffee zu ihrem Zimmer herauf, und so kroch sie unter den Laken hervor, zog ihren Morgenmantel und die Hausschuhe an und ging in die riesige Küche hinunter. Minnie, die Haushälterin ihrer Eltern, summte, während sie die Kartoffeln fürs Mittagessen schälte. Ein Sonntagshut saß auf ihrem lockigen grauen Haar und unter der Schürze trug sie ihr bestes Kleid. Minnie drehte sich um, als sie Helen hörte, und riss überrascht die dunklen Augen auf. „Also, Miss Helen! Ich dachte, Sie sind schon längst in der Kirche, dabei haben Sie ja noch Ihr Nachthemd an. Sind Sie krank?“ „Nein, mir geht es ausgezeichnet.“ Sie nahm einen Becher aus dem Schrank und goss sich Kaffee ein. Minnie legte ihr Küchenmesser beiseite und trocknete sich die Hände an ihrer Schürze ab. „Dann mache ich Ihnen schnell Frühstück.“ „Nein, machen Sie ruhig weiter. Ich kann mir selbst einen Toast machen.“ Minnies dunkles Gesicht sah besorgt aus, als sie zusah, wie Helen einen Laib Brot aus der Brotdose holte, zwei Scheiben abschnitt und sie in den Toaster schob. „Kommen Sie nicht zu spät zur Kirche, Miss Helen?“ „Ich gehe nicht hin.“ „Sie gehen nicht in die Kirche? Was tun Sie denn sonst?“ „Hm … ich weiß noch nicht, was ich heute Vormittag mache. Aber ich weiß, dass ich ihn nicht damit verbringen werde, Choräle zu singen und Glaubensbekenntnisse herunterzubeten und 12


mich durch eine sinnlose Predigt zu gähnen. Wozu soll ich in die Kirche gehen, wenn ich das alles doch gar nicht glaube?“ „Seit wann glauben Sie es denn nicht mehr?“ „Das weiß ich nicht so genau“, sagte sie schulterzuckend. „Aber heute Morgen ist es mir endlich klar geworden, also habe ich beschlossen, zu Hause zu bleiben, anstatt eine Heuchlerin zu sein.“ „Aber Sie können Ihren Glauben nicht verlieren, Miss Helen. Wissen Sie denn nicht, dass die Bibel sagt: ‚Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele verliert‘?“ „Doch, ich erinnere mich an den Vers“, sagte Helen, während sie nach ihrem Toast sah. „Und auf mich trifft er auf jeden Fall zu. Die Ärzte sagen, in ein paar Monaten erbe ich Vaters Vermögen – mehr Geld, als ich in meinem Leben jemals ausgeben kann. Vor allem, weil ich bald fünfzig werde und ohnehin schon mehr als die Hälfte meines Lebens vorbei ist.“ Ihr Leben ging vielleicht weiter, aber Helen wusste, dass ihre Seele eindeutig verloren war. Sie war in ihr verschrumpelt und schon vor einiger Zeit gestorben. Aber seit heute Morgen war ihr das gleichgültig. Als Minnie nicht antwortete, blickte Helen auf. Der besorgte Ausdruck auf Minnies Gesicht war sprachlosem Entsetzen gewichen. „Beachten Sie mich gar nicht, Minnie“, sagte Helen und strich Butter auf ihren Toast. „Schälen Sie lieber die Kartoffeln fertig, sonst kommen Sie selbst noch zu spät in die Kirche.“ „Wie soll ich denn an die Kirche oder die Kartoffeln denken, wenn Sie so reden?“ „Oder, noch besser, lassen Sie die Kartoffeln stehen, ich schäle sie selbst zu Ende. Dann habe ich wenigstens etwas Sinnvolles zu tun.“ Sie trug ihre Toastscheiben und den Kaffee zum Küchentisch und setzte sich. „Sie haben schon mehr als genug damit zu tun, sich um Ihre Eltern zu kümmern.“ Minnie trug den Eimer mit den Kartoffeln zum Tisch, damit sie Helen ansehen konnte, während sie weiter13


