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ichts lässt einen Fluss so anschwellen und das Überqueren so schwierig werden wie ein guter, kräftiger Regen. Nur wenige hundert Meter von dem Zuhause entfernt, das nie wieder zu betreten ich mir geschworen hatte, setzte ich mich auf die glatte Oberfläche eines Felsbrockens. Ich hatte meine Jeans hochgekrempelt, hielt meine Zehen ins kalte Wasser und dachte darüber nach, wie tief und breit der Fluss durch die Regenfälle der letzten Zeit geworden war. Vielleicht könnte ja auch die Beziehung zu meinem Vater neue Dimensionen erreichen, nachdem wir nun erst mal den Sturm überstanden hatten. In sechs Jahren kann viel passieren. Möglicherweise war seine Liebe zu mir in den Jahren meiner Abwesenheit von zu Hause gewachsen. Vielleicht würde er mich wie den verlorenen Sohn mit offenen Armen empfangen. Und gemeinsam würden wir um all das weinen, was zwischen uns geschehen war – oder was wir versäumt hatten. Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht. Es wird alles gut werden, sagte ich mir selbst, während ich mit meinem Fuß einen feuchten, moosbedeckten Zweig abtastete. „Was ist denn so komisch, Mami?“ Isabellas Stimme ließ mich zusammenzucken. Ich traute mich nicht, zuzugeben, dass das, was meine Fünfjährige als fröhlichen Gesichtsausdruck deutete, in Wirklichkeit eine Grimasse war. Sie würde dann natürlich sofort den Grund dafür wissen wollen. „Nichts, Süße.“ Sie warf einen Kiesel in Richtung Fluss, aber statt auf dem Wasser landete er klirrend auf einem Stück Schiefer. „So hast du ausgesehen …“ Sie verzog ihren Mund zu einem gezwungenen Lächeln. Sanft kniff ich ihr in die Wange. „Du bist wunderschön, Mami.“ „Danke, Schatz. Du auch.“ „Ja, das bin ich.“ Darüber musste ich lächeln. Ich lächelte so ziemlich über alles, was sie sagte oder tat. 3
„Mami, wieso sind wir hierher gefahren und nicht zu Cowpa?“ Cowpa war Isabellas Bezeichnung für Großeltern beiderlei Geschlechts. Ich hätte sie wohl schon längst korrigieren sollen, aber ich fand diesen seltsamen Namen liebenswert. Außerdem, überlegte ich, würde sie auch ohne mein Zutun schon allzu bald der Babysprache entwachsen. Ich ertappte mich dabei, wie ich mich fragte, welche Lektionen sie wohl sonst noch in meiner Abwesenheit lernen würde. Der Gedanke überwältigte mich, aber ich gestattete mir nicht, vor meiner Tochter zu weinen. Es kam für mich nicht in Frage, meine Last auf ihren zarten Schultern abzuladen. In letzter Zeit mochte ich mein Leben vielleicht kaum mehr im Griff haben, aber beschützen konnte ich sie noch. Nichts war wichtiger als das. „Das war mein Ort zum Träumen und Nachdenken, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich wollte ihn dir zeigen, falls du auch manchmal nachdenken möchtest.“ Ich atmete den vertrauten Duft der Gegend ein – eine Mischung aus feuchtem Laub, Kiefernnadeln und Erde – und beobachtete meine Umgebung. Dieselben Bäume. Dieselben Geräusche. An diesem Fleckchen Erde veränderte sich kaum je etwas. Darum liebte ich diesen Ort so. Besonders jetzt. Hier, auf diesem harten, unnachgiebigen Stein, hatte ich mein halbes Leben verbracht und versucht, die Welt zu verstehen. Den Verlust meiner Mutter. Die Vernachlässigung durch meinen Vater. Die manchmal süßen, aber oft auch schmerzlichen Worte meines Ex-Freundes David. Genau hier hatte ich zum ersten Mal mit Gott gesprochen und ihn gebeten, mir meine Mutter nicht wegzunehmen. Und ich hatte mit ihm gehadert, als er es doch tat. Isabella hüpfte auf einem Bein. „Worüber hast du hier nachgedacht?“ Ich bewegte meine Zehen durchs Wasser und sah zu, wie Tropfen an meinen rosa lackierten Zehennägeln abperlten. „Na ja, als ich noch klein war, dachte ich ständig daran, Frösche und Grashüpfer zu fangen, und fragte mich, ob ich jemals eine beste Freundin finden würde, mit der ich Geheimnisse austauschen könnte.“ „Hast du deine beste Freundin gefunden?“ Eine Kiefernnadel baumelte an einer von Isabellas Locken. Mein Herz schmerzte, so sehr liebte ich mein kleines Mädchen. „Ja, Süße. Dich.“ Sie schenkte mir ihr bezauberndes Lächeln, zog den Fremdkörper aus 4
