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Pr olog Wir legten auf unserer Wanderung eine kleine Pause ein, atmeten tief durch und wischten uns den Schweiß von den Oberlippen, während unser Führer – der alte italienische Bauer, dem das Land hier gehörte – auf ein kleines Bäumchen einhackte, das den Pfad überwucherte. „Ecco, vedi“, sagte er und deutete auf den Boden. Schaut hier. „Seht ihr das?“, rief meine Mutter, drückte die Äste noch weiter zurück und kauerte sich neben eine behauene Kalksteinplatte. Mir war klar, dass sie nicht wirklich eine Antwort erwartete. Sie sprach eher mit sich selbst – oder redete sie mit dem Geist meines Vaters? – als mit uns. Trotzdem sorgte ihre Aufregung dafür, dass sich auch bei mir die Nackenhaare aufstellten. „Da auch“, sagte sie mit weit aufgerissenen blauen Augen und zeigte auf einen zweiten Stein. Sie folgte unserem Führer, warf sich ihr blondes Haar über die Schulter und ignorierte die Brombeersträucher, die ihre sonnengebräunten Beine verkratzten. In solchen Situationen achtete sie auf nichts. Ich hätte hinfallen und mir ein Bein brechen können, sie hätte sich erst dann umgedreht und nach mir geschaut, wenn ich eine ganze Zeit lang geschrien hätte. Meine Schwester Lia verdrehte ihre blauen Augen – die gleichen wie die unserer Mutter – so als wollte sie sagen, Oh Mann, jetzt geht das schon wieder los. 5


Wir erlebten das schließlich nicht zum ersten Mal. Meine Mutter, Dr. Adri Betarrini, war weiteren Etruskern auf der Spur, jenem geheimnisvollen Volk, das vor den Römern in dieser Gegend Italiens gelebt hatte. Die meisten hielten sie und meinen Vater für die absoluten Koryphäen auf diesem Gebiet. Als er starb, reisten Archäologen aus aller Welt an, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Seufzend folgte ich meiner Mutter den Pfad hinunter. Wenn wir nicht direkt hinter ihr blieben, würde sich dieser verwunschene Weg vor uns schließen und die Büsche und Bäume würden sie und unseren Führer verschlucken wie ein Märchenwald die Feen. Meine Mutter war inzwischen geradezu besessen davon, diese Ruinen zu finden, so als wären sie auf irgendeine verrückte Art und Weise eine letzte Verbindung zu meinem Vater. „Komm schon, Lia“, trieb ich meine Schwester über die Schulter hinweg an. Sie mochte solche Fußmärsche noch weniger als ich und hatte die Tendenz, sich zurückfallen zu lassen, um hier eine Blume zu betrachten und dort einen bestimmten Ast, immer schon mit einem Bild vor Augen. Wenn ich nicht auf sie aufpassen würde, würde sie sich einfach dort, wo sie gerade war, hinsetzen und malen, genauso gedankenverloren und in ihre eigene Welt vertieft wie meine Mutter, während ihrer Ausgrabungen. „Warte auf mich, Gabi.“ Genervt drehte ich mich wieder nach vorn und wurde leicht panisch, als ich um mich herum nur Bäume sah. In den meisten Ecken der Toskana standen die Bäume weiter auseinander und waren älter; große alte Eichen und Pinien brauchten einfach mehr Platz. Aber hier waren die Setzlinge jung und kämpften miteinander und mit dem Unterholz um einen Platz an der Sonne. Zu meiner Erleichterung tauchte meine Mutter kurz darauf wieder in meinem Blickfeld auf, sie kletterte gerade hinter dem Bauern, der mich irgendwie an eine Ziege erinnerte, auf einen großen Felsen. Wir warteten unter ihnen und sahen hinauf. Der alte Mann schaute meine Mutter an, in den Augen eine Mischung aus Neugierde und Triumph. „Das ist gut, oder?“, sagte er. Meiner Mutter hatte es anscheinend die Sprache verschlagen. „Gut“, sagte sie hustend. „Sehr gut.“ Ich konnte an ihrer Stimme hören, dass sie total aufgeregt war, aber ihre Gefühle im Zaum halten wollte. Sie 6


wusste, dass es sich nachteilig auf die Verhandlungen um die Ausgrabungsrechte auswirken würde, wenn sie dem Besitzer des Landes ihren Enthusiasmus allzu offen zeigte. „Was ist es?“, fragte ich ein bisschen verstimmt, weil ich nicht in die Entdeckung mit einbezogen wurde. „Was haben sie denn gefunden, Gabi?“, fragte Lia. „Ich weiß es nicht.“ Mutter hörte uns nicht, also schlug ich mich durch die restlichen Büsche und kletterte auf den Felsen. Der italienische Bauer beugte sich herunter und half zuerst mir und dann meiner Schwester hinauf. Meine Mutter arbeitete sich bereits durch die Brombeerhecken zu dem Land jenseits des Felsen vor. Der Wald war hier ausgedünnt und auf dem Feld vor uns standen größere Bäume. Doch ich wusste, dass nicht das die Aufmerksamkeit meiner Mutter geweckt hatte – es waren die runden Grabhügel, die unter der Erde und dem Gras von Tausenden von Jahren bedeckt waren und beinahe für immer verschluckt gewesen wären. Während wir uns nach vorn kämpften, entdeckte ich auf einem der nahe gelegenen Hügel die Ruinen einer mittelalterlichen Burg, ohne jeden Zweifel früher das Zuhause eines untergegangenen toskanischen Herrschergeschlechts, nun wenig mehr als ein paar Mauern und die kaum erkennbare Rundung eines Turmes. Meine Mutter hatte dafür keinen Blick. Sie hatte ihre Augen nur auf die alten, gerundeten tumuli gerichtet – solche hatten wir bisher nur ein einziges Mal südlich von Roma gesehen. Der Bauer führte sie zu dem nächstgelegenen Grabhügel und winkte Lia und mich nach vorn. Als wir näher kamen, konnten wir sehen, dass das Grab oben geöffnet worden war. Hektisch riss sich meine Mutter den Rucksack von den Schultern. Ihre Augen glänzten wie die Sonne. Ich tat dasselbe und beobachtete ihren gespannten Gesichtsausdruck, als sie mit ihren langen, eleganten Fingern nach der Taschenlampe suchte, sie herauszog und den Rucksack offen zurückließ. Es gab keinen Zweifel, sie dachte, wir waren auf eine verschollene Kolonie gestoßen. Auf die, nach der mein Vater gesucht hatte, als er starb. Ich zog eine Flasche Wasser aus meinem eigenen Rucksack, während sie sich behutsam nach vorn bewegte. Diese alten Gräber waren un7


