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„… lass mich weder arm noch reich sein! Gib mir nur, was ich zum Leben brauche! Habe ich zu viel, so sage ich vielleicht: ‚Wozu brauche ich den Herrn?‘ Habe ich zu wenig, so fange ich vielleicht an zu stehlen und bringe deinen Namen in Verruf.“ Sprüche 30,8-9 (Gute Nachricht Bibel)


Teil 1

Kathleen und Joelle 2004


Kapitel 1 Bethesda, Maryland Das wäre nicht das erste Mal, dass Kathleen Seymour von zu Hause fortging, um niemals zurückzukehren. Aber nach dem Tag, den sie hinter sich hatte, war sie schwer in Versuchung, alle ihre Sachen zu packen, in ihren Lexus zu steigen und so weit zu fahren, wie eine Tankfüllung sie bringen würde. Dem Wenigen nach zu urteilen, das sie über ihre Vorfahren wusste, war es beinahe schon eine Familientradition, von zu Hause wegzulaufen, wenn Schwierigkeiten auftauchten, und in einer neuen Stadt noch einmal ganz von vorne anzufangen. Wenn die hohen Tiere vom staatlichen Zeugenschutzprogramm Rat brauchten, wie man jemandem an einem neuen Ort eine neue Identität verschaffte, konnten sie sich von Kathleens Verwandten vielleicht noch ein paar Tipps holen. Das waren Experten. „Ich haue ab und komme nie wieder!“, schrie ihre sechzehnjährige Tochter Joelle, als wollte sie Kathleens Gedanken aussprechen. Joelle stampfte demonstrativ die Treppe hinauf in ihr Zimmer, aber der dicke Teppich dämpfte die Wirkung ihres Wutanfalls. „Gib dir keine Mühe!“, rief Kathleen ihr hinterher. „Ich gehe zuerst!“ Als Erwiderung knallte Joelle ihre Zimmertür so heftig zu, dass die Teetassen unter ihr im Esszimmerregal bebten. „Weißt du was? Ich habe die Nase gestrichen voll von deiner Frechheit, Joelle“, brüllte Kathleen und schlug sich dann die Hand vor den Mund. Sie hatte genau die gleiche Formulierung benutzt, in genau demselben Tonfall, wie ihre Mutter es immer getan hatte. Wann hatte sie sich in ihre Mutter verwandelt? Sie sank auf einen Stuhl am Küchentisch, weil ihre Beine sie nicht länger tragen wollten. Vor einigen Stunden während der Auseinandersetzung mit ihrem Chef hatten sie zu zittern begonnen und sie kaum zum Parkplatz getragen, als sie aus dem Bürogebäude gestürmt war. Es war gut, dass sie in ihrem Auto gesessen hatte, die hochhackigen Schuhe ausgezogen, als die Polizei sie auf ihrem Handy anrief. Sonst wäre sie vielleicht auf der Stelle eingeknickt. „Mrs Seymour? Hier spricht Wachtmeister Marks von der städtischen Polizei. Wir haben Ihre Tochter Joelle Marie Seymour … in Gewahrsam …“

