Skip to main content

331354

Page 1

Harry Wollmann, dem scheidenden Direktor der Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor und seinem Nachfolger Matthias Frey gewidmet.

JĂźrgen Mette Vorsitzender des Stiftungsrats der Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor

Pfingsten 2013


Inhalt

Vorwort.................................................................................. 9 1. Zwischen wunderlich und wunderbar.............................. 17 2. Johannes Krebs................................................................. 31 3. Theodor Wendel............................................................... 41 4. Willy Scheyhing und die Hensoltshöher Schwestern „in der Füll“.................................................. 67 5. Esther Wortmann und die Lachener Diakonissen............ 75 6. Günter Carqueville............................................................ 87 7. Walter Stumpf.................................................................. 97 8. Epilog.............................................................................. 107

7


Dafür halte man uns: Für Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes. Übrigens sucht man hier an den Verwaltern, dass einer treu befunden werde.

1. Korinther 4,1-2 (Elberfelder)

8


Vorwort Schreiben ist der Versuch, sich nachträglich zu bedanken, sich in Dankbarkeit zu entschulden. Endlich das festzuhalten, was nicht verlorengehen darf, endlich denen zu danken, die uns schon vorausgegangen sind. Das rasante Lebenstempo zwingt uns, das Heute zu bewältigen und das Morgen vorausschauend zu planen. Zur Rückschau bleibt uns kaum Zeit. Wer aber nicht weiß, wo er herkommt, wer an seinem Lebensmuster mitgewebt hat, wird kaum etwas Bleibendes schaffen. Die Besinnung auf unsere Wurzeln und das Gedenken derer, die unser Leben nachhaltig geprägt haben, sind unermesslich wertvolle Ankerplätze auf unserer rastlosen Lebensreise. Vielleicht stimmt es tatsächlich, was der französische Philosoph Jaques Derrida gesagt hat: dass man stets um Vergebung bittet, wenn man schreibt. Ich fühle eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die mich geprägt haben. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass ihr Lebensbeispiel nicht verschwin9


det. Und ich würde mich auch gern noch für manch vorlauten Beitrag entschuldigen. Die Betroffenen können es zwar nicht mehr lesen, aber wir, Leserschaft und Autor, werden durch diese Lektüre vielleicht ganz neu navigiert, ausgerichtet auf das Ziel – und hoffentlich ein wenig weiser als zuvor. Ich habe mein gesamtes berufliches Leben inklusive Ausbildung in einem weltweit tätigen Diakonie- und Missionswerk mit Sitz in der oberhessischen Universitätsstadt Marburg zugebracht, dem Deutschen-Gemeinschafts-Diakonieverband (DGD). Auf diesen vier Standorten konnte ich gemäß meiner Gaben meine Berufung leben: Ausbildung in Marburg – Praktikum in Nürnberg – erste Stelle in Neustadt/Weinstraße – zweite Stelle in Marburg – Studium in Chicago – dritte und vierte Stelle in Marburg. Ich habe diese Organisation mit ihren vielfältigen Berufsgruppen und Arbeitsfeldern lieben und schätzen gelernt. Darum habe ich hier einige Biografien dokumentiert, die mein Leben und meinen Dienst geprägt haben. Eigentümliche Lebensnotizen aus dem DGD – irgendwo zwischen wunderbar und wunderlich. Die Auswahl der Biografien mag dem Leser nicht ganz stimmig vorkommen. Da fehlen doch viel wichtigere Leute aus dem Marburger Werk. Stimmt. Aber „wichtig“ war kein Kriterium für die Auswahl. Ich schreibe über Menschen, die mich 10


geprägt haben. Da fallen mir natürlich noch viele andere ein, auch außerhalb des DGD. Ich würde gern noch einige Lebensbilder schreiben, noch ist ja nicht aller Tage Abend. So treffen wir in diesem „biografischen Biotop“ Geschichten von leitenden Mitarbeitern aus dem DGD, Diakonissen aus den verschiedenen Mutterhäusern des DGD und Leuten aus der Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor. Diese Gemeinschaft besteht seit über hundert Jahren aus über tausend Mitgliedern: Männer und Frauen, die in Tabor ihre theologische Ausbildung absolviert haben, mit ihren Ehepartnern. Diese Lebensgemeinschaft bildet ein vitales weltweites Netzwerk aus engagierten Christen, die in Diakonie und Mission, Forschung und Lehre, Seelsorge und Beratung und vor allem im pastoralen Dienst tätig sind. Nach einer entspannt humorvollen Betrachtung der Organisation DGD mit ihren wunderbaren und wunderlichen Eigentümlichkeiten folgen sechs Lebensnotizen eines von Gott gehaltenen und geführten Lebens. Sie sind in dieser biografischen Kollektion gelandet, weil wir uns bei ihnen den Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs abschauen können und weil sie sich an Jesus Christus orientiert haben. Sie zählen allesamt nicht zur Prominenz, das Internet meldet kaum Treffer zu den Namen. Und genau darum sollten wir von ihrem „Nachlass“ – dem geistlichen Erbe – lernen und beschenkt werden. 11