ihrem Haar, untersuchte ihn und warf ihn in den Fluss. Ich schöpfte eine Hand voll kühles Wasser und ließ es durch meine Finger rinnen wie das Leben, das ich gerade hinter mir gelassen hatte – meine Atelierwohnung, die sich nie wie ein Zuhause angefühlt hatte, die Karriereleiter, die ich gerade erst zu erklimmen begonnen hatte, meine Kollegen, die nie zu den engen Freunden geworden waren, nach denen ich mich gesehnt hatte. All das war nun so endgültig vorbei, als ob es nie existiert hätte. Meine Tochter betrachtete mich etwas skeptisch. „Ich will gehen.“ Das Rauschen der Natur erstarb. Ich hörte nur noch das feine Ticken meiner Armbanduhr, die mich daran erinnerte, wie kurz unsere Zeit bemessen ist. Beim Aufstehen redete ich mir gut zu, dass ich das tun konnte, wozu ich hergekommen war. Für Isabella würde ich es tun können. Ich schlüpfte mit meinen nassen Füßen in meine BirkenstockSandalen, klopfte meinen Hosenboden ab und nahm das pummelige Händchen meiner Tochter. Ich musste mich dazu zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, vorbei an meinem Auto, den gewundenen Waldweg entlang. Ein vertrauter Palisadenzaun mit ineinander verflochtenen lilafarbenen Trichterwinden kam in Sicht. Ich umklammerte Isabellas Hand und fühlte mich plötzlich eher wie ein Kind als wie eine Mutter. Mit einer Hand auf dem Herzen blieb ich stehen und nahm das alles in mich auf. Ich hatte vergessen, wie wunderschön das Zuhause meiner Kindheit war und wie sehr ich es vermisst hatte. Die Erinnerung daran, wie ich barfuß durch diesen Garten gerannt war und mich übermütig in den Teich gestürzt hatte, erfüllte mich mit Freude … bis mein Blick auf den kleinen Hohlraum unter der Treppe fiel. Wie oft hatte ich mich, getroffen von den Worten meines Vaters, unter den Stufen versteckt? Zu oft. Die Freude in mir erstarb. Isabella sah erwartungsvoll zu mir hoch und ich fand die Kraft, meinen Weg fortzusetzen. Die Geister der Vergangenheit blieben zurück, als mir der Duft von Rosen entgegenschlug, und mit ihm eine Welle der widersprüchlichsten Gefühle. Was, wenn mein Vater mich nicht empfangen würde? Oder schlimmer noch, wenn er meine Tochter nicht akzeptierte? Ich war mir sicher, dass Mama Peg sie in die Arme schließen würde – aber er? Es war für ihn schon ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, mich zu akzeptieren. 5
Aber vielleicht könnte ein so hinreißendes Wesen wie Isabella sein eiskaltes Herz zum Schmelzen bringen. Auf der zweiten Treppenstufe hielt ich inne und blickte zurück auf den Weg, den wir gekommen waren. Ich spürte einen unbändigen Drang, umzukehren. Doch Isabella hopste ungeduldig auf ihren Fußballen und zog mich weiter. Als wir endlich auf der Veranda standen, hockte ich mich in Augenhöhe vor sie. „Bist du bereit, deinen Großvater und deine Urgroßmutter kennenzulernen?“ Ihre Augen hatten die Farbe von Ahornsirup und ihr sehnsuchtsvoller Blick sprach Bände. „Jane hat einen Cowpa, Natalie hat einen Cowpa, Carter hat zwei Cowpas, und …“ Ihr Blick sagte, Soll ich noch mehr erzählen? „Schon gut, ich habe verstanden.