Kapitel 1 Vor diesem Tag hatte sich John Baxter aus tiefstem Herzen gefürchtet, doch das Klopfen an der Tür sagte ihm, dass es nun so weit war. Es war der letzte Dienstag im Januar – Weihnachten war schon eine Weile vorbei. Es war schon längst an der Zeit, diesen Schritt zu gehen. Er hatte seine Entscheidung bereits vor Monaten getroffen und musste sie jetzt nur noch umsetzen. „Ich komme …“ Er ging aus der Küche zur Haustür und öffnete sie. „John.“ Verne Pick nickte. Er war ein Freund aus der Kirchengemeinde, dessen Kinder ebenfalls beim christlichen Kindertheater mitmachten, und hatte den Ruf, einer der besten, vertrauenswürdigsten Makler in Bloomington zu sein. Sein Gesichtsausdruck verriet John, dass er wusste, was für ein harter Tag das für John war. „Bist du bereit?“ John nahm sich zusammen. „Das bin ich.“ Er öffnete die schwere Holztür weit und ließ den Mann eintreten. „Lass uns zum Küchentisch gehen.“ Er hatte Kaffee gekocht und goss zwei Tassen für sie beide ein. Sie plauderten ein wenig, bevor Verne nach ein paar Minuten eine Akte aus seiner Tasche zog. „Wir haben einen Standardfragebogen, den wir zuerst durchgehen sollten.“ John blinzelte, als ihn eine Erinnerung überfiel. Als Elizabeth gestorben war, hatte es ihn seine ganze Kraft gekostet, ihre Beerdigung zu planen. Doch er erinnerte sich an dieses Detail: Die junge Frau vom Beerdigungsinstitut hatte ihre Fragen in solche Besorgnis gekleidet, als ob sie sich für jeden Schritt des Ablaufs entschuldigen wollte. Genauso verhielt sich Verne jetzt, als er mit hochgezogenen Augenbrauen auf eine Antwort wartete. John zeigte auf zwei Stühle. „Dann lass uns mal die Unklarheiten aus dem Weg räumen.“ „Okay.“ Verne öffnete die Akte und holte das Dokument heraus, das gleich obenauf lag. Er holte tief Luft. „Ich denke, wir sollten zuerst über das Feuer sprechen. Das wird bestimmt ein Thema sein.“ „Richtig. Warte eine Minute.“ John ging ins Nebenzimmer und nahm einen Ordner vom Schreibtisch. Er trug ihn in die Küche und 5
legte ihn vor seinem Freund auf den Tisch. „Die Garage ist komplett renoviert worden, das ist durch Rechnungen und Quittungen bestätigt. Ich habe sie alle hier gesammelt.“ „Gut.“ Verne hob sein Kinn und schnüffelte. „Kein Brandgeruch mehr?“ „Nicht ein bisschen.“ „Dieses Gebäude ist wirklich wunderbar.“ Vernes Lächeln war mitfühlend. „Ich denke, bis zum Sommer sollte ich es verkauft haben.“ „Ja.“ Ein bittersüßes Gefühl von Stolz erwachte in Johns Brust. „Es ist ein tolles Haus. Es hat die Jahre gut überstanden, sogar das Feuer.“ Verne wandte sich wieder den Papieren zu. „Ich habe schon einiges ausgefüllt. Zuerst mal die grundsätzlichen Informationen.“ Er hob den Blick, während sein Stift einsatzbereit über dem Formular schwebte. „Wie viele Schlafzimmer?“ John dachte daran, wie diese Räume vor zwanzig Jahren ausgesehen hatten. Er und Elizabeth hatten ihr Schlafzimmer in dem großen Raum auf der einen Seite der oberen Etage gehabt. Brooke und Kari einander gegenüber an dem Ende des Flurs, der nach Süden ging. Luke in dem Schlafzimmer links daneben und Ashley und Erin teilten sich ein Zimmer an der Nordseite. Er schob die Erinnerungen zur Seite. „Fünf.“ Er nippte kurz an seinem Kaffee. „Fünf Schlafzimmer.“ Sie setzten das Gespräch fort, wobei jede Frage eine neue Flut von Erinnerungen hervorrief. John konnte es kaum glauben, dass er wirklich dieses Haus verkaufen wollte. Als sie alle Formulare durchgearbeitet hatten, biss sich Verne auf die Unterlippe. „Jetzt käme der Rundgang. Ich muss jeden Raum ausmessen, um die offizielle Grundfläche zu berechnen.“ „Ein Rundgang?“ John sah zum Herd hinüber und konnte beinahe Elizabeth dort neben dem Wasserkessel stehen sehen. „John wird euch auf einen Rundgang mitnehmen“, hatte sie gesagt, wenn Besuch kam. „Er ist so stolz auf das Haus – ich hätte gerne, dass er es euch zeigt.“ „Natürlich.“ John warf seinem Freund ein gezwungenes Lächeln zu. „Dann gehen wir zuerst in das Wohnzimmer.“ Sie arbeiteten sich von einem Zimmer des Hauses in das nächste vor. Dabei hielt Verne mit dem Maßband die Größe jedes einzelnen Raumes fest. John blieb ruhig. Er sah nicht seinen Freund vor sich, der die ex6
