Kapitel 1 Es gab Momente, in denen die Sonne so strahlend hell über ihrem Leben schien, dass Katy Hart ihr Glück kaum fassen konnte. Momente, wenn sie sich auf die Proben für das christliche Kindertheater vorbereitete oder die Wäsche zusammenlegte oder ihr Auto auftankte und dabei immer wieder ihren Ringfinger anschauen musste. Nur um sicherzugehen, dass es wirklich passiert war. Dayne Matthews hatte um ihre Hand angehalten. Sie öffnete die Tür zu ihrer Wohnung, trat ein und atmete tief durch. Sie hatte den Nachmittag und den Abend mit den Flanigans verbracht. Zuerst hatte sie mit Jenny einen Einkaufsbummel unternommen und dann hatte sie mit ihr und der ganzen Familie zu Abend gegessen und einen Film angeschaut. Jetzt wollte sie in ihrer Wohnung sein, wenn Dayne sie anrief. Er rief jeden Abend um diese Zeit an. Sie schloss die Tür hinter sich und lehnte sich einen kurzen Moment daran. Über Nacht hatte Gott ihr Leben aus einer verschwommenen Ungewissheit herausgeführt und in ein kristallklares Licht gestellt. Sie und Dayne wünschten sich eine einfache Hochzeit am Ufer des Lake Monroe. Er hatte bereits mit einer Hochzeitsplanerin in Hollywood gesprochen, einer Frau, die dafür bekannt war, dass sie heimliche Feiern organisieren konnte, von denen die Paparazzi erst Wind bekamen, wenn sie vorbei waren. Diese Aufgabe war eine schwere Herausforderung, und Katy rechnete fast schon damit, dass die Presse es doch herausfinden könnte, dass Hubschrauber über ihnen kreisen und Kameraleute sich zwischen den Bäumen am Seeufer anschleichen würden, um Fotos von ihnen zu bekommen. Aber selbst diese Gefahr konnte sie jetzt nicht mehr abhalten. Ihr Name hatte bereits auf den Titelseiten der Boulevardblätter gestanden. Sie heiratete Dayne Matthews. Bald würde das ohnehin die ganze Welt wissen. Sie hatten noch keinen Termin festgelegt, aber der Frühling wäre bestimmt perfekt. Bloomington war im April und Mai wunderschön. Dayne hätte Zeit, bis dahin noch einen weiteren Film zu drehen, und 5
ihr gab dieser Hochzeitstermin genug Zeit, um ein passendes Brautkleid zu finden und sich Gedanken über die Feier zu machen, und sie hätte genügend Zeit, um nach Chicago zu fliegen und mit ihren Eltern über ihre Pläne zu sprechen. Dayne hatte ihr gesagt, dass sie so viel Geld ausgeben könnten, wie sie wollten, aber Katy wünschte sich ein schlichtes und trotzdem elegantes Kleid, eines, das sie in Indianapolis genauso leicht finden könnte wie in New York City. Jetzt war die dritte Juliwoche. Sie hatten also noch acht bis neun Monate Zeit. Da ihr Leben in den nächsten Monaten sehr ausgefüllt wäre, war das nicht übermäßig viel Zeit. Dayne arbeitete sechs Tage in der Woche in Los Angeles an den Dreharbeiten für seinen aktuellen Film, einen Liebesfilm mit der Oscarpreisträgerin Randi Wells. Und Katy musste die Drehbücher für die Stücke, die das christliche Kindertheater im nächsten Jahr aufführen wollte, durcharbeiten. Manchmal war ihr bei allem, was in den letzten zwei Wochen geschehen war, ganz schwindelig. Katy seufzte. Ja, die Sonne schien so hell wie noch nie in ihrem Leben. Sie schlüpfte in ihren Schlafanzug und putzte sich die Zähne. Als sie gerade ins Bett gehen wollte, klingelte das Telefon. Sie lief quer durchs Zimmer, nahm das Telefon und ließ sich damit auf ihr Bett fallen. Ein Blick auf das Display bestätigte, was sie bereits wusste. Es war Dayne. Sie drückte auf die Verbindungstaste. „Hey.“ „Mmmm.“ Er klang müde, einsam, aber trotzdem konnte sie vor sich sehen, wie seine Augen funkelten. „Weißt du, wie gut sich das anfühlt?“ „Was?“ Eine entspannte Vertrautheit schwang in ihrer Stimme mit. „Dich zu hören, zu wissen, dass du am anderen Ende der Leitung bist.“ Er atmete langsam ein. „Ich freue mich den ganzen Tag auf diese Minute.“ Sie lächelte. „Ich mich auch.“ Sie unterhielten sich über seinen Tag und über Daynes letztes Gespräch mit seinem Freund, dem Missionar Bob Asher. „Gott macht mir alles so deutlich. Mir wird immer klarer, wie meine Zukunft aussehen könnte.“ Katy dachte an die Wochen und Monate, in denen die Zukunft alles andere als klar ausgesehen hatte. Damals, als Dayne sich auf Kabbalah 6
