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Inhaltsverzeichnis Einführung...................................................................................... 7 1. Wir haben auf dich gewartet..................................................... 13 2. Schlitz, schlitz........................................................................... 27 3. Ein amerikanischer Traum......................................................... 34 4. Sei vorsichtig............................................................................. 44 5. Einführung in die Welt der Straße............................................. 63 6. Miguel und Pilar....................................................................... 76 7. Gabriel...................................................................................... 84 8. Messerstecherei.......................................................................... 93 9. In die Nacht............................................................................ 102 10. Ich blute.................................................................................. 113 11. Läuse....................................................................................... 120 12. Fettie....................................................................................... 125 13. Heiligabend............................................................................. 138 14. Wach auf!................................................................................ 143 15. Nur noch einmal..................................................................... 149 16. Roter Januar............................................................................ 156 17. Magischer Saft......................................................................... 161 18. Ich habe es ja auch nicht eilig.................................................. 171 19. Eine Art zu leben..................................................................... 176 20. Die Totenwache...................................................................... 185 21. Batir........................................................................................ 194 22. Frohe Weihnachten................................................................. 202 23. Vicki....................................................................................... 210 24. Nicht alle Straßenkinder.......................................................... 215 25. Tanze mit mir.......................................................................... 223 26. Regen...................................................................................... 229 27. Kartoffelchips.......................................................................... 236 28. Kopfnuss................................................................................. 242 29. Baby........................................................................................ 247 30. Kind Nummer Eins................................................................. 254 31. Rosa muss bleiben................................................................... 261 32. Ich möchte nach Hause........................................................... 266 Nachwort...................................................................................... 279 Update.......................................................................................... 286


Widmung Dieses Buch ist Georg und Deb Veth gewidmet, die es mir in schwierigen Zeiten möglich gemacht haben, meinen Träumen zu folgen und mich um unsere Kinder zu kümmern, meiner Schwester (Mingfang Huang) und den Millionen von Straßenkindern weltweit.


Einführung W

ütend. Das ist sicher nicht das beste Wort, um einen zukünftigen Arzt zu charakterisieren oder irgendjemand anderen, der sich gern um Straßenkinder kümmern würde. Doch wütend beschreibt am besten, wie ich mich als Kind gefühlt habe. Wenn ich mit meinen kindlichen Augen einen Blick auf das Schwarz-weiß der Welt warf, wurde ich wütend und war verwirrt über Ungerechtigkeiten wie Armut und Hunger. Ich war auch wütend darüber, beim Basketball zu den Verlierern zu gehören. Ich war wütend, weil man mir in einem englischen Grammatiktest ungerechterweise drei Punkte abgezogen hatte. Ich war wütend, weil meine kleine Schwester mehr und bessere Geschenke bekam als ich. In seiner liebevollen Art nannte mein Vater meine Wut eine „Laune“. Wenn meine Mutter diese Laune mitbekam, rollte sie mit den Augen, schüttelte den Kopf, warf ihn in den Nacken und lachte. Weihnachten 1987. Der Tag, an dem sich mein Leben veränderte. Der Tag, an dem ich anfing, alles, was ich bisher gedacht hatte, infrage zu stellen. Warum lebte ich, wo doch so viele andere starben – an Krebs, AIDS, Tuberkulose, Krieg und Hunger? Warum war ich im amerikanischen Bundesstaat South Carolina zur Welt gekommen und nicht in irgendeinem Entwicklungsland, wo man von weniger als einem Dollar pro Tag leben musste? Warum hatte ich zwei liebevolle Eltern statt bösartigen, die mich jeden Abend misshandelten? Warum sorgte man dafür, dass ich eine gute Ausbildung bekam, und ließ nicht einfach nur die Jahre verstreichen? War das Glück? Schicksal? Der Sinn des Lebens. Als Agnostiker hatte ich davon offiziell keine Ahnung, ich hinterfragte alles und war ständig auf der Suche. An der Texas A&M University hatte ich den Existentialismus kennengelernt, der ungefähr Folgendes behauptet: Wir alle sind wie Ameisen, die herumkrabbeln und alles Mögliche tun. Oder auch einfach gar nichts. Das machte irgendwie Sinn in einer Welt, die anscheinend keinen Sinn machte. 7


Weil ich in North Carolina und Texas aufwuchs, hatte ich aber auch das Wort Jesus schon oft gehört, sowohl in Gebeten wie auch in Flüchen. Teilweise gezwungenermaßen, teilweise aus einem Schuldgefühl heraus bin ich gelegentlich mit einem christlichen Freund in den Gottesdienst gegangen, doch meistens habe ich mich davor gedrückt. Den Großteil dessen, was sie einem in der Kirche erzählten, hielt ich für einen Haufen Lügen. Schließlich hatte ich einige dieser Christen beobachtet und gesehen, wie sie ihre Woche zwischen Montag und Samstag zugebracht haben. Trotzdem schlug ich aus lauter Verzweiflung eines Tages die Bibel auf, weil ich nach einer Antwort auf das Chaos und die Sinnlosigkeit um mich herum suchte. Als ich die Prophetien des Alten Testaments mit den Ereignissen um Jesus verglich, stellte ich mir dieselben Fragen wie Jahre zuvor Josh McDowell: Wer war dieser Jesus? War er ein Lügner, der den Trick drauf hatte, wie man Wunder macht? War er ein Wahnsinniger, der sich und anderen suggerieren konnte, dass er der Sohn Gottes sei? Oder ist Jesus der Messias, der Sohn Gottes, so wie ihn das Alte Testament prophezeit hatte? Nach drei Jahren sorgfältigen Studiums und trotz heftiger äußerer und innerer Widerstände war ich an einem Punkt angelangt, an dem mich alles Forschen und Grübeln dem Glauben nicht näher brachte. Ich stand an der Bruchkante eines Abgrunds und mein Verstand hatte die Beweise dafür akzeptiert, dass Gott und Christus tatsächlich existierten, aber mein Herz war Lichtjahre weit weg. Ich warf einen Blick in den Abgrund und machte den sprichwörtlichen Glaubensschritt, in der Hoffnung, damit irgendwie auf der anderen Seite anzukommen. Es funktionierte und mein Herz öffnete sich nach und nach dem sanften Werben Gottes in der Bibel. Ich wurde Christ. Zwar habe ich auch heute noch ein paar Fragen, die ich Gott im Himmel einmal stellen muss, dennoch half mir mein Glaube, in dieser verrückten Welt einen Sinn zu finden. Er machte es mir möglich, Struktur in meine diffuse Mitmenschlichkeit zu bringen. Schließlich verwandelte sich einiges von meiner Wut in Leidenschaft. Zunächst wollte ich Politiker werden. Als Collegestudent schloss ich mich einer Friedensmission der Quäker an, die den ersten Balkankrieg beenden wollte. In Belgrad angekommen sah mich ein Flüchtlingsmädchen mit Namen Nadia mit großen nussbraunen Augen an und 8