“ Ich erhob mich und wollte anklopfen, doch Isabella war schneller. Dann stampfte sie ungeduldig mit dem Fuß auf und wollte erneut anklopfen. Ich schnappte nach ihrer Hand. „Gib ihnen ein klein wenig Zeit.“ Der übergroße Kranz aus Wildblumen schwankte, als sich die Tür knarrend öffnete. Eine ältere Frau mit dichtem grauem Haar, das zu einem Knoten gewunden war, stand vor uns. Aus ihrer Nase ragten Sauerstoffschläuche. Tiefe Falten zerfurchten ihre ledrige Haut. Ihre Augenbrauen waren stark und buschig, ihre Lippen getrocknet wie Rosinen, und ein süßer, schwerer Parfumduft umgab sie. Isabella sog erstaunt die Luft ein, aber ich strahlte. „Mama Peg.“ Meine Großmutter zwinkerte mir zu, bevor sie ihre Urenkelin aus trüben Augen musterte. „Du musst Bella sein.“ Isabella öffnete den Mund, doch heraus kam nur ein seltsames Quieken. Ich weiß nicht, wer in diesem Augenblick erschrockener war: Isabella beim Anblick von Mama Peg, Mama Peg über Isabellas Reaktion, oder ich über das erste Zusammentreffen der beiden. Mama Peg brach in ein tiefes, herzhaftes Lachen aus, unterbrochen von abgehackten Luftzügen. Isabella wich erschrocken zurück, als erwarte sie, dass meine Großmutter und ihr Sauerstofftank jeden Moment explodieren würden. Ich musste plötzlich so sehr lachen, dass mir die Tränen die Wangen hinunterliefen. Das schien Isabella zu beruhigen und schon bald lächelte sie schelmisch. 6
„Ich biete einen erbärmlichen Anblick, meine Kleine, aber vor nicht allzu langer Zeit war ich genauso hübsch wie du“, versicherte meine Großmutter Isabella heiter. Isabella sah mich an, so als solle ich diese lächerliche Behauptung entkräften. Doch ich konnte nur bestätigend nicken. Ich hätte sie darauf vorbereiten sollen. Mama Peg zog eine wilde Augenbraue in die Höhe. „Ich denke nicht, dass sie mir das glaubt.“ Ich rang um Atem und wischte mir die Augen ab. „Ich bin mir ehrlich gesagt auch nicht sicher, ob ich das tue.“ Ich zwinkerte, um meine Bemerkung etwas abzumildern. Natürlich wusste ich, dass Mama Peg einmal hübsch gewesen war. Das hatte ich auf Fotos gesehen. In meinen Augen war sie es auch immer noch – eine der schönsten Frauen, die ich je gekannt habe, trotz der grausamen Auswirkungen von Tabak und Zeit. Mama Peg runzelte übertrieben ihre Stirn, was die Falten noch vertiefte. „Genevieve Paige Lucas, du bist noch immer ein ungezogenes Gör.“ Ich beugte mich zu ihr und umarmte sie mit aller Kraft. „Ich habe dich vermisst, Oma.“ „Ich dich auch, Jenny. Du warst viel zu lange fort.“ Sie nahm mich fest in die Arme und ließ mich nur zögernd wieder los. Ihre Augen glitzerten feucht, doch sie weigerte sich standhaft, zu weinen. Forschend blickte sie über die Veranda. „Wo ist denn dein Gepäck?“ „Im Auto. Ich hole es später.“ Sie blinzelte an mir vorbei zur leeren Auffahrt. „Du hast vor dem Fluss geparkt, nehme ich an.“ Ich nickte. Verständnis leuchtete kurz in ihren Augen auf, dann trat sie einen Schritt zurück und winkte uns ins Haus. Mehr als jeder andere Mensch verstand meine Großmutter mein Bedürfnis, mit der Natur in Verbindung zu bleiben: Als ich das Haus meines Vaters betrat, bildete sich erneut ein Kloß in meinem Hals. Ich schob Isabella über die Schwelle und blickte mich im Wohnzimmer hastig nach meinem Vater um. Ich beobachtete, wie Isabella die gemütliche Umgebung aufnahm. Läufer schützten den Hartholzboden. Vasen mit Gartenblumen schmückten die mit Spit7
