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1. Im Handarbeitslädchen

Doch er kennt meinen Weg genau; wenn er mich prüfte, wäre ich rein wie Gold. Hiob 23,10 Es war einer ihrer ganz gewöhnlichen Besuche in dem kleinen Handarbeitslädchen an einem ganz normalen Tag. Sie hatte nichts Besonderes vor. Kathy brauchte ein paar Kleinigkeiten, um einige Sachen fertig zu stellen. Als sie fast alles beisammen hatte, stand sie plötzlich vor einer Rolle mit teurer weißer Wolle, die so weich war wie eine Sommerwolke – es war die Art Wolle, aus der sie gerne kuschelige Babydecken machte. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. Wo war sie nur mit ihren Gedanken? Babydecken? Sie brauchte keine Wolle. Sie wandte sich ab und ging auf die Kasse zu. Irgendetwas zog sie zurück, und bevor sie sich recht versah, stand sie wieder vor der edlen weißen Wolle. Aber warum nur? Sie war purer Luxus! So unpraktisch teuer. Und so weich ... so wunderschön ... genau das Richtige, damit sich ein Neugeborenes wohl fühlen konnte ... Welches Neugeborene? Das alles war völlig absurd. Sie wusste überhaupt von keiner Frau, die im Moment ein Kind erwartete. Genau in diesem Moment hörte sie eine Stimme hinter sich. „Es ist ein ganz besonderes Baby unterwegs. Mach ihm eine Decke!“ Sie wandte sich überrascht um und wollte sehen, wer 5


Bittersüße Schätze Gottes

da sprach. Aber niemand stand dort. Am nächsten stand ihr die Kassiererin, und sie war gerade drei Meter entfernt einer anderen Kundin behilflich. Ein ganz besonderes Baby? Welches besondere Baby denn? Und dann bekam sie einen riesigen Schrecken – das Blut begann ihr plötzlich eiskalt durch die Adern zu schießen. Kathy hatte drei Mädchen im Teenageralter. Ach Herr, es geht nicht um eins meiner Mädchen, oder? Bitte schenk, dass es nicht um eins meiner Mädchen geht! Aber sie hörte auf diese mysteriöse Aufforderung, kaufte die Wolle und legte sie in ihren Korb. Am nächsten Sonntag saß sie neben ihrer Freundin Marylee in der Kirche. Als der Gottesdienst begann, lehnte sich Marylee zu Kathy hinüber und flüsterte: „John und Pam erwarten wieder ein Kind!“ Kathy schoss in die Höhe. Sie verstand sofort. „Das ist also das ganz besondere Baby!“, platzte sie heraus, und es war ihr furchtbar peinlich. Dann flüsterte sie ihrer verwunderten Freundin zu: „Das muss das besondere Baby sein, für das ich eine Decke machen soll.“ Nach dem Gottesdienst fing Kathy mich ab, als ich nach draußen trat, und erzählte mir von ihrem ungewöhnlichen Erlebnis im Wollelädchen. Ich dachte mir nichts weiter dabei, bis der Herr später im Krankenhaus die Puzzleteile zusammenzufügen begann. Drei Tage nach Nathans Geburt kam unser Kinderarzt Dr. Eki aus dem Urlaub zurück und kümmerte sich um Nathan. Ich werde die freundlichen Worte nie vergessen, nachdem er sich den Fall angesehen hatte. „Nathan ist ein ganz besonderes Baby“, erklärte er uns, „und er ist ganz besonderen Eltern anvertraut worden.“ 6


