Vorwort
„Mischt euch ein!“ So titelte „Die Zeit“ in einer Ausgabe im Juni 2011, in der mehr Bürgerengagement eingefordert wurde. In einem Interview diskutierten die beiden Bestseller-Autoren Stéphane Hessel, 93, ehemaliger Widerstandskämpfer aus Paris, und Richard David Precht, 46, Philosoph und Publizist, wie ein mündiges, bürgerliches Engagement in der Gesellschaft heute aussehen kann. Ein Beleben des demokratischen Bewusstseins heißt für sie, sich einzumischen, mitzureden, aufmerksam zu sein und nicht nur sich selbst zu sehen. In diesem Geiste sehen wir auch dieses Buch, das Kirchen und Gemeinden, Christinnen und Christen ermutigen und aktivieren möchte, ihr Engagement im Sinne des Auftrages Gottes und zum umfassenden Wohl der Menschen an ihrem Ort zu leben. Wie schon in Band 1 („Die Welt umarmen“) und Band 2 („Die Welt verändern“) theologisch dargestellt, gehen wir davon aus, dass Gott als Schöpfer diese Erde mit „allem, was darinnen ist“, liebt und möchte, dass die Menschen in gegenseitiger Verantwortung und nach seinem Willen leben. Wir glauben, dass die Kirchen und Gemeinden in Deutschland nicht dazu berufen sind, sich nur um sich selbst zu kümmern, sondern einen Auftrag haben, mit den Menschen um sie herum Leben zu teilen und dadurch Gottes Liebe und Gottes Lebensalternative sichtbar zu machen. Dazu dürfen, ja müssen sich Christinnen und Christen in die gesellschaftlichen und kulturellen Abläufe ihres Ortes einmischen. Diese zu erkennen – dafür ist dieses Buch als Sehhilfe konzipiert und geschrieben worden. Dabei ist dieses Buch kein „next seven steps“ Methodenbuch, auch wenn es viele praktische Anwendungen und Tools gibt. Wer sich mit dem Lebensraum der Menschen und der Kontextanalyse beschäftigt, macht sich auf eine Reise, die bei sich selbst anfängt, dem eigenen Glauben und Verständnis von Gemeinde und Welt und dann zu den Nachbarn, Kollegen und Mitbewohnern des Ortes schreitet. Es geht um eine geistliche Perspektive, in der wir lernen, wie Gott uns und die Menschen an unserem Ort sieht. Nicht nur in ihrem individuellen Sein, sondern auch in ihren alltäglichen Lebensstrukturen. Der Zyklus der Kontextanalyse als Sehhilfe der Gemeinde soll dabei helfen, diese Lebensstrukturen und die darin lebenden Menschen besser zu verstehen. Da wir manchmal gerade für das Alltägliche „blind“ werden, ist dies oftmals besonders nötig. Das Buch ist ein Arbeits- und Praxisbuch, das Hilfe und Anleitung gibt, um eine Kontextanalyse selbstständig durchzusetzen. Dabei werden wir, was typisch für Gesellschaftstransformation ist, interdisziplinär vorgehen und uns vor allem aus den Disziplinen der Soziologie und Sozialen Arbeit bedienen und da besonders in der Ge-
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meinwesenarbeit. Dieses Buch ersetzt kein Soziologiestudium, aber Soziologen und Sozialarbeiter haben geholfen es zu schreiben. Dafür sind wir sehr dankbar. Weil dies so ist und weil die Zielgruppe dieses Buches sich an Kirchen und Gemeinden wendet, geht es nicht um eine professionelle soziologische Kontextanalyse, dies sollen die Profis machen, sondern um eine Hilfestellung, selbstständig seinen eigenen Ort zu entdecken. Neben der soziologischen Analyse gibt es dabei die geistliche Ebene, die nicht immer so einfach gemessen werden kann. Dabei sind die Grenzen zwischen beiden Ebenen fließend und manchmal gar nicht genau zu trennen, da manches vom Reich Gottes sichtbar im sozialen Miteinander von uns Menschen und anderes in der unsichtbaren Welt verborgen bleibt. Dies macht die Kontextanalyse zu einer spannenden Reise, und wir finden gerade das interdisziplinäre Arbeiten fruchtbar und erstrebenswert. So kann die Ortsgemeinde dann effektiver und zielgerecht ihre Mission leben. Wir sind nicht die Einzigen, die zurzeit diesen Weg gehen, und freuen