fragte: „Wo ist mein Vater?“ Vielleicht war er tot. Vielleicht brachte er gerade andere um. „Ich weiß es nicht“, sagte ich. „Ich weiß es nicht.“ „Warum bringst du Kroaten um?“, fragte ich einen achtzehnjährigen serbischen Soldaten namens Thomas. „Chi, wenn ich nicht auf den Panzer schieße, dann ist da gleich ein Gewehr direkt hinter meinem Kopf, das mich umlegen wird. Es ist nicht schwer, jemanden umzubringen. Was schwerfällt, ist der Gedanke, dass mein bester Freund, ein Kroate, auf der anderen Seite ist und mich umbringen will.“ Im zerfallenden Jugoslawien habe ich meinen Wunsch begraben, Politiker zu werden. Diese Leute sind es gewohnt, im luftleeren Raum endlose Debatten zu führen, ich aber war zu ungeduldig, zu leidenschaftlich, zu schnell bereit, meine ehrliche Wut herauszulassen, um einer von ihnen zu werden. Also bewarb ich mich an der medizinischen Fakultät der Harvard University. Als ich das Schreiben bekam, wonach ich aufgenommen sei, starrte ich es zunächst einmal perplex an, dann packte ich meine Koffer und zog mit schlotternden Knien nach Norden über die Mason-Dixon-Linie, die einst Nord- und Südstaaten voneinander getrennt hatte. Beim Medizinstudium fiel es mir schwer, mit einem Kommilitonen Schritt zu halten. Während sie zwei Tage für einen Test lernten, brauchte ich eine ganze Woche dazu. Dabei hatte ich sehr gute Lehrer und praktizierte in großartigen Krankenhäusern. Nach vier Jahren brauchte ich nur noch ein paar Scheine und hätte meine Karriere als Arzt beginnen können. Soll man es einen unglücklichen Zufall nennen, dass ich in diesen Tagen noch einmal den Aufsatz las, mit dem ich bei meiner Bewerbung die Gründe für mein Interesse an der Medizin dargelegt hatte? War das wirklich ich, der diese Worte geschrieben hatte? Mein Gesicht brannte, so peinlich war es mir, während ich noch einmal die Worte flüsterte: „Die Welt retten? Ein Heilmittel für Krebs?“ Hatte ich das damals wirklich geglaubt? Heuchler. Nennen Sie es jugendlichen Übermut, wenn Sie nett sein möchten, aber ich wollte wirklich die Welt ändern. Und nach vier Jahren Medizinstudium voller Leidenschaft und mit Hunderten von Stunden harter Arbeit auf dem Buckel hatte ich die Welt noch keinen Deut geändert. Ich fürchtete eher, dass die Welt mich verändert, mich weicher gemacht, mich eingekauft hatte. Ich entschied mich, mein Examen zu verschieben, und bat Harvard um ein Sabbatjahr, das mir erlaubt wur9


de. Mein Vater hatte Angst, dass ich der medizinischen Fakultät, bei der ich mit hunderttausend Dollar in der Kreide stand, den Rücken kehren und mich den Jesuiten anschließen könnte. Als ich das meiner Mutter erzählte, rollte sie mit den Augen, schüttelte den Kopf, warf ihn in den Nacken und lachte. Während der ersten sechs Monate meines Sabbatjahres studierte ich das Alte und Neue Testament Seite für Seite, was schwierig und herausfordernd für mich war. Als Mensch der Tat wurde ich langsam kribbelig, da ich ja eigentlich nur helfen wollte. Dabei wusste ich gar nicht wirklich, was helfen bedeutete, sich kümmern, sich um etwas sorgen – ich wusste nur, dass ich genau das tun wollte. Mir war auch noch etwas anderes klar, etwas, was ich seit meiner frühesten Kindheit wusste: Ich wollte mit den ärmsten und ausgestoßensten Kindern arbeiten. Ich wollte unterernährte Kinder behandeln, im Dschungel leben und ihre Krankheiten heilen. Ich wollte mich um Kinder mit AIDS kümmern. Ich wollte Straßenkinder behandeln, die, na ja, eben auf der Straße lebten. Also stopfte ich Dutzende von Briefen in den Postkasten: Sehr geehrte Organisation X, ich bin ein Medizinstudent der Harvard Universität im achten Semester und suche eine Möglichkeit, bis zu sechs Monate lang irgendwo zu helfen ... Ich wäre überglücklich, wenn es bei Ihnen eine offene Stelle für ehrenamtliche Arbeit gäbe. Hochachtungsvoll, Chi Huang Eine Handvoll Organisationen antwortete und eine von ihnen entsprach genau meinen Vorstellungen. Scott Womack, der Pastor der Iglesia de la Comunidad, lud mich ein, in einem armen lateinamerikanischen Land namens Bolivien mit Straßenkindern zu arbeiten. Genauso wie ich bei meiner Bewerbung in Harvard nicht wusste, dass das in Boston war, wusste ich nun gerade einmal, dass Bolivien südlich von Boston lag. Ebenso wenig wusste ich über Straßenkinder, außer, dass es Minderjährige waren, die auf der Straße lebten. Ich hatte Oliver Twist von Charles Dickens gelesen oder vielleicht auch nur den Film gesehen. War 10


