Prolog
E
s war eine gute Nacht, um sich zu verloben. Der Mond stand rund und voll am Himmel. Die Kerzen waren entzündet. Und Lucy Wiltshire trug ein neues schwarzes Kleid, das Audrey Hepburn vor Neid hätte erblassen lassen. Ihre Freundinnen hätten bestimmt gesagt, dass es nur einer von vielen weiteren Funden aus dem Secondhandladen war, doch Lucy hatte vom ersten Augenblick an gewusst, dass dieses Kleid etwas ganz Besonderes war. Sie hatte es eingeklemmt zwischen einem avocadofarbenen Mantel und einem ausgebleichten Jeanskleid gefunden, das zu viele Bon Jovi-Konzerte miterlebt hatte. Das Kleid hatte sofort zu ihr gesprochen. Kauf mich. Ich bin dein. Wir gehören zusammen. Und gekauft hatte sie es. Abgesehen davon, dass die Taille ein bisschen eng gewesen war und sie ein paar Zentimeter Stoff hatte herauslassen müssen, fühlte sich das Kleid perfekt an. Es brachte Lucy dazu, vor Freude in ihrer kleinen Küche herumzuwirbeln. Es war das perfekte Outfit, um einen Heiratsantrag entgegenzunehmen. Sie hatte von diesem Tag geträumt, seit sie sechs Jahre alt gewesen war und eine Hochzeit für ihre Barbie-Puppe geplant hatte. Und nun stand ihr eigener Ken nur ein paar Meter von ihr entfernt und war so nervös, als stünde er schon vor dem Traualtar und hätte einen Ring in der Jackentasche. Matthew lockerte seine dunkelblaue Krawatte und setzte sich an den Küchentisch. „Hattest du einen schönen Tag?“, fragte Lucy, während sie das Knoblauchbrot in den Ofen schob und vor sich hin summte. „War in Ordnung.“ Seine Stimme klang abwesend und sein Blick war auf den Stapel ungeöffneter Post gerichtet, den sie noch nicht angerührt hatte. „Was ist das?“ Er hob eine mit Gold verzierte Karte hoch. Sie sah in seine Richtung, wandte sich dann aber schnell wieder ab. „Das ist nichts.“ „Sieht aus wie eine Einladung zum Klassentreffen oder sowas. Ich dachte, du hättest deinen Abschluss nicht in Charleston gemacht.“ Ihre Kindheit und Jugend in South Carolina war das Letzte, was sie 5
heute Abend diskutieren wollte. Was sie überhaupt jemals diskutieren wollte. „Ganz offensichtlich ist da irgendjemandem ein Fehler unterlaufen.“ Oder ein gemeiner Witz. Als Tochter eines Hausmädchens war Lucy an der elitären Montrose Academy in der Hackordnung ganz weit unten gewesen. Ihre Mutter hatte die Häuser ihrer Mitschüler sauber gehalten. Und sie hatten Lucy niemals vergessen lassen, dass sie nicht zu ihnen gehörte. Aber jetzt, hier in Charleston, hätte es nicht schöner sein können. „Oder sie wollen dich aus einem anderen Grund sehen.“ Lucy setzte sich und starrte den Mann an, der sie heute vor einem Jahr zum ersten Mal ausgeführt hatte. Matts Finger trommelten neben seinem Teller auf die Tischplatte und momentan entsprach er überhaupt nicht dem ruhigen Typ, der er sonst war. Sein sandblondes Haar war wie immer ordentlich links gescheitelt. Sein weißes Hemd gestärkt und die Ärmel hatten eine klare Bügelfalte. Der Timer am Ofen klingelte und Lucy sprang auf, um das Brot herauszunehmen. „Ich hoffe, du bist hungrig. Ich hab dein Lieblingsessen gemacht.“ „Hab ich gemerkt.“ Lucy warf das Brot in einen Korb und stellte ihn auf den Tisch. Nachdem sie Matts Teller genommen hatte, schaufelte sie selbstgemachte Nudeln, ihre geheime Soße und Salat – mit seinem Lieblingsdressing – darauf. Lucy konnte sich schon jetzt vorstellen, wie sie in dreißig Jahren hier sitzen, zusammen essen und sich von ihrem Tag erzählen würden. „Vielleicht solltest du hingehen. Zu dem Klassentreffen meine ich.“ Matt legte gewissenhaft seine Serviette auf den Schoß. „Wenn du wirklich dieses Mädchenheim gründen willst, musst du dich bei den Schönen und Reichen bekannt machen.“ Lucy beobachtete ihn, während sie sich hinsetzte. „Ich werde die finanziellen Mittel schon irgendwie anders aufbringen. Wofür gibt es denn Bundeszuschüsse. Und außerdem ist das Treffen am gleichen Abend wie deine feierliche Preisverleihung.“ Matt würde für seine Wohltätigkeitsarbeit unter älteren Mitbürgern geehrt werden. Als Buchhalter hatte er zahllose Stunden für die Senioren in Charleston geopfert und ihnen in Steuerfragen kostenlos mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Jeden Tag dankte Lucy Gott dafür, 6
