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Über die Autorin: Heidi Schmidt lebte mit ihrem Mann in der Nähe von Wolfsburg. Sie war engagierte Mitarbeiterin in der Kinder- und Jugendarbeit und Autorin zahlreicher Jugendbücher. Sie verstarb im Jahr 2010.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

gekürzte und überarbeitete Fassung von „Paulas Tagebuch“ Band 1 – 3 (© 2000/2001) ISBN 978-3-86827-283-3 Alle Rechte vorbehalten © 2011 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Umschlagbilder: © iStockphoto.com / lordalea Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Christian Heinritz Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Bercker Graphischer Betrieb, Kevelaer

Vorwort „Was sich neckt, das liebt sich.“ Man könnte auch sagen: „Was sich liebt, das neckt sich.“ Ich liebe die christlichen Gemeinden, Kreise und Familien, und so nehme ich mir die Freiheit heraus, ihre (und meine eigenen) Schwächen und Eigenarten ein bisschen liebevoll-satirisch aufs Korn zu nehmen. Paula ist 14 Jahre alt und wächst in einer typisch pietistischen Familie (falls es eine solche überhaupt gibt) auf. Sie geht gerne in die „Landeskirchliche Gemeinschaft“, aber auch ab und zu zum Gottesdienst in der evangelischen St. Andreas-Kirche, was nicht unbedingt typisch ist, zugegeben. Ihre Erfahrungen mit den christlichen Kreisen, ihrer Familie, ihren sonstigen Mitmenschen, ihrem Glauben und ihrem ganz normalen Alltag schreibt sie in ein Tagebuch, das sie einmal ihren Urenkeln vererben will. Sie, liebe(r) LeserIn, dürfen aber ausnahmsweise schon mal einen Blick in dieses Tagebuch werfen, bevor es ihre Urenkel bekommen. Viel Spaß beim Lesen!

Heidi Schmidt

www.francke-buch.de

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Samstag, 1. Januar Habe beschlossen, zum ersten Mal in meinem Leben ein Tagebuch zu beginnen, eins, das ich dann später mal meinen Urenkeln vererben kann oder so. Von Oma haben wir nämlich vor ein paar Monaten auch ein Tagebuch von 1946 gefunden. Ist total interessant. Außerdem schreibt meine Freundin Carolin eins (ich nenne sie immer Coffee, weil mich ihr Name an Caro-Kaffee erinnert. Coffee geht in meine Klasse, ist aber zwei Jahre älter als ich. Wegen einer langwierigen Krankheit im Kindergartenalter ist sie später eingeschult worden), und sie sagt, das sei lebensnotwendig in unserem Alter, fast so wichtig wie ein Handy. Zum Beispiel könnte sie immer wieder in alten Tagebüchern nachsehen, wann sie mit welchem Typen gegangen ist. Das wäre sehr hilfreich, um die Übersicht nicht zu verlieren. Nun ja, dieses Problem habe ich nicht, ich hatte bislang ja noch nicht so sehr viele feste Freunde (genau genommen gar keinen) – aber vielleicht könnte ich ja den Eindruck erwecken, als hätte ich dieses Problem, wenn ich in der Schule mit einem Seufzer erkläre: „Ach ja, ich muss jetzt auch ein Tagebuch führen. Ohne so was ist man ja völlig aufgeschmissen!” Gut für mein Image. Und es gibt sicher noch tausend andere Dinge, für die so ein Tagebuch gut sein kann. Sagt Coffee auch. Also fange ich eins an. Der erste Tag im neuen Jahr erscheint mir dafür sehr geeignet. Ab jetzt werde ich all die weltbewegenden Ereignisse aufschreiben, die sich in meinem Leben abspielen. Wird bestimmt ein ganz tolles Buch. So, nun fang ich mal an: Wurde heute Morgen wach, als ich unten unsere Nachbarin Frau Krein (69 Jahre, sieht aber aus wie 85) rumzetern hörte:

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„Nicht mal auf die Katastrophen kann man sich noch verlassen! Was soll ich jetzt mit dem ganzen Mist anfangen? Ich mag doch dieses trockene Zeug gar nicht. Und der Kram nimmt so viel Platz weg, dass ich jetzt nicht mal mehr meine normalen Lebensmittel unterbringe!“ Nachdem in den Nachrichten ständig vom großen Computercrash gesabbelt wird, der kommen könnte, weil wieder mal eklige Viren unterwegs sind, und dass deshalb die Stromversorgung zusammenbrechen wird, hatte sich Frau Krein mit 50 Paketen Knäckebrot, haufenweise Konserven, zwei Gaskochern, Öllampen, Decken und 80 Litern Mineralwasser eingedeckt. Außerdem hatte sie sich zusätzliche Türschlösser anbringen lassen, um im Falle einer Katastrophe vor Plünderern sicher zu sein. Ja, und nun ist der Crash ausgfallen und sie hat die Wohnung mit diesem Zeugs voll. Ich habe natürlich nie daran geglaubt, dass dieser Blackout tatsächlich stattfinden würde, mir war völlig klar, dass das Fernsehen nur Panik machen wollte. Lachte mich scheckig, als ich Frau Krein herumwieseln sah, und genehmigte mir erst mal eine von meinen vierzig Tafeln Marzipanschokolade, während ich sie vom Fenster aus beobachtete. Die Schokolade habe ich mir übrigens rein zufällig im Sonderangebot gekauft – ein kleiner Vorrat kann ja nie schaden. Den ganzen Morgen tigerte Frau Krein im Dorf rum und versuchte, ihren Kram an die Nachbarn zu verkaufen. Meine Eltern haben ihr eine Öllampe und drei Pakete Knäckebrot abgekauft. Sehr viel mehr ist sie wohl nicht losgeworden. Sie ist nicht gerade beliebt, weil sie immer über alles meckert. Aber heute tat sie mir richtig leid. Vielleicht gehe ich morgen mal rüber und kaufe ihr noch ein Paket Knäckebrot ab: Nachmittags kam Nico aus Berlin zurück. Der hat’s gut, der durfte mit seinen 17 Jahren bei der Silvester-

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party in Berlin dabei sein. Ich war gestern Abend mit Mama und Paps zur Gemeinschaftsstunde (das ist so ’ne Art Gottesdienst, nur etwas lockerer und viel besser als der in der Kirche). War echt O.K. gestern. Nur etwas nervig, als unser Prediger, Herr Klein, nach der Begrüßung fragte, ob nicht jemand sein schönstes Erlebnis aus dem vergangenen Jahr erzählen wolle. Da fing Frau Rittmann an, sämtliche Erlebnisse aus den letzten drei Jahrzehnten runterzuleiern und hörte gar nicht wieder auf. War ja erst ganz interessant, aber beim achtzehnten „Und ich war ja auch noch so dankbar, als ...“ wünschte ich mir, dass sie baldmöglichst aufs Klo müsste. Musste sie leider nicht. Schielte zu Herrn Kamerau hinüber, der die Predigt halten sollte und während Frau Rittmanns Vortrag besorgt in seinem Konzept herumstrich. Herr Kamerau ist ein totaler Ordnungs- und Pünktlichkeitsfanatiker, und so fiel seine Predigt dann auch mit drei Minuten sehr kurz aus, damit der Gottesdienst pünktlich enden konnte. Zum Abschied meinte er zu Frau Rittmann: „Das ist ja wirklich erstaunlich, was Sie alles so in einem Jahr erleben!“ Sah ihm aber an, dass er ihr am liebsten den Hals umgedreht hätte ... So, ich glaube, für heute habe ich genug geschrieben. Muss ja nicht gleich übertreiben. Außerdem bin ich tierisch müde, habe die letzte Nacht nur drei Stunden geschlafen. Ich glaub, ich muss mich noch mal hinlegen ...

Sonntag, 2. Januar

Habe heute mal wieder ausgeschlafen. Erfuhr heute Mittag, dass übermorgen Tante Olga, meine Großtante (73 Jahre, mit Ansichten einer 135-Jährigen!), zu Besuch kommt! Hoffe, dass mir bis dahin noch ’ne passable Ausrede einfällt, warum ich an diesem Nachmittag

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leider nicht dabei sein kann. Tante Olga ist nämlich die ätzendste Person, die man sich nur vorstellen kann. Man kann ihr nichts recht machen, an allem hat sie was auszusetzen. Manchmal frage ich mich, ob Gott bei ihrer Erschaffung nicht doch ein Fehler unterlaufen sein könnte. Sorry, Gott, ich weiß ja, du machst keine Fehler, aber ... Habe ganz vergessen, Frau Krein noch ein Paket Knäckebrot abzukaufen. Na ja, morgen ist auch noch ein Tag ...