schälte. „Sie meinen das nicht so, wie Sie es sagen, Miss Helen. Sie sind einfach fertig mit den Nerven, das ist alles.“ „Nein, ganz und gar nicht. Dadurch, dass Sie und die Krankenschwestern da sind, habe ich gar nicht so viel zu tun. Ich langweile mich eher, als dass ich erschöpft bin. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich noch in der Schule unterrichtet, und der Sonntag war ein willkommener Ruhetag vor der neuen Schulwoche. Jetzt ist er nur noch ein endloser Tag wie jeder andere, an dem ich versuche, nicht verrückt zu werden oder in diesem riesigen, überheizten Monster von einem Haus zu verbrutzeln. Wissen Sie, dass es völlig gleichgültig ist, wie hoch ich die Heizung stelle oder wie viele Decken ich auf Mutters Krankenbett stapele? Sie beschwert sich trotzdem darüber, dass sie friert. Der Kalender sagt, dass wir Dezember haben, aber hier drin fühlt es sich an wie August.“ „Versuchen Sie, das Thema zu wechseln, Miss Helen?“ „Vielleicht ziehe ich mich heute überhaupt nicht an. Wer wird mich schon sehen? Die Krankenschwestern haben ihren freien Tag und meine Eltern haben nie Gäste. Alle ihre Freunde sind entweder tot oder zu alt, um Krankenbesuche zu machen.“ „Warum laden Sie sich nicht ein paar Freunde ein?“ Helen stand auf und trug ihren Teller zur Spüle, ohne zu antworten. Sie hatte keine Freunde – aber sie wollte es so. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Minnie, würde ich gerne in Ihrem Wohnzimmer Radio hören. Ich muss mich hier ein paar Stunden verstecken, für den Fall, dass Vater sich gut genug fühlt, um im Erdgeschoss herumzulaufen. Er würde sicher wissen wollen, warum ich die Kirche schwänze, und ich habe keine Lust ihm zu erklären, warum ich nicht mehr an Gott glaube.“ „Miss Helen! Ich glaube kein Wort von dem, was Sie sagen. Sie wissen ganz genau, dass es einen Gott gibt.“ „Also, wenn es einen gibt, dann gleicht er meinem Vater aufs Haar. Sie sind beide reich, mächtig und kommandieren die Leute gerne herum wie Figuren auf einem Schachbrett. Keiner von beiden hat mir besonders viel Liebe entgegengebracht, und die Entscheidungen, die sie für mich getroffen haben, dienten stets 14


ihren eigenen Interessen, nicht meinen. Zusammen haben sie mein Leben ruiniert.“ Minnie starrte Helen ungläubig an. „Jetzt mache ich mir aber wirklich Sorgen, Miss Helen. Ich arbeite jetzt schon seit zwanzig Jahren hier, aber so habe ich Sie noch nie reden hören.“ „Obwohl Vater weiß, dass er stirbt, hat ihn das kein bisschen weichherziger gemacht. Ich habe meine Arbeit als Lehrerin aufgegeben und mein Haus vermietet, damit ich hierherziehen und mich um ihn und Mutter kümmern konnte, und er hat nicht die geringste Dankbarkeit dafür gezeigt. Er kommandiert mich herum, als wäre ich eine der Bediensteten und streitet sich wegen jeder Kleinigkeit mit mir.“ „Es geht ihm nicht gut, Miss Helen –“ „Und deshalb will er, dass alle anderen sich auch schlecht fühlen. Er ist immer griesgrämig, schwierig und undankbar. Jeden Tag erinnert er mich daran, dass er mir sein Vermögen vermacht. Gestern war ich es so leid, dass ich zu ihm gesagt habe, ich würde sein Geld bis auf den letzten Cent weggeben und ein ganz einfaches Leben führen. Vielleicht mache ich das auch.“ „Es ist gar nicht so einfach, ein einfaches Leben zu führen“, sagte Minnie. „Arm zu sein, ist Schwerstarbeit. Sie sollten es lieber nicht ausprobieren, Miss Helen.“ „Einmal hätte ich es fast getan, wissen Sie, als ich noch jünger war. Ich hätte das alles hier beinahe um der Liebe willen aufgegeben.“ „Und ich wette, heute sind Sie froh, dass Sie es nicht getan haben. Wenn man mit dem Herzen statt mit dem Kopf denkt, kommt nie etwas Vernünftiges dabei heraus, wenn Sie mich fragen.“ „Vielleicht haben Sie recht … Aber jetzt ist es ohnehin zu spät. Ich werde es nie mit Sicherheit wissen.“ Und Helen würde für immer mit diesem Was-wäre-gewesen-wenn leben müssen. Minnie viertelte die Kartoffeln und verteilte sie zusammen mit dem Fleisch, den Möhren und den Zwiebeln auf einem tiefen Backblech. „Das hier ist um halb eins fertig“, sagte sie, als sie die 15


