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Prolog Juli 1988 Ich bin ihnen gefolgt. Es ist nicht das erste Mal und doch ist heute alles anders. Es ist dunkel, die Dämmerung ist schon hereingebrochen. Sonst schleiche ich ihnen immer nur bei Tageslicht hinterher. Aber die Dunkelheit ist kein Hindernis für mich. Im Gegenteil. In ihrem Schutz ist das Nachschleichen ein richtiges Kinderspiel. Zudem sind die beiden so mit sich selbst beschäftigt, dass sie meine Gegenwart gar nicht wahrnehmen. Ich bin Luft für sie. Auch in der Schule beachten sie mich nicht. Sie merken nicht, dass ich sie beobachte. Sie merken nicht, dass ich alles dafür geben würde, wenn ich mich ihnen anschließen könnte. Sie merken gar nichts. Für sie bin ich Luft. Einfach Luft. Ich beobachte sie stets aus der Ferne. Vielleicht müsste ich meinen sicheren Beobachtungsposten aufgeben und ihnen offen sagen, wie sehr mir ihre Ideen gefallen und wie gern ich bei ihren Spielen dabei sein möchte. Aber das kann ich nicht. Ich habe Angst, dass sie mich abweisen. Und das würde mir den Rest geben. Damit könnte ich nicht leben. Lieber beobachte ich sie weiterhin aus der Ferne, als von ihnen zurückgewiesen zu werden. So kann ich mir immer noch einreden, dass sie mich mit offenen Armen aufnehmen würden, wenn ich nur den Mut aufbrächte, sie auf mich aufmerksam zu machen. Natürlich würden sie das. Sie würden mich mit offenen Armen aufnehmen. Ich weiß es einfach. Es liegt nur daran, dass ich es ihnen nicht zeigen kann. Heute, am letzten Schultag vor Beginn der großen Sommerferien, habe ich mitgekriegt, wie sie sich für den späten Abend in der alten Kulturfabrik verabredet haben. Sie möchten herausfinden, ob es dort spukt oder nicht. Und das können sie nur nachts. Sie haben keine Angst vor der Dunkelheit. Ich zum Glück auch nicht. Obwohl ich mich natürlich lieber tagsüber draußen herumtreibe als nach Einbruch der Dämmerung. 5


Auf dem Weg zur Kulturfabrik haben sie eines ihrer Spiele gespielt. Sie machen oft Rate- oder Wortspiele. Heute haben sie wieder einmal Sprichwörter abgeändert (wir haben erst kürzlich in der Schule das Thema „Sprichwörter“ durchgenommen). Es war richtig lustig. Sie sagten zum Beispiel: „Morgenstund hat Gold im Fuß“. Oder: „Es ist noch kein Monster vom Himmel gefallen“. Oder: „Wer nichts sagt, der nichts gewinnt“. Sie waren so in ihr Spiel vertieft, dass es für mich, wie schon erwähnt, nicht schwer war, unsichtbar zu bleiben. Und jetzt sind wir also auf dem Gelände der Kulturfabrik. Woher der Name eigentlich stammt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die alte Fabrik in der Dunkelheit richtig gespenstisch wirkt. Die baufälligen Gebäude strahlen etwas Bedrohliches aus. Sie sehen aus wie riesige, zu Stein erstarrte Monster mit leeren Augenhöhlen. Haben da früher wirklich einmal Menschen gelebt und gearbeitet? Eigentlich ist es verboten, sich auf diesem Gelände aufzuhalten. Die Stadtverwaltung hat die ehemalige Zufahrtsstraße mit einem rot-weißen Band abgesperrt und ein Schild danebengestellt, auf dem groß BETRETEN VERBOTEN steht. Hoffentlich sind die alten Gebäude nicht einsturzgefährdet. Ich bin nämlich alles andere als lebensmüde und ein Fan von Kamikaze bin ich auch nicht. Die Nacht ist unruhig. Wenn ich mich nicht täusche, ist Sturm im Anzug. Noch leuchtet der Mond und es ist hell genug, dass ich schnell einige Eindrücke in meinem Notizbuch, das ich immer bei mir habe, festhalten kann. Doch die schwarzen Wolken, die sich neben dem Mond