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Teil 1

Freitag

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Prolog Ich kann nichts dafür, ich muss Menschen töten. Er hatte das Geschehen auf der Tour keine Sekunde aus den Augen gelassen. Den Blick immer ruhig geradeaus gerichtet, erweckte er den Anschein, sich für niemanden um ihn herum zu interessieren. Doch ihm entging nichts. Selbst das, was sich hinter seinem Rücken abspielte, bekam er mit. In seiner Vergangenheit war diese Fähigkeit überlebenswichtig gewesen. Und jetzt zahlte sie sich aus. Wenn etwas Schlimmes im Anmarsch war, fühlte er, wie die Luft um ihn herum pulsierte. Die feinen Härchen an seinem Arm stellten sich auf und er wusste, was abging. Er spürte es einfach. Manchmal handelte er völlig im Hintergrund, blieb unbemerkt von allen Beteiligten. Er kam einfach zur richtigen Zeit an den richtigen Ort, um Schlimmeres zu verhindern. Manchmal sagte er, was gesagt werden musste. Ganz beiläufig, ohne den Hauch einer Drohung, erwähnte er eine Geschichte oder gar eine vergangene reale Erfahrung. Doch hinter den Worten verbarg sich unmissverständlich die Nachricht: Leg dich bloß nicht mit mir oder meinen Leuten an. In manchen Fällen waren die Leute einfach zu dumm, um seine Worte zu verstehen. Dabei gab 7


er sich solche Mühe, ihnen auf freundliche Weise zu verstehen zu geben, was Sache war. Aber nein. Manche Leute waren einfach zu engstirnig und egoistisch. Von denen konnte er nicht viel erwarten. Sie waren drauf und dran, sich ins Verderben zu stürzen und zu allem Überfluss auch noch gute Menschen mit sich zu reißen. Seine Leute. Genau das war diesmal der Fall. „Kann ich dich kurz sprechen, bevor du gehst?“, fragte er beiläufig. Der, der diesmal sterben musste, kam summend auf ihn zu. Summend! Wie ein Lamm, das bald geschlachtet wird.

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1 Das Jubeln und Kreischen von zwanzigtausend Menschen hallte in meinen Ohren wider. „Rayne rocks! Rayne rocks! Rayne rocks!“ Die Fans in der ausverkauften Hewlett-PackardArena in San José, Kalifornien, schrien sich die Seele aus dem Leib und applaudierten der Band meiner Mutter Rayne wie verrückt. Die Band war nach ihr benannt worden. Sie hofften, noch einen Song zu hören, bevor die Musiker zur zweiminütigen Pause die Bühne verließen. Ich selbst war wie immer mit Tom Hutchens, dem 25-jährigen Friseur und Stylisten meiner Mutter, backstage unterwegs. Tom war mein bester Freund auf der Tour. Er war relativ klein und schmal gebaut. Sein kräftiges schwarzes Haar und seine ernsten Gesichtszüge passten so gar nicht zu seiner verrückten Persönlichkeit. Seine blau-weiß-rot-karierten Van-Sneakers mit den roten Rennstreifen an den Seiten hingegen schon eher. Tom mimte den betont lässigen Gesichtsausdruck eines Hiphop-Künstlers, bewegte die gespreizte Hand ruckartig auf und ab und rief dazu: „Yo, Rayne, ihr rockt übelst ab, eure Fans dreh’n schon am Rad.“ Ich schlug ihm leicht gegen die Schulter. Seine improvisierten Rap Lines wurden mit jedem Tag schlechter. 9


Von den Gesängen der Fans beflügelt, kam Mom die Treppe hinab. Ihr blondes Haar wehte in alle Richtungen, ihre Stirn war schweißbenetzt. Mit einem Grinsen im Gesicht lief sie auf mich zu, hob schnell die Hand, um mich abzuklatschen und ging dann in ihre private Garderobe. „Die Fans lieben uns, Shaley!“ „Klar, Mom. Wie könnten sie auch anders?“ Als sie schon außer Sichtweite war, trotteten auch die übrigen Bandmitglieder Kim, Morrey, Rich und Stan an uns vorbei. Sie sahen müde aus. Niemand hatte so viel Energie wie meine Mutter. Anerkennend nickten Tom und ich ihnen mit hochgestrecktem Daumen zu und liefen dann im Schnellschritt zu Moms Garderobe. Als wir an der Tür mit dem Namensschild „Rayne O’Connor“ ankamen, blickte ich kurz auf meine Uhr. 22:45 Uhr. Ja! Es war schon fast Zeit, um an den Flughafen zu fahren und Brittany abzuholen. Ich konnte es kaum erwarten, meine beste Freundin wiederzusehen. Drei Monate war ich jetzt bereits mit Rayne auf Tour und obwohl es schon meine dritte Tour war, fiel mir der Abschied von meinen Schulfreunden immer wieder schwer. Nur gut, dass Tom dabei war und mich trotz seiner schlechten Reime immer zum Lachen bringen konnte. Ohne ihn hätte ich mich auf der Tour ziemlich einsam gefühlt. Ich öffnete die Tür zur Garderobe, ging hinein und schloss sie sogleich wieder, um uns vor dem Lärm der Fans zu schützen. „Yeah!“ Mom ging in die linke Hälfte des Rau10


