Skip to main content

331321

Page 1

Vorwort

I

mmer mehr Kirchen und Gemeinden verstehen sich als missionarisch-diakonische Agenten Gottes, die den Auftrag haben, den Menschen nicht nur das Wort Gottes zu predigen, sondern auch deren Lebensraum zu verändern. Evangelisation findet hier in Wort und Tat statt. Dabei kann die Liebestat, der diakonische Dienst, das transformative Handeln der Gemeinde vor Ort ganz unterschiedliche Gestalt annehmen. So wie eine Kultur unterschiedliche Formen entwickeln kann, so auch die Projekte von Gemeinden. Zuweilen kÜnnen sie recht unerwartete, erstaunlich erfrischende und innovative Formen annehmen. 7


Es ist unsere Absicht, Ihnen als Leser diese unterschiedlichen Ideen und Formen vorzustellen. Erfreuen Sie sich an der Vielfältigkeit des kirchlichen Lebens. Lernen Sie von anderen und lassen Sie sich zu eigenen, kreativen Formen der Gesellschaftstransformation in den Herrschaftsbereich Gottes inspirieren. Gott hat uns Menschen mit einem Sinn für Schönheit und kunstvolle Vielfalt ausgerüstet. Wir sind sein Ebenbild. Und er, unser Schöpfer, geht verschwenderisch mit seiner Kreativität um. Staunen Sie nicht auch jedes Jahr neu, wie abwechslungsreich die bunte Pracht der Natur ist? Sind Sie auch fasziniert von der herrlichen Formenvielfalt der Schneeflocken? Jede hat ihre eigene Form. Jede ihr eigenes Design. Und das milliarderfach! Oder die Konstellation der Wolken am Himmel! Was habe ich als Kind nicht alles in diesen Wolkenbildern gesehen! Oder haben Sie schon einmal Ihren Kopf hochgerissen und versucht, zusammen mit einem geliebten Menschen die Sterne am Himmel zu zählen? Unsere Welt ist prachtvoll und mit der Schönheit Gottes geschmückt. Wer in diese Welt Gottes als Mitschöpfer einsteigen will, der wird die Fülle des Ausdrucks lieben. Nur unverbesserliche Traditionalisten halten an den musealen Formen der Vergangenheit fest. Leben, echtes Leben, bahnt sich neue Wege. Und diese 8


neuen Wege des missionalen Lebens darzustellen ist unsere Absicht in diesem Buch! Freilich stellen wir nicht nur Ideen dar, sondern gelungene und praxiserprobte Konzepte. Es sind Ideen, die ihre kreative Form bereits praxisnah gefunden haben. Ideen, durch die das Reich Gottes auf neue, frische Weise gebaut wurde. Menschen haben Hilfe erfahren und ihr Lebensraum hat dabei mehr Qualität bekommen. Nicht selten sind sie auch zum persönlichen Glauben an Jesus Christus gekommen. Genau darin sehen wir unsere Mission: Die ganze Welt soll unter die Herrschaft Gottes kommen, hat er sich doch in Christus mit dieser Welt versöhnt und uns zu Botschaftern seiner Versöhnung gemacht (2Kor. 5,18). Demgemäß sind alle hier vorgestellten Projekte so gewählt, dass sie nicht nur soziale Hilfe ermöglichen, sondern die ganzheitliche Transformation der Menschen und ihrer Lebensräume zum Ziel haben. Man sollte daher beim Lesen nicht in die Gefahr fallen, nur die soziale Seite zu sehen, sondern die Chance der Idee begreifen, den Menschen nach Leib, Seele und Geist zu erreichen, damit er oder sie zu einem neuen Menschen in Christus werden kann (2Kor. 5,17). Und schließlich verfolgen wir mit diesem Buch die Absicht, biblische Wahrheiten durch die aktuelle Praxis der Gemeinden zu illustrieren. Die 9