eingelassen hatte, oder in der Zeit, als er mit Kelly Parker zusammen gewesen war. „Es gab Tage, an denen ich nicht gedacht hätte, dass wir je an diesen Punkt kommen würden.“ „Ich weiß.“ Er schwieg einen Moment. „Ich danke Gott jeden Abend dafür, Katy. Jeden Abend.“ Sie wechselten wieder das Thema und er erzählte ihr von dem Film, den er gerade drehte. Der Regisseur war immer noch überzeugt, dass es ein großer Hit werden würde, und es gingen schon Gerüchte um, dass der Film Dayne vielleicht seinen ersten Oscar bescheren könnte. Dann sprachen sie über die Paparazzi und darüber, dass ein Reporter der Zeitschrift Celebrity Life der Wahrheit über die Identität von Daynes leiblicher Familie immer näher kam. „Das ist egal.“ Katy lehnte sich in ihrem Bett zurück. „Eines Tages werden sie es sowieso herausfinden.“ „Aber nicht jetzt. Nicht vor der Hochzeit.“ Sie unterhielten sich über die Baxters, dass Ashley bei der nächsten Aufführung die Aufgabe als Regieassistentin des christlichen Kindertheaters übernehmen würde und dass sich die Baxters auf Thanksgiving freuten, wenn die ganze Familie zum ersten Mal zusammen wäre. Dayne lenkte das Gespräch wieder auf sie beide. „Hast du es gefunden?“ In seiner Stimme lag eine Tiefe und eine Zärtlichkeit, die ihr verrieten, wie sehr er sie vermisste. „Was?“ Ihr Blick wanderte zu dem Foto von Dayne und ihr, das auf ihrem Nachttisch stand. „Unser Haus. Ich rechne immer noch fest damit, dass du irgendwann anrufst und mir sagst, dass du es gefunden hast.“ Katy setzte sich auf und schlug die Beine übereinander. „Das ist dein Ernst?“ „Natürlich.“ Ein fröhliches Lachen kam durch die Leitung. „Wenn es dir gefällt, gefällt es mir auch.“ „Aber …“ Sie fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. „Solltest du dazu nicht selbst hier sein?“ „Du findest das Haus, und ich fliege nach Bloomington und schaue es mir an. Was hältst du davon?“ „Ich weiß nicht.“ Jeden anderen hätte sie nach ihrem finanziellen Spielraum gefragt. Aber Geld war für Dayne kein Thema. Das war auch etwas, an das sie sich erst noch gewöhnen musste. „Ich weiß, dass 7
wir darüber schon gesprochen haben, aber ehrlich, Dayne, du solltest hier sein. Du hast gesagt, in der Nähe des Sees. Aber willst du ein großes Grundstück oder eher etwas Kleineres und dafür näher bei der Stadt?“ „Nicht in der Nähe des Sees.“ Er schmunzelte. „Direkt am See. Mit einem großen Garten und einer riesigen Veranda.“ Sie grinste. „Ich habe es dir doch schon gesagt: Grundstücke direkt am See gibt es kaum. Etwas in der Nähe des Sees vielleicht. Aber direkt am See?“ „Träumen ist erlaubt, nicht wahr?“ Er lachte wieder. „Okay. Irgendwann möchte ich direkt am See wohnen, aber im Moment ist das unwichtig. Solange ich mit dir zusammen bin, können wir auch in Johns Garten ein Zelt aufstellen. So weit könnte es übrigens tatsächlich kommen, wenn du nicht bald mit der Suche beginnst.“ „Alles klar. Ich werde mich umsehen.“ Sie betrachtete ihren Ring und hielt ihre linke Hand so, dass der Diamant im Licht funkelte. „Ich fange gleich morgen damit an. Ich habe bei Ashley eine Besprechung des Kindertheaters; danach fahre ich um den See herum und schaue, ob etwas zum Verkauf angeboten wird.“ Diese Aufgabe war immer noch ziemlich einschüchternd, aber wenn Dayne ihr vertraute, war das alles, was zählte. „Ich will dir keinen Druck machen, Katy. Solange wir in Bloomington sind …“ Sie konnte sein Lächeln fast sehen. „Andererseits … wenn ich diesen Job als Bühnenmacher bekomme, der mich wirklich sehr reizen würde, sollte ich wahrscheinlich in der Nähe des Theaters wohnen.“ Sie kicherte. Die traurigen, angespannten Gespräche zwischen ihnen gehörten der Vergangenheit an. Stattdessen lachten sie immer und zogen sich oft auf. Sie versuchte, ernster zu klingen. „Du meinst, natürlich nur, wenn die Regisseurin dich einstellt.“ „Das stimmt.“ Er schwieg einen Moment. „Aber weißt du, ich kenne sie. Sie kann mir nicht widerstehen.“ „Was du nicht sagst!“ Sie hielt sich das Telefon näher ans Ohr. Wenn sie nur nicht so lange warten müssten, bis sie sich wieder sehen konnten. „Ja.“ Sein Tonfall änderte sich nur leicht, aber sie hörte, dass seine nächsten Worte ernst gemeint waren. „Aber ich kann ihr noch viel 8