mes und ließ sich in den Make-up-Stuhl direkt vor dem hell erleuchteten Spiegel fallen. Rechts von ihr stand ein Kleiderschrank voll mit ihren Klamotten. Jedes Mal in der Pause wechselte sie ihr Outfit. An der hinteren Wand standen wie bei jedem ihrer Konzerte ein royalblaues Sofa und die dazu passenden Sessel. Dies war vertraglich so geregelt, genau wie die Häppchen und Knabbereien, die gegenüber der Make-up-Theke aufgebaut waren. Obst, Sandwiches, Nudelsalat, Käsewürfel und Chips für Mom, M&Ms für mich. Selbstkritisch betrachtete sich Mom im Spiegel. „Alles klar, Tom, dann leg mal los.“ Schnell kippte sie eine Flasche Wasser runter. Als ob Tom wirklich etwas zu tun gehabt hätte! Mit ihren kristallblauen Augen, ihren vollen Lippen, hohen Wangenknochen und ihrem ovalen Gesicht war Mom einfach rundum wunderschön. Während er nach einem Wattepad griff, blickte Tom zu mir herüber, winkte ab und wandte sich dann Mom zu. Er streckte seinen schlanken Hals vor, kniff die Augen zusammen und formte seine Lippen zu einem gespielt kritischen „Oh, oh!“ Dann stieß er einen Seufzer aus, trat einen Schritt zurück und breitete hilflos die Arme aus, womit er so viel sagen wollte wie Hier hab ich nichts zu tun. Du bist rundum perfekt. Sichtlich genervt sah Mom mich an und verdrehte die Augen. Ich zuckte nur mit den Schultern. Als ob ich etwas gegen Toms Witze unternehmen könnte! „Jetzt mal los, Loverboy!“ Sie nahm einen wei11


teren Schluck Wasser. „In einer Minute muss ich wieder raus.“ „Yo, big Mama!“ Mom schlug ihm leicht auf die Hand. „Kannst du mal aufhören, mich so zu nennen? Ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt auf deine Sprüche eingehe.“ Selbstbewusst beugte sich Tom vor, um ihr mit dem Wattepad über die Stirn zu fahren. „Weil ich dir dazu verhelfe, überragend auszusehen.“ Fachmännisch erneuerte er Lippenstift und Puder und lockerte ihr Haar auf. Draußen in der Halle wurden die Gesänge und das Gekreische der Fans immer lauter. Ich lächelte und legte meine Hand auf Moms Schulter. Die Fans waren bei jedem ihrer Konzerte richtig gut drauf, doch ich freute mich jedes Mal neu über ihre Begeisterung. Ihr Rufen und Singen machte mich echt stolz auf meine Mutter. Rayne war nicht immer so erfolgreich gewesen. Vor fünf Jahren, als ich gerade elf Jahre alt gewesen war und meine Mutter 28, war es gar nicht so gut um die Band bestellt gewesen. Mom und die Jungs hatten hier und da kleine Konzerte gespielt. In der Hoffnung, endlich den Durchbruch zu schaffen, hatten sie Tag und Nacht gearbeitet. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr sich Mom damals für die Band ins Zeug gelegt hatte. Schon damals war sie eine talentierte Texterin und begnadete Sängerin gewesen, die durch ihre leicht rauchige Stimme überall herausstach. Und dann war ihr Song „Far and Near“ auf ein12