Echtheit der Schrift wird ja bekanntlich nicht allein im intellektuellen Diskurs ermittelt, sondern in ihrem Lebensbezug. Gottes Wort kommt nicht leer zurück, verspricht uns die Heilige Schrift selbst. D. h.: Missionales Leben der Gemeinden ist ein von der Wirksamkeit des Wortes Gottes im Leben der Menschen durchdrungenes Handeln. Allein das zu beobachten ist bereits ein besonderes Geschenk. In diesem ersten Band der Reihe „Ideenbörse zum gesellschaftsrelevanten Gemeindebau“ stellen wir Ihnen eine Idee vor, die eine bewusste Hinkehr zu Schönheit und Kunst in unserem Dasein verlangt. Genießen Sie es. Johannes Reimer und Stefanie Littau Bergneustadt, im Sommer 2011

10


1. Die Idee und das Konzept

Gemeindearbeit mit Stil – Was ist gemeint? Gemeindearbeit mit Stil ist ein Konzept der kirchlichen Gemeinwesenarbeit (GWA). Es ist entwickelt worden, um Menschen, die durch ihre Biografie finanziell und sozial benachteiligt sind, den Sinn für Schönheit und Stil zurückzugeben und sie so dem Urquell aller Schönheit, Gott, näherzubringen. Wenn ich an solche Menschen denke, dann steht mir beispielsweise Leo vor Augen. Noch heute kann man an seiner imposanten Erscheinung erkennen, dass dieser Straßenbettler ein11


mal ein ganz anderes Leben geführt hat. Und tatsächlich, Leo war Geschäftsmann. Er verdiente viel Geld, besaß ein großes Haus und sogar ein Ferienhaus in der Toskana. Aber dann kam die Finanzkrise. Auch Leos Betrieb brach ein. Seine Kunden zahlten nicht mehr und es dauerte nicht lange, und die langen Finger der Banken nahmen ihm alles weg, was er besaß. Zurück blieb ihm nur seine Frau und die zwei kleinen Kinder. Und dann passierte dieser dumme Unfall. Leo hatte zu viel getrunken. Er hätte sich nicht ans Steuer seines Wagens setzen sollen. Seine Frau bat ihn sogar darum. Aber Leo bestand darauf, selbst fahren zu wollen. An einer unübersichtlichen Kurve verlor er die Kontrolle über den Wagen und prallte frontal mit einem entgegenkommenden PKW zusammen. Seine Frau und die beiden Kinder starben noch an der Unfallstelle und er selbst verbrachte viele Monate in Kliniken. Als er endlich entlassen wurde, war Leo ein anderer Mensch. Bald darauf verließ er seine Wohnung, wo ihn jeder Gegenstand buchstäblich anklagte, und lebte seitdem auf der Straße. Seit einiger Zeit lebt Leo wieder in einer kleinen Wohnung, aber er betritt sie recht ungern. Sie ist schmutzig und überaus unwohnlich. Gerne hätte er wieder ein besseres Zuhause. Aber das wenige Geld, das Leo vom Sozialamt bekommt, 12


reicht weder vorne noch hinten. So lässt er seinen Entschluss, in der Wohnung aufzuräumen, immer wieder fallen. Oder ich muss an Ina denken. Sie kam mit ihrer großen Familie aus Osteuropa. Ihr Mann fand in Deutschland leider keine Arbeit und sie selbst schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Geld hatte sie eigentlich nie. Schon bald kannte sie jede Essensausgabe und jede Hilfsinitiative vor Ort. Alles, was sie selbst oder auch ihre Kinder auf dem Leib trugen, stammte aus irgendeiner Spende. Und entsprechend sahen sie alle auch aus. Die Kinder wurden für ihr schäbiges Aussehen gehänselt und sie selbst verzweifelte öfter an ihrem eigenen Äußeren. Nicht nur einmal überlegte sie, mit ihrem Mann zurück in ihre osteuropäische Heimat zu gehen. Auch da lebten die Menschen in großer Armut, aber irgendwie waren sie alle arm und unterschieden sich kaum voneinander. Hier, in Deutschland, stach Ina und ihre Familie aus der Masse heraus. Aber was sollte sie tun? Attraktivität und Schönheit kosteten Geld, und Geld hatte sie nicht. Schließlich gab Ina auf und ließ sich langsam nur noch fallen. Wer ihr begegnete, der gab ihr zehn bis fünfzehn Jahre – mehr nicht. Solchen Menschen wie Leo und Ina Hoffnung zu geben – darum geht es uns in unserem Pro13