zendecken belegten Tische. Alles war noch so, wie ich es in Erinnerung hatte … einschließlich des kalten Schauers, der mir über den Rücken lief und der nichts mit der Klimaanlage zu tun hatte. „Ist das schön, Cowpa!“ Mama Peg schloss die Tür und wandte sich mir zu. „Wie hat das Kind mich genannt?“ „Das ist ihr Wort für Oma …“ Ich räusperte mich. „… und für Opa.“ Meine Großmutter schüttelte den Kopf und beäugte meine Tochter. „Nenn mich Mama Peg. O.k.?“ Ohne zu antworten umrundete Isabella den steinernen Kamin, ganz angetan von dem Portrait, das darüber hing. Eine Frau mit langen, kastanienbraunen Locken, die ihre schmale Taille umspielten, saß im Damensattel auf einem weißen Pferd. Der gemalte Blick meiner Mutter verfolgte mich. Ihr trauriges angedeutetes Lächeln erweckte in mir den Wunsch, sie zu trösten. Isabella ging so nah heran, wie sie konnte, ohne in den Rauchfang zu steigen. „Das bist du, Mami.“ Mama Peg packte den schwarzen Griff ihres mobilen Sauerstoffbehälters und rollte ihn zu meiner Tochter. „Das ist die Mama deiner Mama. Sie sehen sich ziemlich ähnlich, was?“ Isabella nickte. „Sie ist gestorben, bevor du auf der Welt warst.“ Mich überkam ein vertrauter Schmerz, während sich die Erinnerungen an die letzten Lebenstage meiner Mutter einen Weg in meine Gedanken bahnten und die angenehmeren Erinnerungen gewaltsam verdrängten. Isabella zupfte an dem Glitzer auf ihrem T-Shirt. „Wohin geht man denn, wenn man stirbt?“ Ich warf meiner Großmutter einen warnenden Blick zu. „Ach, das ist jetzt nicht so wichtig.“ Ich hatte im Augenblick keine Lust, das zu erklären. „Wo ist denn Papa?“, fragte ich. Mama Peg ließ die Schultern sinken. „Oben – ganz er selbst.“ „Was hat er gesagt, als du ihm erzählt hast, dass ich komme?“ Ich hielt den Atem an und strich nervös über meinen dicken Haarzopf. „Du kennst ihn doch. Er …“ Ohne den Satz zu beenden, ging sie in die Küche und wir folgten ihr. Die Gummisohlen ihrer Schuhe schab8
ten über die Fliesen, als sie zur Hintertür schlurfte. Sie zog die Gardine zur Seite und sah hinaus auf den Teich im hinteren Teil des Gartens. Isabella hob den Deckel eines gläsernen Kerzenbehälters auf der Tischmitte. Die Duftkerze verströmte einen intensiven Vanilleduft. Ich verzog das Gesicht, weil mir von dem süßlichen Geruch übel wurde, und verschloss die Kerze schnell wieder mit dem Deckel. „Du hast ihm nicht alles erzählt, oder?“ „Ich habe ihm erzählt, dass er eine Enkelin hat.“ „Und sonst nichts weiter?“ Ihre Stimme brach. „Natürlich nicht. Eine Mutter sollte ihrem Sohn niemals erzählen müssen …“ „Bella?“ Ich unterbrach Mama Peg, bevor sie vor meinem Kind noch mehr sagen konnte, was unangenehme Fragen aufwerfen könnte. Isabellas Blick flog wie ein Pingpongball interessiert zwischen uns hin und her. „Schau doch mal, ob du Sweet Pea findest.“ Mir durchzuckte der Gedanke, dass die Katze vielleicht schon gar nicht mehr am Leben war – und das, obwohl ich doch mit aller Macht das Thema Tod meiden wollte. Ich senkte meine Stimme, obwohl Isabella nicht weiter entfernt stand als Mama Peg. „Ist der Kater noch …?“ „Am Leben?“ Kichernd ließ sie die Gardine sinken und drehte sich zu mir um. „Seine Königliche Sturheit weigert sich, sein siebtes Leben endlich auszuhauchen. Du scheinst wirklich mit aller Gewalt das Thema wechseln zu wollen, wenn du deine süße Kleine sogar auf die Suche nach diesem mörderischen Monster schicken willst.“ Isabellas Augen weiteten sich vor Schreck. „Kein Monster.“ Ich strich über ihre weichen Locken. „Nur ein Kätzchen.“ Mama Peg hustete abgehackt und wurde ganz grau im Gesicht. Ich rieb ihr den Rücken. Ihr Polyesteroberteil hinterließ ein unangenehmes Gefühl auf meiner Haut. Als ihr Husten abebbte, nahm sie sich eine Serviette von dem Stapel auf dem Tisch und wischte sich den Mund ab. „Dieser Teufel im Katzenfell kratzt die Kleine blutig.“ „Sie fängt ihn doch sowieso nicht.“ „Du vergisst wohl, dass sechs Jahre vergangen sind. Er ist mittlerweile alt und langsam.“ Ich dachte daran, was der alte missmutige Kater meiner Isabella 9
