Kapitel 1
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ie Bibliothekarin Paige Rogers hatte schon aufregendere Tage erlebt. In ihrem früheren Leben war sie im Dienst für ihr Vaterland Kugeln ausgewichen, und wenn sie die Wahl gehabt hätte, hätte sie auch heute noch lieber gegen Attentäter gekämpft, als Strafgebühren wegen Überziehung der Leihfrist einzutreiben. Die Jagd nach Terroristen war deutlich spannender als die Jagd nach einem verloren gegangenen Buch. Ach ja, die gute alte Zeit – verwoben mit Schuldgefühlen, verzweifelten Versuchen nach vorne zu blicken und Wehmut. Aber Wiederholungen waren nicht möglich, und so standen die Abenteuer ihres Lebens jetzt in alphabetischer Reihenfolge unter der Rubrik Romane im Regal. Zeit, mit dem Selbstmitleid aufzuhören und zur Arbeit zu gehen. Paige trat mit allem, was sie für ihren Arbeitstag in der Bibliothek brauchte, auf die Veranda ihres Hauses. Schon jetzt bildeten sich infolge der steigenden Temperaturen erste Schweißperlen auf ihrer Stirn. Bevor sie die Tür hinter sich abschloss, ließ sie den Blick durch den Vorgarten schweifen und sah zur gegenüberliegenden Straßenseite hinüber, wo kastanienbraune Quarter Horses auf einer spärlich grünen Wiese grasten. Sengende Hitze und nicht eine Spur von Regen, als stünde sie auf afrikanischem Boden. Aber hier gab es nichts Ungewöhnliches, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Alles war wie immer. So wie es ihr gefiel. Wie sie es brauchte. Als Paige sich hinter das Lenkrad ihres sportlichen, aber sparsamen Wagens schob, tastete sie nach der Beretta Px4 unter ihrem Sitz. Die Vergangenheit konnte ihr hässliches Gesicht ohne Vorwarnung zeigen. 7
Selbst Pfadfinder waren immer bereit, und sie hatte noch ein zusätzliches Training durchlaufen. Aus dem Radio dudelte das Genäsel einer E-Gitarre und ein Mann, der sein Mädchen an einen Rodeostar verloren hatte, ließ seinem Kummer freien Lauf. Paige musste über die Ironie dieser ganzen Situation lachen. Sie sauste die Straße hinunter und zerquetschte mit ihren Reifen die Grashüpfer, die den Weg bevölkerten. Im Rückspiegel sah sie Vögel, die sich auf Stacheldrahtzäunen niedergelassen hatten, und ein paar widerspenstige Wildblumen. Sie klammerten sich mit ihren Wurzeln in den von der Sonne ausgedörrten Staub, wie Paige sich an die Hoffnung klammerte. Den ganzen Weg über in die kleine Stadt Split Creek in Oklahoma, mitten im Niemandsland, lief im Radio ein kitschiger Song nach dem anderen. Nachdem sie ihren Wagen auf dem für sie reservierten Parkplatz vor der Bibliothek abgestellt hatte, hängte Paige sich ihre Tragetasche über die Schulter und nahm ein Buch über die Geschichte von Oklahoma und eines von C. S. Lewis vom Rücksitz. Mit Letzterem hatte sie sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen und es hatte ihr geholfen, die schmutzigen Details ihrer Vergangenheit wenigstens ansatzweise einordnen zu können. Paige kratzte sich an der Bordsteinkante die Grashüpfer von den Schuhen. Zu dieser Jahreszeit waren die Biester überall. Erinnerten sie an ein paar Plagegeister, denen sie im Ausland hatte vertrauen müssen. Sie hatte die gepanzerten Insekten in den letzten Wochen tagtäglich von ihrer Veranda zu Hause und von den Eingangsstufen der Bücherei gekehrt, so wie sie es mit den Geistern aus ihrer Vergangenheit getan hatte. Aber genauso, wie sich die Grashüpfer nicht vertreiben ließen, konnte nichts die Albträume von ihrer internen Festplatte löschen. Als ihr Blick über das ruhige Geschäftsviertel wanderte, wurde Paige wieder einmal bewusst, dass sich das Leben in einem einzigen Augenblick verändern konnte. Ein kleiner Garten mit gelben Ringelblumen und saphirblauen Petunien erstreckte sich vor dem frisch renovierten, hundert Jahre alten Gerichtsgebäude. Die hohen Säulen stützten einen Teil der regionalen Geschichte … und die Geheimnisse der einflussreichsten Familien hier. Mehrere Ladenbesitzer schlossen ihre Geschäfte auf und begrüßten einander. Paige erkannte die meisten der alten Autos und staubigen Pick-ups, aber eine schwarze 8