1. Im Handarbeitslädchen

Ich glaube nicht, dass seine Wortwahl Zufall war. Ich glaube, dass der Heilige Geist ihm eingegeben hat, genau diese Worte zu sagen, die Klarheit – und Trost – in unsere Verwirrung und unseren Schmerz brachten. Mir fiel sofort Kathys Besuch im Handarbeitslädchen wieder ein, als Gott ihr gesagt hatte, dass ein „ganz besonderes“ Baby unterwegs war. In all dem Kummer, der auf die Entbindung folgte, war es mir ein Trost, zu wissen, dass Gott sich dieses Kleinen schon angenommen hatte, lange bevor er geboren war – und lange bevor unser Schmerz überhaupt begann. Und auch Johns Erlebnis machte mir Mut. Als ich im fünften Monat schwanger war, fuhr John zu unserem Fitnesscenter, um in der Mittagspause ein paar Gewichte zu stemmen. John singt schrecklich gerne. Und an diesem Tag hörte er gerade eine Kassette mit Anbetungsliedern an und sang aus voller Brust mit. Die Sonne hatte die Wolken vertrieben, die über Portland gehangen hatten. John ging es blendend. Er freute sich darauf, sich wieder einmal richtig austoben und ausschwitzen zu können. In diesem Moment geschah es. Eine endlose Sekunde lang, in der die Welt stehen zu bleiben schien, hatte er das Bild eines kleinen Jungen mit Down-Syndrom vor Augen. Es war so unglaublich realistisch, dass es ihm den Atem verschlug. „Oh nein, Gott!“, keuchte er. „Das nicht! Das würde ich nicht verkraften!“ Und genauso schnell erhielt er eine Antwort. Du kannst alles verkraften, was von meiner Hand kommt. John verbarg dieses Erlebnis die nächsten vier Monate hindurch tief in seinem Herzen. Er war sich einfach nicht 7


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sicher, ob Gott gesprochen hatte oder seine schlimmsten Ängste. Aber nachdem Nathan geboren war, wusste John, dass es Gott gewesen war, der ihn damals auf der Fahrt zum Fitnesscenter in seinem Lobpreis unterbrochen hatte. Heute ist ihm klar, dass Gott ihn damals zum Innehalten bringen wollte. Er wollte ihn auf das vorbereiten, was auf uns zukam, und ihm Zuversicht geben. Du kannst alles verkraften, was von meiner Hand kommt. In 1. Korinther 2,9-10 heißt es: „Es ist vielmehr das eingetreten, was schon der Prophet Jesaja vorausgesagt hat: Was kein Auge jemals sah, was kein Ohr jemals hörte und was sich kein Mensch vorstellen kann, das hält Gott für die bereit, die ihn lieben. Uns aber hat Gott durch den Heiligen Geist sein Geheimnis enthüllt. Denn der Geist Gottes weiß alles, er kennt auch Gottes tiefste Gedanken.“ Das Leben ist voller Herausforderungen, voller Schwierigkeiten und voller Leid. Gerade in solchen Momenten sind wir so verzweifelt darauf angewiesen, dass Gott zu uns spricht. Wir müssen wissen, was der Geist uns sagt. Wir müssen genau hinhören. Inzwischen haben John und ich unseren Schmerz verarbeitet und können mit größerer Klarheit sehen. Der Nebel, der unsere Gefühle umgeben hat, hat sich gelichtet. Viele Tage, Monate und Jahre sind vergangen, und immer noch erinnert uns Johns Begegnung mit Gott im Auto – und Nathans weiche weiße Babydecke – daran, aufmerksam auf das zu lauschen, was der Geist uns sagen möchte. Wir versuchen, dem mehr Gewicht beizumessen, was Gott uns sagt, als dem, was wir zu Gott sagen. 8


1. Im Handarbeitslädchen

Alle menschliche Vernunft kann uns Gottes Sichtweise nicht erschließen. Aber wenn wir bereit sind zu hören ... wird sein Geist uns sagen, was Gott denkt.