weniger widerstehen.“ Er zögerte. „Übrigens, mein Regisseur sagt, ich wäre so überzeugend wie noch nie.“ Daynes Stimme war jetzt voll Zärtlichkeit. Es war fast, als säße er neben ihr. „Was sagst du dazu?“ „Das muss an Randi Wells liegen.“ Katy wollte ihn mit dieser Bemerkung nur necken. Dayne hatte kein Interesse an seiner Kollegin, obwohl die Boulevardblätter anfangs vermutet hatten, dass sie nicht nur auf der Leinwand ein Liebespaar wären. Er hielt die Beziehung zu Randi so platonisch, dass die Klatschblätter nach ein paar Wochen eine Hundertachtziggrad-Wende vollzogen hatten und jetzt fragten, ob die beiden zerstritten wären. „Du weißt, woran es liegt, nicht wahr?“ „Woran denn?“ „An dir.“ Sein Tonfall änderte sich und sie konnte fast sein Herz schlagen hören. „Ich war noch nie zuvor verliebt. Wie hätte ich da überzeugend einen verliebten Mann spielen können?“ Sie seufzte. „Wie soll ich nur die Zeit überstehen, bis ich dich wiedersehe?“ „Mir geht es genauso.“ Katy öffnete den Mund. Sie wollte vorschlagen, dass sie vielleicht für ein Wochenende zu ihm kommen könnte. Sie könnte in einem Hotel in Los Angeles wohnen und zwischen den wochenlangen Dreharbeiten wenigstens ein paar Tage mit ihm verbringen. Aber als sie das letzte Mal in Kalifornien gewesen war, hatten die Paparazzi sie verfolgt und fast einen schweren Verkehrsunfall verursacht. Dayne hatte nach diesem Vorfall klargestellt, dass sie sich nur in Bloomington treffen konnten, bis sie verheiratet waren. Sie hätte gern vorgeschlagen, dass er zu Besuch kommen sollte, aber während der Dreharbeiten wurde oft auch an den Wochenenden gearbeitet. Sie mussten warten, bis die Dreharbeiten abgeschlossen waren. Sie unterhielten sich noch eine halbe Stunde und träumten laut von ihrer Hochzeit und der Zukunft, die vor ihnen lag. Als sie sich verabschiedet hatten, schaltete Katy das Licht aus und legte sich auf ihr Kissen zurück. Sie schaute noch lange in die Dunkelheit hinein, dachte an das Telefongespräch und vermisste Dayne. Vielleicht würde sie trotzdem nach Los Angeles fliegen. Sie könnte an seinem Set auftauchen und ihn überraschen. Wenn sie vor den Paparazzi nicht wegliefen, könnten sie vielleicht eine Verfolgungsjagd 9
vermeiden. Während sie noch über diese Möglichkeit nachdachte, schlief sie ein. Am nächsten Morgen erwachte Katy später, als sie beabsichtigt hatte, und machte sich eilig fertig. Während sie aus dem Haus rannte, warf sie einen schnellen Blick auf ihre Uhr. Sie hatte noch eine halbe Stunde bis zu ihrem Treffen um neun Uhr bei Ashley, und sie wollte vorher noch Kaffee für die Gruppe besorgen. Ashley war von ihrer neuen Aufgabe beim Kindertheater begeistert. Vor einer Woche hatte die Koordinatorin des christlichen Kindertheaters, Bethany Allen, Ashley gebeten, das Kreativteam der Gruppe zu verstärken. Ashley hatte die Verantwortung für die Bühnenbilder übernommen und war jetzt zusammen mit Rhonda Sanders Katys Regieassistentin. Das war perfekt, da Katy mit ihren Hochzeitsplanungen bald alle Hände voll zu tun haben würde. An diesem Morgen wollte das Team die Liste mit den Requisiten und Bühnenbildern, die für die drei bevorstehenden Produktionen benötigt wurden, durchgehen. Aber das war nicht alles, worüber sie sprechen würden. Ashley wurde bald Katys Schwägerin. Inzwischen wussten Ashleys Geschwister, dass Dayne ihr Bruder war. Deshalb planten sie eine Familienfeier an Thanksgiving. Katy gähnte und konzentrierte sich auf die Straße. Trotz der Gewitterwolken, die in der Ferne aufzogen, hatte sie das Gefühl, die Augen zusammenkneifen zu müssen. So hell strahlte ihr die Zukunft entgegen. Ja, sie mussten immer noch einige Details klären: Wie oft würde Katy Dayne während seiner Dreharbeiten besuchen, wenn sie verheiratet waren, oder würde er immer zu ihr kommen, damit sie ungestörter wären? Sie mussten sich wegen der Paparazzi etwas einfallen lassen, wenn sie nicht ständig vor ihnen auf der Flucht sein wollten. Aber das alles kam ihr jetzt nicht mehr so unüberwindlich vor. Jetzt, da Dayne entschieden hatte, in Bloomington zu wohnen, erschien ihr nichts mehr unmöglich. Und eines Tages – vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft – würden sie womöglich sogar ein ganz normales Leben führen. Denn Bloomington war eine Stadt, die andere Menschen wie Freunde und Familienangehörige behandelte. In den Kreisen, in denen Katy verkehrte, war es nicht wichtig, ob jemand berühmt war. Bloomington würde sie aufnehmen und sie beschützen, und sie würden praktisch aus der Medienlandschaft verschwinden. 10