glaublich stabil, vor allem angesichts der Tatsache, dass sie schon einige Tausend Jahre hier standen. Doch das bedeutete nicht unbedingt, dass sie nicht im nächsten Augenblick zusammenbrechen würden. „Gabriella, komm und hilf mir“, sagte meine Mutter über ihre Schulter hinweg und ihre Augen sahen mich an, sahen mich zum ersten Mal wirklich an. Ich setzte mich sofort in Bewegung und schloss zu ihr auf. Mom krabbelte über die Wölbung des Grabhügels, der nur noch kniehoch war, so tief steckten die Gräber in der Erde, und griff dann nach hinten, um die Taschenlampe aus ihrem Hosenbund zu ziehen. Ich stellte mich hinter sie und hielt sie am Gürtel fest, als sie sich nach vorn beugte und dann ins Loch hinein. Ihr Kopf und ihr Oberkörper verschwanden in dem alten Grab. „Mom“, warnte ich sie ängstlich, weil das hier nicht sicher war. „Es ist schon in Ordnung, Gabs“, rief sie. Ihre Stimme klang gedämpft und hatte ein Echo. Ich hielt den Atem an, während ihr Körper sich nach links bewegte, aber das alte Grab war immer noch stabil. „Okay, zieh mich heraus!“ Wir wussten Bescheid, sobald sie sich aufgerichtet hatte und wir ihr Gesicht sehen konnten, trotzdem verkündete sie es. „Viertes Jahrhundert!“, rief sie, grinste und fiel mir in die Arme, wobei sie einen ihrer eigenen Arme ausstreckte, um Lia in die Umarmung mit einzubeziehen. Seit Monaten hatte ich sie nicht mehr so fröhlich gesehen. Ich wollte nicht, dass die Umarmung jemals endete. Viertes Jahrhundert. Sie meinte v. Chr. So wie in „vor Christus“. Echt alt. Sie hatte sie gefunden. Die verschwundene Stadt der Etrusker. Sie machte sich daran, die anderen elf Hügel genauer zu untersuchen, und ich setzte mich neben Lia auf einen Felsen. Dabei spürte ich, wie mein Lächeln langsam dünner wurde. Ich sah mich um, warf einen Blick über meine Schulter. Ich wollte mich mit ihr freuen. Ich tat es. Das hier war ihr Traum. Aber das bedeutete für mich, dass der gesamte Sommer schlagartig verplant war. Ich würde ihn hier verbringen müssen. An diesem Ort. Mitten in der Pampa. Wo der nächste Typ ohne Freundin siebzig zu sein schien. 8


1. Kapitel Okay, Schnellvorlauf. In den nächsten Wochen stürzte meine Mutter sich in die Arbeit und mietete ein ziemlich langweiliges Appartement für uns – vermutlich in den 1970er – Jahren gebaut, dem Dunkelorange und Avocadogrün der Einrichtung nach zu urteilen. Es lag außerhalb von Radda im Chianti, einem Ort, der alles andere als aufregend war, aber trotzdem noch eine halbe Stunde mit dem Auto über Übelkeit erregende Buckelpisten von der Ausgrabungsstätte entfernt. Habe ich schon erwähnt, dass sie Lia und mich dazu zwang, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen, um sie zu begleiten? Das einzig Gute an der Sache war, dass wir abends immer ins Bett fielen und ich mich an all meine Orte träumen konnte, an denen ein Teenager seinen Sommer besser hätte verbringen können. Auf dem Tumuli-„Campus“, wie Mom ihn nannte, lief alles so wie erwartet. Zwei der alten Gräber waren im Wesentlichen von der ein Meter fünfzig tiefen Erdschicht befreit worden und auf den übrigen hatte man immerhin schon alle Bäume und Büsche gefällt. Der Rest würde von Ehrenamtlichen ausgegraben, die in den kommenden Wochen aus Roma und Firenze angekarrt würden, aber auch von amerikanischen Universitäten. Meine Mutter war so aufgeregt, dass sie die ersten beiden Gräber unbedingt schon von innen hatte erkunden wol9