dass er ihr Matt über den Weg geschickt hatte. Er war … einfach perfekt. Zweimal die Woche telefonierte er mit seiner Mutter. Er leitete einen Bibelkreis und spielte Baseball im Team ihrer Kirchengemeinde. Er las Autobiographien und sah sich im Fernsehen den Wirtschaftskanal an. Der Mann fuhr einen Volvo und keinen protzigen Geländewagen. Was konnte sie sich sonst noch wünschen? „Lucy?“ Matts Gesicht war ernst, als er ihre Hand ergriff. Das war es. Sie würde Mrs Matthew Campbell werden. Sie hoffte, dass ihr Lipgloss noch saß. Und wo hatte sie nur die Kamera hingelegt? Wenn es einen Moment gab, den man festhalten musste, dann doch einen Heiratsantrag. Er schluckte und umschloss ihre Hand mit seinen Fingern. „Es gibt etwas, über das ich gerne mit dir reden würde.“ Lucys Gedanken rasten. Sie würden einen Sohn und eine Tochter bekommen. Ihre Tochter würden sie Anna nennen, nach Lucys Mutter. Matt konnte ruhig den Jungennamen aussuchen. Ihr war egal, wie ihr Sohn heißen würde, solange es nicht Maynard war. Wie der Onkel, den Matt so sehr liebte. „Lucy, wir sind jetzt schon seit einer Weile zusammen.“ „Ein Jahr“, sagte sie. „Heute vor einem Jahr war unser erstes Date.“ Was natürlich Teil seines ausgeklügelten Planes war. Sein Griff um ihre Hand lockerte sich. „Und es war großartig. Ich habe unsere gemeinsame Zeit genossen. Du bist eine ganz unglaubliche Frau.“ Matt griff in seine Tasche. Der Ring. Er suchte nach dem Ring. Diamant, Schliff, Karat – das alles war ihr vollkommen egal. „Matt“, schniefte Lucy, „du sollst wissen, dass ich Gott mehr als dankbar dafür bin, dass er dich in mein Leben gebracht hat und –“ Er öffnete seine Hand. Und legte eine Visitenkarte auf den Tisch. Lucys Lippen wurden schmal. Das waren mit Sicherheit keine Hochzeitsglocken, die sie gerade läuten hörte. „Was ist das?“ Sie nahm die Karte in die Hand. „Matthew Campbell, Chefbuchhalter, Digby, Wallace und Hinds?“ Sein Lächeln war zögerlich. „Ich habe ein Jobangebot.“ 7
„Angebot?“ Sie fuhr mit dem Finger über den schön geprägten Namen auf der Visitenkarte – seinen Namen. „Sieht so aus, als wärst du darüber längst hinaus. Wann wolltest du es mir sagen?“ „Ich habe es versucht.“ Er schob seinen Teller beiseite. „Du warst so beschäftigt mit dem Kinderhort.“ „Wohnheim“, korrigierte sie ihn. „Saving Grace ist ein Wohnheim.“ „Du warst so beschäftigt mit den ganzen Planungen, dass ich in letzter Zeit kaum noch deine Aufmerksamkeit erregen konnte.“ „Jetzt hast du sie.“ Irgendetwas lief hier völlig falsch. „Was ist los? Ich habe noch nie etwas von diesen Leuten gehört. Digby? Wallace? Sind die neu?“ Seine grünen Augen fokussierten sich auf die Kerze in der Mitte des Tisches. „Nein. Eher alteingesessen, würde ich sagen. Sehr renommiert.“ „Und wo sind sie alteingesessen und renommiert?“ Sie konnte nicht umziehen. Das wusste er. Nicht jetzt, wo das Mädchenheim nur wenige Monate vor der Eröffnung stand. Würde er umziehen? Ohne sie? „In Dallas.“ Lucys Herz sank auf die Höhe ihrer Schuhe. „Wann gehst du?“ Er schloss seine Augen. „Es tut mir leid, Lucy.“ „Da musst du dir schon ein bisschen mehr Mühe geben.“ „Ich glaube, wir beide hätten es einfach langsamer angehen lassen sollen.