mal im Radio rauf und runter gespielt worden – ein kometenhafter Aufstieg. Tom lehnte sich zurück, begutachtete Moms Outfit, hob die Augenbrauen hoch und nickte mehrmals anerkennend. „Nicht schlecht.“ „Rayne rocks! Rayne rocks! Rayne rocks!“ Die Stimmung der Fans war auf dem Höhepunkt. Schwungvoll warf Mom ihre Haare zurück und sah sich von der Seite an. „Hammer.“ Sie sprang vom Stuhl auf. „Ich muss los.“ Hastig eilte sie zur Tür. Ich trat zur Seite und erinnerte sie: „Mom, denk dran, Tom und ich holen Brittany in zehn Minuten am Flughafen ab. Wir fahren ein bisschen früher los als nötig, weil Tom noch kurz was besorgen muss.“ „Ach, stimmt ja.“ Mom hielt kurz inne. Ihre rechte Hand lag bereits auf der Türklinke. An Tom gewandt fragte sie: „Übernimmt jemand das Aufräumen hier?“ Er schaute zu mir rüber. „Ich hab mich schon drum gekümmert.“ Ein bisschen enttäuscht presste ich die Mundwinkel aufeinander. Mom wusste, wie sehr ich mich auf Brittanys Besuch freute. Ich hatte die Tage gezählt, bis das Schuljahr endlich vorbei war. Mein Privatlehrer war bereits gestern nach Hause geflogen und Brittany würde mich nun für zwei Wochen besuchen. Mom übernahm alle Kosten, wofür ich ihr unendlich dankbar war. Doch gelegentlich schien es, als habe sie nur ihre Arbeit im Kopf. Manchmal wünschte ich 13


mir, dass ihre Gedanken mehr um mich kreisen würden. In Gedanken versunken, schaute Mom in meine Richtung und bemerkte meine aufeinandergepressten Mundwinkel. Sie grinste ein bisschen zu breit, gerade so, als ob sie ihre gedankliche Abwesenheit wieder gutmachen wollte. „Ich freu mich so für dich, dass Brittany kommt, Shaley! Wir werden ihr bestimmt eine gute Zeit bieten können.“ Ich nickte. „Mick fährt mit dir, oder?“ „Japp.“ Mick Rader war seit drei Jahren einer der privaten Bodyguards meiner Mutter. Die anderen zwei, Bruce Stolz und Wendell Bennington, würden sie an diesem Abend in ihr Hotel bringen. „Okay, gut. Dann kann dir ja gar nichts passieren.“ Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie die Tür öffnete. Die Gesänge der Fans drangen zu uns. „Bis später im Hotel.“ Sie warf mir noch einen Kuss zu und verschwand. Auf einmal ging mir das laute Geschrei schrecklich auf die Nerven. Ich schob die Tür zu und lehnte mich mit dem Rücken dagegen. Tom warf mir einen „Trauriger-Clown“-Blick zu. Seine Mundwinkel zog er weit hinunter und seine Augenbrauen nahmen die Form eines umgekehrten V an. Er wusste immer, was in mir vorging. Bei dem Anblick von Toms völlig verzerrtem 14


Gesicht konnte ich gar nicht anders als zu grinsen. „Is schon okay.“ Seine Grimasse wich seiner Hip-hop-Pose. „Hab eine neue Line für dich.“ „Echt?“ Eigentlich hatte ich schon geahnt, dass er sich irgendwas Neues einfallen lassen würde, um mich zum Lachen zu bringen. Tom begann, sich betont lässig hin und her zu bewegen, sein rechter Arm bewegte sich rhythmisch auf und ab. „Brittany ist bald gelandet, wir müssen los! Sonst ist sie gestrandet und denkt‚ hier is gar nix los. Ich ruf den Chauffeur an, frag ihn ob er kommen kann. Denn mit der Shaley am Steuer, das ist mir nicht ganz geheuer.“ Als er das letzte Wort ausgesprochen hatte, blieb er regungslos stehen, sein Mund noch halb offen, seine Stirn in Falten gelegt. „Freeze Modus“ nannte er das. Nach dieser kurzen künstlerischen Pause begann er erneut, auf der Stelle herumzutänzeln. „Dir fällt keine neue Line mehr ein, oder?“ Grinsend und zugleich kopfschüttelnd sah ich ihn an. „Ach, Tom! Wenn ich dich nicht hätte.“ Ganz in seinem Element verbeugte er sich und tat so, als ob er seinen Hut ziehen würde. „Danke, Danke!“ Dann richtete er sich ruckartig wieder auf und blickte auf die Uhr. „Wird langsam Zeit. Ich muss noch kurz was erledigen, bevor wir fahren. Wir treffen uns am Hintereingang direkt an der Limo, okay?“ „Alles klar.“ Nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, ging ich hinüber zum Spiegel. Langsam 15