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Danach konnte Kathleen sich nur noch an wenig erinnern. Irgendwie war sie zum Einkaufszentrum gefahren, hatte das Büro der Sicherheitskräfte gefunden und eine qualvolle Begegnung mit Wachtmeister Marks und dem Ladendetektiv durchlitten, der Joelle dabei erwischt hatte, wie sie einen Lippenstift im Wert von sieben Dollar an der Kosmetiktheke gestohlen hatte. Es war ihr wie ein böser Traum erschienen, vor allem Joelles Reaktion auf die ganze Sache. Sie hatte keine Reue gezeigt, wie sie da auf dem Stuhl hing, die Arme verschränkt, und sich weigerte jemanden anzusehen, während sie lässig mit dem Fuß wippte – die hübsche Joelle mit ihrem zimtfarbenen Haar, das Kathleen so an das ihres eigenen Vaters erinnerte. Aber das Letzte, was Kathleen in dieser Situation brauchen konnte, war eine Erinnerung an ihren Vater. Zum Glück hatte sie den Geschäftsführer des Kaufhauses überreden können, keine Anzeige zu erstatten, weil es Joelles erstes Vergehen war, aber ein Hausverbot für ein Jahr wurde verhängt, und im Falle eines zweiten Diebstahls war eine Vernehmung durch die Polizei genauso fällig wie eine Jugendstrafe. Kathleen hatte Wachtmeister Marks praktisch bekniet, Joelle zu verschonen. „Wo sind deine Freundinnen?“, fragte Kathleen ihre Tochter, als die Polizei sie schließlich gehen ließ. „Bist du nicht mit Colleen und Stacey zum Einkaufszentrum gegangen?“ Joelle zuckte mit den Schultern. „Sie sind abgehauen, als ich geschnappt wurde.“ „Schöne Freundinnen.“ „Kannst du mich bei Colleen absetzen?“, fragte Joelle, als sie den Wagen erreichten. Kathleen starrte sie ungläubig an. „Hast du den Verstand verloren?“ Joelle ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und knallte die Tür zu. Den Sicherheitsgurt und das lästige Pling des Warntons ignorierte sie. Als sie die Hand ausstreckte, um die Lautstärke des Autoradios aufzudrehen, schob Kathleen ihren Arm zur Seite. „Lass das – und schnall dich an.“ „Als ob es dich interessieren würde, was mit mir passiert!“ Kathleen spürte, wie sie allmählich die Beherrschung verlor. Sie ließ den Motor an und lenkte den Wagen mit quietschenden Reifen vom Parkplatz hinunter. „Warum machst du so etwas Dummes, Joelle? Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Ich gebe dir jede Woche fünf Dollar Taschengeld – was ist bloß in dich gefahren, dass du einen Lippenstift für sieben Dollar klaust?“

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Joelle zuckte mit den Schultern. „Ist doch keine große Sache. Sie haben mich schließlich laufen lassen.“ Danach hatten sie sich auf der Fahrt nach Hause nur noch gegenseitig angeschrien, was in Joelles Drohung endete, abzuhauen und nie wieder nach Hause zurückzukehren. Kathleen hatte genau dieselbe Drohung ausgestoßen – vor wie vielen Jahren? Und sie hatte ihre Drohung auch wirklich wahr gemacht. Kathleens Hände zitterten noch immer, als sie quer über den Küchentisch zum Telefon griff, um ihren Mann anzurufen. Zum Glück erreichte sie Mike persönlich und nicht seinen Anrufbeantworter. „Was ist los, Kat?“ „Du musst nach Hause kommen“, sagte sie mit zittriger Stimme. „Kannst du mir etwas mehr sagen? Ich habe eine Menge –“ „Joelle wurde wegen Ladendiebstahls verhaftet.“ Jetzt flossen die Tränen – Tränen der Wut, des Nichtbegreifens und des Kummers. Zuerst gab sie keinen Laut von sich, während die Tränen über ihr Gesicht liefen, aber als sie aufblickte und an der Kühlschranktür den Zettel sah, der sie daran erinnerte, dass Joelle heute Abend etwas zu knabbern zum Jugendtreff in die Kirche mitbringen sollte, begann sie zu schluchzen. „Ich bin gleich zu Hause“, sagte Mike ruhig. Er kam gerade rechtzeitig, um Joelle aufzuhalten, die ihren Rucksack und einen zum Bersten gefüllten Koffer die Treppe hinunterschleifte. „Ich werde nicht zulassen, dass du wegläufst, mein Schatz“, besänftigte er sie. „Komm, wir gehen nach oben und reden darüber.“ Kathleen fragte sich, ob Mike versucht hätte, sie aufzuhalten, wenn sie diejenige mit dem Koffer gewesen wäre, und nicht Joelle. Sie lauschte dem Klang ihrer Stimmen, der aus dem Obergeschoss zu ihr herunterdrang, eifersüchtig auf die enge Beziehung, die diese beiden Menschen verband. Sie selbst hatte es mal wieder vermasselt. Sie und Joelle stritten sich genau so, wie Kathleen und ihre Mutter sich immer gestritten hatten – vielleicht sogar noch mehr. Kathleen schwor sich immer wieder, dass sie versuchen würde, eine bessere, liebevollere Mutter zu sein, aber sie wusste nicht, wie sie es anfangen sollte. Sie griff nach dem gerahmten Foto, das auf ihrem Schreibtisch in der Küche stand. Es war im letzten Winter während ihres Skiurlaubs in Colorado aufgenommen worden. Alle drei lächelten in die Kamera und blinzelten im hellen Licht der Wintersonne, ihre Gesichter in einem seltenen Augenblick der Zusammengehörigkeit aneinanderge-