“ Lucy dachte an die Hochzeitsmagazine unter ihrem Bett. „Dann lass es uns langsamer angehen. Das ist in Ordnung für mich. Ich glaube, wenn wir nur –“ „Ich gehe schon nächste Woche. Das ist eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen kann.“ Er sprach leise und geduldig, so als rede er mit einem Kind. „Ich glaube, dass wir eine Pause machen müssen. Mein Umzug ist die perfekte Gelegenheit, um ein bisschen Abstand zueinander zu gewinnen. Dann sehen wir einfach, was passiert.“ Ihre Träume fielen in sich zusammen. War es zu viel verlangt, Gott? War es zu viel, sich nach einer Familie zu sehnen? Danach, endlich ein Zuhause zu haben? Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich dazu verleiten lassen, zu glauben, dass alles möglich war. Ihr Lachen klang sogar in ihren eigenen Ohren jämmerlich und gezwungen. „Kannst du dir vorstellen“ – Tränen schnürten ihr fast den 8
Hals zu – „dass ich dachte, du würdest mir heute einen Heiratsantrag machen?“ Matt stand auf, kam zu ihr herüber und küsste sie auf die Stirn. „Ich glaube, ich sollte jetzt gehen.“ Sie ergriff seine Hand, als er sie zurückziehen wollte. „Liegt es an mir?“ Lag es denn nicht immer an ihr? Sanft strich er eine Strähne hinter ihr Ohr. „Nein. Ich weiß, dass du bereit für die Bindung fürs Leben bist. Aber ich muss erst meine Karriere vorwärtsbringen – ob ich will oder nicht.“ „Ich kann warten. Wir könnten es mit einer Fernbeziehung versuchen.“ „Es tut mir leid.“ Er schnappte sich seine Jacke von der Stuhllehne. „Ich glaube, dass du die Richtige sein könntest. Aber es ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt.“ Zwei Minuten später stand Lucy im Wohnzimmer, sah aus dem Fenster und beobachtete, wie Matt davonfuhr. Kein Ring. Keine Verlobung. Kein Glücklichsein bis ans Lebensende. Sie ging nach oben ins Schlafzimmer. Ganz langsam zog sie den Reißverschluss des Audrey-Hepburn-Kleides auf. Sie ließ das Kleid auf den Boden fallen. Dann schüttelte sie den Kopf und warf es aus dem Fenster.
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1. Kapitel Zwei Jahre später
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raußen vor dem Fenster sangen die Vögel ihre fröhlichen Lieder in Bäumen, die alt genug waren, um schon Abraham Lincoln Schatten gespendet zu haben. Eine kräftige Maisonne schwebte über den Baumwipfeln und Hausdächern und trieb die Menschen von Charleston nach drinnen ins Kühle. „Saving Grace“ befand sich in einem alten Stadthaus im Zentrum von Charleston, direkt neben einem italienischen Restaurant, das Tag und Nacht den Duft von Basilikum und gebackenem Pizzateig verströmte. Aber im Haus selbst saß Lucy in ihrem Bürostuhl und fragte sich, wie oft eine Welt eigentlich zusammenbrechen konnte. „Es tut mir leid, ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden?“ Sie starrte die schlanke Frau an, die ihr gegenübersaß. „Sinclair Hotels wird die Finanzierung für Saving Grace mit sofortiger Wirkung um vierzig Prozent zurückschrauben.“ Lucy hatte kaum die Möglichkeit gehabt, ihren Morgenkaffee zu trinken, da hatte schon die PR-Verantwortliche von Sinclairs an ihre Tür geklopft. Während sie den leichten Seidenschal um ihren Hals noch weiter lockerte, fragte sie sich, was sie tun konnte. „Miss Pierson“, sagte Lucy nun. „Vor nicht einmal sechs Monaten wurde mir dieser Betrag zugesichert.“ „Leider erfordert die momentane wirtschaftliche Situation Budgetkürzungen. Ich bin sicher, Sie werden das verstehen.“ Miss Pierson bedachte Lucy mit einem herablassenden Blick, den sie sich sicher schon in der Highschool zugelegt hatte. Sofort fühlte Lucy sich in ihre Jugend zurückversetzt. Die Blicke. Der Spott. Ihre Mitschüler hatten alles dafür getan, dass sich die arme Stipendiatin immer darüber im Klaren war, dass sie nicht zu ihnen gehörte. „Marcus Sinclair und der Vorstand sind natürlich untröstlich wegen dieser Entscheidung. Deshalb haben sie mich auch persönlich geschickt, um es Ihnen mitzuteilen.“ „Dafür bin ich sehr dankbar“, zwang sich Lucy zu einer Antwort. „Sinclair war bisher immer sehr großzügig. Aber wenn ich die private