Limousine mit getönten Scheiben und einem Oklahoma-City-Nummernschild, die rechts vom Gericht geparkt war, hatte sie noch nie zuvor gesehen. Warum kam jemand mit einem Luxusklassewagen nach Split Creek? Die verschlafene Kleinstadt mit den 1500 Einwohnern hatte nicht viel mehr zu bieten als ein paar Antiquitätengeschäfte, eine Bibliothek, einen Schönheitssalon, eine Bäckerei, einen Lebensmittelladen und vier Kirchen – darunter zwei Baptistengemeinden, jeweils eine am entgegengesetzten Ende der Stadt, eine Kapelle der Methodisten und eine katholische Kirche, die gleich neben dem Schnellrestaurant Denim’s zu finden war. Paige überlegte, ob der Fahrer einen frühen Termin bei Gericht oder sich verfahren haben könnte. Aber diese Erwägungen wichen bald einem Anflug von Argwohn. Mit einem Lächeln, das anziehender wirken sollte als die Schaufenstergestaltung zum Nationalfeiertag, überquerte Paige die Straße, um das Fahrzeug, das so fehl am Platz wirkte, genauer zu inspizieren. Manche Gewohnheiten ließen sich einfach nicht ablegen. Mr Shafer Junior, der Besitzer eines der Antiquitätengeschäfte, beugte sich gerade über die Schätze, die er Tag für Tag vor seinem Laden ausstellte. Eigentlich hatte Paige dort fast noch nie eine Antiquität, sondern immer nur Schrott und alte Parfümflakons gesehen. „Morgen, Mr Shafer. Sieht so aus, als würden wir heute wieder geröstet.“ „Morgen. Ja, und die Hitze hält die Kunden ab.“ Der Mann, dessen Haar allmählich schütter wurde, richtete sich auf und massierte seinen Rücken. „Vielleicht sollte ich mit der kostenlosen Bereitstellung meiner Klimaanlage werben, damit die Leute kommen.“ „Wenn es hilft.“ Paige warf einen schnellen Blick zu dem Auto hinüber und merkte sich das Kennzeichen. Kein Fahrer. „Sieht so aus, als hätten Sie Besuch.“ Sie zeigte auf das Fahrzeug. Mr Shafer blinzelte in die Sonne. „Nee, das ist wahrscheinlich Eleanors Sohn aus Tulsa. Er hilft ihr, den Schönheitssalon zu streichen. Sie hat gesagt, er hätte einen neuen Wagen. Der Junge muss mit seinen Versicherungen gut verdienen.“ „Was für ein guter Sohn.“ Mr Shafer hob das Kinn und kratzte sich daran. „Wissen Sie, Paige … er ist nicht verheiratet.“ „Und ich bin nicht auf der Suche.“ Sie war noch nie auf dem Hei9
ratsmarkt aktiv gewesen. Ihr Leben war zu kompliziert, um ein solches Unterfangen in Betracht zu ziehen, auch wenn es verlockend klang. „Eine hübsche kleine Lady wie Sie sollte sich um Babys kümmern und nicht um Bücher.“ „Aber Bücher wachsen einem nicht über den Kopf und sie widersprechen auch nicht.“ Mr Shafer schüttelte den Kopf und schloss seinen Laden auf. „Ich habe ein Stück Pfirsichkuchen für Sie dabei.“ Paige zog eine Plastikdose aus ihrer Tasche. „Den habe ich heute Morgen um sechs Uhr gebacken. Ganz frisch.“ Er drehte sich wieder zu ihr um. Langsam trat ein Grinsen auf sein Gesicht, das sich von einem seiner großen Ohren bis zum anderen erstreckte. „Sie haben recht. Sie sollten nicht heiraten. Denn dann würde ich womöglich keinen Kuchen mehr bekommen.“ Er wackelte mit den Schultern, wie es seine Angewohnheit war. „Danke, mein Mädchen.