Sie warf einen Blick auf die Digitaluhr an ihrem Armaturenbrett und dachte an den Kaffee. Als sie aufblickte, erregte ein Schild ihre Aufmerksamkeit, das zehn Meter vor ihr am Straßenrand stand: Haus und Grundstück zu verkaufen. Als sie näher kam, las sie das Schild. Das meiste war unleserlich, aber ein wichtiges Wort war hervorgehoben und deutlich zu erkennen: Seeufer. Ein Pfeil auf dem Schild wies nach rechts. Katy biss sich auf die Lippe und zögerte. Zu Ashley ging es nach links. Sie dachte an Daynes Worte vom Vorabend: „Direkt am See. Mit einem großen Garten und einer riesigen Veranda.“ Ohne länger nachzudenken, bog sie nach rechts ab. Sie klappte ihr Handy auf und wählte Ashleys Nummer. „Hallo, ich komme ein paar Minuten später.“ Sie wollte ihr nicht verraten, dass sie aus einer Laune heraus einem Schild folgte, auf dem ein Haus zum Verkauf angeboten wurde. „Ich wollte dich gerade anrufen.“ Ashley klang atemlos. „Bethany hat sich gerade gemeldet. Sie schafft es nicht vor halb zehn, und die Kinder kosten mich den letzten Nerv. Lass dir Zeit.“ Katy lächelte. „Okay. Dann bis später.“ Sie legte auf und sah kurz darauf das nächste Schild. Es führte sie zu einem abgelegenen Teil des Sees. Ihr Herz schlug ein wenig schneller. Sie folgte den Schildern noch einige Kilometer. Sie führten sie um mehrere Kurven zu einer schmalen Straße, die sich um den See schlängelte. Sie kannte diese Gegend, und plötzlich fiel ihr etwas ein. Hier in der Nähe gab es ein Haus – eigentlich war es mehr ein Wahrzeichen –, über das vor Kurzem etwas in der Zeitung gestanden hatte. Konnte es sein, dass die Schilder sie ausgerechnet zu diesem Haus führten? Sie bog um die nächste Kurve und entdeckte ein größeres Schild nahe an der Straße, direkt vor dem Haus, von dem sie in der Zeitung gelesen hatte. Der Artikel hatte am letzten Samstag in der Zeitung gestanden. Das rustikale Haus im Stil eines Blockhauses hatte zweiundsechzig Jahre lang Carol und Elmer Nichols gehört. Elmer hatte das Haus selbst gebaut, und sechs Jahrzehnte lang war es ein Ort gewesen, an dem Liebe, Lachen und viel Leben geherrscht hatten. Aber vor einigen Jahren waren sowohl Carol als auch Elmer krank geworden und in ein Pflegeheim in die Stadt gezogen. Ihre Kinder wohnten mit ihren eigenen Kindern und Enkeln in anderen Bundesstaaten und das 11
eindrucksvolle alte Gebäude verfiel immer mehr. Trotzdem hatte die Familie es nicht verkaufen wollen. Aber vor einem Jahr war Carol gestorben, und kurz danach war Elmer ihr gefolgt. Durch ihren Tod gehörte das Haus jetzt mehreren Erben, und das war das Thema des Zeitungsartikels gewesen. Die Kinder hatten beschlossen, dass sie das Haus nur verkaufen würden, wenn niemand in der Familie es renovieren könnte. Der Artikel hatte die älteste Tochter der Nichols mit den Worten zitiert: „Wir wollen das Haus unter keinen Umständen an jemanden außerhalb der Familie verkaufen.“ Offenbar waren die Pläne der Kinder nicht aufgegangen, denn jetzt stand das Haus zum Verkauf. Katy bog in die Einfahrt und stellte fest, wie groß das Grundstück war. Einige Hektar mit überwuchertem Gras befanden sich zwischen der Straße und dem Haus. Katys Herz schlug ein wenig höher. Selbst in seinem renovierungsbedürftigen Zustand war dieses Haus mit keinem anderen Haus in Bloomington zu vergleichen. Es war sehr groß. Wenn Katy den Artikel nicht gelesen hätte, hätte sie das nie erwartet. Es befand sich am hinteren Ende einer Wiese oberhalb eines Steilufers mit Blick über den schönsten Teil des Sees. Eine Veranda führte rund um das Haus herum, und soweit sie