Als ich vor 40 Jahren meinen zivilen Ersatzdienst im damaligen Brüderhaus Tabor in Marburg antrat, wusste ich nicht, dass „Tabor“ und der dahinter stehende Deutsche GemeinschaftsDiakonieverband (DGD) geistliche Heimat und Ort meiner Berufung und meines Berufes werden sollte. Aber ich habe es geahnt. Selbst als ich mich an anderen theologischen Seminaren bewarb und von dort Zusagen hatte, wusste ich bereits nach einigen Monaten, dass das „Brüderhaus Tabor“ – heute Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor – und damit der gesamte DGD der Ort meiner Lebensberufung sein sollte. Es war nicht der akademische Qualitätsvergleich der diversen Ausbildungsstätten, nicht die theologische Ausrichtung, die mich nach Marburg gezogen hatte. Am Anfang standen keine überzeugenden Konzepte, keine Statuten und Bekenntnisse, keine starken Prognosen und klugen Analysen. Am Anfang standen Menschen, prägende Gestalten aus den Diakonissen-Mutterhäusern und dem damaligen Brüderhaus Tabor, die mein Leben mitgestaltet haben und mir während meines zivilen Ersatzdienstes das Gefühl gaben: Hier gehörst du hin! Meine Eltern hatten uns von Kindesbeinen zu den großen Tagungen im Diakonissen-Mutterhaus Hebron im Marburger Stadtteil Wehrda mitgenommen. Mein Vater war Zimmermeister und selbstständiger Bauunternehmer. Ende der fünfziger Jahre hatte er einige große Aufträge auf dem Hebron-Berg übernommen. Aus einer Geschäftsbeziehung wurde eine Freundschaft, die 12


mich später nach Marburg führen sollte. Die Begegnung mit den Diakonissen hat meine Eltern geprägt und nachhaltig beeinflusst, sodass sie uns Jungs früh mit zu dieser Segensstätte genommen haben. Hier sollten wir etwas lernen, was sich im Rückblick als stabile Lebensprägung herausgestellt hat. Ich kann mich noch an ein großes Zelt auf dem Parkplatz am Oberweg in Wehrda erinnern, in dem die Pfingstjugendtreffen stattfanden, bis dann in den sechziger Jahren die Evangeliumshalle errichtet wurde. Dort wurde das geistliche Fundament meines Lebens gelegt. Mein Vater hat in mir früh die Liebe zu den Büchern geweckt. Als Teenager habe ich Lebensbilder von geistlichen Persönlichkeiten gelesen, besonders die Reihe von Arno Pagel über Frauen und Männer der Erweckungsbewegung. Meine Mutter war Anfang der 50er-Jahre durch den Dienst von Arno Pagel geistlich inspiriert worden. Er war Bundespfarrer des Deutschen Verbandes für entschiedenes Christentum (EC) und kehrte hin und wieder in meinem Elternhaus ein. Mitte der 60er-Jahre kam ich durch meine Besuche in Marburg mit den Hebron-Schwestern und den Tabor-Brüdern in Berührung. Die Männer drüben am Ortenberg jenseits der Lahn – respektvoll separiert –, die Frauen diesseits auf dem Hebron-Berg. So saßen wir bis in die Nächte in Haus Sonneck und diskutierten über die Frage, wie man in den 13