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drückt, eine Bilderbuchfamilie. Mikes ständige Sorgenfalten hatten sich zu Lachfalten entspannt, seine stoppeligen grauen Haare waren unter einer Skimütze versteckt, sodass er jünger aussah als seine achtundfünfzig Jahre. Kathleen selbst war es gewohnt, dass man ihr ihre vierundfünfzig Jahre nicht ansah – dank eines regelmäßigen Trainings im Fitnessclub und einer kreativen Friseurin, die Kathleens hellbraunes Haar modisch schnitt und von eindringendem Grau befreite. Sie war achtunddreißig gewesen, als Joelle nach jahrelangen medizinischen Verfahren und endlosen Gebeten endlich geboren wurde. Sie hatte geschworen, dass sie um ihrer Tochter willen jung bleiben würde, aber heute kam sie sich vor wie die böse alte Hexe in einem Märchen. Auf dem Foto fiel Joelles Haar in üppigen Naturlocken, die ein Gesicht umrahmten, das noch die Weichheit und Unschuld eines Kindes widerspiegelte und zugleich die Verheißung fraulicher Schönheit und Sinnlichkeit enthielt. „Herr, hilf uns!“, seufzte Kathleen und schloss die Augen. Joelle war erst sechzehn und schon in Schwierigkeiten. Gott allein wusste, wie das enden würde. „Ich habe sie beruhigt“, sagte Mike, als er eine Stunde später herunterkam. Er hatte seine Krawatte gelöst und die Ärmel seines gestärkten weißen Hemdes hochgekrempelt. „Aber ich glaube, du solltest raufgehen und mit ihr reden. Zeig ihr, dass du sie trotzdem liebst.“ „Im Moment bin ich sehr, sehr wütend auf sie“, sagte Kathleen mit gepresster Stimme. Sie hatte endlich die Kraft gefunden, den Stuhl zurückzuschieben und ein paar Reste in der Mikrowelle fürs Abendessen aufzuwärmen – obwohl sie alles andere als hungrig war. Sie hatte weder ihre Kostümjacke noch ihre Schuhe oder ihre Strumpfhose ausgezogen, so als spiele sie immer noch mit dem Gedanken zu gehen. „Wir haben ihr alles gegeben, was sie sich nur wünschen konnte, Mike, und trotzdem ist sie so undankbar. Als ich so alt war wie sie, habe ich mich nach einem solchen Leben gesehnt. Ich kann nicht fassen, dass sie all das für einen dämlichen Lippenstift zum Fenster hinauswirft. Warum macht sie so etwas Dummes? Sie bekommt ein großzügiges Taschengeld. Sie könnte sich einen Haufen Lippenstifte kaufen.“ „Vielleicht versucht sie deine Aufmerksamkeit zu erlangen.“ Seine Worte fühlten sich an wie ein Schlag ins Gesicht. „Wie kannst du es wagen, so etwas zu sagen? Du bist manchmal wochenlang von zu Hause weg! Ich bin diejenige, die immer für sie da war!“ Sie riss ihre