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2. Herrlichkeit im Scherbenhaufen

Diesen kostbaren Schatz tragen wir allerdings in einem zerbrechlichen Gefäß. Denn so wird jeder erkennen, dass die außerordentliche Kraft, die in uns wirkt, von Gott kommt und nicht von uns selbst. 2. Korinther 4,7 Clara kam zu jedem unserer Termine tadellos und nach der neuesten Mode gekleidet, und ihr Makeup war makellos. Aber die Augen, die mich anstarrten, waren kalt und hart, wie aus Marmor gemeißelt. Sie hatte seit fast zwanzig Jahren mit einer Essstörung zu kämpfen, und sie war eine der bittersten und unnachgiebigsten Personen, mit denen ich im Rahmen meiner Beratertätigkeit je zu tun gehabt hatte. Ich rechnete eigentlich damit, dass ich den Grund für Claras Bitterkeit recht früh in unserem Gespräch herausfinden würde. Aber ihre Kindheit schien recht gewöhnlich und ereignislos verlaufen zu sein. Keine schmerzhaften Einschnitte. Keine größeren Beziehungskrisen. Ihre Eltern waren glücklich verheiratet, und sie sprach davon, wie gut sie mit ihnen und mit ihren beiden Brüdern zurechtkam. Sie war natürlich mit den beiden gelegentlich aneinandergeraten, wie es in den besten Familien geschieht, aber nichts schien irgendwie ungewöhnlich. Abgesehen von Eltern, die einander lieb hatten, hatte Clara Großeltern, die nebenan wohnten und immer für sie da waren. Ihre Großmutter war ihr wie eine zweite Mutter und vor 10


2. Herrlichkeit im Scherbenhaufen

allem während ihrer Teenagerjahre eine Vertraute gewesen. Ich war verwirrt, als ich in dieser ersten Sitzung Claras Geschichte hörte. Die Familie, die mir hier beschrieben wurde, schien so gar nicht dem zu entsprechen, was ich für gewöhnlich von essgestörten Klienten her kenne. Es gab keine Scheidung, keinen Missbrauch, keine Drogenoder Alkoholprobleme ... Keiner der Eltern schien besonders streng, perfektionistisch oder bestimmend zu sein. Die ganze Familie ging zur Kirche und genoss das Leben offenbar. Irgendwo fehlte ein Puzzleteil. Es konnte gar nicht anders sein. Clara fielen viele Einzelheiten und Kleinigkeiten ein, als sie mir von ihrer Schulzeit und den Jahren auf dem College erzählte. Sie war im Cheerleader-Team gewesen. In der Tanz-AG. Hatte im Chor ihrer Gemeinde mitgesungen. Gymnastik getrieben. Ihre Schulzeit mit Bestnote abgeschlossen. Ein Stipendium erhalten, Sportpreise gewonnen. Und dann, in ihrem dritten Jahr auf dem College, war alles anders geworden. Ein einschneidendes schlimmes Erlebnis hatte sie aus der Bahn geworfen, und es war zu der Angel geworden, um die sich nun ihr ganzes Leben drehte. Ihre Erinnerungen an diesen Moment waren verworren, und die Geschichte ließ sich nur noch in Bruchstücken rekonstruieren. Es war das Jahr, in dem ihre Großmutter starb ... und in dem sie vergewaltigt wurde. Der Verlust ihrer Unschuld und der Verlust ihrer Vertrauensperson waren mehr gewesen, als Clara ertragen konnte. Die Essstörung wurde zum Werkzeug, mit dem 11