auftürmen, gefallen mir nicht. Ich bin mir sicher, dass ein Sturm aufzieht. Auch die Mücken spüren das. Sie sind blutrünstiger denn je. Ihr Sirren macht mich fast verrückt. Aber noch schlimmer ist das monotone Schreien eines Käuzchens irgendwo in den Bäumen. Es klingt unheimlich. Als würde es mich auslachen. Oder nein, es klingt eher so, als würde es etwas Furchterregendes ankünden, etwas Entsetzliches, das niemand aufhalten kann. Ich schäme mich, es zuzugeben. Aber ich habe Angst. Richtige Angst. Dabei habe ich keine Ahnung, wovor ich eigentlich Angst haben sollte. Es ist alles so harmlos. Nachdem wir das Fabrikareal betreten haben, haben meine Schulkameraden zuerst einmal ausgiebig Winnetou und Old Shatterhand gespielt. Sie sind auf dem Bauch durch das wild wuchernde Unterholz gerobbt, haben sich hinter leer stehenden Gebäudeteilen ver6


steckt und sich zwischendurch auch mal aneinander herangeschlichen. Ich habe es mir währenddessen hinter einem dicken Baumstamm bequem gemacht und mein Notizbuch hervorgeholt. Bis halb elf sind wir die einzigen Personen auf dem Gelände gewesen. Dann war plötzlich das Knirschen von Schritten im von Unkraut überwucherten Kies zu hören. Dazu Lachen und Gesprächsfetzen. Mein Herz hat ausgesetzt. Die Gespenster! Auch meine Schulkameraden sind wie versteinert gewesen. Sie haben sich auf den Bauch fallen lassen und reglos abgewartet, was weiter passiert. Wie gesagt, ich hätte keine Angst haben sollen. Es ist alles so harmlos. Die Gespenster sind natürlich keine Gespenster gewesen, sondern ein Mann und eine Frau. Das habe ich sofort gemerkt, als sie, nur etwa fünf Meter von meinem Versteck entfernt, über den zugewucherten Kiesweg gegangen sind. Eng umschlungen – ein Liebespaar. Igitt, das würde mir nie passieren. Leise redend und lachend sind sie direkt aufs Bootshaus zugesteuert, haben die morsche Holztür geöffnet und sind im Inneren des kleinen Hauses verschwunden. Das Bootshaus ist eigentlich gar kein Bootshaus. Es ist ein Holzschuppen, nicht größer als ein Gartenhaus. Die Hinterseite des Schuppens steht auf Pfählen. Und die wiederum sind in dem schmalen Fluss, der sich wie eine silberne Schlange durch das ehemalige Fabrikareal windet, verankert. Das ist vor etwa zwanzig Minuten gewesen. Seither ist alles wieder ruhig. Meine Schulkameraden halten sich noch immer im Unterholz versteckt. Sie haben sich etwas näher ans Bootshaus herangeschlichen, doch ihr sorgloser Übermut scheint verschwunden zu sein. Ob sie die eigentümliche Spannung, die in der Luft liegt, wohl ebenfalls spüren? Oder warten sie einfach gespannt auf die spukenden Gestalten, die hier nachts ihr Unwesen treiben sollen? Der Mond kämpft immer noch verbissen mit den Wolken. Ein bösartiger Wind zerrt an meinem Notizbuch. Sonst ist der Wind meistens gutmütig und voller Schalk. Doch dieser hier nicht. Er birgt etwas Zerstörerisches in sich, das spüre ich ganz genau. Die drei dunklen Tannen neben dem monsteräugigen Hauptgebäude spüren das auch. Ihr Rauschen hat etwas Klagendes, Wimmerndes. Dafür ist das Käuzchen endlich verstummt. Doch die finsteren Tannen im Wind sind ebenso Furcht einflößend wie der Schrei des Käuzchens. Vielleicht sind sie sogar noch unheimlicher. 7


Ich habe Angst. Richtige Angst. Ich sollte nach Hause gehen, bevor es zu spuken beginnt. Zu spät! Die Gespenster sind da. Es sind zwei. Sie schweben auf das Bootshaus zu. Sie sind nicht weiĂ&#x;, sondern schwarz. Ganz schwarz. Aber das Schlimmste ist, dass sie kein Gesicht haben.