Montag, 3. Januar

Begegnete heute Morgen im Supermarkt Frau Krein. Sie stand mit dreißig Paketen Knäckebrot und vielen Konserven an der Kasse und wollte alles zurückgeben. Der Marktchef war echt nett und nahm das tatsächlich zurück. (Jetzt muss ich ihr kein Knäckebrot mehr abkaufen, ein Glück!) Nur auf den Öllampen wird sie wohl sitzen bleiben. Dennoch war die gute Frau wie üblich nur am Schimpfen. „Das haben die extra gemacht, mir so viele Sachen zu verkaufen! Die mussten doch wissen, dass das mit diesem Computerdingsbums gar nicht passiert! Das haben die doch nur erzählt, damit alte Leute wie ich so viele Sachen kaufen! Alte Leute übers Ohr hauen, das können sie, diese Knallköppe!“ Unterbrach sie: „Aber der Laden hat doch alles zurückgenommen.“ Darauf Frau Krein: „Natürlich, das mussten sie ja! Ich habe ja so viel gekauft, dass nun für die anderen nichts mehr da ist! Und jetzt sind die froh, dass ich das alles zurückbringe, damit die anderen Leute auch noch was kaufen können! So ist das nämlich!“ Nun ja ... Mist, mir ist immer noch keine Idee gekommen, wie

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ich morgen dem Tantenbesuch entgehen kann. Muss mir unbedingt noch was einfallen lassen. Aber was?

Dienstag, 4. Januar

Ziemlich durchwachsener Tag heute. Musste Mama morgens beim Kuchenbacken helfen. Schusselig, wie sie ist, hatte sie vergessen, Mehl zu besorgen. Musste deshalb schon wieder in den Supermarkt. Sah dort einen total süßen Typen!! Hab ihn natürlich – schüchtern, wie ich bin – nur einmal ganz kurz und flüchtig angeschaut, damit er nicht denkt, ich wollte ihn anbaggern. Aber der sieht echt toll aus!!! Schlank, sportlich, schwarze Haare, tiefblaue Augen, eine kleine Zahnlücke, ein Leberfleck am rechten Ohrläppchen, 17 Sommersprossen, muskulöser Körperbau (wiegt ca. 72 kg) und ein Lächeln hat der drauf! Habe den vorher noch nie gesehen. Bin ihm unauffällig hinterhergelaufen, als er nach Hause ging. Er wohnt nur fünf Häuser vom Supermarkt entfernt. Warum ist der mir nicht schon früher aufgefallen? Wartete noch zwei Minuten vor seinem Haus, für den Fall, dass er zufällig gleich wieder rauskommen würde. Kam aber nicht. Ging nach Hause, wo Mama meinte: „Muss ja schrecklich viel los gewesen sein, wenn du für ein Paket Mehl über eine Stunde brauchst!“ Stellte mit Schrecken fest, dass ich ganz vergessen hatte, das Mehl zu kaufen. Mama war sauer. Erklärte mich bereit, noch einmal zum Supermarkt zu gehen, nett wie ich bin. Leider sah ich den goldigen Typen nicht noch mal. Den nenne ich jetzt übrigens „Justin“, bis ich seinen richtigen Namen weiß – er sieht nämlich fast so aus wie Justin Bieber, nur noch viel besser. Fand keine passende Ausrede mehr, um Tante Olga

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zu entwischen. Um 15.00 Uhr kam sie. Umarmte und küsste mich überschwänglich, was ich nicht ausstehen kann (wahrscheinlich tut sie es gerade deshalb). Beim Kaffeetrinken fing sie wieder an, über alles nur Erdenkliche zu schimpfen, vor allem darüber, wie enttäuscht sie vom ehemaligen Bundeskanzler Kohl ist, der die Spendenaffären seiner Partei bis heute nicht aufgeklärt habe. „Und ich dachte, der Mann wäre ein Christ! Und dann macht er so was! Das ist wirklich eine Schande! Ich hätte den doch nie unterstützt, wenn ich das geahnt hätte! Dass der mich sooo enttäuschen würde, nee, das werde ich nie verwinden ...“ In diesem Moment kam Nico rein und meinte: „Hallo, Tante Olga! Hab gerade mitbekommen, was du gesagt hast – tut mir echt leid für dich, dass dein Typ dich hat sitzen lassen! Aber sei nicht traurig, du findest schon einen Neuen. Es sind nicht alle Männer so.“ Tante Olga glotzte Nico irritiert an, und Mama erklärte: „Nico, wir sprachen gerade über Altkanzler Kohl ...“ Nico grinste: „Tante Olga hatte was mit Kohl? Ist ja heiß! Na ja, vom Format her passt ihr ja schon zusammen, was Tantchen?“ Hatte das unbestimmte Gefühl, Tante Olga könnte jeden Moment explodieren. „Komm mal kurz mit raus, Nico!“, zischte Mama in Richtung Nico und die beiden verschwanden vor der Tür. Tante Olga war stinksauer darüber, dass man ihr überhaupt zutraute, einen „Typen“ zu haben, wo sie doch „nur für den Herrn brennt“, wie sie immer betont. Als Mama wieder reinkam und knurrte, Nico müsse jetzt ganz dringend sein Zimmer aufräumen, brachte mein Outfit Tante Olga auf ein neues Thema. Was´n Wunder, dass sie nicht schon längst damit angefangen hatte. Motzte rum: „Sag mal, mein Fräulein, hast du keine anständige Kleidung? Musst du wirklich so einen

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alten Pullover anziehen mit einem Fischgerippe drauf? Das ist ja wiii-der-lich!“ Überlegte kurz, was ich zur Rechtfertigung meines Fishbone-Pullovers sagen könnte und meinte dann: „Weißt du, äh, ein Fisch ist doch auch das Zeichen der Christen, äh, und dieser tote Fisch warnt davor, dass die Christen bald aussterben, wenn wir nicht genug Leute zum Glauben führen!“ Mama sah mich vorwurfsvoll an, sagte aber glücklicherweise nichts. Tante Olgas Gesicht jedoch hellte sich auf, als käme ihr gerade die Erleuchtung ihres Lebens, und sie lächelte selig: „Ach so ist das! Dann entschuldige bitte, mein Kind. Hätt ich mir ja eigentlich auch gleich denken können. Das ist ja wirklich eine sehr gute Sache, die dieser Pullover da vermittelt. Ein Aufruf zur Mission sozusagen. Vielleicht sollte ich mir dann auch mal so etwas anziehen. Gibt es auch Blusen mit so einem Aufdruck?“ Zuckte mit den Schultern und musste mich tierisch zusammenreißen, um nicht loszulachen. Tante Olga im Fishbone-Pullover! Zum Schießen! Gott, ich weiß ja, dass die Firma von „Mr. Fishbone“ nicht unbedingt davor warnen will, dass die Christen aussterben könnten – aber meinst du nicht, man könnte dieses Zeichen auch so interpretieren?

Mittwoch, 5. Januar Dachte die halbe Nacht noch über „Justin“ nach. Ist das erste Mal, dass ich einen Typen auf Anhieb so süß finde! Ob der schon ’ne Freundin hat? Bestimmt. Trotzdem, ich würde ihn gerne mal kennenlernen. Bloß wie? Gegen zehn Uhr fiel mir plötzlich ein, dass ich mir ja dringend noch einen neuen Block für die Schule kaufen

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müsste. Hab mir zwar erst vorgestern einen gekauft, aber Blöcke kann man doch nie genug haben, oder? Sauste sofort los. Sah Justin leider nicht, obwohl ich noch ganz kurz an seinem Haus vorbeigegangen bin. Schade! Als ich um zwölf nach Hause kam, stellte Mama prompt fest: „Wo warst du denn so lange? Du kannst doch unmöglich zwei Stunden gebraucht haben, um diesen einen Block zu kaufen!“ Mütter! Schreibt die sich eigentlich jede Minute auf, was ich gerade tue? Nachmittags kam endlich Coffee vom Skiurlaub zurück. Ging gleich zu ihr rüber. (Gitarrenunterricht fiel zum Glück aus, mein Musiklehrer liegt mit Grippe im Bett). Ihr Trip war wohl sehr „erfolgreich“. Offenbar war das ganze Bergkaff voll von supersüßen Jungs, die sie von morgens bis abends angebaggert haben. Natürlich hat sie die meisten abblitzen lassen und sich nur die Besten rausgesucht, von denen sie sich dann alles bezahlen ließ und so. Warum fragt mich nie jemand, ob ich mit ihm gehen will? O.K., ich weiß ja, dass es wahrscheinlich auch nicht so das Gelbe vom Ei ist, mit irgendwelchen Jungs rumzuknutschen, ohne sie wirklich zu lieben und so. Und ich will ja natürlich auch einen haben, der auch Christ ist. Aber könnte mir nicht mal ein netter Christ, der total super aussieht und voll nett ist, über den Weg laufen und mich fragen, ob ich mit ihm gehen will? Überlegte kurz, ob ich Coffee von Justin erzählen soll. Ließ es dann aber doch bleiben. Sonst schnappt sie mir den garantiert weg, bevor ich überhaupt eine Chance habe, ihn kennenzulernen. Ob Justin wohl Christ ist? Hm ...