akte Grundfläche des Hauses ermittelte, das er so liebte. Er sah stattdessen Elizabeth, die ihre Babys wiegte; Ashley, die das Laufen lernte; Brooke, die einen Vogel mit gebrochenem Flügel hereinbrachte, und Kari, die laut schrie, weil sie Angst hatte, der Vogel könnte sie angreifen. Er hörte das Klavier, dessen Töne das Haus stundenlang mit etwas schräg klingenden Übungsliedern erfüllt hatten, damals, als die Kinder Klavierunterricht nahmen. Und er sah seine Enkelkinder vor sich, die sich jedes Jahr um den Weihnachtsbaum versammelten. Man konnte zwar die genaue Grundfläche des Hauses ermitteln, doch niemand konnte ermessen, was diese Wände gesehen hatten oder welche Erinnerungen das Haus barg. Endlich waren sie im letzten Zimmer angekommen und Verne schloss die Akte. „Nun, das wär’s erst einmal. Nur noch eines, bevor ich ins Büro fahre und das Angebot erstellen kann.“ Er ging zur Haustür. „Ich hole schnell die Sachen aus dem Auto.“ John folgte ihm in den Flur. Als er allein war, ließ er sich gegen den Türrahmen sinken. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, dass sein Körper ihm nicht länger gehorchte. Was tat er hier – das Haus verkaufen? Sicherlich hätte eines seiner Kinder es übernehmen können, oder? Immerhin wohnten alle sechs in der Nähe. Doch John hatte bereits alle gefragt. Brooke und Peter wollten in dem Haus bleiben, in dem sie wohnten, weil es für Hayley gut geeignet und praktisch war. „Wir haben unsere eigenen Erinnerungen hier“, hatte Brooke ihm gesagt. „Das BaxterHaus wäre viel zu groß für uns.“ Kari hatte das Gleiche empfunden, was ihre eigenen Erinnerungen betraf. Ryan hatte das Holzhaus, in dem sie lebten, selbst entworfen. Es vermittelte fast das Gefühl, in einem Blockhaus zu leben, was sowohl Kari als auch Ryan liebten. Ashley war zunächst eine Möglichkeit gewesen. Sie hatte ihm einige Male gesagt, dass sie es lieben würde, ihre Söhne hier großzuziehen, wo sie selber aufgewachsen war. Doch sie verdiente nicht genug mit ihren Bildern, um ein gesichertes Einkommen zu erreichen, und die Belastung durch einen Kredit würde das, was Landon abzahlen konnte, weit übersteigen, besonders mit zwei heranwachsenden Kindern im Haus. John hatte sogar überlegt, Dayne anzusprechen, denn es wäre kein Problem für ihn, Ashley und Landon das Geld zu leihen – vielleicht 7
mit einer niedrigeren Zinsbelastung oder über einen längeren Zeitraum. Doch Ashley hatte ihn gebeten, das nicht zu tun. „Ich möchte nicht, dass Dayne glaubt, wir würden ihn wegen seines Geldes ausnutzen wollen.“ John hätte ihr in dem Punkt widersprechen können, doch er wollte es nicht. Ashley hatte ja auch irgendwie recht: die Situation könnte für alle Parteien unangenehm werden. Was seine anderen Kinder betraf, so wollten Luke und Reagan wegen Lukes Arbeit näher bei Indianapolis bleiben. Außerdem war ihre familiäre Situation immer noch sehr unsicher und angespannt. Sie hatten eine gute Gemeinde in der Nähe gefunden und John ermutigte sie, bei einer Beratungsstelle eine Ehetherapie zu beginnen. Sie waren keinesfalls daran interessiert, schon wieder umzuziehen. Schließlich blieben noch Erin und Sam. Als Erin angerufen und erzählt hatte, dass sie zurück nach Indiana kommen würden, hatte John geglaubt, dass er nun eine Möglichkeit gefunden hätte, das Haus in der Familie zu halten. Doch Sam arbeitete sehr viel und Erin hatte mit den Kindern alle Hände voll zu tun. Ein Haus mit einem so großen Grundstück zu unterhalten war mehr, als sie bereit waren, auf sich zu nehmen, selbst aus nostalgischen Gründen. Also schieden auch sie aus. John ging in das vordere Zimmer und spähte durch das Fenster zu Verne. Am Ende der Auffahrt hatte sein Freund aus seinem Auto ein großes „Zu-verkaufen“-Schild geholt. John empfand Enttäuschung und ein Gefühl der Sinnlosigkeit, als er beobachtete, wie Verne das Schild nicht weit von der Straße entfernt aufstellte. Er verkaufte das Baxter-Haus. John knirschte mit den Zähnen und wandte den Blick ab. Das war der Ort, wo er eigentlich den Rest seines Lebens hatte verbringen wollen. Vielleicht hatte er unrecht. Vielleicht war das alles ein großer Fehler. Er sah wieder aus dem Fenster und kniff die Augen zusammen. Nein, es war kein Fehler, was er hier tat. Er hatte dieses Haus bis ins hohe Alter hinein mit Elizabeth teilen wollen. Aber da sie nicht mehr da war, konnte er das Haus genauso gut aufgeben. Es musste sein. Er und Elaine Denning schmiedeten Hochzeitspläne und brauchten ein neues Haus, um dort ihr gemeinsames Leben zu beginnen … Das Geräusch eines Hammers, der auf einen Holzpflock schlug, hallte tief in ihm wider. Es war kaum laut genug zu hören, doch John 8