es erkennen konnte, war auf der Rückseite des Hauses eine große Terrasse angebaut. Katy stellte das Auto ab und stieg aus. Das Gebäude sah leer aus. Als sie näher trat, konnte sie die Einzelheiten besser sehen. Es war alt und benötigte dringend eine Rundumsanierung. Terrasse, Balkone und Geländer waren verwittert und an einigen Stellen eingebrochen. Zwei Fenster waren eingeschlagen und eine alte Mückengittertür hing nur noch an einem Scharnier. Die Außenfassade des Hauses musste dringend gestrichen werden und das Dach sah an einigen Stellen undicht aus. Katy kniff die Augen zusammen und versuchte sich vorzustellen, wie das Haus im renovierten Zustand aussähe. Es würde unglaublich sein. Dayne dachte bestimmt nicht einmal im Traum daran, dass sie in so kurzer Zeit ein solches Traumhaus finden konnte. Sie joggte zu dem Schild und zog ein Faltblatt aus dem daran angebrachten Kästchen. Haus mit sieben Zimmern, Küche und vier Badezimmern zu verkaufen. Der Preis war siebenstellig, aber diese Summe musste allein schon das Grundstück wert sein. Sie schaute sich um. Das Haus stand auf mindestens vier Hektar Privatgrund, gesäumt von riesi12
gen Ahornbäumen auf beiden Seiten und einem verwitterten Holzzaun an der Straße. Und man hatte einen ungehinderten Blick auf den See. Plötzlich hatte Katy den Wunsch, es sich unbedingt anzuschauen. Da das Haus verlassen wirkte, würde es niemanden stören, wenn sie in den Garten hinter dem Haus ging. Sie eilte zum Rand der Felswand und ging näher an das Haus heran. Der Garten hinter dem Haus war chaotisch: eine kaputte Hollywoodschaukel; eine umgekippte Schubkarre; eine verrostete Schaukel; alte, wackelige Möbel auf einem Haufen. Dahinter befand sich eine kaputte Treppe, die zu einem privaten Strand hinabführte. Wieder schlug ihr Herz höher. Sie konnte sich den Garten sauber und gepflegt vorstellen, mit neuen Balkonen und Geländern. Sie ließ ihren Blick über den See schweifen und ihr wurde vor Vorfreude fast schwindelig. Die Lage war perfekt. Sie konnte sehen, wie sich die Zukunft vor ihr abspielte, sie konnte fast schon die Stimmen und das Lachen von Verwandten und Freunden hören, die zum Grillen oder zu Geburtstagsfeiern hierherkamen. Und Dayne wäre an ihrer Seite. Sie wusste, dass mit diesem Haus ein Traum wahr werden würde. Katy drehte sich um und betrachtete das verlassene Haus. Es war wirklich schade, dass die Nichols es so verfallen ließen. Katy steckte das Faltblatt ein und eilte zu ihrem Auto zurück. Sie konnte es kaum erwarten, mit Dayne zu sprechen. Auf dem Weg zu Ashley wählte sie seine Nummer, und obwohl sie nicht viel Zeit hatte, erzählte sie ihm, dass sie ihr Traumhaus gefunden hatte. Sie würde ihm später, wenn er Feierabend hatte, alles ausführlich schildern. Im Moment musste sie sich auf das Treffen bei Ashley konzentrieren und alles Nötige mit dem Team besprechen, bevor sie Ashley von dem Haus erzählen könnte. Katy hatte sich ihr Leben lang eine Schwester gewünscht, der sie ihr Herz ausschütten könnte, eine gute Freundin, mit der sie über alles sprechen konnte, was sie beschäftigte. Sie hatte Rhonda und Jenny, aber eine Schwester war mehr als eine Vertraute und eine Freundin. Eine Schwester gehörte zur Familie. Sie lehnte sich auf dem Fahrersitz zurück und fuhr zu Ashleys Haus. Als das Treffen zu Ende war und sie endlich Gelegenheit hatte, Ashley alles über das Haus zu erzählen, war Katy Gott so dankbar, denn dies war ein weiterer Punkt, in dem Gott sie durch Daynes Liebe segnete. Ashley war schon ihre Freundin. Aber bald würde sie auch ihre Schwester sein. 13