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Handtasche vom Tisch, fischte ihren Autoschlüssel heraus und ging auf die Terrassentür zu. „Geh nicht, Kathleen. Das hier ist ein Problem, vor dem du besser nicht davonläufst.“ Sie wirbelte herum und funkelte ihn an. „Ich laufe nicht davon – obwohl ich zugeben muss, dass die Versuchung groß ist! Ich gehe nur ein bisschen frische Luft schnappen.“ Mit einer schnellen Bewegung nahm er ihr den Autoschlüssel aus der Hand. „Dann setz dich wenigstens nicht hinters Steuer. In deinem Zustand solltest du nicht Auto fahren.“ „Gut!“ Sie stolzierte bis zum Ende des Häuserblocks, dann wieder zurück, ihre hohen Absätze bereiteten ihr zu große Schmerzen, als dass sie hätte weiterlaufen können. Das vornehme Viertel war ruhig, denn in dieser Gegend fuhren an einem warmen Sommerabend keine Kinder mit ihren Fahrrädern herum oder spielten auf der Straße Ball. Sie brauchte sich keine Sorgen darüber zu machen, dass neugierige Nachbarn ihre lautstarken Auseinandersetzungen mit Joelle mit anhören oder sich fragen könnten, warum sie in ihrer Arbeitskleidung auf der Straße hin und her lief. Die Häuser standen auf riesigen Grundstücken weit genug voneinander entfernt und waren zusätzlich von Büschen und Bäumen abgeschirmt, während jedes Geräusch von draußen durch das Surren der Klimaanlagen und das Summen der Swimmingpoolfilter gedämpft wurde. Auf dem Weg zurück zum Haus blieb Kathleen vor ihrem Briefkasten stehen und zog einen Stapel Kataloge, Broschüren und Werbemüll heraus. Einen handgeschriebenen Brief in der Papierflut zu entdecken, war inzwischen eine solche Seltenheit geworden, dass der einsame Umschlag ihr direkt ins Auge fiel. Sie suchte nach dem Absender und entdeckte den Namen ihrer Schwester und darunter eine Adresse in Riverside, New York, wo sie aufgewachsen waren. Warum schrieb Annie ihr? Kathleen riss den Briefumschlag auf. Darin fand sie eine schrill-bunte Einladung, die mit Luftballons und Partyhüten verziert war. Sie sah aus wie eine Karte aus einem dieser Billigläden. Kathleen überflog die Einzelheiten und las sie dann noch einmal, um sich zu vergewissern, dass sie es nicht missverstanden hatte: Ihre Schwester veranstaltete eine Party für ihren Vater. Bitte versuch zu kommen, Kathy, hatte sie unten auf die Einladung geschrieben. Es würde Papa unheimlich viel bedeuten.

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„Das ist wirklich der Gipfel!“, murmelte Kathleen. Sie schritt die Auffahrt hinauf und ins Haus, während sie versuchte, sich nicht das ansteckende Lächeln ihres Vaters vorzustellen und sich nicht an das Glück zu erinnern, das sie jedes Mal empfunden hatte, wenn er sie mit seinen sommersprossigen Armen hochgehoben und sie „meine Kathy“ genannt hatte. Ihr unbekümmerter Papa mit seinem zimtfarbenen Haar. Es konnte gut sein, dass er inzwischen eine Glatze hatte, immerhin war es fünfunddreißig Jahre her, dass sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Aber sie konnte nicht nach Hause fahren – jetzt nicht und auch in Zukunft nicht. Schon bei dem Gedanken an eine Rückkehr nach Riverside hätte sie am liebsten vor Scham ihr Haupt bedeckt. Sie würde dann an ihrer alten Schule vorbeifahren müssen, wo sie vier Jahre lang mit eingezogenem Kopf herumgelaufen war in der Hoffnung, dass niemand sie zur Kenntnis nahm und dass niemand sie „Läuse-Kathy“ oder, noch schlimmer, „rote Kathy“ nannte. Nein, sie war schon einmal davongelaufen und würde nie zurückgehen … und schon gar nicht ihrem Vater zuliebe. Kathleen warf die Einladung in den Mülleimer unter der Spüle und schleuderte die restliche Post vor Mike auf den Küchentisch. Er leerte gerade einen Teller mit aufgewärmtem chinesischem Essen und las in der Washington Post. „Ich gehe schlafen“, sagte sie zu ihm. „Ich will vergessen, dass es den heutigen Tag überhaupt gegeben hat.“ „He, warte mal eine Minute, Kat. Willst du nicht erst etwas essen?“ „Ich habe keinen Hunger.“ Sie ging bis zur Küchentür, dann drehte sie sich um und fügte hinzu: „Übrigens, ich hatte heute Nachmittag eine Auseinandersetzung mit meinem Chef – vor dem Zwischenfall mit Joelle. Ich habe mich umgedreht und bin einfach gegangen. Es könnte also gut sein, dass ich arbeitslos bin.“ Sie wartete Mikes Reaktion nicht ab, sondern ging die Treppe hinauf ins Bad, das an das Elternschlafzimmer grenzte, und duschte lange und heiß. Dies war viel schlimmer als nur ein schlechter Tag. Kathleens sorgfältig errichtetes Leben stürzte allmählich in sich zusammen, und sie wusste nicht, wie sie es reparieren sollte. Sie dachte an die biblische Gestalt Hiob, der sich darüber beklagte, dass das, was er am meisten gefürchtet hatte, über ihn hereingebrochen war. Kathleens größte Angst war die gleiche wie seine: dass alles, wofür sie gearbeitet hatte, und jeder, den sie liebte, ihr weggenommen wurde. Unter der Dusche ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Als sie aus dem