nicht Oliver Twist ein Straßenkind gewesen? 1997 gab es nur sehr wenige Bücher über diese Randgruppe und ich sah keinen Sinn darin, sie mir alle zu besorgen. War ich nicht Arzt – wenigstens beinahe – und das waren Kinder? Dafür sollte doch wohl mein Fachwissen und mein Stethoskop ausreichen. Als der Abflugtermin nach La Paz näher rückte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Trugen diese Straßenkinder vielleicht Messer mit sich herum? Schnupften sie Kokain? Würden sie mich akzeptieren oder umbringen? Wie sollte ich überhaupt Kontakt zu ihnen aufnehmen? Gab es da so etwas wie eine Bude mit einem Schild daran: „Kommen Sie, staunen Sie, sehen Sie Straßenkinder – fünf Cent das Stück“? Was könnte ich in ihrem Leben bewirken? Ich war kein Sozialarbeiter, kein Psychologe, Lehrer oder Pfarrer – noch nicht einmal ein fertig ausgebildeter Arzt. Nur ein Mitte zwanzigjähriger, wohlbehüteter, idealistischer Medizinstudent, der keinen Schimmer hatte, was er konkret tun sollte, und ein Flugticket nach La Paz besaß. Viele Autoren demonstrieren ihr Wissen gerne, indem sie in den Vorworten zu ihren Büchern Statistiken aufführen über die Leute, die sie beschreiben. Ich wusste nur eins, als ich damals in La Paz aus dem Flugzeug stieg: nichts. Diese Einführung in die Welt der Straßenkinder muss also ohne Zahlen und Hintergrundinfos auskommen. Eins jedoch kann ich mit Sicherheit festhalten: Nach einem Jahr Bolivien saß ich auf den kalten Zementblöcken in der Innenstadt von La Paz und fragte mich, was ich im Leben all der Straßenkinder um mich herum verändert hatte. Also stellte ich diese Frage einer jugendlichen Prostituierten: „Was möchtest du von mir?“ Sie wollte kein Geld, keine Drogen, keine anderen Seelentröster dieser Art. Sie meinte, sie möchte, dass ich in ihrem Leben bleibe. Sie bat mich, den obdachlosen Kindern ein Zuhause zu bauen. Sie bat mich, anderen von ihrem Leben und dem Leben anderer Kinder auf der Straße zu erzählen. Dieses Buch soll das letzte der drei Versprechen einlösen, auch wenn seitdem schon zehn Jahre vergangen sind. Ich versuche, fünf Straßenkinder zu porträtieren – Mercedes, Gabriel, Daniela, Vickie und Rosa – und zwar so unvoreingenommen wie möglich. Es sind richtige Kinder, die in einer sehr rauen Umgebung aufwachsen. Deshalb ist auch ihre 11


Ausdrucksweise oft rau. So oft wie möglich übernehme ich ihre Worte, weil ich ein authentisches Bild ihres Lebens zeichnen möchte. Über mich selbst schreibe ich eher weniger, von Natur aus rede ich nicht gern über mein Privatleben. Stattdessen versuche ich, mein Leben und meinen Veränderungsprozess zu beschreiben. Damit Sie die Kinder durch meine Augen sehen lernen, lasse ich auch die negativen Seiten nicht aus – wahrscheinlich zum Ärger meiner Eltern. In den letzten zehn Jahren haben die Straßenkinder mich verändert und ich sie. Letztlich soll das hier ihre Geschichte sein und nicht meine. Ich leihe Ihnen, liebe Leser, nur meine Brille, damit Sie die Kinder sehen können.

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1. Wir haben auf dich gewartet 12:00 Uhr, 1. August 1997 Plaza San Francisco, Innenstadt von La Paz, Bolivien

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in Kind. Die Hände des Jungen fallen als Erstes auf, bilden so etwas wie eine Schale, so als würde er Wasser schöpfen wollen – aber sie sind leer. Seine Augen beobachten jede meiner Bewegungen. Sein Blick ist glasig – zu wenig Schlaf, zu viele schnelle Rückzüge in die Kanalisation um 3 Uhr morgens, zu viele schmerzhafte Zuckungen, weil er vergessen will. Er hat alles gesehen, selbst die Augen derer, die geradewegs durch ihn hindurchblicken. Er ist unsichtbar. Ich greife in meine Tasche und suche nach dem kleinen Metallstück, das ihn etwas sichtbarer macht. Diese Metallstücke sind beinahe magisch, jedenfalls wirken sie so. Der Junge starrt mich an und wartet. Er spricht nur ein gebrochenes Spanisch. Er ist Aymaraner – in ihm pulsiert das Blut der Ureinwohner der Anden. Ich fingere an dem Metallstück herum. Es fällt auf den Boden. Die Straße. Das ist seine Arbeitsstelle, sein Bett, sein Tisch, sein Teller, sein Familiensilber. Das ist sein Zuhause, Mutter Straße. Ich hebe das Metallstück auf und lege es in seine gekrümmten Hände. Jetzt sind sie nicht mehr leer. Jetzt ist er nicht mehr so unsichtbar. Geld. Das Metallstück ist hier als Boliviano bekannt. Es ist die Währung von Bolivien, eines von ihnen ist ungefähr zwanzig amerikanische Cent wert. Alle lieben Kinder, jedenfalls solange sie zu jemandem gehören. Wenn sie sich auf der Straße herumtreiben, werden sie nur noch von wenigen geschätzt. Und die Kinder wissen das. Diese gekrümmten Hände betteln nie um Liebe. Sie wollen Geld. Ich bücke mich und frage ihn nach seinem Namen. Er sieht mir ins Gesicht. Er weiß, dass ich neu bin in La Paz. Er weiß, dass ich heute zum ersten Mal in diesen Straßen unterwegs bin. Er weiß, dass er mir 13


sehr leicht Geld aus der Tasche ziehen kann. Aber er weiß nicht, was ich jetzt von ihm will. Die meisten Leute lassen ihm eine Münze in die Hand fallen und gehen weiter, verschwinden in ihre eigene Bedeutungslosigkeit auf diesen Straßen. Der Junge sieht mir direkt in die Augen und geht weg.