Backform in den Ofen schob. „Aber wir beide sind noch nicht fertig mit unserer Unterhaltung über den Glauben an Gott, Miss Helen.“ Sie nahm ihre Schürze ab, hängte sie an die Küchentür und schlüpfte in ihren Mantel. „Meine Enkelin wird jede Minute hier sein und mich zur Kirche abholen. Lassen Sie es sich gesagt sein: Ich werde heute für Sie beten.“ „Verschwenden Sie Ihre Gebete nicht auf mich, Minnie. Die Ärzte sagen, dass meinen Eltern nicht mehr viel Zeit bleibt. Beten Sie lieber für sie.“ „Ich bete für Sie alle“, sagte sie. Dann schloss sie die Tür hinter sich. Helen versteckte sich den ganzen Vormittag über im Dienstbotentrakt, aber ihr Vater kam nicht herunter. Gegen Mittag ging sie schließlich nach oben, um sich anzuziehen, dann nahm sie Minnies Rinderbraten aus dem Ofen und trug ein Tablett mit Essen zu ihrem Vater hinauf. Sie trat in sein Zimmer und verließ es wieder, bevor er die Gelegenheit hatte, etwas zu ihr zu sagen. Sie stocherte ein wenig in ihrem eigenen Essen herum, während sie allein in der Küche saß und sich wünschte, Minnie wäre da, um ihr Gesellschaft zu leisten. Dann schnitt Helen etwas Fleisch, Kartoffeln und Möhren in kleine Stücke und brachte ein zweites Tablett ins Zimmer ihrer Mutter. „Soll ich dir dabei helfen?“, fragte sie. Ihre Mutter legte eine Hand ans Ohr. „Wie bitte?“ „Brauchst du Hilfe beim Essen?“ „Nein, das schaffe ich schon. Und du brauchst nicht so zu schreien.“ Helen setzte sich in einen Sessel am Bett ihrer Mutter und trommelte mit den Fingern auf der Armlehne. Der lange Nachmittag dehnte sich endlos vor ihr aus. „Soll ich dir etwas vorlesen?“, fragte sie schließlich. „Was hast du gesagt?“ „Nichts.“ Helen hätte brüllen müssen, um gehört zu werden, und dann wäre sie anschließend heiser gewesen. Sie sehnte sich danach, irgendetwas zu tun, eine Sache in die Hand zu nehmen, 16