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Bad kam, saß Mike im Schlafzimmer. „Ich habe das hier im Müll gefunden“, sagte er und schwenkte die mit Ballons verzierte Einladung. „Wolltest du die wegwerfen?“ Sie atmete aus. „Ich hätte sie sogar durch den Aktenvernichter gejagt, wenn wir einen hätten.“

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Kapitel 2 Am nächsten Tag ließ Kathleen sich auf den Fahrersitz fallen und lehnte ihren Kopf gegen das Lenkrad. Sie hielt die Tränen nicht mehr auf. Mehr als zwanzig Jahre hatte sie für die Impost Corporation gearbeitet und sich von der Buchhalterin zur Controllerin und schließlich zur Finanzchefin hochgearbeitet – und jetzt war ihre Karriere in dieser Firma beendet. Kummer überwältigte sie, als ihr klar wurde, was sie soeben alles verloren hatte. Als sie die Besprechung mit ihrem Chef an diesem Morgen noch einmal im Geiste Revue passieren ließ und überlegte, ob die Situation nicht auch einen anderen Ausgang hätte nehmen können, war sie weiterhin überzeugt davon, dass sie richtig gehandelt hatte. Es ging um moralische Fragen, aber im Recht zu sein, linderte den Schmerz nicht. Schließlich setzte sie sich auf, weil sie sich Sorgen machte, jemand auf dem Parkplatz könnte sie sehen, und wischte sich die Augen mit den Fingerspitzen, sorgfältig darauf bedacht, ihre Wimperntusche nicht zu verschmieren. Sie atmete tief ein, als könnte die Luft ihren Kummer ersticken, dann stieß sie die Luft in einem Seufzer wieder aus. Als sie die Fassung wieder gewonnen hatte, holte sie ihr Handy aus der Tasche und drückte die Kurzwahltaste, unter der sie Mike erreichen würde. Sie wusste, dass er auf ihren Anruf gewartet hatte, weil er gleich beim ersten Klingeln abnahm. „Hallo, ich bin’s“, sagte sie und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Also, jetzt bin ich offiziell arbeitslos.“ Er schwieg lange. Kathleen erkannte an den Hintergrundgeräuschen, dass er auf einer Baustelle war und nicht in seinem Büro. Sie sah ihn vor sich, mit seinem gelben Helm, wie er die Augen schloss und den Kopf vor Kummer hängen ließ, wie sie es getan hatte. „Es tut mir furchtbar leid, Kat“, murmelte er schließlich. „Geht es dir gut? Wo bist du?“ „Auf dem Parkplatz vor der Firma. Ich sollte reingehen und meine Sachen packen, aber …“ „Das kann warten“, sagte er, und seine Stimme klang heiser. „Die Sachen kannst du ein anderes Mal holen. Erzähl mir, was passiert ist.“ Sie lehnte den Kopf zurück und hielt das Handy ans andere Ohr, während sie ihre Ohrclips entfernte. Sie und Mike hatten ausführlich über die Zwickmühle geredet, in der sie sich befand, und sie waren