kannte dieses Geräusch. Er trat wieder näher ans Fenster und sah, wie Verne das Schild im Vorgarten aufstellte. Warum, Gott? Gibt es keinen Weg, das Haus zu behalten? Wie zur Antwort hörte er den nächsten Schlag, als der Hammer erneut den Holzpflock traf. John seufzte, als Verne seine Arbeit beendete. Ja, seine Jahre im Baxter-Haus waren vorüber. Der Zeitpunkt war gekommen, um weiterzugehen, und das würde John mit Gottes Hilfe auch tun. Er umklammerte das Fensterbrett und atmete tief den vertrauten Geruch seines Hauses ein. Er würde es überleben, dieses Haus aufzugeben, denn er hatte gar keine andere Wahl. Sogar wenn es ihn fast umbrachte, sich von diesem Ort zu verabschieden. *** Ashley Baxter Blake riss das Badfenster auf, lehnte sich gegen das Waschbecken und starrte in den Spiegel. Ihre Hände zitterten und ihr Herz raste, als sie auf die Uhr auf der Spiegelablage starrte – 9.31 Uhr morgens. Okay, los geht’s … Sie merkte sich, wo der zweite Zeiger stand, und starrte wieder in den Spiegel. Die nächste Minute würde eine Ewigkeit lang dauern und würde auch nicht schneller vergehen, wenn sie unaufhörlich auf die Uhr starrte. Wie hatte sie sich so lange belügen können? Sie beugte sich vor und betrachtete sich genau. Das Makeup verbarg nicht die dunklen Ringe unter ihren Augen. Sie war matt und ausgelaugt, erschöpft von einem weiteren Morgen, an dem sie kaum aus dem Bett gekommen war. Noch nicht einmal die frische Luft konnte die Übelkeit vertreiben. Während der Weihnachtstage hatte sie ein Dutzend Gründe gefunden, warum ihre Periode ausbleiben könnte – sie war so beschäftigt und aufgeregt während der Ferien, sie rannte unaufhörlich hinter Cole und Devin her, dazu kam der Schmerz über den Verlust von Sarah. Es konnte nach dem Verlust eines Kindes bis zu einem Jahr dauern, bis ihr Körper sich wieder an den normalen Zyklus gewöhnte. Das hatte ihre Ärztin ihr erklärt. Ein Jahr. Es war noch nicht einmal annähernd vorbei. Doch sie hatte nur einmal in den vergangenen vier Monaten ihre 9
Periode gehabt. Schließlich hatte Ashley das getan, woran sie schon seit Wochen gedacht hatte. Sie hatte einen Test gekauft und würde jetzt in weniger als einer Minute die Wahrheit wissen. Eigentlich brauchte sie diesen Test gar nicht wirklich. Ihre Finger berührten vorsichtig ihren Bauch. Er war noch nicht wirklich dick, doch leicht gerundet und fest, so wie er sich immer in den ersten Monaten ihrer Schwangerschaften angefühlt hatte. Der Unterschied war, dass sie ansonsten jedes Mal vor Freude außer sich gewesen war über die Möglichkeit, schwanger zu sein. Wenn sie die Vermutung hatte, dass sich ihre Periode nur um einen Tag verspätete, war sie sofort in die nächste Drogerie gerannt, um einen Test zu kaufen. Sogar in den Wochen nach Sarahs Tod hatten sie und Landon sich nichts sehnlicher gewünscht, als ein weiteres Kind zu bekommen. Doch irgendwann während des Prozesses, als sie hatte lernen müssen, ihre Tochter wirklich loszulassen, war Ashley etwas bewusst geworden. Sie konnte kein weiteres Baby verlieren. Durch Gottes Gnade und mit Landon an ihrer Seite hatte sie es geschafft, den Verlust von Sarah zu überstehen. Doch Ashley war sich nicht sicher, ob sie das ein zweites Mal schaffen würde. Ihr rasender Puls hämmerte in ihren Schläfen, als sie ihr Spiegelbild anblinzelte. Es gab nur einen Weg, um zu beschreiben, wie sich Ashley gerade fühlte, kurz bevor sie ihre Antwort erhalten würde. Sie hatte Todesangst. Diese seltsame und neue Angst durchdrang jeden Bereich ihres Lebens – sogar ihre Beziehung zu Landon. Sie hätte ihm schon längst von ihrer Vermutung erzählen sollen, doch sie hatte den Verdacht für sich behalten. Jedes Mal, wenn sie überlegte, es ihm zu sagen, hatte sie sich selbst gestoppt. Wenn sie es Landon erzählte, dann würde sie einen Arzttermin ausmachen und den gleichen Prozess wie beim letzten Mal absolvieren müssen – die Untersuchungen und schließlich der Ultraschall. Und das hieß, dass sie sich auch auf die Nachricht gefasst machen müsste, dass möglicherweise wieder etwas nicht in Ordnung wäre. Eine Nachricht, die sie nicht verkraften würde. Jedenfalls jetzt noch nicht. Wenn sie es Landon zu früh erzählte, würde er sich außerdem so große Hoffnungen machen und … wenn dann etwas nicht in Ordnung war, wären sie beide am Boden zerstört. Sie hatte fast das Gefühl, dass sie, gerade wenn sie ihm etwas sagte, den schrecklichsten Möglichkei10