*** Der Hügel ist steil und mit Kopfsteinpflaster bedeckt. Die Steine bohren sich in meine Sohlen, während ich mich vornüberbeuge und hastig hinaufeile, wie ich das normalerweise tue, um so schnell wie möglich zum Waisenhaus für Mädchen oben auf dem Hügel zu gelangen. Als ich schließlich an der Pforte des Yassela-Hauses für Straßenmädchen angekommen bin, stemme ich die Arme in die Seiten und bin kurz davor, mich zu übergeben. Ein kleines Mädchen rennt vorbei und kichert. Manche Bergsteiger tragen schon in dreitausend Metern Höhe Sauerstoffmasken. Paceños – die Einwohner von La Paz – verbringen ihr ganzes Leben oberhalb von viertausend Metern. Ich werfe einen Blick auf die schneebedeckten, zerklüfteten Gipfel der Anden. Jedes Jahr wälzen sich Unmengen von Schlamm diese Berge hinunter, machen den Boden des Altiplano fruchtbar, jener rund achthundert Kilometer breiten Hochebene, auf der La Paz liegt. Die Berge schützen die rund zwei Millionen Paceños nur unzureichend vor den eisigen Winden, die durch den Altiplano fegen. Hier kann es nachts furchtbar kalt werden. Völlig außer Puste beuge ich mich vor, um vor der Pforte des Waisenhauses zu Atem zu kommen. Ein kleiner Augapfel starrt durch ein niedriges Guckloch und studiert mein Gesicht. Das Guckloch wird zugeschoben, man hört Füße, die sich trappelnd entfernen, und eine schrille Mädchenstimme, die ruft: „Ein komischer Chinese! Es ist ein komischer Chinese!“ Die Tür wird weit geöffnet und erlaubt den Blick auf eine Mestizin mittleren Alters, die ihre Hände vor einer über und über bekleckerten Schürze gefaltet hat. „Dr. Chi“, sagt sie. „Sie sind ja schon da. Ich bin Señora Lola.“ Señora Lola führt mich die Treppe hinunter in einen gemütlichen Versammlungsraum, wo Mädchen zwischen drei und sechzehn Jahren schweigend in Dreier- und Vierergruppen zusammensitzen und stri14


cken. Ich stelle mich in die Mitte des Raumes. „Hallo, mein Name ist Chi. Ich werde in den nächsten sechs Monaten der Arzt in diesem Waisenhaus sein.“ Die Mädchen blicken kurz zu mir hinauf, dann stricken sie weiter. Nur ein kleines Mädchen starrt mich mit ihren blinzelnden, glänzenden Augen an. Ihre makellose Schokoladenhaut hebt sich wunderschön von ihrem einfachen rosa Kleidchen ab, das sie sich bis über die Nasenspitze hochgezogen hat. Sie lässt es nur langsam sinken, ganz langsam, und dann macht sie einen vorsichtigen Schritt auf mich zu. „Willst du mein Zimmer sehen?“ Ich lege meine Finger in ihre Hand. „Sicher. Wie heißt du?“ „Sara.“ „Ich bin Chi “, sage ich. „Chinito“, sagt sie. Chinese. „Ehrlich gesagt“, antworte ich, „heiße ich einfach nur Chi. Chi Huang.“ Señora Lola und ich folgen ihr in ihr Zimmer. Ein schimmeliger Geruch erfüllt die Luft. Poster mit Teenie-Stars verschönern die blassrosa gestrichenen Wände. Sara hüpft auf ihr Bett. Sie holt eine verschlissene Puppe unter der Decke hervor, deren Kopf nur durch eine Sicherheitsnadel am Körper gehalten wird. Die Puppe hat nur noch ein schwarzes Plastikauge, von dem anderen ist nur der Abdruck geblieben. „Das ist Isabel “, stellt Sara sie mir vor. Ich knie mich hin, sodass ich mit der Puppe auf Augenhöhe bin. „Isabel, wie lange bist du schon hier?“ „Sehr lange“, sagt Sara. „Gefällt es dir hier, Isabel?“ „Manchmal.“ „Manchmal?“ „Ich vermisse meine Mama.“ „Wo ist denn deine Mama?“ „In El Alto.“ „Wo ist El Alto?“ „Es ist ganz oben, in den Bergen. Es ist weit, weit weg. Und es ist sehr, sehr arm.“ „Warum bist du hier, Isabel?“ „Weil Mama nicht genug Geld hat. Wir können nicht bei ihr leben.“ 15


„Siehst du deine Mama ab und zu?“ „Ja. Sie kommt uns jede Woche besuchen.“ Saras Schultern sacken nach unten, ihr Blick wirkt abwesend. „Zeigst du mir auch den Rest des Hauses?“, frage ich sie. Saras Gesicht hellt sich wieder auf, dann springt sie vom Bett herunter und rennt aus dem Zimmer. Wir gehen über den betonierten Innenhof, wo mich eine Schwester am Arm festhält. Schwester Olivia ist eine große, starke Frau. Mit ihrer rosigen Haut und dem streng zu einem Knoten zusammengebundenen silbernen Haar sieht sie aus wie eine spanische Gräfin. „Chi “, sagt sie. „Ich weiß, dass heute Ihr erster Tag hier ist, aber Sie müssen einen Blick auf den Arm eines Mädchens werfen.“ Sie hebt ihre Augenbrauen und sieht mir direkt in die Augen. „Ihr Name ist Mercedes.“ In dem Schlafraum stehen sechs Stockbetten. Mercedes – sie ist ungefähr fünfzehn Jahre alt – sitzt auf ihrem Bett, das zu den unteren gehört und ordentlich gemacht ist. Ihre Haare sehen aus wie ein Vogelnest, unter dem ein Gesicht hervorscheint. Ihre Kleidung hängt lose über ihren dünnen Gliedmaßen, ihr ausgebleichtes Sweatshirt ist schon viel zu oft geschrubbt worden. Ihre Haut schimmert dunkeloliv; ihre braunen Augen werden von einem dunklen Make-up eingerahmt. Sie blickt nach unten und in die Ferne, ist ganz in einen Bettpfosten vertieft. „Ich heiße Chi “, sage ich, während ich mich auf das Bett neben dem ihren setze. „Ich bin der neue Arzt in diesem Waisenhaus. Wie heißt du?“, frage ich. Sie studiert weiterhin sehr eingehend den Bettpfosten. Eine einsame Glühlampe an der Zimmerdecke taucht alles in ein grelles Licht. „Señora Olivia möchte, dass ich mir deinen Arm einmal anschaue.“ Keine Reaktion. „Kann ich ihn mir nur kurz ansehen?“, frage ich freundlich. „Nein“, sagt sie. „Warum erzählst du mir nicht einfach, wie er aussieht, wenn du ihn mir schon nicht zeigen willst? Ist er rot? Blutet er irgendwo? „Nein.“ „Was ist dann geschehen?“ „Ich habe einen Schnitt.“ „Wann ist das passiert?“ 16