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sich einig, dass es die richtige Entscheidung war, ihrem jungen Chef die Stirn zu bieten. Wäre es ihr doch nur gelungen, ihren Vorgesetzten davon zu überzeugen, die Lage ebenso zu sehen wie sie! „Ich habe ihm erklärt, dass die Dinge sich geändert haben, seit die neuen Finanzrichtlinien der Firma in Kraft getreten sind, und dass ich das Danbury-Projekt nicht guten Gewissens abzeichnen kann. Er hat mich gezwungen zuzugeben, dass er streng genommen kein Gesetz bricht – also lief alles auf meine christliche Überzeugung hinaus. Damit waren wir in einer Pattsituation. Er hat gesagt, dass er meine Kündigung annehmen wird.“ „Du hast richtig gehandelt“, sagte Mike leise. „Ja – aber es fühlt sich nicht so an. Das wäre nie passiert, wenn sein Vater noch Geschäftsführer wäre … aber …“ Kathleen starrte durch die Windschutzscheibe, und ihre Tränen ließen das Pink und Rot der Blumen, die den Mittelstreifen säumten, vor ihren Augen verschwimmen. Sie holte noch einmal zitternd Luft und wusste, dass sie wenigstens so lange mit dem Weinen aufhören musste, bis sie zu Hause war. „Wahrscheinlich rufe ich besser die Personalagentur an, über die dein Freund letztes Jahr eine Stelle gesucht hat. Wie es aussieht, brauche ich einen neuen Job.“ „Ich finde, du solltest noch ein bisschen warten, Kat. Nimm dir eine Weile frei. Impost wird dir eine Abfindung auszahlen, und Urlaubsanspruch hast du auch noch, oder? Vielleicht ist es besser, wenn Joelle nicht den ganzen Sommer allein zu Hause ist.“ Kathleen hatte ihre Probleme mit Joelle erfolgreich verdrängt, während sie sich auf die Schwierigkeiten bei der Arbeit konzentriert hatte. Aber plötzlich sprang der Kummer über das, was ihre Tochter getan hatte, aus seinem Versteck wie ein Eindringling, der hinter einer verschlossenen Tür gewartet hat, und traf Kathleen wie ein Schlag in die Magengrube. „Dann darf ich also in Zukunft Joelles Gefängniswärterin spielen? Toll. Was sollen wir denn den ganzen Tag zusammen machen? Shoppen im Einkaufszentrum fällt schließlich aus.“ Mike reagierte nicht auf ihren Sarkasmus. „In der Kirche haben sie am letzten Sonntag Freiwillige für die Ferienbibelschule gesucht. Du und Joelle könntet doch –“ „Genau. Wir sind fantastische Vorbilder. Ich wette, die anderen Mütter sind begeistert, wenn ich ihre Kinder unterrichte und nicht einmal mein eigenes Leben im Griff habe.“

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Mikes langes Schweigen ließ sie ihre bitteren Worte bereuen. Es tat ihr leid, dass sie ihn als Ventil für ihre Wut und ihren Kummer missbrauchte, aber zugleich war sie auch froh, dass er ihr so bereitwillig zuhörte. Sie hörte, wie er seufzte. „Ich weiß, dass du verletzt bist, Kathleen, aber lass es nicht an Joelle aus.“ „Es tut mir leid … aber ich mache mir einfach furchtbare Sorgen um sie! Ich habe Angst, was aus ihr werden könnte …“ Jetzt liefen ihr wieder die Tränen über’s Gesicht. „He, hör zu, ich mache mir doch auch Sorgen, aber sie ist ja nicht gerade eine Berufsverbrecherin.“ Noch nicht. Kathleen konnte sich gerade noch beherrschen, diesen Gedanken laut auszusprechen. „Ich habe heute Morgen mit Al Lyons aus meinem Männergebetskreis über Joelle gesprochen“, fuhr Mike fort. „Er arbeitet im Christlichen Beratungszentrum –“ „Das ist nicht dein Ernst, oder? Ich will nicht, dass alle in der Gemeinde wissen, was bei uns los ist!“ Kathleen war entsetzt. Sie wusste, dass die Gemeinde Hilfe und Trost in Zeiten der Prüfung und Schwierigkeiten bieten sollte, aber sie würde lieber sterben, als den anderen ihre Bedürfnisse und Ängste auf die Nase zu binden. Man kannte sie als reife Christin, als eine Frau, die stark war und alles im Griff hatte, eine Frau mit einem unerschütterlichen Glauben. Der Gedanke, dass die Leute erfahren könnten, was Joelle getan hatte, versetzte sie in Panik. „Al ist ein Profi“, sagte Mike ruhig. „Er weiß, was Schweigepflicht ist. Er glaubt, ein paar Sitzungen mit einem Therapeuten könnten ihr helfen, und ich sehe das genauso. Er sagte, sie würden jemanden beauftragen, der die Familie nicht kennt. Ich habe schon einen Termin für sie vereinbart.“ „Gut. Wenn du meinst, dass das hilft.“ „Das tut es bestimmt.“ Mike seufzte. „Das wird schon wieder, Kathleen. Fahr vorsichtig. Wir sehen uns, wenn ich nach Hause komme.“ Als Kathleen auflegte, fühlte sie sich, als hätte sie einen Tag Schwerstarbeit in einer Sträflingskolonne hinter sich. Wie in Trance fuhr sie den vertrauten Weg nach Hause, während sie darüber nachdachte, wie Joelle auf die Nachricht, dass Kathleen ihre Stelle bei Impost verloren hatte, reagieren würde – und darüber, dass Joelle einen Termin beim Psychologen hatte. Was um alles in der Welt sollten sie den lieben lan-