len – das eine, das der Bauer aufgebrochen hatte – „Grab Zwei“ – und das andere, das sie nur „Das Mutterschiff“ nannte. Uns ließ sie nicht einmal in die Nähe. Natürlich war sie glücklich, wenn sie uns Eimer und Schaufel in die Hand drücken konnte, mit der wir uns den Gräbern bis auf fünfzehn Zentimeter nähern durften. Aber hineingehen? Nein. Sie und Vater waren immer so gewesen, wenn es um ihre Ausgrabungen ging. Voller Sorge, dass wir eine Fundstelle „kompromittieren“ könnten. Du brauchtest praktisch einen Doktortitel, um so ein Grab betreten zu dürfen, bevor alles von Kopf bis Fuß dokumentiert, skizziert, fotografiert, gefilmt und auf Papier festgehalten war. Dann erst, ein paar Wochen später, ließen sie auch „die Kinder“ hinein. Ehrlich gesagt hatte ich davon die Nase voll. Ich war siebzehn. Ich fühlte mich ignoriert. Ausgenutzt. Wie viel Schaden könnten Lia und ich schon anrichten? Und ich war neugierig. War diese Fundstelle das Leben meines Vaters wirklich wert gewesen? Ich war also während der Fahrt an jenem Morgen ziemlich schlecht drauf, und blinzelte müde in das rosa Morgenlicht. Der neu entstandene Feldweg wurde von uniformierten Wachen und einem Jeep blockiert, auf dessen Seite die Worte Archeologica Societa Archeologico dell’ Italia zu lesen waren. Wo auch immer diese Typen auftauchten, bedeutete das unweigerlich Verzögerungen und Schwierigkeiten für meine Eltern. Aus der hinteren Tür des Jeeps stieg ein Mann aus, der eine Khakihose und ein gestärktes weißes Hemd trug, dessen Ärmel hochgekrempelt waren, dazu teure Lederschuhe. Er sah aus wie der aalglatte Archäologen-Rivale im ersten Indiana-Jones-Film – ja, meine Eltern liebten diese alten Streifen – und meine Mutter reagierte so, wie Indi reagiert hätte; sie murmelte den Namen des Mannes zusammen mit einem Schimpfwort. „Manero.“ Ich wusste, dass sie ihren Kopf auf das Lenkrad geschlagen hätte, wenn sie gekonnt hätte. Ich blickte zu Lia hinüber, die auf der Rücksitzbank saß, und hob die Augenbrauen. Wir waren Dr. Manero seit über einem Jahr nicht mehr begegnet, aber das letzte Mal ... na ja, es war nicht schön gewesen. Dad hätte ihn damals beinahe vermöbelt, so wütend war er gewesen. 10


Würde Manero ihre Arbeit diesmal für immer beenden? Das Gute daran wäre, dass wir dann heim nach Boulder gehen könnten – oder zumindest eine Zeit lang nach Roma oder Firenze – aber Mom wäre mit Sicherheit am Boden zerstört. „Doktor Betarrini“, sagte Dr. Manero mit seinem heftigen italienischen Dialekt, als meine Mutter die Fensterscheibe herunterkurbelte. „Doktor“, antwortete Mom ruhig und nickte ihm höflich zu. „Ich habe Ihre Dokumentation in der Gemeinde durchgesehen“ – mit „Gemeinde“ meinte er Siena – „und dabei entdeckt, dass Sie für diese Ausgrabung die Formblätter 201B oder D nicht eingereicht haben“, sagte er mit verschränkten Armen. „Unglaublich, wie Sie in unserem Papierkram herumgraben“, nuschelte Mom. Nachdem sie zwei Jahrzehnte lang mit meinem Vater zusammengearbeitet hatte, hatte sie immer noch die Angewohnheit, von unseren Projekten zu reden. Ich fragte mich, wie lange das noch der Fall sein würde. Ich würde es bestimmt vermissen, wenn sie damit aufhören würde. „Was haben Sie gesagt?“, fragte Manero, während er sich in die Fensteröffnung lehnte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir nicht die richtigen Papiere eingereicht haben“, fügte Mom hinzu. „Wir haben über fünfzig Formulare ausgefüllt.“ „Das scheint bei Ihnen generell ein Problem zu sein“, sagte er mit einem dünnlippigen Lächeln. „Es fehlen anscheinend immer ein oder zwei Dokumente.“ „Und Sie scheinen sich für unseren persönlichen Wachhund zu halten“, sagte meine Mutter, die langsam die Geduld verlor. „Hier geht es nicht um Sie“, sagte Manero, der sich inzwischen wieder aufgerichtet hatte. Er deutete hinter sich. „Ich bewache Italiens Schätze. Das allein ist meine Aufgabe.“ Meine Mutter sah zur Decke des Autos hinauf, als würde sie gleich losschreien. „Bitte“, sagte Manero. „Ich habe mein Zelt neben Ihrem aufgeschlagen. Lassen Sie uns darüber reden, was passieren muss, damit Sie Ihre Arbeiten hier fortsetzen können.“ „Sie meinen, damit Sie an unserem Ruhm teilhaben können“, sagte Mom. 11


„Bitte“, wiederholte Manero. „Setzen wir uns zusammen und reden darüber wie Forscherkollegen. Ich habe Espresso in einer Thermoskanne dabei ...“ Er lächelte und versuchte ganz klar sich einzuschleimen. „Espresso?“, sagte meine Mutter, wobei ihre Stimme sanfter wurde. „Si.“ Dr. Maneros Lächeln wurde breiter und erstreckte sich über sein ganzes gutaussehendes Gesicht. Er legte die Hand auf den Griff der Fahrertür und öffnete sie. „An einem so kühlen Morgen hört sich das einladend an, nicht wahr?“ Mom beachtete seine ausgestreckte Hand nicht und stieg allein aus dem Auto, dann knallte sie die Tür zu. Sie drängelte sich an ihm vorbei und Dr. Manero musste sich beeilen, um mit ihr Schritt zu halten. „Los, komm, Lia, wir schauen es uns an“, sagte ich. „Was schauen wir uns an?“, fragte sie und kniff die Augen zusammen, als sei sie in eine Nebelwand hineingelaufen. „Die Grabhöhle“, sagte ich mit glänzenden Augen. „Wir bekommen bestimmt nicht noch so eine Gelegenheit – jedenfalls nicht in den nächsten ein bis zwei Monaten. Während die im Zelt debattieren, können wir uns mal anschauen, worum die so ein Theater machen.“ Lia blieb wie festgewurzelt auf der anderen Seite des Autos stehen und runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht ...“ „Komm schon“, sagte ich. Ihr Zögern machte mich wütend. Wo war das Problem? Wenn wir schon den ganzen Sommer hier verbringen mussten, dann sollten wir doch wenigstens wissen, wofür wir so ein Opfer bringen mussten. Ich jedenfalls war fest entschlossen, es mir anzusehen, ob nun mit ihr zusammen oder allein. Ich stapfte an den neuen Wachen vorbei, die mit Manero gekommen waren und tat so, als folgte ich meiner Mutter. Nach einer Weile drehte ich mich um, um zu sehen, ob Lia hinter mir herging. Selbstzufrieden lächelte ich in mich hinein. Ich konnte sie immer zu allem bewegen – besonders, wenn sie Angst hatte, zurückgelassen zu werden. Durch meinen Kopf schwirrten Erinnerungen an flüsternd geführte, vertrauliche, aufgeregte Gespräche zwischen meinen Eltern. Das zwischen ihnen war immer ebenso sehr eine Kopf- wie eine Herzensbeziehung gewesen. Kein anderes Paar, das ich kannte, war so eng miteinander verbunden gewesen. Ich hatte es geliebt. Und gehasst. 12