jekt. Es ist ein bewusst christliches Projekt. Und das bedeutet für uns, dass Gott ein Teil des Ganzen ist. Ohne ihn würden wir gar nicht erst anfangen. Es ist eine gute christliche Tradition, die Hinwendung an Gott, die wir Gebet nennen, mit einem lauten Amen zu beenden. Amen steht hierbei für „So ist es!“ und soll das innere Einverständnis mit dem gesprochenen Gebet anzeigen. Gemeindearbeit mit Stil ist ein solches Gebet, und wir laden Menschen ein, die Ideen dieses Projekts auszuprobieren. Vielleicht dient Ihnen dieses Büchlein mehr als Anregung, um eine andere, viel bessere Idee zu entwickeln und umzusetzen. Es wäre gut so, beabsichtigt und (von uns) auch gewollt. Sicher würden nicht nur wir zu einer guten Idee unser lautes Amen sagen. Theologische Grundlage – Aufgabe der Gemeinde Wieso überhaupt ein Projekt? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir erst einmal einen tieferen Blick in die Bibel und in den Auftrag wagen, den Gott seiner Gemeinde gegeben hat. Wir glauben, dass eine Gemeinde, die ihren Auftrag im Sinne eines ganzheitlichen und ge14


sellschaftsrelevanten Geschehens sieht und den Einzelnen in seiner Lebenslage wahrnimmt, Zukunft hat. Mitten in ihrer Hoffnungslosigkeit sorgt sie dafür, dass zerrüttetes Leben geordnet wird und Hoffnung erhält. Eine Gemeinde, die sich auf die Menschen konzentriert, bringt Qualität in die Tristesse des Alltags und gibt denen Hoffnung, die hoffnungslos sind. In 2Kor. 5,18-21 wird eine solche Gemeinde als Botschafterin der Versöhnung der Welt mit Gott vorgestellt. Es ist ein einzigartiger Auftrag, den Gott seiner Gemeinde gibt. Kein anderer kann sonst im Namen Gottes auftreten und handeln. Gott hat es seiner Gemeinde versprochen, ihm bei der Erfüllung des Auftrages zu assistieren (Mt. 28,20) und es ist ein besonderes Privileg, dass Gott zu seiner Gemeinde sagt, dass sie „die Fülle all dessen, der alles in allem erfüllt“ besitzt (Eph. 1,23). Als eine von Gott beauftragte Gemeinde ist sie befähigt und berufen, die Kultur und Gesellschaft positiv zu prägen und zu transformieren. Dies setzt selbstverständlich voraus, dass Kirche wieder zur Gemeinde Jesu wird. Dadurch, dass wir über ein Gebäude ein Schild hängen, auf dem steht, dass es sich um eine soziale Institution handelt, wird aus dem Schuppen noch keine Institution, die sozial orientiert ist. Form und Inhalt müssen 15


schon übereinstimmen, wenn entsprechende Resultate erwartet werden. Wenn die Kirche eine Gemeinde im Sinne Jesu werden will, dann sollte sie ihren ekklesialen Charakter wiederentdecken. In Mt. 16,18 bezeichnet Jesus die Gemeinde als die „Ekklesia“, die aus der Welt herausgerufene Gemeinde, die Verantwortung für die Welt übernehmen soll. Sie ist keine Institution wie die anderen. Sie ist seine Gesandte, die den Auftrag, den er selbst von Gott erhielt, weiterführen soll: „Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh. 20,21). Und Jesus kam in die Welt, um die Welt mit Gott zu versöhnen (2Kor. 5,19). Was macht die Gemeinde Jesu folglich ganz praktisch aus? Eine Kirche, die sich als von Gott in der Welt beauftragt sieht, beschäftigt sich nie um interne Themen allein. Sie identifiziert sich mit ihrem Auftrag. In den Worten des II. Vatikanischen Konzils gesprochen bedeutet dies: „Die Kirche ist von ihrem Wesen her missionarisch, oder sie ist keine Kirche mehr.“ Ist aber die Kirche für die Welt da, dann kann ihre Platzanweisung nur in der Welt sein. Und in die Welt wird sie sich hineinbewegen müssen, wenn sie sich selbst und ihrem Auftrag treu sein möchte, gemäß dem Missionsbefehl Jesu aus Matthäus 28,18-19: 16


„Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“ Doch wie transformiert man ein Volk bzw. einen sozialen Raum in einen von Gott bestimmten Lebensraum? Wie spricht man in die Hoffnungslosigkeit der Menschen und lehrt sie ein Leben, wie Gott es sich vorstellt? Die einzige Antwort ist, indem man sich diesem sozialen Raum nähert und sich seine Anliegen, Bedürfnisse, Sehnsüchte und Probleme zu eigen macht. Eine missionale Gemeinde macht nur Sinn, wenn sie entschieden und bewusst zu einem wichtigen Akteur im sozialen Raum wird. Nur mitten unter den Menschen kann sie Gottes Mission der Versöhnung leben und effektiv verwirklichen. Sie muss also mittendrin leben. Aber wenn wir unsere Gemeindelandschaft betrachten, müssen wir zugeben, dass die meisten unserer Gemeinden NICHT so leben. Sie sind klassische Veranstaltungshäuser, in denen man sich regelmäßig, meistens sonntags, zu den Themen der Gemeinde versammelt und Menschen zu diesen Themen einlädt. Nicht andersherum. Eine Gemeinde, von der wir sprechen, versucht sich der Themen der Menschen anzunehmen und darauf eine Antwort zu finden. Auch wenn die Antwort nicht immer von allen in der Gemeinde verstanden wird. Der Versuch zählt. Und 17


Gott stellt sich zu seiner Gemeinde – so wie er es schon immer getan hat, wenn Menschen seinen Auftrag ernst nahmen. Gemeindearbeit mit Stil bedeutet also auch, dass die Kirche Jesu Christi zu sich selbst und zu ihrem gottgegebenen Auftrag zurückkehren muss. Sie muss wieder mitten im Ort „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ werden. Nur dann können die Menschen die guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen (Mt. 5,13-16). Wenn wir den Auftrag richtig verstehen, kann dies für eine Gemeinde nur bedeuten, dass sie in der Spannung lebt, ganz in der Welt und doch nicht von der Welt zu sein. „Mission in kreativer Spannung“ nannte es der berühmte südafrikanische Missionstheologe David Bosch. Mittendrin in der Gesellschaft heißt somit mittendrin im transformativen Auftrag. Praktisch bedeutet dies, an der Verbesserung der Lebensqualität, an der Lösung der Konflikte, an der Integration im gemeinsamen Lebensraum zu arbeiten. Und dies entspricht dem, was sich Gott einmal gedacht hat. Wer so etwas will, der muss mit einer Alternative kommen, die Menschen bewegt. Anders lässt sich die soziale Tristesse in unseren Städten und Dörfern nicht ändern. Die Gemeinde kann und soll somit eine Kontrastgesellschaft sein. Sie darf sich niemals auf die Ebene einer wendehals18


ähnlichen politischen Partei reduzieren lassen. Und doch ist sie eine Kontrastgesellschaft mit einem menschlichen Gesicht, mit einer präzidenzlosen Liebe zu den Mühseligen und Beladenen und einer unbändigen Sehnsucht danach, „diese zu erquicken“. Eine solche Gemeinde wird zum Leben anleiten und somit immer wieder auch den Weg zum Urquell allen Lebens zeigen. Sie verkündigt das Evangelium vom Reich Gottes in Wort und Tat, am Sonntag und im Alltag. Als Gemeinde brauchen wir neu die Hoffnung, dass die Zeit kommt und wir an vielen Orten unseres Landes Menschen mit leuchtenden Augen aus den Türen der christlichen Gemeinden und aus ihren Projekten wie z.B. dem Projekt der Wohnraumgestaltung kommen sehen. Es ist die Hoffnung, die jeden Einzelnen mit neuer Kraft erfüllt, für die Transformation der Gemeinden zu arbeiten. Eine Hoffnung, die nicht nur am Sonntag, sondern vor allem im Alltag ihren Glauben lebt.

19


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook