Kapitel 1 In dem amischen Klassenzimmer war es mucksmäuschenstill. Die Schüler, die alle im selben Raum unterrichtet wurden, warteten gespannt, wie Lena reagieren würde. Die Neugier, die sie so gern in ihren Schülern weckte, nahm jetzt Formen an, die ihr überhaupt nicht gefielen. Sie schwiegen nicht aus Respekt oder weil sie sich auf ihre Arbeit konzentrierten oder ihr aufmerksam zuhörten. Ohne mit der Wimper zu zucken, schaute sie in die trotzigen Augen, die auf sie gerichtet waren, und erhob sich von ihrem Stuhl. „Geh wieder auf deinen Platz, Peter.“ Er stand mit dem Rücken zu den anderen Schülern und beugte sich über ihr Eichenpult. „Dazu können Sie mich nicht zwingen.“ Die Drohung in seiner Stimme war nicht zu überhören. Sie hatte mit seinen Eltern über sein Benehmen gesprochen, aber sie meinten, ihr Sohn mache nur Witze und sie deute seine Worte und sein Verhalten völlig falsch. Nichts am Auftreten dieses ein Meter achtzig großen Jugendlichen enthielt auch nur die geringste Spur von Humor. Er machte keine Witze. Er spielte mit ihr. Wie ihre Stallkatzen mit den Feldmäusen, bevor sie ihre Beute töteten. Sich so unansehnlich wie ein verwundetes Nagetier zu fühlen war für sie ein Teil ihres täglichen Lebens. Dieses Gefühl schlich sich sogar regelmäßig in ihre Träume. Aber Lena war keine Maus. In der Auseinandersetzung mit Peter rang ihr Wille mit ihren Gefühlen. Die Lehrerin in ihr wollte eine Möglichkeit finden, zu ihm durchzudringen, seine Vorurteile und Unbeugsamkeit zu überwinden und dahinter etwas Wertvolles zu entdecken. Aber alles andere in ihr wünschte, er wäre nie nach Dry Lake gezogen. Trotzdem glaubte sie, dass die meisten Menschen einen verborgenen Reichtum und viel Gutes in sich trugen, das ihnen mehr Wert verlieh, als sie äußerlich vermuten ließen. Aus Gründen, die nichts mit Peter zu tun hatten, musste sie an dieser Überzeugung festhalten. 5
Sie bedachte ihn mit einem freundlichen Lehrerinnenlächeln. „Du kennst deine Hausaufgabe für morgen. Setz dich jetzt bitte.“ Er schleuderte ihre ordentlich sortierten Papiere auf den Boden und setzte sich schwungvoll auf ihr Pult. Mit seinen fünfzehn Jahren war er der älteste Schüler, den sie je unterrichtet hatte, beziehungsweise den sie zu unterrichten versuchte. Er hätte schon vor anderthalb Jahren seinen Schulabschluss an einer amischen Schule in Ohio machen müssen, wo er vor dem Umzug seiner Familie nach Dry Lake gewohnt hatte. Obwohl Lena keine Ahnung hatte, warum er mit dem Schulstoff so weit zurücklag, schien er zu glauben, sie wäre das Problem. Es wäre leichter, seine besseren Seiten oder wenigstens ein besseres Verhalten bei ihm ans Licht zu bringen, wenn sie ihn zu einem Experten schicken könnte, wenn er sich so danebenbenahm wie jetzt. Während ihres Rumschpringe hatte sie ihre Freiheit genutzt, um an eine staatliche Highschool zu gehen. Wenn die Lehrer dort mit einem schwierigen Schüler wie Peter konfrontiert wurden, schickten sie ihn zu einem anderen Lehrer, einem Schulpsychologen oder zum Rektor. Wenn ein anderer Erwachsener in der Nähe wäre, würde Peter ihr wahrscheinlich nicht die Autorität in ihrer Klasse streitig machen. Vielleicht sollte sie mit ihrer englischen Freundin Samantha über diese Situation sprechen. Samantha hatte Psychologie studiert, arbeitete als Schulpsychologin und könnte ihr sicher einige hilfreiche Ratschläge geben. „Auf deinen Platz, Peter!“ „Ich werde diese Hausaufgabe nicht machen. Und ich rate Ihnen, mir dafür keine Sechs zu geben.“ Sie schluckte, atmete tief ein und widerstand der Versuchung, ihn anzuschreien. „Du hast das Recht zu entscheiden, was du tust und was du nicht tust, aber du hast kein Recht, mir zu sagen, welche Note ich dir geben soll.“ In der Hoffnung, sie könnte den Unterricht fortsetzen, ging Lena um ihr Pult herum und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf die Schüler ihrer ersten Klasse. „Wer hat seine Schreibübung gemacht?“ Ihre drei Erstklässler hoben die Hand. „Gut.“ Sie fühlte, wie Peter hinter ihr stand und vor Wut kochte. Während sie überlegte, ob sie sich zu ihm umdrehen oder ihre Aufmerksamkeit auf die anderen Schüler konzentrieren sollte, nahm sie Marilyns Spiralheft in die Hand und begann, die Arbeit des kleinen Mädchens durch6