Natürlich war ich glücklich gewesen, dass meine Eltern einander liebten, aber wir hatten uns immer außen vor gefühlt. Es war, als ob Mom und Dad immer in demselben Orbit gewesen wären, Lia und ich hingegen auf irgendeiner anderen Umlaufbahn um sie herum kreisten, ohne dass sie sich jemals gekreuzt hätten. Ich hatte mich danach gesehnt zu erfahren, wie es war, in demselben Luftraum unterwegs zu sein, selbst wenn es nur für einen Augenblick gewesen wäre. Doch seit Dad gestorben war ... na ja, seitdem fühlte es sich an, als ob Mom noch nicht einmal in derselben Galaxie zu Hause wäre wie wir. Also marschierte ich vorwärts und ignorierte die fragenden Blicke einiger Studenten, die in die entgegengesetzte Richtung unterwegs waren. Die Sonne wurde langsam kräftiger, umkränzte die Bäume im Osten und warf lange, staubige Strahlen über das Feld, wobei sie die Spitzen des wilden Lavendels erleuchtete und die Kuppeln der Tumuli beschien. Ich achtete nicht auf mein Herz, das plötzlich anfing zu rasen, und ging direkt zu dem nächstgelegenen Grab, als hätte meine Mutter mich mit einem Auftrag dorthin geschickt. Lia bleib mir dicht auf den Fersen. Am Eingang des Tunnels zögerte ich einen Augenblick lang und atmete tief ein, dann beugte ich mich vor und krabbelte hinein, froh, dass ich meine Jeans anhatte. Ich hoffte, dass Mom eine Taschenlampe zurückgelassen hatte, wie sie das oft in ihren Grabungsstätten tat. Einen Moment später stolperte ich praktisch darüber und fingerte ungeduldig an ihrem Schalter herum. Ich war in Grab Zwei. Während die Halogenlampe flackernd zum Leben erwachte und alles in ein bläuliches Licht tauchte, drehte ich mich langsam im Kreis. Fasziniert starrte ich die Kunstwerke an den Wänden an. Mom hatte immer wieder von ihnen erzählt, aber ihre Stimme war wie eine summende Biene, und ich hatte sie einfach ausgeblendet. Die Farben waren prächtig und die Skizzen so ziemlich das Beste, was wir bisher gesehen hatten. Sie waren kräftig. Und es gab so viele davon ... Männer und Frauen, schwarze Strichfiguren, die Feste feierten, zur Jagd gingen und sich Schlachten lieferten. Ich hob die Lampe an und betrachtete zunächst eine Wand, dann eine andere, während meine Schwester durch den Tunnel kam. Mein Mund stand offen. 13


„Gabi, wir sollten wirklich nicht hier sein“, sagte sie, so als hätte sie nicht längst die Entscheidung getroffen, mit von der Partie zu sein. „Wir sind hier. Bist du denn gar nicht neugierig?“ „Doch, schon, aber du weißt doch, wie Mom und Dad sind.“ Sie rieb sich die Hände an ihren Jeans ab. „Sie – Mom möchte gern selbst entscheiden, wann sie uns einlädt.“ „Dann tun wir eben überrascht“, sagte ich. „Schau dir das nur an. Wenn das Grab Zwei ist, wie sieht es dann erst in Grab Eins aus?“ Ich hob die Laterne hoch, damit wir beide besser eine Familie an einem Tisch essen sehen konnten. Auf einer Platte vor ihnen lag ein großer, gegrillter Vogel. „Sieht aus wie an Thanksgiving.“ „In China vielleicht. Das ist eine Gans.“ „Nee, dafür ist es nicht groß genug. Wahrscheinlich ist das ein Fasan. Oder eine Wachtel.“ „Wenn das eine Wachtel ist, dann haben die Etrusker damals aber ganz schön große gezüchtet.“ Ich grinste. „Okay, ein Fasan.“ Ich bewegte die Lampe an der Wand herunter, während Lia die Bilder betrachtete, die ich bereits studiert hatte. Ein Geräusch am Tunneleingang ließ uns beide für einen Moment den Atem anhalten. Doch was auch immer es gewesen war, es ging vorüber, und so auch unsere Angst. Ich starrte auf ein Porträt eines kühnen Kriegers mit einem Schwert in der Hand. Dad und ich hatten ab und zu ein paar Trainingsrunden gemacht. Er hatte die Kunst des Fechtens beherrscht und sie mir auch beigebracht. Ich hatte nur nie viel daraus gemacht – für mich war das Fechten nur eine Gelegenheit gewesen, um etwas Zeit miteinander zu verbringen. Aber jetzt, wo Dad nicht mehr da war, vermisste ich es irgendwie. Der Kerl auf der Wand hielt ein Schwert, das viel schwerer und breiter war als alles, was ich bisher in der Hand gehabt hatte. Rechts von dem Krieger waren ein Mond, eine Sonne und zwei Handabdrücke. „Lia, schau dir das mal an“, sagte ich. Sie kam zu mir herüber und guckte. „Hast du so was schon mal gesehen?“ Als ich sie fragend ansah, schüttelte sie den Kopf. „Und du?“ „Nein.“ Ich reichte ihr die Lampe und hob dann meine Hand zu dem Abdruck. Er wirkte irgendwie vertraut. So, als hätte ich ihn schon 14