“ Er nahm den Kuchen mit beiden Händen entgegen, als wäre er das Kostbarste, das er jemals angeboten bekommen hatte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite öffnete sich quietschend die Tür des Schönheitssalons. „Morgen, Eleanor“, sagte Mr Shafer. „Ich habe das Auto von deinem Sohn gesehen. Gut, dass er dir beim Streichen hilft.“ „Das gehört nicht meinem Sohn.“ Miss Eleanor überquerte die Straße und schirmte die Augen vor der aufgehenden Sonne ab. „Er kommt erst am Wochenende.“ Paiges Nervenenden signalisierten erhöhte Aufmerksamkeit. „Das ist schön für Sie.“ Sie warf noch einen flüchtigen Blick auf das Fahrzeug. „Ich frage mich, wem dieser schicke Wagen gehört. Für einen Rechtsanwalt ist es eigentlich zu früh.“ „Jemandem mit Geld.“ Mr Shafer entfernte den Plastikdeckel von der Dose und sog den Duft des frischen Kuchens tief ein. „Ich glaube, ich kann mich nicht bis zur Mittagspause beherrschen.“ „Erbarmen, alter Mann, du bist schon jetzt runder als der Kugelofen meiner Mutter, Gott hab sie selig.“ Eleanors blaustichige Haare funkelten im Sonnenschein, als hätte sie ihr Haarspray mit Glitzer versetzt. „Du bist doch nur neidisch. Wenn du keinen Diabetes hättest, würdest du mir meinen Kuchen entreißen. Paige weiß, wie man einen Mann glücklich macht.“ 10
Einen Häuserblock entfernt trat ein Mann mit einem Fotoapparat aus der Gasse zwischen dem Geschäft von einem von Mr Shafers Konkurrenten und dem Herrenfriseur. Er hob die Kamera, als wolle er ein Bild von dem Friseurgeschäft machen. Paige wandte sich wieder ihren Freunden zu. Er könnte sein, was er zu sein vorgibt. Sie hoffte es und kämpfte die Vorläufer der Angst nieder. „Was fotografiert der denn da?“ Eleanor zögerte. „Ich frage ihn.“ Ihr faltiges Gesicht wirkte entschlossen. Sie straffte die Schultern und ging auf den Fremden zu, als repräsentiere sie die ganze Stadt. Gut, Eleanor. Ich gehe zurück und lasse dich die Aufklärungsarbeit machen. Eleanor und der Fremde standen zu weit entfernt, als dass Paige ihre Lippen hätte lesen können, aber wenigstens konnte der Mann keine Fotos machen, solange sie sich unterhielten. Einige Augenblicke später lachte der Fremde viel zu laut auf. Eleanor gab ihm die Hand und kam dann zurück. Paige sah Mr Shafer an. Sie nahm eine Gießkanne in die Hand, die gefährlich schief an einen halb verrotteten Stuhl gelehnt stand. „Ist die neu?“ „Nee. Sie war drinnen. Die habe ich gestern rausgetan.“ Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Fremde zu ihnen herüberstarrte. Mittelgroß. Schmale Schultern. Kleidung im italienischen Stil. Die Marke seines Fotoapparats konnte sie nicht erkennen. Nun kam der Fremde ein paar Schritte auf sie zu, die Schultern gestrafft und bewegungslos. Innerhalb von dreißig Sekunden hätte sie ihn abgeschätzt und könnte erleichtert an ihre Arbeit gehen – es sei denn, er war ein Profi. Mr Shafer sah Eleanor an. „Wer ist das?” „Jason Stevens, ein Fotograf, der Bilder von Kleinstädten in Oklahoma macht.“ So wie der angezogen ist? Paiges Herz hämmerte. Sie stellte die Gießkanne zurück. „Hat er gesagt, für welche Zeitschrift er arbeitet?“ „Das habe ich ihn nicht gefragt. Fragen Sie ihn doch. Er will ein paar Bilder machen, mit uns vor unseren Geschäften.“ Eleanor winkte Stevens näher. „Kommen Sie, lernen Sie meine Freunde kennen. Paige fragt sich, für welche Zeitschrift Sie arbeiten.“ Der Mann lächelte immer noch – vollkommene Zähne, vollkomme11