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Donnerstag, 6. Januar Fühlte mich den ganzen Tag ziemlich matschig. Sah mir ein paar dämliche Talk-Shows an. Eine davon hatte das Thema „Verliebt in einen Star“. Eins von den Mädels war natürlich in Justin Bieber verknallt. Dachte sofort an „meinen“ Justin. Stellte mir gerade vor, wie „mein“ Justin in einer Talkshow voll romantisch mit einem großen Rosenstrauß zu mir käme und hauchte: „Du weißt es noch nicht, aber ich liebe dich schon lange, Paula. Seit ich dich das erste Mal sah. Du hast mich nie bemerkt, aber ich wusste vom ersten Moment an, dass du das Mädel meiner Träume bist. Ich hab mich nicht getraut, dich anzusprechen, weil ich nicht wusste, ob du meine Gefühle erwidern würdest. Aber heute möchte ich dich vor aller Welt fragen: Willst du mit mir gehen?“ Wollte in Gedanken gerade ein „Ja, ich liebe dich auuuch!“, schluchzen und ihm in die Arme fallen, da hörte ich Nico im Flur rumkrakeelen: „Welcher Idiot war auf’m Klo und hat nicht gespült? Das mieft ja wie die Pest!“ Morgen werde ich Nico erwürgen. Wollte nachmittags zu Coffee und dann mit ihr in die Stadt fahren. Ging nicht, sie liegt mit Grippe im Bett. Unterhielt mich kurz mit ihr. Das heißt, sie erzählte mir noch mal eine Stunde lang, wie „voll witzig“ es mit ihren Typen im Skiurlaub war. Latschte ziemlich frustriert nach Hause. Ach ja, Justin ... Abends zur Chorprobe. Dachte, ich krieg die Krise, als plötzlich Frau Beckmann zur Tür reinkam und erklärte, sie wolle nun auch mitsingen. Nix gegen Frau Beckmann persönlich, aber wenn sie singt, klingt das, als ob ihr jemand mit einem 18-Tonner über die Füße fährt. Selbst an Weihnachten, wenn der Saal unseres

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Gemeindehauses proppevoll ist, weiß man spätestens nach dem ersten Lied, ob Frau Beckmann da ist – man hört es einfach. Noch bevor unser Chorleiter, Herr Schröder, einschreiten konnte, zwängte sich Frau Beckmann in den Frauenblock und dröhnte freudestrahlend: „Ich bin ja so froh, dass ich endlich mal die Gelegenheit habe, meine Stimme zur Geltung zu bringen!“ Unsere Probe lief erwartungsgemäß katastrophal. Gott, kannst du nicht irgendeine Sache passieren lassen, die Frau Beckmann davon abhält, weiter in unserem schönen Chor mitzusingen? Ich meine, das kann doch unmöglich dein Wille sein, dass so eine kreischende Sirene unseren tollen Chor kaputt macht! Oder?

Freitag, 7. Januar 20.00 Uhr. War nachmittags beim Frisör, weil Mama behauptet hatte, man wisse gar nicht mehr, wo bei mir vorn und hinten ist. (Typisch Mama, muss immer gleich maßlos übertreiben – nur weil ich in den letzten Tagen öfter mal irgendwo gegengelaufen bin!) In der Wartezone saß ich mit zwei anderen Frauen, die mächtig über Kirche, Pfarrer und so weiter herzogen. Die eine meinte, es sei alles Quatsch, was die Kirche verzapfe, dass es keinen Gott gäbe und dass Christsein nur was für Schwachköpfe sei. Muss sie wohl etwas zu verdattert angestarrt haben – jedenfalls ging sie plötzlich auf mich los: „Stimmt’s etwa nicht?“, worauf ich hohle Nuss nur genickt habe. „Glaubst du etwa diesen Blödsinn von Himmel und Hölle?“, setzte sie noch hinterher. Hab nix gesagt. Nur nach unten geguckt und den Kopf geschüttelt. Ich Idiot! Warum habe ich nicht gesagt, dass ich Christin bin und dass ich mir ganz sicher

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bin, dass Gott mich liebt? Warum habe ich bloß meinen Holzkopf geschüttelt?!? Ich könnte mich ... Habe jetzt ein total mieses Gefühl im Bauch. Gegen mich war Judas ein Heiliger und Gott ist bestimmt sauer auf mich! Er muss doch jetzt denken, dass ich´s einfach nicht gebacken kriege mit dem Christsein. Ich bin die schlechteste Christin, die es je gab! Wünschte, Gott würde mir heute Nacht in einem Traum zeigen, dass er mich trotzdem noch liebt ...

Samstag, 8. Januar

Fühle mich so mies! Schlief die erste Hälfte der Nacht nicht, um dann auch noch zu träumen, dass ich in einem Gerichtssaal stand und der Richter mich anplärrte: „Du hast mit dem Kopf geschüttelt! Du hast deinen Glauben verraten!“ Wachte schweißgebadet auf. Hoffe ernsthaft, ich bekomme bald mal einen Hinweis oder so was, dass Gott mich noch liebt oder so ... Gegen zehn Uhr kam Frau Krein von nebenan vorbei. Sie hatte ein Wollkleid an, das vermutlich aus dem ersten Weltkrieg stammt, und fragte, ob Paps ihr helfen würde, die Teppichböden in ihrem Haus herauszureißen, damit sie „kein Mann werden würde“. Paps guckte unglaublich intelligent aus der Wäsche und stammelte nur: „Ich verstehe nicht ganz, ähem, wie Sie das meinen ...“ Nach einigem Hin und Her kam heraus, dass Frau Krein gehört hatte, in manchen Teppichböden und Kleidern sei ein Giftstoff drin, durch den Frauen männlicher werden könnten. Das Zeug heißt TBT und verändert die Hormone oder so. Paps hatte alle Mühe, Frau Krein zu überzeugen, dass sie da wohl nichts zu befürchten habe, wenn sie doch seit vierzig Jahren mit ihren Teppichböden gut klarkomme. Trotzdem wurde

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sie sauer, weil sie bereits angefangen hatte, den Wohnzimmerteppich rauszureißen. Schließlich bot Paps ihr seine Hilfe an, um das wieder in Ordnung zu bringen. Nett von ihm, finde ich. Ging spazieren, natürlich nur, um über das eine oder andere nachzudenken. Kam zufällig auch ein paar Mal an „Justins“ Haus vorbei, traf ihn aber leider nicht. Abends endlich mal wieder Jugendkreis. Hatte mich sehr drauf gefreut, weil ich hoffte, dort irgendwie zu erfahren, ob Gott noch sauer auf mich ist wegen der Sache beim Frisör. Das Thema war: „Ein Christ muss zu allem bereit sein!“ Ging um Christen, die wegen ihres Glaubens verfolgt, gefoltert und umgebracht werden, um Christen, die niemals Zweifel haben und bis zum bitteren Ende mutig für ihren Glauben einstehen, ohne auch nur einmal in die Versuchung zu geraten, sich irgendwie herausreden zu wollen. Christen, die nie den Kopf schütteln, wenn man sie beim Frisör fragt, ob sie an Gott glauben. Fühlte mich hinterher wie gerädert. Stellte mir vor, wie mich ein kubanischer Folterknecht das fragen würde, was mich die Frau beim Frisör gefragt hat. Würde in diesem Fall vermutlich nicht nur den Kopf schütteln. Was bin ich bloß für ein Christ! Bin ich überhaupt Christ? Vermutlich nicht. Bestimmt nicht.