antun konnte, wenn sie versuchte, ihn zu fangen. Ich nahm Isabellas Hände und beugte mich auf Augenhöhe zu ihr hinab. „Such ihn ruhig, Bella, aber komm ihm nicht zu nahe. Er hat schlechte Laune und scharfe Krallen, mit denen er dir ein großes Aua verpassen kann.“ Sie versprach zu gehorchen und machte sich auf die Jagd. „Sie ist tapferer, als du es in dem Alter warst“, sagte Mama Peg. „Wer wäre das nicht?“ Ich war nie so ein furchtloses Kind gewesen wie Isabella. Sie betrachtete alles und jeden als Sonnenstrahl, der nur dazu da war, sie zu wärmen. Egal, wie oft ich ihr nahebringen wollte, dass nicht jeder nur ihr Bestes im Sinn hatte, sie wollte mir nicht glauben. Schließlich liebte sie doch alles und jeden – warum sollte sie dann nicht auch von allen geliebt werden? Mama Peg ordnete die dünnen Schläuche, die über ihren Ohren entlang liefen. „Wann erzählst du es deinem Vater?“ Ich ging zum Herd und nahm den Wasserkessel hoch. Da er schwer und offensichtlich schon mit Wasser gefüllt war, stellte ich ihn wieder ab und drehte die Gasflamme auf. „Ich will erst sehen, wie er sie behandelt.“ „Natürlich wird er sie lieben. Sie ist ein Teil von dir. Teil deiner Mutter.“ Der altbekannte Dolch bohrte sich wieder in meine Brust. „Seit Mama nicht mehr da ist, liebt er gar nichts mehr.“ „Das stimmt nicht“, flüsterte Mama Peg, als könne die leise Stimme ihrer Lüge irgendwie Wahrheit einhauchen. „Er ist ein guter Mensch, Jenny.“ Eine plötzliche Schwere überkam mich und ich zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor. „Ein guter Mensch mit einem verhärteten Herzen.“ Sie goss etwas Tee in die Tassen. „Wenn einem etwas genommen wird, was man liebt, verändert man sich mitunter.“ Ich verschränkte die Arme. Sie wandte den Blick ab. „Aber das brauche ich dir ja nicht zu sagen, schätze ich.“ „Das ist wohl wahr.“ „Wenn dir die Art nicht gefällt, wie er mit ihr umgeht – was machst du dann?“ Diese Frage hatte mich in den vergangenen beiden Wochen kaum schlafen lassen. Im Moment war es die wichtigste Frage in meiner Welt. 10
„Ich bin nicht ihr einziger Elternteil.“ „Jetzt wäre es wohl an der Zeit, mir zu verraten, wer ihr Vater ist.“ Mama Peg hob mein Kinn und zwang mich, sie anzusehen. „Als wenn ich es nicht schon wüsste ...“ Mein Gesicht brannte und ich öffnete meinen Mund, um seinen Namen auszusprechen, doch er blieb mir im Hals stecken – gehindert durch den Damm, der die Tränen eines halben Jahrzehnts zurückhielt. „Ich habe es ihm nie erzählt.“ Das Gesicht von Mama Peg verlor auch noch den letzten Rest Farbe. Ich spürte regelrecht, wie ihr Herz aus Sorge um mich zerbrach. „Ach Jenny.“ Ich war überzeugt, ihre Verachtung zu verdienen, doch sie schlang mir ihre Arme um die Schultern und erdrückte mich fast mit ihrem üppigen Körper. Ihr Blumenparfüm und ihre Liebe hüllten mich ein. Erleichterung überkam mich. „Ich habe ihn! Ich habe ihn!“ Das Trappeln von Füßen begleitete das entzückte Kreischen meiner Tochter. Mama Peg ließ mich los und wir waren gespannt, was Isabella uns so Aufregendes zu berichten hätte. Sie erschien in der Tür und zog meinen Vater an ihrer Hand herein. Sein kurzes gewelltes Haar war mittlerweile eher grau als braun. Sein Poloshirt hatte er ordentlich in seine Hose mit Bügelfalte gestopft und um seine schmale Taille trug er einen Ledergürtel. Es würde mir eher gelingen, Chinesisch zu verstehen, als seine Gefühle an seiner stoischen Miene abzulesen. Ich grub meine Fingernägel nervös in meine Handflächen und hatte das Bedürfnis, mich zu setzen, als ich merkte, dass ich ja bereits saß. Mein Vater musterte mich rasch. Ich beobachtete die Falten um seine Augen herum. Verkniff er sich ein Lächeln? Und wenn, war es dann aus Selbstgefälligkeit, weil ich wieder zurück nach Hause kam, oder aus Freude, dass er mich nach so langer Zeit wiedersah? Oder bildete ich mir alles nur ein? Ohne ein Wort ging er zum Küchenkalender an der Wand und blätterte darin. Mama Peg sah mich peinlich berührt an. „Was zum Kuckuck macht er da?“ Er drehte sich um und setzte ein hinterlistiges Grinsen auf. „Ich 11