damals sprichwörtlichen 68er-Jahren seinen Glauben überzeugend leben kann. Wolfgang Baake war dabei – heute Geschäftsführer des christlichen Medienverbundes KEP und Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz am Sitz des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung –, Helmut Wöllenstein – heute Propst vom Sprengel Marburg-Frankenberg –, und viele andere. So lernte ich die theologischen Mitarbeiter von Hebron kennen: Kurt Zdunek, Günter Heßler und Willi Neureder, allesamt Absolventen des Brüderhauses Tabor. Wir erlebten tiefgehende Predigten von Theo Schnepel – dem Vorsteher des Mutterhauses –, Heinz-Jochen Schmidt und vielen anderen. Mehr als die starken Predigten inspirierte mich der Lebensstil der Hebron-Diakonissen, die einfach für uns junge Wilden da waren: Schwester Marie Jürgenmeyer, Schwester Hildegard Irle, Schwester Ellen Eckstein, die später unsere Tabor-Hausmutter wurde, und viele andere Diakonissen. Sie alle gaben mir das Gefühl von geistlicher Heimat. Eine Hebron-Schwester erzählte mir Jahre später, dass sie treu um meine Berufung in den geistlichen Dienst gebetet habe. Sie hatte wohl damals Talente in mir erkannt und mich fortan „ins Gebet genommen“. So wurden Hebron und Tabor, westlich und östlich der Lahn, zum Startplatz meiner Lebenspilgerreise. Der Zivildienst im Brüderhaus Tabor sollte ein Testlauf sein, ob ich in dieses Werk passen würde. 14


Ich dokumentiere diese Geschichten aus dem „Marburger Werk“, weil ich einen kleinen Beitrag gegen das Vergessen leisten möchte. Vergiss nicht, was diese Frauen und Männer dir Gutes getan haben! Ich erzähle Geschichten so, wie ich die einzelnen Gestalten erlebt habe. Und weil mich ihr Lebenszeugnis geprägt hat, fehlt mir die kritische und objektive Distanz. Es gäbe sicher auch aus jeder Biografie weniger Vorzügliches zu berichten. Darum erheben die einzelnen Beiträge keinen wissenschaftlichen Anspruch, darum verzichte ich auch auf Quellenverweise. Ich zitiere nicht, ich erzähle. Das ist in einer Zeit des generellen Plagiatsverdachtes ein komfortables literarisches Genre. Hinschauen, lernen, aufschreiben. Natürlich waren viel mehr Menschen für mich beispielhaft, aber ich beginne die nach vorn und hinten offene Sammlung von Biografien mit denen, die schon das himmlische Finale erreicht haben. Wer sich gründlich mit der theologischen Entwicklung „unseres Werkes“ beschäftigen möchte, mit den für unser Werk typischen „Linien“, der sei an die Dissertation von Dr. Frank Lüdke, Professor für Kirchengeschichte an der EH Tabor, verwiesen: „Diakonische Evangelisation – Die Anfänge des DGD 1899-1933, Stuttgart 2003. Ein Lesebuch gegen das Vergessen. 40 Jahre Erfahrungen mit prägenden Persönlichkeiten, die mein Leben mit ihrer Handschrift signiert haben. Ich schreibe aus Dankbarkeit! Jürgen Mette März 2013 15


1. Zwischen wunderlich und wunderbar Für das Startkapitel braucht die geschätzte Leserschaft Humor. Meine Erfahrungen in diesem und mit diesem Marburger Werk sind mit „wunderlich“ und „wunderbar“ treffend beschrieben. Wer sich am Wunderlichen erfreuen kann, wird am Ende mit Wunderbarem belohnt. Wer nichts zu lachen hat und nicht lachen will, soll hier aussteigen und bei Kapitel 2 weiterlesen, aber auch dort schreibe ich augenzwinkernd weiter. Mein erster Zugang zu Tabor und zum DGD erfolgte nicht über die Theologie, sondern über das Handwerk. Im Brüderhaus war man froh, einen gelernten Handwerker, nämlich einen Zimmermann auf dem Campus zu haben. Ein wahrhaft neutestamentlicher Beruf. So war ich mit dem Werkzeugkoffer 17