ten Tür und Tor öffnen würde. Wenn sie ihren Verdacht aber für sich behielt und Landon keine falschen Hoffnungen machte, könnte sie vielleicht einen Arztbesuch vermeiden und vor allem dem gefürchteten Ultraschall entgehen. Ashley schaute zögernd auf den Teststreifen. War das nur ihre Einbildung oder formte sich tatsächlich eine blaue Linie? Die Linie, die bestätigen würde, dass sie ein weiteres Kind in sich trug? Sie schloss ihre Augen und atmete scharf durch die Nase ein. Ich schaffe das nicht noch mal, Gott. Ich kann kein weiteres Baby verlieren. Bitte trage du mich durch. Sarah zu verlieren war der schrecklichste Schmerz gewesen, den sie bisher in ihrem Leben erfahren hatte. Ja, sie und Landon hatten auch das Wunder in Sarahs kurzem Leben wahrgenommen. Sie würden die wenigen Stunden, die sie mit ihr verbracht hatten, ihr ganzes Leben lang wie einen kostbaren Schatz hüten. Doch sie konnte immer noch nicht durch Sarahs Kinderzimmer gehen, ohne erneut von der Trauer überfallen zu werden, konnte nicht zum Friedhof fahren, ohne das Gemälde vor sich zu sehen, auf dem ihre Mutter inmitten eines himmlischen Blumenfeldes stand und Sarah im Arm hielt. Sie lehnte sich gegen den Badezimmerschrank. Ihre Arme zitterten. Die Ärztin hatte ihr versichert, dass eine erneute Diagnose von Anenzephalie höchst unwahrscheinlich war, doch es war möglich. Landon musste ahnen, dass sie Angst davor hatte, noch mehr Kinder zu bekommen, denn er hatte das Thema seit Weihnachten nur einmal angesprochen. „Hast du mal darüber nachgedacht, Ash … über ein weiteres Kind?“ „Anfangs ja. Doch in letzter Zeit versuche ich, nicht daran zu denken.“ Ihre Stimme war ruhig geblieben, sogar freundlich. Doch die Angst hatte wieder nach ihrem Herzen gegriffen. „Ich könnte das nicht noch mal schaffen. Das durchzustehen, was wir mit Sarah erlebt haben.“ Landon hatte ihre Wangen und ihre Stirn berührt. „Mein Opa hat immer gesagt, dass Gott uns niemals mehr auferlegt, als wir tragen können.“ „Ich weiß.“ Ashley hatte gelächelt. Im gleichen Moment hatte sie Sarah wieder vor sich in ihren Armen gesehen, hatte ihren warmen Körper an ihrer Brust gespürt. Sie hatte geschluckt und versucht, ihre 11
Gefühle in Worte zu fassen. Doch sie hatten beide das Thema fallen gelassen. Seitdem hatte sie nur kurz mit Landon über ihre Furcht davor gesprochen, ein weiteres Kind zu bekommen. Doch die Wahrheit war, dass sich irgendwann in der Zeit der Trauer und des Schmerzes ein Gedanke bei Ashley festgesetzt hatte: Es war besser, keine weiteren Kinder mehr zu bekommen, als sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen zu müssen, dass sie ein weiteres Baby verlieren könnte. Es stimmte, dass Gott ihr im Lauf ihres Lebens Dinge auferlegt hatte, von denen er gewusst haben musste, dass sie sie überleben würde – und sie hatte sie tatsächlich durchgestanden. Und während dieser Zeit hatte Gott sie immer näher zu sich gezogen. Doch sie war erschöpft von dem Schmerz und zu müde, um noch einmal den Weg der Qualen zu gehen, den Gott sie manches Mal geführt hatte. Wenn sie jetzt schwanger war, würde sie an jedem Morgen mit der Angst zu kämpfen haben, dass sie ihr Baby verlieren könnte, in jeder Stunde zwischen diesem Moment und der Geburt. Vielleicht hatte sie die Anzeichen ihres Körpers für so lange Zeit ignoriert, weil sie sich einfach noch nicht dazu in der Lage gefühlt hatte, sich mit dem auseinanderzusetzen, was sie möglicherweise erwartete. Inzwischen war mehr als eine Minute vergangen. Was auch immer im Sichtfenster des Testes erscheinen würde, wäre jetzt sichtbar. Ashley nahm den Teststreifen in die Hand und blickte direkt auf zwei dicke Linien, beide dunkel und unübersehbar. Die Antwort lag damit sofort vor ihr. Keine Zweifel mehr – sie war schwanger. Angst stieg in ihr auf, doch zu ihr gesellte sich ein unerwartetes Gefühl: ein leises Aufkeimen von Hoffnung und Freude. Sie war schwanger! In diesem Moment, egal, was noch vor ihr liegen mochte, wuchs neues Leben in ihr heran. Diese Neuigkeit war beängstigend und überwältigend zugleich. Jetzt musste sie nur noch den Mut finden, Landon davon zu erzählen.