zusehen. „Auf deinen Platz, Peter“, wiederholte sie ruhig, während sie auf Marilyns Seite oben in die Ecke einen Smiley malte. Sein Atem war heiß in ihrem Nacken, als er zischte: „Sie werden nicht gewinnen. Versuchen Sie es also erst gar nicht.“ Diese Drohung entfachte ihren Zorn, und sie konnte sich nicht länger beherrschen. Obwohl sie wusste, dass sie ihn einfach ignorieren sollte, während er sich endlich zu seinem Platz begab, fuhr sie herum. „Du bist ein Tyrann, Peter. Ist dir das klar?“ Sein Gesicht und seine Augen wurden hart wie Stein. „Ich werde den Schulausschuss überzeugen, dass Sie das Problem sind. Sie überlegen sowieso schon hinter Ihrem Rücken, wie sie Sie loswerden können. Ich möchte wetten, man hat Sie nur eingestellt, weil die Leute Mitleid mit Ihnen hatten. Was sollte jemand wie Sie auch sonst machen? Heiraten?“ Dieser beleidigende Angriff gegen ihre Person löste bei Lena wieder einmal eine tiefe Unsicherheit wegen ihres Aussehens aus. Aber sie war sicher, dass er sich in Bezug auf den Schulausschuss irrte. Sie hatte einen großen Fehler gemacht, den man ihr zur Last legte, aber der Schulausschuss würde doch sicher nicht … Peter schlug sich mit der Hand kräftig auf die Wange und lachte. „Schaut, ich mache mein Gesicht so fleckig wie Lehrerin Lenas Gesicht.“ Die jüngeren Schüler reagierten entsetzt, als er sie so unverschämt verspottete. Einige der älteren Jungen lachten, aber die meisten hatten eindeutig Mitleid mit ihr. Peter hörte nicht auf, sich auf die Wange zu schlagen, und wollte die Klasse anfeuern, über seine Unverschämtheit zu lachen. „Mandy und Rachel.“ Lena schaute die ältesten Mädchen im Klassenzimmer an. „Bitte bringt alle zu einer kurzen Pause nach draußen.“ Peter setzte sich wieder auf ihr Pult, aber wenigstens war er jetzt still. Er grinste zwar hämisch, aber er hielt den Mund. Das kratzende Geräusch, als die Stühle und Tische leicht verschoben wurden, das Rascheln der Kleidung und das Knarren der Dielen, als ihre Schüler nach draußen gingen, war alles, was man im Klassenzimmer hörte. Sie versuchte, ihre Wut unter Kontrolle zu bekommen, holte mehrere Male tief Luft und konzentrierte sich darauf, was man mit Geduld und Mühe erreichen könnte. Gute Erinnerungen an ihre Zeit als Lehrerin 7
kamen ihr in den Sinn. Sie war dreiundzwanzig Jahre und unterrichtete schon seit fünf Jahren. Mit nur wenigen Ausnahmen hatte sie diese Aufgabe immer als sehr erfüllend empfunden. Bald hatten alle ihre Schüler das Schulzimmer verlassen, und es wurde still im Raum. „Ich will dich nicht vor der ganzen Klasse in Verlegenheit bringen, Peter. Und ich wünschte, du würdest mir denselben Respekt entgegenbringen. Wenn du auf deiner Wange wirklich die gleiche Farbe haben willst wie ich, findest du draußen an den Sträuchern hinter dem Haus sicher noch einige Blaubeeren, aber damit wird das eigentliche Problem nicht gelöst, nicht wahr?“ „Das wird erst gelöst, wenn Sie fort sind.“ „Wie soll durch eine neue Lehrerin irgendetwas gelöst werden? Warum versuchst du nicht, die Stimme in dir zu bekämpfen, die dir einreden will, dass die Schule für dich nicht wichtig ist?“ „Ich hasse das hier.“ Peter nahm ein Buch und schleuderte es durch den Raum. Lena zuckte zusammen, als das Buch auf dem Boden aufschlug, aber sie zwang ihre Stimme, ruhig zu klingen. „Ich verstehe, dass dir das Lernen nicht leichtfällt, aber ich kann dir helfen …“ „Das Lernen fällt mir leicht“, fiel Peter ihr schroff ins Wort. „Ich habe nur kein Interesse daran.“ Sie wusste, dass er Lernprobleme hatte. Vielleicht könnte Samantha ihr einen Rat geben, wie sie ihm in dieser Hinsicht helfen könnte. Lena würde bei Peter jedenfalls nichts erreichen, wenn sie ihn drängte, seine Schwierigkeiten zuzugeben. „Warum nicht?“ „Was interessiert Sie das schon?“ „Wenn ich den Grund weiß, könnte ich dir vielleicht helfen, deine Meinung zu ändern.“ Er verdrehte die Augen. „Ich will Ihre Hilfe nicht. Mamm sagt, ich kann die Schule nicht abbrechen, nur weil ich schon fünfzehn bin. Also will ich einfach dieses Mal die achte Klasse schaffen und von hier verschwinden.“ „Dann mach deine Hausaufgaben. Wenn du Probleme dabei hast, helfe ich dir gern.“ „Ihr Lehrer seid doch alle gleich. Ihr sagt das, aber …“ Durchdringende Schreie drangen von draußen herein. Lena trat be8