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Kapitel 1 Freitag, 5. Juli, 6.30 Uhr Andrea wusste nicht, ob sie wach war oder träumte. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Sie hatte Lukas’ gesamten Teenklub eingeladen. Und das waren exakt fünfzehn Personen. Fünfzehn Jugendliche mit Bärenhunger. Dazu kamen noch Lukas, sie selbst und die Kids – im Ganzen machte das neunzehn Personen. Sie hatte alles minutiös geplant, Steaks und Würste zum Grillen eingekauft, Salate, Chips, frisches Brot und verschiedene Dip-Saucen zubereitet. Der Erfolg des Abends war vorprogrammiert. Alle würden ihre Kochkünste loben, niemand würde hungrig vom Tisch aufstehen, die Stimmung wäre ausgelassen, aber nicht unanständig. Doch das Wichtigste war, dass Lukas sie mit einem seiner Ich-bin-stolz-auf-dich-Blicke anstrahlen würde und für einen kurzen Augenblick würde es nur sie beide geben und diese stillschweigende Verbundenheit zwischen ihnen. Die Jugendlichen hatten sich bereits erwartungsvoll in die Festbänke gequetscht, die Lukas draußen im Garten aufgestellt hatte. Ihr lärmendes Gelächter drang bis in die Küche, laut, übermütig und ein wenig aufdringlich. Zu aufdringlich. Denn Andrea war im Moment überhaupt nicht nach Lachen zumute. Irgendetwas lief hier völlig aus dem Ruder. Wo war bloß ihr liebevoll zubereitetes Essen geblieben? Wo war das Fleisch zum Grillen, wo waren die Salate, das Brot und die DipSaucen? Hektisch blickte sie sich in der Küche um. Eben hatten die Schüsseln und Platten doch noch hier gestanden! Hatte sie sie vielleicht in der Hitze des Gefechts irgendwohingeschleppt, wo es kühl war, ohne es richtig wahrzunehmen? Oder hatte sie ein eifriger Jugendlicher bereits nach draußen befördert? Sie musste unbedingt nachschauen. Aber sie hatte keine Ahnung, wo sie beginnen sollte. Im Keller? Im Kühlschrank? Draußen im Garten? Ja, vielleicht sollte sie zuerst im Garten nachschauen. Dann konnte sie sich auch gleich noch vergewissern, dass sonst alles in Ordnung war 9


und Lukas mit der fünfzehnköpfigen Horde zurechtkam. Nein, korrigierte sie sich sogleich, das war eigentlich nicht der Punkt. Lukas kam mit Jugendlichen immer problemlos zurecht. Sein gutes Aussehen, seine lässig lockere Art und seine witzigen Sprüche erstickten jegliche Oppositionsgelüste oder Missstimmungen im Keim, bevor sie überhaupt richtig aufgekommen waren. Das war auch gut so, denn als Jugendpastor hätte er sonst einen sehr schweren Stand gehabt. Immerhin hatte er fast jeden Tag mit Jugendlichen zu tun. Andrea hätte eigentlich froh und dankbar sein müssen, dass ihn die Kids nicht nur gezwungenermaßen in ihrer Nähe duldeten, sondern mit Begeisterung an seinen Lippen hingen, wenn er etwas erzählte, ihn überall dabeihaben wollten und ihn mit der ganzen schwärmerischen Verehrung umgaben, die für die erste Phase der Pubertät so typisch war. Doch tief in ihrem Inneren nagte ein diffuser Schmerz. Lukas gehörte nicht ihr und ihren gemeinsamen Kindern, sondern er gehörte seinen Teenies. Sie waren das, was in seinem Leben wirklich zählte, wofür er sich einsetzte, wofür er kämpfte. Ihnen gehörte sein Lachen. Ihnen gehörte seine Aufmerksamkeit. Manchmal erhaschte sie einen Blick, den ihm eines dieser