Kapitel 2 Ashley Baxter Blake stellte das Telefon in die Ladestation zurück und grinste ihren Mann an. „Ich habe es getan. Er kommt. Ich wusste, dass er zusagen würde.“ Sie zog die Brauen in die Höhe. „Aber kein Wort zu Katy.“ „Und wenn es nicht das richtige Haus ist?“ Landon hielt einen quengeligen Devin in den Armen und nahm den Schnuller von der Arbeitsplatte in der Küche. Das Baby war inzwischen drei Monate alt und hatte schon jetzt sehr viel Ähnlichkeit mit Cole. „Es ist das richtige Haus, sagt Katy.“ Ashley war überglücklich. Seit Katy ihr von dem Haus erzählt hatte, hatte sie den Plan ausgeheckt, Dayne zu überreden, dass er nach Bloomington kommen und Katy überraschen sollte. Landon wirkte besorgt. „Hättest du nicht warten sollen, bis sie es ihm selbst erzählt?“ „Das hat sie doch. Sie hat es ihm erzählt, sobald sie es gefunden hatte.“ Sie bedachte ihn mit einem Blick, der ihre Unschuld beteuern sollte. „Ich habe ihm nichts verraten, was sie ihm nicht schon vorher erzählt hat. Ich habe ihm nur gesagt, dass Katy ihn braucht. Mehr war nicht nötig.“ Devin begann zu weinen. Landon küsste ihn auf die Stirn. „Er hat Bauchschmerzen, glaube ich.“ Er reichte Ashley ihren Sohn und küsste sie zärtlich. „Das macht dir Spaß, nicht wahr?“ „Dass er Bauchweh hat?“ Ashley drückte Devin an sich und wiegte ihn. „Das natürlich auch.“ Landon lachte sie an. Er verschränkte die Arme vor sich und lehnte sich an die Wand. „Und dass du an Daynes und Katys Leben teilhaben kannst.“ „Soll das ein Scherz sein?“ Sie hielt den Schnuller an Devins Gaumen und das Baby beruhigte sich ein wenig. Ein schnelles Lachen kam über ihre Lippen. „Endlich meinen älteren Bruder zu kennen, zum Telefon greifen zu können, wenn ich will, und ihm von seiner Verlobten zu erzählen, die noch dazu meine beste Freundin ist?“ Sie spürte, wie ihr 14
Lächeln ihr ganzes Gesicht einnahm. „Ja, das macht Spaß. Und natürlich das Bauchweh …“ Sie lächelte und ergriff Landons Hand. „… und weil ich dich und Cole habe. Mein Leben könnte nicht schöner sein.“ Devin spuckte den Schnuller aus. Sein Weinen wurde lauter und er schlug mit den Armen um sich. Landon schaute seinen Sohn an. „Unserem Sohn kann man es heute nicht recht machen.“ Ashley schaukelte ihn sanft und schlenderte mit ihm ins Wohnzimmer. Sie setzte sich in den alten Sessel, in dem sie fast versank. Dieser Sessel war ihr Lieblingsplatz, um Devin zu stillen, nicht nur weil er so bequem war, sondern auch, weil er mit dem Rücken zum Fenster stand. Egal, wie das Wetter war, konnte sie tagsüber immer damit rechnen, dass ein weiches Licht auf das Gesicht ihres Babys fiel und sie über jedes Detail und über das Wunder, ihn zu haben, staunen konnte. Devin wurde fast augenblicklich still und Ashley konnte Landon in der Küche hantieren hören. Sie wartete, bis er mit Eistee für sie und einer Tasse Kaffee für sich selbst zurückkam. „Hey …“ Sie schaute ihm in die Augen. „Danke, dass du dich um die Jungen gekümmert hast. Die Teambesprechung lief bestens.“ „Schön.“ Er setzte sich aufs Sofa. „Das liebe ich.“ „Was?“ Ihr Gespräch war entspannt und ruhig. „Dich zu beobachten. Zu sehen, was für eine wunderbare Mutter du bist.“ Sein Kompliment rührte sie mehr an, als sie geglaubt hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie bei ihrem ersten Kind auf ihre Eltern angewiesen und überzeugt gewesen war, dass sie zu den schlimmsten Müttern der Welt gehörte. Sie wurde wehmütig und traurig. „Ich wünschte, Cole hätte mich auch so erlebt.“ Sie hörten, wie die Verandatür aufgeschoben wurde. Cole kam bald in die dritte Klasse. Die Vorfreude darauf und seine Rolle als großer Bruder hatten ihn in den letzten Wochen deutlich reifer werden lassen. Wo vorher nur Spaß und kindliches Verhalten gewesen waren, gab es jetzt immer wieder Gespräche zwischen Cole und ihr und Landon, die sie regelmäßig überraschten. Aber eines hatte sich nicht geändert: Er war immer noch davon begeistert, die Natur zu erkunden und alles zu entdecken, was der Garten hergab. Sein neuestes Experimentierfeld waren Kaulquappen. Vor einigen 15