Sonntag, 9. Januar

18.00 Uhr. Habe wieder die halbe Nacht nicht geschlafen. Fühle mich so bescheuert wie selten in meinem Leben. Warum kann ich nicht so sein wie andere Christen, wie richtige Christen, die anderen jederzeit fröhlich von Jesus erzählen? Wünschte, ich könnte mit jemandem darüber reden. Traue mich aber nicht. Machte noch mal einen Spaziergang, weil Bewegung

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ja so gesund sein soll. Und – welch glücklicher Zufall – ich sah „Justin“, wie er sein Haus betrat! Leider war er schon drin, bevor ich ihn ansprechen konnte. Ach ja, „Justin“ ... Kurz zu Coffee rüber, die immer noch schnieft und hustet. Trotzdem brachte sie es fertig, mir eine halbe Stunde von ihrem neuesten Lover (übers Internet kennengelernt) vorzuschwärmen, ohne dass ich sie auch nur einmal unterbrechen konnte. Warum haben wir keinen Internetanschluss? Nachmittags Sachen für die Schule gepackt – morgen geht’s ja wieder los. Leider. 21.00 Uhr Abends zur Gemeinschaftsstunde. Heute machte Herr Krahl die Einleitung. Gefällt mir immer total gut, wenn der das macht. Er erzählte, dass er sich oft ärgert, weil er zu feige ist, anderen von Jesus zu erzählen. Und dass er neulich nichts gesagt habe, als jemand meinte: „Genießen wir das Leben, was Besseres kriegen wir ja doch nicht mehr! Wenn wir erst tot sind, ist eh alles vorbei!“ Halleluja! Es gibt doch noch jemanden, dem es so geht wie mir!! Und der ist sogar schon viel länger Christ als ich. Meinte, er sei danach ziemlich zerknirscht gewesen und habe lange mit Jesus gesprochen. Und Jesus hätte zu ihm gesagt: „Das war nicht O.K., Rudi, und es ist gut, dass dir das leidtut. Aber ich habe dich trotzdem lieb! Und wenn du mir vertraust, dann kann ich dir in deinem Glauben helfen und aus dir noch was machen. Dann zeige ich dir auch, wie du anderen die beste Nachricht aller Zeiten sagen kannst. Habe ich ja bei Petrus auch gemacht – und der hat sogar dreimal geschworen, mich nicht zu kennen.“ Wurde richtig glücklich, als ich das hörte. Sprach hinterher noch mit Herrn Krahl über die Sache beim Frisör. Wir beteten zusammen, und nun fühle ich mich wieder

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wohl. Er meinte, dass Gott uns bei Verfolgung oder so „zur richtigen Zeit das richtige Wort geben wird“. Und auch Mut. Den gibt er uns bloß nicht schon vorher, damit wir uns nicht auf unsere eigene Power verlassen. Glaube nun fest, dass Gott aus mir dermaleinst eine Mega-Missionarin machen wird, die die Menschen in Deutschland scharenweise zum Glauben führt. Oder in ganz Europa. Oder in der ganzen Welt. Werde auf jeden Fall gleich morgen damit beginnen, anderen von Jesus zu erzählen. Fange am besten in der Schule an ...

Montag, 10. Januar

7.30 Uhr (sitze gerade im Schulbus). Hätte beinahe verpennt, weil ich ewig lang darüber nachdachte, wie ich in der Schule andere von meinem Glauben überzeugen könnte. Stellte mir vor, wie ich einfach sagen würde, dass ich Christ bin und mich daraufhin alle Mitschüler umringen, um mehr über meinen Glauben zu erfahren. Würde ihnen dann erklären, warum und wie sie zu Jesus kommen sollten, und dann würden sie Christen werden. Vielleicht nicht alle auf einmal – da gebe ich mich keinen Illusionen hin – es wird wahrscheinlich schon zwei bis drei Wochen dauern, bis alle restlos überzeugt sind. Bekomme ein wohliges Gefühl bei der Vorstellung, wie mir zum Beispiel Sascha und David unter Tränen erzählen, wie sie durch mich zu Jesus gefunden haben, dass sie die ganze Nacht vor ihrem Bett gekniet und Jesus ihre Schuld bekannt haben. Und dann lächle ich meine neuen Geschwister im Herrn gütig an, und wir gründen einen Schülerbibelkreis. 14.00 Uhr. Aus mir wird nie eine Missionarin! Kein Wunder, bei diesen sturen Betonköppen! Nicht mal Billy Graham könnte die bekehren, schätze ich. Dabei

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habe ich mir solche Mühe gegeben. In der ersten großen Pause ging ich auf ein paar Mitschüler zu, nahm meinen ganzen Mut zusammen und sprach in Vollmacht: „Was ich euch schon immer mal sagen wollte – ich bin Christ!“ Erwartete zumindest ein interessiertes „Was glaubst du denn da so als Christ? Und warum bist du Christ?“. Aber diese Idioten sahen mich nur verdattert an. Sascha meinte dann: „Aha. Übrigens, hast du Bio schon gemacht? War echt krass, was?“ Ich meinte: „Ja, stimmt. Also ... ähm, ich bin also ... äh ... Christ, weil das ... äh ... eine ganz tolle Sache ist.“ David: „Aber bestimmt nicht so gut wie Fußball! Habt ihr das letzte Spiel von Borussia Dortmund gesehen? Das war echt stark ...“ Artete in eine Fachsimpelei über Fußball aus. Hatte keine Chance mehr, von meinem Glauben zu erzählen. Echt frustrierend. Schätze, Paulus und Petrus haben nie so dämliche Reaktionen bekommen. Mache vielleicht irgendwas falsch. Egal, werde es weiter versuchen.

Dienstag, 11. Januar

Wieder kein Missionserfolg. Bleibe aber am Ball!

Mittwoch, 12. Januar

Unsere Schule ist wirklich „finsterstes Heidenland“, wie Tante Olga sich auszudrücken pflegt! Heute fragte mich Bettina, zu welchem Angelverein ich gehören würde, weil ich immer einen Fisch-Sticker trage!!! Klärte sie auf: „Das stammt nicht von irgendeinem Angelverein, das ist das Zeichen der Christen!“ Sie fuhr mir mit einem Zeigefinger durch die Haare und mein-

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te grinsend: „Ach, ich glaube, ich weiß auch schon, warum. Weil Christen auch so viele Schuppen haben, stimmt’s?“ Wenn ich nicht Christin wäre und deshalb auch meine Feinde von ganzem Herzen lieben würde, hätte ich ihr eine runtergehauen, dieser blöden Kuh! Zum Glück bin ich ja nicht nachtragend und kann auch derartig unreifen und dämlichen Gänsen vergeben! (Gitarrenunterricht fiel schon wieder aus. Prima! War noch so sauer, dass ich eh keine Lust dazu hatte.)

Donnerstag, 13. Januar

15.00 Uhr. Geb’s auf! Mission hat bei unserer Schule keinen Sinn. Die wollen einfach nicht, dass man ihnen die „beste Nachricht aller Zeiten“ sagt. Machen sich stattdessen nur lustig. Sascha meinte heute: „Hey, Paula, könntest du mir nicht mal in christlicher Nächstenliebe deine Mathehausaufgaben zum Abschreiben geben?“ Wie soll man da was erreichen? (Hätte ihm das Matheheft am liebsten um die Ohren geschlagen!) Hoffe, der Rest des Tages wird besser. 21.00 Uhr. Chorprobe mal wieder katastrophal. Zwar hat Herr Schröder Frau Beckmann dazu gebracht, etwas leiser zu singen, doch ihr schiefes Gekrächze hört man immer noch heraus. Aber das Schlimmste ist: Nächste Woche Freitag wollen wir Frau Krein zum siebzigsten Geburtstag ein Ständchen singen. „Damit wir auch Außenstehende erreichen und sie durch unsere schönen Lieder einladen, mal in unsere Gemeinde zu kommen“, meinte Schröder. Vermute eher, dass wir Frau Krein so schocken, dass sie garantiert nie mehr einen Fuß in unsere Gemeinde setzt, wenn Frau Beckmann mitsingt. Hoffe, sie ist an diesem Tag heiser!