nes Lächeln. „Die Bilder sind für eine Zeitung, den Oklahoman.“ Er streckte die Hand aus. „Morgen, Leute. Ich wette, Sie würden gerne Ihr Bild in der Wochenbeilage sehen, oder?“ Seine Kamera ruhte zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand, eine neue Nikon mit lichtstarken Objektiven, vielleicht eine D90 oder D200. Keine Schrammen oder andere Gebrauchsspuren. Wer war dieser Kerl? Er war genauso wenig ein Fotograf wie Eleanor oder Mr Shafer. Hast du diese Ausrüstung überhaupt schon mal benutzt? „Willkommen in Split Creek“, sagte Paige. „Aber ich passe lieber, was das Bild betrifft. Ich bin nicht fotogen, aber es ist ein schöner Tag, um unsere Stadt zu fotografieren.“ Sie drehte sich um und ging in Richtung Bücherei davon. „Natürlich sind Sie fotogen“, rief Eleanor hinter ihr her. „Niemand will ein paar alte Leutchen wie uns sehen, aber Sie könnten es auf die Titelseite schaffen.“ „Sie beide sollten im Mittelpunkt stehen. Ich bin nur die langweilige Bibliothekarin.“ Paige ging schnellen Schrittes weiter über die Straße. „Warten Sie“, protestierte Stevens. „Tut mir leid. Ich muss die Bücherei aufmachen.“ „Kommen Sie zurück, Mädchen. Es steht doch noch gar niemand vor der Tür“, rief nun auch Mr Shafer hinter ihr her. Paige hob die Hand und winkte über ihre Schulter zurück. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie die beiden mit Stevens allein ließ, aber für sie stand mehr auf dem Spiel als für Eleanor und Mr Shafer. „Bis später, ihr beiden. Es war nett, Sie kennenzulernen, Mr Stevens.“ Sie schloss das alte Gebäude auf, das früher einmal eine Bank gewesen war und jetzt die Stadtbücherei beherbergte. Es strotzte nur so vor Charakter – sandfarben und schwarz gemusterte Marmorböden, verzierte Eichenvertäfelung an den Wänden, hohe Decken aus fein ziseliertem Stein und ein riesiger Kristallleuchter von der Größe eines Wagenrades. Die Nischen, in denen die Bankangestellten früher ihre Kunden beraten hatten, waren in gemütliche Leseecken umfunktioniert worden, und der riesige, runde, mit Messing verzierte Tresorraum beherbergte – ohne die Tür davor – die Kinderbuchabteilung. Vor den Fenstern hingen noch die Eisengitter. Wenn die Stadt doch nur einen schnellen Internetzugang hätte. Seit Monaten versprach man ihnen nun schon diese Modernisierung. 12
Einen kostbaren Augenblick lang entspannte Paige sich ganz bewusst, genoss den Anblick und atmete die vertrauten Gerüche ein. Dank sei Andrew Carnegie für seine Vision, öffentliche Bibliotheken einzurichten. Wegen seiner Menschenfreundlichkeit hatte Paige nun einen Zufluchtsort. Vom knarrenden Geräusch der alten Treppen bis zum staubigen Geruch der Bücher und vergilbten Zeitschriften hatte sie stille Gefährten, die ihren geistigen Horizont erweiterten, sie aber nicht mit den Schrecken der Realität konfrontierten. In der kleinen Küche hinter einer Kassettentür in der hintersten Ecke der Bibliothek legte Paige ein Sandwich mit Schinken und Mayonnaise in den Kühlschrank, das sie sich für die Mittagspause vorbereitet hatte. Als sie noch einmal die Hand in ihre Tragetasche schob, schlossen sich ihre Finger um eine Packung M&M’s. Die würde sie in ihrer Schreibtischschublade verstauen. Der Rest des Pfirsichkuchens lag leider immer noch auf dem Rücksitz ihres Autos. Sie würde ihn holen, sobald Stevens weitergegangen war oder am besten die Stadt ganz verlassen hatte. Wenn er für Daniel Keary arbeitete, würde sich ihr Leben demnächst radikal verändern – und nicht zum Besseren. Sie schüttelte die Gänsehaut ab, die ihr über die Arme kroch. Ich komme damit klar, was auch immer es ist. Sie nahm ihre Tasche und zog die Küchentür hinter sich zu. Da es nur noch drei Monate bis zur Wahl waren, könnte Stevens durchaus einer von Kearys Männern sein, der dafür sorgen sollte, dass