einmal gesehen, obwohl ich natürlich wusste, dass das nicht der Fall sein konnte. Ich hörte, wie meine Schwester die Luft anhielt – Mom würde mich umbringen, wenn sie herausfand, dass ich hier drin irgendetwas angefasst hatte – aber trotzdem konnte ich nicht aufhören. Meine Hand wurde geradezu zu ihm hingezogen. „Mom wird dir dafür wochenlang Hausarrest aufbrummen“, zischte Lia, als ich meine Hand auf das Fresko legte. Das Fett auf unserer Haut durfte niemals mit antiken Gemälden in Kontakt kommen; das war eine der Grundregeln der Betarrinis. Ich wusste das. Lia wusste es. Und trotzdem konnte ich nicht widerstehen. „Er passt perfekt! Sieh doch!“, sagte ich, während ich zu dem Abdruck nickte. „Und was noch verrückter ist ... er ist warm, Lia. Warm.“ Ihre wütenden blauen Augen bewegten sich zwischen mir und der Mauer verwirrt hin und her. Stein war nicht warm. Er war nie warm. „Vielleicht ist auf der anderen Seite eine heiße Quelle.“ „Das habe ich auch schon gedacht. Aber ich rieche keinen Schwefel, du etwa?“ Wir holten beide tief Luft. Nein, es roch wie immer in einem etruskischen Grab – nach Wasser, das vor langer Zeit auf alten Steinen verdunstet war. „Und es ist auch nur der eine Handabdruck warm. Dieser hier, der genauso groß ist wie meine Hand.“ Ich trat einen Schritt zurück und sah erneut auf die beiden Abdrücke auf der Mauer. Der linke passte auf meine Hand, aber der rechte war kleiner – und hatte die Normaltemperatur kalter Steine, die man an dieser Stelle erwarten würde. „Lia, komm her.“ Ich legte meinen rechten Arm um sie und zog sie direkt neben mich. „Der linke Abdruck passt auf meine Hand, aber der rechte ist zu klein.“ Ich sah von dem Abdruck zu meiner Schwester. „Probiere du ihn aus.“ Lia sah mich an und blickte dann den langen Korridor rechts von mir hinunter zum Eingang des Grabes. Wir dachten beide an unsere Mutter, die sich mit Manero auf Italienisch stritt. Ich bezweifelte, dass der Espresso half. „Die kommen bestimmt nicht so schnell. Auf jetzt, mach schon. Es ist ein komisches Gefühl, den Handabdruck von jemandem anzufassen, der seit ein paar Tausend Jahren tot ist.“ Noch bevor Lias Finger innerhalb der Linien lagen, wusste ich, dass der Handabdruck genauso perfekt zu ihrer Hand passte wie der andere zu meiner. 15


„Hast du nicht gesagt, dass der hier kalt ist?“, fragte Lia. „Ja, das hab ich.“ „Er – er ist warm“, sagte sie verwundert. „Deiner auch?“ Ich runzelte die Stirn. „Wirklich?“ Ich beugte mich vor und legte meine Hand wieder auf den linken. „Wenn ich ihn berühre –“ Meine Stimme brach ab, weil irgendetwas Seltsames passierte. Der Raum begann sich zu drehen, zuerst langsam. Die Bilder auf der Mauer zogen sich in die Breite, als würde ich sie in einem Zerrspiegel betrachten. Und die Mauer wurde wärmer. Ich versuchte meine Hand wegzuziehen, aber es ging nicht. „Gabi!“, schrie Lia. Ich versuchte mich auf sie zu konzentrieren, das Einzige im Raum, das stabil zu bleiben schien. In ihren weit aufgerissenen blauen Augen blitzte Entsetzen auf. „Er ist heiß!“ Ich sah hinauf zu dem Loch der Grabräuber. Dort oben konnte ich Bäume sehen, was mich einen Augenblick lang tröstete, doch dann blinzelte ich und sah noch einmal hin. Hundert Jahre alte Eichen schrumpften zusammen, richteten sich auf, schrumpften, richteten sich auf wie in diesen Zeitrafferfilmen ... mit denen die Jahrtausende aufgezeichnet werden. Man konnte kein Geräusch hören. Ich konnte nicht einmal mehr Lia hören. Mein Kopf raste. Handabdrücke, die zu unseren Händen passten. Hitze, wo es eigentlich kalt sein müsste. Ein Raum, der sich schneller und schneller um uns drehte. Ein Grab, das drei- oder vierhundert Jahre, bevor Christus auf die Erde kam, gebaut worden war. Waren wir ... Ich schrie, doch was aus meinem Mund kam, hörte sich nur wie ein Atemzug an, der kam und ging, als wäre nie etwas passiert. Ich sah wieder hinauf. Die Bäume draußen wuchsen, schrumpften, wuchsen, schrumpften, schneller als jemals zuvor. Wir mussten das irgendwie anhalten. Mussten unsere Hände von der Wand bekommen. Sie war so heiß, dass meine Hand regelrecht festgebrannt zu sein schien und ich hatte Angst, dass das Fleisch meiner Handfläche an der Wand hängen bleiben würde, wenn ich es wagen sollte, die Hand wegzuziehen. Trotzdem mussten wir es tun. Wir mussten einfach! Ich suchte den Blick meiner Schwester und machte ihr schweigend klar, dass sie sich bereit machen sollte, weil wir ja nicht reden konn16


