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Leseprobe


» Kinder haben ein feines Gespür für Echtheit. Sie wissen, was gut ist und was nicht. Ich bin überzeugt: sie werden dieses Kinderbuch lieben, denn in jeder Geschichte tummeln und entfalten sich Humor, Kreativität und Liebe! Wunderbar!« Torsten Hebel Kuddel und Muddel sind die besten Freunde, die man sich vorstellen kann. Eigentlich heißen sie Kai und Milli, aber so nennt sie in dem Mietshaus, in dem die beiden mit ihren Familien wohnen, niemand. Zumindest nicht ihre Nachbarn Frau Stinkfeld, Ehepaar Meyer mit Ypsilon und Knutsen, der vor einer halben Ewigkeit mal Pfarrer war und einen guten Draht zu Gott hat, wie er immer sagt. Wahrscheinlich hat er deshalb auch so abgefahrene Geschichten auf Lager. Geschichten, die sich manchmal einfach selbstständig machen. Denn was können Kuddel und Muddel dafür, wenn die Froschgeschichte sie irgendwie auf dumme Ideen bringt und für ziemliches Chaos sorgt? Oder wenn es so doll regnet, dass sie für den Ausflug zum Metzger eine Arche brauchen ... Sven Gerhardt · Kuddel und Muddel Mit Bildern und Comics von Nina Dulleck ISBN 978-3-86827-328-1 · 128 Seiten · € D 9,95


Das Trompetenchaos Das nächste Kuddelmuddel geschah an einem sonnigen Samstagmittag und war das bisher schlimmste. Zumindest haben Milli und ich dafür die härteste Strafe bekommen. Aber der Reihe nach. Alles fing damit an, dass ich von meinem Taschengeld auf dem Flohmarkt der Kirchengemeinde, in der Knutsen mal der Pfarrer war, eine alte Trompete gekauft habe. Sie sollte ein Geschenk für meinen Vater werden, denn der ist ein großer Fan von Louis Armstrong, einem bekannten Jazztrompeter. Eigentlich wollte ich ihm eine Karte für ein Konzert schenken, aber während des Computerkurses in der Schule habe ich im Internet herausgefunden, dass Louis Armstrong seit vielen Jahren nicht mehr lebt. Deshalb war ich sehr froh, als ich das goldene Instrument auf einem Tisch zwischen Benjamin-Blümchen-CDs, alten Schallplatten und jeder Menge unbrauchbarem Krimskrams entdeckte. Ich habe dem Verkäufer der Trompete, einem kleinen Jungen mit Zahnlücke, zwei Euro für das gute Stück


geboten. Eigentlich sollte sie 30 Euro kosten. Absoluter Wucher, wie ich fand. Als seine Eltern kurz nicht guckten, war der Knirps einverstanden und nahm strahlend die beiden Münzen entgegen. Milli hatte sich in der Zwischenzeit eine Faschingsmaske mit einem Katzengesicht gekauft und kam damit überglücklich auf mich zugerannt. Ich fand das Ding ziemlich hässlich, aber das habe ich ihr natürlich nicht gesagt. Immerhin sind wir gute Freunde und ich wollte nicht, dass sie sauer auf mich wird. »Was hast du denn da für ein olles Blechgerät gekauft?«, lachte Milli, als sie die Trompete erblickte. Beinahe hätte ich doch noch was über ihre Katzenmaske gesagt, aber ich konnte es mir gerade noch verkneifen. »Soll ein Geburtstagsgeschenk für meinen Vater sein«, murmelte ich beleidigt und dann machten wir uns auf den Nachhauseweg. Unterwegs probierte ich das Instrument aus, doch es war gar nicht so leicht, einen Ton herauszubekommen. »Du musst die Lippen spitz machen und dann kräftig pusten«, meinte Milli. »Ich hab das mal im Fernsehen gesehen!« Und tatsächlich – sobald ich die Lippen zusammen-


kniff und fest gegen das Mundstück presste, kam ein Ton heraus. Zuerst leise und kurz. Doch nach ein paar Versuchen hatte ich den Dreh raus und trötete schiefe Töne durch die Mittagsruhe.