uns, dass es in den letzten Jahren geradezu einen Aufbruch gegeben hat und sich viele auf den Weg machen, gesellschaftsrelevant Gemeinde leben zu wollen. Im Kontext der Evangelischen Kirche (EKD) hat sich seit 2007 für dieses Miteinander ein neuer Begriff gegründet und rasche Verbreitung gefunden: Gemeinwesendiakonie (Horstmann und Neuhausen 2010, 1). Gemeinwesendiakonie hat das Ziel, das diakonische Handeln wieder in die Gemeinde zu integrieren und nicht erst auf die soziale Notlage der Menschen zu reagieren. Dafür sollen funktionierende Sozialräume gestaltet werden. Aus der kirchlichen Gemeinwesenarbeit erwachsen dann vielfältige missionarische Angebote. So wird die Kirche ihrem umfassenden Missionsauftrag gerecht. Dass die „Reise zu den Menschen“ verändert, erleben wir selbst in unserem Studienprogramm Gesellschaftstransformation, in dem wir uns mit dem Themenkomplex Kontextanalyse immer wieder beschäftigen. Es begeistert uns, wie die Studierenden das Gelernte in ihren eigenen Praxisprojekten anwenden und umsetzen. So haben wir zurzeit über 40 Praxisprojekte, die sich zwischen Gemeinde (in ganz unterschiedlichen Denominationen) und Gesellschaft (mit ganz unterschiedlichen Kooperationspartnern, von der Arztpraxis über die Hauptschule bis zum Schul- und Sozialamt) bewegen. Viele Studierende des Studienprogramms Gesellschaftstransformation haben Teile der Kontextanalyse praktisch in ihren Projekten durchgeführt und dabei reichlich Beispiele, Erfahrungen und Erlebnisse gemacht, die in dieses Buch mit eingeflossen sind, was es besonders lebendig und praxistauglich macht. Vielen Dank dafür. Dadurch hat das Buch den Charakter eines Werkbuches mit unterschiedlichen Schreibstilen der einzelnen Autorinnen und Autoren. Wir wünschen diesem Buch, dass es Kirchen und Gemeinden hilft, sich selbst und ihren Kontext klarer zu sehen und somit das Reich Gottes auf Erden sichtbarer zu machen. In diesem Sinne: Mischt euch ein! Marburg & Bergneustadt im Herbst 2011 Tobias Faix & Johannes Reimer 11
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Einleitung in die Kontextanalyse
Einleitung in die Kontextanalyse
Tobias Faix
Noch nie sind mir so viele Jugendliche aufgefallen, die hier am Brunnen rumlungern. Sie sind so zwölf oder dreizehn Jahre alt, mit Kippe und Dosenbier in der Hand, die Stimmung schwankt zwischen Übermut und Aggression. Es ist später Vormittag und ich gehe mit einem Freund durch unser Viertel. Natürlich kenne ich die Straßen, auf denen ich gerade laufe, es ist mein „Stadtteil“. Würde ich in Berlin leben, würde ich sagen: „Mein Kiez.“ Hier wohne ich seit etlichen Jahren und meine Gemeinde liegt auch nur ein paar Straßen weiter. Wir haben so etwas noch nie gemacht und ich bin sehr verwundert, was ich heute sehe. Ich fahre hier jeden Tag vorbei und doch ist es heute anders. Denn ich mache bei einem kleinen Experiment in unserer Gemeinde mit, in dem wir sehend und betend durch unser „Gemeindeviertel“ gehen sollen. Wo ich sonst oftmals hektisch vorbeilaufe, bleibe ich heute stehen, während mir sonst nicht viel auffällt, sticht mir heute einiges ins Auge. Zum Beispiel die älteren Menschen, die traurig und einsam aus den Fenstern der Straße schauen, oder die Mutter, die mit Einkaufstüten bepackt versucht, ihre drei Kinder über die Straße zu bringen. Eigentlich nichts Besonderes, und doch übersehe ich es im Alltag. Ich bemerke, dass sich die Architektur mitten in einer Straße verändert. Sind auf der einen Seite alte Häuser mit Erker und Fachwerk, so stehen auf der anderen Seite Häuser, die pragmatisch gebaut und in ihrer Gestaltung typisch für die 50er-Jahre sind. Jetzt, mit der „Sehhilfe“ der Gemeinde, fallen mir neben den unterschiedlichen Menschen auch solche historischen Dinge auf und ich frage mich, was Gott hier im Viertel wohl vorhat.
1. Die Kontextanalyse als Sehhilfe für die Gemeinde Sollte man früher sprichwörtlich die „Kirche im Dorfe“ lassen, so spielt selbst in ländlichen Gebieten die Kirche eine immer geringere Rolle. In städtischen Gebieten ist sie in der zunehmenden Anonymität fast völlig untergetaucht. Wie können wir dieser Entwicklung entgegenwirken? Wie kann eine Kirche oder Gemeinde wieder ihre Rolle in ihrem Dorf, ihrer Stadt oder ihrem Stadtteil finden? Und was ist überhaupt ihre Rolle in einer pluralen Gesellschaft? Eine Möglichkeit, sich der Antwort auf diese Fragen zu nähern, ist die Kontextanalyse. Eine Kontextanalyse ist wie eine Brille, die einem das unmittelbar vor Augen Stehende wieder klarer und schärfer, ja vielleicht sogar zum ersten Mal richtig sichtbar erscheinen lässt. Dafür gibt es viele Möglichkeiten, die zum einen aus der Gemeinde selbst kommen und zum anderen soziologischer und pädagogischer Natur sind. Die Soziologie ist die Wissenschaft, die die Gesellschaft in erster Linie be-
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obachtet und aus diesen Beobachtungen Schlüsse zieht. Sie ist nie frei von subjektiven Einflüssen des Forschenden, versucht aber durch die Nachvollziehbarkeit ihrer Methoden möglichst neutral vorzugehen. Einige bewährte Beobachtungsmethoden können von Gemeinden entlehnt werden, um den eigenen Ort wieder neu zu entdecken. Daneben gilt es hier auch ganz einfache Fragen zu stellen, wie: Kennen wir unsere Nachbarn? Kennen wir die Menschen unseres Dorfes oder unseres Stadtteils? Wissen wir um ihre Probleme, Nöte und Hoffnungen? Bei einer Kontextanalyse geht es nicht darum, neue Strategien der Evangelisation zu finden, sondern erst einmal sich selbst im eigenen Kontext und der eigenen Geschichte wahrzunehmen. Die Gemeinde soll vor Ort strukturell eingebunden sein und ihre Verantwortung wahrnehmen, die sie für die Menschen und die Gesellschaft hat. Dies spiegelt auch die Dimension zivilgesellschaftlicher Verantwortung wider, die die Gemeinde als Teil der Infrastruktur und ihre Mitglieder als Teil der Menschen vor Ort haben. Dies ist beileibe nichts Neues, sondern spielte schon bei den Propheten im Alten Testament eine zentrale Rolle. Sie haben sich in die sozialen Strukturen ihrer Zeit im Auftrag Gottes eingemischt. Sie standen auf und haben soziale und moralische Missstände aufgedeckt und angeprangert (Micha 2). Sie liefen durch die Städte, und was sie sahen, gefiel ihnen nicht. Sie beobachteten die Menschen und riefen sie auf, ihre Lebensweise zu ändern, mehr aufeinander zu achten oder die Strukturen, in denen sie lebten, zu verändern (Amos 5). Dies ging von den Essgewohnheiten über den Umgang mit Armen (Jesaja 61) bis zu der Frage, ob Häuser gebaut werden sollen oder nicht (Jeremia 29). Das Leben hatte damals und heute immer etwas mit der jeweiligen Kultur, Politik und der praktischen Lebensweise zu tun. Seitdem haben Christen immer eine „Kontrastgesellschaft“ mitten in ihrem Kontext gelebt, um „Salz und Licht“ (Matthäus 6) für die Menschen um sie herum zu sein. Eine Kontextanalyse soll helfen, einen Prozess zu starten, dies in die Praxis umzusetzen, angefangen in der eigenen Gemeinde bis zur Entdeckung des sozialen Kontextes.
Was wir unter einer Kontextanalyse verstehen: Eine Kontextanalyse hilft der Gemeinde, die Lebenswelt der Menschen im Ort besser zu verstehen. Dies gilt sowohl für die soziale als auch für die geistliche Welt, sowohl für Menschen und Gruppen als auch für die sozialen Strukturen und Mächte. Dazu werden unterschiedliche Methoden empirischer Sozialforschung, sowie geistliche Maßstäbe genutzt. Nur diese meist untrennbare Sichtweise gewährleistet den nötigen differenzierten Blick auf Sozialraum und Lebenswelt und ermöglicht lebensweltliche Deutungen und Interpretationen, um aus den Ergebnissen Ansatzpunkte für Angebote etc. entwickeln zu können. Wie dies im Einzelnen aussieht, wird in den folgenden Kapiteln Stück für Stück entfaltet.