ten. Ich musste meinen Fuß gegen die Wand stemmen und mit aller Kraft ziehen, so sehr war meine Hand mittlerweile mit dem Abdruck verwachsen. Als ich sie schließlich losgerissen hatte – es fühlte sich an, als ob ich zwei sehr starke Magnete trennen wollte – schlang ich beide Arme um meine Schwester und fiel auf den Boden hinter uns wie ein Football-Spieler, der sich auf den Quarterback stürzt. Nur nach hinten. Aber als meine Schulter auf dem Boden aufschlug, war sie irgendwie nicht mehr da. Meine Arme waren leer. Es war dunkel. Ich stöhnte, sah mich prüfend um und überlegte, ob ich mir den Kopf gestoßen hatte. Aber er fühlte sich ganz in Ordnung an. Selbst meine Hand hatte auf einmal zu brennen aufgehört. Ich blinzelte verwirrt, weil ich hoffte, dass dadurch mein Blick klarer würde. „Lia?“, fragte ich in die Schwärze hinein. Sobald ich das gesagt hatte, wusste ich, dass ich allein war. Meine Stimme hallte in der Kammer wider, als ob dort nur unbelebte Dinge den Schall aufnehmen könnten. Moms Lampe war schon lange verschwunden. Über mir war kein Tageslicht mehr. War ich ohnmächtig geworden? War jetzt Nacht? Mom wird so was von wütend sein ... Dann nahm ich andere Geräusche wahr, seltsame, gedämpfte Geräusche. Geräusche von Männern, die herumbrüllten, von Pferden und von klirrendem Metall. Hatte Manero Verstärkung geholt? „Mom?“, rief ich. „Lia!“ Ich musste mir irgendwie den Kopf gestoßen haben, ich hatte es nur vergessen. Wieder sah ich hinauf – ich wollte, dass meine Augen die Sterne sahen, das Mondlicht, irgendetwas – aber da war nur Dunkelheit. „Hey!“, brüllte ich wieder hinauf. „Hey, ich bin hier drin!“ Die einzige Erklärung, die mir einfiel, war, dass die Kerle von der Archeologica Societa das Grab wieder versiegelt, den Stein auf seinen Platz gelegt und den Eingang verschlossen hatten. Anscheinend hatte meine Mutter ihre zeitweise Verfügungsgewalt über diesen Ort verloren und irgendwie nicht gemerkt, dass meine Schwester und ich noch in der Grabhöhle waren – oder zumindest ich – bevor sie wieder verschlossen worden war. Was den warmen Handabdruck anging, das Verschwinden meiner Schwester, den Wald im Zeitraffer ... ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie ich mir das erklären sollte. 17


Ich musste irgendwie ohnmächtig geworden sein oder so etwas Ähnliches. Oder ich hatte mir irgendeine seltsame Krankheit eingefangen und Fieberfantasien. Vielleicht hatten wir beim Öffnen dieses Grabes irgendeinen komischen Virus wieder zum Leben erweckt. Das wäre extrem ätzend. Ich legte die Hand auf meine Stirn und erwartete, dass sie glühte. Aber es fühlte sich nicht so an, als ob ich Fieber hätte. „Keine Panik“, sagte ich zu mir selbst, als ich spürte, wie mein Herz zu rasen begann. „Gabriella, reiß dich zusammen.“ Ich hatte viel zu viele Jahre in und außerhalb von etruskischen Gräbern verbracht, um jetzt Panik zu schieben. Und ich wusste, wo der Eingang war. Ich kannte den Weg nach draußen. Also rappelte ich mich auf und tastete mich an der Tunnelwand entlang. „Sorry, Mom“, murmelte ich, weil ich wusste, dass ich das Fett meiner Haut nun überall auf den Wänden verteilte. Meine Schulter schmerzte von meinem Fall auf den Boden. Ich stieß gegen eine glatte Form und zuckte zusammen, als ich merkte, dass sie zurückwich und auf dem Boden zerschellte. Ich hatte die Urnen auf meinem Weg hinein gesehen – Magna Graecia, siebtes Jahrhundert, hatte Mom gesagt. Vier gleichartige Urnen, jetzt nur noch drei, die auf wundersame Weise drei Jahrhunderte überlebt hatten, bevor sie in dieses Grab gebracht worden waren. Aus irgendwelchen Gründen hatten die Grabräuber sie zurückgelassen. Diese Urnen hatten meine Mutter regelrecht in Extase versetzt, weil sie ihre Datierung nicht mit dem Stil der Fresken in Verbindung bringen konnte. „Oh Mann, jetzt bringt sie mich wirklich um“, stöhnte ich. Ich war am Boden zerstört. Meine Mutter würde so was von wütend sein, wenn sie entdeckte, was ich getan hatte. Niemals zuvor hatte ich eine Ausgrabungsstätte oder ein Artefakt so sehr beschädigt, nicht einmal als kleines Kind. Doch ich wollte mich lieber ihrer Wut stellen als noch länger hier festzusitzen. Die Urne brachte mir wenigstens Gewissheit; ich wusste nun ganz genau, wo ich war. Am Ende des Durchgangs war der gewölbte Stein, der den Eingang markierte. Während ich mich ihm näherte, konnte ich um ihn herum einen Spalt Tageslicht erkennen. Es gab da nur ein kleines Problem: Der Verschlussstein war wieder vor dem Eingang. Und diese Verschlusssteine waren schwer, vielleicht hundertundfünf18