modisch gekleideten Girlies zuwarf, und dann lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Wie konnte sie sich sicher sein, dass er der Versuchung standhalten würde? Reiß dich zusammen, flüsterte sie halblaut vor sich hin, schau im Garten nach, wo das Essen abgeblieben ist. Und ja, du bist eifersüchtig. Du willst ihn kontrollieren. Du willst nachschauen, ob die Mädels ihm schmachtende Blicke zuwerfen, und du willst sehen, wie er darauf reagiert. Ob du ihm mehr wert bist als die schmachtenden Blicke pubertierender Mädchen. Dann geh halt in den Garten und vergewissere dich selbst. Sie straffte die Schultern und wollte sich in Bewegung setzen. Aber es ging nicht. Ihre Füße waren am Boden festgewachsen. Je mehr sie versuchte, sie hochzuheben, desto zähflüssiger wurde die Masse, die sie am Boden festhielt. Zornig ballte sie die Fäuste. Sie musste hier weg. Sie musste in den Garten und nachschauen, wo das Essen war. Sie hatte Gäste zu bewir… Schwer atmend schlug Andrea die Augen auf. Sie brauchte nicht lange, um sich zu orientieren. Bleiches Licht flutete durch die leicht nach unten gekippten Jalousien. Ihre Funkuhr stand auf fünf nach halb sieben. Um halb hatte der Wecker geklingelt. Sie musste wieder eingedöst 10


sein und sich diesen ganzen Wirrwarr über verschwundenes Essen, lärmende Jugendliche und schmachtende Girlies in Minutenbruchteilen zusammengeträumt haben. Erleichtert seufzte sie auf. Alles war gut. Die Welt war in Ordnung. Der Tag hatte eben erst begonnen und es würde ein guter Tag werden. Würde es das wirklich? War wirklich alles in Ordnung? Erschrocken stellte Andrea fest, dass der nagende Schmerz in ihrem Inneren nicht einfach mit dem Ende des Traums irgendwo in die Vergessenheit abgetaucht war, sondern immer noch unangenehm bohrende Signale aussandte. Plötzlich sah sie alles gestochen scharf vor sich und was sie sah, hatte nichts mehr mit ihrer verschwommenen Traumwelt zu tun: Lukas, dem die Mädchen schmachtende Blicke zuwarfen. Lukas, der für seine Teenies durchs Feuer gehen würde. Lukas, der die Prioritäten so ganz anders setzte, als sie selbst es sich wünschte. Was, wenn er sie gar nicht liebte? Wenn sie für ihn bloß eine Art Haushälterin war, eine Zierde des Hauses, die sich nach Belieben wie ein Schmuckstück aufsetzen und danach wieder abstreifen ließ? Ruckartig setzte sie sich im Bett auf und schwang die Beine über den Rand. Ein leichtes Schwindelgefühl erfasste sie. Sie biss die Zähne zusammen und schüttelte energisch den Kopf. Sie durfte diesen rabenschwarzen Gedanken keinen Raum lassen. Sie war übermüdet. Eva-Lea hatte sie die halbe Nacht hindurch mit Heulattacken auf Trab gehalten, da war es kein Wunder, dass sie für Zweifel und bohrende Gedanken empfänglich war. Lukas liebte sie, auch wenn er es vielleicht nicht immer so offen zur Schau stellte. Aber das musste er auch nicht, schließlich war er ein Mann und Männer waren in der Regel eher zurückhaltend im Offenbaren ihrer Gefühle. Andreas Kopf fühlte sich immer noch leer an. Sie atmete einige Male tief durch, erhob sich dann vorsichtig und tappte ins angrenzende Badezimmer. Lukas stand breitbeinig vor dem Spiegel. Er hatte sich das Gesicht eingeseift und fuhr mit der Rasierklinge in gleichmäßig kräftigen Strichen über Wangen, Kinn und Hals. Auf seinem Rücken perlten kleine, kugelrunde Wassertropfen – er hatte sich wie üblich nach dem Duschen nur nachlässig trocken gerieben. Seine hellbraunen Locken waren ebenfalls noch feucht und kräuselten sich in golden schimmernden Wellen um seinen gebräunten Nacken. Er sah aus wie ein germani11