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sie wie mit einem Schmerzmittel den Schmerz betäuben wollte. Gymnastik und das College gehörten der Vergangenheit an. Die quirlige Brünette zog sich aus dem Leben zurück und tauchte unter. Jahrelang. Achtzehn Jahre später hörte sie mich auf einer Konferenz darüber reden, wie wir gerade in schwierigen Umständen wachsen und reifen, und sie verabredete für die folgende Woche einen Termin mit mir. Clara kam mehrere Monate lang zur Therapie. Sie begann sich dem Trauma zu stellen, das sie als ihr Geheimnis weggeschlossen hatte, und es zu verarbeiten. Dass sie sich ihrem Schmerz aussetzte und ihn akzeptierte, nahm ihm schließlich die Macht. Ich konnte zusehen, wie sie sich von Woche zu Woche verwandelte. Ihre kalten Blicke wurden unterbrochen von Tränen und dann endlich ... einem spontanen Lächeln hier und da. Ein Steinchen nach dem anderen, ein Stück Mörtel nach dem anderen riss sie die Mauer ein, die sie um ihr Herz herum gebaut hatte. Sie wagte es, den Schmerz hinaus- und mich hineinzulassen. Mit der Zeit fand Clara auch den Mut, sich einer Therapiegruppe anzuschließen, die ich leitete. Da trafen sich Frauen, die auf dem Weg zur Genesung waren. Eines Abends wollte die Gruppe über Gott reden und darüber, wie sie ihn in ihrem Leben erfuhren. Ich verteilte Papier und Stifte und bat alle, in einem Bild darzustellen, wie sie ihre Beziehung zu Gott sahen. Eine Frau malte sich als Strichmännchen: kein Gesicht, weder Haare noch Kleider. Sie kniete auf der einen Seite einer Steinmauer, die sich hoch über ihr auftürmte. Sie hatte das Gesicht in den Händen verborgen und neigte 12


2. Herrlichkeit im Scherbenhaufen

sich bis zur Erde hinunter. Auf der anderen Seite der Wand war helles Sonnenlicht, und dort stand Jesus mit jeder Menge anderer Strichmännchen. Sie beschrieb sich als jemand, der nicht dazugehörte und den anderen allenfalls zuschauen konnte. „Es sieht so aus, als hätte Gott jede Menge Freunde hier auf der Erde“, meinte sie, „aber ich gehöre jedenfalls nicht dazu.“ Nach und nach erzählten auch die anderen Frauen in unserer Runde, was ihre Bilder darstellten. Als die Reihe an Clara kam, hielt sie das Bild von zwei sehr großen Händen, die die beiden Griffe einer zierlichen Vase hielten. Die Umrisse der Vase waren sehr akkurat gezeichnet und vollkommen symmetrisch. Clara hätte jede Menge bunter Stifte verwenden können, aber sie hatte beschlossen, ihr Bild ganz in Schwarz zu halten. In der Mitte der Vase hatte sie eine dicke, zackige Linie gezeichnet, die einen tiefen Riss bezeichnete. Ich war berührt von ihrer Darstellung. „Diese Vase“, sagte sie langsam, „kann nicht mehr repariert werden. Die Hände, die sie festhalten, werden sie jeden Moment wegwerfen.“ Es war kein schönes Bild, aber immerhin hatte Clara an diesem Abend einen gewaltigen Schritt gewagt. Zum ersten Mal seit achtzehn Jahren gab sie sich selbst und anderen gegenüber ehrlich zu, wie es um ihre Beziehung zu Gott bestellt war. Ich staune immer wieder, wie sorgfältig Gott solche Gruppen zusammenstellt. Eine der anderen Frauen, Tina, sprach Clara sofort darauf an, wie dieser Riss denn in die Vase gekommen war. Tina war selbst Opfer einer Verge13