Wochen hatte Cole einige Kaulquappen im Fischteich seines Großvaters gefangen und sie mit nach Hause gebracht. Der Sommer war schon fortgeschritten und die meisten Kaulquappen waren geschlüpft und hatten sich zu Fröschen entwickelt. Aber einige waren erst ziemlich spät geschlüpft und Ashleys Vater hatte Cole geholfen, sie einen oder zwei Tage danach zu fangen. Sie hatten im Supermarkt ein Babyplanschbecken gekauft und ihr Vater und Landon hatten es auf einer Seite mit Sand und Erde gefüllt und auf der anderen Seite mit Steinen und Wasser aus dem Teich. „Du weißt, warum wir Teichwasser benutzen müssen, nicht wahr, Mama?“, hatte Cole sie an jenem Tag gefragt. „Weil dieses Biostopp ihr natürlicher Lebensraum ist.“ „Biotop.“ Sie lächelte ihn an. „Es heißt Biotop.“ „Ich weiß.“ Er grinste. „Aber ich finde Biostopp besser, weil die Kaulquappen am Rand des Beckens stoppen sollen.“ Das war noch etwas anderes, das sich bei ihm verändert hatte. Er suchte immer etwas, womit er sie zum Lachen bringen konnte. Genauso wie Landon. Die Fehler, die er in der Grammatik oder bei seiner Wortwahl machte, waren jetzt meistens beabsichtigt und sollten lustig sein. Ashley hörte, wie Cole sich etwas aus dem Küchenschrank holte und durch die Küche zu ihr und Landon kam. Das Experiment im Planschbecken war perfekt verlaufen. Sie hatten zugesehen, wie den Kaulquappen kleine Beine gewachsen waren und sie schließlich ihren Schwanz verloren hatten. Landon hatte ihm erklärt, dass sie an Land gehen und herumhüpfen konnten, wenn das geschah. Winzige Babyfrösche, die das Kaulquappenstadium hinter sich hatten. Cole hatte fast stündlich Wache gehalten und auf den großen Moment gewartet. „Mama!“, rief er jetzt, als er angelaufen kam. „Papa … schaut! Es ist passiert!“ Er hielt eines ihrer teuren Trinkgläser in der einen Hand und deckte es mit der anderen Hand oben zu. Ashley wollte bei dem Gedanken, wieder aus diesem Glas zu trinken, das Gesicht verziehen, beherrschte sich aber und gestattete sich nur einen aufgeregten Blick. „Babyfrösche? Wirklich?“ „Das müssen wir uns anschauen.“ Landon und Ashley erhoben sich und bückten sich, um in das Glas schauen zu können. Und tatsächlich sah Ashley auf dem Glasboden drei winzige Frösche. „Ich habe noch nie so kleine Frösche gesehen.“ 16
„Sie wachsen schnell.“ Landon legte den Finger an das Glas. „Wenn das Kaulquappenstadium vorbei ist, müssen sie immer noch sehr vorsichtig sein. Sie fühlen sich unabhängig, aber sie können ziemlich schnell Probleme bekommen, wenn sie sich zu weit vom Wasserrand entfernen.“ Cole nickte ernst und lugte in das Glas. „Den hellgrünen mag ich am liebsten. Er ist der große Bruder.“ „Ach.“ Ashley wechselte einen Blick mit Landon, verbarg aber ihr Lächeln. „Ich möchte wetten, dass dieser gefleckte der kleine Bruder ist.“ Cole schaute sich die Tiere näher an. „Ja.“ Er blickte zu ihr hoch. „Woher wusstest du das?“ „Siehst du das?“ Sie deutete auf die Frösche. „Der hellgrüne lässt den gefleckten nicht aus den Augen. Denn er würde nie zulassen, dass seinem kleinen Bruder etwas zustößt.“ „Ja.“ Cole blähte seinen Brustkorb ein wenig auf. „So sind große Brüder nun einmal.“ „Du bist auf jeden Fall so, Cole.“ Landon zerzauste seinem Sohn seine blonden Haare. „Was hältst du davon, wenn du sie wieder hinausbringst? Sie haben bestimmt Angst.“ „Ja, das hatte ich sowieso vor.“ Er hob das Glas und schaute durch den Glasboden. „Sie haben süße Füße, Mama.“ Er ließ den Behälter sinken, lehnte sich vor und küsste Devin auf die Wange. „Genauso wie Devin.“ Im nächsten Augenblick war er wieder verschwunden und rannte durch das Haus zur Verandatür hinaus. Als die Tür zuschlug, setzte sich Landon auf die Kante des Sessels und schmunzelte. „Dieser Junge und seine Frösche. Für ihn gibt es auf der ganzen Welt nichts Schöneres.“ „Außer einen Bruder zu haben.“ Ashley wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Devin zu und tupfte mit einem weichen Tuch seine Mundwinkel ab. Dann legte sie ihn an ihre Schulter und strich ihm über den Rücken. „Er liebt es, einen Bruder zu haben.“ „Das stimmt.“ Landon streichelte Devins flaumigen Hinterkopf. Dann fuhr er mit den Fingern durch Ashleys Haare. „Was ich vorhin gesagt habe …“ Ashley überlegte. „Von Fröschen, die unabhängig werden?“ „Nein“, lachte Landon. „Davon, wie schön es ist, dich als Mutter zu beobachten.“ Sein Blick wurde tiefer und ernster. 17