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Unterstützung nicht aufbringen kann, werde ich auch die staatliche Förderung verlieren.“ „Wie Sie bestimmt gelesen haben, hat Sinclair Hotels in den vergangenen drei Jahren schwere Einbußen hinnehmen müssen. Der Geschäftsführer war sein Geld leider nicht wert. Also ist Mr Sinclair persönlich aus seinem mehr als wohlverdienten Ruhestand zurückgekehrt und kümmert sich nun wieder um die Belange des Unternehmens.“ Miss Pierson trug höchstens Size Zero, Größe 32. Was für eine Schande, dass der heldenhafte Mr Sinclair ihr nicht einmal genug bezahlte, damit sie sich ordentlich ernähren konnte. Im Gegensatz dazu schnitt Lucys Rock in Größe 38 mittlerweile unangenehm in ihre Hüfte. „Gibt es denn gar nichts, was ich tun kann?“ Herr, hilf mir, ruhig zu bleiben. Schenk mir deinen Frieden. Ich atme ein. Und aus. Und ein. Und aus – also ehrlich, ihre Arme sind dünner als Zahnstocher. „Es war eine Vorstandsentscheidung.“ „Vielleicht könnte ich persönlich mit Mr Sinclair reden?“ „Das wird leider nicht möglich sein. Er ist von seinen Verpflichtungen im Unternehmen im Moment sehr in Anspruch genommen. Außerdem kümmert er sich auch rührend um die Kampagne seines Sohnes.“ Lucy wollte nicht über Alex Sinclair nachdenken. Alleinerbe des Familienvermögens. Nicht, dass er das Geld eines anderen gebraucht hätte. Er hatte als erfolgreicher Quarterback bei den New York Warriors sein eigenes Vermögen angehäuft. Lucy war mit ihm zur Schule gegangen. Sie war eine Klasse unter ihm gewesen. Wenn er die Menschen in seiner Umgebung immer noch so behandelte wie früher, war es ein Wunder, dass ihn noch niemand im Schlaf erdrosselt hatte. „Zu der Gala am Freitag sind Sie natürlich immer noch herzlich eingeladen.“ Miss Piersons Augen flogen über die Wände von Lucys Büro. Die vielen Schwarz-weiß-Fotos der früheren und momentanen jungen Bewohnerinnen waren nicht direkt Kunst, aber für Lucy waren sie schöner als jeder Van Gogh. Morgen war das jährliche Ereignis, an dem sie eigentlich offiziell den Spendenscheck überreicht bekommen hätte. Es wäre die Sicherheit gewesen, dass Saving Grace noch mindestens ein weiteres Jahr hätte bestehen können. Mädchen hätten ihre Ausbildung bekommen. Wären aufs Arbeitsleben vorbereitet worden. Hätten ein Dach über dem 11
Kopf gehabt. Doch jetzt wusste Lucy nicht einmal, wie sie den Winter überstehen sollten. Miss Pierson erhob sich elegant von dem knarrenden Holzstuhl. „Im Namen von Sinclair Hotels möchte ich mich bedanken, dass wir dank Ihnen unserer Gesellschaft einen Dienst erweisen konnten.“ Mit einem schlaffen Händeschütteln verabschiedete sich Miss Pierson, nahm ihre Handtasche und ging. Lucy legte den Kopf auf ihren Schreibtisch. „Warum ich?“ Es musste doch etwas geben, das sie tun konnte. Sie konnte nicht einfach hier sitzen und Saving Grace wegen einer einzigen Spende sterben lassen, so wichtig sie auch war. Herr, was soll ich tun? Ich brauche ganz dringend deine Hilfe. Sie ließ ihren Kopf wieder auf den Schreibtisch sinken und murmelte vor sich hin. „Ist das ein privater mentaler Zusammenbruch oder kann ich mitmachen?“ Lucys blonde Locken sprangen auf und ab, als sie sich hektisch aufsetzte. „Hey.