„Gestern Nacht.“ „Wie ist der Schnitt in deinen Arm gekommen?“ „Ich habe mich geschnitten“, sagt sie. „Womit?“ „Mit einer Gilette“, sagt sie. Mit einer Rasierklinge. Ich versuche meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen. „Warum?“ „Weil ich es wollte.“ „Warst du böse auf dich selbst? Warst du traurig?“ „Nein, es hat mir einfach nur Spaß gemacht.“ Sie tut alles, um mich nicht ansehen zu müssen. „Es fühlt sich gut an. Ich mag es, mich zu schneiden“, sagt sie. Ich fühle, wie sich mein Magen herumdreht. „Tut das nicht weh?“ „Es tut erst hinterher weh“, sagt sie. Aus ihrem Bekenntnis sind kein Stolz herauszuhören, aber auch keine Schuldgefühle. Mir ist schlecht, ich bin verwirrt, in meiner Kehle zieht sich Ärger zusammen. Wenn sie doch wissen muss, wie schwer das bloße Überleben für sie ist, warum macht sie es sich dann noch schwerer? „Eitert deine Wunde?“ „Ja“, sagt sie. „Dann muss ich sie behandeln.“ „Sie muss nicht behandelt werden“, entgegnet sie mir. „Wenn du sie nicht behandeln lässt, wird das Gewebe rund um deine Wunde absterben“, sage ich. „Du wirst nicht nur eine Hautinfektion bekommen, sondern auch eine in deinen Muskeln und Knochen.“ Sie starrt ins Leere. „Und wenn du eine Infektion in deinen Muskeln und Knochen bekommst, dann muss ich dir die Hand abnehmen.“ Sie sieht mich an, und zum ersten Mal entdecke ich in ihren Augen das junge Mädchen, das sie ist. Sie fragt sich, wer ich bin, warum ich hier bin und ob sie mir vertrauen kann. Sie sieht einen langen Augenblick in eine andere Richtung. „Okay“, sagt sie. Wir gehen ins Behandlungszimmer des Waisenhauses, einen kleinen Raum voller Mullbinden und Wasserstoffperoxid. Mercedes setzt sich auf den hölzernen Untersuchungstisch. „Es ist jetzt zwei Uhr nachmittags. Wann ungefähr hast du dich geschnitten?“, frage ich. „Um Mitternacht.“ 17


„Vierzehn Stunden. Ich kann deine Wunde nicht mehr nähen. Wenn ich sie zunähe, dann schließe ich die Bakterien mit ein und sorge dafür, dass sie in deinem Arm bleiben. Wir werden also deine Wunde nur desinfizieren und bandagieren. Bitte mache deinen Arm frei.“ Sie macht ihren rechten Arm frei. Ich verberge mein Keuchen in einem tiefen Atemzug. Über zwanzig Rasierklingenschnitte befinden sich auf der Innenseite ihres Armes, sie ziehen sich vom Handgelenk bis zum Ellenbogen. An der Farbe und Beschaffenheit der Narben kann ich erkennen, dass sie unterschiedlichen Alters sind. Ritzt sie sich schon, seit sie zwölf ist? Zehn? „Mach bitte deinen anderen Arm frei“, sage ich. Dutzende paralleler Narben überziehen ihn wie den anderen. „Hast du irgendwo anders noch mehr Rasierklingennarben?“ „Nein“, behauptet sie mit einem Zucken in den Augen. Sie lügt mich an. Aber habe ich das Recht, darauf zu bestehen, dass sie mir ihre anderen Schnitte zeigt? Wenn schon nicht das Recht, dann habe ich doch wenigstens die Pflicht. Doch wenn ich darauf bestehe, verspiele ich dann nicht das Vertrauen, was ich aufgebaut habe? „Hast du irgendwelche Rasierklingenspuren auf deinen Beinen?“, frage ich Mercedes. „Nein.“ „Das ist unsere erste Begegnung, Mercedes, ich weiß. Aber ich muss dich komplett untersuchen. Lügst du mich an?“ Unvermittelt schreit Schwester Olivia sie an. „Wie du deinem Körper nur so etwas antun kannst, und das noch unter den Augen Gottes, ist mir ein Rätsel! Du hast keine Liebe für dich selbst und den Herrn liebst du auch nicht!“ Nur das Gift, das diesem Kind entgegengeschleudert wird, kann mich von dem Schrecken ablenken, der sich da vor meinen Augen ausbreitet. Fünf Rasierklingennarben von jeweils sechs Zentimetern Länge auf jedem ihrer Unterschenkel. Längere Narben auf ihrem Bauch, sie ziehen sich von einer Seite ihres Rippenbogens zur anderen. Ist das hier real? Es kommt mir vor, als hätte ich eine kleine Nebenrolle in einem tragischen Theaterstück. Aus den Narben, die sich durch andere Narben ziehen, zu schließen, hat sie sich mindestens zweihundert Mal geritzt. Wenn sie so weitermacht, wird sie als Erwachsene einen Körper haben, der – abgesehen vom Gesicht – über und über mit einer Straßenkarte aus Narben bedeckt ist. 18