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Freitag, 14. Januar Morgen früh fährt Mama nach Stuttgart zu Tante Yvonne, um deren Kinder Xaver (2 Jahre) und Sofie (6 Jahre) zu betreuen, während Tante Yvonne und Onkel Hannes zwei Wochen Urlaub in der Karibik machen. Mama machte deshalb heute einen Riesenaufstand, fragte ständig, ob sie noch irgendwas für uns bügeln oder waschen soll, schrieb jede Menge Zettel (wie man zum Beispiel die Waschmaschine bedient! Zum Piepen – als ob wir das nicht allein hinkriegen!) und schrubbte das Haus, als käme der Papst zu Besuch! Wir konnten sie gerade noch davon abhalten, Essen für zwei Monate vorzukochen. Also ehrlich, als wären wir Kleinkinder, die sich keine zwei Wochen lang selbst versorgen können! Paps wird schon was einfallen, was er uns kochen kann. Bin richtig froh, dass Mama mal für ’ne Weile wegfährt, dann kann ich ihr endlich mal beweisen, dass ich auch ohne ihr ständiges Genörgele („Räum dein Zimmer auf!“ – „Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?“ – „Vergiss nicht, deinen Wecker auf 6 Uhr zu stellen!“ usw.) bestens klarkomme. Sie behandelt mich immer, als wäre ich geistig völlig unterbelichtet! Werde ihr beweisen, dass ich längst erwachsen bin (zumindest vom Verstand her, vom Aussehen her ja leider noch nicht ...).

Samstag, 15. Januar

Paps weckte mich morgens und sagte, ich solle mal schnell im Supermarkt zehn Pakete Reis, zwölf Tüten Würstchengulasch, zehn Dosen Mais und acht Gläser Würstchen kaufen. Fragte ihn, ob er vorhabe, das ganze Dorf zum Mittagessen einzuladen. Aber er meinte, er

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wolle nur für ein paar Tage vorkochen, weil das praktischer sei. Fand ich riesig – ich liebe Würstchengulasch!! Machte mich sofort auf die Socken, zusammen mit Nico, der mir beim Tragen helfen musste (Paps hatte mal wieder keine Zeit, weil er irgendwas in der Kirche erledigen musste – er ist ja Küster). Und wer lief mir im Supermarkt – ausgerechnet heute – über den Weg? „Justin“! Hätte ihn am liebsten ganz spontan gefragt, wo die Maisdosen stehen, aber weil Nico dabei war, hab ich mich nicht getraut. Wäre auch eine ziemlich blöde Anmache, finde ich. Außerdem hatte sich Nico gerade in Sachen Maisdosen an eine ziemlich aufgedonnerte Tussi rangemacht. Habe mittags sechs Teller Würstchengulasch verdrückt! War zwar nicht so gut wie sonst, aber immerhin essbar. Hatten hinterher Schwierigkeiten, die restlichen sechs Pötte voller Futter unterzubringen. Zum Glück war in der Gefriertruhe noch Platz. Abends zum Jugendkreis. Jürgen hielt einen ellenlangen Vortrag zum Thema: „Wie wir unseren Mitmenschen auf verständliche Weise den Glauben näher bringen können, ohne sie zu überfordern.“ Fand das Thema sehr interessant (besonders nach meinen missionarischen Misserfolgen in der Schule). War aber dann so kompliziert, dass ich nichts kapiert habe.

Sonntag, 16. Januar

Ging morgens nach langer Zeit mal wieder zum Gottesdienst in die Kirche. Pfarrer Gunter ist zwar nett, aber irgendwie hauen mich seine Predigten selten vom Hocker. War heute ausnahmsweise anders. Ging um den Barmherzigen Samariter. Pfarrer Gunter meinte, Nächstenliebe sei, dem zu helfen, der einen gerade wirklich braucht, auch wenn man ihn nicht ausstehen

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kann – und zwar ohne sich davon irgendwelche Vorteile zu versprechen. Ging im Geiste alle Leute durch, die ich nicht gerade über alles liebe. Hatte Probleme, mir vorzustellen, solchen Menschen zu helfen, ohne was dafür zu kriegen (Tante Olga zum Beispiel). Nahm mir vor, das in Zukunft zu ändern. Dann werde ich andere wahrscheinlich mehr beeindrucken, als wenn ich ihnen nur was von Jesus erzähle. Dankte Gott für diese Erkenntnis! Teilte Paps und Nico beim Mittagessen (Würstchengulasch! Aß drei Teller!) meinen Entschluss mit, von nun an jedem zu helfen, der mich gerade braucht, auch wenn ich ihn nicht ausstehen kann. Paps meinte gleich: „Wie schön! Dann kannst du ja heute mal den Abwasch machen. Ich habe sowieso keine Zeit.“ Und Nico: „Hilfst du mir nachher, mein Zimmer auszumisten?“ Warum nimmt mich hier keiner ernst?

Montag, 17. Januar

Hätte ich bloß nie gesagt, dass ich Christin bin! Sascha macht ständig dämliche Anspielungen, zum Beispiel: „Mensch, hier riecht es so merkwürdig! Hast du mal wieder ein neues Weihwasser ausprobiert, Paula?“ oder „Ich weiß, warum du in Mathe so gut bist, Paula! Du musst dir ja ständig deine Sünden vorrechnen lassen.“ Wenn ich kein Christ wäre und deshalb rachsüchtige Gedanken hätte, würde ich diesen Idioten in den Schwitzkasten nehmen und eine Flasche Weihwasser trinken lassen! Setzte stattdessen mein speziell für Sascha reserviertes, erlöstes und überlegenes Lächeln auf und sagte: „Du kannst sagen, was du willst! Ich weiß ja, dass du in Wirklichkeit nur neidisch bist.“ Ha, dem hab ich’s aber gegeben! Das Schlimmste ist, dass nicht mal Coffee zu mir hält

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(seit heute geht sie wieder zur Schule). Sie lacht sich über Saschas Sprüche immer halb tot, diese blöde Kuh! Freundschaft? Pah, dass ich nicht lache! Mittags gab’s wieder Würstchengulasch! Aß einen halben Teller. Irgendwie hat das auch schon mal besser geschmeckt. Noch jede Menge von dem Zeug da! Wünschte, eine arme, hungrige Asylantenfamilie würde bei uns klingeln, deren höchstes Glück es wäre, Würstchengulasch zu essen. Kam leider keine.

Würstchengulasch!!

gerissen war und nun sämtliche Lebensmittel weit verstreut am Boden lagen. Wollte im ersten Moment einen blöden Spruch loslassen, stellte mir aber plötzlich vor, Jesus würde neben mir stehen und beobachten, was ich jetzt tue. Half Sascha beim Einräumen und hörte mich sagen: „Schon Mist, diese doofen Tüten, was? Ist mir auch schon mal passiert.“ Er sah mich nur verdattert an und grinste dann: „Haste jetzt deine Christenpflicht für heute erfüllt?“ Wusste nicht, was ich sagen sollte und ließ ihn stehen. Hornochse! Wahrscheinlich lacht er sich jetzt mächtig ins Fäustchen, dass ich auch noch so doof war, ihm zu helfen. „Justin“ sah ich auch nicht (obwohl ich wieder zwei Stunden spazieren gegangen bin). Blöder Tag!