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Kapitel 2 Manchmal hatte Luke Baxter das Gefühl, als würde er wie unter Wasser leben, als sei er in einer ganz eigenen Welt verloren, während er Tag für Tag darum kämpfte, zu überleben. Seine Schuld hatte ihn dorthin gebracht, doch auch Reagan hatte ihren Anteil daran. So viel hatte sie zugegeben, doch ansonsten hatte sie sehr wenig gesagt. Sie brauchten dringend eine Therapie, das war ihnen beiden bewusst. Sie mussten sich durch den Schlamm und Schmutz wühlen und alles an die Oberfläche bringen, was dort vergraben lag. Ganz egal, was es war, das während dieses Prozesses ans Tageslicht kommen würde. Doch zuerst mussten sie es schaffen, einen Termin mit dem Eheberater zu machen. Luke nahm den Fuß vom Gaspedal. Er würde in fünf Minuten zu Hause sein. Er war sich nicht sicher, wie das Gespräch mit Reagan verlaufen oder wohin es führen würde. Sein Vater hatte angeboten, die Kinder an diesem Wochenende zu nehmen. Gerade hatte er sie mit allen Schlafutensilien bei ihm abgegeben und versprochen, häufig anzurufen. „Lass dir von Gott die richtigen Worte schenken.“ Sein Vater hatte ihn bis zur Haustür begleitet und ihn lange umarmt, bevor Luke wieder gefahren war. „Sei ehrlich. Du und Reagan, ihr habt eine Menge, worüber ihr reden müsst.“ Luke bog in den Adams-Boulevard ein und fuhr in Richtung Westen. Vielleicht gab es gar nicht so viel, worüber sie reden konnten. Seit Weihnachten waren sie häufiger zusammen gewesen und hatten öfters als zuvor die Abende mit den Kindern verbracht. Seine häufigen Dienstreisen nach New York hatten aufgehört und Reagan traf sich nicht mehr mit ihrem Freund, dem Feuerwehrmann. Doch sie waren nicht länger das bis über beide Ohren verliebte junge Pärchen, nicht länger die zwei Menschen, die ohne einander nicht weiterleben konnten. Luke seufzte. Heute war der erste Freitag im Februar. Seit zwei Monaten lebten er und Reagan eher wie WG-Genossen als wie zwei Eheleute nebeneinander her. Er umklammerte das Lenkrad fester. Dieses 13
Wochenende war Reagans Vorschlag gewesen. „Wir müssen uns der Wahrheit stellen“, hatte sie ihm erklärt. „Ich kann nicht länger so weitermachen.“ Ein Knoten formte sich in Lukes Magen. Vielleicht hatte sein Vater recht. Wenn dieses Wochenende einigermaßen gut lief, dann könnten sie sich zumindest auf eine Ehetherapie einigen. Das wäre dann schon der erste Schritt in die richtige Richtung. Einer, der letztendlich die Liebe in ihnen neu entfachen würde. Oder auch nicht. Luke bog in ihre Einfahrt, schaltete den Motor aus und ließ sich gegen das Lenkrad fallen. Er starrte die Haustür seines Hauses an, die schwach erleuchteten Fenster und die Schatten, die den Großteil der Außenwände verschluckten. In dieser Beleuchtung sah das Gebäude kalt und bedrohlich aus, fast wie etwas aus einem Horrorfilm. Ihm war übel. Wie ehrlich würden sie wirklich voreinander sein? Erwartete Reagan von ihm, dass er ihr jede Einzelheit von seinen Theaterbesuchen in Manhattan erzählte? Würde sie genau wissen wollen, was an jenem späten Abend zwischen ihm und Randi Wells am Strand von Mexiko passiert war? Er holte langsam Luft, streckte sich und öffnete die Autotür. Kein Wunder, dass Reagan in den letzten Monaten so still und distanziert gewesen war. Sie war vermutlich hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass er endlich ehrlich zu ihr war und der Angst vor der Wahrheit. Denn die Wahrheit war schmerzhaft und es gab jetzt kein Zurückweichen mehr. Luke stieg aus dem Auto und ging die Treppe zur Haustür hinauf. Schmutziger Schnee lag seit einer Woche an den Seitenrändern der trockenen, eisigen Einfahrt. Als er eintrat, war die Atmosphäre spürbar wärmer. Der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee mischte sich mit etwas, das süß und selbst gebacken roch. Er hörte das Knacken eines Kaminfeuers im Nebenzimmer und entspannte sich ein wenig. „Reagan?“ „Hier drin.“ Luke folgte ihrer Stimme ins Wohnzimmer. Sie hatte zwei Sessel vor das Kaminfeuer gestellt und saß in einem davon, die Füße angezogen und eine dicke Decke um die Beine gewickelt. Sie hielt eine übergroße Tasse an ihr Gesicht. „Hi.“ Der nervöse Ausdruck auf ihrem Gesicht 14