sorgt ans Fenster. Aaron Blanks aggressiver Bulle stand nur wenige Meter von dem kaputten Zaun entfernt, der seine Weide vom Schulhof trennte. Elmer, ein Drittklässler, schien zusammen mit zwei Achtklässlern das Tier reizen zu wollen. Sie eilte an den Schulbänken vorbei und lief schnell hinaus. Die älteren Schüler hämmerten mit den Händen an das Metalltor und feuerten Elmer an. Der Drittklässler fuchtelte mit einem Stock vor dem Gesicht des wütenden Tieres herum, während die kleineren Mädchen vor Angst und Aufregung kreischten. Wütend warf das Holsteinrind den Kopf hin und her und schäumte vor Wut, während es auf den Stock zustürmte und dem Zaun gefährlich nahe kam. „Jungen, hört sofort auf!“ Während Lena auf die Jungen zueilte, ließen die älteren Mädchen die Erst- und Zweitklässler, auf die sie aufpassen sollten, allein bei den Schaukeln zurück und kamen angerannt. Aaron hatte Lena erst kürzlich versprochen, dass er den Bullen nicht mehr auf die an die Schule angrenzende Weide lassen würde, bis er den Zaun repariert hatte. Lena trat zwischen den wütenden Bullen und die Schüler und nahm Elmer den Stock ab. Sie bedeutete den Kindern, zurückzutreten. „Alle gehen jetzt sofort ins Klassenzimmer zurück! Wir sprechen später darüber.“ Während Mandy und Rachel die anderen ins Schulhaus begleiteten, drehte sich Lena zu dem Bullen um. Das kräftige Tier könnte den armseligen Drahtzaun leicht niedertrampeln. „Man sollte doch meinen, sie wären klug genug, so etwas nicht zu tun“, murmelte sie leise und nahm sich ein paar Minuten Zeit, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. „Warum machen sie nur so etwas Unvernünftiges?“ Sie blickte zum Schulhaus und sah Peter im Türrahmen stehen. Er beobachtete sie. Wahrscheinlich hoffte er, dass der Bulle den Zaun überwinden und sie niedertrampeln würde. Sie seufzte. Ich fürchte, er hat keinen guten Einfluss auf die anderen Jungen. Nach einem schnellen, stummen Dankgebet, weil niemandem etwas zugestoßen war, warf sie den Stock auf den Holzstoß und eilte ins Schulhaus. Manchmal flog beim Spielen ein Baseball oder ein Volleyball auf diese Wiese, und ihre Schüler kletterten hinüber, um den Ball zu holen. Was hätte passieren können, wenn das heute jemand gemacht hätte, während die anderen das Tier so gereizt hatten? Es war Zeit für eine Lektion, dass man seinen gesunden Menschenverstand einschalten musste. Sicher konnte nicht einmal Peter ihre an9
deren Schüler daran hindern, zu erkennen, dass es weise war, diesen Bullen nicht zu reizen. Aber Peter hatte dafür gesorgt, dass ihr inzwischen viele genauso wenig Respekt entgegenbrachten wie er. Ihr Aussehen hatte jedoch nichts mit der Aufgabe zu tun, die auf sie wartete: Ihre Schüler mit Fähigkeiten auszurüsten, die ihnen ihr Leben lang nützen würden, und dafür zu sorgen, dass ihnen nichts zustieß, solange sie unter Lenas Fürsorge standen. Nach der Schule würde sie ein paar Kinder nach Hause fahren und dann etwas Angenehmes unternehmen, um auf andere Gedanken zu kommen, bevor sie Aaron aufsuchen und ihn noch einmal bitten würde, den Bullen vom Schulhaus fernzuhalten.
ZZ Als Grey seinen Stall verließ und die Einfahrt überquerte, roch es nach gebratenem Hähnchen. Das Abendessen wäre also bald fertig. Frisch gemähtes Gras, das fast zu kurz war, um es zu sehen, war über den ganzen Rasen verstreut. Die Veranda und Gehwege waren makellos sauber, die Fenster funkelten in der Sonne, die sich dem Horizont zuneigte. Ein bekanntes, unangenehmes Gefühl regte sich in ihm, als er die Tür zu seinem Haus öffnete. Seine Frau stand neben dem Herd und schrubbte die Arbeitsfläche. Sie warf einen Blick auf die Uhr und dann auf ihn. „Hey.“ Ihr Blick wanderte über seine Kleidung, und er wusste, dass sie mit ihrer flüchtigen Musterung seines Aussehens herausfinden wollte, wie schmutzig er heute war. Sie widmete sich wieder ihrer Arbeit. „Hi.“ Er stellte seinen Brotzeitbehälter ins Spülbecken. „Wo ist Ivan?“ „Bei deiner Mamm.“ Er nickte. Das Leuchten in den Augen seines fünfjährigen Sohnes gab Grey immer wieder neue Kraft. Er spülte den Brotzeitbehälter aus. „Ist er schon den ganzen Tag dort?“ „Erst seit er von seinem Mittagsschlaf aufgestanden ist. Bis du dich geduscht hast, ist das Essen fertig.“ Mit ihrem leise ausgesprochenen Satz schickte sie ihn aus der Küche und gab ihm respektvoll die Anweisung, sauber zum Tisch zu kommen. Er musste sich vor der Sitzung des Schulausschusses sowieso duschen und umziehen und ging in sein Schlafzimmer. Während sei10