Habe morgens verpennt, weil ich vergessen hatte, meinen Wecker auf sechs Uhr zu stellen. Höchst peinlich. Sascha meinte gleich: „Hast mal wieder zu lange in der Bibel gelesen, was?“ Blödmann! Ließ das Mittagessen (Würstchengulasch) heute ausfallen und aß stattdessen eine Tafel Schokolade. Nico behauptete, irgendwo gelesen zu haben, dass man Haarausfall bekommen könnte, wenn man Würstchengulasch mehr als drei Tage hintereinander essen würde. Paps kämpfte sich tapfer allein durch zwei Teller voll. Meinte, bei seinen paar Haaren käme es eh nicht mehr drauf an. 17.00 Uhr. Traf Sascha im Supermarkt. Er grinste gleich wieder: „Na, was suchst du? Oblaten? Wein fürs Abendmahl?“ Knurrte zurück: „Fischstäbchen.“ Er: „Ach ja, ihr Christen esst ja nur Fische! Weiß ich von Bettina.“ Zog es vor zu schweigen. Als ich rausging, sah ich, dass ihm die Einkaufstüte

Erleben momentan die wundersame Würstchengulasch-Vermehrung! Scheint einfach nicht weniger zu werden. Aß nur einen Apfel. Wollte sowieso mal wieder etwas abnehmen ... 21.00 Uhr. Bin so sauer, dass ich erst mal zwei Tafeln Marzipanschokolade gegessen habe! Frau Beckmann war wieder beim Chor! Sie ist nicht nur topfit (von wegen heiser!), sie will nun auch noch bestimmen, welche Lieder wir singen. Und der gutmütige Schröder kann sich gegen sie nicht durchsetzen. Statt „Wer auf Gott vertraut“ (mein Lieblingslied) singen wir nun morgen bei Frau Kreins Geburtstag „Großer Gott, wir loben dich!“. So ein altmodisches, lahmes Lied! Nur, weil die Beckmann das besser kennt. Na ja, im Prinzip ist es sowieso egal, was wir singen – wenn sie mitsingt, hört man uns andere ja eh nicht mehr. Wünschte, mir würde was wirklich Gutes einfallen, um Frau Beckmann endlich aus dem Chor zu ekeln.

Dienstag, 18. Januar

Mittwoch, 19. Januar

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Donnerstag, 20. Januar

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Tut mir leid, war nicht so gemeint, Gott! Aber meinst du nicht auch, es wäre ganz sinnvoll, wenn sie wenigstens morgen nicht mitsingen kann?

Freitag, 21. Januar Ich bin sicher, ich werde nie wieder in meinem Leben Würstchengulasch mögen. Zum Glück nur noch acht Tage, bis Mama wiederkommt. Gestern Abend rief sie an und erzählte, was die Kleinen so alles anstellen. Sagte, sie vermisst uns schon fürchterlich. Fand ich irgendwie nett. Um 15.00 Uhr Treffen vom Chor vor Frau Kreins Haus. Frau Beckmann war leider auch da und stimmgewaltiger als je zuvor. Befürchtete das Schlimmste. (Was allerdings noch sehr optimistisch war, wie sich herausstellte.) Klingelten schließlich Frau Krein raus und sangen unser „Viel Glück und viel Segen“. Dann hielt Herr Schröder eine Rede, die etwa so lautete: „Liebe Frau Krein! Zu Ihrem Ehrentag möchten wir Ihnen von der Landeskirchlichen Gemeinschaft aus ganz herzlich gratulieren! Für das kommende Lebensjahr wünschen wir Ihnen die ergreifende und allumfassende Begegnung mit dem, dessen Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit währt. Möge sein Wort Sie in der Tiefe Ihrer Seele, in Ihrem ganzen Sein wirkungsmächtig durchdringen und in Ihnen das Feuer des lebendigen Glaubens und seine nie enden wollende Liebe entfachen, auf dass Sie sehen mögen, wie wunderbar es doch ist, des Vorrechts gewiss zu sein, zur Schar der Auserwählten gehören zu dürfen ...“ Frau Krein (manchmal etwas schwerhörig und schwer von Begriff) unterbrach ihn: „Was wollen Sie? Was soll ich auswählen? Ich kaufe nichts!“ Ich rief spontan: „Alles Gute zum Geburtstag, Frau

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Krein! Wir kommen von der Landeskirchlichen Gemeinschaft und wollten Ihnen nur ein Geburtstagsständchen singen!“ Sie kapierte immer noch nichts: „Ich habe aber nichts bestellt und bezahle auch nix!“ „Das ist auch nicht nötig, liebe Frau Krein! Lassen Sie sich einfach von unserem Gesang verwöhnen und erfreuen!“, juchzte Frau Beckmann überschwänglich und forderte Herrn Schröder umso energischer auf: „Also, dann wollen wir mal!“ Noch nie haben wir so schrecklich gesungen! Es klang, als wenn Cindy von Marzahn, Mick Jagger, Hella von Sinnen und Guido Westerwelle nach einer durchzechten Nacht auf dem Heimweg das Sesamstraßenlied zusammen grölen. Frau Krein stand da wie erstarrt und schnarrte, während wir die dritte Strophe sangen: „Ich muss dann mal wieder rein, hab noch viel zu tun. Vielen Dank auch!“ Dann knallte sie die Tür zu. Brachen unseren Gesang ab. Frau Beckmann quäkte: „So eine unhöfliche Person – schlägt einem einfach die Tür vor der Nase zu!“ Muss zugeben, dass ich Frau Kreins Geduld bewundere. Ich hätte die Tür schon nach der ersten Strophe verrammelt. Hoffe nur, dass niemand von den Nachbarn mitbekommen hat, wer wir sind. Sonst kann sich unser Prediger die Einladung zum nächsten Familiengottesdienst, die überall als Handzettel verteilt wird, getrost sparen.

Samstag, 22. Januar

War morgens mit Paps zusammen im Supermarkt. Sah mich gerade nach „Justin“ um, da bemerkte ich Frau Krein, die geradewegs auf uns zusteuerte. Hatte keinen Bock auf irgendwelche Vergeltungsmaßnahmen für gestern und floh schnell in Richtung Käseabteilung.

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Hörte aber, wie sie sich mit Paps unterhielt. Sie bot ihm an, uns fürs Mittagessen Kasseler, Salate und Brötchen zu bringen, weil gestern bei ihrem Geburtstag viel übrig geblieben wäre und sie das unmöglich alles allein essen könnte. Paps lehnte erst höflich ab und ich dachte, mich tritt ein Pferd – was Besseres konnte uns doch gar nicht passieren! Als aber Frau Krein meinte, es sei ein kleines Dankeschön, weil Paps ihr neulich mit dem Teppich geholfen hat, ließ er sich zum Glück überreden. Hätte Frau Krein glatt umarmen können! Kein Würstchengulasch! Juppidu! Noch nie im Leben hat mir etwas so gemundet wie das Essen von Frau Krein. Ich werde nie wieder schlecht über sie denken oder reden! Sie ist wirklich ein Engel! Abends zum Jugendkreis. Ging um das Thema „Die Bedeutung der Ameise im Alten Testament“. Langweilig. Seit es bei dem Thema „Warum wir auch unsere Feinde lieben sollten“ am Ende zu einer Schlägerei gekommen war, traut sich Ottmar, der heute die Leitung hatte, nicht mehr, kontroverse Themen anzuschneiden. Ließ meine Gedanken abschweifen. Dachte darüber nach, wie „Justin“ wohl unseren Jugendkreis finden würde. Heute wahrscheinlich nicht sehr prickelnd. Schwung in die Bude kam nur, als Kevin durch ein lautes Schnarchen Ottmars Redeschwall unterbrach.

Sonntag, 23. Januar

11.00 Uhr. Eben rief Coffee an und fragte, ob wir nicht heute Nachmittag zum Eispalast fahren wollten zum Schlittschuhlaufen. Das sieht ihr ähnlich! Die ganze Woche hat sie mich links liegen lassen und über Saschas Christenwitze gelacht und jetzt, wo sie am Wochenende Langeweile hat, da bin ich ihr wieder gut ge-

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nug. Sagte ihr, ich hätte schon was anderes vor und sie könne ja Sascha mal fragen. 18.00 Uhr. Komme gerade vom Eispalast. Mir war den ganzen Nachmittag sooo langweilig, und ich hatte wegen Coffee auch ein schlechtes Gewissen, dass ich doch noch zum Eispalast gefahren bin, um mich mit ihr zu versöhnen. Traf sie dort Hand in Hand mit Sascha! Scheinen sich direkt ineinander verknallt zu haben! Und ich habe sie auch noch zusammengebracht, ich Rindvieh, ich! Ziemlich frustrierend, das alles. 21.00 Uhr. War abends zur Gemeinschaftsstunde. Saß hinter Familie Bartens. Die sind so fromm, dass ich mir in ihrer Nähe immer einbilde, das feine Summen ihrer Heilgenscheine zu hören, die sie natürlich aus christlicher Demut in ihren Jutetaschen verborgen bei sich tragen. Ihre vier Söhne Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sind unheimlich höflich und vermitteln einem das Gefühl, Lachen oder ausgelassene Freude sei etwas Unchristliches. Heute fragte Herr Bartens mal wieder, ob er „vor den Geschwistern im Herrn Zeugnis ablegen dürfe von den wunderbaren Taten des Allmächtigen“. Es wurde ihm erlaubt, und so schritt er nach vorne zur Kanzel und verkündete: „Liebe Glaubensgeschwister! Gestern wurde mir eine große Erkenntnis zuteil. Ich möchte euch an diesem wunderbaren Erlebnis göttlicher Führung teilhaben lassen, liebe Geschwister. Wir – meine gute, treue Frau und ich – standen vor der schwierigen Frage, ob unser nächstes Auto ein Kleinwagen sein sollte, für den wir nicht allzu viel des schnöden Mammons erarbeiten müssten – oder ob wir lieber einen Mercedes kaufen sollten, damit auch Außenstehenden klar wird, wie reich uns der Herr immer wieder in seiner großen Güte beschenkt. Da schlug ich meine Bibel auf, um den Ratschluss des Herrn in dieser Sache zu ergründen. Beim dritten Mal fiel mein Blick direkt auf den Vers aus Sprü-