„Hast du das alles selbst getan?“, frage ich Mercedes. „Ja“, äußert sie roboterartig. In dem Augenblick, in dem Schwester Olivia mit ihrer Tirade angefangen hat, hat Mercedes die Realität ausgeblendet. „Sie ist eine Ritzerin“, stellt Schwester Olivia fest. Ich säubere ihre Armwunde und bandagiere sie. Ein ekliger Geruch strömt aus ihrem Unterleib und wird immer schlimmer. Da ich Mercedes nicht verärgern möchte, weil ich zu würgen anfange, öffne ich das Fenster und die Tür, um frische Luft hereinzulassen. Der Gestank erinnert mich an einen Mann, dem ich nach zwei Wochen Verstopfung Erleichterung verschafft habe. Sie aber ist fünfzehn! Sie sollte sauber und fröhlich sein. Ich hole tief Luft und suche nach einem Spekulum, aber dann fällt mir wieder ein, wo wir sind. Weil ich keine medizinische Ausrüstung dabei habe, untersuche ich ihre Scheide von Hand. Während ich sie nach Herpesspuren absuche, fließt ständig grüner Eiter aus ihr heraus. Ich sitze wie benommen da. So etwas hatte ich nicht erwartet. Ich hatte gehofft, sanftmütige Kinder vorzufinden, die nichts weiter brauchen als ein paar Antibiotika und eine Pause im Leben. Was immer ich mir vorgestellt hatte – jetzt bin ich hier und frage mich, was um alles in der Welt ich diesen Kindern anzubieten habe. „Du hast vermutlich eine Geschlechtskrankheit“, informiere ich Mercedes. Sie sieht mich sehr seltsam an. „Du darfst nie wieder Sex haben, Mercedes!“, schreit Schwester Olivia. „Gott hat dich bestraft!“ „Bitte“, beschwöre ich Schwester Olivia, „lassen Sie mich das machen.“ Ich nehme einen beruhigenden Atemzug und sehe Mercedes in die Augen. „Du hast eine sexuelle Infektion“, sage ich ihr, wobei meine Worte weder an ihrem Gesichtsausdruck noch an ihrer Atmung etwas ändern. „Bitte nehmen Sie diese Proben an sich, Señora“, trage ich Schwester Olivia auf. „Ich bin gleich wieder da.“ Ich gehe zur Apotheke in der Nachbarschaft und komme mit genügend Antibiotika wieder, um die meisten Geschlechtskrankheiten bekämpfen zu können. Nachdem ich Mercedes genau erklärt habe, was sie wann nehmen soll, bitte ich Schwester Olivia, die Blutprobe und die 19


Abstriche ans nächste Labor zu senden, damit es Mercedes’ Krankheit identifizieren kann. Und dann gehe ich hinüber ins Waisenhaus für Jungen.

*** Bururu. Das sagen die Straßenkinder, wenn ihnen kalt ist. Man kann hören, wie sie es nachts sagen, wenn der kalte Wind durch die Straßen bläst. „Willkommen im Bururu-Heim für Straßenjungen.“ Señora Lydia öffnet die Tür des Bururu und zeigt nach Osten. „Wie Sie sehen können, befinden wir uns im Innenstadtbereich, nicht weit von der alten Kathedrale San Francisco entfernt und in der Nähe des großen Platzes, der als Plaza San Francisco bekannt ist, wo die Campesino-Frauen ihre Stände aufbauen und die Straßenkinder Getränke verkaufen und Schuhe putzen.“ Ich gehe an Señora Lydia vorbei und setze einen Fuß auf die Schwelle des Bururu. Rrrums! Ein Jungenquartett greift mich an und bringt mich ins Schwanken, aber nicht zu Fall. Jeder von ihnen greift sich einen meiner Arme oder eines meiner Beine und kichert unablässig vor sich hin. Schließlich gelingt es mir, Luft zu holen, und spielerisch boxe ich einem feisten Jungen gegen die Brust, schwinge einen dünnen Jungen an den Armen herum, zerre einen Jungen in einem Fußballtrikot durch den Raum und versuche erfolglos, den vierten von meinem Bein abzuschütteln. Mein Rücken wird mit jedem Kichern etwas schwächer und sie ziehen mich langsam aber sicher herab auf die braunen spanischen Fließen. Dann spricht mich einer an. Er unterbricht sich, um zu sehen, ob ich ihn verstehen kann – was ich nicht kann –, dann redet er weiter. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob er Aymara spricht – das von 1,6 Millionen Menschen rund um den Titicacasee gesprochen wird – oder Quechua, die offizielle Sprache des Inkareiches, die von 13 Millionen Menschen entlang der Anden gesprochen wird. Ein zweiter Junge versucht zu erklären, was der erste gesagt hat. Er spricht eine andere, ebenso unverständliche Sprache. Langsam merke ich jedoch, dass Worte wie 20


la und el herausstechen. Das sind spanische Artikel, eine Sprache, die ich wenigstens gebrochen spreche. „Ich bin Chi “, erzähle ich ihnen. „Ich bin euer Arzt.“ Der Junge im Fußballtrikot erzählt mir: „Ich bin Marcos. Ich bin Fußballspieler. Wenn ich groß bin, spiele ich nicht mehr in der Straßenliga. Dann wirst du mich nur im Stadion sehen können. Spielst du auch Fußball?“ Noch bevor ich etwas antworten kann, sagen alle Jungen: „Nach oben. Lass uns nach oben gehen!“ „Was ist denn oben?“, frage ich. „Die Schlafzimmer“, erzählt mir Marcos. Raum 1 stinkt wie Füße, die seit vierzehn Tagen nicht mehr gewaschen wurden. Ein Dutzend Decken liegt Seite an Seite, um die Schlafterritorien der Jungen zu markieren. Ich gehe zu einer wunderschönen, in leuchtenden Farben gehaltenen Decke und hebe sie auf. Die bolivianischen Frauen – „Cholitas“ – weben diese Decken und jeder von den Jungen scheint wenigstens eine von ihnen zu besitzen. „Ahuayo“, sagt Jesús. „Ahuayo“, wiederhole ich. Die Kinder brechen über meine Aussprache in Gelächter aus. „Ahuayo“, sage ich. Noch mehr Gelächter. Durch meine Inkompetenz scheine ich mich beliebt zu machen. Ich betrachte ihre grinsenden Gesichter. Wir sehen uns ähnlich, die Jungen und ich. Wir sind alle braun. Sie sind nicht sehr groß und ich bin auch nur eins siebzig. Ihr Haar ist glatt, struppig und schwarz. Mein Haar ist so glatt, dass es nach dem Duschen wie bei einem Punk in alle Richtungen wegsteht. Breite, starke Wangenknochen prägen ihre Gesichter. Meine fleischigen Wangen bekommen tiefe Grübchen, wenn ich lächele. Augen wie breite oder schmale Mandeln. Meine Augen sind für einen Asiaten ziemlich rund, aber sie haben immer noch die Mandelform. Ja, dieser fünfundzwanzigjährige taiwanesisch-amerikanische Medizinstudent könnte als älterer Bruder dieser Indigenen (Eingeborenen) durchgehen. „Es wird Zeit für das Treffen.“ Señora Lydia steht in der Tür von Raum 1. Sie hat den typischen blassen Teint der Spanier und ihr weißes, ovales Gesicht scheint durch einen Vorhang von schwarzen Locken hindurch. Durch und durch europäisch gekleidet, von der Eleganz ei21