ner Arbeit in Ephraims Möbelschreinerei hatte er gesehen, wie Lena Kauffman vor dem Haus der Masts Kinder abgesetzt hatte. Er hatte überlegt, ob er hinausgehen und kurz mit ihr sprechen sollte, um zu erfahren, was sie zu den Beschwerden sagte, die die Benders gegen sie vorbrachten. Aber wenn sie wüsste, dass der Ausschuss sich traf, um über diese Kritikpunkte zu sprechen, würde sie heute Abend dabei sein wollen. Michael Blank, der Vorsitzende des Schulausschusses und Greys Schwiegervater, hatte vor einigen Tagen gesagt, dass er erst herausfinden wolle, ob die Kritik der Benders gerechtfertigt sei, bevor er Lena mit diesem negativen Gerede belasten wollte. Grey hielt Michaels Vorgehen für vernünftig, aber er bezweifelte, dass Lena das auch so sehen würde. Als Kind hatte sie oft sehr temperamentvoll reagiert, wenn sie zu sehr gereizt worden war. Es lag viele Jahre zurück, dass Grey ihre Temperamentausbrüche erlebt hatte. Deshalb ging er davon aus, dass ihr Temperament bei Michaels Entscheidung keine Rolle gespielt hatte. Wahrscheinlich erinnerten sich noch viele in der Gemeinde daran, dass Lenas Bruder sie als Kind und Jugendliche oft so sehr provoziert hatte, dass sie sich nicht mehr hatte beherrschen können. Ihr Temperament hatte sie zu einer willkommenen Zielscheibe gemacht und ihren Bruder veranlasst, ihr den Krieg zu erklären, sodass es in ihrer Kindheit ein regelmäßiges Spiel gewesen war, Lennie zu ärgern. Einmal hatte ihr Bruder Grey und ein paar andere Freunde zu einem Streifzug durch den Wald mitgenommen. Bald hatten sie ein verlassenes Baumhaus gefunden. Sie waren ungefähr sechzehn gewesen und hatten einen ungestörten Platz gesucht, an dem ihre Eltern sie nicht sehen konnten und wo sie sich ungestört unterhalten und Zigaretten rauchen konnten. Aber das Baumhaus gehörte Lennie. Sie hatte darin ihre Bücher, ihr Schreibpapier und ein Tagebuch aufbewahrt. Sie musste ihre Stimmen gehört haben, denn sie rief ihnen von unten zu, dass sie verschwinden sollten. Als ihr Bruder merkte, dass sie die Hängeleiter hochklettern wollte, hatte er so kräftig daran gerüttelt, dass sie hinuntergefallen war. Statt nach Hause zu gehen, hatte sie jedoch wütend zu ihnen hinaufgeschimpft und versucht, wieder auf die Leiter zu klettern. Nachdem sie Lennie noch einmal hinuntergeworfen hatten, zogen einige Jungen die Leiter ins Baumhaus hinauf und ließen Lennies Tagebuch und ihre Bücher über die Seite baumeln. Sie hatte mit Steinen nach ihnen geworfen und mit den schlimmsten Beschimp11
fungen, zu denen sie mit ihren zehn Jahren fähig war: Dass sie alle stanken und wie alte Stuten aussahen. Einer der Jungen begann, laut aus ihrem Tagebuch vorzulesen. Grey hatte Mitleid mit ihr bekommen und den anderen Jungen ihr Tagebuch entrissen und es ihr zugeworfen. Aber Lennie hatte weiterhin Steine durch den großen Fensterrahmen geschleudert, bis sie ihren Bruder schmerzlich getroffen hatte. „Jugendliche in ihrem Rumschpringe“, seufzte Grey. Es war erstaunlich, dass die Amischgemeinschaft an der Unruhe, die sie auslösten, nicht kaputtging. Das Dämmerlicht des zu Ende gehenden Tages legte sich über den stillen Raum, als er sein Schlafzimmer betrat. Beigefarbene Vorhänge flatterten sanft im Septemberwind. Das Bettlaken war glatt gestreift und perfekt festgezogen, die Kissen waren ordentlich angeordnet und kein einziger Gegenstand lag auf seiner Kommode. Er ging in sein Badezimmer und drehte die Dusche auf. Seine Rasierklinge. Seine Zahnbürste. Seine Rasiercreme. Seine Kämme. Alles war perfekt auf einem rechteckigen, weißen Leinentuch angeordnet. Weiche, saubere Handtücher waren ordentlich im Regal gestapelt. Er nahm sich eines, hängte es an den Haken neben der Duschkabine und schälte sich aus seiner Kleidung. Einen Moment lang war er stark versucht, seine Sachen auf dem Boden liegen zu lassen, schalt sich dann aber murmelnd, dass er endlich erwachsen werden solle. Elsie würde kein Wort sagen. Ihre Gespräche endeten vor der Tür zum Schlafzimmer. Immer. Während das warme Wasser und die Seife den Schmutz des Tages von seinem Körper wuschen, fragte er sich, ob sie ihn eigentlich je vermisste. Dieser unangenehme Gedanke raubte ihm seine ganze Energie. Zu lange schon suchte er in seinem Verstand und in seinem Herzen nach Antworten. Mit seinen achtundzwanzig Jahren steckte nicht mehr viel jugendlicher Übermut in ihm. Er versuchte, wie ein vernünftiger Mann zu denken und zu handeln, aber er fand einfach keine Antwort auf die quälende Frage, was zwischen ihnen nicht stimmte. War es seine Schuld? War es ihre Schuld? Er wusste es nicht, und manchmal war er so müde, dass es ihn nicht einmal mehr interessierte. Aber wenn er aufgäbe, würde alles nur noch schlimmer für sie beide werden. 12
Sing für mich, Grey. Diese Erinnerung ließ ihn nicht los. Wie lang war es her, seit sie ihn das letzte Mal gebeten hatte, für sie zu singen? Er stellte die Dusche ab und nahm sein Handtuch. Ihm fiel nur eine einzige mögliche Lösung für ihre Ehe ein, die ihnen helfen könnte. Aber dafür müsste er bereit sein, sie und sich selbst öffentlich bloßzustellen. Es musste also eine andere Möglichkeit geben.