spürte ich die Aufregung in mir aufsteigen. In ungefähr einer Stunde würde ich Brittany wiedersehen! Ich griff nach einem eher neutralen Lippenstift und beugte mich vor, um ihn mit einem Pinsel aufzutragen. Tom hatte mir jede Menge Schmink-Tricks verraten. Als ich fertig war, fuhr ich mit einer Bürste noch kurz durch die Haare. Erst gestern hatte Tom sie angestuft und Locken in die Spitzen gedreht. „Bombe“ war sein Fazit gewesen und auch mir gefiel die neue Frisur extrem gut. Auch wenn Mom und ich völlig verschiedene Haarfarben hatten, betonten die meisten Leute immer wieder, wie ähnlich wir uns sahen. Ich empfand das als ein riesengroßes Kompliment. Um mein Outfit im Spiegel von oben bis unten sehen zu können, trat ich einen Schritt zurück und drehte mich von einer Seite auf die andere. Die Designer Jeans saßen hervorragend und das neue Oberteil passte perfekt zu meiner Augenfarbe. Das würde auch Brittany sicher gefallen. Ich lächelte mir selbst zu und blickte dann auf die Uhr. Die Limousine würde jeden Augenblick vorfahren. Im Hintergrund hörte ich aus der Halle das Kreischen und Singen der Fans. Das bedeutete wohl, dass Rayne zurück auf die Bühne gekommen war und nun endlich ihren neuen Song „Do It Up Right“ performte. Wie ein nervöses Huhn lief ich hin und her, naschte M&Ms und blickte immer wieder auf die Uhr. Rayne war inzwischen bei ihrem letzten 16


Song für den Abend angelangt, zumindest laut Setliste. Es klopfte zweimal laut an der Tür. Das war Micks Signal. Prompt öffnete sich die Tür und er schob seinen kräftigen Hals und sein kantiges Gesicht um die Ecke. Mit ihm legte sich so schnell keiner an. „Bist du so weit, Shaley?“ „Ja. Steht die Limo schon bereit?“ Er antwortete mit einem abgehackten „Ja“ und ließ den Blick suchend durch die Garderobe schweifen. „Wo ist Tom?“ Ich ging zum Sofa und schnappte mir meine Handtasche. „Der wollte noch etwas erledigen und dann direkt zur Limo kommen.“ „Gut. Ich gehe noch auf Toilette und treffe dich dann am Hinterausgang.“ Mit leicht zusammengekniffenen Augen sah er mich ernst an und fügte bestimmt, aber freundlich hinzu: „Komm ja nicht auf die Idee, allein aus der Halle zu gehen, verstanden?“ „Verstanden“, murmelte ich und der Bodyguard schloss hinter sich die Tür. Mick war für meinen Geschmack manchmal ein bisschen zu besorgt. Fans hin oder her, ich würde mich ja nicht gleich in Gefahr begeben, sobald ich aus der Tür hinaustrat. Schließlich hatte auch die HP-Arena in San José wie alle Konzerthallen, in denen Rayne performte, einen exklusiven Eingang nur für die Künstler. Noch dazu wurde der davorliegende Parkplatz vom hauseigenen Sicherheitsdienst rund um die Uhr überwacht. Paparazzi oder Fans hatten nicht den Hauch einer Chance, sich Zu17


gang zu diesem begehrten Eingang zu verschaffen. Voller Vorfreude verließ ich Moms Garderobe und machte mich auf die Suche nach Tom. Da ich schon seit vier Uhr hier in der Arena war, um den Soundcheck mitzubekommen, war mir der Backstage-Bereich inzwischen bestens vertraut. Insgesamt gab es acht Garderoben – Moms war die größte unter ihnen. Auf dem Weg durch den langen Gang grüßte ich alle Vorbeigehenden mit einem kurzen „hi“. Während die Lichtcrew und die Tontechniker noch in vollem Einsatz waren, hatten die Roadies – das sind die, die sich um den Auf- und Abbau der Instrumente während der Show kümmern – schon Feierabend. Die Bühnenhandwerker, Manager und alle, die für den Auf- und Abbau der Bühne zuständig waren, mussten natürlich bis weit nach Ende des Konzerts bleiben. Zu allererst lief ich hinüber zum Hinterausgang, öffnete die Tür einen Spaltbreit und blickte hinaus. Tom war noch nirgendwo zu sehen. Langsam wurde die Zeit knapp, denn Brittanys Flugzeug würde bald landen. Leicht genervt lief ich den ganzen Gang zurück. Mir schien nichts anderes übrig zu bleiben, als in jeder einzelnen Garderobe nachzusehen und mir so den Weg zurück zum Hinterausgang zu bahnen, vor dem die Limo bestimmt jeden Augenblick vorfahren würde. Erst jetzt nahm ich wahr, dass alle Garderoben geschlossen waren. Seltsam. Wenn Tom wirklich eine von ihnen betreten hätte, um etwas abzuho18