spiegelte vermutlich seinen eigenen wider. Für einen Moment sah er die fröhliche, selbstbewusste Studentin vor sich, die sie einst gewesen war, zielstrebig und voller Träume und klarer Werte. Eine plötzliche Nervosität überfiel ihn, sodass sein Herz raste. Er versuchte, unbeschwert zu lächeln. „Hi.“ Sie sah etwas verlegen zur Seite. „Ich dachte, wir könnten uns beim Kamin unterhalten.“ Luke zögerte und sein Herz schlug doppelt so schnell wie sonst. Erwartete sie wirklich, dass er ihr alles erzählte? „Ich hole mir Kaffee.“ Als er zur Küche ging, hatte er wieder das Gefühl, als ob er über den Grund des Ozeans schritt. Wie begann man eine solche Unterhaltung? Wohin würde es führen, wenn sie heute Abend feststellten, dass ihre Vergangenheit eine gemeinsame Zukunft unmöglich machte? Er goss sich eine Tasse ein und ging zurück ins Wohnzimmer, zu dem Sessel neben ihr. Als er sich setzte, fragte er sich, ob sie seinen lauten Herzschlag hören konnte. „Wie hat es mit den Kindern geklappt?“ Reagan schaute ihn über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg an. Ihre Sessel waren zum Feuer hin ausgerichtet, doch so gedreht, dass sie sich schräg von der Seite sahen. „Wunderbar.“ Lukes Hände waren schweißnass, doch er hielt seine Tasse weiterhin umklammert. „Ich habe alles mit meinem Vater besprochen. Malins Ohrentropfen, Tommys neueste Tricks.“ Luke erlaubte sich ein kurzes Lächeln. Tommys Streiche hielten den Rest der Baxter-Familie unaufhörlich auf Trab. In letzter Zeit hatte der Junge jede Gelegenheit gesucht, um sich in die Garage zu stehlen. Egal, welches Auto gerade darin stand – er versuchte, den Schalthebel auf Startposition zu bringen. Manchmal ließ Lukes Vater die Autoschlüssel im Auto, wenn er in der Garage geparkt hatte. Luke schauderte. Er wagte es nicht, sich vorzustellen, was passierte, wenn Tommy den richtigen Schlüssel in den Anlasser steckte. „Dieser Junge braucht klare Strukturen.“ Reagan seufzte. Sie starrte auf die Flammen, die im Kamin hinter dem Eisengitter tanzten. Dann wandte sie sich wieder Luke zu. „Doch ich glaube, das ist nicht der Grund, weshalb wir hier sitzen.“ „Nein.“ Als er vom Haus seines Vaters weggefahren war, hatte Luke um Weisheit gebetet. Genau wie sein Vater es ihm empfohlen hatte. Und jetzt stellte er, ohne länger darüber nachzudenken, seine Kaffee15
tasse auf den Fußboden und streckte die Hand zu Reagan hinüber. Das einzige Geräusch, das den Raum erfüllte, war das Knistern der Flammen. „Bete mit mir, Reagan. Bitte.“ Sie schien überrascht zu sein und diese Reaktion bewegte Luke tief. War so viel Zeit vergangen, seitdem er sie zu einem gemeinsamen Gebet aufgefordert hatte? Vielleicht war das auch ein Grund für die Situation, in der sie sich befanden. Reagan nahm die Tasse in eine Hand und fasste mit der anderen Lukes ausgestreckte Hand. „Du betest.“ Ein Bild schlich sich in Lukes Erinnerung, ein Bild aus einer Zeit, als er und Reagan beide Studenten gewesen waren. Ab und zu hatten sie sich auf ihrer Lieblingsbank getroffen, die zwischen den Gebäuden stand, wo sie ihre unterschiedlichen Vorlesungen hatten. Fast jedes Mal hatte Reagan seine Hand genommen und spontan gefragt, ob sie für sie beide beten dürfe. Damals war für Reagan und Luke ein Gebet so selbstverständlich wie der nächste Atemzug gewesen. Luke wünschte sich, er könnte herausfinden, wann sich das geändert hatte oder wie sie zu dieser Selbstverständlichkeit zurückkehren konnten. Er holte tief Luft. „Gott, wir kommen vor dich. Wir wissen nicht, was uns erwartet. Bitte, leite uns.“ Er dachte an die Dinge, die er möglicherweise in der nächsten Stunde gestehen musste. „Wir bitten dich – was auch immer heute gesagt wird – dass du uns die richtigen Worte schenkst, um den Graben zwischen uns zu überbrücken. Gib uns die Kraft, nach vorne zu sehen, und die Gnade, dass wir einander neu lieben lernen können, ganz egal, was kommt.“ Sie lösten ihre Hände voneinander und starrten beide in die Flammen. Fast eine Minute lang schwiegen sie. Dann drehte sich Luke auf seinem Sessel, sodass er Reagan anschauen konnte. „Ehrlichkeit, nicht wahr? Darum soll es doch heute gehen, oder?“ „Ja.“ Reagans Augen waren umwölkt von Sorge und Bitterkeit, die in langen Jahren gewachsen waren. „Wie wollen wir vorgehen?“ „Nun ja …“ Luke schluckte. „Ich kann anfangen, glaube ich. Was willst du hören?“ „Ich bin mir nicht sicher.“ Reagan hob ihre Tasse und trank einen Schluck. „Ich nehme an, es ist am besten, wenn du am Anfang beginnst. Wie es kam, dass sich alles so entwickelt hat.“ 16