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Kapitel 2 Deborah schloss die Augen und versuchte, eine Tatsache zu verdrängen, die sie immer noch nicht ganz akzeptieren konnte. Der Backofen heizte seit dem frühen Morgen die Küche kräftig auf und die Bestellungen an Backwaren waren für diesen Tag abgearbeitet. Sie schloss die Augen und versuchte, ihren Schmerz zu verdrängen. Kein einziger Luftzug kam durch die offenen Fenster oder die Fliegengittertür. Still. Trocken. Regungslos. Genauso wie ihr Leben. Er war fort. Er hatte nicht nur den amischen Glauben verlassen. Und seine Freunde. Und seine Mutter, Ada. Er hatte auch sie verlassen. Vor drei Monaten. An manchen Tagen konnte sie die schwarze Finsternis durchdringen und wieder lachen. Aber im Moment war ihr das unmöglich, denn sie hatte heute Post von ihm bekommen. Er hatte ihr keinen richtigen Brief geschrieben, sondern ihr nur Geld und eine schnell hingekritzelte Entschuldigung geschickt. Seine Erklärung, dass er sein Verhalten bedauere, erhöhte nur ihren Schmerz und ihren Ärger. Er kam nicht zurück. Am liebsten hätte sie das Geld, das er ihr geschickt hatte, verbrannt. Aber wie konnte sie das tun? Sie und seine Mutter brauchten Geld. Dringend. Die Amischgemeinschaft würde ihr und Ada helfen, wenn sie wüssten, wie schlecht es ihnen finanziell ging. Sie hatten darüber gesprochen, ob sie es den Leuten sagen sollten, aber jetzt, da Mahlon ihnen etwas geschickt hatte, könnten sie das schwer verdiente Geld der anderen nicht annehmen. Sie könnte sich vielleicht nicht überwinden, es zu verbrennen, aber sie würde es nicht benutzen. Und wenn sie Ada von seinem Geschenk erzählte, würde sie ihr zustimmen, dass sie es nicht ausgeben konnten. Sie waren jetzt auf sich allein gestellt. Eigentlich waren sie schon sehr lange auf sich allein gestellt, sie hatten 14
es aber erst begriffen, als Mahlon bei Nacht und Nebel weggegangen war. Sie schob die Hand in ihre versteckte Kleidtasche und berührte den dicken Umschlag mit den Zwanzigdollarscheinen. Wieder hatte Mahlon seiner Mutter und Deborah das Leben nur noch schwerer gemacht. Sie holte tief Luft und schlug die Augen auf. Dann nahm sie die Schüssel, kratzte den letzten Rest Zuckerguss zusammen und strich ihn auf den Kuchen. Die Küchentür ging schwungvoll auf, und Cara tanzte ins Zimmer. Ihr amisches Kleid war mit Farbspritzern übersät, und ihre kurzen Haare hatten sich größtenteils aus ihrem stummelartigen Pferdeschwanz gelöst und standen rund um ihre Gebetskapp ab. Die junge Frau bewegte sich mit dem Selbstvertrauen eines Menschen, der glücklich war und sich geliebt wusste. Deborah fragte sich unwillkürlich, ob sie selbst dieses Gefühl je wieder erleben würde. Deborahs Bruder Ephraim war zweiunddreißig und hatte erst jetzt die große Liebe seines Lebens gefunden. Und auch wenn er mit Deborahs bester Freundin Schluss gemacht hatte, um sich mit der englischen Frau zu verloben, hatte Deborah Cara inzwischen ins Herz geschlossen. Cara warf einen Blick durch die Fliegengittertür. Deborah wusste, dass sie nach ihrer Tochter Ausschau hielt. „Du bist fast fertig?“ Sie holte sich einen Apfel aus dem Kühlschrank. An ihren Bewegungen und ihrer Sprache erkannte man immer noch die Englische, die in der Bronx aufgewachsen war. Aber jetzt lebte sie hier im Amischland. Deborah deutete auf den Berg Geschirr in der Spüle. „Nein. Und du?“ „Für heute schon. Obwohl ich nie mit dem Streichen fertig werde, solange die kleinen Elfen jede Nacht, während wir schlafen, hier an diesem alten Haus noch etwas anbauen. Weißt du, wie lange es dauert, das Innere eines sechzig Zentimeter breiten und drei Meter tiefen Raumes zu streichen? Was hat man im achtzehnten Jahrhundert mit einem solchen Zimmer gemacht? Es den Verwandten als Gästezimmer angeboten? Dann bekam man bestimmt nicht oft Besuch.“ Caras alberne Bemerkung entlockte Deborah ein Lächeln. Sie sehnte sich danach, frei zu werden und ihre Tage wieder genießen zu können. Cara nahm einen Bissen von ihrem Apfel und setzte sich auf die Arbeitsplatte. „Ist Ada weggefahren, um die Zutaten für die morgigen Backbestellungen zu kaufen?“ 15