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che 14, 35: ,Des Königs Wohlgefallen wird dem klugen Knecht zuteil!‘ Es geht hier um einen König, um einen reichen Mann also. Uns wurde bei diesem Vers schlagartig klar, dass Gott auch uns den Reichtum gönnen möchte und wir uns den Mercedes kaufen dürfen. Ist es nicht wunderbar, liebe Geschwister, wie uns der Herr durch sein Wort auch bei solchen Entscheidungen weiterhelfen kann? Übrigens, weiß jemand hier, wie man an einen möglichst günstigen Kredit kommt?“ Ojojoj …

Montag, 24. Januar

Schule morgens war riesig! Bin immer noch total geplättet! Mussten heute einen neuen Klassensprecher wählen, weil der alte weggezogen ist. Sollten Vorschläge machen. Und Sascha hat glatt mich vorgeschlagen!!! Sascha!! Mich!! Vorgeschlagen!! Tante Olga würde jetzt sagen: „Es geschehen noch Zeichen und Wunder!“ Wurde zwar keine Klassensprecherin, aber auf den Job war ich sowieso nicht so scharf. Traute mich nicht, Sascha zu fragen, warum er ausgerechnet mich genommen hatte. Aber irgendwie würde mich das schon interessieren. Wahrscheinlich hat ihn doch sehr beeindruckt, dass ich ihm neulich vorm Supermarkt geholfen habe. Vielleicht wird er ja auch noch irgendwann Christ? Paps erzählte beim Mittagessen (kein Würstchengulasch, sondern Pizza), dass er in zwei Wochen in einer Gemeinde zum ersten Mal predigen darf. Und zwar darüber, dass die Wertmaßstäbe in der Gesellschaft immer unchristlicher werden. Thema: „Der große Abfall und seine Folgen für die Gemeinde“. Paps fragte, ob wir noch eine gute Idee dazu hätten. Nico grinste: „Du solltest sagen, dass man den Abfall immer trennen sollte in Normalmüll, Biomüll und Wertstoffe.“

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Dienstag, 25. Januar Wünschte, die Welt ginge heute Nacht unter! Mir ist nämlich etwas Schreckliches passiert! Als ich heute heimlich eine geliehene CD-ROM auf Paps’ Computer ausprobierte, habe ich idiotischerweise Paps’ Predigtkonzept gelöscht. Fragte ihn beiläufig beim Abendbrot, ob ich seine Predigt über den „großen Abfall“ nicht mal lesen könne, er hätte sie ja sicher schon irgendwo ausgedruckt. Darauf lächelte er ahnungslos und meinte, er habe sie bislang nur im PC, könne sie mir aber gerne später mal ausdrucken (was ich natürlich energisch ablehnte). Dann sagte er noch, dass er fast vier Wochen an dieser Predigt gesessen habe und sooo froh sei, endlich alles fertig zu haben. Fühlte mich, als würde mir jemand die Luft abdrücken. Jesus, kannst du nicht heute Nacht wiederkommen?

Mittwoch, 26. Januar

Hab die halbe Nacht gegrübelt, wie ich Paps schonend beibringen könnte, dass ich seine Predigt gekillt habe. Gegen ein Uhr fiel mir dann etwas ein. Sagte heute beim Frühstück: „Stell dir vor, ich kenne eine, die hat bei ihrem Vater mal versehentlich im Computer ein wichtiges Dokument gelöscht. Das wollte sie natürlich nicht! Der Vater ist tierisch sauer geworden und hat ihr eine Woche Stubenarrest verpasst. Dabei war das ja wirklich keine Absicht! Hättest du das auch so gemacht?“ Paps meinte sofort ganz empört: „Nein, so würde ich nie reagieren! Dieser Idiot ist doch selbst schuld, wenn er sich seine Sachen nicht auf USB-Stick speichert oder wenigstens ausdruckt! Und dass man aus Versehen mal

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was löscht, das kann jedem mal passieren, wenn er von Computern keine Ahnung hat.“ Fühlte mich schon etwas erleichtert. Gestand dann: „Du ... Paps, ich ... also, ich war gestern kurz an deinem PC und da ... also, du wirst jetzt furchtbar lachen ... aber mir ist doch tatsächlich der gleiche Mist passiert! Ich habe deine Predigt gelöscht! Tut mir schrecklich leid, ehrlich!“ Merkte, wie Paps’ Gehirn auf Hochtouren ratterte. Er atmete tief durch, sah mich durchdringend an und brüllte dann: „Was hast duuu?? Ich glaub, mein Schwein pfeift!! Wie kann man denn nur so bescheuert sein?! Weißt du, wie lange ich an dieser Predigt gesessen habe? Du musst ja wirklich von allen guten Geistern verlassen sein, duuu ...“ Hielt plötzlich inne und besann sich, was er mir nur eine Minute vorher erklärt hatte. Atmete noch einmal tief durch. Brummte dann: „Du Schlitzohr. Aber ganz ungeschoren kommst du mir nicht davon. Bis Mama wiederkommt, bist du für den Abwasch und das Aufräumen zuständig! Und du saugst morgen die ganze Wohnung und putzt das Bad! Und bis Sonntag ist Fernsehverbot!“ Erinnerte ihn: „Aber du hast doch gesagt, das kann jedem mal passieren, dass man was löscht.“ Er: „Aber nicht, wenn man nicht ohne Erlaubnis einfach an den Computer geht!“ Na ja, hätte noch schlimmer kommen können. Und wenn ich bedenke, dass ich ihm vier Wochen Arbeit vermasselt habe ... Gitarrenunterricht war ganz gut heute. Uwe sagte allerdings, dass ab nächste Woche noch ein Schüler mit dazukommt. Blöd, dann lerne ich bestimmt nicht mehr so viel. Außerdem war es so allein mit Uwe immer ganz witzig.

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Donnerstag, 27. Januar Coffee ist jetzt fest mit Sascha zusammen. Ständig sind sie am Turteln. Komme mir ziemlich blöd vor. Habe sie heute mal gefragt, warum Sascha mich wohl als Klassensprecherin vorgeschlagen hat. Sie sagte: „Natürlich nur, weil er weiß, dass du meine Freundin bist und er mich damit rumkriegen wollte. Was sollte es denn sonst für einen Grund geben?“ Hätte besser nicht fragen sollen. 16.00 Uhr. Sah eben Paps, wie er an seiner Predigt schrieb. Fühlte mich ziemlich schuldig und beschloss spontan, ihm zu zeigen, dass es mir echt leidtut. Wollte als kleine Entschädigung seine Wäsche waschen. Schlich mich ins Schlafzimmer, packte seine gesamte Schmutzwäsche in einen Korb und ging zur Waschmaschine. Fand dummerweise Mamas Zettel nicht, auf dem steht, was man wie waschen muss. Fragte Nico. Der meinte: „Je heißer man wäscht, desto sauberer wird es, glaube ich.“ Dachte: „Na, das ist ja einfach.“ Steckte Paps’ Pullover (auch den superwolligen roten, den ich so toll finde), Hemden, Socken und Unterwäsche in die Maschine, stellte das Ding auf 95° C ein und freue mich nun tierisch auf sein glückliches, überraschtes Gesicht! 18.00 Uhr. Habe eben die Wäsche rausgeholt. Kaum zu glauben, dass es dieselbe Wäsche ist, die ich vorhin reingetan habe. Irgendwas muss ein bisschen schiefgelaufen sein. Vermutlich ist unsere Waschmaschine kaputt. Typisch – ausgerechnet, wenn ich mal was wasche, geht das blöde Ding über die Wupper! Wie soll ich Paps jetzt bloß beibiegen, dass seine weißen Hemden und die Unterwäsche nun schweinchenrosa sind und seine Pullover bestenfalls einer meiner alten Puppen passen würden?? Maaamaaa, wann kommst du endlich wieder?!