aber sie war machtlos – gefangen in einem stillen, lieblosen Haus, in dem sie darauf wartete, dass alle starben. Als sie die quälende Stille nicht länger ertragen konnte, trug Helen das Radio vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer ihrer Mutter und stellte einen Sender ein, der klassische Musik spielte. Mitten im ersten Satz von Beethovens Dritter Sinfonie brach die Musik plötzlich ab. „Wir unterbrechen diese Sendung für eine Sonderausgabe der Nachrichten.“ Die ernste Stimme des Sprechers ließ Helens Herz schneller schlagen. „Ein Sprecher des Weißen Hauses hat soeben bestätigt, dass Japan heute Morgen um kurz vor acht hawaiianischer Zeit überraschend Einrichtungen des US-Militärs auf der Insel O’ahu angegriffen hat. Alle wichtigen amerikanischen Militärstützpunkte auf den Inseln von Hawaii wurden getroffen, darunter auch die Pazifikflotte der Vereinigten Staaten, die in Pearl Harbor vor Anker lag.“ „Was hat er gesagt?“, wollte Helens Mutter wissen. „Nichts.“ Helen schaltete schnell das Radio aus. „Es gibt ein Problem mit der Übertragung. Technische Schwierigkeiten.“ Helens Mutter hatte nur noch wenige Monate zu leben. Warum sollte sie sie in ihren letzten Tagen mit solchen Nachrichten belasten, besonders nach all den Verlusten, die sie in ihrem Leben hatte erleiden müssen? Helen konnte die Neuigkeit ja selbst kaum fassen. Wenn es stimmte, dann war Amerika drauf und dran, wieder in einen Krieg einzutreten. Wie ein wiederkehrender Albtraum würde auch dieser Weltkrieg wieder ein Blutbad anrichten und viel zerstören. Der erste Krieg hatte Helens Leben in seinen Grundfesten erschüttert. Ein zweiter Krieg würde die Vernichtung vielleicht vollkommen machen. „Vielleicht solltest du dich ein bisschen ausruhen“, sagte sie zu ihrer Mutter. Geschwind half sie ihr, sich unter dem Deckenberg hinzulegen, dann trug sie das Radio ins Wohnzimmer hinunter und schaltete es wieder ein. „ … Mehrere Schlachtschiffe und Zerstörer stehen in Flammen und die Verletzten strömen in die Notfallstationen. Berichten zufolge sind 17


Matrosen auf den sinkenden Schiffen in ihren Kabinen gefangen, wo sie schliefen, als die erste Welle des feindlichen Angriffs sie ohne Vorwarnung überrollte. Die inoffizielle Zahl der Todesopfer liegt bei mehr als neunhundert, und man geht davon aus, dass sie noch steigen wird.“ Über eine halbe Stunde lang lauschte Helen in sprachlosem Entsetzen der Berichterstattung, bevor sie das Radio schließlich ausstellte. Wie konnte ein liebender Gott eine solche Katastrophe zulassen? Wie konnte er danebenstehen und zusehen, wie hilflose Männer in ihren Kajüten starben? Wenn er etwas so abgrundtief Böses nicht verhindern konnte, dann war er nicht sehr mächtig. Und wenn Gott das Massaker hätte verhindern können, aber sich dagegen entschieden hatte, dann sah Helen nicht ein, warum sie ihm vertrauen sollte. „Wo warst du, als all das passiert ist?“, fragte sie laut. Aber ihr war klar, es gab keinen Gott, der ihre Frage hätte hören, geschweige denn beantworten können. Rosa Rosa Bonelli erwachte mit einem mordsmäßigen Kater. Die Sonne war über das Wohnhaus auf der anderen Straßenseite geklettert, und als das Licht auf Rosas Bett fiel, durchfuhr ein stechender Schmerz ihren Kopf. Sie blinzelte zu ihrem Wecker hinüber. Halb elf vormittags. Was für ein Tag war heute doch gleich? Sonntag? O nein! Rosa musste in einer Stunde bei der Arbeit sein, und ihr Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment wie ein rohes Ei zerbrechen. Sie kroch aus dem Bett, zog einen Morgenmantel über und schlurfte in die Küche, in der Hoffnung, dort Tomatensaft zu finden. Die baufällige Küche enthielt genügend Alkoholika, um eine kleine Bar zu eröffnen, aber im Kühlschrank gab es nichts außer einem säuerlichen Gestank. Rosa fluchte und schloss die Tür, dann lehnte sie sich Halt suchend dagegen. Sie fragte sich, wo Mona, ihre nutzlose Mutter, steckte. Dann 18


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
331400 by Fontis-Shop - Issuu