„Ja.“ „Wenn ich dir helfe, hier sauber zu machen, fährst du dann mit mir nach Dry Lake?“ Deborah überlegte, ob sie Cara erzählen sollte, dass sie einen Brief von Mahlon bekommen hatte, während sie weiter den Zuckerguss auf den Kuchen strich. Cara aß ihren Apfel fertig und warf dann den Rest quer durch die Küche in den Abfalleimer. „Hallooooo?“ Sie tauchte einen Finger in die Schüssel und kratzte ein wenig Zuckerguss von der Seite ab. „Hmm?“ Cara leckte sich den Finger ab, hüpfte von der Arbeitsplatte und goss sich ein Glas Wasser ein. „Du hast zwei solche Kuchen gemacht?“ „Ja. Es ist ein neues Rezept. Ich bringe Select Bakery und Sweet Delights jeweils einen als Muster für ein neues Angebot auf unserer Liste.“ Cara trat neben Deborah und stieß sie mit der Schulter. „Heute ist kein guter Tag für dich, was?“ In Deborahs Augen brannten die Tränen, aber sie gab Cara keine Antwort. „Ich nehme an, dass es noch viele Tage geben wird, an denen dich die Trauer überrollt. Aber hast du eine Ahnung, warum du dich heute so mies fühlst?“ Deborah zog den Umschlag aus ihrer Tasche und hielt ihn ihr hin. „Von Mahlon“, flüsterte sie. Caras Augen wurden vor Besorgnis ganz groß. „Oh, nein.“ Ihre Worte kamen nur langsam. „Deborah, das … das tut mir leid.“ Cara zog Deborah in ihre Arme. Das Mitgefühl in Caras Stimme und die Herzlichkeit, mit der sie sie umarmte, trösteten Deborah so sehr, wie das niemand sonst gekonnt hätte. Cara hatte tausendmal schlimmer erleben müssen, was es hieß, einen geliebten Menschen zu verlieren und in einer ausweglosen Situation gefangen zu sein. Cara legte Deborah die Hände auf die Schultern. „Willst du mir erzählen, was er geschrieben hat?“ Es war ein wenig ungewohnt, wie vorsichtig Cara mit ihren Worten war. Andererseits dachte sie vielleicht, Mahlon hätte Deborah diesen Brief geschrieben, weil er sie besuchen kommen wollte. Deshalb schluckte Cara die Namen, mit denen sie Mahlon sicher am liebsten bedacht hätte, hinunter. Deborah reichte ihr den Umschlag. 16
Cara zog die Nachricht und das Geld heraus. Sie ignorierte das Geld und las die Nachricht laut vor: „Liebste Deborah, ich hoffe, dir geht es gut. Es tut mir sehr, sehr leid, dass ich dir und Mamm Kummer bereitet habe. Bitte erlaube mir, meine Schuldgefühle zu erleichtern, indem ich euch finanziell helfe. Mahlon.“ Cara verdrehte die Augen, sagte aber kein Wort. Diese Worte klangen genauso distanziert, wie Mahlon es in den Wochen vor seinem Verschwinden gewesen war. Sie laut zu hören weckte so viele Erinnerungen, und Deborah kam sich so dumm vor, weil sie nichts gemerkt hatte, obwohl es so offensichtlich gewesen war. Sie hatte es erst erkannt, als er sie vor allen Leuten gedemütigt hatte. Cara steckte das Geld und die Nachricht in den Umschlag zurück. Dann umarmte sie Deborah wieder und hielt sie lange fest. Der Schmerz wurde nicht leichter, aber neue Hoffnung keimte in ihrem Herzen auf. „Geduld, Deb“, flüsterte Cara. „Kämpfe dich einfach weiter. Irgendwann verblasst der Schmerz.“ Deborah schluckte und versuchte, von irgendwo in ihrem Inneren neue Kraft zu schöpfen. Sie trat einen Schritt zurück. „Denki.“ Die Hintertür ging schwungvoll auf, und Lori kam mit matschigen Händen und einem noch matschigeren Hund in die Küche gelaufen. „Bessere Tage!“ Cara packte den Hund am Halsband. „Hinaus.“ „Mama, du verletzt seine Gefühle.“ „Er wird es überleben.“ Sie schob den Hund hinaus und schloss die Fliegengittertür. „Was ich bei dir nicht unbedingt sagen kann. Was hast du gemacht?“ „Mississippi-Matschkuchen. Willst du einen probieren?“ Cara warf Deborah einen entschuldigenden Blick zu und zuckte die Achseln. „Er ist wahrscheinlich genauso gut wie der Zuckerguss, den Deborah gerade gemacht hat.“ „Wirklich, Mama?“ Loris dunkelbraune Augen schauten sie aufgeregt an. „Leider.“ „Was?“ Deborah kratzte mit dem Finger ein wenig Zuckerguss von ihrem Messer und kostete ihn. „Igitt!“ Sie nahm den Kuchen von der Arbeitsplatte und warf ihn in den Mülleimer. „Wie konnte das nur passieren?“ Sie nahm den zweiten Kuchen und steuerte damit ebenfalls auf den Abfalleimer zu. 17