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SEHHILFE � Partizipation & Anwendung
SEHHILFE � Netzwerke verstehen & nutzen
SEHHILFE � Die Lebenswelt verstehen
SEHHILFE � Vision, Plan & Potenzial
SEHHILFE � Den Ort entdecken
SEHHILFE � Die religiöse Karte lesen
Kurzübersicht der Sehhilfen Der in diesem Buch vorgestellte Zyklus ist in den letzten Jahren aus den Erfahrungen der Gemeindeberatung, des Studienprogramms Gesellschaftstransformation und unseren persönlichen Eindrücken entstanden und er muss in jeder Gemeinde neu begonnen und angewendet werden. Wir legen also kein „Rezeptbuch“ vor, welches man einfach anwenden kann, sondern wollen einen Denkprozess in Gang bringen. Dann bietet der Zyklus verschiedene Möglichkeiten, Erfahrungen und konkrete Werkzeuge, die helfen können, die eigene Gemeinde und den eigenen Ort besser kennenzulernen. Dabei besitzt der dargestellte Zyklus eine innere Logik, die sich bewährt hat, muss aber für die eigene Gemeinde und den eigenen Kontext angepasst und umgesetzt werden. Wichtig dabei ist, dass nicht alle Tools, ja nicht mal alle Sehhilfen für jede Situation vonnöten sind, sondern es kommt auf die Bedürfnisse und Ziele der Gemeinde und des Kontextes an. Auch sind nicht alle Sehhilfen immer streng nacheinander durchzuführen, sondern es lohnt sich, sich erst einmal einen Gesamtüberblick zu verschaffen und mit der Sehhilfe 1 anzufangen, danach zu entscheiden, welche weiteren Sehhilfen und Tools für die eigene Situation vor Ort wichtig sind und passen. Zum Beispiel kann das Tool der Figuration (Sehhilfe 6) schon in Sehhilfe 1 (Gemeinde) und Sehhilfe 4 (Ort) gebraucht werden. Im Buch sind für solche Tools auch Querverweise 4 angelegt. Und immer wieder gibt es auch Hinweise auf Internetseiten und weiterführende Literatur, die wir empfehlen können, um sich vertiefend mit dem Thema zu beschäftigen. Am Ende des Buches gibt es noch einmal eine gesammelte Literatur- und Linkliste. Besonders die Internetseiten bieten eine erstaunliche Fülle von Hilfen und Informationen, die sich wirklich lohnen.
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Sehhilfe 1: Vision, Plan & Potenzial Wer sehen will, der sollte Perspektiven und Absichten haben. Man kann nur sehen, wenn man sehen kann. Das bedeutet, wer sehen will, der sollte auch hingehen und sich anschauen, was sehenswert ist. Sehen ist immer individuell. Christen, die ihren Lebensraum kennenlernen wollen, müssen sich daher ihrer eigenen Individualität deutlich bewusst werden. Diese Individualität ist begründet in den Gaben, Fähigkeiten, Erfahrungen und Kompetenzen des einzelnen Sehers. Rechtes Sehen ist bewusstes Sehen, und deshalb geht jeder Kontextanalyse eine Schärfung des eigenen Blickes, der eigenen Perspektive, voraus. Erst recht wenn man gemeinsam, als Gesamtgemeinde, sehen möchte und wenn man das sehen will, was Gott sieht und was unbedingt notwendig ist gesehen zu werden, wenn man seinem Plan folgen will. Aus diesen Überlegungen ergibt sich die Notwendigkeit unserer ersten Sehhilfe.
Sehhilfe 2: Den eigenen Ort entdecken Warum lassen uns Städte nicht mehr in Ruhe, egal wo wir leben? Warum sollte der Gemeinde die Stadt nicht egal sein? Was ist eine Stadt eigentlich und worin unterscheiden sich Städte? Und wie kann man seine Stadt (wieder)entdecken? In diesem Kapitel geht es um das Phänomen „Stadt“ bzw. „Dorf“ auf vielen Ebenen und in vielen Facetten. Es soll den Blick weiten und Lust darauf machen, den eigenen Ort auf neue Art in den Blick zu bekommen, materiell und sozial, mit Vergangenheit und Gegenwart, Alltag und Auszeit. Dazu gibt es viele praktische Tools, die helfen sollen, kreativ den eigenen Ort neu zu entdecken und zu lernen, dass die eigene Gemeinde ein Teil des Ganzen vor Ort ist.