scher Krieger, der gerade einen Siegeszug feierte. Oder wie einer dieser Surfer, die sich an den Stränden von Miami Beach herumtrieben, ihr Gesicht in die Sonne streckten und mit ihren Brettern sorglos über die Kämme von meterhohen Wellen glitten. Ein Strom von Liebe breitete sich in Andrea aus. Sie umschlang Lukas von hinten und presste sich an seinen kräftigen Oberkörper. Dampfende Feuchtigkeit drang durch ihr rosafarbenes Baumwoll-T-Shirt. „Ah, du kitzelst mich!“ Lachend unterbrach Lukas seinen gleichmäßigen Rasierrhythmus, drehte sich schwungvoll zu ihr um, hob ihr Kinn mit der freien Hand hoch und drückte ihr einen langen Kuss auf die Lippen. Weißer, herb riechender Rasierschaum heftete sich wie klebriger Kaugummi überall an ihrem Gesicht fest. Kichernd befreite sie sich aus seinem Griff und wischte den Schaum mit der Hand weg. Sie zögerte einen kurzen Augenblick. Sollte sie Lukas von ihrem Traum und ihren Befürchtungen berichten oder nicht? Der Moment war günstig – die Stimmung zwischen ihnen war so ausgelassen wie schon lange nicht mehr, die Kids schliefen endlich einmal und Lukas’ Blick war noch immer zärtlich auf sie gerichtet. Sie gab sich einen Ruck. „Ich hatte einen furchtbaren Traum“, sagte sie stockend. „Wir hatten Gäste eingeladen und –“ „Gäste eingeladen ... warte, da kommt mir doch was in den Sinn“, unterbrach sie Lukas lebhaft. „Habe ich dir schon gesagt, dass das Teenklub-Grillfest morgen Abend bei uns stattfindet? Daniels Kinder sind an den Windpocken erkrankt, da ist es wegen der Ansteckungsgefahr zu riskant, das Fest wie geplant bei ihm zu Hause durchzuführen. Er hat mir gestern Abend eine Mail geschrieben und mich gefragt, ob wir für sie einspringen könnten. Ich habe natürlich sofort zugesagt. Das ist für dich doch okay, oder? Ich hätte das Grillfest ohnehin von Anfang an lieber bei uns abgehalten, aber du weißt ja, wie Daniel ist … er muss alles gleich an sich reißen, sobald es was zu organisieren gibt. Aber nun sind die Verhältnisse ja wieder klar, und ich bin, ehrlich gesagt, nicht wirklich unglücklich darüber.“ Andrea fühlte sich, als hätte ihr jemand einen Vorschlaghammer ins Gesicht geschmettert. „Morgen Abend?“, wiederholte sie wie ein Roboter. „Das ... das geht unmöglich. Wenn es gehen würde, wäre ich schon bereit, also ich meine, ich würde das Grillfest gerne bei uns abhalten, aber eben, leider, 12


leider geht es wirklich nicht. Obwohl ich gerne dazu bereit wäre, ehrlich.“ Lukas verzog seinen Mund zu einer ungehaltenen Grimasse, was ihn wie eine beleidigte Bulldogge aussehen ließ. „Weshalb geht es denn nicht, obwohl du so beharrlich beteuerst, dass du gern würdest, wenn du könntest? Ich wüsste echt nicht, was dagegenspricht, dass das Grillfest bei uns stattfindet. Fühlst du dich nicht wohl? Oder hast du einfach keine Lust, Gäste zu bewirten?