“ Ihre beste Freundin Morgan zu sehen, hätte ihr ein Trost sein sollen. Doch das junge Mädchen an Morgans Seite sagte Lucy, dass sie ihr Herz vorerst nicht würde ausschütten können. „Ich habe Marinell hier gerade noch erzählt, was du für eine vernünftige, zuverlässige Person bist.“ Morgan ließ sich in den Stuhl fallen, auf dem vor Kurzem noch Miss Pierson gesessen hatte und bot auch dem Mädchen einen Platz an. „Aber das natürlich erst, wenn du deine allmorgendliche Dosis Koffein intus hast.“ Lucy konnte dem Blick ihrer lächelnden Freundin kaum standhalten. „Ich versuch’s heute mal mit ein bisschen Verrücktheit. Und bisher … gelingt es mir eigentlich ganz gut.“ Lucy wandte sich dem Mädchen zu, das sie an eine junge Selma Hayek erinnerte. „Hallo, Marinell. Ich bin froh, dass du dich dazu entschieden hast, dich mit mir zu treffen.“ Als Sachbearbeiterin in der Pflegeeinrichtung hatte Morgan ihre Freundin Lucy mit allen wichtigen Details der Akte des Mädchens vertraut gemacht. Achtzehn Jahre alt. Hatte die letzten eineinhalb Jahre in vier verschiedenen Heimen verbracht und war aufgrund der schlechten Zustände im letzten Heim ausgerissen. Bereitete sich darauf vor, den Schulabschluss nachzuholen und war im Moment obdachlos. 12
„Ich hab Miss Morgan versprochen, Ihnen zuzuhören, aber ich will hier nicht einziehen“, sagte Marinell. „Es geht mir da gut, wo ich bin.“ „Und wo ist das noch gleich?“, fragte Lucy. „Bei einem Verwandten.“ Den meisten Mädchen ging es so schlecht, dass sie nicht zu hoffen wagten, dass ihr Leben für sie noch etwas Gutes bereit hielt. Lucy wusste, dass Marinell in Charleston außer ihrer Mutter keine Familie hatte. Und der war das Sorgerecht schon lange entzogen worden. Ihr jüngerer Bruder war in einem Jungenheim untergebracht worden. „Ein Verwandter, ja?“ Sie zuckte die Schultern „Ein Freund.“ „Dann ist es wohl mein Job, dich davon zu überzeugen, dass du hierbleiben solltest.“ Was genau das Richtige wäre, wenn Saving Grace nicht kurz vor dem Aus stehen würde. „Morgan hat mit dir schon die Erwartungen durchgesprochen, richtig?“ Marinell starrte sie nur an. „Wir sind eine Organisation, die auf dem christlichen Glauben basiert. Du müsstest einfach nur zur Schule gehen und bereit sein, hart zu arbeiten und unsere Regeln zu befolgen.“ Es gab auch Ausgehverbote, Bibelstudien, Sozialkundeunterricht und Aufgaben, die die Mädchen im Haus zu übernehmen hatten. Lucy und die beiden anderen Erwachsenen, von denen immer mindestens einer im Haus war, sorgten dafür, dass alle Regeln eingehalten wurden. Sie und Morgan arbeiteten eng zusammen. Als Sozialarbeiterin für das Land hatte Morgan viele Kontakte zu Mädchen, die durch das Heimsystem fielen. Wenn sie die Schule beendet hatten und achtzehn waren, sah der Staat sie als Erwachsene an. Saving Grace bot denen ein Dach über dem Kopf, die keinen Ort hatten, wo sie sonst hingehen konnten. Obwohl der Staat bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr noch eine kleine Unterstützung anbot, nutzten das die wenigsten, sondern versuchten, selbst über die Runden zu kommen. Und da es sowieso viel mehr Heimkinder als Pflege- oder Adoptivfamilien gab, landeten immer mehr Kinder auf der Straße. Es war eine nationale Epidemie, von der die meisten Menschen nichts wussten. Diese Ungerechtigkeit entfachte immer wieder Lucys Ärger. Morgan erwartete, dass Lucy dem Mädchen nun überzeugende Argumente bot, um sich doch für einen Aufenthalt hier zu entscheiden. „Warum machen wir nicht einfach einen kleinen Rundgang?“ 13