sie immer noch wusste, wie weit sie gehen durfte. Paige spürte einen Stich des Bedauerns, aber es gab nichts, was sie an Kearys Beliebtheit ändern konnte. Sie hatte es versucht und war einer Macht unterlegen, die für sie damals zu stark gewesen war. Aber ihre Gebete, dass die Wahrheit dennoch den Sieg davontragen würde, waren niemals verstummt. Paiges Schuhe mit den vernünftigen, flachen Absätzen klackerten auf dem Fußboden, als sie zum Fenster ging. Sie trat seitlich an die Scheibe und spähte durch die Jalousien auf die sonnenbeschienene Straße hinaus, um einen Blick auf Stevens zu werfen. Er fotografierte weiter. Mr Shafer würde ihm wahrscheinlich eine Stadtführung anbieten, die mit der Besichtigung seines Geschäfts begann und die die Geschichte jedes einzelnen Gegenstandes, der sich darin befand, beinhaltete. Tatsächlich betrat der angebliche Fotograf vom Oklahoman nun das Antiquitätengeschäft. 13
Das wird ihn zu Tode langweilen und aus der Stadt vertreiben. Paige vollführte das morgendliche Ritual, im Postkasten nachzusehen, ob Bücher zurückgegeben worden waren. Heute waren es sechs an der Zahl. Sie vermerkte die Rückgabe und stapelte die Bücher auf ihrem Arm, um sie ins Regal zurückzustellen. Die alten Herrschaften des Buchklubs von Split Creek würden jeden Augenblick hier auftauchen, darin waren sie ebenso zuverlässig wie in ihrem Morgenspaziergang. Eineinhalb Stunden lang würden sie über ihren aktuellen Roman sprechen, von den Charakteren bis hin zur Handlung alles analysieren. Heute konnte Paige gar nicht abwarten, dass sie die Bücherei stürmten. Wie auf ein Stichwort hin trat in diesem Moment Miss Alma durch die Tür. Ihre Handtasche hatte sie sich über die Schulter gehängt, damit sie die Hände für ein in Alufolie gewickeltes Bananennussbrot und zwei Bücher frei hatte. „Guten Morgen, Miss Alma“, sagte Paige. „Brauchen Sie Hilfe?“ „Nein, danke. Wenn ich eine Sache loslasse, fällt alles andere hin.“ Vor Paiges geistigem Auge tauchte plötzlich eine Packung Kukident auf. „Sie sind heute jedenfalls die Erste.“ Miss Betty rauschte herein. Sie war eine wahre Südstaatenschönheit und in ihrem besten Sonntagsstaat, inklusive kleinem Hütchen. „Miss Paige, darf ich uns einen koffeinfreien Kaffee kochen?“, fragte sie. „Ja, Ma’am. Es steht alles für Sie bereit.“ Oh, wie sehr sie diese lieben Menschen mochte. Innerhalb weniger Minuten trafen die restlichen Mitglieder des Seniorenbuchklubs von Split Creek ein. Paige winkte Pastor Bateson verschwörerisch zu, während Miss Eleanor und Mr Shafer sich wie immer über irgendetwas zankten. „Wenigstens sind wir uns einig, dass Daniel Keary unser nächster Gouverneur sein sollte“, sagte Miss Eleanor. Als sie den Namen hörte, befürchtete Paige einen Moment lang, sie müsse sich übergeben. Keary war ein parteiloser Kandidat. Ihr war es diesmal völlig egal, ob ein Demokrat oder ein Republikaner das Rennen machte. Hauptsache, es war nicht Keary. „Ich habe Bananenbrot mitgebracht“, sagte Miss Alma. „Aber wehe, ihr fasst die Bücher an, solange ihr Krümel an den Händen habt. Dann gibt es eins auf die Finger.“ 14