“ Andrea streckte beide Arme aus und machte einen Schritt auf ihren Mann zu, doch er wich zurück. „Lass das“, brummte er unwirsch, „ich bin jetzt nicht in der Stimmung für Zärtlichkeiten. Was ist bloß mit dir los? Sonst bist du doch auch immer bereit, mich in allem zu unterstützen. Und du weißt doch, dass ich als Jugendpastor eine Stellung zu verteidigen habe, und dass es Leute gibt, die mich nur zu gerne aus meiner hart verdienten Position verdrängen würden.“ „Lukas, ich weiß, wie wichtig das für dich ist.“ Andrea klopfte das Herz bis zum Hals, was ihre Stimme brüchig und ein wenig zittrig klingen ließ. „Deshalb unterstütze ich dich auch, wo ich nur kann. Ich würde es dir zuliebe gern tun, aber diesmal geht es nicht. Ich habe diesen Abend doch schon vor Wochen im Kalender markiert, weil dann mein Klassentreffen ist, erinnerst du dich nicht mehr? Und weil ich wusste, dass zur selben Zeit bei Daniel das Grillfest stattfindet, habe ich jemanden zum Babysitten organisiert, damit du unbesorgt weggehen kannst.“ „Aber das kannst du mir doch nicht antun! Ist denn dieses Klassentreffen wirklich so wichtig? Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft du in den sechs Jahren unserer Ehe abends weg gewesen bist und ausgerechnet morgen muss es wieder so weit sein? So ein dummes Zusammentreffen, ich fasse es einfach nicht!“ „Lass uns doch deswegen nicht streiten, ja?“ Andrea verschränkte die Arme vor der Brust und schaute Lukas bittend an. „Ich werde zu diesem Klassentreffen gehen. Es ist mir wichtig, meine Schulkameraden aus der Grundschule nach über zwanzig Jahren wiederzusehen und zu hören, was aus ihnen geworden ist. Und wegen dem Grillfest: Weshalb geht ihr nicht spontan in den Wald und grillt euer Fleisch über dem offenen Feuer? Der Wetterbericht für Samstag ist gut – viel Sonne und kaum Schauerrisiko. Die Kids sollen Picknick und Getränke selbst mit13


bringen, wir organisieren das Fleisch. Du wirst sehen, schon allein die Lagerfeuerromantik wird dafür sorgen, dass es für alle ein unvergesslicher Abend wird.“ „Ein Lagerfeuer?“ Lukas runzelte skeptisch die Stirn. Dann begannen seine Augen plötzlich zu funkeln. „Das ist es! Ein Lagerfeuer!“, rief er begeistert. „Wir nehmen unsere Gitarren mit und lassen es so richtig krachen. Die Idee ist gut, sie ist wirklich gut. Du bist einfach ein Schatz!“ Er öffnete die Arme, zog Andrea an seine Brust und tanzte mit ihr im Kreis herum. Der Rasierschaum auf seinem Gesicht spritzte in alle Richtungen und hinterließ klebrig weiße Flecken auf Spiegel, Waschbecken, Boden und Duschvorhang. „Scht“, Andrea legte ihm die Hand auf den Mund und versuchte, seinen begeisterten Reigen zu stoppen. „Ich glaube, Joel-Henri ist aufgewacht. Wir sollten etwas leiser sein, vielleicht schläft er dann wieder ein. Seit er keinen Mittagsschlaf mehr macht, wird er gegen Abend richtig ungenießbar, wenn er am Morgen zu früh wach ist.“ Angespannt lauschte sie auf das leise Wimmern ihres fünfjährigen Sohnes. Joel-Henri war ein anstrengendes Kind, das sie mit seiner Neugierde und seinem draufgängerischen Wesen schon an guten Tagen mehr oder weniger permanent auf Trab hielt. An schlechten Tagen hatte sie manchmal das Gefühl, in einem Irrenhaus gelandet zu sein und es keine Sekunde länger aushalten zu können. Und wenn sie dann, wie in dieser Nacht, noch alle zwei Stunden von Eva-Leas Gebrüll geweckt wurde, wünschte sie sich weit weg auf eine einsame Insel, wo einfach nur absolute Ruhe herrschte. „Ja, klar, da hast du recht.