„Oh.“ Sie drückte Devin liebevoll an sich. „Richtig.“ „Und du hast gesagt, dass du wünschtest, Cole hätte dich auch so haben können.“ Landons Tonfall war sehr sanft. „Das stimmt.“ Sie bereute sehr, dass sie in Coles ersten Lebensjahren nicht so für ihn da gewesen war wie jetzt für Devin. „Aber er hat dich doch so.“ Er berührte ihre Wange. „Wenn Cole älter ist, wird er nur die besten Erinnerungen an dich haben, Ashley. Du bist die beste Mutter, die es gibt.“ Er kam näher und küsste sie. „Ich habe dich schon geliebt, als wir noch zur Schule gingen, aber als ich dich mit Cole sah ...“ Landon schaute zum Garten, in den Cole gelaufen war, und dann blickte er wieder zu ihr „… wusste ich, dass ich erst ruhen würde, wenn du meine Frau wärst.“ Es war wieder einer dieser Augenblicke, von denen Ashley jetzt so viele erlebte, in denen sie einatmen und die Luft anhalten musste, nur um den Druck in ihrer Lunge zu fühlen, nur um zu wissen, dass sie lebte und wach war und nicht träumte. Landon war wirklich bei ihr, und sie hatten zwei wunderbare Söhne. In solchen Momenten war sie sicher, dass sie ohne Landon die letzten Jahre nicht überlebt hätte. Es war ein großes Geschenk von Gott, der es ermöglicht hatte, dass Landon und sie trotz aller Widrigkeiten zusammen sein konnten. Trotz ihres Stolzes und ihrer Zweifel, trotz der Bedrohung durch eine lebensgefährliche Krankheit und der Entfernung waren sie so weit gekommen. Sie legte die Hand an sein Gesicht. „Danke, dass du so hartnäckig warst, Landon.“ Er stand auf und plusterte sich auf, ähnlich wie es Cole vor ein paar Minuten gemacht hatte. „Also, weißt du … tief in meinem Herzen wusste ich, dass es in Wirklichkeit anders herum war. Du warst hinter mir her.“ Sie kicherte. „War das so offensichtlich?“ „Ehrlich? Keine Ahnung.“ Sein Necken verschwand und er küsste sie dieses Mal länger. „Denn du hast recht: Ich war zu sehr damit beschäftigt, hinter dir her zu sein.“ „Ach ja?“ Sie zwinkerte ihm verliebt zu. „Jetzt kommt die Wahrheit ans Licht.“ Er richtete sich auf und hielt die Hände in gespielter Kapitulation hoch. „Du hast mich ertappt.“ Er schaute auf seine Uhr und keuchte übertrieben. „Jetzt hätte ich es fast vergessen! Heute ist Samstag!“ Er 18
eilte um die Ecke zur Verandatür. Sie hörte, wie er sie öffnete und rief: „Cole … in zehn Minuten fahren wir. Wir wollen doch zum See.“ „Zum Angeln!“, quietschte er begeistert. „Kann ich die kleinen Frösche mitnehmen?“ Ashley lachte. Die beiden waren herrlich miteinander. Sie betrachtete Devin, der in ihren Armen schlief, und war von Gottes Güte überwältigt. Ich war fast zu stolz, um Landon in mein Leben zu lassen. Sie erschauerte, als sie sich die kalten, trüben Grautöne vorstellte, die ihr Leben ohne ihn bestimmen würden. Danke, Gott, dass du mein Herz verändert hast. Ich, Cole, Devin … wir alle sind so glücklich, weil du Landon in unser Leben geführt hast. Ihr Mann kam ins Wohnzimmer zurück und rannte dann durch den Flur. „Die Fische warten“, rief er im Laufen. „Dein Vater wird mich bei keinem Angelwettbewerb mehr schlagen, Ashley. Das weißt du hoffentlich, ja?“ Sie konnte ihm nicht antworten, ohne Devin zu wecken. Deshalb lächelte sie nur. Es war gut, dass Landon im Sommer jeden Samstag mit Cole etwas unternahm. Die Kollegen bei der Feuerwache waren nett und ermöglichten es ihm, jeden Samstag freizuhaben, auch wenn er dafür an den anderen Tagen manchmal eine Doppelschicht arbeiten musste. Die Jahre rasten schon jetzt im Eiltempo dahin, und bald hätte Cole Baseball- oder Fußballtraining oder Fahrstunden, die ihn an den Wochenenden auf Trab hielten. Im Moment jedoch war er noch eine Kaulquappe und genoss seine Kindheit. Und die Tage, die Landon und Cole miteinander verbrachten, die Stunden, in denen sie auf einer alten, roten Eiskiste am Ufer des Lake Monroe saßen und angelten, waren kostbar. Jeder einzelne Tag. Sie erlaubten Ashley, ihr Familienleben in vollen Zügen zu genießen, besonders aber das Zusammensein mit Landon. Seine Weisheit und Liebe und Zärtlichkeit und seinen Mut. Er kam mit der Baseballkappe zurück, die Cole ihm zum Vatertag geschenkt hatte. An der Kappe stand hinten eine bunte Fischflosse ab. Er hielt seine Kiste mit der Angelausrüstung in die Höhe. „Fertig!“ Ashley lächelte. Sie liebte ihn über alles, und sie liebte noch etwas anderes, etwas, das diese zarten, kostbaren, flüchtigen Tage immer kennzeichnen würde: dass er sie zum Lachen brachte. Dass er sie immer zum Lachen brachte. 19