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waltigung und näherte sich dem Ende ihrer Therapie. Im geschützten Rahmen der Gruppe schaffte es Clara, die Scham und den Schmerz freizulegen, die sie all die Jahre verborgen gehalten hatte. Ich hatte sozusagen einen Platz in der ersten Reihe und konnte sehen, wie Gott an Clara bis in die Tiefen ihres Wesens hinein arbeitete, als die anderen Teilnehmerinnen ihr Annahme, Gnade und Wahrheit boten. Claras Bitterkeit begann sich auf oft unmerkliche Weise zu wandeln. Es geschah nicht über Nacht, aber das passiert bei dauerhafter Veränderung sowieso selten. Von Monat zu Monat war die Essstörung weniger und weniger ein Thema in unseren Sitzungen. Warum? Weil der Schmerz, auf den sie eine Antwort gewesen war, mehr und mehr von seiner Macht verlor. Clara lernte, sich ihrem Schmerz zu stellen und ihn loszulassen, und so war sie immer weniger auf ein „Schmerzmittel“ angewiesen. Eines Tages kam Clara mit einer Ankündigung in mein Büro. „Ich habe eine Entscheidung getroffen“, sagte sie. „Ich möchte gerne die Ausbildung machen, die man am Krisentelefon für Vergewaltigungsopfer braucht.“ Sie wollte nicht, dass andere in der Stille litten, wie sie es jahrelang getan hatte. Sie wollte denen Zuflucht bieten, die Angst hatten und sich versteckten. Sie wollte, dass Gott ihren Zerbruch nutzte, damit andere Heilung finden konnten. Sie wollte anderen vermitteln, dass es Hoffnung gab. Als Clara mit ihrer Therapie fast fertig war, kam die Frage nach Gott in der Gruppe wieder auf. Ich hatte die Bilder vom letzten Mal aufbewahrt und holte sie wieder her, damit wir sie uns noch einmal ansehen konnten. Jede 14


2. Herrlichkeit im Scherbenhaufen

der Frauen erhielt wieder ein Blatt Papier und Stifte, und als sie fertig waren, tauschten sie sich über ihre Gemälde aus. Claras neues Bild zog mich in seinen Bann. Ich ahnte schon, was sie sagen würde, und ich wurde bei dem Gedanken ganz aufgeregt. Sie hatte wieder ihre vollkommen symmetrische Vase gemalt, mit edel geschwungenen Griffen an jeder Seite. Immer noch wurde sie von zwei großen Händen festgehalten. Und auch der tiefe Riss in der Mitte der Vase war noch dort. Aber sie hatte dem Bild etwas hinzugefügt. Mit gelbem Textmarker hatte Clara dicke Striche gemalt, die wie Lichtstrahlen aus dem Riss herausbrachen und sich zu den Rändern des Blatts hin ausbreiteten. Clara deutete auf den Riss und sagte schlicht: „Da scheint Gott durch.“ Als die anderen über ihr Bild nachdachten, meinte eine Frau: „Also, mir sieht das Ganze eher nach einer Siegestrophäe aus als nach einer Vase.“ „Ja“, stimmte eine andere zu, die Claras Geschichte kannte. „Du bist in Gottes Händen. Du bist eine Siegestrophäe seiner Gnade.“ Die anderen nickten zustimmend. Wieder einmal wurde ich daran erinnert, dass Gottes Herrlichkeit gerade durch unser Leid, unsere Schwierigkeiten und unsere Wunden offenbar wird. Unter Claras Bild mit der Vase hätte stehen können: „2. Korinther 4.“ „Denn so wie Gott einmal befahl: ,Es werde Licht!‘, so hat er auch die Finsternis in uns durch sein helles Evangelium vertrieben. Durch uns sollen alle Menschen 15