ner Kunsthändlerin der Upper West Side von New York, begleitet sie mich durch die Holzwerkstatt. Jungen zwischen fünf und siebzehn Jahren mit Indio- und Mestizenblut hämmern Regale und Schuhschränke zusammen. Bäng! Bäng! Bäng! Sie haben Baumwollhemden und Jeans oder beige, weite Hosen an. „Viele von diesen Kindern kamen von der Straße“, erzählt mir Señora Lydia. „Die anderen wurden von ihren Eltern hier abgegeben, weil die nicht für sie sorgen konnten.“ Wir betreten das Gesprächszimmer und vier Frauen, die dort im Halbkreis sitzen, erheben sich und lächeln mich höflich an. „Einige von euch haben ihn sicher schon gesehen“, sagt Señora Lydia. „Ich möchte ihn euch offiziell vorstellen. Das ist Chi Huang.“ Schwester Olivia schüttelt mir die Hand. „Gott segne Sie dafür, dass Sie hierher gekommen sind“, sagt sie. „Ich bin die Sozialarbeiterin des Yassela-Hauses“, sagt Señora Lola, die Weisheit und Frieden ausstrahlt. „Ich kümmere mich um die Prügeleien und verletzten Gefühle und ich halte Ordnung.“ „Hallo.“ Eine junge Frau in Jeans und Priesterhemd winkt. „Ich bin Jessica. Ich tue alles, was hier getan werden muss. Ich kümmere mich um das, was übrig bleibt.“ Eine Psychologin namens Eva erzählt mir: „Die Jungen brauchen hier mehr Männer.“ „Die Mädchen werden ihn auch mögen“, ruft Schwester Olivia. „Er ist ein Gottesgeschenk! Ein Segen!“ Sie hebt die Arme zum Himmel. Señora Lydia räuspert sich. Auch wenn sie jetzt die Verwaltungschefin von drei Waisenhäusern ist, hat Señora Lydia Morales in früheren Jahren viele Nächte auf den Straßen von La Paz verbracht, um Kinder davon zu überzeugen, die Straße hinter sich zu lassen und ins Waisenhaus zu ziehen. Auf den Straßen, wo Frauen geschlagen, vergewaltigt und ermordet werden, hat sich Señora Lydia das Vertrauen und den Respekt der Kinder verdient, indem sie mit ihnen zusammen praktisch in den Gassen und Winkeln gelebt hat. Aus diesem Grund ist auch ein kleiner Teil der Straßenkinder von La Paz bereit gewesen, die Vertrautheit der Straße gegen ein Leben im Waisenhaus einzutauschen. „Dr. Huang“, sagt Señora Lydia feierlich, „wir haben auf Sie gewartet.“ „Schon so lange gewartet“, sagt Jessica. 22


„Stimmt es, dass Sie von der medizinischen Fakultät der HarvardUniversität kommen?“, fragt Señora Lola. „Ja.“ Harvard. Sie nicken mit den Köpfen, so als ob das Wort selbst eine magische Bedeutung hätte, selbst hier, Tausende von Kilometern von der globalen Supermacht entfernt, tief in der südlichen Hemisphäre zwischen den Tälern und Schluchten des Andengebirges. Eine 60-WattGlühbirne hängt von der Decke, flackert ärgerlich, um den dreißig Quadratmeter großen Raum zu erleuchten. Diese Frauen denken, ich sei so etwas wie ein Gesandter Gottes. Was würde passieren, wenn ich in meiner Unerfahrenheit die Hand eines Jungen an seiner Brust festnähte? Ich schätze, ich würde nicht einmal als Scharlatan durchgehen. „So, Dr. Chi “, sagt Señora Lydia. „Ähm, Señora Lydia“, sage ich in stockendem Spanisch. „Ich bin noch kein Arzt. Ich muss noch ein paar Kurse belegen, bevor ich mein medizinisches Examen ablegen kann. Ich bin noch in der Ausbildung.“ „Na und? In den nächsten sieben Monaten werden Sie unser Hausarzt sein“, sagt Señora Lydia. „Verstehen Sie mein Spanisch? Sie werden der Arzt für fünfzig Jungen und zwanzig Mädchen sein, die in zwei Waisenhäusern leben: Bururu für die Jungen und Yassela für die Mädchen. Das sind Waisenhäuser für Straßenkinder, Dr. Huang. Straßenkinder, die lernen, ein geordnetes und sinnvolles Leben zu leben und in unseren Werkstätten Dinge mit ihren Händen herzustellen. Das geschieht alles, damit die Kinder überleben, bis sie im Alter von achtzehn Jahren das Waisenhaus verlassen. Und wenn sie es schon nicht zu Wohlstand bringen, dann konnten sie doch wenigstens unter einem Dach und innerhalb von vier Wänden schlafen. Dr. Huang, haben Sie Erfahrungen mit Straßenkindern?“ Meine Erfahrungen beschränken sich auf das Betrachten von Fotos in einem Aktenordner: kalter Betonboden; nackte, aufgedunsene Körper; Regen. „Ja“, sage ich, „die habe ich.“ Señora Lydia atmet tief durch, erleichtert. Dann öffne ich mein großes Mundwerk. „Meine Gemeinde ist die Park Street Church in Boston“, verkündige ich, „und die haben mich hierher geschickt, damit ich in diesen beiden Waisenhäusern arbeite. Aber ich will auch die Kinder behandeln, die auf der Straße leben.“ 23