Luke versuchte, einen Gesprächseinstieg zu finden, der sein Verhalten nicht als Verletzung seines Versprechens von lebenslanger Treue erscheinen ließ. Doch es gab keine Entschuldigung. Er ließ sich in seinen Sessel sinken und dachte zurück an die Zeit, als sie nach Indianapolis gezogen waren. Vielleicht war es der Druck der neuen Arbeitsstelle gewesen, das Wissen, dass Dayne auf ihn zählte, oder die Schwierigkeiten, mit denen Reagan jeden Tag zu Hause allein mit den Kindern zu kämpfen hatte. Was auch immer der Grund gewesen war, es war in jener Zeit gewesen, dass Luke mit den häufigen Reisen nach New York begonnen hatte. „Ich hätte nicht fahren müssen. Ich hätte die Einzelheiten aus den Besprechungen auch später per Mail oder am Telefon erfahren können.“ Er hielt seine Stimme ruhig. „Die Reisen waren hilfreich, doch sie waren nicht unbedingt nötig.“ Reagan starrte angestrengt weiter geradeaus, so als müsse sie sich innerlich wappnen. Luke ging die nächsten Einzelheiten der Geschichte in Gedanken durch. Es würde nicht einfacher werden. „Die Sache mit der Frau aus dem Büro war nichts Besonderes. Sie war einfach eine neue Kollegin, die mir besondere Aufmerksamkeit schenkte. Ich wollte glauben, dass es an mir lag, doch … vielleicht hatte sie nur Interesse an mir, weil Dayne mein Bruder ist.“ Er hielt für ein paar Sekunden die Luft an. Er fühlte sich, als ob er mitten auf dem Times Square stehen und von allen Seiten mit Lärm und Chaos bombardiert werden würde. Er war unsicher, wohin er sich als Nächstes wenden sollte. Doch als er wieder ausatmete, floss der weitere Teil der Geschichte gleich mit hinaus. „Ich habe angefangen, die Theaterbesuche zu organisieren. Jeder aus dem Büro hätte mitkommen dürfen.“ Reagans Gesichtsausdruck änderte sich, sodass sie fast anklagend aussah, doch sie sagte immer noch nichts. Luke blinzelte. „Sie … sie war immer mit dabei.“ Er erzählte, dass manchmal andere Kollegen aus dem Büro mitgekommen waren und manchmal nicht. Er war gerade mitten in einer weitschweifigen Erklärung – wie er versucht hatte, sich selbst davon zu überzeugen, dass doch nichts Schlimmes dabei war, wenn er mit einer netten Kollegin aus dem Büro 17
ausging, die seine Gesellschaft zu genießen schien – als Reagan sich umwandte und ihn abrupt fragte. „Hast du sie geküsst?“ Er dachte an die junge Anwaltsassistentin und wie er bei zwei Gelegenheiten ganz kurz davor gewesen war. „Nein.“ Er ließ seine Zunge über seine trockenen Lippen gleiten und spürte, wie sein Herz in seiner Brust rebellierte. „Fast … ein paarmal fast, doch nein. Da war nichts Körperliches zwischen uns.“ Reagans Blick wurde intensiver, als ob sie hinter die Details von Lukes Geschichte sehen und spüren konnte, wie er neben seiner Kollegin im Theater gesessen hatte. Die körperliche Anziehungskraft war so groß gewesen, dass er noch lange an sie gedacht hatte, als er schon in sein Hotelzimmer zurückgekehrt war. Doch wenn seine Frau so etwas ahnte, dann sagte sie es nicht. „Ich fürchte, die eigentliche Geschichte ist die mit Randi Wells.“ „Ja.“ Luke hatte plötzlich das Gefühl, als würde sich etwas Schweres auf seine Schultern senken. Er verschränkte die Arme und versuchte, nicht so niedergeschlagen auszusehen, wie er sich fühlte. Wie hatte er zulassen können, dass so etwas Verrücktes geschehen war? Und warum hatte er nicht daran gedacht, wie sehr sein Verhalten seiner Ehe schaden würde? Reagan wartete immer noch, wobei sie ihn beobachtete. Sie nahm einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee. „Weißt du, was mich wirklich wütend macht?“ Luke hatte spontan eine ganze Liste von Dingen im Kopf. „Dass du jeden in dem Glauben gelassen hast, dass Dayne derjenige auf dem Foto war.“ Ihre Stimme klang ruhig und kontrolliert. Doch er spürte auch Wut und Fassungslosigkeit dahinter. „Ich meine, wie fies ist das denn?“ Luke hatte eigentlich nicht vorgehabt, sich zu verteidigen, doch er konnte nicht widerstehen. „Du musst eines wissen.“ Er rieb sich seinen Nacken und stieß frustriert die Luft aus. „Ich bin nicht deshalb nach Mexiko geflogen, um einen Flirt mit einer Schauspielerin anzufangen.“ Doch gerade als er diese Worte aussprach, dachte er an den Tag, als Dayne ihn vom Flughafen an den Drehort gebracht und er Randi zum ersten Mal gesehen hatte. Er schob die Erinnerung zur Seite und griff nach der Kaffeetasse, die neben seinem Sessel stand. Ehrlichkeit. Ich muss ehrlich sein. Er schluckte. „Ich meine … ich habe nicht gerade 18