Cara hielt sie fest. „Was machst du denn da?“ „Ihn wegwerfen.“ „Du willst einen wunderbaren Kuchen einfach wegwerfen, obwohl er sich doch perfekt eignet, um jemandem einen Streich zu spielen?“ Deborah grinste plötzlich übers ganze Gesicht und ließ den Kuchen los. Cara stellte ihn auf die Arbeitsplatte. „Ich bin dafür, dass wir ihn Ephraim bringen.“ „Vielleicht. Wusstest du, dass meine Freundin Lena schon lange als die Königin der Streiche bekannt ist?“ „Die Lehrerin in Dry Lake?“ Deborah nickte. „Erinnerst du dich an den Verkehrsunfall, von dem dir Ephraim erzählt hat? Den Unfall, bei dem unsere Mutter starb?“ „Ja.“ „Lenas Mutter starb damals auch, und Adas Mann und sieben andere Leute aus der Gemeinde, darunter auch dein Daadi. Der ganzen Gemeinde ging es monatelang furchtbar. Jedenfalls hat Lena, die damals ungefähr elf war, überlegt, wie sie die Leute wieder zum Lachen bringen könnte, besonders ihren Daed. Als sie mit einer Tante in Philadelphia war, fand sie in einem Scherzartikelgeschäft ein Plastikding, das wie ein Stück Butter aussah. Ihr Daed aß seine Waffeln oder seine Erbsen immer erst, wenn die Butter, die er darauf gab, geschmolzen war. Lena hat zwei heiße Waffeln mit Butter auf seinen Teller gelegt. Er klappte eine Waffel auf und sah das kleine Butterstück, klappte die Waffel wieder zu und wartete, bis die Butter schmolz. Er aß andere Sachen, trank seinen Kaffee, unterhielt sich mit seinen Kindern und schaute in den nächsten Minuten immer wieder nach, ob die Butter schon geschmolzen war. Schließlich wollte er mit der Gabel in die Butter stechen und stellte endlich fest, dass sie aus Plastik war. Da brach er in schallendes Gelächter aus. Lena sagte, er habe so heftig gelacht, dass ihm die Tränen übers Gesicht liefen. Seitdem kann niemand sie aufhalten. Nur mir hat sie noch keinen Streich gespielt, seit mich Mahlon verlassen hat.“ „Dann ist Lena unser Opfer.“ „Sie ist seit Jahren auf keinen Streich mehr hereingefallen. Ich bin nicht sicher, ob sie uns glaubt.“ „Wir könnten Glück haben, denn sie rechnet bestimmt nicht damit.“ Cara wischte das Mehl von Deborahs schwarzer Schürze. „Seit dem 18
Tag, an dem Mahlon wegging, herrscht ein nicht ausgesprochener Waffenstillstand. Sie käme nie auf die Idee, dass du ihr einen Streich spielen willst. Wenn wir es richtig anpacken und ihr ein Stück abschneiden, während wir bei ihr sind, isst sie wahrscheinlich fast ein ganzes Stück, nur weil sie höflich sein will.“ „Weißt du, manchmal bekomme ich richtig Angst um meinen armen Bruder“, kicherte Deborah und spürte, wie die Traurigkeit ihren erdrückenden Griff um ihr Herz verlor. Caras Lachen kam aus einer Quelle der Zufriedenheit in ihrem Inneren, und Deborah genoss es, ein wenig daran teilzuhaben. Cara war alles andere als die Frau, die Deborah für ihren Bruder ausgesucht hätte. Sie war in New York bei verschiedenen Pflegefamilien aufgewachsen und hatte oft Mühe, das schlichte amische Leben zu akzeptieren. Sie benahm sich wie eine scharfzüngige Heidin und merkte das manchmal nicht einmal, aber so sonderbar es auch anmuten mochte, schien Ephraim sie zutiefst zu respektieren. Je länger Deborah sie kannte, umso besser verstand sie, warum ihr Bruder sich in seinem Alter doch noch verliebt hatte. Deborah strich Caras Haare zurück und versuchte, die kurzen Strähnen festzustecken, damit sie unter der Gebetshaube blieben. Aber ihre Versuche waren ohne Erfolg. Cara schob sich eine Strähne hinters Ohr. „Da niemand mehr Streiche ausgeheckt hat, seit Dumpfbacke weg ist, ist es nun höchste Zeit, den Waffenstillstand zu beenden.“ „Mama, Ephraim gefällt es bestimmt nicht, wenn du Schimpfnamen benutzt. Aber wer ist Dumpfbacke?“ „Das ist egal.“ Cara sah Deborah an. „Nicht wahr?“ Deborah atmete tief ein. „Ja, es … es ist egal.“ Sie wussten beide, dass das nicht stimmte. Noch nicht. Vielleicht niemals. Cara runzelte im Spaß die Stirn. „Was hast du gemacht, dass dieser Zuckerguss so schrecklich schmeckt?“ „Keine Ahnung. Schmeckt der Kuchen selbst auch so furchtbar?“ Sie gingen zum Abfalleimer, in dem der weggeworfene Kuchen lag. Cara steckte eine Gabel in die Mitte des Kuchens, wo er mit dem Abfalleimer nicht in Berührung gekommen war. Sie nahm einen kleinen Bissen und erschauerte. „Der Zuckerguss und der Kuchen schmecken eklig.“ 19