„Das wissen wir“, sagten mehrere der Senioren von ihnen wie aus einem Mund. Paige war froh über die erheiternde Einlage. Die anderen Mitglieder des Buchklubs bildeten unter dem großen Kronleuchter einen Stuhlkreis, während Paige ihre Bücher entgegennahm. Wieder öffnete sich die Tür der Bücherei und diesmal kam Jason Stevens mit seiner Kamera herein. Sein Anblick ließ Paige erstarren – mitten im Gespräch mit den Mitgliedern des Buchklubs. Er kam zum Ausleihschalter herübergeschlendert und blieb vor der hüfthohen Schwingtür stehen, sodass ihr Fluchtweg blockiert war. Hatte sie ihm nicht gerade eben erst zu verstehen gegeben, dass sie nichts mit ihm zu tun haben wollte? „Da ich draußen kein Bild von Ihnen machen durfte, dachte ich, ich komme rein und fotografiere hier ein bisschen. Wow!“ Er sah sich in dem imposanten Gebäude um. „Das war wirklich mal eine Bank.“ Seine strahlend weißen Zähne hätten die meisten Frauen schwach werden lassen. Paige ging zur Schwingtür. „Bitte keine Aufnahmen. Sie werden hier drin immer furchtbar schlecht.“ „Wie wäre es mit Mittagessen?“ „Sie wollen sich mit mir verabreden?“ Ihr Magen verkrampfte sich vor Widerwillen. Stevens hob seine freie Hand und lächelte. Der Mann wusste, wie er das Grübchen in seiner linken Wange einsetzen musste. „Ich suche nur eine Geschichte zu meinen Bildern. Diese Bücherei ist bezaubernd und faszinierend, und Sie sind es auch.“ Ihre Abneigung gegenüber dem Stadtjungen mit Grübchen wurde mit jeder Sekunde stärker. „Miss Alma warten Sie, ich helfe Ihnen mit den Stühlen.“ „Unsinn.“ Miss Alma schüttelte ihren blaugrauen Kopf. „Helfen Sie nur dem jungen Mann. Wir alten Leute können auch noch etwas anderes tun, als nur herumzustehen und über unsere Gicht oder Schleimbeutelentzündung zu jammern.“ Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte Paige über diese Bemerkung gelacht. Aber heute nicht. „Sieht ganz so aus, als hätten die alten Herrschaften alles unter Kontrolle.“ Der tiefe, verführerische Tonfall von Stevens’ Stimme war in Paiges Ohren eine Einladung, ihm eine zu scheuern. 15
„Ich schlage vor, Sie suchen sich noch ein paar Geschäftsleute für die Geschichte in Ihrer Zeitung“, sagte sie. „Ich bin sehr enttäuscht.“ „Sie werden es überleben.“ „Können wir uns nicht unterhalten?“ Er lehnte sich über die Schwingtür. „Sie können gehen, sonst sehe ich mich gezwungen, den Sheriff zu rufen. Es ist Ihre Entscheidung.“ Sie nahm den Telefonhörer und sah ihm direkt in die Augen. „Das also sind die süßen Kleinstadtmädchen.“ Er warf ihr einen gespielt deprimierten Blick zu. Offenbar war er mit dem Wort Nein nicht vertraut. Ihre Reflexe waren nach wie vor katzengleich, dank der Tai-ChiÜbungen, die sie zu Hause hinter zugezogenen Gardinen immer noch absolvierte. Mit minimalem Aufwand konnte sie eine Schulter auskugeln oder die Kniescheibe eines Gegners zertrümmern, der doppelt so viel wog wie sie. Solche Fähigkeiten waren in den meisten Kleinstadtbüchereien der USA zwar nicht Teil der Stellenbeschreibung, aber andererseits sprachen die meisten Bibliothekarinnen auch kein Koreanisch, Portugiesisch, Swahili oder Russisch. Oder hatten die Fähigkeit, Codes zu entziffern, sich so zu verkleiden, dass niemand sie wiedererkannte, und ein Schloss mit einer Büroklammer zu öffnen … ganz zu schweigen von einer Vergangenheit, die begraben bleiben musste. Paige widerstand dem Drang, Stevens eigenhändig vor die Tür zu setzen. Bleib ganz ruhig. „Es tut mir leid, dass wir das Buch, das Sie suchen, nicht haben. Ich bin mir sicher, in einer der Zweigstellen in Oklahoma City kann man Ihnen besser weiterhelfen“, sagte sie so laut, dass jeder es hören konnte. Eine wortlose Herausforderung flackerte in Stevens Augen auf, der sie ihren eigenen Trotz entgegenhielt. Schließlich ging Stevens zur Tür. Dort angekommen drehte er sich noch einmal um, klemmte sich die Kamera unter den Arm, so wie die Besucher hier sich sonst ihre Bücher unter den Arm klemmten, und sagte: „Wissen Sie was? Diese Stadt wäre das perfekte Versteck für einen CIA-Agenten.“
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