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Gottes Herrlichkeit erkennen, die in Jesus Christus sichtbar wird. Diesen kostbaren Schatz tragen wir allerdings in einem zerbrechlichen Gefäß. Denn so wird jeder erkennen, dass die außerordentliche Kraft, die in uns wirkt, von Gott kommt und nicht von uns selbst. Denn obwohl uns die Schwierigkeiten von allen Seiten bedrängen, lassen wir uns nicht von ihnen überwältigen. Wir sind oft ratlos, aber nie verzweifelt. Von Menschen werden wir verfolgt, aber bei Gott finden wir Zuflucht. Wir werden zu Boden geschlagen, aber wir kommen dabei nicht um. (...) Darum geben wir auch nicht auf. Freilich gehen diese Strapazen nicht spurlos an mir vorüber. Wenn auch meine körperlichen Kräfte nachlassen, wird doch das Leben, das Gott mir schenkt, von Tag zu Tag erneuert. Was wir jetzt leiden müssen, dauert nicht lange und ist leicht zu ertragen, wenn wir bedenken, welch unendliche, unvorstellbare Herrlichkeit uns erwartet. Deshalb lassen wir uns von dem, was uns zurzeit so sichtbar bedrängt, nicht ablenken, sondern wir richten unseren Blick auf Gottes neue Welt, auch wenn sie noch unsichtbar ist. Denn das Sichtbare vergeht, doch das Unsichtbare bleibt ewig.“ (2. Korinther 4,6-9;16-18) Schmucklose Tongefäße. Vasen mit großen Rissen. Steingutkrüge mit Macken, Knacksen und Schäden. Menschen in Schwierigkeiten, im Durcheinander, mit Schwachheiten, Traumata und Ängsten. Mehr sind wir nicht ... ohne Gott. Aber mit Gott – oh, da sind wir so viel mehr! 16


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Wir sind Menschen, in denen ein Schatz verborgen ist, und dieser Schatz ist so wertvoll, dass er sich jeder Schätzung, jeder Berechnung und jedem Begreifen entzieht. Wir sind Männer und Frauen, in denen Gottes Herrlichkeit arbeitet, und dazu gehört es nicht unbedingt, dass er unsere Schwächen oder Schwierigkeiten wegnimmt. Seine Herrlichkeit zeigt sich vielmehr darin, dass er seine göttliche Kraft durch unsere Schwachheit hindurchscheinen lässt. Wenn das Leben hart ist und Gott in uns ist ... werden die Risse in unserem Leben Spalte, durch die er seine Herrlichkeit scheinen lässt. Wenn das Leben hart ist und Gott in uns ist ... werden aus uns gebrochenen Vasen Siegestrophäen. Wenn das Leben hart ist und Gott in uns ist ... können wir darauf vertrauen, dass Gott irgendwie, auf eine Weise, die uns oft verborgen bleibt, aus unserem Leben etwas Wertvolles macht. Der gute alte Petrus, der selbst ein paar Risse und Knackse hatte, hat das schön zusammengefasst: „Meine lieben Freunde! Wundert euch nicht über die heftigen Anfeindungen, die ihr jetzt erfahrt. Sie sollen euren Glauben prüfen und festigen. Denkt nur nicht, dass solche Angriffe etwas Außergewöhnliches sind; sie gehören zum Christsein.“ (1. Petrus 4,12) Je mehr ich mit Menschen zu tun habe, die Schlimmes erlebt haben, desto mehr bin ich überzeugt, dass es keinen Schmerz gibt, der so tief oder beherrschend wäre, dass Gott ihn nicht heilen könnte, wenn wir ihm unser Herz öffnen. Und wie bei Clara können die Kaputtheiten un17


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seres Lebens – die Risse, Brüche und gesprungenen Kanten – genau die Orte werden, aus denen Gottes Herrlichkeit mit einem wahren Schwall aus Licht, Hoffnung und Heilung hervorbricht. Aus dem heraus, was wir als unsere eigene Dunkelheit wahrnehmen, kann Gottes durchdringendes Licht zu denen scheinen, die noch im Schatten herumirren. Fragen Sie nur einmal bei einer der langjährigen Mitarbeiterinnen des Krisentelefons für Vergewaltigungsopfer nach. Sie hat eine kräftige Stimme, in der trotzdem viel Mitgefühl mitschwingt. Die Anrufe, die sie in den Nächten erhält, in denen sie Bereitschaftsdienst hat, sind ganz verschieden. Aber Clara weiß, was ihre Aufgabe ist. Sie weiß, dass sie einfach nur da sein muss ... damit ein kleiner Schimmer eines starken und durchdringenden Lichts in die lange Nacht der Menschen fällt, die Hoffnung brauchen.

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