„Was habe ich denn falsch gemacht?“ Cara verzog das Gesicht. „Salz.“ „Zu viel Salz?“ Deborah warf einen Blick zu ihren Zutatenbehältern. „Wie konnte das passieren?“ Cara zuckte die Achseln. Deborah versuchte nachzuvollziehen, was sie getan hatte. Sie ging zu den Behältern und öffnete die Dose, auf der „Zucker“ stand. Wenn sie genauer hingeschaut hätte, hätte sie gemerkt, dass die Dose mit Salz statt mit Zucker gefüllt war. Lori hatte die Behälter heute für sie aufgefüllt, aber wann? Wie viele Sachen hatte sie schon mit Salz statt mit Zucker gebacken? „Lori“, sagte Deborah ruhig. „Wann hast du diese Behälter aufgefüllt?“ „Heute.“ „Nein, Schatz. Ich meine, wann heute?“ Cara steckte den Finger in die Dose und leckte ihn ab. „Ja, das ist Salz.“ Lori zuckte die Achseln. „Habe ich etwas falsch gemacht?“ Cara legte Lori die Hand auf den Kopf. „Nichts, das sich durch eine weitere Lektion von Ada, die dir erklärt, worauf eine gute Küchenhilfe achten muss, nicht beheben ließe. Außerdem dürfen Siebenjährige süße Fehler machen. Das muss so sein. Hast du die Behälter vor oder nach der Schule aufgefüllt?“ „Danach. Ich habe sie aufgefüllt, als Deborah hinausging, um die Post zu holen.“ Deborah seufzte erleichtert. „Und dann hat Deborah ihren Brief gelesen und ist auf den Verandastufen in ihren Depressionen versunken, bevor sie endlich wieder in die Küche zurückging. Aber in Gedanken war sie dennoch ganz weit weg.“ „Und dann hat sie auch noch angefangen, in der dritten Person von sich zu sprechen.“ Cara zwinkerte ihr zu. „Lori, Schatz, geh hinauf und wasche dich gründlich, während Deborah und ich die Küche sauber machen und ein schnelles Abendessen zubereiten. Ada wird bald zurück sein. Dann können wir essen.“ Lori lief aus der Küche. Ihre hüpfenden Schritte hallten durch das stille Haus. Deborah nahm ein paar schmutzige Löffel, die auf der Arbeitsplat20
te lagen, und warf sie ins Spülbecken. „Auch wenn die Zutaten im falschen Behälter sind, hätte ich den Unterschied zwischen Salz und Zucker bemerken müssen.“ „Das ist doch nicht schlimm, Deb.“ Sie wusch sich die Hände und trocknete sie ab. „Doch, das ist schlimm. Wir sind finanziell noch knapper dran, als du ahnst. Ada will nicht darüber sprechen, aber sie bringt den drei Bäckereien die Lieferungen selbst, weil wir es uns nicht mehr leisten können, einen Fahrer dafür zu bezahlen. Das Pferd vor den Wagen zu spannen und es später wieder auszuspannen und jeden Tag zu den Bäckereien zu fahren, das geht wiederum von unserer Zeit in der Küche ab. Und so wird unser Arbeitstag immer länger, aber wir haben weniger Sachen, die wir verkaufen können.“ „Ich dachte, die Bäckereien würden den Fahrer bezahlen.“ „Das haben sie auch gemacht … sozusagen. Sie nahmen das Geld von dem Geld, das uns zustand, um die Fahrer zu bezahlen. Und jetzt bekommt Ada dieses Geld und wir liefern selbst. In letzter Zeit muss sie warten, bis wir mit dem, was wir verkaufen, ein paar Dollar einnehmen, um die Zutaten für den nächsten Backtag zu kaufen.“ „Aber …“ Cara zuckte die Achseln. „Dumpfbacke hat dir doch heute Geld geschickt. Gib es aus.“ „Lieber verhungere ich.“ Deborah wunderte sich selbst über ihren Tonfall, als sie das sagte. Und auch über die neue Entschlossenheit, die sich in ihr regte. „Das würde deinem Bruder aber nicht gefallen.“ „Du darfst es Ephraim nicht erzählen.“ Sie deutete zu dem zwei Meter breiten professionellen Backofen aus rostfreiem Edelstahl. „Er hat schon so viel für uns getan. Dieses Haus war unbewohnbar, bis er uns so großzügig unter die Arme griff.“ „Ich … ich wusste nicht, dass er es war, der …“ „Doch, er war es. Ein paar andere haben uns auch ein wenig geholfen, aber in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation gibt es in unserer Gemeinde nur wenige, die keine finanziellen Sorgen haben. Ich kann sie nicht um Hilfe bitten, wenn Mahlon uns Geld geschickt hat. Ada und ich müssen aus eigener Kraft Erfolg haben. Oder wir scheitern eben.“
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