len, hätte er ganz sicher die Tür offen stehen gelassen. Das war so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, schließlich waren die Garderoben die privaten Rückzugsorte der Bandmitglieder und von Ross Blanke, dem Produzenten. Ich warf einen flüchtigen Blick in die Garderobe neben Moms. Leer. Meine Handtasche fest an mich gedrückt, betrat ich die dritte Garderobe. Auch leer. Die vierte. Keine Spur von meinem Lieblingsstylisten. Irgendetwas stimmte hier nicht. Tom war nie zu spät. Wo steckte er nur? Von links kam Mick auf mich zu und zeigte mir an, dass es Zeit war, loszufahren. Zögernd fragte ich: „Tom war nicht zufällig auch im Bad, oder?“ Er schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. Gemeinsam schlenderten wir hinüber zur fünften Garderobe. Mick steckte seinen Kopf als Erster durch die Tür. Leer. Ich spürte, wie ich langsam nervös wurde – und das nicht nur, weil Brittany und ich endlich wieder zusammen abhängen konnten. Besorgt rannte ich zur sechsten Tür. Niemand. Mit einem lauten Krachen warf ich die Tür zu. Was ging hier ab? Wenn Tom nicht sofort auftauchen würde, hätten wir keine Zeit mehr für einen Abstecher in den Drogeriemarkt. Der Flughafen war zwar nur 19


wenige Minuten entfernt von der Halle, aber ich wollte Brittany auf keinen Fall nachts im Dunkeln allein warten lassen. „Sieh du in der Nächsten nach“, raunte Mick mir im Vorbeigehen zu. „Ich geh zu der Garderobe hinten am Ende des Ganges.“ In der siebten Garderobe hatte Ross sich sein Büro eingerichtet. Von hier aus kümmerte er sich um die strikte Einhaltung der Vertragsvereinbarungen, tätigte unzählige Telefonate und bewältigte geduldig all die Probleme, die erst in letzter Minute auftraten. Während die Bandmitglieder natürlich nicht in ihren Räumen anzutreffen waren, weil sie auf der Bühne standen, konnte ich mich nicht daran erinnern, Ross draußen im Gang irgendwo gesehen zu haben. Wahrscheinlich saß er gerade an seinem Schreibtisch. Deshalb traute ich mich nicht, einfach so hereinzuplatzen. Eigentlich durfte man Ross’ Büro nur mit Termin oder zumindest der Aufforderung, hineinzukommen, betreten. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. Nervös klopfte ich an der Tür. Nichts. Ich klopfte ein bisschen lauter. Niemand antwortete. Vorsichtig öffnete ich die Tür. Ähnlich wie Mom ließ auch Ross sein Büro immer gleich einräumen. Ein riesiger Schreibtisch und ein schwarzer Schreibtischstuhl aus Leder warteten bei jedem Konzert auf ihn. Auf dem Schreibtisch würde er dann die ganzen Ordner und Papiere positionieren und seinen Laptop 20


vorsichtig aufklappen. Links von ihm platzierte er jedes Mal ein Faxgerät, rechts von ihm ein Telefon. Wenn man Ross so ansah – ein kleiner, dicker Mann mit zotteligen, schulterlangen Haaren – hätte man gar nicht gedacht, dass er so ein Ordnungsfanatiker war. Auch die große runde Uhr an der Wand durfte in seiner Garderobe nie fehlen. Als ich eintrat, fiel mein Blick direkt auf eben diese Uhr: 22:55 Uhr. Brittany würde bald landen. Mein Blick blieb an einem Farbfleck auf dem Boden neben dem Schreibtisch hängen. Als ob ich die grausame Szene unterbewusst bereits geahnt oder sogar begriffen hätte, drehte sich mir auf einmal der Magen um. Mir war kotzübel. Alles kam mir vor wie in Zeitlupe. Ich hielt den Türgriff fest umklammert und ließ meinen Blick wieder zu dem Farbfleck wandern. Ein Fuß auf dem Boden. Er lugte hinter dem Schreibtisch hervor. An ihm steckte ein blauweiß-rot-karierter Schuh mit roten Rennstreifen. Der Fuß lag auf der Seite, von mir weggedreht, die Ferse seltsam in den Teppich gedrückt. Totenstill.

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