“ Lukas’ Stimme senkte sich zu einem leisen Flüstern. „Hoffentlich schläft der kleine Racker noch mal ein.“ Er hauchte Andrea einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und wandte sich wieder seiner Rasiertätigkeit zu. Joel-Henris Wimmern war inzwischen in ein handfestes Geschrei übergegangen. „Mama, kommen!“, brüllte er. „Mama, ich will, dass du kommst! Mamaa! Mamaaa!“ Mit einem resignierten Seufzer schleppte sich Andrea aus dem Badezimmer. Ihre Hoffnung, dass Joel-Henri noch einmal einschlafen würde, hatte sich als frommer Wunsch entpuppt. Er war nicht nur mindestens eine Stunde zu früh wach, er war auch noch mit dem falschen 14


Bein aufgewacht. Sie lächelte grimmig über ihren eigenen Vergleich. Mit dem falschen Bein aufgewacht. Man stand mit dem falschen Bein auf, aber konnte man auch mit dem falschen Bein aufwachen? Nein, wohl eher nicht, aber das war ja auch egal. Tatsache war, dass ihr fünfjähriger Sohn im Moment gerade Zeter und Mordio brüllte und, wenn sie jetzt einen Fehler machte, unweigerlich mit dem falschen Bein in den Tag starten würde. Sie musste ihn so schnell wie möglich beruhigen. Wenn er nämlich so weiterbrüllte, würde sein Geschrei Eva-Lea aufwecken, und dann hätte sie gleich zwei übermüdete Kleinkinder am Hals, die sie irgendwie durch den Tag hätscheln musste. Leise öffnete sie die Tür zu seinem Zimmer. Sie brauchte einige Sekunden, bis sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. JoelHenri hatte sich vollständig unter der Decke verkrochen. Seine wilden Schluchzer erschütterten das ganze Bett. Zwischendurch trommelte er mit den Fäusten auf die Matratze. Andrea setzte sich auf den Bettrand und nahm das wild strampelnde Bündel mitsamt Decke in ihre Arme. Augenblicklich hörte das Schluchzen auf. „Hallo, mein Großer“, sagte sie sanft. „Was ist denn mit dir los? Hast du schlecht geträumt?“ Joel-Henri kuschelte sich dicht an sie. „Der Jäger wollte mich erschießen“, schniefte er. Zwei dicke Tränen kullerten über seine Wangen. „Zuerst hat er Bambi abgeknallt und dann wollte er mich erschießen. Sein Gewehr war sooo groß und seine Augen haben ganz böse geguckt.“ Sachte strich ihm Andrea die Tränen aus dem Gesicht. Seine Wangen fühlten sich warm und samtig an, wie die Haut eines Pfirsichs. Und mit einem Mal war es ihr einerlei, wie stressig und nervenaufreibend der Tag werden würde. Ihr Leben war so erfüllt. Sie hatte eine wunderbare Familie, zwei süße Kinder und einen Mann, der ihr vertraute und dem sie ein Zuhause bieten konnte, einen Mann, der sie liebte, der ihren Rat brauchte und ihre Meinung schätzte. Als Jugendpastor hatte er eine großartige Aufgabe, die ihn manchmal bis zum Letzten forderte, und sie konnte ihn darin unterstützen und an dem, was ihn bewegte, teilhaben. Ihr Kindertraum, nämlich Pastorenfrau zu werden, war Wirklichkeit geworden. Sie hatte genau das erreicht, was sie sich immer gewünscht hatte. Was wollte sie noch mehr? 15


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