Meine Stimme bricht. „Kinder behandeln, die auf der Straße leben“, wiederhole ich schwach. Die Mitarbeiter starren ernst auf den Boden. „Es wäre sicher wundervoll, wenn Sie der Straße einen Besuch abstatten könnten“, sagt Señora Lydia. „Wann wollen Sie losziehen?“ „Nachts. Ich habe vor, fast jede Nacht auf der Straße zu arbeiten, und ich würde gern so bald wie möglich damit anfangen.“ Señora Lydia neigt ihren Kopf und runzelt die Stirn. „Wissen Sie, wie gefährlich die Straßen nachts sind? Besonders für Ausländer?“ „Nachts ist die einzige Zeit, in der die Kinder nicht für Essen und Geld auf den Straßen arbeiten müssen. Und normalerweise schlafen sie an denselben Orten. Wenn ich sie jede Nacht besuche, dann kann ich zu ihnen eine dauerhafte Beziehung aufbauen als Arzt.“ Ich weiß, dass sie das weiß; jetzt weiß sie, dass ich es weiß. „Dr. Huang“, sagt Señora Lydia, „wie gut kennen Sie sich tatsächlich mit Straßenkindern aus?“ „Einhundertmillionen Kinder leben auf den Straßen dieser Welt. Sie sind unsere stummen Kanarienvögel1 in den Bergwerken, die der Welt das Los der Armen anzeigen.“ „Sehr eloquent. Wie gut kennen Sie sich mit Straßenkindern aus?“ Während ich mich auf der Suche nach einer guten Antwort im Zimmer umschaue, klingen mir meine hohlen Worte in den Ohren. Weihnachtskrippen, die die Kinder aus Papier und Ton gebastelt haben, stehen auf den Regalen hinter den Mitarbeitern. Ihre Kreativität wärmt mir das Herz. Mein Schweigen beantwortet ihre Frage. „Ja“, sagt Señora Lydia, „aber die Straße wird es Ihnen beibringen.“

*** Ich laufe in südlicher Richtung. Mein Quartier habe ich in einer teilweise fertiggestellten Kirche im südlichen Distrikt Obrajes aufgeschlagen. Teilweise fertiggestellt bedeutet, dass hier notdürftig ein paar Steine aufeinandergemauert wurden, es gibt fließendes Wasser, aber nur kaltes. Ich bleibe auf dem Bürgersteig stehen, versuche mir ins Gedächtnis zu rufen, wie ich in meine Unterkunft komme, und bemerke 1 Kanarienvögel wurden früher in Bergwerken gehalten, weil sie durch auffälliges Verhalten heraufziehende Schlagwetter oder Bergrutsche ankündigten

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eine Campesina (Bäuerin), die mich anstarrt. Sie verkauft Beutel mit brasilianischen Nüssen und Coca-Cola, Letzteres schüttet sie ihren Kunden in Plastiktütchen. Glasflaschen will sie dafür nicht benutzen, dafür gibt´s viel zu viel Pfand, weil Bolivien es sich nicht leisten kann, Glasflaschen zu verschwenden. Sie ist eine typische Campesina-Mutter. Sie trägt einen dunklen Bowlerhut, an dessen Farbe und Form man erkennt, aus welcher Region Boliviens sie stammt. Ihr luftiger, tiefroter Rock unterstreicht ihren birnenförmigen Körper. Und auf ihrem Rücken hat sie ein großes, buntes Tuch, in dem sie was zum Essen, ihre Einkäufe und ihr kleines Kind aufbewahrt. Einige Straßenkinder kommen zu mir mit ihren schmutzigen Gesichtern und bitten mich um einen Peso. Diese Kinder haben irgendwie ihre Eltern verloren oder mussten das bunte Tuch verlassen. Ich gebe ihnen ein paar Pesos und gehe weiter. Straßenmädchen verkaufen Fruchtsäfte für einen Boliviano. Vermummte, obdachlose Schuhputzerjungen, die aussehen wie Banditen, bieten mir an, meine Turnschuhe sauber zu machen. Ich würde den Mädchen am liebsten alle Getränke abkaufen und ich hätte den Jungen gern die gesamte Schuhkollektion von Imelda Marcos zum Putzen angeboten. Aber ich kann nicht. Meine Taschen sind jetzt schon leer. Ich gehe weiter, vorbei an prächtigen Gebäuden aus der Kolonialzeit. Vorbei an modernen Zweckbauten. Vorbei an mehr und mehr Straßenkindern. Warum verurteilt Gott diese Kinder dazu, auf der Straße zu leben? Warum lässt Gott es zu, dass Mercedes sich ritzt? Ich könnte den heiligen Augustinus zitieren, der ähnliche Fragen gestellt hat. Ich könnte eine logische Argumentationskette über einen allmächtigen, unantastbaren, unveränderlichen Gott entwickeln, der so viel Leiden erlaubt. Doch das bringt mich den Antworten nicht näher, die ich seit dem Anfang meines Christseins suche. Seit jenem Weihnachtstag vor fast zehn Jahren. In theologischer Hinsicht weiß mein Kopf, dass Gott die Kontrolle hat, aber mein Herz ist meilenweit entfernt davon. Ich kämpfe mich voran wie eine Ameise, der man den Ameisenhaufen zusammentritt. Ich könnte mein ganzes Leben hier verbringen, allein um den Kindern in diesem Straßenzug zu helfen. Wird meine Hoffnung mich tragen? Kann mich die Ungerechtigkeit lange genug antreiben? Kann ich wenigstens in diesem einen Straßenzug eine Veränderung bewirken? 25


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