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Versteckte die Wäsche im Trockner! Bete für ein Wunder! Wenn Jesus Wasser in Wein verwandeln kann, kann er sicher auch die Wäsche wieder in Ordnung bringen, oder? 21.00 Uhr. Die Chorprobe war endlich mal wieder toll. Frau Beckmann war nämlich nicht da. Suppi! Hoffe, sie hat vom Singen die Nase voll.

Freitag, 28. Januar

Heute gab’s die Halbjahreszeugnisse. Meins ist ganz passabel, Durchschnitt von 2,8. (In Sport sogar eine Eins!) Schätze, Nico hat seins mal wieder seinem Freund René ausgeliehen, damit der damit seine Oma erschrecken kann. Hoffe, dass Paps mein Zeugnis wieder etwas versöhnt, falls er das mit der Wäsche entdecken sollte . 15.00 Uhr. Eben kam Paps zu mir, sah mich ernst an und meinte, er müsse mal mit mir reden. Befürchtete das Schlimmste. Fühlte mich wie neben einer tickenden Zeitbombe. Stammelte: „Ja ... äh ... is was passiert?“ Er setzte sich auf mein Bett, machte ein schrecklich besorgtes Gesicht und fragte: „Sag mal, ist dir in letzter Zeit etwas an Nico aufgefallen?“ Sah ihn erstaunt an. „Wieso?“ Er seufzte: „Ich fürchte, mit ihm stimmt irgendwas nicht. Ich mache mir ernsthaft Sorgen.“ „Wieso denn?“ „Ich wollte eben die nassen Handtücher in den Trockner stecken – aber behalte das bitte für dich (nickte ernst und hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst) – da habe ich ... also, da fand ich rosarote Unterhosen und Hemden! Da sie eindeutig auf Herrenmaße zugeschnitten waren und es meine ja nicht sein können, dürften die nur von Nico stammen. Wusstest du, dass er so was trägt? Ich meine, das ist doch nicht normal, oder? Was

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meinst du, ob der irgendwie ... falsch veranlagt ist?“ Paps sah aus, als hätte man ihm eben gesagt, dass sein Sohn als Massenmörder überführt worden war. Spürte einen dicken Kloß im Hals und wusste, dass ich nun die Wahrheit gestehen musste. Tat es wild stotternd. Heulte schließlich. Aber Paps – welch Wunder – brach in schallendes Gelächter aus! Kriegte sich gar nicht mehr ein. Meinte schließlich: „Ich brauchte sowieso mal wieder neue Unterwäsche. Und was die Pullover angeht: Jetzt haben wir wenigstens schon mal ein Weihnachtsgeschenk für Yvonnes Kinder. Ist doch auch was. Zum Glück habe ich ja noch ein paar Sachen im Schrank. Übrigens, du hast nicht zufällig Verwendung für rosa Tennissocken?“ War ziemlich erleichtert. Danke Gott!!

Samstag, 29. Januar

Habe den ganzen Morgen die Wohnung geschrubbt, bis alles glänzte, während Paps sich neue Unterwäsche kaufte. Um drei Uhr kam endlich Mama zurück. Brachte uns allen was mit: Lebkuchen, Schokolade und eine Justin Bieber-CD. Sie fragte albernerweise: „Und wie seid ihr zurechtgekommen?“ Sagten einstimmig: „Phantastisch! Was dachtest du denn?“ „Keine Probleme mit dem Kochen?“ „Schatz, du weißt doch, ich habe immer alles bestens im Griff!“, trommelte Paps. Raunte ihm zu „Würstchengulasch“, er zischte zurück „Waschmaschine“ und wir lachten. Sie lächelte zufrieden: „Wie schön. Aber wie ich sehe, werde ich mir heute Nachmittag die Wohnung vornehmen müssen. Hier muss endlich mal wieder geputzt werden!“ Mütter! 21.00 Uhr. Jugendkreis war ganz O.K. Thema: „Jeder ist wertvoll“. Jeder musste von einem anderen, der zu-

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fällig ausgewählt wurde, aufschreiben, was er an ihm toll findet. Erwischte ausgerechnet Ottmar. Überlegte krampfhaft, was mir an ihm gefällt. Schrieb schließlich: „Ottmar hat immer so originelle Hosenträger an.“ Sollten hinterher alle die Ergebnisse unserer Überlegungen vorlesen. Jürgen las als Erster vor: „An Paula finde ich toll, dass sie immer so treu zum Jugendkreis kommt. Man kann sich super mit ihr unterhalten. Sie ist witzig, nett, hilfsbereit und immer für einen Blödsinn zu haben. Und sie kann auch gut zuhören.“ Merkte, dass ich rot wurde. Dass man mich für so toll hält, hätte ich gar nicht gedacht. Bin echt beschämt. Obwohl Jürgen vergessen hat zu erwähnen, dass ich sehr kreativ bin, gut Witze erzählen kann und vor allem nie eingebildet oder nachtragend bin. Kam als Letzte dran. Las das von den Hosenträgern vor, und alle lachten. Ottmar sah ziemlich enttäuscht aus. Verstehe nicht ganz warum. Der soll froh sein, dass mir überhaupt so was Gutes eingefallen ist!

Sonntag, 30. Januar

21.00 Uhr. War völlig von den Socken, als ich Frau Krein heute Abend in der Gemeinschaftsstunde erblickte. Herr Schröder schoss gleich auf sie zu, begrüßte sie überschwänglich und fragte: „Haben Sie sich also meine Worte zu Herzen genommen?“ Sie antwortete direkt, wie sie ist: „Nee, von Ihrem merkwürdigen Geschwafel habe ich kein Wort kapiert. Aber ich dachte, wenn da eine Frau, die so scheußlich singt wie Frau Beckmann, freundlich aufgenommen wird, dann kann der Verein hier gar nicht so übel sein!“ Gott, du hast manchmal echt ulkige Wege, um Menschen in die Gemeinde zu kriegen!

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Montag, 31. Januar 15.00 Uhr. Frustrierender Morgen heute. Saß im Bus neben Sascha. Nutzte die Gelegenheit und fragte: „Sag mal, Sascha, warum hast du mich eigentlich als Klassensprecherin vorgeschlagen? Ich dachte, du kannst mich nicht ausstehen.“ Er war plötzlich total verlegen und meinte: „Wie kommst du denn darauf?“ – „Du machst dich doch immer lustig über mich, weil ich Christ bin.“ – „Ach, das ist doch nur Spaß ...“ Schweigen. Hakte noch mal nach: „Und warum hast du mich jetzt vorgeschlagen?“ Sah ihn herausfordernd an und wartete auf so was wie: Es hat mich so beeindruckt, dass du trotz meiner Gemeinheiten so nett zu mir warst! Du bist wirklich toll! Ich wünschte, ich könnte auch so sein wie du! Überlegte mir schon, wie ich mit gütigem, bescheidenem Lächeln abwinken würde: Ach, das habe ich doch gerne gemacht! Das ist halt so meine Art – als Christ. Hätte mir diese Überlegung sparen können. Sascha dachte kurz nach und grinste dann: „Weil mir Coffee drei Tafeln Schokolade versprochen hat, damit ich es mache. Verstehe ich zwar selbst nicht so ganz, die Logik, aber was soll’s ...“ War entsetzt. Coffee, dieses Miststück! Mit der rede ich kein Wort mehr. Nie wieder! 16.00 Uhr. Hab gerade bei Coffee angerufen, um sie zur Rede zu stellen, was das mit der Schokolade sollte. Sie meinte, das wäre nur ein Joke gewesen, und ich soll deswegen nicht gleich so ne Welle machen. Ich? Ne Welle machen? So ein Quark! Wegen so was doch nicht! Ich reg mich doch wegen so einer hinterhältigen, fiesen und bescheuerten Sache nicht gleich auf! Aber das ist typisch Coffee: Erst macht sie Mist und dann auch noch anderen Vorwürfe. Ich und mich aufregen! Ich habe diesen Quatsch doch schon längst vergessen. Wollte

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