„Warum nicht.“ Lucy und Marinell ließen Morgan im Büro zurück und gingen durch die Eingangshalle. Zuerst zeigte Lucy das große, lichtdurchflutete Wohnzimmer. „Wir hatten große Unterstützung von der Kirchengemeinde hier, die uns bei der Einrichtung geholfen hat. Hier hängen die Mädchen abends rum, schauen Filme oder machen Hausaufgaben. Jeden Mittwochabend haben wir hier unseren Bibelkreis.“ Während sie selbst ihren Blick durch den Raum schweifen ließ, musste sie den beängstigenden Gedanken verdrängen, dass sie all das bald verlieren könnte. „Wir haben zwei Flure mit Schlafzimmern. Jeder Raum wurde von einem Gemeindemitglied ausgestattet. Das heißt, kein Raum gleicht dem anderen.“ Lucy knipste das Licht in einem der Zimmer an und betrat den Raum. Marinell konnte ihre Überraschung nicht verbergen. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ „Es ist cool, oder? Das ist unser letztes freies Zimmer.“ Marinell fuhr vorsichtig mit der Hand über die cremefarbene Tagesdecke auf dem Bett, dann über die bedruckten Kissen. „Erzähl mir von deiner Familie.“ Jedes Mädchen, das durch Lucys Tür kam, hatte seine eigene Geschichte. Marinell betrachtete ein Bild an der Wand. „Meine Mutter ist vor ein paar Jahren hierher gezogen. Mein Bruder ist krank geworden und sie hat ihren Job verloren. Als einer von meinen Lehrern rausgefunden hat, dass wir kein Haus mehr haben, hat uns der Staat einkassiert.“ „Und wo ist dein Vater?“ „Weg.“ Marinell zuckte mit den Schultern, als mache es ihr nicht sonderlich viel aus. „Bekommen wir hier auch Essen?“ „Ja. Und ihr lernt, wie man kocht.“ Dank einiger Freiwilliger hatten die Mädchen die Chance, wichtige Dinge zu erlernen, wie zum Beispiel Kochen oder wie man mit seinem Geld umging. Als sie zurück in den Flur gingen, konnte Lucy sich kaum auf das Gespräch konzentrieren. Ihr Verstand ratterte. Sie brauchte Zeit. Sie musste Telefonate führen, Unternehmen kontaktieren. Sie musste neue Spender finden. Und das alles sehr schnell. Lucy führte Marinell zurück in ihr Büro, doch das Mädchen blieb erstaunt stehen. „Was ist das?“ Marinell zeigte auf eine gleichmäßige 14
Reihe von leichten Vertiefungen im abgenutzten Holz des Fußbodens. „Saving Grace war bis vor ein paar Jahren ein Konvent.“ Bei diesem Gedanken wurde ihr immer wieder warm ums Herz. „Hier haben die Nonnen gebetet. Diese Vertiefungen sind durch die vielen Stunden entstanden, die die Frauen auf ihren Knien verbracht haben.“ „Ehrlich?“ Lucy nickte. „Ich mag den Gedanken, dass die Schwestern sich sicher über das gefreut hätten, was wir hier tun. Diese Vertiefungen erinnern mich daran, dass auch ich nichts erreichen kann, wenn ich mich nicht immer wieder auf Gott besinne.“ „Meine Eltern sind katholisch. Ähm, meine Mutter, meine ich.“ „Aber du nicht?“, fragte Lucy. Marinell wandte ihren Blick vom Boden ab. „Ich bin gar nichts.“ Lucy tauschte einen raschen Blick mit Morgan aus, bevor sie dem Mädchen ihre Karte gab. „So kannst du mich erreichen. Wenn du irgendetwas brauchst, ruf mich an – Tag und Nacht.“ Als sie Marinell die Karte in die Hand drückte, spürte sie die warme Haut und das junge Leben, das in dem Mädchen pulsierte. Bitte hilf mir, sie zu retten. „Wir würden uns freuen, wenn du hier einziehen würdest, Marinell.“ Lucy lächelte. „Und wir würden uns freuen, deine neue Familie zu sein.“ „Wissen Sie, wie viele Leute das schon zu mir gesagt haben?“ Marinell hob herausfordernd ihr Kinn. „Ich brauche jemanden, der mich aushält, wie ich bin. Es bringt mir nichts, wenn das hier nur wieder ein Ort mehr ist, der mich irgendwann fallen lässt.“ Morgan lächelte. „Dann habe ich dich genau an den richtigen Ort gebracht.“ Lucy lauschte den Worten ihrer besten Freundin und gab sich Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. „Ich verspreche dir, dass Lucy dich nicht im Stich lassen wird.“
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