zig, zweihundert Kilo schwer. Ich kniete nieder und tastete seine Umrisse ab, während ich überlegte, wie ich ihn entfernen könnte. Mir fiel ein, dass mein Vater die Verschlusssteine immer mit einem Brecheisen weggehebelt hatte. Allerdings immer von außen. Ich lehnte mich mit der Schulter an ihn und drückte. Durch meine Größe – und das Fechten – war ich stärker als die meisten Mädchen. Aber der Stein bewegte sich kaum. Ich legte eine Pause ein. Die Geräusche auf der anderen Seite klangen wirklich merkwürdig. Männer schrien und grunzten. Dann erklang wieder das Klirren von Metall, so als ob ... ich schob den Gedanken beiseite. Unmöglich. Das Einzige, worauf ich mich jetzt konzentrieren musste, war mein Entkommen. „Hey! Hilfe! Ich bin hier drinnen! Hilfe!“ Ich schrie so laut, dass mir die Kehle wehtat. Was auch immer für Metallarbeiten draußen vonstatten gingen, sie hörten auf einmal auf. „Mom? Lia! Hilfe! Helft mir!“ Ich brüllte erneut. Aber dann setzte der Lärm wieder ein. „Oh, Mann“, brummte ich. Ich verkeilte mich so im Tunnel, dass mein Rücken und meine Schultern an der Wand waren und ich meine Füße gegen den Stein pressen konnte. Ich drückte, drückte so fest, dass mein Hintern nicht mehr den Boden berührte. Ich stöhnte, wollte, dass dieser blöde Stein sich endlich bewegte, bewegte, bewegte ... und dann tat er es. Knirschend und polternd fiel er mit einem dumpfen Schlag in den Dreck vor der Grabhöhle. Meine Augen verengten sich zu Schlitzen, als ich vorsichtig nach draußen sah. Dort schien irgendein Renaissance-Jahrmarkt stattzufinden, auf dem eine Kampfszene nachgespielt wurde. Wie waren all diese Männer hierhergekommen? Und warum gerade hierher? War das vielleicht irgendeine Demonstration der ortsansäßigen Sienesen, die ihr Land wiederhaben wollten? Jetzt, wo sie wussten, welche Schätze es enthielt? Oder steckte Manero dahinter? Doch dann sah ich, wie ein Mann den Schwerthieb eines anderen mit seinem eigenen Schwert parierte und gleichzeitig mit der anderen Hand einen Dolch in ihn hineinstieß. Ich schnappte nach Luft. Um zu schreien war ich viel zu überrascht. Der verwundete Mann fiel auf die Knie, umfasste den Griff des Messers. Sein Mund stand offen. Auf seinem weißen Hemd breitete sich in einem langsam größer werdenden 19


Kreis Blut aus. Kein Renaissance-Jahrmarkt, auf dem ich jemals gewesen war, hatte solche Spezialeffekte zu bieten gehabt. Mit wachsendem Entsetzen blickte ich nach rechts, wo sich ein anderer Mann stöhnend auf dem Boden wälzte. Ich hielt mir die Hand vor den Mund. Sein Bauch war aufgeschlitzt und einige seiner Gedärme quollen heraus. Blut schoss aus seinem Körper und bildete vor ihm eine große Pfütze. Es war echt. Ich war mitten in einer echten Schlacht. Plötzlich konnte ich auch überall um mich herum den Gestank von Schweiß und gerinnendem Blut riechen. Männer, die verwundet waren oder starben. Andere schienen felsenfest vorzuhaben, ihrem Leben hier ein Ende zu setzen. Als mein Blick noch weiter nach rechts wanderte, sah ich einen, der nicht mehr kämpfte. Stattdessen starrte er mich an, als wäre ich so etwas wie ein weiblicher Lazarus, der in seinen Leichentüchern aus dem Grab gestiegen war. Ich wollte von ihm wegschauen, aber ich konnte es nicht. Das war eindeutig der bestaussehendste Kerl, den ich jemals zu Gesicht bekommen hatte. Er hatte die Figur eines Unterwäschemodells und das entsprechende Gesicht. Große, schokoladenbraune Augen, eckiges Kinn, aristokratische Nase, hervortretende Wangenknochen ... ein echt heißer Typ. Außerhalb von Roma hatte ich noch nie einen so scharfen Italiener getroffen. Und er war mit Sicherheit der erste Mann, den ich jemals mit einem echten Schwert in der Hand und in voller Rittermontur gesehen hatte – Waffenrock, Beinlinge, Brustpanzer, das komplette Outfit. Irgendwie hinterließ der Anblick einen bleibenden Eindruck. In diesem Augenblick bemerkte ich den jungen Mann hinter ihm, genauso groß, aber etwas schmalere Schultern. Seine Augen waren hart und bewegten sich zwischen mir und dem Mann vor ihm hin und her. Er hob sein Schwert, so als wollte er gleich zuschlagen. „Pass auf!“, schrie ich. Der erste Mann zuckte zusammen – als würde ihm auf einmal wieder einfallen, wo er war –, wirbelte herum, wuchtete sein schweres Schwert vom Boden hinauf, beschrieb mit ihm einen Bogen und parierte den Schlag des anderen Mannes. Ich verabschiedete mich von dem Gedanken, dass das hier ein nachgespieltes Renaissancegefecht war. Doch 20


damit stand ich erneut vor der Frage, was um alles in der Welt hier eigentlich los war. Diese Männer kämpften auf Leben und Tod. Warum? Was war passiert? Die Frage starb in meinem Kopf, als mein Blick auf die nahe gelegene Burg fiel – die auf dem Hügel, die ein Trümmerhaufen gewesen war, als ich sie zum ersten Mal wahrgenommen hatte. Sie war keine Ruine mehr. Die Mauern waren intakt und der Turm so, wie er sein sollte. Blutrote Fahnen wehten von den Wehrgängen, die von der Verzierung her zu der Rüstung des zweiten Ritters passte und zu seinem Schild, das er immer wieder hob, um die Schläge des ersten Ritters abzuwehren. Meine Augen wanderten zurück zur Burg. Es war, als wäre ich in der Zeit zurückgegangen. Unmöglich. Ich musste träumen. Ich musste aufwachen. Wach auf, Gabi! Wach auf! Ich zwickte mich selbst, schüttelte den Kopf und schlug mir sogar auf die Wangen, aber die beiden kleinen Armeen waren immer noch da, und auch die Burg hatte sich kein bisschen verändert. Diese beiden Typen – Prinzen oder was? – kämpften, weil ...? Meine Hand wanderte zu meinem Kopf, während ich das bisschen Wissen zusammenkratzte, an das ich mich bezüglich der Geschichte des Mittelalters erinnern konnte. Wir hatten uns letztes Jahr in der Schule damit beschäftigt und meine Eltern hatten alles versucht, um wenigstens ein paar Samen davon in mein Hirn zu pflanzen, weil sie gehofft hatten, dass ich irgendwann so etwas wie ein historisches Wissen würde ernten können. Aber das Einzige, womit ich mich auskannte, waren die Geschichte und die Kultur der Etrusker. Alles andere, was sich in den letzten paar Tausend Jahren ereignet hatte, war in meinem Kopf zu einem einzigen Knäuel verknotet. Der rote Ritter pfiff und rief nach zwei Männern in der Nähe, dabei deutete er auf mich. Der gutaussehende Ritter warf einen Blick über seine Schulter und runzelte die Stirn, dann rief er ebenfalls nach seinen Männern. Plötzlich rannten sechs Männer los, alle in meine Richtung. Doch als sie aufeinandertrafen, fingen sie erst einmal an zu kämpfen. Mein Herz raste und ich drehte mich um, um in den Wald hinter mir zu flüchten. Aber auch da war schon ein Ritter – an der Farbe seines Waffenro21