Sehhilfe 3: Die religiöse Karte lesen Gott ist der Schöpfer und Erhalter der Welt. Unser Lebens- und Kulturraum geht auf seine Anwesenheit und sein Wirken in der Welt zurück. Deshalb kommen alle unsere Kulturen auch nicht ohne Religion aus. Wir Menschen ahnen, erfahren und propagieren Gottes Anwesenheit in der Welt. Das geschieht nicht immer adäquat. Nicht selten sind unsere Vorstellungen völlig daneben. Aber die Tatsache, dass wir nicht ohne einen Glauben an Gott auskommen, auch wenn wir im Glauben die Existenz Gottes ablehnen, spricht Bände. Eine religionslose Kultur gibt es nicht. Wer den Lebensraum der Menschen studieren will, wird sich somit mit den Glaubensvorstellungen der Menschen vor Ort, ihren Überzeugungen, Meinungen und Ritualen beschäftigen müssen. Nur so wird unser Bild vom sozialen Raum komplett. Und nur so können Christen jenen wichtigen Anknüpfungspunkt zum Gespräch über Gott und die Welt finden, der eine gemeinsame Reise zum verantwortungsbewussten Leben aus der Hand Gottes ermöglicht. Daraus ergibt sich die Forderung nach unserer Sehhilfe 3, einer religiösen Karte des Ortes.
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Sehhilfe 4: Die Lebenswelt verstehen In dieser Sehhilfe geht es darum, dass uns eigentlich vertraute Welten, in denen wir in Deutschland, ja in unserem Ort leben, oftmals fremd geworden sind. Die Sehhilfe soll helfen, die Menschen und Strukturen des Ortes neu zu entdecken und zu verstehen. Dabei geht es zuerst um das Verständnis von verschiedenen Milieus, in denen wir in Deutschland leben. Danach wird die Frage gestellt, wie die Gute Nachricht von Gottes Liebe in den verschiedenen Milieus verstanden und kommuniziert werden kann. Im letzten Punkt geht es um die „Aktionsforschung“, die dabei hilft, einen interaktiven Zugang zum gewünschten Milieu zu bekommen.
Sehhilfe 5: Netzwerke verstehen & nutzen Netzwerke gehört zu den wichtigsten Errungenschaften der letzten Jahre, sei es in der globalen Welt oder im lokalen Umfeld, sei es in der realen Welt oder der virtuellen. In diesem Kapitel soll es darum gehen, die Vorteile von Netzwerken zu verstehen und diese praktisch für die Kontextanalyse nutzbar zu machen. Aber auch Netzwerke sind kein „Wundermittel“, und so werden auch ihre Grenzen aufgezeigt. Deshalb gibt es zuerst eine kurze Einleitung in dieses aktuelle Thema, danach sollen die Netzwerke des eigenen Ortes verstanden und genutzt werden, bevor diese Netzwerke in eine innere Beziehung gebracht werden. Dieser Vorgang wird in der Soziologie Figuration genannt. Ein zentraler Vorteil von Netzwerken ist, dass wesentliche Informationen nicht selbst erarbeitet werden müssen, sondern dass man Experten auf dem jeweiligen Gebiet befragen kann. Damit dies gelingt, gibt es eine Einführung in die sogenannten Experteninterviews. Die Sehhilfe wird abgeschlossen mit einer Kontextanalyse via Internet: Wo finde ich hilfreiche Zahlen und Fakten?
Sehhilfe 6: Partizipations- und Anwendungshilfen In der sechsten Sehhilfe werden verschiedene Tools vorgestellt, die den Beteiligungsprozess einer Kontextanalyse innerhalb der Gemeinde stärken. Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass einzelne Gruppen in der Gemeinde anfangen, über das Thema nachzudenken, was sehr erfreulich ist, aber die Wirkung und Nachhaltigkeit solcher Prozesse nehmen zu, je mehr Menschen sich beteiligen. Außerdem gibt es ein Praxisbeispiel einer Gemeinde, die die Kontextanalyse durchgeführt hat.
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