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gen Tag gemeinsam machen? Joelle war schon lange aus Bastelstunden und Ausflügen zum Kindermuseum herausgewachsen. Als Kathleen nach Hause kam, lag ihre Tochter noch im Bett. Und wie sich in den nächsten Tagen herausstellte, hätte sie sich keine Gedanken darüber zu machen brauchen, was sie den ganzen Tag über zusammen unternehmen sollten. Joelle wachte selten vor halb zwei am Nachmittag auf, und nachdem sie eine Schüssel Cornflakes gegessen hatte, verbrachte sie den Großteil des Tages damit, sich Fernsehserien anzusehen oder eingeölt am Swimmingpool zu liegen und mit ihren Freundinnen zu telefonieren. Allmählich begann Kathleen sich zu fragen, ob Joelle vielleicht aus schierer Langeweile geklaut hatte. Der Gedanke war irgendwie tröstlich. Vielleicht war ihre Tochter doch keine Soziopathin oder Kleptomanin. Kathleen jedenfalls würde mit Sicherheit nicht jeden Tag bis halb zwei im Bett bleiben, aber sie hatte auch keine Ahnung, was sie mit all der freien Zeit anfangen sollte. Sie fuhr zu Impost und räumte ihr Büro aus, las einen Roman, den sie schon seit einiger Zeit hatte zu Ende lesen wollen, und dann verbrachte sie ein paar Stunden an ihrem Computer zu Hause mit einer halbherzigen Stellensuche im Internet. Die Aussicht auf ein Vorstellungsgespräch überzeugte sie rasch, dass Mike recht hatte: Sie sollte sich eine Auszeit gönnen. Sie war viel zu deprimiert, um in einer Reihe von Bewerbungsgesprächen eine erlesene Männerriege zu beeindrucken. Es war beinahe eine Erleichterung, als Joelles Therapiesitzungen zweimal die Woche begannen, sodass sie beide einen Grund hatten aufzustehen und sich anzuziehen. Joelles Therapeutin, Dr. Marie Russo, war klein und rundlich mit graumelierten braunen Haaren, die sie zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt hatte. Sie trug bequeme Schuhe und langweilige braune Kostüme, die aussahen, als hätte sie sie in einem osteuropäischen Land auf dem Flohmarkt gekauft. Nach Joelles vierter Sitzung bestellte Dr. Russo Kathleen in ihr Büro. „Ich würde gerne einen Teil der nächsten Sitzung mit Ihnen sprechen anstatt mit Joelle, Mrs Seymour.“ Kathleen starrte sie an. „Mit mir? Warum?“ „Ich glaube, es wäre gut, wenn ich einen Eindruck von den Familienbeziehungen bekäme. Das Verhalten Ihrer Tochter kommt schließlich nicht von ungefähr.“ „Richtig, die Mutter ist immer schuld“, sagte Kathleen nur halb im

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Scherz. „Und ich hatte gehofft, es wäre etwas Einfaches wie Gruppenzwang.“ Dr. Russo lächelte nicht. Sie stocherte erfolglos in ihrer Frisur herum. „Wir sehen uns dann am Donnerstag, Mrs Seymour.“ Als Kathleen am Donnerstagmorgen aufwachte, verstand sie sofort, warum Joelle geweint und mit Mike diskutiert und ihn angefleht hatte, als er ihr sagte, sie würde zu einer Therapeutin gehen. Der Gedanke, dass ein Fremder versuchen könnte, Türen zu öffnen, die man all die Jahre sorgfältig verschlossen und verriegelt hatte, war beunruhigend – so, als würde ein Computerhacker alle Passwörter knacken und Zugang zu den geheimsten Daten erlangen. Steif saß sie Dr. Russo im Sessel gegenüber, ihre Füße flach auf den Boden gepresst und die Handflächen, mit denen sie die Armlehnen umfasste, schweißnass. Man brauchte kein Psychologe zu sein, um Kathleens Körpersprache zu interpretieren. Dr. Russo verschwendete keine Zeit, sondern kam sofort zur Sache. Sie war der Typ Frau, dachte Kathleen, der ein Pflaster in einem einzigen Ruck entfernte. „Joelle hat mir erzählt, dass Sie beide nie miteinander reden“, begann die Ärztin. „Sie sagt, sie habe große Schwierigkeiten, mit Ihnen zu kommunizieren.“ „Ist das bei Teenagern nicht normal?“, fragte Kathleen mit einem nervösen Lachen. Die Therapeutin lächelte nicht. „Als ich sie bat, Sie zu beschreiben – mir ihren Eindruck von Ihnen als Mensch zu geben –, war sie dazu nicht in der Lage. Sie weiß nicht, wer Sie wirklich sind, wenn Sie nicht die offensichtlichen Rollen als Ehefrau oder erfolgreiche Geschäftsfrau spielen.“ Kathleen konnte darauf nichts erwidern. Sie hatte alles getan, um dafür zu sorgen, dass niemand ihr wahres Ich kannte. Und das Letzte, was sie wollte, war eine tiefer gehende Beschäftigung mit sich selbst. „Ich sehe Ihnen an, dass Joelles Bemerkungen Sie getroffen haben“, sagte Dr. Russo, während sie sich ein wenig vorbeugte. „Ich glaube, es wäre hilfreich, wenn Sie mir sagen, was Sie denken.“ Als Kathleen noch immer nicht antwortete, sagte die Ärztin: „Ich weiß, dass dies Ihre erste Sitzung bei mir ist, Mrs Seymour, aber Sie können mir vertrauen.“ Kathleen räusperte sich. „Es tut mir leid, aber Vertrauen ist für mich eine problematische Sache.“ „Würden Sie mir erzählen, warum das so ist?“ Sie schüttelte den Kopf. Sie dachte daran, wie sie in einem Ratgeber