ckes konnte ich erkennen, dass er aus der rot geflaggten Burg kam. Er schlich leise auf mich zu. Anscheinend hatte er sich um den Grabhügel herumgeschlichen, um mich zu überraschen. Jetzt richtete er sich aus seiner gebückten Haltung auf und lächelte, als wäre das hier so eine Art Fangenspiel. Ich konnte hören, dass hinter mir der Kampf in vollem Gange war. Erst ertönte ein Ruf, dann ein Schrei, so als wäre ein weiterer Mann verwundet worden. Der Ritter kam näher. Ich wich zurück, bis ich mit dem Rücken gegen die Steinmauer stieß. Währenddessen zerbrach ich mir den Kopf nach irgendeinem Fluchtweg aus diesem furchtbaren Albtraum. Verrückterweise dachte ich sogar einen Augenblick darüber nach, in die Grabhöhle zurückzurennen, aber dort hätte er mich innerhalb von Sekunden. Das war kein Traum; mein Angreifer war echt. Er grinste anzüglich und vermaß meinen Körper, als hätte er noch nie ein Mädchen in Hosen gesehen. Ich zögerte. Vielleicht hatte er das tatsächlich nicht. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich enge Jeans trug und ein Spaghettiträgertop, das nur von einer dünnen Strickjacke bedeckt wurde, die mir bis zu den Ellenbogen ging. Er lachte, dreckig, und war nun nahe genug, dass ich seine grünen Augen erkennen konnte. Und seine wirklich schlechten Zähne. Er hob die Schwertspitze und beobachtete mich, während er sie auf meine Kehle richtete. Sie hatte keinen stumpfen Knubbel wie die Übungsschwerter, die mein Vater und ich benutzt hatten. Diese hier war breit und so scharf geschliffen, dass ich Angst hatte, er würde mich damit verletzen. Ich stand so still wie nur möglich. Aber das war schwer. Ich zitterte unglaublich. Er fragte mich irgendetwas auf Italienisch, allerdings in einem Dialekt, über den ich erst nachdenken musste. Langsam übersetzte mein Hirn seine Worte. „Bist du eine Hexe?“ „Eine ... eine Hexe?“, entgegnete ich zögernd auf Italienisch. „Eine Hexe“, wiederholte er. „Ich habe dich gesehen. Habe gesehen, wie du da herausgekommen bist. Deine Kleidung ...“ Er machte einen Schritt nach vorn und zielte nun nicht mehr mit der Spitze, sondern mit der Seite seines Schwertes auf meine Kehle, damit ich auf meinem Platz blieb, er aber näher kommen konnte. Er griff mit der Hand in meine Haare. „Und dein Haar. Niemand erlaubt seinen Weibsleuten, 22


so herumzustolzieren. Bist du eine Hexe oder eine Normannin?“ Er spuckte Normannin aus, als wäre die Bezeichnung für die Nordfranzosen ein Schimpfwort. „Ich bin keine Hexe. Ich bin aus –“ Ich presste die Lippen zusammen. Er würde es mir ohnehin nicht glauben, wenn ich es ihm erzählte. „Hör mal zu, du Vollidiot“, sagte ich auf Englisch, was mir in meinem Frust Kraft gab. „Du willst überhaupt nicht wissen, woher ich komme. Das würde dich ja doch nur zum Ausrasten bringen. Es macht mich ja schon verrückt!“ Er lehnte sich zurück, als sei er über meinen Wutausbruch überrascht und von meiner seltsamen Sprache verwirrt. Doch dann drehte er sich um, weil er gemerkt hatte, dass sich jemand leise an ihn heranschlich. Ich hatte versucht, ihn abzulenken – mit bescheidenem Erfolg – schließlich waren diese Männer professionelle Soldaten. Das war offensichtlich. Er wehrte den schweren Schlag seines Angreifers ab, wobei er nur knapp verhindern konnte, dass sein Kopf wie eine Melone in zwei Stücke gespalten wurde. Ich musste von hier verschwinden. Eine Hand packte mich am Unterarm, und ich war kurz davor, einen Schrei auszustoßen, schluckte ihn aber in letzter Sekunde herunter. Es war der Ritter mit dem goldenen Waffenrock, der, den ich zuerst gesehen hatte. Aus der Nähe betrachtet sah er sogar noch heißer aus. Aber seine Augen waren nicht mehr weich vor Verwunderung. Sie waren hart und starrten mich fassungslos an. „Venga“, sagte er schroff auf Italienisch. Komm. Ich blickte über das Feld und entdeckte den roten Ritter. Er war verwundet und stützte sich mit den Armen auf die Schultern zweier seiner Männer. Er sah erst mich an, dann den Ritter neben mir, dann rief er irgendetwas. Der Mann, der mich hinterrücks hatte angreifen wollen, ließ sofort von dem goldenen Ritter ab und zog sich zu seinen Kameraden zurück. Die Ritter meines Beschützers ließen ihn ziehen, ungehindert, abgesehen davon, dass sie ihm ein paar Schimpfworte mit auf den Weg gaben. Die Schlacht war vorbei, warum auch immer. Sämtliche Ritter in Rot bestiegen ihre Pferde, machten lange Gesichter und ritten davon. Ich blickte zu den Männern hinauf, die nun um mich herumstanden und mich anstarrten. Plötzlich bekam ich weiche Knie. Ich war nun 23


unter dem Schutz – oder war ich die Gefangene? – der Typen von der goldenen Burg. „Ich hoffe, das sind die Guten“, murmelte ich.

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