nach einer Affäre gesucht, doch ich hatte auch nicht die richtige Einstellung anderen Frauen gegenüber. Das ist die Wahrheit.“ Reagan starrte in die Flammen. „Erzähl weiter.“ Luke war sich nicht sicher, ob sie beide schon dazu bereit waren, doch sie hatten keine Wahl. Sein Verhalten hatte sie an diesen Punkt gebracht und jetzt war es zu spät, um etwas anderes zu tun, als reinen Tisch zu machen. Die Geschichte nahm Fahrt auf wie ein Auto mit einem Motorschaden, holperig und abgehackt. Er erzählte Reagan, wie alle an jenem Abend am Strand gewesen und um das Lagerfeuer herum gesessen hatten und dass Dayne in den Schneideraum gerufen worden war. Als sie beide allein waren, hatte Randi gefragt, ob Luke sie auf einem Spaziergang begleiten würde. An diesem Punkt warf Reagan ihm einen Blick zu, der besagte, dass der Spaziergang sein erster Schritt abseits vom Wege gewesen war. Er konnte sich nicht dafür rechtfertigen, warum er dem Spaziergang zugestimmt oder gedacht hatte, es sei in Ordnung, an einem abgelegenen Strand mit einer wunderschönen Frau zu verschwinden, die es offensichtlich auf ihn abgesehen hatte. Stattdessen hielt er sich an die Fakten. Er und Randi waren ein Stück gegangen. Als ihre Unterhaltung sich dem Ende zuneigte, hatte ihr Handy geklingelt. Die Neuigkeiten betrafen ihre Mutter und es waren keine guten Nachrichten gewesen. „Sie begann zu weinen und ich … ich ging zu ihr. Vielleicht dachte ich, ich könnte sie trösten …“ Er sah zu Boden. „… oder vielleicht wollte ich mehr. Ich bin mir nicht sicher.“ Reagans Gesichtsausdruck verriet ihm, dass sie die Antwort kannte, auch wenn er es nicht tat. Sie blinzelte nicht und wandte auch nicht den Blick von ihm ab, sondern wartete geduldig auf den Rest der Geschichte. Jetzt kam der Teil, den Luke sich am liebsten erspart hätte. War es nicht genug, dass die Zeitschriften den Kuss festgehalten hatten, sodass alle Welt ihn sehen konnte? Musste er wirklich in die Details gehen und genau schildern, was geschehen war, als die Umarmung von Randi und ihm plötzlich intensiver geworden war? Luke legte seine Hände ineinander und seufzte. „Auch das hatte ich nicht geplant. Wir umarmten uns und das Nächste, was ich weiß, ist, dass wir uns küssten.“ „Wie lange?“ Reagans Stimme war messerscharf, ihre Augen waren 19
weit aufgerissen und auf ihrem Gesicht lag eine Mischung aus kalter Wut und Gleichgültigkeit. „Wie lange habt ihr euch geküsst?“ „Ich weiß es nicht.“ Lukes Stimme klang irritiert. „Eine Weile, okay? Wir haben uns eine Weile geküsst. Wir haben die Paparazzi weder gesehen noch gehört, das kann ich dir versichern.“ Reagan fragte nicht, was danach geschehen war. Das musste sie nicht. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht zeigte, was sie wissen wollte, ohne dass weitere Worte nötig waren. Luke fuhr fort. „Dann geschah nichts mehr. Wir haben uns geküsst und irgendwann habe ich den Kuss beendet und ihr gesagt, dass ich gehen muss. Auf dem Weg zurück zum Lagerfeuer hielten wir uns an den Händen, doch als wir fast in Sichtweite der anderen waren, trennten wir uns. Ich ging in mein Zimmer und sie zum Feuer zurück, damit niemand den Verdacht haben würde, dass wir die ganze Zeit zusammen gewesen waren.“ „Doch da war noch mehr.“ Zum ersten Mal schlich sich der Schmerz in Reagans Stimme. „In jener Nacht, oder? Und danach auch?“ Sie hatte recht. Luke hasste diesen Teil ebenso sehr wie sie. Die Dinge zwischen Reagan und ihm lägen jetzt völlig anders, wenn er nur zur Vernunft gekommen wäre, sobald er allein in seinem Hotelzimmer angekommen war. Er massierte sich die Schläfen mit Zeigefinger und Daumen und versuchte, seine Kräfte zu sammeln, um Reagan den Rest der Geschichte zu erzählen. Stunden nach dem Kuss hatte Randi an seine Zimmertür geklopft. Als er ihr geöffnet hatte, lag sie sofort in seinen Armen, bevor er sich selbst bremsen konnte. Wieder küssten sie sich. Dieses Mal gestand Randi ihm, dass sie sich zu ihm hingezogen fühle. „Sie sagte mir, dass sie wüsste, dass ich verheiratet bin und dass sie bereit wäre, auf mich zu warten, bis ich alles geregelt hätte.“ „Sehr nett“, murmelte Reagan sarkastisch. Er spürte seine Schuld, die sich durch ihn hindurchzufressen schien wie eine Krankheit. Luke stöhnte, weil er sich so elend fühlte wie in jenem Jahr an der Universität, als er eine schwere Grippe bekommen hatte. „Eine Weile danach schickten wir uns SMS. Wir haben telefoniert. Irgendwann fragte sie mich, ob ich bereit wäre, dich zu verlassen.“ Reagan hob die Augenbrauen. „Ich habe ihr die Wahrheit gesagt.“ Luke fühlte sich wie der schlimms20