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einmal gelesen hatte, wenn das Vertrauen eines Kindes in seine Eltern in jungen Jahren zerstört wurde, sei es für dieses Kind sehr schwierig, jemand anderem zu vertrauen – Gott eingeschlossen. Aber der Grund für ihren Mangel an Vertrauen war eine Büchse der Pandora, die sie ganz sicher nicht hier und jetzt öffnen würde. „Ich dachte, hier geht es um Joelle und nicht um mich“, sagte Kathleen schließlich. Dr. Russo zuckte nicht mit der Wimper. „Würden Sie sagen, dass Joelles Einschätzung, was Ihre Beziehung betrifft, den Tatsachen entspricht?“ „Sie meinen, dass unsere Kommunikation nicht gut funktioniert. Ja, das stimmt. Ich habe im College Mathematik und Betriebswirtschaft studiert. Ich bin Wirtschaftsprüferin mit einem Hochschulabschluss. Ich war noch nie sehr gut mit all dem Betroffenheitskram oder darin, meine innersten Gefühle auszudrücken.“ Aber sie war auch keine komplette Versagerin in Sachen Kommunikation, wollte sie hinzufügen. Sie und Mike sprachen über alles und stritten sich selten. Sie hatten geheiratet, als sie beide Mitte dreißig gewesen waren, beide eingerichtet in ihrem Singledasein und zufrieden mit ihrem Leben ohne den anderen. Kathleen war nicht der Typ Ehefrau, der einen Mann brauchte, der sie „vervollständigte“ oder der lange, introspektive Gespräche über alles führen wollte. Was ging es sie an, was Mike den ganzen Tag über dachte oder fühlte? „Joelle ist eine sehr sensible junge Frau“, sagte Dr. Russo und unterbrach damit Kathleens Gedanken. „Sie will ihre Gefühle ausdrücken – und zwar Ihnen gegenüber, nicht nur bei ihren Freundinnen. Aber sie muss das Gefühl haben, dass Sie im Gegenzug auch etwas von sich preisgeben. Sehen Sie, sie versucht herauszufinden, wer sie ist, und ein Teil dieser Entdeckungsreise ist auch das Bedürfnis zu wissen, woher sie kommt – woher ihre Eltern kommen.“ „Moment!“ Kathleen hob abwehrend beide Hände. Alarmglocken und Warnsignale ertönten in ihrem Kopf wie bei einem Großbrand. Beinahe hätte sie erwartet, dass die Sprinkleranlage sich einschaltete oder dass die Sekretärin zur Tür hereingestürzt kam und „Feuer!“ schrie. Kathleen wäre am liebsten aus dem Büro gerannt, aber ihre Sorge um Joelle war stärker, tiefer als ihre Angst. Sie war immer noch nicht überzeugt, dass Joelle vor einem Leben in der Kriminalität gerettet werden konnte, wenn sie ihr sorgfältig verborgenes Ich offenbarte, aber sie wusste, dass sie für ihre Tochter selbst einem lodernden Feuer die Stirn bieten würde.

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