Ich musste an eine Geschichte denken, die Knutsen uns mal erzählt hatte. Sie handelte von einem Mann names Josua, der mit seinen Leuten die Stadt Jericho eingenommen hatte. Das Besondere war, dass sie die


Mauern der Stadt zum Einstürzen brachten, indem sie sieben Mal um Jericho herummarschierten und dabei trompeteten. Den Trick hatte Gott ihnen beigebracht. Ich konnte mir gut vorstellen, dass das funktionierte. Denn wenn sieben kräftige Männer mit aller Kraft in ihre Trompeten pusteten, gab das sicherlich einen fürchterlichen Lärm. Als wir zu Hause ankamen, wollte Milli gerade auf den Klingelknopf drücken, als ich eine tolle Idee hatte. »Ich gehe sieben Mal an unserer Haustür vorbei und trompete, so laut ich kann. Vielleicht bekomme ich sie ja dadurch auf!« Milli fand die Idee nicht besonders gut. Sie hatte von meinem vielen Getröte auf dem Heimweg schon Ohrenschmerzen. Aber weil sie so eine gute Freundin ist, gab sie nach. Allerdings verzog sie sich in sichere Entfernung hinter die Mülltonne, setzte ihre Maske auf und hielt sich die Ohren zu. Ich holte, so tief wie ich konnte, Luft, spitzte die Lippen und presste den Mund, so fest es ging, an das Instrument. Dann pustete ich mit aller Kraft hinein, sodass mir fast schwindelig wurde. Genau in dem Moment, als aus der Trompete ein unglaublich lauter und schiefer Ton herausschoss, bog Frau Meyer mit ihrem Fahrrad in unseren Hof ein.


Vor Schreck riss sie bei voller Fahrt ihren Lenker nach rechts und raste in Richtung Mülltonnen. Milli wollte sich in Sicherheit bringen und sprang hinter den Tonnen hervor. Als Frau Meyer die Katzenmaske erblickte, schrie sie laut auf. Keine Sekunde später donnerte sie in die Wäschespinne, auf der Frau Stinkfeld ihre Bettlaken zum Trocknen aufgehängt hatte. Frau Meyer verfing sich in den Laken und ihr Fahrrad kam mit einem lauten Knall am Auto meines Vaters zum Stillstand. Und obwohl ich erst ein Mal trompetet hatte, öffnete sich die Haustür. Allerdings nicht von selbst, sondern es war meine Mutter, die aufgeregt nach draußen stürmte. »Was in aller Welt ist denn hier los?«, rief sie und


entdeckte dann Frau Meyer in der Wäschespinne. »Was wird wohl los sein?!«, brüllte diese und versuchte sich zu befreien. Sie war kreidebleich und in ihrer Dauerwelle hingen ein paar Wäscheklammern. Aber ansonsten schien es ihr gut zu gehen. »Diese beiden Gören mit ihrem ständigen Kuddelmuddel bringen mich noch ins Grab!«, schimpfte sie und Mama wurde rot vor Wut. »Sofort nach oben«, befahl sie mir mit strengem Blick und zu Milli sagte sie, dass sie am besten auch ganz schnell reingehe. Ich verzog mich sofort in mein Zimmer. Vom Hof her konnte ich aber weiterhin Frau Meyer schimpfen hören. Die Trompete versteckte ich vorsichtshalber in meinem Kleiderschrank, damit Mama sie nicht beschlagnahmte. Inzwischen war ich mir auch nicht mehr sicher, ob sie tatsächlich ein passendes Geburtstagsgeschenk für meinen Vater wäre oder ob ich sie nicht lieber zurückgeben sollte. Etwa eine halbe Stunde später bekam ich dann die Rechnung für das Trompeten-Kuddelmuddel: Das Taschengeld wurde mir für die nächsten drei Monate


gestrichen. Damit sollte die Reparatur von Frau Meyers Fahrrad finanziert werden. Außerdem musste ich Frau Stinkfeld helfen, ihre Wäschespinne zu reparieren und die Bettlaken zu reinigen. Zu allem Übel hatte Papa auch noch Ärger mit der Autoversicherung. Für Schäden, die durch Trompeten und Kinder mit Katzenmasken entstanden waren, wollte die nicht so ohne Weiteres aufkommen. Das bedeutete dann auch noch zwei Wochen Fernsehverbot. Das Schlimmste jedoch war, dass ich gemeinsam mit Milli und einem Strauß Blumen bei den Meyers vorbeischauen musste, um mich für die Sache zu entschuldigen. Uns tat das Ganze natürlich sehr leid, doch die Meyers waren wirklich völlig unentspannt. Eine halbe Stunde redeten sie auf uns ein und schimpften. Was genau sie gesagt haben, wissen wir jedoch nicht, weil wir uns vorher sicherheitshalber Ohropax in die Ohren gestopft hatten. Als wir bei den Meyers fertig waren, begegneten wir Knutsen im Treppenhaus. »Ich habe von eurer Trompetenaktion gehört«, sagte er und zog an seiner Pfeife. »Hat mich irgendwie an Jericho erinnert!«


Er schmunzelte kurz, kratzte sich am Kinn und sagte dann mit ruhiger Stimme: Macht euch nichts draus. Ich habe als Kind auch viel Kuddelmuddel gemacht, das mir hinterher leidgetan hat. Pfarrer konnte ich trotzdem werden. Dann lächelte er und verschwand in seiner Wohnung.


Besucht Kuddel und Muddel im Internet: www.kuddelundmuddel.de


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