schaue gerade mal nach, ob wir heute schon Sankt Nimmerleinstag haben.“ Sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er ein Lachen von mir erwartete, aber ich konnte nur mit offenem Mund dasitzen. „Wenn ich mich recht entsinne, wolltest du erst am Sankt Nimmerleinstag wiederkommen.“ Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, mir meine üblichen Erwiderungen zu sparen, öffnete sich mein Mund wie von selbst. „Schon klar. Ich verstehe, was du mir sagen willst.“ Zu meiner Überraschung fuhr er fort. „Nach sechs Jahren Funkstille hast du also nun beschlossen, mir meine Enkelin vorzustellen. Wie überaus freundlich von dir! Ich nehme an, du bist hier, weil du pleite bist?“ Meine Gedanken sprangen zurück zu der Zeit, als ich von zu Hause fortgegangen war, und dann zu dem Tag, an dem ich meinem Vater am Telefon unter Tränen erzählt hatte, dass ich schwanger war. Nach einem fünfminütigen Vortrag über die Sünden und Folgen der Unzucht legte ich wortlos auf und rief nie wieder an. Danach tauchte seine Nummer vierzehn Tage lang jeden Tag auf dem Display meines Telefons auf. Da ich keine weiteren Beschimpfungen ertragen konnte, nahm ich weder ab noch rief zurück. Nach mehrmonatigem Schweigen leuchtete die Nummer wieder auf. Diesmal nahm ich ab, doch am anderen Ende der Leitung war meine Großmutter, nicht mein Vater. Nie wieder mein Vater. „Unterstellungen waren ja schon immer dein Spezialgebiet.“ Kaum waren die Worte aus meinem Mund, wollte ich sie zurücknehmen. Warum wedelte ich mit einem roten Tuch vor diesem Stier herum statt mit der weißen Flagge, wie ich es mir vorgenommen hatte? Das schrille Pfeifen des Wasserkessels durchbrach das unbehagliche Schweigen. Mama Peg eilte zum Herd und zerrte den Kessel auf eine kühle Platte. Mein Vater hockte sich vor Isabella hin. „Weißt du, wer ich bin, junge Dame?“ Sie wägte die Frage ab und sah unsicher zu mir herüber. „Mein Papi?“ Ich zuckte wegen ihrer unerwarteten Antwort zusammen. Der eisige Blick, den mein Vater mir zuwarf, hätte ein ganzes Meer gefrieren können. 12
„Das ist dein Opa“, brachte ich mit Mühe hervor. Sie sah bewundernd zu ihm hinauf und schlang dann ihre pummeligen Ärmchen um seinen Hals. Erleichtert atmete ich aus, als er ihre Umarmung erwiderte. Dann stand er auf. Auf seinem Gesicht breitete sich erneut die emotionale Leere aus, die ich seit Mamas Tod darauf zu sehen gewohnt war. Er räusperte sich und zog seine ohnehin schon ordentliche Gürtelschnalle glatt. „Ich glaube, Sweet Pea ist gerade hier vorbeigelaufen.“ Isabella sah sich suchend um. Mein Vater zeigte aufs Wohnzimmer, und weg war sie, ohne zu begreifen, dass sie an der Nase herumgeführt wurde. „Sie weiß nicht, wer ihr Vater ist?“ Er starrte mich an, während ich die Tränen der Enttäuschung zurückdrängte. Ich hielt den Mund, aus Angst, wieder etwas Unbedachtes zu sagen, und offenbar ging es ihm genauso. Nach ein paar langen Sekunden schnappte er sich einen Schlüsselbund vom Wandhaken, blickte mich noch einmal finster an und schlug die Tür hinter sich zu.
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