unterwegs, im Seminar, in diversen Dienstwohnungen der Dozenten, im Kindergarten, im Altenheim und auf dem Gutshof in Cyriaxweimar. Bevor ich Andachten hörte, bin ich Menschen begegnet, die mich beeindruckt haben. Einer davon war Heinrich Seuring, „Hausbruder“ genannt, nicht Hausmeister. Er war mein Chef und er wurde mein Vorbild. Er lebte die „Linien unseres Werkes“ auf solch eine bescheidene und gewinnende Weise, dass ich auch dazugehören wollte. In einem der Säle, in denen ich handwerklich zu tun hatte, befand sich die Fotogalerie der sogenannten Hauseltern aller DGD-Mutterhäuser und die von Tabor und oben drüber die sogenannten Werkeltern. Und der ganze große christliche Mischkonzern „Deutscher Gemeinschafts-Diakonieverband“ wurde „Werk“ genannt. „Unser Werk!“, so wurde mit gesundem Produktstolz die Institution verkürzelt, in der Gemeinschaftsverbände, Mutterhäuser, Lebensgemeinschaften, Kliniken, Verlage, Missionswerke und Bildungseinrichtungen zusammengefasst waren. Der oberste aller Oberen war der Werkvater. Nicht Werksvater, wie manche Außenseiter sagten, sondern Werkvater! Kein „s“ in der Mitte. An seiner Seite die Generaloberin – „Werkmutter“ genannt. Auch das hatte ich schnell verstanden, dass die ganze Führungsriege sich nicht „Vorstand“, sondern „Hauselterntagung“ 18


nennt, wenn sie zweimal im Jahr zusammenkommen. Und dass das nichts mit einem Treffen der Hauseltern der Freizeitheime zu tun hat, war auch mir bald klar. Denn Hauseltern gab es in meiner Wahrnehmung nur in Jugendherbergen. Wenn die regional rotierende Hauselterntagung in einem Mutterhaus oder in Tabor tagte, dann wurde großer Aufwand betrieben. Zuweilen wurde eigens dafür reserviertes Gestühl vom Speicher geholt und das exklusive Tafelsilber gedeckt. Die Oberinnen von etwas kürzerer Statur bekamen an ihren Stammplätzen am Konferenztisch gepolsterte Fußschemel bereitgestellt. Ein liebevolles Detail der Wertschätzung, das mir haften geblieben ist. Die Köpfe der behaubten und unbehaubten Führungskräfte hatte ich mir öfters an dieser Bildcollage betrachtet und eingeprägt. Ich war gespannt, sie kennenzulernen. Die sahen alle einigermaßen streng aus, einige gütig und milde, fast alle weißhaarig und im letzten Lebensquartal befindlich, außer meinem nordhessischen Landsmann Helmut Fröhlich. Der sah auffällig jung aus und machte seinem Namen alle Ehre. Einen der Namen auf der Collage musste ich mühsam buchstabieren, dem widme ich auch eine Geschichte. Das ist ein interessantes Führungsmodell, dachte ich mir mit meinen 20 Jahren. Ein Paar an die Spitze einer Organisation zu setzen, das sich „Vater“ und „Mutter“ nennt, aber natürlich 19


nicht miteinander verheiratet ist, und sich von den „Kindern“, die sie zu leiten haben – den Diakonissen und Taborbrüdern – mit „Bruder“ und „Schwester“ anreden lässt. Geschwister und zugleich Eltern. Solch ein familiäres Personalkonstrukt gab es nur in „unserem Werk“. Die Gründerin der Communität in Selbitz zum Beispiel wurde „Frau Mutter“ genannt. Kommunitäre Lebensformen entwickeln ganz eigene und zuweilen eigentümliche Protokolle und die dazu gehörige Sprachkultur, die dem externen Betrachter „vatikanisch“ vorkommt. Das alles war ziemlich fremd für mich, irgendwo zwischen kurios und heilig. Aber bekanntlich hat jede Regel eine Ausnahme, aber das hatte mir keiner erklärt. Ich war nur noch nicht ganz heimisch in den „Linien unseres Werkes“. So saß ich einmal beim Telefondienst in der Tabor-Pforte, einem mit Gardinen behangenen Glaskasten, als ein gepflegter Volvo der Oberklasse vorfuhr. Eine kantige schwere Karosse, wie sie damals vorzugsweise vom Öko-bewegten Bildungsbürgertum gefahren wurde; oder auch vom Staatsratsvorsitzenden auf dem Weg zwischen dem Palast der Republik und dem Landsitz in Wandlitz. Indessen war Georg Wehrheim, der Tabor-Direktor, in einem grünen Opel Rekord unterwegs. Ohne Chauffeur. Das gab mir damals bereits Aufschluss über die finanziellen Verhältnisse im „Werk“. Tabor war nie in der Verlegenheit der monetären Rücklagenbildung, aber wenn es eng wurde, stand die Werk-Familie verlässlich zusammen. In den 25 Jahren meiner Zugehörigkeit zum Aufsichtsgremium 20


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
331354 by Fontis-Shop - Issuu